Ein großer Schritt für Apple?

Apple macht jetzt auch auf Netflix und wirbt auf seinen Geräten mit einem kostenlosen Probemonat um Kunden für seinen neuen Streaming-Dienst. Weil der Konzern dank seiner teuren iPhones auf einem Haufen Geld sitzt, kann er sich vergleichsweise kostspielige Produktionen leisten und bietet mit For All Mankind ein interessantes Projekt für den Einstieg an. Treue Leserinnen meines Blog wissen, dass ich Joel Kinnaman sehr schätze, insofern ist es keine Überraschung, dass ich mir die ersten drei Folgen der Apple-Serie angesehen habe. Der inzwischen auch in den USA etablierte Schauspieler aus Schweden verkörpert den Astronauten Ed Baldwin, der um ein Haar der erste Mensch auf dem Mond gewesen wäre.

For All Mankind: Joel Kinnaman als Ed Baldwin Bild: Apple

For All Mankind: Joel Kinnaman als Ed Baldwin Bild: Apple

Doch in For All Mankind waren die Sowjets die ersten, die auf dem Mond gelandet sind und der Kosmonaut Alexej Leonow tat den großen Schritt für die Menschheit im Namen der Marxistisch-Leninistischen Lebensweise, mit der die  gesamte Menschheit in eine bessere Zukunft geführt werden soll. Die Schmach für die USA und speziell für die Leute im ambitionierten Apollo-Programm ist schwer zu ertragen. Doch als echte Amis geben sie nicht auf, sondern krempeln die Ärmel hoch, um mit ihrem Weltraumprogramm die UdSSR am Ende doch noch zu übertreffen. Denn selbstverständlich geht es in dieser US-Serie nicht um eine mögliche Überlegenheit eines alternativen Systems, sondern darum, was man alles noch hätte machen können, wenn die US-Regierung nicht irgendwann das Interesse an der (überaus teuren) bemannten Raumfahrt verloren hätte.

Wobei ich ehrlich gesagt noch nicht ergründen konnte, worum es in dieser Serie tatsächlich geht. Die Idee einer alternativen Erzählung historischer Ereignisse finde ich sehr reizvoll, das hat mir beispielsweise an The Man in the High Castle gefallen. Aber diese Serie hat mich nach der beeindruckenden ersten Staffel nicht wirklich gepackt, weil auch hier nicht klar wurde, worauf die Geschichte eigentlich hinaus will. Ein ähnliches Problem zeichnet sich bei For All Mankind ab: Der Wettlauf zwischen den beiden großen Supermächten im All war und ist auch aus heutiger Perspektive spannend, ich habe mir anlässlich des 50. Jahrestags der Mondlandung in diesem Sommer stundenlang entsprechende Dokus angesehen.

For All Mankind: Margo Madison (Wrenn Schmidt) Bild: Apple

For All Mankind: Margo Madison (Wrenn Schmidt) Bild: Apple

Aber es geht hier nicht um eine Doku, sondern um eine Drama-Serie, und die stehen und fallen mit ihren Protagonisten. Und davon gibt es eine ganze Menge, der unglückliche Ed Baldwin hat Frau und Kinder, wie auch die meisten seiner Kollegen und Vorgesetzten, hier zeichnet sich eine Menge Familiendrama ab. Dann gibt es die junge NASA-Angestellte Margo Madison (Wrenn Schmidt), die erste und einzige Frau bei Mission Control, die in der dritten Folge eine Reihe neuer Kolleginnen bekommt, weil plötzlich unbedingt eine Frau mit ins All geschickt werden soll. Also werden ernsthafte Bewerberinnen gesucht, die natürlich einen entsprechenden Hintergrund brauchen und so springt die Geschichte von hier nach dort und spannt eine ganze Reihe unterschiedlichster Handlungs- und Spannungssbögen auf, bei denen noch nicht absehbar ist, wie gut oder schlecht sie sich ins große Ganze einfügen werden. Sexismus, Rassismus, #metoo, Flüchtlinge, die aus Mexiko nachts über die US-Grenze schleichen und gleichzeitig eine Art Make America Great Again, das ist ein reichlich überambitioniertes Serienrezept, das viele Geschmäcker bedienen will und am Ende keinem so richtig schmecken wird.

Apple-Serie For All Mankind: Ed Baldwin und die künftigen Astronautinnen

Apple-Serie For All Mankind: Ed Baldwin und die künftigen Astronautinnen Bild: Apple

Die Faszination anlässlich der ersten Mondlandung wird in der Serie allerdings ziemlich gut rübergebracht, die ganze Welt schaut zu. Und überhaupt die 1960er, For All Mankind sieht so aus wie Mad Men, nur halt mit NASA. Ob die Serie allerdings den Sog entwickeln kann, den Mad Men entwickelt hat, weil sich die Serie ganz klar auf Don Draper und sein ziemlich spezielles Umfeld im New Yorker Werbebusiness der frühen 1960er Jahre konzentriert hat, bleibt abzuwarten. Es gibt viel Potenzial, es kann aber auch viel schief gehen. Ich bin gespannt, was die Serienmacher im Haus Apple noch daraus machen.

Chernobyl: Total verstrahlt

Rechtzeitig nach dem GOT-Debakel hat der US-Sender HBO einen neuen Serien-Hit landen können: Die fünfteilige Mini-Serie Chernobyl. Wie der Name vermuten lässt, geht es um den atomaren Super-GAU im gleichnamigen Kernkraftwerk nahe der ukrainischen Stadt Prypjad. Am 26. April 1986 explodierte der Reaktor von Block 4 und löste damit die erste verheerende atomare Katastrophe ziviler Atomkraftnutzung in der Geschichte aus. An deren Folgen sind bereits zahlreiche Menschen gestorben sind und noch viel mehr Menschen werden noch an den Spätfolgen der radioaktiven Belastung sterben.

Chernobyl Bild: hbo.com

Chernobyl Bild: hbo.com

Es liegt auf der Hand, dass eine solche Serie weder unterhaltsam ist, noch schöne Bilder bietet. Es handelt sich um fünf Stunden Horror, der umso gruseliger ist, weil man ja weiß, dass das alles wirklich statt gefunden hat. Wie man es von einer HBO-Serie erwarten kann, hat der Sender keine Kosten und Mühen gescheut, die schrecklichen Ereignisse möglichst realistisch darzustellen, wobei ich mit „realistisch“ ausdrücklich nicht sagen will, dass sich alles genau so abgespielt hat.

Natürlich hat der Serienschreiber Craig Mazin, der bisher durch eher alberne Filme wie Scary Movie 3 und 4 oder Hangover 2 und 3 aufgefallen ist, die Story gestrafft und einige Hauptpersonen erfunden, mit denen die sonst sehr komplexen Ereignisse einfacher erklärt werden können. Aber viele der Ereignisse, die gezeigt werden, müssen sich nach dem, was über die Katastrophe bekannt ist, tatsächlich so oder so ähnlich abgespielt haben. Aber ich gehe davon aus, dass einiges aus dramaturgischen Gründen erfunden oder abgewandelt wurde – warum auch nicht, es handelt sich ja nicht um eine Dokumentation.

Chernobyl Bild: hbo.com

Chernobyl Bild: hbo.com

Die beiden Protagonisten Waleri Legassow (Jared Harris) und Boris Schtscherbina (Stellan Skarsgård) gab es wirklich, genau wie eine ganze Reihe weiterer Personen des Zeitgeschehens. Der überhaupt nicht fiktive Selbstmord des hochrangigen Wissenschaftlers Legassow, der die Untersuchungskommission zur Aufklärung der Ursachen des GAU leitete, verstörte die Fachwelt und weist darauf hin, dass er damit untermauern wollte, dass alles noch viel schlimmer gewesen ist, als offiziell bekannt wurde. In der Serie hat Legassow die undankbare Rolle der Kassandra, die sich immer wieder mit extrem schlechten Nachrichten unbeliebt macht, aber nun einmal gefürchtete Wahrheiten ausspricht und allmählich unter der übergroßen Verantwortung zusammenbricht.

Man kann sich darüber streiten, ob alles, was Legassow sagt, realistisch ist, vielleicht übertreibt er ein wenig, um den Mächtigen im ZK klar zumachen, dass es sich eben nicht um irgendein dummes Unglück handelt, das man vertuschen oder schön reden kann, um nicht an der propagierten  Überlegenheit der sowjetischen Technik und des sowjetischen Systems zu kratzen, sondern um eins, das einen ganzen Landstrich und darüber hinaus sogar einen erheblichen Teil der Welt nachhaltig zerstören kann, wenn keine geeigneten Maßnahmen zur Eindämmung ergriffen werden. Und, immerhin, das wird auch gezeigt, nachdem Generalsekretär Michail Gorbatschow endlich begriffen hat, wie schlimm das alles wirklich ist, spielen Kosten keine Rolle mehr, Schtscherbina, der die entsprechende Regierungskommission leitet, bekommt, was immer er fordert.

Chernobyl - Walerie Legassow (Jared Harris) Bild: hbo.com

Chernobyl – Walerie Legassow (Jared Harris) Bild: hbo.com

Die Rolle Schtscherbinas ist allerdings weniger eindeutig, einerseits war er ein Apparatschik, der erst auf der Seite der Vertuschen und Abwiegler stand. Er hat sich dann aber von Legassow überzeugen lassen, dass die Lage wirklich katastrophal war. In der Serie geschieht das, als ein Hubschrauber, der zu dicht an die aus dem explodierten Reaktor quellende Rauch- und Strahlungswolke herabgeflogen ist, in Teilen von Himmel fällt. Das mag vielleicht auch ein wenig übertrieben sein, Tatsache ist aber, dass die Strahlung in der unmittelbaren Nähe des explodierten Reaktors so hoch war, dass ferngesteuerte Roboter und Kettenfahrzeuge, die auf dem Dach eingesetzt werden sollten, um die hochradioaktiven Graphitbrocken aus dem Reaktorkern zu entfernen, ihren Dienst nach kurzer Zeit aufgaben. Die Technik kam mit der Strahlung noch weniger klar, als die Bioroboter, die nach dem Versagen der Maschinen eingesetzt wurden.

