Das Verschwinden von Madeleine McCann

Es gibt immer wieder Kriminalfälle, die ein größeres Publikum erreichen als andere – und hier spielen die Medien oft eine unrühmliche Rolle. Bad news is good news, manches Verbrechen wird nur durch das so genannte öffentliche Interesse ein Skandalfall, also durch Geschäftsmodelle von Medien, die auf die Sensationslust des Publikums setzen. Im Zeitalter von Social Media dreht sich diese Schraube noch schneller, jetzt sind es oft nicht einmal mehr bezahlte Profis, die entsprechend aufbereitete Nachrichten verbreiten, sondern irgendwelche Gaffer, die zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren und ungefiltert jeden Scheiß posten, auf dass er massenhaft geteilt und verbreitet werde. Auch deshalb wird es immer schwieriger, zwischen fake news und seriöser Information zu unterscheiden. Und einem Großteil des Publikums ist das vermutlich sowieso egal, das klickt einfach auf alles, was zum eigenen Weltbild passt.

Insofern tue ich mich auch mit den durch vergleichsweise seriöse Contentproduzenten wie Netflix verbreiteten True-Crime-Serien schwer, Stichwort Sensationslust. Obwohl ich andererseits auch wieder gern Dokumentationen sehe, in denen historische Ereignisse aufbereitet werden. Die sind mir zwar oft zu tendenziös, aber man kann nebenbei durchaus interessante Dinge erfahren. Insofern war ich mir nicht sicher, ob ich die seit kurzer Zeit verfügbare Netflix-Doku über den Fall Maddie McCann wirklich ansehen wollte. Ich habs jetzt doch getan, aber aus rein wissenschaftlichem Interesse versteht sich.

Das Verschwinden von Madeleine McCann Bild: Netflix

Das Verschwinden von Madeleine McCann Bild: Netflix

Die kleine Maddie verwand im April 2007 aus einer Ferienanlage in Portugal, während ihre Eltern mit Freunden in einem Tapas-Restaurant zu Abend aßen. Der Fall ist bis heute nicht gelöst, es wurde weder ihre Leiche gefunden, noch der Verbleib des Kindes aufgeklärt. Der Fall an sich stellt ein reichlich dunkles Kapitel sowohl in Sachen Berichterstattung als auch Polizeiarbeit dar, weshalb sich die Netflix-Doku dann doch lohnt, denn genau hier setzt der Achtteiler an: Die Ereignisse selbst, der Fortgang der Ermittlungen, die Berichterstattung und deren Auswirkungen auf alle Beteiligten werden aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet.

Wobei die Berichterstattung über diese Doku an sich auch schon wieder ziemlich hysterisch ist: Es mögen vielleicht einzelne Journalisten, die in der Doku zu Wort kommen, aber nicht „die Presse“ an sich etwas aus der zum Teil desaströsen Berichterstattung über diesen Fall gelernt haben. Angeblich neue Erkenntnisse aus der Serie werden derart weitergedreht, dass sich noch die eine oder andere klickträchtige Schlagzeile herrausschinden lässt. Und tatsächlich sind eine ganze Reihe der Fakten, die in den acht Teilen der Serie zusammengetragen werden, im Rückblick geradezu verstörend. Aber das sollte doch gerade Anlass sein, erstmal die Luft anzuhalten und dann noch einmal nachzudenken, anstatt einmal mehr irgendwelche Halbwahrheiten zu neuen Fakten aufzublasen.

Nachdem ich nun alle Teile gesehen habe, kann ich sagen, dass ich die Doku alles in allem ausgewogen und informativ fand, auch wenn ich die ablehnende Haltung der Eltern gegenüber diesem Projekt verstehen kann. Was mich andererseits aber auch wieder ein bisschen wundert, denn in der Vergangenheit haben Kate und Gerry McCann unglaubliche Mittel und Anstrengungen aufgeboten, um in den Medien immer und immer wieder auf das Verschwinden ihrer Tochter hinzuweisen. Was nicht immer und überall gut angekommen ist: So verständlich es ist, dass Eltern alles versuchen, ihr geliebtes Kind zu finden – so drängt sich doch die Frage auf, ob man mit den mehr als elf Millionen Pfund, die diese Suche bisher gekostet hat, nicht auch viele andere Kinder hätten retten können, deren Eltern eben kein Geld und keine großzügigen Sponsoren hatten.

