Retrokritik: Ein Mann will nach oben

In Sachen Serie tut sich das deutsche Fernsehen seit einiger Zeit nicht mehr mit Innovationen hervor und selbst solide Standardkost (also Serien, die nicht total peinlich sind) ist mittlerweile ziemlich rar geworden. Das war nicht immer so, selbst das ZDF, das in den vergangenen Jahren außer KDD – Kriminaldauerdienst nichts Bemerkenswertes hervor gebracht hat – und KDD kam bei den typischen ZDF-Zuschauern ja leider nicht besonders gut an, obwohl das meiner Ansicht nach eines der wenigen interessanten deutschen Serienprojekte der letzten zehn Jahre war – hat ab und zu mal ein blindes Korn gefunden. Sozusagen. Ich trau mich das kaum zu sagen, aber früher war schon ab und zu mal etwas besser, es gab vor Jahrzehnten sogar mal brauchbare Serien im ZDF. Nein, ich meine nicht Die Schwarzwaldklinik. Sondern Projekte wie den Dreizehnteiler Ein Mann will nach oben nach dem Roman von Hans Fallada.

Nun ist eine Romanverfilmung natürlich nichts besonders Innovatives – aber mir ist die gelungene Serienadaption einer interessanten Geschichte, die sich bereits in der Buchvorlage bewährt hat, deutlich lieber als ein schlechtes Serienkonzept, das irgendwie innovativ sein will, aber tatsächlich nur teuerer Schrott ist. Viele erfolgreiche Fernseh-Serien beruhen auf Romanen, Game of Thrones, 13 Reasons Why, Dexter, Bosch – und eben auch Ein Mann will nach oben aus dem Jahr 1977.

Screenshot: Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Ich habe keins der diesen Serien zugrunde liegenden Bücher gelesen, weshalb ich nicht sagen kann, wie gut oder schlecht die Romanvorlage jeweils umgesetzt wurde, aber das ist ja auch egal, solange die jeweilige Serie als Serie funktioniert. Und das ist bei den genannten Beispielen der Fall. Ein Mann will nach oben war natürlich auch 1977 schon eine Retroserie, in der mit viel Liebe zum Detail eine längst vergangene Epoche wieder heraufbeschworen wurde. Wenn man das jetzt sieht, ist es quasi ein doppelter Retroeffekt, weil die Zehnerjahre des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive der 70er Jahre gezeigt werden, was nun auch schon wieder 40 Jahre her ist – und da war schon einiges anders.

Mal davon abgesehen, dass mit sehr viel längeren Einstellungen, viel weniger Schnitten und dafür oft ziemlich ausführlichen Dialogen gearbeitet wurde, was den Erzählfluß recht gemächlich macht und für heutige Sehgewohnheiten erst einmal ziemlich altbacken und ein bisschen langweilig wirkt, ist auch viel mehr von dem damaligen Anliegen des öffentlich-rechtlichen Staatsfernsehens zu spüren, die Zuschauer eben nicht nur zu unterhalten, sondern auch zu informieren, ja sogar zu bilden – im Sinne von Ausbildung eines kritischen bürgerlichen Bewusstseins und natürlich guter Allgemeinbildung.

Screenshot: Karl Siebrecht (Mathieu Carrière) Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Karl Siebrecht (Mathieu Carrière) Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Gut, was die Leute denken sollen, spielt im heutigen Fernsehen natürlich auch eine enervierend wichtige Rolle, weshalb viele Leute inzwischen auch so genervt von den „Lügenmedien“ sind und lieber formal unprofessionelleren Lügnern auf den Leim gehen, aber das ist hier jetzt nicht mein Thema. Was ich meine, ist, dass es mich geradezu gerührt hat, das sogar im ZDF gelegentlich sozialkritische Töne angeschlagen wurden, wobei Hans Fallada, mit bürgerlichem Namen Rudolf Ditzen ja nicht unbedingt ein besonders linker oder sozialkritischer Schriftsteller war. Sondern ein unglücklicher Sohn aus einer großbürgerlichen Familie, der zeitlebens unter seiner Alkohol- und Morphiumsucht litt und als junger Mann nur knapp einen als Duell getarnten Doppelselbstmordversuch überlebte.

Fallada schlug sich ähnlich wie sein Held Karl Siebrecht aus Ein Mann will nach oben mit allen möglichen Hilfsjobs durch, in denen er dank seiner guten Schul- und Allgemeinbildung oft schnell reüssieren konnte. Bildung ist wichtig, das wird auch in der Serie klar, wer schreiben, lesen und rechnen kann, ist klar im Vorteil. Und natürlich braucht es auch „jenügend Vastehste im Koppe“, wie Rieke sagen würde, die Berliner Jöre aus dem Wedding, die nicht nur ein flottes Mundwerk, sondern auch das Herz auf dem richtigen Fleck hat. Und Karl Siebrecht hat nicht nur genügend Verstand, sondern er ist im Gegensatz zu seinen Freunden Rieke und Kalli auch ehrgeizig und hart genug, um Karriere zu machen.

Screenshot: Rieke Busch (Ursula Monn) und Tilda Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Rieke Busch (Ursula Monn) und Tilda Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Im Jahr 1909 verlässt der sechzehnjährige Karl (Mathieu Carrière), der früh seine Eltern verloren hat, sein Heimatdorf in der Uckermark, um in Berlin sein Glück zu machen. In jener Zeit war es tatsächlich möglich, vom Tellerwäscher zum Millionär aufzusteigen – Rieke wird später zu ihrem Sohn sagen, dass alle amerikanischen Präsidenten mit Zeitungen austragen angefangen hätten. Wir wissen zwar, dass das nicht stimmt, der aktuelle US-Präsident hat vermutlich nicht mal Zeitung gelesen, sondern einfach eine Hotelkette geerbt, aber das spielt für die hier behandelte Berliner Variante des amerikanischen Traums keine Rolle.

Im Zug trifft Karl auf die noch etwas jüngere Rieke (Ursula Monn), die Karl gleich in ihre Unternehmung einspannt: Sie war bei einer Tante auf dem Land, um sich einen Anteil vom Schlachtfest zu sichern und braucht jemanden, der ihr mit den schweren Körben und der kleinen Schwester hilft. Karl hilft – und hat mit Rieke auch eine treue Seele gefunden, die ihm in der fremden großen Stadt weiterhelfen kann. Karl zieht mit in die enge Arbeiterwohnung der Familie Busch, Küche und Stube teilt sich Rieke fortan mit ihrem Vater, der sich nach dem Tod seiner Frau vor allem dem Schnaps widmet, der kleinen Tilda und Karl, bald kommt auch noch Kalli Flau (Reiner Hunold) hinzu, der schlagkräftige Seemann, der ebenfalls in Berlin auf eine bessere Zukunft hofft.

Screenshot: Vater Busch ((Walter Buschhoff), Rieke (Ursula Monn) und Karl (Mathieu Carrière) Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Vater Busch ((Walter Buschhoff), Rieke (Ursula Monn) und Karl (Mathieu Carrière) Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Rieke versorgt ihre Familie, so gut sie kann und geht nebenher noch in die Schule – wie so viele Frauen arbeitet sie praktisch rund um die Uhr, denn Haushalt ist Frauensache und zu jener Zeit noch ein echter Knochenjob, außerdem geht sie putzen und lernt nähen, denn das Leben ist teuer und Geld immer knapp.

Karl schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch – gleich am ersten Tag heuert er auf einer Baustelle an, von denen es viele gibt im der Berliner Gründerzeit. Sein Job ist es, Koks für die Trockenwohner in die Wohnungen zu schleppen. Arme Familien, die sich keine Mietwohnung leisten können, entgehen mit dem Trockenwohnen der feuchten Neubauten der Obdachlosigkeit – auf Kosten der Gesundheit natürlich, aber so ist das eben. Als der naive Karl sich gegenüber seinem Arbeitgeber, dem Immobilienhai Kalubrigkeit empört über diese Zustände zeigt, ist er seinen Job gleich wieder los: So einen roten Bubi will der nicht in seinen Diensten. Karl muss feststellen, dass es offenbar nicht nur darauf ankommt, gute Arbeit leisten zu wollen, sondern auch darauf, gegenüber Höhergestellten Demut und Gehorsam zu zeigen. Das fällt ihm schwer, denn Karl hat seinen Stolz. An dem er auch stur festhält.

Screenshot:  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Karl, Rieke und Kalli müssen sich immer wieder etwas Neues einfallen lassen, denn viele ihrer Versuche, mit ehrlicher Arbeit Geld zu verdienen, scheitern daran, dass Karl und Rieke einfach noch zu jung sind, um Verträge zu schließen, weshalb sie immer wieder betrogen und über den Tisch gezogen werden. Schließlich versuchen Karl und Kalli sich als Gepäckträger, was einerseits ein einträgliches Geschäft ist, denn Berlin hat, wie viele Großstädte zu jener Zeit, eine ganze Reihe großer Kopfbahnhöfe, die am Rand des Zentrums liegen, aber jeweils nicht durch Bahnstrecken miteinander verbunden sind. S- und U-Bahnen waren zu jener Zeit noch in Planung bzw. im Bau. Passagiere und Gepäck müssen also jeweils durch die Innenstadt zum nächsten Bahnhof befördert werden. Doch weil im preußischen Berlin alles seine Ordnung hat, braucht man dafür eine Lizenz als Dienstmann.

Und Karl und Kalli sind auch dafür noch zu jung, und dann muss man sich auch noch mit der Innung gut stellen, um eine Lizenz als Dienstmann übernehmen zu können, wenn etwa einer aus Altersgründen ausscheidet. Also arbeiten sie als Haifische – so werden die Gepäckbeförderer ohne Lizenz genannt, die denen mit Lizenz die Fuhren wegschnappen, weil sie schwarz arbeiten und ihre Dienste entsprechend billiger anbieten. Diese illegale Konkurrenz ist natürlich keineswegs beliebt, und die Rotmützen drohen dem alten Kürass, der sich von Karl und Kalli helfen lässt, an, seine Karre zu zerstören, weil die drei natürlich mehr wegschaffen können, als jeweils einer allein.

Screenshot: Kalle Flau (Rainer Hunold) und Karl Siebrecht Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Kalle Flau (Rainer Hunold) und Karl Siebrecht Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Ganz aus ist es dann, als Karl auch noch auf die Idee kommt, die Gepäckbeförderung mit einem Pferdefuhrwerk zu rationalisieren – damit lässt sich mit einer Fuhre noch viel mehr transportieren. Karl leiht sich bei dem windigen Fuhrunternehmer Wagenseil (Harald Juhnke in einer Vorstudie zu seiner Rolle in Der Trinker) Pferde und Wagen und bietet den Dienstmännern an, ihr Gepäck zu befördern – für die Hälfte ihrer Taxe. Das sorgt für Empörung: So ein grüner Junge macht ihnen das Geschäft kaputt! Denn natürlich sehen die ehrbaren Dienstmänner Karls Initiative nicht als Arbeitserleichterung und Win-Win-Situation an, wie Karl sich das eigentlich vorgestellt hat: Da kommt einer, der was Neues ausprobieren will – und das ist erstmal ein Ärgernis.

Aber der sture Karl hält tatsächlich durch und kann mit Kallis schlagkräftiger Unterstützung seinen Hauptfeind Kiesow schließlich zur Aufgabe des für alle beteiligten destruktiven Boykotts zwingen: Die Gepäckbeförderungsfirma Siebrecht & Flau entwickelt sich schnell zu einem erfolgreichen Unternehmen. Jetzt stellt sich allerdings auch heraus, dass der gerissene Wagenseil Karl einen ungünstigen Vertrag angedreht hat – vor allem die Klausel, dass Karl die Gespanne ausschließlich bei Wagenseil beschaffen muss, wird zum Klotz am Bein. Außerdem macht Karl es zunehmend zu schaffen, dass Wagenseil einen erheblichen Anteil seiner Einnahmen kassiert, ohne selbst einen Finger krumm zu machen und beschließt, in die Offensive zu gehen: Er bewirbt sich um eine Generallizenz für die Einrichtung von Gepäckaufgabestellen in allen Berliner Bahnhöfen und bootet Wagenseil aus, der sich ebenfalls darum beworben hat.