Nach diesem Erlebnis jedenfalls glänzte Schtscherbina tatsächlich mit logistischen Hochleistungen, etwa die komplette Evakuierung von Prypjat, die zwar viel zu spät kam, dann aber in sehr kurzer Zeit vollzogen wurde oder die Beschaffung von Material und Leuten für die Löschung des Reaktorbrandes und zur Eindämmung von weiteren, noch fataleren Folgen des Reaktorunglücks.

Chernobyl - der brennende Reaktor Bild: hbo.com

Chernobyl – der brennende Reaktor Bild: hbo.com

Die weißrussische Atomphysikerin Ulana Khomyuk (Emily Watson) hingegen ist komplett erfunden, allerdings ist es eben viel einfacher, wenn sie herausfindet, was zu dem Unglück geführt hatte, als eine tatsächlich eingesetzte vielköpfige Untersuchungskommission. Es handelt sich ja eben nicht um eine Doku-, sondern um eine Dramaserie. Insofern finde ich eine solche Vereinfachung akzeptabel, zumal das Drama, das sich abgespielt hat, in ebenso drastischen wie beklemmenden Bildern gezeigt wird.

Wobei es einem US-Sender wie HBO sicherlich leichter fällt, eine Katastrophe kritisch aufzubereiten, die sich beim ehemaligen Klassenfeind und Weltmachtkonkurrenten UdSSR ereignet hat. Natürlich wird UdSSR-Bashing betrieben, einmal mehr wird zelebriert, dass in der nicht kapitalistisch organisierten UdSSR alles heruntergekommen, grau und vom KGB überwacht war. Der Alltag in der Sowjetunion in den 80ern wird ungefähr so dargestellt, wie es in den 50er und 60er-Jahre-Serien der USA ausgesehen hat. Nur eben noch armseliger, was die Ausstattung von Wohnungen und so weiter angeht. Das nervt mich schon, der Zustand der Gebäude wird kurz nach dem Umglück und der Evakuierung schon so dargestellt, wie er erst Jahrzehnte später war. Aber egal, wir kapieren ja, dass es auch darum geht, abzubilden, dass die Todeszone um den Unglücksort herum noch immer unbewohnbar ist.

Chernobyl - Ulana Khomyuk (Emily Watson) Bild: hbo.com

Chernobyl – Ulana Khomyuk (Emily Watson) Bild: hbo.com

Das Unglück an sich und das, was in den ersten Stunden und Tagen danach geschehen oder eben nicht geschehen ist, dermaßen haarsträubend, dass ich es gut finde, dass genau diese Fehleinschätzungen und Versäumnisse überhaupt thematisiert und für ein mehr oder auch weniger interessiertes Publikum aufbereitet werden. Es geht auch darum, zu zeigen, was passieren kann, wenn man sich zu sicher ist, dass eigentlich nichts passieren kann: Die Reaktor-Mannschaft in Tschernobyl war ja tatsächlich dermaßen von der Sicherheit ihrer Technik überzeugt, dass sie den GAU aus einer fatalen Mischung aus Fahrlässigkeit (Missachtung grundlegender Sicherheitsregeln) und Fehleinschätzung der tatsächlichen Situation (Konstruktionsfehler des Reaktortyps) selbst herbeigeführt hat. Ein RBMK-Reaktor kann nicht explodieren, das wollten die Verantwortlichen auch noch glauben, als er schon explodiert war. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein. Dieser Irrglaube fordert immer wieder zahlreiche Opfer. (Es gibt keinen Klimawandel. Es gibt keine Luftverschmutzung. Es gibt kein Waldsterben. Es gibt kein Mikroplastik überall dort, wo es nicht hingehört. Es gibt kein…)

Da kann man natürlich mit dem Finger auf die Sowjetunion zeigen und sich freuen, dass westliche Technik ja so viel besser ist. Aber der Super-GAU in Fukushima zeigt, dass auch das technologische Musterland Japan nicht besser ist. Und auch in den USA kam es schon zu einer Reihe von Atomreaktor-Unfällen, der bekannteste dürfte Three Mile Island gewesen sein. Und natürlich wurde die Öffentlichkeit immer belogen und es wurde und wird immer verharmlost. Keine Regierung und kein Konzern liebt schlechte Nachrichten. Blöd nur, dass sich Radioaktivität (wie so vieles andere, was die Umwelt vergiftet) sich nicht an nationale Grenzen hält. Der Unfall von Tschernobyl wurde der Weltöffentlichkeit bekannt, als ein Atomkraftwerk in Schweden zwei Tage später Alarm auslöste, weil erhöhte Strahlung gemessen wurde.

Chernobyl - die Katastrophe aus der Sicht der Feuerwehr  Bild: hbo.com

Chernobyl – die Katastrophe aus der Sicht der Feuerwehr Bild: hbo.com

Mag sein, dass der GAU von Tschernobyl der entscheidende Nagel im Sarg des sozialistischen Blocks war. Aber wenn – aus welchen Gründen auch immer – ein vergleichbarer Unfall in einem französischen, britischen, chinesischen oder US-Atomkraftwerk geschehen sollte – es würde mindestens genauso teuer, die Verluste an Leben, Gesundheit und Vermögen wären vermutlich noch viel höher, vor allem, wenn es im dichtbesiedelten Westeuropa oder Asien geschehen würde. Ich habe im Zuge einer anderen Recherche vor Jahren einmal versucht, herauszufinden, wie das mit aktuellen Evakuierungsplänen und Kriseninterventionsmaßnahmen im unmittelbaren Einzugsgebiet von deutschen Atomkraftwerken im Falle einer Havarie ist. Verstörendes Ergebnis: Nicht einmal die Zuständigkeiten von entsprechenden Institutionen und Behörden sind bekannt. Es gibt wohl Lager mit Jodtabletten. Aber wer die bekommt und wie die verteilt werden – keine Ahnung. Wer für eine Evakuierung zuständig wäre, und wo die ganzen Leute dann hin sollen – Fragezeichen über Fragezeichen.

Fazit: Keine Regierung und kein Konzern sind auf den Ernstfall vorbereitet. Was passiert, wenn der Ernstfall trotzdem eintritt, zeigt diese Serie. Das ist nicht schön. Und irgendwie behagt mir diese Art von Faszination des Grauens nicht. So etwas sollte nicht Stoff von Unterhaltungsserien sein müssen. Es widert mich an, wenn das Unglück von Menschen (und Tieren) auf diese Weise ausgeschlachtet wird. Aber wir leben nun mal in einer Gesellschaft, in der alles, was man zum Leben braucht, einem Geschäftsmodell unterworfen ist. Essen, Wohnung, Kleidung, Gesundheit, Transport, alles kostet.

Dann soll halt HBO aus der Notwendigkeit, die Folgen einer atomaren Katastrophe für ein hoffentlich großes Publikum begreifbar zu machen, auch Gewinn erzielen. Ist halt eine Scheißwelt. Aber die Bewohner dieser Scheißwelt brauchen halt ihre Serien, um sich in ihrer Freizeit vom Stress des Lebens und damit des Geld-verdienen-müssens abzulenken. Chernobyl ist dafür nur bedingt geeignet. Umso bemerkenswerter, dass die Serie auf imdb und Rotten Tomatoes so gut bewertet wird. Ich werte das als Indiz dafür, dass viele Menschen sich durchaus Gedanken machen wollen: Chernobyl ist nun wirklich keine Heile-Welt-Serie. Sondern eine, die zeigt, was passiert, wenn eine vermeintlich heile Welt buchstäblich zerfällt. Und es ist eben nicht nur Faszination des Grauens, sondern der Versuch, zu überlegen, was denn ein in einer solchen Situation angemessenes Verhalten wäre. Die Antwort fällt schwer, weil es keine eindeutige Antwort gibt.

Chernobyl: Boris Schtscherbina (Stellan Skarsgård, Mitte) Bild: hbo.com

Chernobyl: Boris Schtscherbina (Stellan Skarsgård, Mitte) Bild: hbo.com

Insofern finde ich gut, dass eine solche Serie und eben nicht ein neues Game of Thrones Furore macht. Also nichts gegen Game of Thrones. Aber mir ist lieber, wenn sich die Menschen nicht mit den Storylines fiktiver Charaktere beschäftigen, sondern damit, was mit unserer Welt passiert, wenn man bornierten Technologen glaubt. Es gibt ja gar nicht so wenige, die wieder laut über Atomkraft nachdenken, weil die Atomkraftwerke kein CO2 in die Atmosphäre blasen, im Gegensatt zu Kohle-, Öl- und Gaskraftwerken. Ja klar, das stimmt. Mit den fossilen Klimakillern muss Schluss sein.

Aber: Es gibt noch immer keine wirklich sicheren Endlager für den Atommüll, der in den Kernkraftwerken weltweit anfällt. In Deutschland steht der Atommüll in Castoren in irgendwelchen Hallen rum, die weder gegen Flugzeugabstürze noch sonst wie besonders gut gesichert sind. Die erste Generation der Castor-Behälter hat ihre genehmigte Laufzeit im kommenden Jahr erreicht. Und dann? Keine Ahnung.

Gut, es ist vermutlich besser, die Castoren mit hochradioaktivem Atommüll da rumstehen zu lassen, wo man sehen kann, in welchem Zustand sie sind, statt sie einfach in die Asse zu kippen. Was wiederum ein ehemaliges Salzbergwerk in Niedersachsen ist, das früher einmal für die Endlagerung von radioaktiven Müll vorgesehen war, ohne sich dafür irgendwie zu eignen. Seit einiger Zeit ist bekannt, dass Radioaktivität aus den verrottenden Fässern ins Grundwasser gelangt. Auch wenn das Bundesinstitut für Strahlenschutz keine Kontamination des Geländes feststellen konnte (oder wollte), so gibt es doch eine auffällige Häufung bestimmter Krebsarten in der Gegend. Das ist kein Vergleich zu dem, was in Tschernobyl passiert ist. Aber ich bin gespannt, ob und wann es eine Serie über Fukushima geben wird.