Klar, das ist auch wieder eine dieser zynischen Neiddebatten, die ich zum Kotzen finde, denn es wird in dieser Welt so viel Geld für irgendwelchen Scheißdreck verbrannt, während gleichzeitig Millionen Menschen aus Geldmangel verrecken. Aber hier wird dieses Missverhältnis einmal mehr deutlich: Die einen verkaufen ihre kleinen Kinder für eine Handvoll Dollar an solvente Touristen, die anderen geben Millionen aus, um ihre Kinder vor einem solchen Schicksal zu bewahren. Und selbst das gelingt nicht immer, das ist in diesem Fall noch einmal extra bitter. Zumindest kann man den Eltern von Maddie McCann nicht vorwerfen, dass sie nicht alles versucht hätten, um ihre Tochter wiederzubekommen.

Unter anderem mit diesem Bild bitten die Eltern von Madeleine McCann um Hinweise über den Verbleib ihrer Tochter.

Unter anderem mit diesem Bild bitten die Eltern von Madeleine McCann um Hinweise über den Verbleib ihrer Tochter. Bild: findmadeleine.com

An Anfang der Doku wird noch einmal minutiös aufgedröselt, was am 3. Mai 2007 in Praia da Luz geschah. Dabei kommen Zeugen, Ermittler und Journalisten zu Wort. Insgesamt wird versucht, die unterschiedlichen Interessen und Standpunkte aller Beteiligten an diesem Fall darzulegen: Da sind die britischen Eltern und deren Freunde (auch fast alle Eltern), die ohne ihre Kinder Essen gegangen sind, was bei den Portugiesen vor Ort die Frage provoziert, warum diese Leute ihre kleinen Kinder allein in einer Ferienwohnung gelassen haben, statt sie einfach mit ins Restaurant zu nehmen? Und warum haben sie nicht wenigstens eine Kinderbetreuung engagiert, wo es in der Anlage sogar einen entsprechenden Service gegeben hätte? 

Interessante Frage. Es gibt heute allgemein die Tendenz, dass Kinder zu sehr behütet werden, was ich durchaus auch kritisch sehe. Aber wirklich kleine Kinder, eine nicht einmal Vierjährige mit zwei zweijährigen Geschwistern allein in einer für sie fremden Umgebung (Ferienwohnung) zu lassen, finde ich grenzwertig – warum haben die Erwachsenen der Gruppe sich nicht koordiniert und ihre Kinder gemeinsam in einer Wohnung schlafen lassen, während abwechselnd einer von ihnen Stallwache hatte? Offenbar sind die Erwachsenen dieser Reisegruppe davon ausgegangen, dass ihre Kinder sich wohl fühlen und friedlich schlafen. Sie haben nicht damit gerechnet, dass fremde Menschen in die Anlage eindringen, um ein Kind mitzunehmen, was den aktuellen Erkenntnissen zufolge geschehen sein muss.

Im Verlauf der Doku stellt sich allerdings auch heraus, dass Maddie nicht das einzige Kind ist, das in dieser Gegend verschwand. Und es kommen eine ganze Reihe Fällen sexueller Belästigung von kleinen Kindern ans Licht, die den Verdacht nahelegen, dass die beliebte Urlaubsgegend an der portugiesischen Algarve auch bei Pädophilen beliebt ist, die sich hier in entspannter Atmosphäre den Objekten ihrer Begierde nähern können, ohne dass das weiter auffällt. Die portugiesische Polizei ermittelte auch in diese Richtung, konzentrierte sich in der Folge aber darauf, den Verdacht gegen die Eltern von Maddie zu erhärten. Es gab einige, wenn auch sehr dünne Spuren, die vermuten ließen, dass Maddie in der Wohnung gestorben sein und die Leiche später von den Eltern versteckt worden sein könnte. Hier wurden offenbar auch Informationen an die Presse weiter gegeben, die sich später als falsch herausstellten, erst einmal aber für eine bösartige Berichterstattung sorgten. Mehrere Boulevardzeitungen entschuldigten sich später bei der Familie McCann und zahlten hohe Entschädigungssummen.