Screenshot:  Wagenseil (Harald Juhnke) und Karl Siebrecht  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Wagenseil (Harald Juhnke) und Karl Siebrecht Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Doch Wagenseils Rache ist bitter: Er stellt Karl nur noch die schwächsten Klepper und die brüchigsten Wagen – die Gepäckbeförderung bricht schnell zusammen. Karl, Rieke und Kalli müssen einen neuen Rückschlag verkraften. Doch es zeichnet sich eine neue Chance ab: Die Stammkneipe von Vatern Busch steht zum Verkauf. Wenn sie ihre Ersparnisse zusammenschmeißen, können sie Die Funzel kaufen – das wäre zumindest Riekes und Kallis Lebenstraum. Doch sie müssen sich schnell entscheiden, der Verkäufer will am nächsten Morgen in sein neues Leben aufbrechen. Auch wenn Karl nicht wirklich überzeugt ist, macht er mit – und es stellt sich schnell heraus, dass die drei schon wieder auf einen Betrüger hereingefallen sind. Nur weniger Stunden zuvor ging das Objekt an einen Architekten, der Vertrag, den die drei gegen ihr Bargeld bekommen haben, ist wertlos, sämtliche Ersparnisse futsch.

Doch nun auf dem Tiefpunkt hysterischer Verzweiflung kommt Karl die rettende Eingebung: Wozu Pferdewagen mieten, wenn man Automobile haben kann? Karl setzt alles auf eine Karte und fährt zur Villa des Autohändlers Ernst Gollmer. Dessen Tochter Ilse hält Karl für den erwarteten Gärtner und lässt ihn hinein – die beiden hatten sich schon einmal kurz zuvor zufällig getroffen. Karl erklärt, dass er nicht der erwartete Gärtner sei, stellt sich aber durch seine Jugend auf dem Land als patent genug heraus, den von ihm erwarteten Job zu erledigen. Damit hat er das Interesse von Ilse und ihrem Vater geweckt – Karl darf sein Projekt pitchen, wie man heute sagen würde, und er präsentiert dermaßen überzeugend, dass der alte Gollmer gleich einen Businessplan aufstellt und Karl zu seinem Geschäftspartner in Sachen Hauptstadtgepäckbeförderung macht. Gollmer liefert fünf Lastwagen an Siebrecht &Flau und Karl fängt an, sein Unternehmen zu professionalisieren – er stellt einen Buchhalter ein, womit er seine bisherige Sekretärin Fräulein Palude tief kränkt, und auch Rieke und Kalli sind mit den Entwicklungen überfordert und beschließen, stattdessen die Funzel zu pachten. Deren Käufer hat den beiden ein entsprechendes Angebot gemacht, weil sie ja offenbar mit Herzblut bei der Sache sind.

Screenshot:  Die missgünstigen Dienstmänner  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Die missgünstigen Dienstmänner Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Damit bricht die jahrelange Wohn- und Schicksalsgemeinschaft der drei Freunde auseinander – Rieke und Kalli richten sich mit der Funzel ein, Karl hingegen pendelt zwischen der Grunewald-Villa seiner neuen Freundin Ilse und dem proletarischen Wedding. Aber in keiner dieser Welten ist er wirklich zuhause. Und dann kommt der erste Weltkrieg – sowohl Karl als auch Kalli werden einberufen und müssen an die Front. Und weil man ja nicht weiß, was kommt, verbringt Rieke sowohl mit Karl als auch mit Kalli jeweils eine Liebesnacht – dabei ist Rieke eigentlich nicht so eine, und die Freunde hatten sich vor Jahren auch gegenseitig versprochen, dass sie sich bei Rieke zurückhalten wollen, um sie nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Aber Rieke wird natürlich prompt schwanger – und sie ist ganz sicher, dass Karl der Vater ist. Was auch zutrifft. Kalli aber stört das nicht, als er als Kriegsversehrter nach Hause kommt – er hat an der Ostfront seine linke Hand verloren.

Karl hingegen ist an der Westfront gelandet und hat prompt wieder Ärger mit einem Vorgesetzten, was in diesem Fall lebensgefährlich ist, denn er wird auf ein Himmelfahrtskommando geschickt. Aber auch hier kann er sich mit kühlem Kalkül, Mut und etwas Glück wieder aus der Affäre ziehen – allerdings erblindet er nach einem Giftgasangriff vorübergehend und gerät in französische Kriegsgefangenschaft. Er gilt als verschollen. Rieke und Kalli schlagen sich Zuhause mit Vater, Kind und der heranwachsenden Tilda in der Funzel durch die Kriegs- und Nachkriegszeit. Die beiden beschließen, endlich zu heiraten. Doch ausgerechnet da kommt der langvermisste Karl zurück.

Screenshot:  Karl und Kalli  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)Screenshot:  Karl und Kalli  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Karl und Kalli Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Rieke ist überglücklich und heiratet ihren Karl, auch wenn der schon wieder mit anderen Dingen beschäftigt ist – er ist in Schiebergeschäfte mit Freikorpssoldaten verwickelt, denn sowohl das Taxigeschäft, als auch die Kneipe werfen einfach nicht genug Gewinn ab. Natürlich geht die Sache mit Rieke und ihm nicht gut, sie lassen sich schließlich einvernehmlich scheiden. Jetzt hat endlich der geduldige Kalli seine Chance und natürlich nimmt er Rieke – er hat ja nie etwas anderes gewollt.

Karl hingegen trifft Ilse Gollmer wieder, die mit ihrem Vater ein Fluggeschäft in Tempelhof aufbaut. Der alte Gollmer stellt Karl natürlich ein, er weiß ja, dass Karl ein tüchtiger Geschäftsmann ist. Und er hätte zu gern, dass Karl Ilse heiratet, eine Familie gründet und den Betrieb übernimmt. Doch die jungen Leute haben heutzutage andere Pläne…

Alles in allem erzählt Ein Mann nach oben also von der Sehnsucht nach Glück und den unterschiedlichen Definitionen davon – während Rieke und Kalli schon selig sind, wenn sie sich zum Frühstück warme Schrippen mit Honig und echten Bohnenkaffee leisten können, hastet Karl schon zum nächsten Geschäftstermin weiter. Mit gutem Essen und edlem Schampus ist er nicht zufrieden, auch wenn ihm das natürlich gefällt, genau wie ein maßgeschneiderter Anzug mit einem elegantem Hut. Karl will beeindrucken, und er will immer noch mehr, er will besser sein, cleverer, er ist einer, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen kann, jedenfalls fast, aber er ist kein Betrüger, im Gegenteil, er ist für diese Welt eigentlich zu ehrlich. Wenn er ab und zu mal fünfe grade sein lassen könnte, ginge es ihm und seinen Freunden sicherlich besser.

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Screenshot: Die „Dreier-WG“ Karl, Rieke und Kalli Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Aber Karl Siebrecht kann eben nicht raus aus seiner Haut. Das macht ihn dann doch wieder sympathisch, weil er eben nicht einer dieser modernen Strebertypen ist, die für ihren Erfolg über Leichen gehen, sondern einfach ein pfiffiger junger Mann mit Ambitionen und Prinzipien. Überhaupt sind die Typen in Ein Mann will nach oben alle herrlich menschlich – Hans Fallada hatte ein Herz für Verlierer, soviel steht fest. Aber er hat auch nichts dagegen, wenn seine Helden ab und zu ein bisschen Glück haben – vor allem der großherzigen Rieke würde man noch ein bisschen mehr davon gönnen. Aber die gehört ja zu denen, die nicht rumjammern, sondern die Ärmel hochkrempeln und aus allem das Beste machen. Rieke würde definitiv Limonade machen, wenn das Leben ihr Zitronen gäbe, wie es in This Is Us so schön heißt. This Is Us ist ja ein aktuelles Beispiel dafür, dass man aus dem Leben an sich noch immer serientaugliche Geschichten machen kann – man braucht nur jemand, der es wagt, sie zu erzählen.

Erzählungen wie Ein Mann will nach oben sind in diesen Zeiten natürlich nicht mehr zeitgemäß – aber irgendwie dann wieder doch, einfach um sich klar zu machen, dass wir derzeit einen unglaublichen und ärgerlichen gesellschaftlichen Rückschritt erleiden: Vor gut hundert Jahren bedeutete es einen ungeheuren Aufstieg, wenn man sich aus der engen Hinterhofwohnung in die Belle Etage im Vorderhaus hocharbeiten konnte. Aber der war mit Fleiß und Bildung möglich. Heute ist es eher so, dass man sich trotz guter Ausbildung und einer Menge Einsatz dem ständig drohenden Abstieg gegenüber sieht, der erfolgt, sobald man einen halbwegs vernünftig bezahlten Job verliert und das eigene Haus oder die zentral gelegene Wohnung nicht mehr bezahlen kann. Heute wäre das Thema also eher: Ein Mensch will nicht nach unten. Eine solche Geschichte sollte es doch auch wert sein, erzählt zu werden. Aber vermutlich macht heutzutage kein Sender dafür Produktionsgelder locker – heute soll das Volk nicht mehr ausgebildet und aufgeklärt, sondern eingelullt werden. Die da oben wissen schon, was gut für uns ist. Wir haben ja Freiheit und Demokratie, wenn jetzt alle die die Hände spucken und ranklotzen, wird alles gut.

Wers gloobt, dem vakoof ick nen Jebrauchtwagen.

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The Last Kingdom: Vikings aus Sicht der Engländer

Um das Warten auf Staffel 5 der Nordland-Saga Vikings zu überbrücken, habe ich über das Osterwochenende The Last Kingdom angesehen – auch in dieser BBC-Serie geht es um die Eroberung der angelsächsischen Königreiche durch die Wikinger, nur eben aus der weniger erfreulichen Perspektive der Engländer. Insofern steht hier nicht Ragnar Lothbrok im Mittelpunkt, sondern ein gewisser Uhtred von Bebbanburg, der Sohn eines englischen Lords, der nach einer verlorenen Schlacht, in der sein Vater von den Wikingern getötet wird, in die Hände der Dänen fällt. Wobei der große Eroberer Ragnar auch hier im Grunde ein ganz netter Kerl ist, denn er findet Gefallen an dem Jungen, der zwar noch recht klein, aber dafür mutig und kämpferisch ist, fast wie ein Wikinger halt.

The Last Kingdom © Carnival Film & Television Ltd Photographer: Joss Barratt Alexander Dreymon (as Uhtred)

The Last Kingdom © Carnival Film & Television Ltd Photographer: Joss Barratt Alexander Dreymon (as Uhtred)

Als Ragnar mitbekommt, dass die Engländer Uhtred nur frei kaufen wollen, um ihn dann zu töten, weil er der nächste Lord von Bebbanburg wäre – diesen Posten hat sich aber der Onkel des Jungen nach dem Tod seines Bruders schon gesichert – beschließt der weise Nordmann, den jungen Angelsachsen als seinen eigenen Sohn großzuziehen. Er nimmt auch die ebenfalls entführte Brida in seine Familie auf. Die beiden angelsächsischen Kinder sollen ihm etwas über die Leute und das Land beibringen, in dem sich die Wikinger nun niederlassen wollen – denn die britischen Inseln sind viel angenehmer und furchtbarer als das Land, aus dem sie kommen.

Uhtred und Brida finden mit der Zeit Gefallen an der wikingischen Lebensweise – natürlich müssen die Menschen ebenfalls hart arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber die Götter der Wikinger sind nicht so elende Spaßbremsen, wie dieser eine strenge Gott, an den die Angelsachsen glauben. Die Wikinger feiern gern und sind auch sonst nicht so verklemmt wie die christlichen Angelsachsen.

The Last Kingdom © Carnival Film & Television Ltd

The Last Kingdom: Zuhause bei den Wikingern © Carnival Film & Television Ltd

Aber es gibt auch Stress und Rivalitäten unter den Wikingern – und so fällt Ragnars Familie einem perfiden Racheplan zum Opfer, nur der älteste Sohn Ragnar Ragnarsson, der sich im Norden ein eigenes Reich aufgebaut hat, überlebt – sowie Uhtred und Brida, die ein Schäferstündchen im Wald hatten. Natürlich sieht das nicht gut aus. Es bietet sich förmlich an, die ganze Sache diesem angelsächsischen Bastard in die Schuhe zu schieben.

Uhtred (gespielt von dem deutschen Schauspieler Alexander Dreymon) ist über den Tod seines Ziehvaters verzweifelt, aber er begreift, dass er für die Wikinger als Verräter dasteht. Er fasst nun einen anderen Plan: Er will sich sein Erbe zurückholen und als angelsächsischer Ealdorman anerkannt werden. Also sucht er gemeinsam mit Brida das letzte der britischen Königreiche auf, das noch nicht von den Dänen unterworfen wurde: Wessex.