Game of Thrones: Endlich Finale

Nachdem ich dem Hype lange Jahre widerstanden habe, haben mich meine Kinder im vergangenen Winter hartnäckig (und mit Erfolg) bearbeitet: Als bekennender Serienfan dürfe ich nicht einfach die Serie aller Serien links liegen lassen. Wobei das ja keine böse Absicht war: Zuvor hatte ich schon mehrfach versucht, mit Game of Thrones warm zu werden. Aber die Serie macht es einem wirklich nicht leicht, wenn man die Bücher nicht kennt: Auch beim dritten oder vierten Versuch bin ich irgendwann im Verlauf der ersten Folge ausgestiegen – diese rätselhaften Toten im düsteren Winterwald waren einfach nicht mein Ding.

Game of Thrones: Ned Stark (Sean Bean)

Game of Thrones: Ned Stark (Sean Bean), die Hand des Königs auf dem Eisernen Thron Bild: hbo.com

Obwohl ich ja selbst Winter heiße. Meine  (mittlerweile erwachsenen) Kinder haben mir sogar eine GoT-Tasse geschenkt, die mit dem Wolfskopf der Starks und dem Motto: „Winter is coming“. Die Tasse mag ich tatsächlich, und auch wenn dieser Winter nun vorbei ist, fühle ich mich verpflichtet, meinen Teil zum Serienerlebnis beizutragen. Denn in einigen Tagen kommt die allerletzte Staffel raus und danach ist GoT für immer Geschichte.

Was bisher geschah: Ich war krank und hatte meine ganzen aktuellen Lieblingsserien schon ausgesehen. Meine Kinder veranstalteten in dieser Situation eine Art betreutes GoT-Watching mit mir: Ich durfte nicht ausschalten, bekam aber, wenn ich die Pausetaste drückte, umfangreiche Erklärungen zum gerade Gesehenen. Mit derartiger Nachhilfe kam ich über die ersten vier, fünf Teile hinweg langsam in die Handlung mit den am Anfang ja noch unübersichtlich vielen Hauptfiguren hinein – und dann wollte ich natürlich irgendwann von ganz allein wissen, wie es weiter geht.

Game of Thrones: Waren die mal süß! Bran, Arya und Sansa Stark. Im Hintergrund Thron Greyjoy und Jon Snow. Bild: hbo.com

Game of Thrones: Waren die mal süß! Bran, Arya und Sansa Stark. Im Hintergrund Theon Greyjoy und Jon Snow. Bild: hbo.com

In den vergangenen Monaten habe ich mir die bisherigen Staffeln von Game of Thrones in einer konzentrierten Nachhol-Aktion angesehen – auch wenn ich noch immer darauf bestehe, das Breaking Bad die bisher beste aller Serien ist, und dann kommen erstmal die Sopranos, The Wire und natürlich Mad Men. Langsam kann ich aber nachvollziehen, warum GoT einen Rekord nach dem anderem bricht: Die Serie ist wirklich spannend und bietet eine Menge Drama, Sex und Wahnsinn, so dass man kein ausgesprochener Fantasy-Fan sein muss, um Spaß daran zu finden.

Es ist wie damals, Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre mit dem Herrn der Ringe – auch den fand ich, ehrlich gesagt, ziemlich zäh, aber den musste man als junger Mensch einfach gelesen haben. Und für Vielleserinnen war das halt so eine Etappe, die man einfach durchhalten musste, wie die Bergwertung bei der Tour de France. Ich bin bis heute kein Fan von Mittelerde, aber manches muss man einfach mal durchgemacht haben, schon aus Gründen umfassender Allgemeinbildung. Ähnlich erging es mir mit Game of Thrones.

Game of Thrones: Cersei Lannister und Margaery Tyrell Bild: hbo.com

Game of Thrones: Cersei Lannister und Margaery Tyrell Bild: hbo.com

Wenn man Historienserien wie Vikings, The Last Kingdom oder Borgia mag, dann ist diese Geschichte eines fiktiven mitteleuropäischen Mittelalters ein unerwartetes Vergnügen. Denn sie ist eigentlich noch besser, weil hier eben nicht Geschichte, oder vielmehr das, was man heute vermeint, darüber zu wissen, nachgestellt wird, sondern anhand dessen, was aus der Geschichte bekannt ist, spannende Dinge über Menschen und ihre Beziehungen zueinander erzählt werden. Gerade Vikings ist eine reichlich brutale, aber sehr stylisch inszenierte Fantasyserie, die mythische Figuren aus nordischen Sagas zum Leben erweckt. Viele der Vikings-Charaktere haben zwar einen historischen Hintergrund, sind aber doch in erster Linie Personifizierungen neu interpretierter Legenden. In Game of Thrones ist halt auch die historische Vorlage erfunden, aber das stört letztlich nicht, weil sich George R.R. Martin das GoT-Universum überaus akkurat und detailreich ausgedacht hat. 

Das Setting von A Song of Ice and Fire ist realistisch enervierend, denn in Westeros gelten die üblichen patriarchalischen Regeln, die nicht nur hierzulande vor ewigen Zeiten etabliert wurden: Der Mann ist das Familienoberhaupt, es gibt Ritter (die „Ser“ heißen) und gelehrte Männer (die „Maester“ genannt werden), Frauen sollen nur hübsch und folgsam sein, Kinder gebären und ihren Familien keine Schande bereiten – während die Männer, nun ja, die haben oft andere Dinge im Kopf als gerade angebracht wäre. Insofern finde ich besonders interessant, dass sich in dieser Serie über eine wiedermal von starken Männern dominierte Welt eine Reihe ihnen mindestens ebenbürtige weiblicher Hauptcharaktere profilieren können: Allen voran Cersei Lannister (Lena Headey), die von Anfang an die Königin der sieben Königreiche ist, auch wenn ihr Ehemann Robert Baratheon (Mark Addy) offiziell auf dem Eisernen Thron sitzt. Robert ist ein Hitzkopf, ihm liegt das Regieren nicht, er geht lieber auf die Jagd oder ins Bordell, als sich um die Festigung seiner Macht zu kümmern. Deshalb holt er seinen alten Freund zur Hilfe, Eddard Stark (Sean Bean), den Wächter des Nordens an seinen Hof und macht ihn zur Hand des Königs.

Game of Thrones: Brienne of Tarth und Jaime Lannister Bild: hbo.com

Game of Thrones: Brienne of Tarth und Jaime Lannister Bild: hbo.com

Ned, wie er von seinen Freunden und seiner Familie genannt wird, ist ein Ehrenmann alter Schule, er erfüllt all die lästigen Pflichten, die er als Hand des Königs zu erfüllen hat. Und gerade weil er ein klassischer Ritter ist und mit Politik nichts am Hut hat, überlebt er in dieser heiklen Position auch nicht allzu lange. Ned hat gemeinsam mit seiner Frau Catelyn (Michelle Fairley), die ebenfalls aus einer alten und angesehen Familien stammt, eine Menge Kinder, von denen es einige in der grausamen Welt von Westeros ziemlich weit bringen. Auch wenn es das Schicksal ausgerechnet mit dem erstgeborenen Sohn Robb (Richard Madden), der in den frühen Staffeln als junger Wolf glänzt, nicht allzu gut meint.

Übles widerfährt auch den anderen Stark-Kindern, etwa dem kleinen Bran (Isaac Hempstead Wright), der früh in Folge eines Sturzes zum Krüppel wird, später allerdings übernatürliche Kräfte erlangt. Die älteste Stark-Tochter Sansa (Sophie Turner) hingegen erhofft, durch Heirat Königin zu werden – doch der Thronfolger Joffrey (Jack Gleeson), der Sohn von Cersei Bannister und Robert Baratheon, entpuppt sich als sadistisches Arschloch, das schließlich einer anderen den Vorzug gibt und Sansa damit unbeabsichtigt ein besseres Schicksal ermöglicht.

Game of Thrones: Lord Varys und Tyrion Lannister Bild: hbo.com

Game of Thrones: Lord Varys und Tyrion Lannister Bild: hbo.com

Sansa hat über die bisher sieben Staffeln der Serie eine bemerkenswerte Entwicklung vollzogen, von der naiven Prinzessin, die es allen recht machen wollte, und entsprechend ausgenutzt und missbraucht wurde, zu einer selbstbewussten jungen Frau, die menschliche Abgründe kennt und ebenso umsichtig wie mutig ihre Interessen verteidigt. Im Rennen um den Eisernen Thron sind allerdings noch einige andere, Sansas kleine Schwester Arya (Maisie Williams) etwa, die von Anfang an eine Vorliebe für Kampf und Konflikt gezeigt hat, und mittlerweile nicht nur eine talentierte Schwertkämpferin, sondern auch eine vielgesichtige Rachegöttin ist.

Und dann ist da natürlich das extrem problematische Traumpaar bestehend aus Jon Snow (Kit Harrington) und Daenerys Targaryen (Emilia Clarke), die wenn ich die Familienverhältnisse richtig verstanden habe, Tante und Neffe sind, aber das eben (noch?) nicht realisiert haben. Jon glaubt ja noch immer, ein Bastard-Kind von Ned Stark zu sein, auch wenn wir mittlerweile wissen, dass er der Sohn von Neds heißgeliebter Schwester Lyanna Stark und Rhaegar Targaryen und somit ein heißer Aspirant auf den Eisernen Thron ist. Wobei derartige Familienverhältnisse bei Targaryens nicht ungewöhnlich sind, ähnlich die ägyptischen Pharaonen haben die den Knall, innerhalb der Familie zu heiraten, damit die Blutlinie rein bleibt. Aus biologischer Sicht extrem problematisch, aber egal, so ist das mit Royals nun einmal. Daenerys jedenfalls ist ebenfalls eine extrem starke und sendungsbewusste Frau, die bisher sämtliche Anschläge auf ihr Leben überstanden und dazu noch eine vergleichsweise menschenfreundliche Art der Herrschaft entwickelt hat: Sie sieht sich nicht als Unterdrückerin, sondern als Befreierin. Ähnliches lässt sich über Jon berichten, der nach diversen Abenteuern nördlich der großen Mauer von seinen Leuten zum König des Nordens gewählt wurde, weil sie in ihm einen geeigneten Anführer sehen, der den Gefahren des anstehenden langen Winters trotzen kann.