Die McCanns stoppten auch ein Buch von Gonçalo Amaral, dem ersten Chefermittler des Falls, der die These vertrat, Madeleine sei vermutlich durch einen tragischen Unfall gestorben und die Eltern hätten eine Entführung vorgetäuscht und die Leiche verschwinden lassen. Zwei portugiesische Gerichte verboten den Verkauf des Buches und sprachen den Eltern eine Entschädigung zu, die Urteile wurden allerdings von Revisionsinstanzen wieder aufgehoben. Den Schadensersatzprozess vor dem Obersten Gericht in Portugal verloren die McCanns im Jahr 2017 endgültig, weil das Gericht befand, dass Amarals Thesen von der Meinungsfreiheit gedeckt seien.

Eine Entschädigung bekam auch der als Entführer von Madeleine verdächtigte Brite Robert Murat, der in der Nähe der Ferienanlage wohnte und in den Fokus der Ermittler geriet, eben weil er ständig vor Ort war. In der Doku kommt er ausführlich zu Wort, genau wie auch einer der später von einem britischen Millionär angeheuerten Privatdetektive, der ausführlich in Pädophilenforen ermittelt hat, um Maddie zu finden. Auch wenn er dieses Kind nicht gefunden habe, so konnte er doch umfangreiches Material zusammentragen und der Polizei übergeben, was zur Festnahme einiger der kriminellen Hintermänner geführt hat.

Auch wenn die Doku keine bahnbrechenden neuen Erkenntnisse bietet, so wird in den acht Teilen doch klar, dass die Ermittlungen in diesem Fall häufig mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten können und auch, welche Auswirkungen die gewaltige Medienresonanz hatte, die unter anderem zahlreiche Trittbrettfahrer dazu animierte, angebliche Erkenntnisse teuer verkaufen zu wollen oder mit Fakeseiten im Internet von der Spendenbereitschaft der Leute zu profitieren.

Wer also auf der Suche nach einer interessanten Serie mit einer außerordentlich komplexen Krimihandlung, Einblick in die Abgründe der menschlichen Natur sowie gesellschaftlicher Relevanz ist, wird mit dieser Dokuserie gut bedient. 

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The State: Willkommen im IS

Vor lauter Streit um Dieselverbot, Kohleausstieg und die Frage, warum es hierzulande keine Gelbwestenbewegung gibt, obwohl das Volk mehr als genug Gründe hätte, wütend auf die Straße zu gehen, hört man derzeit fast gar nichts mehr über den Krieg in Syrien. Vermutlich deshalb, weil die Truppen, die weiterhin zum syrischen Staatschef Basar al-Assad stehen, wieder die Oberhand haben. Was eine peinliche Pleite ist, weil den wollte der freiheitlich-demokratische Westen ja weg haben. Das war schließlich der Grund für all das Elend und die Zerstörung eines zuvor vergleichsweise gut funktionierenden Landes im Nahen Osten. Aber leider stellte sich dort, ähnlich wie auch in Afghanistan, Irak oder Libyen, nach dem Sturz der ach so undemokratischen Machthaber eben nicht Freiheit, Demokratie und Eierkuchen ein, sondern ein Regime wesentlich unangenehmerer Zeitgenossen. Genau jener religiösen Fanatiker nämlich, die zuvor als angebliche Freiheitskämpfer vom Westen großzügig unterstützt wurden.