The Last Kingdom: Ragnar Lothbrok (Peter Gantzler) © Carnival Film & Television Ltd

The Last Kingdom: Ragnar Lothbrok (Peter Gantzler) © Carnival Film & Television Ltd

Uhtred hat Glück: Weil der Mönch Beocca, der einst Berater von Uhtreds Vater war, inzwischen Berater an König Aethelreds Hof ist, ihn nach all den Jahren wieder erkennt, schafft er es sogar, beim König vorgelassen zu werden, obwohl er für einen Dänen gehalten wird. Uhtred versucht, das Vertrauen des Königs zu erlangen, in dem er ihn über die Schlachtpläne der dänischen Häuptlinge Ubba und Guthrum aufklärt, die er anhand von wikingischen Zeichen, die sie hinterlassen, deuten kann.

Aber warum sollte ein englischer König einem dänischen Bastard vertrauen? Aethelred konsultiert seinen Bruder Alfred, der gesundheitlich nicht auf der Höhe und auch sonst etwas verschroben ist. Aber Alfred ist ein schlauer Kerl, er vertraut nicht nur auf Gott, sondern auch auf Verstand. Und der sagt ihm, das Uhtred sehr nützlich sein kann – aber auch, dass er gefährlich werden könnte. Also empfiehlt er seinem Bruder, auf Uhtred zu hören, ihn und Brida aber sicherheitshalber einzusperren – falls irgendetwas schief läuft.

The Last Kingdom | Episode Two © Carnival Film & Television Ltd Photographer: Joss Barratt David Dawson (as Alfred) with Alexander Dreymon (as Uhtred)

The Last Kingdom | Episode Two © Carnival Film & Television Ltd Photographer: Joss Barratt David Dawson (as Alfred) with Alexander Dreymon (as Uhtred)

Es stellt sich schließlich heraus, das Uhtred recht hatte – die Engländer können Wessex gegen die Dänen verteidigen, allerdings wird König Aethelred in der Schlacht tödlich verwundet und setzt Alfred als seinen Nachfolger ein, weil er weiß, dass sein nichtsnutziger Sohn nicht zum König taugt. Damit gibt es jede Menge Konfliktpotenzial, das locker für die acht Folgen der ersten Staffel ausreicht – am Ende dreht sich die Serie darum, wie Alfred nicht nur sein Königreich verteidigt, sondern auch den Grundstein für ein vereintes englisches Königreich legt, britische Geschichte also, Alfred ist der einzige britische König, der den Beinamen „der Große“ erhalten hat.

Uhtred hingegen ist keine historische Person im eigentlichen Sinne, aber dennoch eine interessante Figur, die zwischen den Welten pendelt – er ist weder Wikinger, noch Angelsachse, und sowohl die Wikinger als auch die Angelsachsen sehen in ihm jeweils einen Fremdling, dem man nicht trauen kann. Nützlich ist, dass er sowohl englisch als auch dänisch spricht und die Lebensweise dieser gefährlichen Heiden kennt – außerdem ist er ein guter Kämpfer. König Alfred gibt Uhtred also eine Chance: Wenn er eine englische Lady heiratet, die Land besitzt, kann er ein Ealdorman werden und sich sein Erbe zurückholen. Das ist natürlich bitter für seine Freundin Brida – trotzdem willigt Uhtred ein.

The Last Kingdom © Carnival Film & Television Ltd Photographer: Joss Barratt Emily Cox as Brida

The Last Kingdom © Carnival Film & Television Ltd Photographer: Joss Barratt Emily Cox as Brida

Brida (Emily Cox) verlässt daraufhin Uhtred und Wessex, um sich den Wikingern um den jungen Ragnar anzuschließen – für sie als Frau hat die angelsächsische Lebensweise nur Nachteile, denn Anpassung und Unterordnung sind nicht ihr Ding. Uhtred hingegen ist von seiner neuen Frau Mildrith sehr angetan, sie ist sittsam, jung und eine Augenweide – dass sie hochverschuldet ist, hat Alfred ihm wohlweislich verschwiegen: Durch Missernten ist sie mehrere Jahre im Rückstand, was die Abgaben an die Kirche angeht. Und die denkt natürlich nicht daran, diese Bürde vom Rücken ihrer armen Tochter zu nehmen. Trotzdem ist die Ehe glücklich, Mildrith wird schwanger.

Währenddessen gehen die Kämpfe im Land weiter – Ragnar Jr. und Guthrum erobern Wareham, neue Friedensverhandlungen werden nötig. Um eine Waffenruhe zu gewährleisten, gibt es einen Austausch von Geiseln: Jeweils zehn Männer gehen ins feindliche Lager. Uhtred gehört zur englischen Delegation. Unter den Dänen trifft er seinen Ziehbruder Ragnar und Brida wieder, die nun mit Ragnar zusammen ist. Als der grausame Ubba von einem Irland-Trip zurückkehrt, lässt der die englischen Geiseln töten – bis auf Uhtred, für den Ragnar ein gutes Wort einlegt. Uhtred kann entkommen und entzündet ein Leuchtfeuer, das Wessex vor einer neuen Invasion warnt: Guthrum ist mit zahlreichen Schiffen im Anmarsch.

The Last Kingdom: Bereit zum Kampf © Carnival Film & Television Ltd

The Last Kingdom: Bereit zum Kampf © Carnival Film & Television Ltd

Allerdings haben die Angelsachsen wieder Glück: Ein Sturm vernichtet einen großen Teil der dänischen Schiffe. Außerdem schleicht Uhtred sich in das Lager der Dänen und steckt weitere der übrig gebliebenen Schiffe in Brand. Durch das entstehende Chaos sind die Engländer siegreich. Als Uhtred erfährt, dass er einen Sohn bekommen hat, beschließt er allerdings, erst zuhause vorbei zu schauen, anstatt sich gleich auf den Weg zu Alfred zu machen. Also staubt der junge Odda den Ruhm ab, der eigentlich Uhtred gebührt, während auf den tapferen, aber diplomatisch ungeschickt agierenden Uhtred wieder nur jede Menge Ärger wartet.

Mir gefällt The Last Kingdom fast besser als Vikings, weil es noch weniger an Game of Thrones erinnert – Vikings hat zwar eine historische Grundlage, ist aber oft wie ein Fantasy-Spektakel anzusehen, die Kostüme sind spektakulär – und die Frisuren und Tätowierungen erst! Es gibt immer wieder Traumsequenzen und eine Menge meist schwarzer Magie, auch die Umwelt, insbesondere in Kattegat, ist immer wieder sehr kulissenhaft inszeniert, es liegt dort eigentlich zu jeder Jahreszeit Schnee – wobei genau dieser düstere Schwarzweiß-Look ja auch wieder den Stil dieser Serie ausmacht, den ich im Prinzip sehr mag – optisch und stilistisch gibt es mehr Parallelen zu Taboo als zu The Last Kingdom.

The Last Kingdom: Jonas Malmsjö as Skorpa © Carnival Film & Television Ltd

The Last Kingdom: Jonas Malmsjö as Skorpa © Carnival Film & Television Ltd

The Last Kingdom hingegen versucht, möglichst realistisch auszusehen, obwohl es auch es hier erstaunlich viel altenglischen Schnee gibt: die Jahreszeiten passen auch im letzten Königreich nicht immer zusammen. Einige der Vikinger haben ebenfalls coole Tattoos, Guthrum trägt eine Rippe seiner Mutter in sein Haar geflochten, und  natürlich machen sich viele der Szenen in kahlen Wäldern tatsächlich besser – aber wenn die Bäume nur einen Schnitt später plötzlich voll belaubt sind, dann ist das irgendwie nicht besonders glaubwürdig. Wir sind hier ja eben nicht in Game of Thrones, wo es Fantasy-Reiche mit langen Wintern und ewigen Sommern gibt, auch wenn das ja mittlerweile die Referenz-Serie für fast alles ist, obwohl eben „bloß“ Fantasy.

Insofern finde ich gut, dass The Last Kingdom dann doch nicht zu sehr auf Game of Thrones getrimmt ist, sondern im englischen Mittelalter bleibt, die Kostüme und sonstige Ausstattung sind vergleichsweise schlicht, viele der Figuren haben historische Vorbilder und die Auseinandersetzung zwischen den nordischen Heiden und den angelsächsischen Christen liefert spannenden Stoff genug – ich werde bestimmt bald in die zweite Staffel einsteigen.

The Last Kingdom: Uhtred (Alexander Dreymon) und Brida (Emily Cox) © Carnival Film & Television Ltd

The Last Kingdom: Uhtred (Alexander Dreymon) und Brida (Emily Cox) © Carnival Film & Television Ltd

Taboo: Definitiv keine Familienserie

Bei all den überraschend guten neuen US-Familien-Dramen wie This Is US oder Big Little Lies brauchte ich zur Abwechslung mal wieder härtere Kost, und was wäre da besser geeignet als eine britische Grusel-Serie in historischem Ambiente? Genau, die Rede ist von Taboo, jener überaus düsteren BBC-Serie, die hierzulande jetzt bei Amazon zu sehen ist.

Im Grunde ist Taboo eine weitere Version von Joseph Conrads Roman Das Herz der Finsternis – der wahnsinnige Halbgott Kurtz ist dieses Mal der Afrika-Heimkehrer James Keziah Delaney (Tom Hardy), der ganz offensichtlich ein paar Schrauben locker hat. Aber das ist auch kein Wunder – schließlich wurde er zehn Jahre lang für tot gehalten. Dass er entgegen aller Erwartungen erst ein Schiffsunglück und dann den schwarzen Kontinent überlebt hat, lässt darauf schließen, dass James, nun ja, sagen wir: höchst ungewöhnliche Erfahrungen gemacht hat. Sein muskulöser Körper ist mit großflächigen Tätowierungen gezeichnet, er redet mitunter in einer unverständlichen Sprache und vollzieht merkwürdige Rituale. Die Londoner bezeichnen ihm abschätzig als wahnsinnigen Wilden.

Taboo: James Delaney (Tom Hardy) an der Themse. Bild: FX/BBC

Taboo: James Delaney (Tom Hardy) an der Themse. Bild: FX/BBC

Ansonsten erweist er sich aber zum Leidwesen der Britischen Ostindien-Kompanie als enervierend clever und verfügt offenbar über ungeahnte Ressourcen, um der alt-ehrwürdigen Company ernsthaft Schwierigkeiten zu bereiten. James Delaney erinnert mich ein bisschen an Ragnar Lothbrock aus der Serie Vikings – genau wie Ragnar laviert er zwischen den alten Göttern seiner Vorfahren und dem einen neuen Gott derer, die er unterwerfen will. Im Zweifel macht er sich aber weder von irgendwelchen Göttern noch sonstigen Konventionen abhängig, sondern zieht einfach sein Ding durch, wobei er grausam gegen seine Feinde und großzügig mit seinen Freunden ist. James Delaney ist ein sehr ähnlicher Typ, nur dass er noch weniger Freunde hat und noch weniger redet.

Delaney bewegt sich zwischen den Göttern seiner Mutter, einer Indianerin aus dem Stamm der Nootka, deren strategisch wichtiges Stück Land vor Vancouver Island James nach dem Tod seines Vaters geerbt hat, und den Voodoo-Göttern Afrikas, die ihn offenbar gerettet haben. Ein bisschen Angel Heart is also auch dabei. Und eine Menge Deadwood, auch wenn London im Jahr 1814 natürlich längst eine alt-ehrwürdige Großstadt mit Palästen und beeindruckenden Bürgerhäusern ist. Das dreckige London der Armen und Verfemten, in dem Delaney sich herumtreibt, wirkt mit seinen schäbigen Bretterbuden nämlich eher wie eine Westernstadt. Und auch hier gilt das Recht des Stärkeren.

Taboo: Zilpha Geary (Oona Chaplin) Bild: BBC

Taboo: Zilpha Geary (Oona Chaplin) Bild: BBC

Das ist hier in der Regel der, der Geld hat – damit kommen wir zu dem ganz neuen Gott, dem nicht nur die East India Company huldigt: dem Profit. Auch James Delaney ist vor allem ein Geschäftsmann, der sich ein eigenes Handelsimperium aufbauen will. Vom Nootka Sound aus will er Tee aus Kanton holen und ein Monopol auf Tee etablieren. Sagt er den Engländern. Den Amerikanern sagt er, er wolle mit Otterfellen handeln. Er weiß, dass beide Parteien an seinem Stück Land interessiert sind, weil es ihnen jeweils einen strategischen Vorteil verschaffen würde – zwischen Großbritannien und Amerika herrscht Krieg, den Delaney geschickt für seine eigenen Pläne nutzt.