Eis und Feuer: Jon Snow und Daenerys Targaryen Bild: hbo.com

Eis und Feuer: Jon Snow und Daenerys Targaryen Bild: hbo.com

Das Verhältnis von Cersei Lannister und ihrem Bruder Jaime (Nikolaj Coster-Waldau) ist nicht weniger anrüchig. Inzwischen sind alle drei Kinder tot, die aus dieser inzestuösen Verbindung hervorgegangen sind und es zeichnet sich ab, dass Jaime sich von seiner intriganten und machthungrigen Schwester losgesagt. Und dann ist da auch noch ihr kleiner Bruder Tyrion (Peter Dinklage), der Gnom. Auch Tyrion Lannister hat eine interessante Entwicklung erfahren: Vom dekadenten Adelsspross, der seine Tage versoffen und verhurt hat, zum verantwortungsvollen und klugen Berater der (vermeintlich) letzten Überlebenden aus dem Haus Targaryen, Daenerys, der Sturmgeborenen, der rechtmäßigen Erbin des Eisernen Throns, der Herrscherin über die Andalen und die ersten Menschen, der Khaleesi des Großen Grasmeeres, der Unverbrannten, der Sprengerin der Ketten, der Mutter der Drachen. Auch Tyrion ist mit jeder Herausforderung gewachsen und stärker geworden. Er hat beschlossen, die weniger selbstsüchtige und grausame Daenerys im Kampf um den Eisernen Thron zu unterstützen, zumal er begreift, dass nur eine breite Allianz sämtlicher Häuser in der Lage sein wird, gegen den Nachtkönig und die Weißen Wanderer zu bestehen, die mit dem anstehenden langen Winter in die sieben Königreiche einfallen.

Game of Thrones: Die Last der Bildung. Sam in der Zitadelle der Maester. Bild: hbo.com

Game of Thrones: Die Last der Bildung. Sam in der Zitadelle der Maester. Bild: hbo.com

Das alles ist schon ziemlich cool, und man sehe mir an dieser Stelle nach, dass ich unmöglich die vielen bemerkenswerten Charaktere des Game-of-Thrones-Universums in einem einzigen Artikel unterbringen kann. Unbedingt muss ich erwähnen das nette Dickerchen Samwell Tarly (John Bradley), der zwar auf den ersten Blick keineswegs zum Ritter oder auch nur zu einem Mann der Nachtwache taugt, sich aber doch immer wieder als mutig und vor allem klug entpuppt. Seine Weisheit bezieht er in der Regel aus alten Büchern, Sam mag zwar schwach und feige erscheinen, aber er ist ein Mann der Weisheit, der zeigt, dass Bildung ebenso wichtig und nützlich sein kann, wie die Fähigkeit, im Kampf zu bestehen.

Der intrigante Littlefinger (Aidan Gillen) ist zwar mittlerweile Geschichte, aber die Figur des Petyr Baelish war streckenweise durchaus wegweisend für den Fortgang der Serie, ebenso wie die des Lord Varys (Conleth Hill), der noch immer seine Fäden spinnt. Wesentlich zupackender ist Brienne of Tarth (Gwendoline Christie), die zumindest körperlich stärkste Frau im Game-of-Thrones-Universum, die im Zweikampf sogar The Hound Sandor Clegane (Rory McCann) schlagen konnte, der nun keinesfalls ein Schwächling, sondern im Gegenteil ein überaus gefürchteter Gegner ist. Sie zieht die Aufmerksamkeit des ebenfalls nicht gerade schwächlichen Wildlings Tormund (Kristofer Hivju) auf sich. Mal sehen, ob draus noch etwas wird. Und wo wir bei den Wildlingen sind, muss ich unbedingt Gilly (in der deutschen Version Goldie, Hannah Murray) erwähnen, die Wildlingsfrau, in die Sam sich verliebt und weshalb er sie und ihren neugeborenen Sohn vor den weißen Wanderern rettet, und natürlich die wilde Ygritte (Rose Leslie), an die Jon Snow seine Umschuld verliert. Auch die beiden sind starke und eigenwillige Frauen, genau wie Osha (Natalia Tena), die gemeinsam mit den Halbriesen Hodor (Kristian Nairn) Bran auf seinem Weg zum dreiäugigen Raben beschützt.

Game of Thrones: Die Wildlinge Ygritte und Tormund. Bild: hbo.com

Game of Thrones: Die Wildlinge Ygritte und Tormund. Bild: hbo.com

Doch, wenn ich die Charaktere so durchgehe, stelle ich fest, dass GoT durchaus auch eine Frauenserie ist, was sicherlich einen Argument für den durchschlagenden Erfolg liefert: Da wäre noch die rote Priesterin des Lichts Melisandre (Carice van Houten) und natürlich Margaery Tyrell (Natalie Dorner), die in der Lage ist, dem Ekel Joffrey Baratheon einige menschliche Gesten abzutrotzen, damit er gut vor seinem Volk da steht. Noch besser gefiel mir allerdings ihre Großmutter Oleanna Tyrell (die von keiner geringeren als der Emma-Peel-Darstellerin Diana Rigg verkörpert wird. Als kleines Mädchen war sie mein erstes Idol), die als alte Dame in gehobener Position das Privileg hat, endlich zu sagen, was sie denkt. Und dann sind da natürlich noch die vielsprachige Missandei (Natalie Emmanuel) im Gefolge von Daenerys Targaryen,  die lustige Hure Shae (Sibel Kekilli), Yara Greyjoy (Gemma Whelan), die starke Schwester des nicht so wahnsinnig starken Theon Greyjoy (Alfie Allen) last but not least Talisa (Oona Chaplin), die unerschrockene Schönheit aus dem Süden, für die der junge Wolf Robb Stark sein Schicksal herausgefordert hat.

Game of Thrones: Die Stark-Kinder sind erwachsen geworden. Sansa, Bran und Arya in der 7. Staffel Bild: hbo.com

Game of Thrones: Die Stark-Kinder sind erwachsen geworden. Sansa, Bran und Arya in der 7. Staffel Bild: hbo.com

Natürlich gibt es auch noch ein paar erwähnenswerte Jungs, die zum Auftakt der letzten Staffel noch im Rennen sind, abgesehen von Jon Snow, Jaime und Tyrion Lannister etwa Robert Baratheons Bastard Gendry (Joe Dempsie), den schlagkräftigen Schmied, den alten Kämpen Ser Jorah Mormond (Iain Glen) oder den Zwiebelritter Davos Seaworth (Liam Cunningham). Die Reihen haben sich im Verlauf der vergangenen acht Staffeln ziemlich gelichtet, was die Sache inzwischen sehr viel übersichtlicher macht. Was allerdings nicht unbedingt ein Pluspunkt ist: Gerade die siebte Staffel hat für meinen Geschmack viel zu sehr auf überwältigende visuelle Effekte, als auf die vorher zwar nicht immer überzeugende, aber doch spannende Entwicklung der Charaktere und ihrer Beziehungen untereinander gesetzt. Insofern ist schon zu befürchten, dass die letzte Staffel in ein sehr teures Splatter-Movie mit viel Blut, Feuer und Massen von halbverwesten Untoten abkippt. Aber wie sollte nach all dem, was wir mit GoT schon erleiden und ertragen mussten, ein gutes Ende denn überhaupt aussehen? Am 20. Mai, wenn die letzte Folge vorbei ist, werden wir schlauer sein. 

Green Book: Gut, aber zu spät

Ich mag Musikfilme und ich mag Roadmovies, insofern ist Green Book schon ein besonderer Leckerbissen. Das fand offensichtlich auch die ehrwürdige Academy, die den Film am Sonntagabend mit dem Oscar für den besten Film bedachte. Und Mahershala Ali mit dem Oscar für den besten Darsteller in einer Nebenrolle. Wobei ich nach dem nochmaligen Ansehen von Green Book doch ein bisschen enttäuscht bin, vermutlich weil der Film meine Erwartungen einfach anstandslos erfüllt hat: Ein bisschen rauer, eckiger, weniger gefällig hätte die Geschichte schon sein können.

Es geht um den schwarzen Klaviervirtuosen Don Shirley, eine historische Person, der in den frühen 60er Jahren eine Tournee durch die Südstaaten der USA unternahm, und seinen Fahrer, der im Film Tony Vallelonga, kurz Tony Lip heißt. Kleiner Witz am Rande: Der echte Tony Lip hat in der legendären Serie Die Sopranos den Mafia-Boss Carmine Lupertazzi gespielt. Insofern ist der Mafia-Bezug dieser Figur quasi naturgegeben.

Green Book Filmposter

Green Book Filmposter

Mahershala Ali hat für seine Interpretation des Don Shirley bereits einen Golden Globe als bester Nebendarsteller gewonnen, absolut verdient natürlich, wobei ich die Kategorie „Nebendarsteller“ auch wieder diskussionswürdig fände. Viggo Mortensen als Hauptdarsteller finde ich schon okay, er spielt diesen Italo-Amerikaner Tony Lip, der gute Beziehungen zur New Yorker Mafia hat, aber auch sonst in jeder Beziehung ein Familienmensch ist, hinreißend ehrlich und schmierig zugleich.