The State: Ushna (Shavani Cameron)

The State: Ushna (Shavani Cameron)

Damit komme ich zu der Serie, um die es hier heute gehen soll: The State. Gemeint ist der Islamische Staat, kurz IS, der sich in den von Kriegen zerstörten Ländern des Nahen und Mittleren Ostens ausgebreitet hat. Nun ist es auch den verlogensten Westlern nicht möglich, den Leuten ein Terrorregime islamistischer Fundamentalisten als die bessere Alternative für eine angeblich freiheitsbedürftige Bevölkerung zu verkaufen. Der IS ist ein ärgerlicher Betriebsunfall, auch wenn man den, vor allem nach den Erfahrungen in Afghanistan, durchaus hätte voraussehen können: Die Leute vom IS nehmen gern Geld, Waffen und sonstige Ausrüstung aus dem Westen an, lehnen die aber westliche Lebensweise inklusive Kapitalismus ab. Das ist übrigens der entscheidende Unterschied zu den Saudis, die zwar auch religiöse Fanatiker sind, aber gute Beziehungen zu den Kapitalisten in aller Welt unterhalten, weshalb man sie auch in Ruhe lässt. Obwohl die Assads oder Gaddafis dieser Welt im Vergleich mit den al Sauds fast schon als lupenreine Demokraten durchgehen müssten.

Aber genug davon, eigentlich betreibe ich ja einen Serienblog. Und damit es nicht immer nur um Netflix und Co geht,  habe ich mir den britischen Vierteiler The State angesehen, in der es um vier junge Menschen geht, die sich dem IS in Syrien anschließen. Um die für mich größte Schwäche der Serie gleich vorwegzunehmen: Auf die Frage, was die jeweiligen Protagonisten überhaupt motiviert, sich einer in meinen Augen überaus rückständigen und menschenfeindlichen Bewegung anzuschließen, gehen die Macher von The State gar nicht ein. Wir müssen uns damit zufrieden geben, dass es sich diese jungen Aktivisten im Namen Allahs bereits haben einleuchten lassen, dass sich der Aufbau eines Islamischen Staates lohnt, in dem jeder und jede ein gottgefälliges und damit glückliches Leben führen kann. Und das man dafür kämpfen, und so Allah es will, auch sterben muss. Wobei durchaus gezeigt wird, dass die Propaganda in sozialen Netzwerken eine große Rolle spielt, für die entsprechende Social-Media-Experten des IS gezielt Inhalte produzieren und verbreiten.

The State: Shakira (Ony Uhiara)

The State: Shakira (Ony Uhiara)

Insofern haben alle vier unrealistische Erwartungen an den neuen Staat, dem sie ihr Leben widmen wollen. Sie werden alle enttäuscht, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise. Da ist die farbige Muslima Shakira (Ony Uhiara), eine Ärztin, die sich mit ihrem neunjährigen Sohn auf den Weg nach Syrien macht. Sie will ihren Brüdern und Schwestern vor Ort einfach helfen, weil sie weiß, dass sie dafür hervorragend qualifiziert ist. Der junge Jalal (Sam Otto) hingegen geht nach Syrien, weil sein älterer Bruder dort im Kampf gestorben sein soll. Er ist ein Hafiz, er kann den gesamten Koran auswendig, was ihm unter den Brüdern in London viel Achtung eingebracht hat. Entsprechend irritiert ist er, als die Brüder vom IS ihn fragen: „Und, was kannst du sonst noch?!“

Jamal wird begleitet von seinem Freund Ziyad (Ryan McKen), der auf ein Abenteuer aus ist. Ihn lockt die Sache mit den 72 Jungfrauen, wenn er als Märtyrer stirbt. Und für verdiente Kämpfer gibt es ja zuvor schon wenigstens eine, zwei oder noch mehr echte Frauen, die sich um ihr leibliches Wohl sorgen. Eine solche will die junge Ushna (Shavanni Cameron) werden, oder besser: Eine Löwin unter Löwen. Ihr ist anfangs am wenigsten klar, worauf sie sich eingelassen hat. Sie weint, weil die IS-Leute ihr aus Sicherheitsgründen das Handy weggenommen haben und sie ihre Eltern nicht anrufen kann. Denen sie offenbar aus guten Gründen nicht gesagt hat, dass sie weggeht. Und schon gar nicht, wohin.