Und dann hat er noch eine Rechnung mit der East India Company offen – nachdem das Schiff, auf dem er als junger Kadett im Dienst der Company stand, vor einer afrikanischen Küste auf Land lief und sank, wurde er für tot erklärt. Es durfte keine Überlebenden geben, das Schiff hatte nämlich Sklaven an Bord – und die ehrwürdige Britische Ostindien-Kompanie wollte laut einem vor ihr selbst unterzeichneten Kodex keine Sklaven mehr auf ihren Schiffen transportieren. Doch auch der Vorsitzende der Company, Sir Stuart Strange (Jonathan Pryce), verehrt vor allem die kapitalistischen Götter, und Sklaven bringen mehr Profit als alles andere.

Taboo: Lorna Bow (Jessie Buckley) Bild: BBC

Taboo: Lorna Bow (Jessie Buckley) Bild: BBC

Irgendwie findet James Delaney das dann aber doch nicht gut – er hat der ehrwürdige Company den Krieg erklärt. Wobei lange Zeit nicht so richtig klar wird, warum – Delaney ist ein gerissener Geschäftsmann, soviel ist sicher, aber gleichzeitig schert er sich einen Dreck um Ruhm und Anerkennung. Er macht sich auch nicht viel aus dem christlichen Glauben – er lebt nach seinen eigenen Regeln. Und die sind zum Teil sehr krude: Es wird bezeugt, dass Delaney seinen Feinden das Herz aus der Brust reißt und verzehrt. Und er liebt seine schöne Halbschwerster Zilpha (Oona Chaplin) – durchaus nicht in der Weise, wie ein treu sorgender Bruder das tun sollte.

Und skandalöser noch: Zilpha liebt James auch auf diese gefährliche, eben nicht geschwisterliche Weise. Sie begehrt ihren Bruder genauso wie er sie. Allerdings sucht sie im christlichen Glauben Zuflucht, auch wenn das eher wenig hilft. Und sie redet sich ein, dass ihre Ehe mit dem wohlhabenden, aber sonst eher unterbelichteten Thorne Geary (Jefferson Hall) glücklich ist. Oder genauer, sie bestraft sich selbst mit ihrem eifersüchtigen Ehemann für ihre unzüchtige Sehnsucht nach ihrem Bruder.

Taboo: Sir Stuart Strange (Jonathan Pryce) Bild: BBC

Taboo: Sir Stuart Strange (Jonathan Pryce) Bild: BBC

Der wiederum an seinem Plan arbeitet, in der neuen Welt gemeinsam mit ihr neu anzufangen – in Amerika kennt sie schließlich keiner, dort können sie sein, wer immer sie sein wollen. Aber dazu muss er eine Menge Probleme lösen – so hat sein Vater kurz vor seinem Tod noch eine Schauspielerin geheiratet, die nun ebenfalls Anspruch auf das Erbe erhebt. Und er muss eine Menge Schießpulver für die Amerikaner beschaffen, was ein sehr kniffliges Unterfangen wird. Und dann hat er auch noch Stress mit einer alten Bekannten, der Hure Helga (Franka Potente), die ihn beschuldigt, ihre Tochter Winter getötet zu haben.

Zusätzlich hat er ja weiterhin die äußerst einflussreiche Company am Hacken, die weder eine erneute Untersuchung jenes Schiffsunglücks wünscht, das Delaney ärgerlicherweise überlebt hat, noch das Entstehen einer neuen Konkurrenz zulassen will – sondern stattdessen alles daran setzt, den Kampf um die Pole-Position für die beste Handelsroute im Pazifik für sich zu entscheiden. Es ist also ganz schön was los in den acht Folgen der ersten Staffel, auch wenn es eine Weile dauert, bis die Geschichte ihren Sog entwickelt.

Taboo: Helga (Franka Potente) Bild: BBC

Taboo: Helga (Franka Potente) Bild: BBC

Obwohl Taboo optisch oft sehr roh und drastisch daher kommt, ist die Handlung erstaunlich vielschichtig – genau sich hinter der massigen Gestalt von James Delaney ein erstaunlich feinsinniger Mensch verbirgt, der zwar alle menschlichen Abgründe kennt, aber den Blick für das Gute, das in manchen Menschen noch vorhanden ist, nicht verloren hat. So verhält er sich gerade denen gegenüber, die es nicht so gut getroffen haben, immer sehr korrekt, genau wie er Frauen mit Respekt behandelt, selbst wenn sie ihm Schwierigkeiten bereiten. Wobei ich „roh und drastisch“ auch relativieren muss – das London dieser Serie ist ein sehr düsterer und dreckiger Ort – was es zu jener Zeit gewiss auch gewesen ist.

Die Bilder an sich sind allerdings wohlkomponiert und in ihrer Düsternis sehr ästhetisch – mit Kristoffer Nyholm und Anders Engström, die bei jeweils vier Folgen Regie geführt haben, sind zwei Skandivian-Noir-Experten an Bord, Nyholm ist unter anderem für Kommissarin Lund bekannt, Engström hat einige Wallander-Filme gemacht. Im Taboo trifft also britisches Historiendrama auf skandinavischen Psychokrimi – das ist eine gewagte, aber sehr interessante Mischung, zumindest für Serienfans mit etwas Geduld und guten Nerven. Die können sich auf eine ganze Reihe grandioser Schauspieler freuen – neben Tom Hardy und Oona Chaplin sind unter anderem auch Jonathan Pryce als Sir Stuart Strange, Mark Gatiss als Prinzregent, Franka Potente als Helga und Michael Kelly als Dr. Edgar Dumbarton dabei.

Taboo: Moderner Held mit archaischen Instinkten

Taboo: Moderner Held mit archaischen Instinkten

Good Girls Revolt

Um endlich mal wieder das von mir vernachlässigte Genre „Frauen-Serie“ und gleichzeitig auch die Rubrik „Amazon Video“ zu bedienen – Designated Survivor war ja wieder bloß wieder „Männer-Serie“ und „Netflix“: Es gibt ab Anfang Dezember Good Girls Revolt in der deutschen Version auf Amazon. In Good Girls Revolt trifft Mad Men auf The News Room – und das ist wirklich Zeit- und Mediengeschichte vom Feinsten.

Wir blicken in deprimierende, aber eben auch revolutionäre und deshalb beflügelnde Zeiten zurück: Die Generation Woodstock schreibt nicht nur Musikgeschichte, sondern inspiriert junge Menschen, anstatt auf ihre Eltern zu hören, lieber ihre Träume zu leben – und eben nicht fürs Vaterland in den Krieg zu ziehen, sondern tatsächlich Liebe statt Krieg zu machen. Und sich die Haare wachsen zu lassen, coole bunte Klamotten an (und wieder aus) zuziehen und natürlich alles an Drogen einzuwerfen, was gerade verfügbar ist: Pop Art verkraftet man nur auf LSD.

Good Girls Revolt Bild: Amazon

Good Girls Revolt Bild: Amazon

Natürlich ist das rückblickend oft reichlich naiv – aber genau das war ja auch das Schöne daran: Die Leute glaubten damals eben noch, dass man den Traum von einer besseren Welt tatsächlich leben kann – heute wissen wir, dass Musik, Klamotten und Zeitgeist auch wieder nur Geschäftsmodelle sind, mit denen findige Leute Geld verdienen, dass sie uns aus den Taschen ziehen. Und das muss erstmal verdient werden – auch davon handelt Good Girl Revolt. Es ist eine der wenigen Serien, die ganz explizit die moderne Arbeitswelt zum Thema hat, davon gibt es interessanterweise nicht allzu viele, obwohl die allermeisten Menschen auf der Welt die meiste Zeit, in der sie nicht schlafen, damit verbringen müssen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Und auch Mädchen müssen Geld verdienen. Sie können und wollen ihren Eltern nicht ewig auf der Tasche liegen, denn es dauert ja auch, bis Mr. Right gefunden ist – und selbst diejenigen, die sich jung in eine Ehe gestürzt haben, sind oft schon deshalb gezwungen, mit zu verdienen, weil das Leben in der Großstadt New York teuer ist und der Liebste selbst noch in der Ausbildung steckt. Oder gerade in Vietnam für Freiheit, Demokratie und Coca Cola kämpft und stirbt.

Screenshot Good Girl Revolt: Patte Robinson (Genevieve Angelson) und Douglas Rhodes (Hunter Parrish)

Screenshot Good Girl Revolt: Patte Robinson (Genevieve Angelson) und Douglas Rhodes (Hunter Parrish)

Wir schreiben das Jahr 1969 und wir sind in der Redaktion von The Newsweek. Wie jede andere Zeitung zu der Zeit wird dieses Magazin von Männern dominiert. Männer dürfen Reporter sein, Redakteure und natürlich Chefredakteure. Männer geben Anweisungen, Frauen machen die Arbeit. Die Good Girls telefonieren, recherchieren, tippen ins Reine, machen und bringen Kaffee, holen Sandwiches und Zigaretten und spenden Trost. Und verdienen damit nur einen Bruchteil von dem, was die Jungs dafür kriegen.

Viel Mühe haben sich die Serienmachern bei der Ausstattung gegeben – allein diese vielen Schreibmaschinen! Auch ich habe auf einer solchen Olympia noch meine erste Hausarbeit geschrieben – und entschieden, dass ich meinen nächsten Semesterferienlohn in einen Computer investiere. Für jeden Vertipper muss man noch mal komplett von vorn anfangen. Und immer berechnen, vielviel man auf der Seite unten noch für die Fußnoten braucht. Der reinste Horror.

Screenshot Good Girls Revolt: Der Chef läuft Amok

Screenshot Good Girls Revolt: Der Chef läuft Amok

Es gab noch kein Internet, keine (a)sozialen Netzwerke, ja nicht mal Computer auf den Schreibtischen. Die Journalisten mussten damals noch analog recherchieren, in dem sie zahllose Telefongespräche führten, mit dem Notizblock auf die Straße gingen und sich durch Archive wühlten. Oder nein – dafür gab es ja die fleißigen Mädchen, die für ihren Reporter, Investigator oder Redakteur die mühsame Recherche-Arbeit übernahmen, damit der sich ganz auf das Schreiben konzentrieren konnte. Wobei auch das von den Good Girls oft noch übernommen wurde, weil sie zum einen ohnehin besser im Thema waren und zum anderen darin geübt, aus den genialen Gedanken ihrer Vorgesetzten einen lesbaren Text ohne Rechtschreibfehler zu machen.

Und die meisten der Mädels sind damit zufrieden – ihr Job ist ja nur eine Zwischenstation auf dem Weg in die Ehe. Sie haben die Schule abgeschlossen, viele sogar ein College – klar ist eine Ausbildung immer gut. Vor allem aber, um den Richtigen zu finden. Der ihnen dann einen Ring überreicht und sie ihrer eigentlichen Aufgabe zuführt: Sich um Mann und Kinder zu kümmern – genau, wie sie es jetzt für ihren jeweiligen Vorgesetzten tun.

Screenshot Good Girl Revolt: William 'Wick' McFadden (Jim Belushi) und Evan Phinnaeus 'Finn' Woodhouse (Chris Diamantopoulos)

Screenshot Good Girl Revolt: William ‚Wick‘ McFadden (Jim Belushi) und Evan Phinnaeus ‚Finn‘ Woodhouse (Chris Diamantopoulos)

Pflichtbewusst, wie Frauen nun einmal sind, machen sie diesen Job hervorragend – sie machen Überstunden, um an die fehlenden Details für die Story zu kommen. Im richtigen Augenblick haben sie die entscheidende Eingebung, um die ganze Geschichte noch zu retten und kurz vor der Deadline schreiben sie den Artikel mal eben schnell um, damit alles korrekt in den Druck gehen kann. Nur eben nicht unter ihren eigenen Namen, sondern unter dem des jeweiligen Reporters, dem sie zugeteilt werden.

Was mich übrigens an meine eigenen Anfänge erinnert – meine Karriere als Redakteurin fing auch damit an, dass ich für einen Schnösel, der deutlich jünger war als ich, sich aber aus nicht nachvollziehbaren Gründen bereits Chefredakteur nennen durfte, Recherchenarbeiten leisten musste, die er dann als Artikel unter seinem Namen veröffentlicht hat. Aber als Mutter von zwei kleinen Kindern war ich natürlich froh, überhaupt einen Job bekommen zu haben – und so geht es auch den Mädchen in der Serie, sie freuen sich, dass sie überhaupt eigenes Geld verdienen dürfen.