Tony ist ein Kind der US-Einwanderer-Arbeiterklasse. Er macht seinen Job und scheut nicht davor zurück, sich die Finger schmutzig zu machen. Gleichzeitig versucht er, ein guter Ehemann und Vater zu sein. Familie ist wichtig, gerade in seinen Kreisen. Die Italiener hängen auch in der neuen Welt an ihren alten Werten. Aber genau das ist sympathisch: Sie schätzen gutes Essen und sie sind gastfreundlich und hilfsbereit. Insofern hat Tony kein Problem damit, für einen Farbigen zu arbeiten. Job ist Job und solange er sein Geld kriegt, macht er ihn, so gut er kann. Und natürlich macht er ihn ziemlich gut.

Für Don Shirley ist das alles komplizierter: Er ist ein ebenso hochgebildeter wie feinsinniger Künstler, der in den höchsten Kreisen verkehrt, er wohnt in einem Appartement über der Carnegie Hall und ist mit den Kennedys befreundet. Er hat eigentlich alles, was man im Leben erreichen kann. Aber offensichtlich hat er ein Problem damit, dass er aufgrund seiner afrikanischen Herkunft nicht überall in den Staaten gleichermaßen anerkannt wird. Oder vielleicht will er seinen unterdrückten schwarzen Brüdern und Schwestern im Süden einfach Mut machen – es ist jedenfalls sein Wunsch, eine Tournee durch den Süden der USA zu absolvieren, auch wenn das weniger Geld einbringt.

Und es liegt auf der Hand, dass das zu jener Zeit gewisse Schwierigkeiten provoziert. Insofern sucht Shirley mehr als einen Fahrer, der ihn einfach nur von Konzert zu Konzert chauffiert. Er braucht einen persönlichen Assistenten, der mögliche Probleme vor Ort möglichst geräuschlos regeln kann. Natürlich ist Tony Lip der ideale Kandidat für diesen Job – nur weiß Tony das noch nicht. Auch wenn er im Bewerbungsgespräch als besondere Qualifikation Public Relations nennt. Daher kommt sein Spitzname Lip: Er kann sich aus schwierigen Situationen einfach herausreden.

Don Shirley erkennt das, auch wenn er sonst mit dem ungeschliffenen Verhalten seines Angestellten immer wieder unzufrieden sein wird. Einen großen Teil des Amüsements zieht Green Book entsprechend aus der Gegenüberstellung des prolligen weißen Fahrers mit dem Herz auf dem rechten Fleck und dem distinguierten Intellektuellen, der für die Gegend, in der er sich gerade bewegt, leider die falsche Hautfarbe hat.

Der Filmtitel leitet sich übrigens von dem Reiseführer Negro Motorist Green Book  ab, nach dem Shirley seine Tournee planen muss.  Dass so etwas noch immer als Gegenstand für einen Film herhalten muss, ist traurig und beschämend. Vielleicht ist es das, was meine latente Unzufriedenheit mit diesem Film ausmacht und mich wünschen lässt, dass dieser Film nicht als bester Film ausgezeichnet worden wäre, obwohl es zweifelsohne ein guter Film ist, ein unterhaltsamer dazu, wenn auch kein besonders mutiger. Dafür kommt er ein paar Jahrzehnte zu spät. 

Es geht mir mit Green Book ähnlich wie mit Hidden Figures, jenem Film über einige afroamerikanischen Mathematikerinnen, die maßgelblich am Erfolg des Mondlandungsprojekts der NASA beteiligt waren, ohne dass ihre Leistung angemessen gewürdigt worden wäre. Ich finde gut, dass das mit dem Film endlich mal ansatzweise nachgeholt wird, gleichzeitig ärgert es mich, dass so ein wichtiger Film nett und unterhaltsam aufbebreitet wird, anstatt sich dermaßen über diese Ignoranz und Ungerechtigkeit aufzuregen, wie es mehr als angebracht wäre. Aber wer kuckt sich schon zwei Stunden Standpauke an. Natürlich will man lieber einen unterhaltsamen Film, bei dem man nebenbei noch etwas lernen kann. Aber der Sache, um die es geht, wird man damit nicht gerecht. Aber klar, lieber so einen leicht verlogenen Feel-Good-Film als ein noch verlogeneres Superheldenmovie. Insofern: Daumen hoch für Green Book.

The Death of Politsatire

Auf der Liste der übelsten Diktatoren aller Zeiten dürfte sich nach der herrschenden Geschichtsschreibung Josef Stalin auf einem soliden zweiten Platz befinden – nach dem Herrscher über das Tausendjährige Großdeutsche Reich Adolf Hitler. Nun gibt es inzwischen quasi ein eigenes Genre von Hitler-Satiren (die konservative Welt hat hier eine ganz brauchbare Zusammenstellung gebracht. Mein persönlicher Lieblingshitler ist Helge Schneider in Mein Führer.)

Bei Stalin-Satiren scheint das etwas anders zu sein, vor allem da im potenziellen Heimatland der Stalin-Satire Russland noch immer nicht über Stalin gelacht werden darf. Jedenfalls wurde die Aufführung von The Death of Stalin in russischen Kinos verboten, weil der Film historische Symbole Russlands beleidige und absichtlich Streit in der Russischen Gesellschaft anfache.  Vermutlich hat die Humorlosigkeit der Duma das Interesse für diesen Film beim russischen Publikum jetzt erst recht geweckt. Dank Internet gibt es ja auch andere Möglichkeiten, an Inhalte zu kommen, die von Regierungen als nicht so wünschenswert angesehen werden.

The Death of Stalin Filmplakat

The Death of Stalin Filmplakat

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich bin absolut nicht der Ansicht, dass man die Sowjetunion und Hitler-Deutschland vergleichen kann. In der Sowjetunion wurde nach der Oktoberrevolution etwas noch nie da gewesenes und leider bis heute noch immer nicht so richtig gut Umgesetztes ausprobiert: Ein Staat, der wirklich für die Belange des gemeinen Volkes veranstaltet wird. Die arbeitenden Menschen sollten im Mittelpunkt stehen, ihre Bedürfnisse sollten ernst genommen und bedient werden. Die Früchte ihrer Arbeit sollten nicht mehr die Besitzer der dafür benutzen Produktionsmittel (also die Kapitalisten) reich machen, sondern die Arbeiter selbst.

Das ist eine sehr sympathische Idee, auch wenn sie heute gerade mit dem Hinweis auf den stalinischen Terror als fataler Irrweg denunziert wird. Das erklärt auch, warum ich kein Stalin-Fan bin. Trotzdem hat die UdSSR es geschafft, Millionen von Menschen, die im rückständigen Zarenreich keine Chance auf ein gutes und eigenständiges Leben gehabt hätten, auszubilden und damit zu Fachkräften zu machen, die nach der Oktoberrevolution eine atemberaubende industrielle Entwicklung auf die Beine gestellt haben. Mit kapitalistischen Mitteln hätte es niemals funktioniert, ein riesiges Land binnen weniger Generationen vom rückständigen Agrarstaat zu einer führenden Industriemacht auszubauen.

Und ob man das jetzt sinnvoll findet oder nicht, die Versorgung der ISS kann seit längerem nur dank der inzwischen zwar veralteten, aber noch immer zuverlässigen russischen Raketentechnik aufrecht erhalten werden. Okay, mit der Kollektivierung der Landwirtschaft ist es weniger gut gelaufen, da hätten die kommunistischen Kommissare daran denken sollen, dass, wenn man das Saatgut konfisziert, auch die nächste Ernte ausfällt. Es gab, wie überall, wenn man etwas Neues ausprobiert, schmerzliche Rückschläge und furchtbare Fehlentwicklungen. Und eine der gräßlichsten und schmerzlichsten Fehlentwicklungen des neuen Staatswesens dürften die Stalinistischen Säuberungen gewesen sein, denen zwischen 1936 und 1940 Millionen Menschen zum Opfer fielen, die, aus welchen Gründen auch immer, unter Verdacht gerieten, gegen das angeblich kommunistische Regime zu konspirieren. In der Zeit kamen auch zahlreiche überzeugte Kommunisten zu Tode.

Daraus folgt für mich, dass Stalin kein Kommunist gewesen sein kann. Ein Kommunist hätte niemals Menschen umgebracht, die anderer Ansicht waren als er selbst. Ein Kommunist hätte mit ihnen diskutiert. Auch die Vorstellung einer „Diktatur der Arbeiterklasse“ ist letztlich nicht kommunistisch, denn Kommunisten lehnen Diktatur ab. Der Witz am Kommunismus ist ja, dass die Leute, die all die Arbeit machen müssen, um ein System am Laufen zu halten, darüber bestimmen können, auf welche Art und Weise sie das tun. Rein objektiv ist schließlich völlig klar, dass jede und jeder etwas dafür tun muss, Essen auf dem Tisch und ein Dach über dem Kopf zu haben. Und was man sonst noch für ein anständiges Leben braucht.

Aber da geht es auch schon los: Ein durchschnittlicher Multimillionär meint vielleicht, dass ein Privatflugzeug einfach dazu gehört, um seine auf der ganzen Welt verteilten Besitztümer in Schuss zu halten. Andere Zeitgenossen sind vielleicht mit fließend Wasser, einem funktionierenden Internetanschluss oder ein paar Quadratmetern Gemüsebeet zufrieden. Insofern ist es schon ein Problem, alle Interessen unter einen Hut zu bringen. Ich sehe allerdings nicht ein, warum die Welt ausgerechnet am Interesse der Leute ausgerichtet sein sollte, die ein Privatflugzeug als Lebensmittel benötigen. Ich halte es mit denen, die einfach nur genug zu essen und ein Dach über dem Kopf für alle wichtiger finden. Und die UdSSR hat das zumindest ein paar Jahrzehnte lang versucht. Trotz Stalin.

Jetzt habe ich nach der langen Vorrede den Faden verloren, denn eigentlich sollte es ja um den Film The Death of Stalin gehen. Den habe ich neulich gesehen und ich musste tatsächlich ein paar Mal lachen, was keine Überraschung sein sollte, schließlich wurde The Death of Stalin mit dem Europäischen Filmpreis 2018 in der Kategorie Komödie ausgezeichnet.