Ushna war noch nie auf eine Gemeinschaftsküche angewiesen, ganz zu schweigen von einer Gemeinschaftstoilette. Damit hat sie wirklich ein Problem: Sie hatte früher ein eigenes Badezimmer, also scheint ihre Familie nicht zu den Verlierern in der britischen Gesellschaft zu gehören. Wobei es ja auch wieder dieses Gemeinschaftsding ist, was für junge Leute attraktiv ist: Es gibt da eine Gruppe, zu der du gehören kannst und die sich um dich kümmert. Die dich und deine Wünsche und Sorgen versteht. Die immer für dich da ist, wenn du nur bereit bist, dein bisheriges Leben hinter dir zu lassen. So funktioniert jede Sekte.

Und ich will hier den Gedanken der Gemeinschaft, des Kollektivs, gar nicht schlecht machen. Im Gegenteil finde ich die Idee total gut, dass man vieles gemeinsam tun und nutzen kann. Das spart Ressourcen, macht Spaß und ist auch sonst in vielerlei Hinsicht sinnvoll: Warum nicht ein Haus, ein Auto, eine Waschmaschine, einen Rasenmäher und so weiter mit anderen teilen? Andererseits brauche ich definitiv meine Privatsphäre: Mein Bett, mein Computer und überhaupt meine persönlichen Dinge, von denen nur ich sagen kann, was ich brauche und was nicht. Die sollen dann auch wirklich privat sein, also nur für mich. Und lasst mich mit Gott in Ruhe. Schon die Tatsache, dass es wahnsinnig viele Götter gibt, von denen einige behaupten, dass sie der einzige seien, sollte einen stutzig machen.

Vermutlich ist das einer der Gründe für die Überzeugungskraft des Islam: Er ist einfach. Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet. Das christliche Glaubensbekenntnis ist sehr viel länger und, ganz wichtig: es beginnt mit „ich glaube…“. Glaube wiederum beinhaltet Zweifel. Aber mit so etwas hält sich ein überzeugter Moslem nicht auf: Es ist einfach so. Das macht unsere komplizierte Welt sehr viel übersichtlicher. Wobei das auch nicht immer angenehm ist, wie Shakira, Ushna, Jalal und Ziyad bald feststellen müssen. Dabei werden sie alle erst einmal mit offenen Armen willkommen geheißen, in der Gemeinschaft des Daesh. Die Frauen von ihren Schwestern, die Männer von ihren Brüdern: Was immer ihr braucht, wir besorgen es für euch.

Allerdings stellt sich bald heraus, dass die Entscheidung darüber, was wer jeweils braucht, von reichlich engstirnigen Fanatiker*innen getroffen wird. Und zu allererst braucht es Gehorsam und Disziplin. Die Männer werden in einer Art Crashkurs auf ihren Einsatz als Märtyrer vorbereitet, die Frauen werden auf ihre künftige Rolle als Ehefrau und Mutter eingeschworen, die verdienten Kämpfern ihr irdisches Leben so angenehm wie möglich machen und natürlich möglichst viele Kinder gebären sollen.

Ushna kann sich damit abfinden, offenbar wurde sie in ihrem konservativen Elternhaus ohnehin auf eine solche Rolle vorbereitet. Nur dass sich ihre Eltern sicherlich eine Zukunft mit einer guten Partie im sicheren Großbritannien für sie vorgestellt haben. Aber Ushna wollte wohl lieber etwas Spannenderes erleben, und sei es ein wildfremder Ehemann, den nicht ihre Eltern, sondern ihre neue Gemeinschaft für sie auswählt. Sie hat auf ihrem Smartphone eine App, mit der sie die Anweisungen ihres neuen Ehemanns übersetzen kann. Der Mann mag sie und ist freundlich zu ihr, er besorgt sogar eine Sklavin, die sich um Ushna und den Haushalt kümmert. Denn das britische Essen, das Ushna kocht, schmeckt ihm nicht.