Screenshot Good Girl Revolt: William 'Wick' McFadden (Jim Belushi) und Evan Phinnaeus 'Finn' Woodhouse (Chris Diamantopoulos)

Screenshot Good Girl Revolt: William ‚Wick‘ McFadden (Jim Belushi) und Evan Phinnaeus ‚Finn‘ Woodhouse (Chris Diamantopoulos)

Auf der einen Seite klingt das total irre – denn jeder normale Mensch weiß, dass Geld verdienen kein Privileg, sondern eine lästige Pflicht ist. Auf der anderen Seite ist es noch viel irrer, denn es geht ja genau um das Recht der Frauen, sich freudig und bereitwillig in die ganz normale Ausbeutungsmaschinerie stürzen zu dürfen. Und so sehr ich die Zwänge der modernen Arbeitswelt als unzumutbar für normale Menschen empfinde, so sehr verstehe ich natürlich doch das Bedürfnis jener enthusiastischen Idiotinnen, sich wenigstens zu den Bedingungen ausbeuten lassen zu wollen, die für die Männer gelten.

Doch selbst vom Recht auf den besseren Job müssen viele der Mädels erst mühsam überzeugt werden. Die einen finden, dass es zu gefährlich sei, in die Hand zu beißen, die sie füttert – was, wenn sie nicht befördert, sondern gefeuert werden? Sie brauchen den Job doch so dringend. Die ohnehin schon privilegierteren finden, dass sie es auch aus eigener Kraft schaffen können, in dem sie die richtige Gelegenheit erkennen und nutzen, um mehr Geld und mehr Anerkennung zu bekommen. Sie sind zu stolz, um Gleichberechtigung einzuklagen, sie haben das Leistungsdenken dermaßen verinnerlicht, dass sie bereit sind, einfach immer besser zu sein, um das Gleiche zu erreichen.

Screenshot Good Girls Revolt: Cindy Reston (Erin Darke), Nora Ephron (Grace Gummer) und Jane Hollander (Anna Camp)

Screenshot Good Girls Revolt: Cindy Reston (Erin Darke), Nora Ephron (Grace Gummer) und Jane Hollander (Anna Camp)

Mit der Hilfe der engagierten Anwältin Eleanor Holmes Norton (Joy Bryant) schaffen Patti Robertson (Genevieve Angelson) und Cindy Reston (Erin Darke) es schließlich aber doch, genügend Mitstreiterinnen für ihr Projekt zu gewinnen: Sie reichen eine formelle Beschwerde gegen die systematische Diskriminierung in ihrer Redaktion ein und verweisen darauf, dass sie ein von der Verfassung garantiertes Recht auf Gleichbehandlung haben. Und damit auch auf die gleichen Jobs und das gleiche Gehalt wie die Jungs.

Genau das ist bis heute noch nicht erreicht: Männer verdienen zwar nicht mehr das Dreifache, aber im Durchschnitt gut ein Fünftel mehr als Frauen in vergleichbaren Positionen. Das ist auch in meinem Laden nicht anders. Und es liegt nicht daran, dass Frauen nicht genug verlangen – sie werden mit ihren Forderungen einfach nicht so ernst genommen. Auch wenn sich inzwischen einiges getan hat – es ist längst noch nicht genug. Dabei sind die Männer auch in der Newsweek-Redaktion ja keineswegs durch die Bank Arschlöcher.

Screenshot Good Girls Revolt: Eleanor Holmes Norton (Joy Bryant)

Screenshot Good Girls Revolt: Eleanor Holmes Norton (Joy Bryant)

Chefredakteur Finn Woodhouse (Chris Diamantopoulos) ist zwar mitunter etwas cholerisch und er hat Beziehungsprobleme, weil ihm sein Job immer wichtiger als alles andere ist, aber er erkennt durchaus, das Patti Robertson Talent hat. Und auch Pattis Reporter Douglas Rhodes (Hunter Parrish) ist eigentlich ein netter Kerl – er will ja auch, dass die Verhältnisse sich ändern, deshalb ist er ja Journalist. Er will Missstände aufdecken und darüber berichten – er und Patti sind ein super Team, das gute Storys produziert. Nur will Patti eben auch Reporterin sein und ihre eigenen Artikel schreiben – unter ihrem Namen. Aber ihm geht es, wie vielen Männern: Warum angestammte Privilegien einfach so aufgeben? Ihm wäre lieber, wenn Patti einfach seine Frau würde. Aber Patti will nicht heiraten, Patti will über sich selbst bestimmen und sie will kämpfen.

Denn eins ist klar, das erklärt auch Eleanor: „Wenn ihr mehr Geld bekommt, dann werden andere entsprechend weniger bekommen. Wenn ihr den besseren Job bekommt, dann bekommt ihn einer von den anderen nicht!“ Kampflos wird das nicht zu haben sein. Und es ist ja noch immer nicht kampflos zu haben – seit der Revolte der Good Girls hat sich einiges geändert. Aber mir ist beim Ansehen der Serie einmal mehr klar geworden, dass es noch längst nicht genug ist.

Screenshot Good Girls Revolt: Patti (Genevieve Angelson), Naomi (Frankie Shaw) und Jane (Anna Camp)

Screenshot Good Girls Revolt: Patti (Genevieve Angelson), Naomi (Frankie Shaw) und Jane (Anna Camp)

Und angesichts des Gejammers über den demografischen Wandel, der ja an allem schuld sein soll, ist eigentlich die nächste Revolution längst überfällig. Wir Frauen sind ja eh wieder für alles zuständig: Von den kommenden Armutsrenten über den Fachkräftemangel bis zur schwindenden Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft: Das alles nur, weil die Frauen heute lieber arbeiten gehen, statt Kinder in die Welt zu setzen! Und die, die Kinder kriegen, kriegen zu wenig Kinder und überhaupt liebe Frauen: Statt als Kanzlerin den Standort D zu ruinieren, besinnt euch lieber auf die guten alten Zeiten, in denen ihr als Trümmerfrauen Deutschland wieder aufgebaut und neben bei noch jede Menge Kinder großgezogen habt – da habt ihr die Männer doch auch in Ruhe arbeiten und Geld verdienen lassen. Es ist so zum Kotzen.

Deshalb: Nehmt euch lieber ein Beispiel an Patti – zieht euch einen Joint rein und macht Party. Und dann aber nicht zurück an die Arbeit, sondern auf zur Revolution. Es ist noch viel zu tun.

The Get Down ist das bessere Vinyl

Rückwirkend scheinen die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ein einziger knallbunter LSD-Trip gewesen zu sein, unterlegt mit einem fantastischen Soundtrack. Mit der Retroserie Vinyl haben Terrence Winter und Martin Scorsese versucht, diese Stimmung einzufangen – was aber nur bedingt gelungen ist, letztlich ist Vinyl dann doch nur eine eher mittelere Mafia-Serie in lustig und mit jeder Menge Stars aus den 70ern geworden – fast ausschließlich weißen Stars, wohlgemerkt.

The Get Down: This boardwalk is my little prairie  Bild via Netflix

The Get Down: This boardwalk is my little prairie Bild via Netflix

Netflix hat jetzt richtig viel  Geld in die Hand genommen (das Budget soll an das der ebenfalls sehr teuren HBO-Serie Game of Thrones herankommen und bei um die 10 Millionen Dollar pro Folge liegen) und einen schwarzen Gegenentwurf dazu verfilmt: Die Retro-Musik-Serie The Get Down erzählt von der Geburtsstunde des Hiphop in der Bronx – lange bevor das Ding diesen Namen bekam. Und auch wenn The Get Down gerade in ersten Teil, der zwar nicht ganz so überdimensioniert ist, wie die Pilotfolge von Vinyl es war, einige Fehler von Vinyl wiederholt – streckenweise gleicht die Inszenierung einem bombastischen Videoclip, der nicht nur ein paar Minuten, sondern gefühlt Stunden dauert – so ist die Geschichte hier doch deutlich besser: Es geht hier nämlich nicht um ein paar abgehalfterte weiße Koksnasen, die ihre Pfründe nicht aufgeben wollen, sondern um ein paar in der gnadenlosen US-Gesellschaft vergleichsweise chancenlose schwarze Jungs, die in der total runtergekommenden Bronx ihren Traum von einem besseren Leben verwirklichen wollen – und zwar mithilfe dieser neuen Musik, die daraus entsteht, dass sie vorhandene Musik nehmen und mittels zwei Plattenspielern neu zusammensetzen – und ihren Frust über die Welt auf dem daraus entstehenden Beat ins rhytmisch Mikrofon rotzen.

The Get Down: Grandmaster Flash erfindet den Hiphop

The Get Down: Grandmaster Flash erfindet den Hiphop
Bild via Netflix

The Get Down zeigt die Ghetto-Version der 70er-Musik-Geschichte, hier, in den von der Politik aufgegebenen Gebieten von New York sieht man kein einziges weißes Geschichte mehr, hier wohnen nur noch Schwarze und Latinos in heruntergekommenen Mietskasernen. Das ist in der für meinen Geschmack etwas zu musicalartigen Inszenierung zwar in erster Linie Kulisse, in der die Protagonisten gemessen an ihren beschissenen Lebensumständen noch erstaunlich viel Spaß haben, wirkt aber trotzdem deutlich realistischer als dieses eigenartige 70er-Jahre Holodeck, in dem Vinyl spielt.

Der verträumte Zeke (Justice Smith)  hat früh seine Eltern verloren und wächst bei seiner Tante und ihrem Freund auf – er ist ein begabter Dichter, der sich in der Schule vor den anderen für genau dieses  Talent schämt, dort dominieren die coolen und harten Jungs, die Graffisprayer, die Gangmitglieder. Und dann ist Zeke auch noch verliebt – in die schöne Mylene Cruz (Herizen F. Guardiola), die ihre Wahnsinnsstimme auf Geheiß ihres strengen Vaters, der Prediger ist (und von Giancarlo Esposito gespielt wird) nur in der Kirche zu Ehre Gottes erklingen lassen soll. Aber auch Mylene hat einen Traum – sie will Sängerin werden, und war nicht im Gospelchor.

The Get Down: Zeke und seine Gang Bild via Netflix

The Get Down: Zeke und seine Gang
Bild via Netflix

Zu diesem Zweck wird sie sich mit ihren Freundinnen in den heißesten Club in der Bronx schmuggeln, um dort den wöchentlichen Tanzwettbewerb zu gewinnen und damit vielleicht die Aufmerksamkeit des derzeit angesagtesten DJs zu gewinnen – der ihr dann ein Vorsingen bei seiner Plattenfirma verschaffen soll. Während Mylene aufgrund ihrer Stimme und ihres Aussehens eine gewisse Chance hat, diesen Plan umzusetzen, sieht es für Zeke ziemlich übel aus. Aber Zeke greift nach dem rettenden Strohhalm – wenn er die überaus seltene Platte mit der bestimmten Version von Mylenes Lieblingssong besorgen kann, wird Mylene gar nicht anders können, als mit ihm zu tanzen und gemeinsam werden sie diesen Tanzwettbewerb ganz bestimmt gewinnen!

The Get Down: Zeke im Glück

The Get Down: Zeke im Glück
Bild via Netflix

Zeke findet diese Platte sogar, doch bevor er sie käuflich erwerben kann, wird der Plattenladen von der örtlichen Gang überfallen, die ein höheres Schutzgeld kassieren will. Und bevor Zeke sich verdrücken kann, kommt noch eine dritte Partei ins Spiel: Shaolin Fantastic (Shameik Moore) – ein offensichtlich von Bruce Lee inspirierter früher Parkour-Künstler, der mit seinen roten Puma-Turnschuhen höchst elegant über die Dächer der Bronx turnt. Er reißt Zeke die Platte aus den Händen und turnt davon – verfolgt von der wütenden Meute und von Zeke, der jetzt auf keinen Fall aufgeben wird – und Zekes Hartnäckigkeit wird am Ende belohnt – nach einer halsbrecherischen Jagd über die Dächer brennender Häuser muss Shaolin die Platte loslassen, um nicht in die Tiefe zu stürzen – und das begehrte Stück fällt Zeke direkt vor die Füße. Jetzt muss sich Zeke nur noch schick machen – sein bester Freund besorgt ihm Ausgehgarderobe seines Musiker-Vaters – und noch irgendwie am Türsteher vorbeikommen.