Aber so richtig lustig fand ich den Film letztlich nicht. Vieles von dem, was dort gezeigt wird, hat tatsächlich statt gefunden, und das ist überaus traurig. Aber andererseits ist genau das auch wieder ein Grund dafür, eine tief schwarze Komödie daraus zu machen. Aber für mich funktionierte das in diesem Fall nicht, kann sein, dass man erst ein paar hundert Gramm Wodka kippen muss, damit die entsprechende Stimmung aufkommt.

Denn die Zutaten sind ansonsten vielversprechend, es sind eine ganze Reihe toller Schauspieler an Bord und für Regie und Drehbuch (mit Ian Martin und David Schneider) ist Armando Iannucci zuständig, der durch The Thick Of It bekannt ist. Oder als Inspirator hinter der US-Comedy Veep, von der ich zugeben muss, dass sich mir der Humor dieser Serie auch nicht wirklich erschlossen hat. Ich habe mehrfach versucht, mir Veep anzusehen, aber irgendwie hat es nicht gezündet. Vielleicht verstehe ich dann doch zu wenig von US-Politik. Trump kapiere ich ja auch nicht, warum ist der eigentlich US-Präsident und nicht Hauptfigur einer Polit-Satire? Oder bin ich einfach in der falschen Realität?

The Death of Stalin: Filmplakat Rupert Friend, Michael Palin, Jeffrey Tambor, Steve Buscemi, Jason Isaacs

The Death of Stalin: Filmplakat Rupert Friend, Michael Palin, Jeffrey Tambor, Steve Buscemi, Jason Isaacs

Damit endlich zum Film: Wir sind in Moskau, im März 1953. Radio Moskau überträgt ein Mozart-Konzert mit der Klaviervirtuosin Maria Yudina. Genosse Stalin ist sehr angetan und hätte gern eine Aufzeichnung. Nur leider existiert keine, das Konzert wurde live gesendet. Jetzt muss schnell eine Kopie her, und dafür muss das Konzert noch einmal aufgeführt werden, koste es, was es wolle. Die für die richtige Akustik nötigen Zuschauer im Sendesaal lassen sich leicht ersetzen, mit Leuten, die man einfach von der Straße holt. Aber der Dirigent ist vor Angst in Ohnmacht gefallen, hier wird der Ersatz schon schwieriger. Und die Pianistin kann Stalin eh nicht leiden, sie findet, dass er ein Tyrann ist und lässt sich nur mit der diskreten Zahlung einer ziemlich großen Summe dazu bewegen, das Konzert noch einmal zu spielen. Puh.

Noch hat niemand von Belang sein Leben verloren. Aber das wird sich schnell ändern. Nachdem die Aufnahme unter großen Opfern stattgefunden hat, wird sie Stalin übermittelt. Maria Yudina hat eine handgeschriebene Nachricht in die Hülle geschmuggelt: Sie beschuldigt Stalin der Tyrannei und wünscht ihm den Tod. Stalin findet das so lustig, dass er einen Schlaganfall erleidet. Weil niemand es wagt, sein Zimmer unbefugt zu betreten, bleibt Stalin hilflos in seinem eigenen Urin am Boden liegen, wo er später von Mitgliedern des Zentralkomitees der KPdSU gefunden wird.

Und wie das mit Komitees und Protokollen so ist, erst einmal muss die Beschlussfähigkeit abgewartet werden und dann muss einstimmig beschlossen werden – der Genosse Stalin besteht nun einmal darauf, dass die Partei stets mit einer Stimme spricht. Als endlich beschlossen wird, dass nun ein Arzt zu rufen ist, stellt sich das Problem, dass alle fähigen Mediziner den Säuberungen zum Opfer gefallen sind. Also werden Ruheständler und Jungärzte ans Kranken- bzw. Sterbebett beordert, die allesamt nur feststellen können, dass jetzt nur noch ein Wunder helfen könnte, welches sich bekanntlich nicht eingestellt hat.

Doch längst bevor Genosse Stalin seinen letzten Atemzug aushaucht, geht der Kampf um die Nachfolge los: Formal wird der stellvertretende Generalsekretär des ZK Georgi Malenkow (Jeffrey Tambor) zum neuen Staatsoberhaupt. Allerdings sind alle anderen ZK-Mitglieder der Ansicht, dass Malenkow nicht der ideale Nachfolger ist. Insbesondere der intrigante Geheimdienstchef Lawrenti Beria (Simon Russell Beale) hat bereits Vorbereitungen für seine Machtübernahme getroffen. Den ehemaligen Außenminister Wjatscheslaw Molotov (Michael Palin), den Stalin auf eine seiner berüchtigten Todeslisten hat setzen lassen, begnadigt Beria spontan, weil er hofft, dass er ihm nützlich sein werde. Allerdings durchkreuzt ausgerechnet der bis dahin eher unauffällige Nikita Chruschtschow (Steve Buscemi) Berias Pläne, in dem er einen Konflikt zwischen Beria und dem Chef der Roten Armee, Georgi Schukow (Jason Isaacs), anheizt. Und dann gibt es noch Stalins Kinder Swetlana (Andrea Riseborough) und Wassili (Rupert Friend), die jeweils auf ihre Art ziemlich durchgeknallt sind, mit denen sich die jeweiligen Verschwörer aber gut stellen müssen. Sämtliche ZK-Mitglieder agieren extrem opportunistisch und eigennützig, insbesondere Beria schreckt vor keiner Grausamkeit zurück, um seine Interessen durchzusetzen. Es wird also weiterhin munter verhaftet, verhört, gefoltert und gemordet, auch wenn selbst Beria irgendwann auf die Idee kommt, dass die Aussetzung der Hinrichtungen und eine allgemeine Amnestie beim Sowjetvolk gewiss gut ankämen.

Es fiel mir wie gesagt ziemlich schwer, das alles so lustig zu finden, wie es offensichtlich gemeint war, vielleicht, weil der Film immer wieder zwischen alberner Klamotte und brutaler Trashsatire schwankt. Aber für das eine ist er zu blutig und für das andere nicht blutig genug. Insofern frage ich mich, was dieser Film eigentlich sein will: Eine Geschichtsstunde der anderen Art oder tatsächlich eine Politsatire? Auch wenn die Handlung von The Death of Stalin historisch nicht akkurat ist, so orientiert sie sich doch an Ereignissen, die in ähnlicher Form tatsächlich statt gefunden haben. Das tut schon weh. Insbesondere wenn man sich das heutige Politpersonal in der Weltspitze mal ansieht. Wer von denen würde denn nicht für den eigenen Vorteil über Leichen gehen? Wer von denen kriegt denn tatsächlich mit, wie die jeweiligen Untertanen so leben (müssen)!?

Das ist ja generell das Problem mit Politsatire: An drastischen Beispielen wird vorgeführt, wie „die da oben“ so drauf sind, da kann man dann drüber lachen und am Ende ändert sich – nichts. Wissen wir nicht längst, dass die Mächtigen böse sind, und sich aus ihrem Bedürfnis heraus, mächtig zu werden, zu sein und zu bleiben, bei jeder Gelegenheit zum Affen machen? Dass sie ohne mit der Wimper zum zucken, das Gegenteil von dem behaupten, was sie eben noch gesagt haben, nur weil sich der Wind gedreht hat?! Das hat George Orwell bereits im Jahr 1948 in seinem Roman 1984 besser auf den Punkt gebracht: „Frieden ist Krieg!“ „Sklaverei ist Freiheit!“ „Unwissenheit ist Stärke!“

Insofern: Man kann sich den Film schon ansehen, wenn man auf schwarze Komödien steht. Aber in dem Bereich habe ich schon Besseres gesehen.

Babylon Berlin: Geld allein genügt nicht

Laut Bambi ist Babylon Berlin die deutsche Serie des Jahres. Das geht irgendwie in Ordnung, denn eine bessere deutsche Serie fällt mir derzeit leider auch nicht ein. Vor allem keine, die zur besten Sendezeit im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Es ist ja nicht so, dass es gar nichts Neues aus deutscher Produktion zu sehen gäbe, erfrischend unkorrekt, geistreich und dabei total lustig fand ich in diesem Jahr beispielsweise Das Institut – Oase des Scheiterns. Diese Serie beweist, dass man mit vergleichsweise wenig Aufwand richtig gute Unterhaltung machen kann. Und damit komme ich auch gleich zu meinem größten Kritikpunkt an der ausgezeichneten deutschen Megaserie. Im Fußball würde man es so formulieren: „Geld schießt keine Tore“. Um endlich mal eine Serie zu produzieren, die im internationalen Seriengeschäft mithalten kann, haben die Macher richtig viel Kohle in die Hand genommen, die ersten zwei Staffeln mit 16 Folgen à 45 Minuten, die in acht Doppelfolgen ausgestrahlt wurden, sollen 40 Millionen Euro gekostet haben. Damit ist Babylon Berlin ist die bisher teuerste nicht englischsprachige Serie überhaupt.

Babylon Berlin: Gereon Rath (Volker Bruch) und Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries)

Babylon Berlin: Gereon Rath (Volker Bruch) und Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries)

Und das sieht man auch, großartige Kulissen und Kostüme, optisch ist alles vom Feinsten. Babylon Berlin sei „ein opulentes Meisterwerk mit Suchtpotenzial“ las ich als Begründung für die Bambi-Auszeichnung, und ja, opulent ist die Serie zweifellos, und wenn man sich drauf einlässt, kann sie einen gewissen Sog entwickeln.

Das liegt unter anderem an den tollen Darstellern, insbesondere  Volker Bruch als Gereon Rath und Liv Lisa Fries als Charlotte Ritter. Und dann sind mit Peter Kurt, Matthias Brand, Lars Eidinger, Misel Maticevic, Leonie Benesch, Fritzi Haberlandt, Hanna Herzsprung, Marie Gruber, Benno Führmann und so weiter eine Menge Schauspieler aus der ersten Riege des deutschen Fernsehens vertreten, die ihre Sache allesamt so gut machen, wie es man von entsprechend ausgebildeten Profis erwarten kann. Und dann ist da noch Severija Janusauskaite, die mich als mysteriöse russische Gräfin Sorokina bzw. als androgyner Nachtclubsänger Nikoros begeistert hat.