Shakira hingegen, die es in London als alleinerziehende Mutter geschafft hat, Ärztin zu werden, kann nich fassen, dass ihre Qualifikation jetzt nur noch darin bestehen soll, einen Mann glücklich zu machen. Und dann hat sie auch noch das Pech, dass der Kommandant, der für das örtliche Krankenhaus zuständig ist, Gefallen an ihr findet. Es ist ja nicht so, dass ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten nicht gebraucht würden. Aber sie ist halt eine Frau. Und für jeden Schritt, den sie in der Öffentlichkeit tut, braucht sie die Erlaubnis eines Mannes. Shakira muss sich allerhand einfallen lassen, um gegen den Willen des örtlichen Befehlshabers doch zu praktizieren und das geht nicht lange gut. Aus Verzweiflung schlägt sie einem Leidensgenossen aus dem Krankenhaus einen Deal vor: Der Arzt soll sie heiraten, und ihr dann erlauben, als Ärztin zu arbeiten. Doch leider weiß nicht nur Shakira, dass Dr. Rabia schwul ist. Kurz nach der Hochzeit wird er für ein Selbstmordkommando rekrutiert.

The State: Jalal (Sam Otto) und Ziyad (Ryan McKen)

The State: Jalal (Sam Otto) und Ziyad (Ryan McKen)

Für Jalal und Ziyad läuft es anfangs besser, sie sind schließlich Männer. Und als solche werden sie bald in die Gemeinschaft der potenziellen Märtyrer aufgenommen, mit entsprechenden Vergünstigungen. Aber auch sie stellen bald fest, dass im IS nicht islamische Vernunft und Weitsicht regieren, sondern Misstrauen und Willkür. Insbesondere der sensible Jalal leidet. Er freundet sich mit einem Apotheker an, der später verdächtigt wird, ein CIA-Spion zu sein. Und er erfährt die Wahrheit über seinen Bruder, der offenbar nicht der Held war, den Jalal in ihm sehen wollte. Jalal versucht immerhin noch, im Rahmen seiner Möglichkeiten Gutes zu tun, so kauft er eine jesidische Sklavin mitsamt ihrer kleinen Tochter, um sie vor weiterem Missbrauch durch seine neuen Brüder zu retten. Aber genau das macht ihn selbst verdächtig – der Terrorstaat wendet sich am Ende gegen ihn.

Alles in allem ist The State also nicht die ideale Serie für einen angenehmen Abend. Aber sie ist eine interessante und wichtige Ergänzung zu den ganzen Medienberichten über den IS und dessen Sympathisanten: Letztlich sind das auch nur Menschen. Dabei wird keineswegs um Verständnis für den IS und seine Unterstützer geworben, im Gegenteil: Die Leute da haben definitiv alle einen Knall. Aber wird eben gezeigt, mit welchen Mitteln naive junge Menschen, die in den Gesellschaften, in denen sie aufgewachsen sind, aus welchen Gründen auch immer keinen Platz für sich gefunden haben, angeworben und vereinnahmt werden. Und dann auch gegen ihren Willen gezwungen werden, Dinge zu tun, die sie von sich aus niemals getan hätten. Deren Wut und Frust vom IS gezielt ausgenutzt und eingesetzt wird. Und die einem am Ende dann doch irgendwie leid tun können, wenn sie allmählich kapieren, was für eine brutale, menschenverachtende Bande in ihrem neuen Staat das Sagen hat. Der IS lässt keinen davon kommen – und selbst für diejenigen, denen eine Flucht gelingt, ist das Leben danach nie wieder wie zuvor.

Britischer Serien-Terror

Die Briten haben mal wieder zugeschlagen, also serientechnisch, versteht sich. Ende August wurde der Sechsteiler Bodyguard in Großbritannien auf BBC One ausgestrahlt und erwies sich als die erfolgreichste Fernsehserie des vergangenen Jahrzehnts, bis zu elf Millionen Zuschauer schalteten ein, bei einer Bevölkerung von derzeit 66 Millionen. Was wirklich beachtlich ist, zumal die Serie zum Ende hin steigende Einschaltquoten hatte, im Gegensatz zu Babylon Berlin, dem aktuellen Serienhighlight der ARD, das von Folge zu Folge Zuschauer verliert und inzwischen nur noch 3,7 Millionen Zuschauer hat, bei einer Gesamtbevölkerung 82,5 Millionen Menschen.