Im Les Inferno geht es derweil hoch her – es ist die Hochzeit der Disco-Tanzhits und hier wird im sexy Glitzerkleid und schniekem weißen Dreiteiler samt schräg am Kopf festgetackertem Hut eine heiße Sohle aufs Parkett gelegt. Mylene hat längst die Aufmerksamkeit von Supertänzer Cadillac (Yahya Abdul-Mateen II) erregt, der aber ganz andere Sachen von ihr will, als sie sich vorgestellt hat. Nein, so eine ist sie nicht.

The Get Down: Mylene (Herizen F. Guardiola) und ihre Freundinnen

The Get Down: Mylene (Herizen F. Guardiola) und ihre Freundinnen

Draußen vor der Tür hat Shaolin Zeke entdeckt – und fordert jetzt seine Schallplatte zurück. Schließlich hat er sie zuerst geklaut und er braucht sie für einen Get Down später am Abend. Aber Zeke gibt das gute Stück nicht her, selbst, als Shaolin ihm mit allerlei Kung-Fu-Firlefanz furchtbare Prügel androht. Zeke erklärt, dass er verliebt sei und diese Platte seine einzige Chance ist. Wenn Shaolin sie ihm wegnehmen wolle, könne er ihn auch gleich umbringen. Und weil die Sache ohnehin aussichtlos ist, rappt Zeke noch eine eindrucksvolle Beschimpfung zusammen.

Shaolin ist beeindruckt: So einen furchtlosen Meister der Worte hat er gesucht, um sich als DJ einen Namen zu machen. Er bietet Zeke an, ihn in den Club zu bringen – Shaolin ist dort gern gesehen, weil er die komplette Mannschaft mit Koks versorgt. Doch obwohl Zeke es ins Les Inferno schafft, der DJ die Platte auflegt und Mylene freudig überrascht ist, Zeke zu sehen, endet der Abend erstmal in einem überaus blutigen Desaster, denn nicht vergessen, wir sind in der Bronx, und die war in den 70er Kriegsgebiet.

The Get Down: Shaolin Fantastic (Shameik Moore) auf der Flucht

The Get Down: Shaolin Fantastic (Shameik Moore) auf der Flucht
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Natürlich gibt es in The Get Down auch ein bisschen Politik: Das New York der 70er Jahre ist eine hoffnungslose Stadt, pleite und fest in der Hand korrupter Eliten. Nachdem die Stadt 1975 offiziell bankrott war, wurde dort genau das gemacht, was die Politik in Zeiten der Krise immer macht: Staatsbedienstete rausschmeißen, also nicht die Politiker natürlich, die für die Misere zuständig sind, sondern Lehrer, Sozialarbeiter, Polizisten, Krankenpfleger oder Feuerwehrleute, Sozialausgaben kürzen, privatisieren, also staatliche Aufgaben wie die Wasserversorgung oder die Müllabfuhr an private Halsabschneider deligieren. Und natürlich wird dadurch alles immer nur noch schlimmer: Je mehr Menschen ihre Jobs und damit ihre Existenzgrundlage verlieren, desto stärker werden die Spannungen in der Gesellschaft – nur Gewalt und Verbrechen nehmen einen rasanten Aufschwung, während alles, was bisher noch funktioniert hat, vor die Wand gefahren wird.

The Get Down: Politiker und ihre Visionen Bild via Netflix

The Get Down: Politiker und ihre Visionen
Bild via Netflix

Immer wieder werden in die Handlung originale Fernsehbeiträge aus jener Zeit in die Handlung montiert, Bilder, die brennende Häuser, vergebliche Feuerwehreinsätze, verwahsloste und total vermüllte Straßen oder auch wütende Proteste aufgebrachter Bürger zeigen. Überhaupt fackelt in fast jeder Außenszene von The Get Down irgendwo im Hintergrund ein Haus ab – die Hauseigentümer brennen ihre Häuser lieber nieder, statt sie instandzusetzen. Stattdessen wollen sie neue Hochhäuser bauen, mit denen sie eine bessere Rendite erzielen können. Und weil die Stadt aus Budgetgründen eine Feuerwache nach der anderen geschlossen hat, werden diese Feuer nicht mehr gelöscht, sondern fressen sich Block um Block ganze Straßenzüge entlang.

Kein Wunder, dass die Stimmung in der Stadt einer Party auf dem Vulkan gleicht – Zeke und seine Freunde haben nichts zu verlieren und befinden sich genau deshalb im permanenten Kampf ums Überleben – genau daraus schöpfen sie aber die Energie, von der diese Serie lebt.

The Get Down: Sonntagsessen bei Familie Cruz Bild via Netflix

The Get Down: Sonntagsessen bei Familie Cruz
Bild via Netflix

Ku’damm 56 – verdammt lang her

Wer meinen Blog bereits länger kennt, weiß, dass ich mit aktuellen ZDF-Mehrteilern ernsthafte Probleme habe – so schrecklich überkonstruierte, von hinten bis vorn verschwurbelte Geschichten, die politisch streng auf der Linie des deutschen Regierungsfernsehens nach Adenauer-Art verharren wie Tannbach oder Unsere Mütter unsere Väter sind einfach nicht mein Ding. Obwohl ich ansonsten wirklich Fan historischer Stoffe bin. Und nebenbei: Die ARD-Produktionen Das Adlon oder Weißensee (in dem Fall leider noch deutlich mehr als drei Teile) sind auch kein Ruhmesblatt für neuere deutsche Fernsehgeschichte.

Insofern hatte ich es nicht besonders eilig, mir Ku’damm 56 anzusehen. Ich habe das inzwischen nachgeholt – vor allem, weil die Tage durch die Presse ging, dass Ku’damm 56 wegen Erfolgs verlängert und als Ku’damm 59 wieder zu sehen sein wird. Und ja, ich hab jetzt keine Geschichte zum Niederknien gesehen, aber ich fand Ku’damm 56 doch deutlich besser als das, was ich erwartet hatte.

Die Schöllacks: Helga (Maria Ehrich), Caterina (Claudia Michelsen), Monika (Sonja Gerhardt) und Eva (Emilia Schüle)

Die Schöllacks: Helga (Maria Ehrich), Caterina (Claudia Michelsen), Monika (Sonja Gerhardt) und Eva (Emilia Schüle)

Wobei – dass deutsche Fernsehproduktionen gut darin sind, Zeitgeschichte nachzuempfinden, ist ja kein Geheimnis und ich weiß das durchaus zu schätzen – in dem Punkt waren auch die bisher genannten Mehrteiler allesamt nicht schlecht: Perfektionistisch, wie wir Deutschen angeblich so sind, können wir Elend und Ruinen, Reichsparteitage, Rock’N’Roll, die DDR, Wirtschaftswunder, das Kaiserreich oder die morbiden 20er Jahre wiederauferstehen lassen, und allet passt – Recherche und Ausstattung ist in der Regel erste Sahne.

Unter anderem in Potsdam-Babelsberg wurde schließlich der Kinofilm erfunden – was die Sache ja eigentlich noch trauriger macht: Hierzulande wurde tatsächlich Film- und Kinogeschichte geschrieben. Aber was derzeit dabei raus kommt, ist weder solides Handwerk, noch innovative Filmkunst. Dabei schafft es sogar ein Hungerleider-Ostbalkan-Land wie Bulgarien mit Undercover eine Krimiserie zu produzieren, die international zu recht Aufsehen erregt. Während eine bestimmt sehr viel teurere und aufwendige Produktion wie Im Angesicht des Verbrechens einfach mal wieder vor die Wand fährt.

Ku'damm 56: Freddy (Trystan Pütter) und Monika (Sonja Gerhardt) in ihrem Element

Ku’damm 56: Freddy (Trystan Pütter) und Monika (Sonja Gerhardt) in ihrem Element

Wobei, mir kann es ja eigentlich egal sein – als international orientiertem Menschen ist mir die Nation egal, ich bin zufällig Deutsche, das habe ich mir nicht ausgesucht und somit ist das auch nichts, worauf ich mir etwas einbilde. Und ich habe ein Problem damit, wenn andere sich auf ihre Nationalität etwas einbilden – das ist das Letzte. Weil es nun mal das Letzte ist, was man verdient hätte – das ist etwas, wofür man nun wirklich gar nichts kann. Wenn jemand sich auf nichts anders etwas einbilden kann, ist er eine echt arme Sau, was nicht entschuldigt, dass er oder sie am Ende ein Scheißrassist ist. Oder nur ein Scheißnationalist. Was auch nicht besser ist. Aber das nur am Rande.

Weil Deutsch nun einmal meine Sprache ist, und ich eine deutsche Schul- und Universitätsausbildung erleiden musste (weniger ehrliche Menschen würden jetzt schreiben „genossen habe“, aber das habe ich nicht, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ich hatte tatsächlich einige, wenige, Lehrer und später Professoren, bei denen ich wirklich das Gefühl hatte, dass die mir was beibringen wollten, das ich erleichtert und herzlich erwiedert habe, in dem ich auch etwas lernte, sonst wäre ich gar nicht imstande diesen Blog zu schreiben) sind eben auch deutsche Filme und Serien Gegenstand meines allgemeinen Interesses an Filmen und Serien.

Eva (Emilia Schüle) und ihr Professor (Heino Frech)

Eva (Emilia Schüle) und ihr Professor (Heino Frech)

Und es gab und gibt ja auch immer Künstler auch in Deutschland – wobei das nicht unbedingt Deutsche waren – hier haben die USA, die ich sonst gern in vielerlei Hinsicht in Grund und Boden argumentieren möchte, Deutschland vieles voraus – vor allem, dass die dort Abstammung eine nicht ganz so große Rolle spielt – es sei denn, ein Halbschwarzer mit „Hussein“ als Binnennamen will Präsident werden. Noch ein Detail am Rande – Donald Trump ist sehr stolz darauf, deutscher Abstammung zu sein: Er ist mit den Ketchup-Heinzens verwandt und seine Großeltern sollen aus Bayern sein. Da sollte einen doch schon sehr viel weniger wundern, denn Trumps rustikales Verhalten kennt man doch von der CSU. Und wenn man Trumpsens Verhalten mit dem von Strauß, Stoiber, Seehofer und Söder abgleicht, wird es doch gleich viel normaler. Zumindest, wenn man ab etwa fünf Maß intus hat.

Aber jetzt muss ich mich wieder zusammen reißen, denn ich schreibe eigentlich nicht den großen neuen deutschen Roman, auf den die Fachwelt hoffentlich lange gewartet hat, sondern nur einen Blogeintrag über Ku’damm 56. Und ja, da wird es schwierig.

Helga (Maria Erich) und ihr schwuler Rechtsassessor Wolfgang van Boost (August Wittgenstein)

Helga (Maria Erich) und ihr schwuler Rechtsassessor Wolfgang van Boost (August Wittgenstein)

Denn einerseits fand ich die Geschichte gar nicht dermaßen schlecht. Was mir vor allem gefallen hat, war, dass die giftige Verlogenheit der unmittelbaren Nachkriegszeit voll ausgespielt wurde: Die Mutter der Geschichte, Caterina Schöllack, ist eine ebenso arrogante wie verlogene Sau.

Claudia Michels spielt sie mit einer glaubwürdig fragilen Grandezza, das allein ist wirklich preiswürdig: Diese Frau hat sich in ihrer Lebenslüge eingerichtet und terrorisiert ihre drei Töchter mit deutscher Gründlichkeit. Die Töchter sind Helga (Maria Ehrich), die einen homosexuellen Rechtsassessor heiratet, der hoffentlich bald Staatsanwalt wird, das Nesthäkchen Eva (Emilia Schüle), das Krankenschwester in einer psychiatrischen Klinik ist, und den für sie viel alten Professor heiraten soll (Heino Ferch als Prof. Dr. Jürgen Fassbender), auch nicht schlecht übrigens, und dann gibt es schließlich die mittlere Tochter Monika (Sonja Gerhardt), die eigentlich zu gar nichts taugt, aber ein gutes Herz hat.