Babylon Berlin: Die Sorokina (

Die Sorokina in Aktion (Severija Janusauskaite)

In Potsdam Babelsberg wurde für die Serie ein kompletter 20er-Jahre-Kiez aus Berlin nachgebaut, je nach Bedarf mit schäbigen oder prunkvollen Gründerzeitfassaden und damals modernen Gebäuden, zusätzlich gibt es beeindruckende  Computeranimationen, in denen der Alexanderplatz mitsamt den bestehenden Bauten in die späten 20er zurückversetzt wurde, auch wenn die beiden markanten Gebäude, das Alexanderhaus und das Berolinahaus von Peter Behrens, die dem Platz heute noch dieses 20er-Jahre-Flair verleihen, im Jahr 1929 noch gar nicht fertig gestellt waren – egal. Das rote Rathaus kann sich gut als Rote Burg verkleiden, wie das Polizeipräsidium bezeichnet wurde, das sich ungefähr dort befand, wo heute das Einkaufszentrum Alexa ist. Auch die Fahrzeuge, die Kleidung, die zahlreichen Statisten, das ist alles glaubwürdig und mit viel Liebe zum Detail ausgestaltet. Und selbst dort, wo die Serienmacher keine historischen Vorlagen benutzen, sondern sich einfach von den Möglichkeiten der damaligen Zeit inspirieren lassen, etwa beim extrem coolen Interieur des Moka Efti, das tatsächlich ein eher plüschiges Café mit orientalisch-inspirierter Pracht war, in der Serie aber ein ultramoderner Art-Deko-Tempel mit klaren Linien und viel Neolicht ist, oder bei dem Tanzschuppen, in dem die Sorokina als Nikoros auftritt, wird der Geist der damaligen Zeit gut eingefangen und in die heutigen Sehgewohnheiten übersetzt.

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So hätte der Alexanderplatz in den 20er Jahren aussehen können

Was mich nervt, ist, dass die eigentlich ziemlich gute Handlung des Romans Der nasse Fisch von Volker Kutscher, auf dem die Serie beruht, weitgehend umgeschrieben wurde. Das ist zum Teil der Seriendynamik geschuldet, wofür ich als Serienjunkie nun wirklich Verständnis habe. Allerdings wird die Geschichte dadurch zumindest teilweise schwach, weil gleichzeitig viele Nebenhandlungen ausgebaut wurden, wodurch der eigentliche Fall, den Gereon Rath aufklären soll, in den Hintergrund rückt. Oder waren das gleich mehrere Fälle? Da geht es Babylon Berlin dann wie einem Münsteraner Tatort, in dem der eigentliche Fall ja auch nur dazu dient, Thiel und Dr. Boerne eine Grundlage für ihren mehr oder weniger lustigen Kleinkrieg zu liefern.

Wobei das ja nicht immer schlecht sein muss und im Grunde finde ich sogar gut, dass einige der Nebenfiguren aus dem Roman in der Serie eine eigene Geschichte bekommen. Aber eine komplexe Serienhandlung ist keine Nummernrevue, in der man nach 90 Minuten wieder abschalten kann, und die Autoren machen es dem Publikum nicht gerade leicht, über mehrere solcher langen Teile hinweg dabei zu bleiben. Es gibt zwar einen großen, sämtliche Teile übergreifenden Handlungsbogen, aber angesichts der vielen Nebenhandlungen verliert die Serie immer wieder den Faden, was angesichts des veranstalteten Aufwands besonders schade ist.

Da ist beispielsweise Charlottes Freundin Greta Overbeck (Leonie Benesch), die in der Serie mittellos aus Usedom nach Berlin kommt und dort eine Anstellung als Hausmädchen beim Regierungsrat August Benda (Matthias Brand) findet, dem Chef der Politischen Polizei. Auch diese Figur wurde eigens für die Serie aufgebaut, sie ist vom Juristen Bernhard Weiß inspiriert, der in der Weimarer Republik Polizeivizepräsident in Berlin war. Der aus einer liberalen jüdischen Familie stammende Weiß war einer der wenigen republikanisch gesinnten höheren Beamten im Polizeiapparat. Weiß ging konsequent gegen Übergriffe der NSDAP vor und war deshalb immer wieder Diffamierungskampagnen ausgesetzt, 1933 wurde er aus dem Amt gejagt und floh über Prag nach London. Das ist eigentlich schlimm genug, doch in der Serie wird ihm ein noch grausameres Schicksal zuteil, an dem auch Greta beteiligt ist, die sich in ihrer Naivität von einem falschen Freund ausnutzen lässt.

Babylon Berlin: Das Moka Efti als Art-Deko-Tempel

Babylon Berlin: Das Moka Efti als Art-Deko-Tempel

In den Hintergrund rückt dafür der „Buddha“, wie der damalige Chef der Berliner Kriminalpolizei Ernst Gennat genannt wurde. Im Buch ist der Begründer der modernen Mordermittlung in Deutschland eine zentrale Figur, die Gereon Rath zu recht bewundert und fürchtet, in der Serie taucht Gennat erst in der zweiten Staffel auf, und da eher am Rande. Keine Ahnung, was die Serienmacher dazu bewogen hat, ausgerechnet diese interessante historische Figur in den Hintergrund zu rücken, denn Gennat liefert doch wirklich jede Menge Stoff für seriöse Krimihandlungen. Er entwickelte in den 20er Jahren die zentrale Mordinspektion und führte fortschrittliche Ermittlungstechniken wie eine systematische Spurensicherung am Tatort ein. Außerdem erfand er das Profiling schon Jahrzehnte bevor dieser Begriff überhaupt aufkam: Er baute ein Archiv auf, in dem sämtliche Fälle der Mordinspektion unter bestimmten Kriterien erfasst wurden. Auf diese Weise war es den Kriminalbeamten möglich, für jeden neuen Fall schnell vergleichbare Mordfälle und damit potenzielle Täter zu finden, wodurch die Aufklärungsrate für Mordfälle deutlich stieg. Unter Gennat lag die Aufklärungsquote bei knapp 95 Prozent, mehr schaffen auch die heutigen Kriminalisten mit modernster Technik nicht.

Auch die Figur der Charlotte Ritter wurde stark verändert, im Buch ist sie eine höhere Bürgertochter, die Jura studiert und, um Geld zu verdienen, als Stenotypistin bei der Polizei arbeitet. Denn in jenen Zeiten war noch undenkbar, dass eine Frau Kriminaloberrat werden könnte. Aber die für ihre Zeit moderne und emanzipierte Charlotte hat sich in den Kopf gesetzt, dass sich genau dieser Umstand ändern muss. Das ist in der Serie zwar auch so, hier stammt sie aber aus der Proletarierschicht, weshalb sie mit noch viel fragwürdigeren Jobs Geld verdienen muss, um über die Runden zu kommen. Wobei ich das für die Serie nicht schlecht finde, das gibt dieser Figur einen noch ganz anderen Dreh: Diese Charlotte ist eine typische Berliner Pflanze, die sich mit totalem Einsatz und viel Chuzpe aus ihrer deprimierenden Hinterhof-Herkunft erst in die Liga der gebildeten Bürgertöchter hoch kämpfen muss.

Babylon Berlin: Charlottes Zuhause. Eine typische Arbeiterwohnung jener Zeit

Babylon Berlin: Charlottes Zuhause. Eine typische Arbeiterwohnung jener Zeit

Auf diese Weise können die Serienmacher auch die dreckige, dunkle Kehrseite der aufstrebenden Metropole Berlin zeigen, denn die Mehrheit der Bewohner der deutschen Reichshauptstadt lebte in engen, überfüllten Arbeiterwohnungen und nicht wie Gereon Rath in möblierten Zimmern im Vorderhaus oder gar wie Regierungsrat Benda einer großzügigen Villa. Aber damit ist die Solidarität mit der Arbeiterklasse auch schon wieder erschöpft: Zwar wird den Umtrieben der aufstrebenden Nazis in der Serie eine Menge Raum gegeben, im Polizeiapparat gibt es viele Rechte, die mehr oder weniger offen mit den Nazis sympathisieren, die illegalen Aktivitäten der schwarzen Reichswehr und die Kumpanei mit den Rüstungskonzernen, die aus eigenen Motiven an der heimlichen Aufrüstung Deutschlands interessiert sind, spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Die Auseinandersetzungen mit den eher links organisierten Arbeitern kommen auch vor, vor allem die Unruhen vom 1. Mai 1929, der als Blutmai in die Geschichte eingegangen ist. 

Hier zeigen die Serienmacher zwar, was die spätere Auswertung der historischen Ereignisse zweifelsfrei ergeben hat, nämlich, dass die schwer bewaffnete Polizei unbewaffnete Arbeiter zusammengeschossen hatte, die entgegen des von Polizeipräsident Karl Zörgiebel verhängten Demonstrationsverbots den Aufrufen der KPD gefolgt und auf die Straße gegangen waren. Die Polizei beschoss auch Wohngebäude, an denen rote Fahnen aufgehängt worden waren. Es wurden 33 Zivilisten getötet und 198 verletzt, während kein einziger Polizist verwundet wurde – der einzige Polizist, der als angebliches Opfer der linken Gewalt präsentiert wurde, hatte sich die Schussverletzung versehentlich selbst beigebracht. Natürlich wurden diese Unruhen damals benutzt, um Stimmung gegen die Kommunisten zu machen, auch die SPD rechtfertigte die Polizeigewalt („Wer hat uns verraten – Sozialdemokraten“, immer wieder aktuell).