Aber diese Serien lassen sich schlecht vergleichen, obwohl es gewisse Parallelen gibt. Babylon Berlin ist ein opulenter Historienschinken, in dem eine ganz okaye Kriminalroman-Vorlage, die in den späten 20er Jahren spielt, in teurer Kulisse noch ein bisschen aufgepeppt (man könnte auch sagen: ziemlich in die Länge gezogen und dabei an ungünstigen Stellen überfrachtet) wurde. Bodyguard hingegen trifft den Nerv der Gegenwart: Es geht auch hier um Politik, Intrigen und Attentate, aber das alles findet gerade jetzt in London statt. London dürfte bereits eine der am engmaschigsten überwachten Städte der Welt sein, die britische Hauptstadt war in der Vergangenheit immer wieder das Ziel von Terroranschlägen und wurde im Namen der nationalen Sicherheit mit umfassenden Überwachungsmechanismen ausgerüstet. In der Serie geht es unter anderem um die Frage, in wie weit der Kampf gegen den Terror zu mehr Gewalt und immer neuen Terrorattentaten beiträgt.

bodyguard

Sergeant Budd (Richard Madden) und Home Secretary Julia Montague (Keeley Hawes)  Bild: BBC

 

Interessant finde ich, dass der Held in beiden Serien ein beschädigter Kriegsveteran ist, der versucht, sein Leben wieder in den Griff zu kriegen und nebenbei noch einen guten Job zu machen, auch wenn ihm das sein Umfeld und seine Vorgesetzten nicht unbedingt danken, weil er damit anderen Interessen im Weg steht.

Vermutlich spielt für den Publikumserfolg von Bodyguard auch eine Rolle, dass eben dieser Personenschützer Sergeant David Budd, der die konservative Innenministerin Julia Montague (Keeley Hawes) schützen soll, mit Richard Madden besetzt ist. Der in Game of Thrones mit Robb Stark einen der wenigen Sympathieträger gespielt hat. Der allerdings, wie so viele seines Hauses, die dritte Staffel des Fantasyspektakels nicht überlebte.

David Budd hingegen hat seinen Einsatz als Soldat in Afghanistan überlebt, aber er ist durch innere und äußere Verletzungen gezeichnet. Zurück in der Heimat wird er Polizist, was durchaus naheliegend ist, denn mit Disziplin und Befehlsketten kennt er sich gut aus. Und er scheint noch weitere Talente zu haben: Zufällig kann er, als er seine Kinder im Zug nach Hause zu seiner getrennt lebenden Frau bringt, ein Selbstmordattentat verhindern. Das bringt ihm eben jene Beförderung ein, Julia Montague beschützen zu dürfen. Oder zu müssen, denn eigentlich ist er mit ihrer politischen Linie nicht einverstanden. Die Hardlinerin ist für mehr Verbrechensbekämpfung, mehr Überwachung und für mehr Auslandseinsätze – und David verachtet Menschen, die andere Leute in den Krieg schicken, ohne sich selbst in die Schusslinie begeben zu müssen. Aber Befehl ist Befehl und Job ist Job, und den macht er natürlich gut.

Damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf, denn es passieren dann jede Menge schrecklicher Dinge, von denen das geneigte Publikum erst einmal nicht wissen kann und soll, wer eigentlich welche Interessen verfolgt. Klar ist aber, hier sind extrem sinistre Kräfte am Werk, die sehr weit oben in der Befehlskette stehen. Es bliebt natürlich nicht aus, dass sich Budd und Montague angesichts der traumatisierenden Ereignisse, denen sie ausgesetzt sind, menschlich und überhaupt näher kommen. Und das, obwohl David anfangs eher wie ein gut trainierter Polizeiroboter wirkt, der von Gefühlsregungen unbeeinflusst immer die richtigen Dinge tut. Aber David ist eben auch nur ein Mensch und hinter der professionellen Maske verbirgt er eine gefährliche Mischung aus Angst und Wut, die er immer weniger kontrollieren kann.