Mit solchen Kindern ist kein Staat zu machen – auch wenn Helga und Eva das Programm ihrer Mutter komplett verinnerlicht haben und es über die Selbstverleugnung hinaus knallhart durchexerzieren: Das ist, was mir an diesem Dreiteiler gefällt. Sie befolgen das Programm, das ihnen die Mutter als den Weg zum Glück vorgeschrieben hat, und es endet für alle komplett desaströs: Helga bringt sich schier um in der Rolle der guten Hausfrau für ihren strengen, aber lustlosen Ehemann – sehr zum Missfallen ihres Gatten wird sie sogar eine Werbeikone für die verlorenen Ideale der 50er Jahre. Eva verleugnet ihre Liebe zu der netten Ossi-Sportkanone und lässt sich auf den für sie viel zu alten Professor ein – selbst nachdem er ihr zu dem von ihm selbst gekochten mongolischen Reiterfleisch gesteht, dass er als junger Assistenzarzt in den Nazi-KZs an Menschenversuchen beteiligt war.

Fabrikantensohn Frank (Sabin Tambrea), Mama Schöllack (Claudia Michels) und Monika (Sonja Gerhardt)

Fabrikantensohn Frank (Sabin Tambrea), Mama Schöllack (Claudia Michels) und Monika (Sonja Gerhardt)

Und Monika – sie gibt den von ihr Mutter ausgeheckten Plan auf, den reichen Fabrikantensohn wegen ihrer Schwangerschaft zur Heirat zu zwingen – schließlich hat er sie tatsächlich vergewaltigt, weil er sich irgendwie gelangweilt und missverstanden fühlte, dann aber doch irgendwie Gefallen an diesem schrägen Mädchen gefunden hat, das mit dieser Gesellschaft einfach nicht funktionieren will. Natürlich kann auch das nicht gut ausgehen – und wenigstens gibt es hier keine falsche Hoffnung.

Monika weiß, dass beide Männer für sie nicht taugen, weder der Musiker Freddy (Trystan Pütter), von dem sie ein tatsächlich ein Kind erwartet, noch der Kapitalistenspross Frank (Sabin Tambrea), der eigentlich lieber Romanautor als Ingenieur im Werk seines verhassten Vaters sein will, der mit den Waffen, mit denen sein älterer Sohn Harald erschossen wurde, weiterhin viel Geld verdienen will.

Frank (Sabin Tambrea) und Monika (Sonja Gerhardt)

Frank (Sabin Tambrea) und Monika (Sonja Gerhardt)

Ich mag die in Ku’damm 56 thematisierten Widersprüche – der echte Vater der Schöllack-Kinder, der als im Krieg vermisst gilt, lebt eigentlich noch – was die drei Töchter, die ja allesamt nicht blöd, aber eben gehorsam sind, doch irgendwann herausfinden. Genau wie den Umstand, dass die Tanzschule, die angeblich seit ihrer Gründung in Familienbesitz ist, im Rahmen der Arisierung ihren Eltern zugeschlagen würde – und der nette Onkel Fritz (Uwe Ochsenknecht), der nun Tanzlehrer im Institut ist und sich hingebungsvoll um Caterina kümmert, als hohes Tier im Reichssportministerium seine Hand im Spiel gehabt hat.

Letztlich stellt sich sogar heraus, dass die einzige der drei Töchter, die zu ihrem Vater steht, der nach seiner Kriegsgefangenschaft in Ostberlin Lehrer geworden ist, weil er sich für die Verbrechen des Dritten Reiches schämt und etwas gut machen will, nämlich Monika, das Kind von Fritz Assmann ist, und eben nicht von Gerd Schöllack. Auch das mag irgendwie überkonstruiert sein, aber es hat diese Ironie, die ich mag.

Genau wie Wolfgang, der schwule Sproß einer preußischen Gutherrenfamilie, einen in meinen Augen symphatischen Zug an den Tag legt, als er sich weigert, das von der Adenauerregierung durchgedrückte KPD-Verbot in seinem Job bei der Staatsanwaltschaft umzusetzen: Er will die Haftbefehle für führende Kommunisten nicht ausstellen. Dafür riskiert er seinen Ernennung zum Staatsanwalt. Einer von ihnen war ein Freund seines liberalen Vaters und überhaupt: „Diese Männer waren im Widerstand gegen die Nazis!“ erklärt er seiner konsternierten Frau Helga.

Aber die reagiert total pragmatisch, genau wie Mutter Schöllack ihr ein Leben lang eingeimpft hat: „In deinem Job als Staatsanwalt wirst du noch oft Dinge tun müssen, die dir persönlich nicht gefallen!“ Und Helga gefällt es persönlich ja auch nicht, dass ihr Mann sich sexuell so gar nicht für sie interessiert, auch wenn sie honoriert, dass er es wenigstens versucht und beim Professor ihrer kleinen Schwester um eine Therapie ersucht hat – er will von seinem Fehlverhalten, das er selbst als abnormal empfindet, geheilt werden. Auch wenn der Professor am Ende nicht viel tun kann: Es gibt einfach auch unheilbar Schwule. Und Wolfgang stellt die Haftbefehle schließlich aus – wenn er seine Frau sonst schon nicht zufrieden stellen kann, dann doch wenigstens in ihrem Karrierebedürfnis – er will kein völlig untauglicher Mann sein.

 

Der Ku'damm 1956 - in Ku'damm 56 Bild: http://d-facto-motion.de

Der Ku’damm 1956 – in Ku’damm 56 Bild: http://d-facto-motion.de

Und natürlich mag ich auf den nostalgischen Blick auf Berlin – die 50er Jahre wurden überzeugend rekonstruiert – und es war eine schlechte Zeit, eine giftige, verlogene, völlig zu recht untergegangene Zeit. Außerehelicher Geschlechtsverkehr war verboten. Abtreibung war an der Tagesordnung – was sollten die Frauen denn sonst gegen ungewollte Kinder tun – aber genauso verboten. Schwul sein war verboten. Jung sein und Spaß haben war verboten. Dass Frauen selbst Geld verdienten war letztlich auch verboten, sofern sie verheiratet waren.

Eigentlich war alles irgendwie verboten, aber es fand trotzdem statt. Es lohnt sich durchaus, daran zu erinnern: Es war eben nicht alles besser. Vieles war schlechter. Sehr viel schlechter. Und ich will das auf keinen Fall wieder haben.

Manh(A)ttan: Das Ende ist nah

Ein echter Geheimtipp für Freunde der anspruchsvollen Dramaserie ist gerade auf Netflix zu sehen: Manh(A)ttan. Von dieser Serie ist hierzulande erstaunlicherweise noch gar nichts zu hören gewesen – was vielleicht daran liegen mag, dass sie nicht aus einschlägigen Serienschmieden wie HBO, Showtime oder AMC kommt, sondern ein Produkt des in Chicago ansässigen Kabelsenders WGN America ist, der erst neu ins Seriengeschäft eingestiegen ist und mit Manhattan seine zweite Serie vorgelegt hat. Die wirklich sehr gut ist, auch wenn das Projekt nach zwei Staffeln eingestellt wurde, weil die zweite Staffel ungewöhnlich schlechte Einschaltquoten hatte.

Manhattan - wirklich gute Fernweh-Serie über das Manhattan Projekt. WGN America

Manhattan – wirklich gute Fernweh-Serie über das Manhattan Projekt. WGN America

Der Stoff ist auch nur bedingt massentauglich, auch wenn ich meine, dass eigentlich jeder das gesehen haben sollte: Es geht um das Manhattan Projekt, jenes streng geheime und im Grunde völlig wahnwitzige Programm, das garantieren sollte, dass die USA das Rennen um die Zündung der ersten Atombombe der Welt für sich entscheiden würden.

Konkret geht es um den Physiker Dr. Frank Winter (John Benjamin Hickey), der gemeinsam mit einer Reihe anderer Wissenschaftler am Konzept für eine Lösung eben jener damals gigantischen Aufgabe tüftelt. Die Figur des Dr. Winter ist von dem historischen Wissenschaftler Seth Neddermeyer inspiriert, einem  US-Physiker, der am Caltech bei Robert Oppenheimer promovierte und später am Manhattan Projekt beteiligt war. Neddermeyer war wie sein Alter Ego Frank Winter ein glühender Verfechter des Implosionskonzepts, das allerdings nur wenige Befürworter fand, weil es wegen zahlreicher technischer Schwierigkeiten als in der Praxis unmöglich umzusetzen galt. Mit der Zeit erwies es sich jedoch als die bessere Lösung: Die meisten Atombomben werden tatsächlich per Implosion gezündet. Doch der Weg dahin war voller Rückschläge und Fehlversuche, es brauchte schon ein paar besonders besessene Spinner, um diese Sache entgegen aller Widerstände zu meistern.

Es ist also eine Geschichte, wie ich sie liebe: Weltgeschichte und Wissenschaft – für meinen Geschmack gibt es viel zu wenig Serien darüber. Manhattan nun schafft hier definitiv Abhilfe – auch wenn es den Serienmachern weniger darum ging, die historischen Ereignisse möglichst exakt nachzustellen, oder gar eine akkurate Lehrstunde in Atomphysik zu liefern. Vielmehr wird den Zuschauern ein Bild dieser Zeit vermittelt: Die Welt befindet sich am Abgrund, die Mehrzahl der existierenden Staaten führen Krieg und die wissenschaftliche Elite der kriegführenden Allianzen arbeitet an konkurrierenden Projekten, die einerseits den Weltkrieg entscheiden sollen, andererseits auch das Potenzial haben, die Geschichte ein für alle Mal zu beenden, also: Die Menschheit auszulöschen.

Manhattan: Ashley Zukerman as "Charlie Isaacs," Rachel Brosnahan as "Abby Isaacs," Alexia Fast as "Callie Winter," Daniel Stern as "Glen Babbit," John Benjamin Hickey as "Frank Winter," Olivia Williams as "Liza Winter," Michael Chernus as "Louis 'Fritz' Fedowitz," Eddie Shin as "Sid Liao," Katja Herbers as "Helen Prins," Harry Lloyd as "Paul Crosley" and Christopher Denham as "Jim Meeks," in WGN America's "Manhattan" CT). Photo Credit: Justin Stephens/WGN America

Manhattan: Ashley Zukerman as „Charlie Isaacs,“ Rachel Brosnahan as „Abby Isaacs,“ Alexia Fast as „Callie Winter,“ Daniel Stern as „Glen Babbit,“ John Benjamin Hickey as „Frank Winter,“ Olivia Williams as „Liza Winter,“ Michael Chernus as „Louis ‚Fritz‘ Fedowitz,“ Eddie Shin as „Sid Liao,“ Katja Herbers as „Helen Prins,“ Harry Lloyd as „Paul Crosley“ and Christopher Denham as „Jim Meeks,“ in WGN America’s „Manhattan“ CT). Photo Credit: Justin Stephens/WGN America

Nach dem Otto Hahn Ende 1938 in Berlin die erste Kernspaltung gelungen war, befürchtete man in den USA (und gewiss auch in der UdSSR) durchaus zu recht, dass den Nazis im Verlauf des von ihnen begonnenen Weltkriegs der Bau der Bombe gelingen könnte – tatsächlich arbeiteten deutsche Wissenschaftler unter der Leitung von Werner Heisenberg im Rahmen des Uranprojekts daran, die Kernspaltung für den Bau von Waffen (und zur Gewinnung von Energie) nutzbar zu machen – allerdings gelang es ihnen damals nicht, vor der Kapitulation Deutschlands eine selbsterhaltende nukleare Kettenreaktion auszulösen. Die Alliierten zerstörten im Kriegsverlauf immer wieder wichtige Anlagen für die dafür benötigten, damals extrem schwer zu beschaffenden Ausgangsprodukte – sonst wäre die Sache vielleicht anders ausgegangen. Anfang des vergangenen Jahrhunderts waren deutsche Wissenschaftler an deutschen Universitäten Weltspitze in den Naturwissenschaften. Allerdings haben die Nazis damit gründlich aufgeräumt – und viele der von ihnen vertriebenen Wissenschaftler fanden sich aufgrund ihrer jüdischen Herkunft auf der Seite der Gegner wieder.

In den USA wurden nun hunderte der talentiertesten Wissenschaftler rekrutiert, um dem Dritten Reich zuvorzukommen – in einem streng geheimen Projekt in einem dafür eigens aus dem Boden gestampften Forschungszentrum in New Mexico. Die Serie beschreibt die paranoide und klaustrophobische Stimmung, die in Los Alamos geherrscht haben muss: Weil aber aus naheliegenden und nachvollziehbaren Gründen niemand – und schon gar nicht der Feind – davon wissen durfte, war der Ort in jenem Sperrgebiet auf keiner Karte verzeichnet – für Außenstehende gab es schlicht eine Postfachnummer.