Das kommt alles so ähnlich auch in der Serie vor, allerdings wird aus dem mit den Sozialisten sympathierenden Arzt, der die Polizeikugeln aus unbeteiligten Opfern holt, ein wirklich unsympathisches Flintenweib, das ihrerseits später mit Morddrohungen um sich schmeißt. Musste das wirklich sein? Man hat doch damals schon so lange auf den Kommunisten rumgehackt, bis endlich mehr Leute die Nationalsozialisten gewählt haben. Kann man nicht endlich auch mal zugeben, dass die Kritik der Kommunisten an den für die Arbeiter ja nun wirklich nicht rosigen Verhältnissen durchaus begründet war? Immerhin hat sich wenige Jahre später brutalstmöglich herausgestellt, dass die Nazis eben nicht die bessere Alternative waren. Auch wenn es heute erschreckend viele Menschen gibt, die das schon wieder vergessen haben.

Babylon Berlin: Szene vom Blutmai 1929

Babylon Berlin: Szene vom Blutmai 1929

Es ist auch bezeichnend, dass die sonst so aufgeweckte Charlotte erstaunlich unpolitisch ist, wo sie doch schon aufgrund ihrer Herkunft durchaus mit der KPD sympathisieren könnte. Das wäre auch ein guter Ausgleich dafür, dass Gereon Rath trotz seiner Vorbehalte gegenüber den Nazis ein guter deutscher Beamter ist, der zwar heimlich Negermusik hört und wegen seiner Kriegstraumata morphinsüchtig ist, aber keineswegs revolutionäre Anwandlungen hat. Aber nein, so politisch die Serie sonst auch daher kommen will, immerhin darf die Witwe von Gereons im Krieg gefallenen Bruder bei einer Veranstaltung des Rüstungsfabrikanten Alfred Nyssen feststellen, dass der ja genau mit den Waffen, die ihren Mann getötet haben, ein gutes Geschäft gemacht hat, so flach bleibt sie in dieser Hinsicht ausgerechnet bei den beiden Hauptcharakteren. Da hilft auch die überstrapazierte Spannung nicht, wenn die beiden jeweils in scheinbar ausweglose Situationen geraten. Statt im Wasser versinkender Oldtimer und explodierender Güterwaggons wären mir intelligente Dialoge lieber. Nun ja, bevor meine Wunschliste, was ich gern einmal in einer deutschen Serie sehen würde, noch länger wird, mache ich Schluss.

Mein Fazit zu Berlin Babylon: Teurer, aber nicht besonders gut gelungener Versuch, aus einem akribisch recherchierten historischen Kriminalroman eine deutsche Erfolgsserie zu machen. Lohnt sich wegen der tollen Ausstattung und Darsteller aber trotzdem.

Das realsozialistische Traumschiff

Die zweite Staffel von Deutschland 83 ist da, die konsequenterweise Deutschland 86 heißt. Allerdings handelt es sich bei der Fortsetzung streng genommen nicht mehr um eine deutsch-deutsche Spionage-Dramedy, sondern um, nun ja, darüber könnte man sich streiten, wenn man wollte. Die Kritiker der etablierten Blätter sind sich da auch nicht einig. 

Fans von depressivem Retro-DDR-Kitsch à la Weissensee könnten enttäuscht sein, denn in der zweiten Staffel geht es nach Afrika: Die HVA-Spitzenkraft Lenora Rauch (Maria Schrader) versucht in Südafrika, aus den illegalen Waffengeschäften westdeutscher Konzerne mit dem Apartheitsregime für die DDR Kapital zu schlagen, während ihr Neffe Martin (Jonas Nay) als Lehrer in einem Waisenhaus in Angola geparkt wurde. Denn eigentlich wollen die Realsozialisten ja die Unterdrückten dieser Erde im Kampf gegen die Imperialisten unterstützen. Aber wie so vieles gerät auch das zur Farce – für die Serie ist das allerdings ein Vorteil.

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Klar wird auch hier wieder ausgiebig darauf herumgeritten, wie pleite die DDR Mitte der 80er Jahre war (ähnlich wie man derzeit täglich daran erinnert wird, wie pleite diese Griechen und derzeit vor allem die Italiener doch sind) und zu welchen verzweifelten Maßnahmen die DDR-Führung gegriffen hat, um Devisen zu beschaffen, weil man mit dem „Spielgeld“ der DDR auf dem Weltmarkt nicht einkaufen konnte. 

Aber fragwürdige Geschäfte werden natürlich auch vom Westen getätigt, etwa Waffenverkäufe an Regimes, die ihre und andere Leute damit unterdrücken. Aber hey, so geht halt Kapitalismus. Doch wenn Sozialisten so etwas tun, dann verraten sie ihre Leute, und noch schlimmer, ihre Ideale. Was natürlich doppelt und dreifach schlimm ist. Wie schön ist doch die Welt, wenn man erst gar keine Ideale hat.

Ungefähr so geht auch Deutschland 86, aber alles in allem fand ich die Fortsetzung besser als die erste Staffel. Gerade weil sie unkorrekter ist als die erste Staffel und in jeder Hinsicht dicker aufträgt, macht sie einfach mehr Spaß. Was daran liegen kann, dass RTL nach dem krachenden Misserfolg der deutschen Ausstrahlung ausgestiegen ist – ich hatte ja gleich geunkt, dass ich die Serie für ein RTL-Publikum für eher nicht geeignet halte. Man muss einfach zu viel wissen, um daran Vergnügen zu finden. Und wer komplexeren Inhalten folgen kann und will, verzeiht keine Werbeunterbrechung. 

Jetzt hat Amazon übernommen. Nun war die erste deutsche Amazon-Serie You Are Wanted leider kein gutes Beispiel für eine gelungene Amazon-Serie, aber Deutschland 86 kann das ändern. Natürlich wäre auch hier noch eine Menge Verbesserungspotenzial, aber gemessen an dem, was deutsche Serien sonst bieten, ist das schon mal ein Anfang.

Deutschland 86

Lenora Rauch (Maria Schader) und Rose Seithath (Florence Kasumba) Bild: Amazon

Es werden in der neuen Staffel eine ganze Menge Fässer aufgemacht: Internationaler Waffenhandel, in dem westdeutsche Rüstungskonzerne auf die Hilfe der DDR für die Umgehung von Sanktionen zurückgreifen, der Kampf gegen die Apartheit in Südafrika, der Stellvertreterkrieg in Angola, von westdeutschen Pharmakonzernen finanzierte klinische Studien (genauer: Menschenversuche) in der DDR, internationaler Terrorismus, der wiederum von Staaten unterstützt wird, die mit dem westlichen Modell, sich die Erde untertan zu machen, nicht einverstanden sind, die ständige Verstrickung von Interessen der nationalen Sicherheit mit dem Profitstreben, und nicht zuletzt die Versuche aller Beteiligten, dem Leben noch irgendetwas abzutrotzen, mit dem sie wenigstens für ein paar Augenblicke glücklich sein können. 

Das ist eine schwere Last, und die muss man irgendwie über die Strecke bringen. Und leider, muss man sagen, ist nichts von dem, was gezeigt wird, erfunden. Klar, die Auswahl der historischen Ereignisse und der jeweiligen Perspektive ist nicht objektiv, das kann sie auch gar nicht sein. Trotzdem hätte ich es gut gefunden, wenn nicht nur die DDR-Bürger von damals frech werden dürften: „Was hamse denn jerade da? Keen Huhn oder keen Schnitzel?“ Sind denn damals allen im Westen die gebratenen Tauben in den Mund geflogen?!

Nun ist es halt so, dass es die DDR nicht mehr gibt, insofern muss sie nun immer und immer wieder als Projektionsfläche für alles, was damals angeblich oder tatsächlich schief gelaufen ist, her halten. Und da muss man auch nichts beschönigen – das politische und wirtschaftliche System der DDR war leider so konstruiert, dass es nicht auf Veränderungen reagieren konnte, die im großen Plan der wohlmeinenden, aber eben nicht allwissenden, dafür aber allmächtigen, Führungskader nicht vorgesehen waren. Dabei weiß doch eigentlich jede und jeder, dass alles immer anders kommt. Angesichts der immer größeren Abweichungen von Plan und Realität haben die DDR-Oberen dann nicht den Plan überdacht, sondern die Realität ausgeblendet. Insofern war es nur konsequent, dass sie für die Volksbespaßung das ausgediente ZDF-Traumschiff aufgekauft haben, von dem in der Serie HVA-Chef Walter Schweppenstette (Sylvester Groth) so lange geträumt hat. Die Serienmacher bringen das schon gut auf den Punkt.

Deutschland 86

Parteisoldat wird Punk: Martin Rauch (Jonas Nay)

Genau wie die Figur der Barbara Dietrich (Anke Engelke), ein weiblicher Schalck-Golodkowsky, gegen die jeder noch so abgefeimte McKinsey-Berater alt aussehen würde. Für Devisen geht die Dietrich über Leichen. Da muss selbst die treue Parteisoldatin Anett Schneider (Sonja Gerhardt) schlucken, die Ex-Freundin von Martin, die im SED-Apparat schnell aufgestiegen ist, weil sie die Werte der Partei wie kaum eine andere verinnerlicht hat – aber tatsächlich noch an den Sozialismus glaubt. Wobei es in Deutschland 86 weder um Sozialismus, noch um eine Kritik daran geht.

Hier werden reale Ereignisse, historische Personen und erfundene Charaktere für eine spannende Staffel bunt zusammengestrickt, wobei der eine oder andere Handlungsstrang immer mal irgendwo hängen bleibt, so dass die eine oder andere Wendung etwas zu willkürlich daher kommt. Genau diesen Mix finde ich aber ganz reizvoll, zumal die Hauptpersonen nicht mehr so holzschnittartig wirken wie in der ersten Staffel: Martin ist nicht mehr der naive Spion wider Willen, sondern beherrscht sein Handwerk  (inzwischen auch das Klavierspiel) inzwischen recht virtuos, auch wenn er selbst nicht so sicher ist, ob und für wen er seine Talente wirklich einsetzen will. Diese Ambivalenz ist überall zu spüren – und das ist gut so.