Als Personenschützer und Vertrauter der Innenministerin bekommt Budd Kenntnis von unfassbar geheimen Dingen: Die ehrgeizige Ministerin plant ihrerseits eine mediale Attacke auf den Premierminister, und spätestens hier ich muss meine Spoileritis unbedingt in den Griff bekommen, denn die Serie funktioniert natürlich nur, wenn man nicht weiß, wer wo und warum welche Fäden zieht. Natürlich werden auch falsche Spuren gelegt und nicht zuletzt gibt es undichte Stellen im Polizeiapparat, so dass in allen sechs Folgen permanent Hochspannung garantiert ist.

Alles in allem ist die Handlung für meinen Geschmack viel zu dick aufgetragen und daher auch reichlich unwahrscheinlich: Allein dass ein akut an PTSD leidender Veteran in so einem sensiblen Umfeld wie Personenschutz für höchste Regierungsmitglieder arbeiten kann – aber geschenkt. In Homeland gibt es ja auch eine manisch-depressive CIA-Agentin, die eine US-Präsidentin berät. Kann man wohl unter dem Stichwort Fachkräftemangel verbuchen. Und ein wesentlicher Teil der Spannung wird ja gerade aus dem Umstand generiert, dass eben nicht klar ist, ob ein dermaßen labiler Protagonist wie Kriegsveteran Budd dem immensen Druck standhalten kann, den sein neuer Job mit sich bringt. Und mit seinen Kenntnissen und Fähigkeiten wäre er selbst auch ein idealer Attentäter…

Für Fans von komplexen Polit-Thrillern ist Bodyguard auf jeden Fall ein Leckerbissen, denn hier arbeiten alle gegeneinander: Geheimdienste, Terrorabwehr, politische Parteien, die verschiedenen Abteilungen der britischen Polizei, und dann gibt es ja auch noch die echten Verbrecher, und, last but not least, die Terroristen. Richard-Madden-Fans kommen auch auf ihre Kosten, es geht ähnlich hoch her wie in Game of Thrones, allerdings rollen nicht ganz so viele Köpfe. Und als David Budd kann Madden zeigen, was er alles drauf hat, vom knallharten Actionprofi bis hin zum über dem Abgrund wankendem Psychowrack bietet er eine mitreißende Performance. Und natürlich hat Sergeant Budd als Vertreter des Nordens einen sympathischen schottischen Akzent, allein dafür lohnt sich die Originalversion.

Gut finde ich auch, dass es in der Serie viele starke Frauen gibt, neben der energischen Innenministerin ist da Commander Anne Sampson (Gina McKee), die Chefin der Anti-Terror-Einheit der Britischen Polizei, und natürlich Vicky (Sophie Rundle), Davids Frau, die als Krankenschwester arbeitet. Vicky und David haben sich in der Zeit seines langen Auslandeinsatzes auseinandergelebt. Vicky weiß, dass David psychische Probleme hat und findet, dass er sich in dem Punkt helfen lassen sollte. David will davon natürlich nichts wissen. Er will, dass alles wieder so ist wie früher, auch wenn er schon kapiert, dass das unrealistisch ist. Er leidet darunter, dass er nicht der Ehemann und Vater sein kann, der er gern sein würde. Daraus speist sich vermutlich auch sein Diensteifer: Im Job kann er so sein, wie er privat gern wäre: Ein verlässlicher Beschützer, der allen Widerständen trotzt, ein Fels in der Brandung. Am Ende kommt alles anders, und auch wenn mich weite Teile der letzten Folge wirklich genervt haben, gibt es dann doch noch einen Twist, der es in sich hat. Insofern Daumen hoch, auch wenn ich den hysterischen Hype um die Serie nicht ganz nachvollziehen kann. Aber ich bin ja keine Britin.