Auch die Familien der Wissenschaftler wussten nichts von dem, woran ihre Ernährer die ganze Zeit arbeiteten – und auch die verschiedenen Arbeitsgruppen durften nichts untereinander austauschen. Jeder bekam eine Dienstnummer und durfte jeweils nur das wissen, was für die tägliche Arbeit unumgänglich war – was einerseits verhindern sollte, dass einzelne Individuen genug über das Projekt verraten könnten, um es ernsthaft zu gefährden. Andererseits wurden auf diese Weise wurden aber jene Menge wertvolle Ressourcen verschleudert, weil es keine sinnvolle Koordination zwischen den von einander abgeschotteten Arbeitsgruppen gab.

Die Implosion-Gruppe: Harry Lloyd als "Paul Crowley", Eddie Shin als "Sid Liao," Christopher Denham als "Jim Meeks,", Katja Herbers als "Helen Prins," Daniel Stern as "Glen Babbit," und Michael Chernus als "Louis 'Fritz' Fedowitz," in WGN America's "Manhattan"

Die Implosion-Gruppe: Harry Lloyd als „Paul Crowley“, Eddie Shin als „Sid Liao,“ Christopher Denham als „Jim Meeks,“, Katja Herbers als „Helen Prins,“ Daniel Stern as „Glen Babbit,“ und Michael Chernus als „Louis ‚Fritz‘ Fedowitz,“ in WGN America’s „Manhattan“

Das führte dazu, dass die Mitglieder der jeweiligen Arbeitsgruppen immer wieder in Verdacht gerieten, Spione zu sein, nur weil sie versuchten, herauszufinden, wie der Stand der Dinge in den anderen Arbeitsgruppen war, damit sie in ihrer eigenen Arbeit besser voran kämen. Wurde jemand als Spion erwischt, war das natürlich fatal – im besten Fall wurde man nur aus dem Projekt geworfen, im schlechtesten, aber durchaus wahrscheinlicheren, Fall exekutiert. Auf diese Weise verlor das Projekt insgesamt natürlich auch immer wieder gute Leute. Durch Konkurrenz unter den Arbeitsgruppen sollte der Ehrgeiz und damit die Produktivität insgesamt angestachelt werden – was aber eine ziemlich schwachsinnige Idee ist, denn faktisch sorgte genau dieser Umstand dafür,  dass viel Zeit und Arbeit für das Überleben innerhalb dieser Konkurrenz aufgewendet werden musste, statt das eigentliche Projekt voranzutreiben. An dieser Hirnrissigkeit leiden in der Serie auch fast alle – bis auf jene, deren Job es ist, verdächtige Umtriebe entschieden zu bekämpfen.

Hinzu kam, dass es sich um ein Projekt der US Army handelte, das eben militärische Maßstäbe in Sachen Geheimhaltung und Disziplin verlangte, was die in der Regel zivilen wissenschaftlichen Mitarbeiter nicht akzeptieren konnten oder wollten. Insofern war der Kunstgriff der Serienmacher, mit dem erfundenen Dr. Winter eine Hauptfigur zu etablieren, die sich genau an diesen Konflikten abarbeitet, eine wirklich gute Idee: Ausgerechnet dieser brillante, aber leider auch unbequeme Wissenschaftler ist mit seinem Ansatz zwar auf der richtigen Fährte, wie sich später herausstellen wird, wird aber erstmal aufs Nebengleis geschoben, weil sein Ansatz als zu abwegig gilt.

Dr. Frank Winter natürlich auch sonst ein schwieriger Typ, er ist ein besessenes Arbeitstier, das von seiner Handvoll Mitarbeiter genau das verlangt, was er von sich selbst erwartet – totalen Einsatz nämlich. Er ist ein Tyrann, aber einer mit Herz – ihm geht es wirklich um die Sache und nicht um seine Karriere. Die setzt er immer wieder aufs Spiel: Er wirft sich für seine Leute in die Bresche, wenn es drauf ankommt, und obwohl er nicht viel zu Hause ist, wird doch klar, dass er seine Frau und seine Tochter wirklich liebt. Mit seiner Frau teilt er sogar Geheimnisse, über die er wirklich nicht reden sollte, womit er am Ende noch mehr als seine Karriere aufs Spiel setzt.

Aber wie vermutlich die meisten seiner Kollegen klammert er sich an die Hoffnung, dass diese furchtbare Waffe, an der sie alle arbeiten, das Potenzial hat, Kriege ein für alle mal zu beenden, weil einfach niemand sie einsetzen wird: Wenn die Welt erstmal begreift, was sie da in der Wüste für ein schreckliches Ding zünden können, wird kein Befehlsaber eines demokratisch regierten Landes so etwas über einer bewohnten Großstadt abwerfen. Dr. Winter will dazu beitragen, das Zeitalter des Friedens auf Erden herbeizuführen.

Manhattan: Olivia Williams als Dr. Liza Winter, John Benjamin Hockey als Dr. Frank Winter und Alexia Fast als Callie Winter. Bild: WGN America

Manhattan: Olivia Williams als Dr. Liza Winter, John Benjamin Hockey als Dr. Frank Winter und Alexia Fast als Callie Winter. Bild: WGN America

Wie man heute weiß, ist es ganz anders gekommen – und das macht die ganze Sache so schmerzhaft. Ausgerechnet die USA sind bisher das einzige Land, das im Kriegsfall tatsächlich Atomwaffen eingesetzt hat. Und wenn man sich in der Welt umsieht, wird auch klar, dass die atomare Abschreckung eine viel zu abstrakte Gefahr ist, als dass sie konventionell ausgetragene Konflikte verhindern könnte – und die konventionellen Waffen, die als das kleinere Übel angesehen werden, richten heute schon genug Schaden an Menschen und Umwelt an. Da mag man an die vielen nuklearen Sprengköpfe, die in irgendwelchen Bunkern weltweit vor sich hinrotten, gar nicht denken.

Aber zurück zur Serie: Wenn es um die Sache geht, pfeift Dr. Winter auf Regeln und Sicherheitsmaßnahmen, denn er hat ja eine Mission. Das Implosions-Team von Dr. Winter besteht aus einem halben Dutzend schräger Nerds, allesamt Außenseiter. Da ist der als Kommunist verdächtigte Dr. Glen Babbit (Daniel Stern) mit karl-marxschem Rauschebart, der chinesische Mathematiker Sid Liao (Eddie Shin), der dickliche und bei den Frauen erfolglose Chemiker Fritz (Michael Chernus), der Anpasser Meeks (Christopher Denham) und der ebenso ehrgeizige wie windige Brite Crosley (Harry Lloyd). Und dann natürlich auch noch Dr. Helen Prins (Katja Herbers), die einzige Physikerin im Projekt – die selbstverständlich brillant ist, aber eben eine Frau.

Schließlich gibt es auch noch Dr. Liza Winter (Olivia Williams), die zwar nur als Ehefrau von Frank nach Los Alamos kam, aber eigentlich selbst eine begnadete Wissenschaftlerin ist. „Und wenn das Gehirn Ihres Mannes so groß wie Kansas ist, der Ehering an Ihrem Finger macht Sie noch nicht zur Wissenschaftlerin!“ muss Liza sich von einem jungen Schnösel sagen lassen, der nicht weiß, dass er eine der weltbesten Botanikerinnen ihrer Zeit vor sich hat.

Liza will genau wie Franks und ihre rebellische Tochter Callie am liebsten sofort wieder nach Princeton zurück, wo sie einen guten Job und die damit verbundene Anerkennung hatte – aber wenn diese Demütigung hier denn nötig ist, um den Weltkrieg gegen die Nazis zu gewinnen, stellt sie ihre eigenen Interessen natürlich hinten an. Trotzdem kann sie nicht aus ihrer Haut; weil sie erst einmal keine Arbeitserlaubnis bekommt, fängt sie an, sich als Freizeitwissenschaftlerin zu betätigen und natürlich findet sie beunruhigende Dinge heraus.

So ähnlich ergeht es auch anderen Ehefrauen, etwa Abby Isaacs (Rachel Brosnahan), der schönen Frau von Dr. Charlie Isaacs (Ashley Zukerman), einem vielversprechenden Nachwuchswissenschaftler, der in Los Alamos schnell aufsteigt. Während Charlie kaum noch Zeit für seine Familie hat, lässt sich Abby, wenn auch mit schlechtem Gewissen, auf eine Affäre mit ihrer Nachbarin ein, der Französin Elodie (Carole Weyers), die gar nicht fassen kann, wie prüde und humorlos diese Amerikaner doch sind. Ihr Mann ist ebenfalls ein hohes Tier in der Los-Alamos-Hierarchie.

Vorspann Manhattan: WGN America

Vorspann Manhattan: WGN America

Genau dieser Umstand führt dazu, dass Abby sich irgendwann doch für ihren Charlie entscheidet – sie verstrickt sich in verschiedene Machenschaften von Charlies Nebenbuhlern und als es hart auf hart kommt, hält sie dann doch zu ihrem Ehemann, obwohl sie sich eigentlich scheiden lassen will. Denn Charlie ist ständig mit dieser Helen Prins unterwegs – wobei diese Affäre in allererster Linie eine dienstliche ist, Helen kann Charlie auf den ersten Blick nicht besonders leiden, obwohl sie sich dann doch näher kommen. Helen weiß nämlich, was sie will und weil sie klug und souverän ist, hat sie eben auch Sex, wenn ihr danach ist – was sich nebenbei als ganz praktisch herausstellt, um zu erfahren, woran die Kollegen so arbeiten.

Für Abby ist das alles viel weniger einfach, obwohl sie nach und nach auch einige Dinge durchschaut. Aber es ist ja auch schwierig, herausfinden, was hier eigentlich gespielt wird, deshalb kommen immer wieder die falschen Leute unter die Räder, etwa Sid Liao, der erschossen wird, weil man ihn fälschlicherweise für einen Spion hält – während man dem eigentlichen Spion, den es im Projekt gibt, nicht auf die Schliche kommt.

Mir hat die erste Staffel sehr gut gefallen, soweit man bei einem solchen Stoff überhaupt von gefallen reden kann – es ist von hinten bis vorn eine schreckliche Geschichte, aber sehr, sehr gut gemacht. Und es gibt eine Menge ambivalenter Figuren, denen man durchaus abnimmt, dass sie einfach nur das Gute wollen, indem sie das Böse tun – genau wie bei Breaking Bad gibt es eigentlich keine wirklich sympathischen Protagonisten – die einen sind hoffnungslose Idealisten, die an ihre große Idee glauben, die anderen sind einfach hoffnungslos naiv und versuchen, aus einer Situation, in die sie geworfen wurden, das Beste zu machen. Und dann gibt es die berechnenden Arschlöscher, die aber trotzdem irgendwie Menschen sind, weil sie ja immerhin die Nazis bekämpfen.

Ein paar Nazis gibt es natürlich auch – einige Szenen spielen in Deutschland, wo Werner Heisenberg versucht, sein Manhattan-Projekt voranzutreiben. Und vermutlich gar nicht dermaßen zufällig wird man an die Szenen in der letzten Staffel von Breaking Bad erinnert, die angeblich in Hannover spielen, wo angeblich deutsche Wissenschaftler an irgendwelchen neuen Soßen tüfteln – das Deutsch, das gesprochen wird, ist zwar korrekt, aber sehr putzig – und das ist auch hier der Fall. Wobei ich mich eigentlich gar nicht darüber lustig machen will – es gibt aber immer wieder Verweise darauf, dass viele der Wissenschaftler in Los Alamos eben auch deutsche Wurzeln hatten, nicht zuletzt der oberste Projektleiter Robert Oppenheimer, eine der wenigen historischen Personen, die unter ihrem echten Namen in der Serie vorkommen.

Ansonsten gibt es eine ganze Reihe weiterer Anspielungen auf die zeitgenössische Kultur in Europa, ein Buch, das die nach Abwechslung gierenden Ehefrauen im Lager untereinander austauschen – klar ist Los Alamos im Vergleich zu den KZs im Dritten Reich ein sehr komfortables Lager, aber es ist eben auch ein Ort, den man nur mit entsprechendem Passierschein verlassen kann und an dem sehr rigide Regeln gelten – ist L’Étranger von Albert Camus. Abby, die einige Jahre Französisch gelernt hat, verschlingt den absurden Roman in Rekordzeit und zieht Schlüsse daraus: Es gibt immer eine Wahl, auch wenn sie womöglich unangenehme Konsequenzen hat.