Jede Regierung lügt

In der Arte-Mediathek gibt es noch bis zum 16. Februar die kanadische Doku Jede Regierung lügt, die von Oliver Stone und Jeff Cohen produziert wurde. Die lohnt es sich auf jeden Fall ansehen, schon weil Lügen-Präsident Donald Trump darin entsprechend eingeordnet wird – er erscheint derzeit zwar als besonders drastischer Fall, aber das dürfte eher auf das extrem ungeschickte Agieren seiner Sprecher zurückzuführen sein. Noch hat er sein Land nicht in einen Krieg gelogen, wie so mancher US-Präsident zuvor. Und, da sollte man sich nichts vormachen, auch ein Barack Obama und eine Hillary Clinton lügen sich und den anderen ständig etwas vor, nur tun sie das geschickter und nicht so offensichtlich wie der Donald das mit seinen Kinderlügen tut. Er muss halt immer den größten und längsten haben – im Grunde müsste man froh sein, dass er sich an solchen Nichtigkeiten abarbeitet, da wäre sehr viel Schlimmeres denkbar. Ansonsten ist er leider vergleichsweise ehrlich: Er setzt konsequent um, was er im Wahlkampf angekündigt hat – Ausländer raus, Obamacare abschaffen, Bildungssystem ruinieren, Steuern für Reiche senken und Arme dafür zahlen lassen – kann keiner behaupten, dass man das nicht hätte wissen können.

Screenshot Jede Regierung lügt

Screenshot Jede Regierung lügt

Doch ich schweife ab, denn darum geht es in der Doku gar nicht. Hier geht es eher darum, dass Donald Trump erstaunlicherweise Erfolg hat, obwohl er kein bisschen auf die Forderungen jener enttäuschten Verlierer eingeht, die ihn offenbar massenweise gewählt haben (ich weiß, Hillary hatte ein paar Millionen Stimmen mehr, aber es waren ja offenbar noch genug Verlierer für Trump übrig). Kritische Medienanalyse dazu: Fakten spielen keine Rolle. Trump hat geschafft, wofür in Deutschland Die Partei vor gut zehn Jahren angetreten ist: Inhalte überwinden.

Aber auch das kommt in dieser Doku nicht vor. Und leider geht diese sehr engagierte Doku auch leider überhaupt nicht darauf ein, WARUM jede Regierung lügt, ja, lügen muss!

Was nicht heißt, dass man sich die Zeit dafür sparen sollte, im Gegenteil. Sie liefert ja eine Menge Munition, nur wird sie leider ziellos verschossen. Hier geht es darum, zu erklären, dass man echten, kritischen Journalismus braucht, um all die Lügen aufzudecken. Denn die Mainstreammedien tun das nicht, diese Analyse ist durchaus korrekt. Die sind ja als Unternehmen darauf angewiesen, aus ihren Nachrichten ein Geschäft zu machen – also berichten sie über genau die Dinge, die Auflage, Reichweite und gute Quote versprechen.

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Screenshot Jede Regierung lügt

Und nicht über die Dinge, die unangenehm und ärgerlich sind. Wie Massengräber in Texas, in denen hunderte von illegalen Einwanderern verscharrt wurden. Aufrechte Journalisten regen sich zu recht darüber auf, dass das keinem der großen Sender und Medienverlage eine Meldung wert gewesen ist, statt dessen würde lieber gemeldet, dass Kim Kardashian im Central Park in eine Pfütze getreten sei. Und so wird eben auch nicht über Umweltskandale, oder Missstände in den Sozialsystemen, die Kriege, die von freiheitlich-demokratischen Regierungen vom Zaun gebrochen und unterstützt werden und so weiter berichtet – denn das will ja keiner wissen, meinen die Chefs. Wer will denn abends zur Entspannung Blut und Elend sehen. (Und warum dann die ganzen Krimis?! Nur so als ketzerische Überlegung)

Diese Doku beschreibt einen Ist-Zustand – natürlich ist das alles schlimm. Und es wird auch ganz gut erklärt, wie das mit der Selbstbestätigung der Medien (eine elaborierte Art der Filterblase) funktioniert, weil eben nur die Journalisten nach oben kommen, die sagen und schreiben, was die Chefs hören und lesen wollen. Und die haben es gern staatstragend und nicht kritisch. Denn das herrschende System ist ja das einzige denkbare. Insofern soll irgendwie schon „kritisch“ berichtet werden, aber es ist eben nur die Kritik zugelassen, die nicht an bestehenden Verhältnissen rüttelt, sondern sie bestätigt. Und im herrschenden System ist der Gedanke, dass die Welt untergeht, eher akzeptiert, als der Gedanke, dass der Kapitalismus vielleicht doch nicht das beste aller möglichen Systeme ist.

Screenshot Jede Regierung lügt

Screenshot Jede Regierung lügt

Und so heißt es auch hier: Wenn sich alle an die Regeln halten würden, wäre alles besser. Insofern ist nur logisch, dass der Wahlsieg von Trump für die etablierten Medien so ein Schock war – sie haben genau das gemeldet, was sie melden wollten, hier war die gefühlte Wahrheit tatsächlich noch realer als die Realität. Aber ich bin schon wieder ganz wo anders – aber trotzdem sage ich: Schaut euch diese Doku an. Sie öffnet eine Tür, aber weiter denken muss man dann halt selbst.

Es kommen eine Reihe Journalisten zu Wort, die für unabhängige Medien arbeiten, und natürlich finde ich es gut und wichtig, über ihre Arbeit zu berichten. Genau wie es gut und wichtig ist, diese ganzen Lügen aufzudecken. Trotzdem wundert mich, dass eine entscheidende Frage nicht gestellt wird: WARUM lügen alle Regierungen?

Screenshot Jede Regierung lügt

Screenshot Jede Regierung lügt

Die Antwort auf die Frage bleiben die Macher uns schuldig, also versuche ich mich mal daran: Weil alle Regierungen gegen die Interessen einer riesigen Mehrheit von Leuten handeln – nämlich so ziemlich aller außer den paar Superreichen, die von den Verhältnissen profitieren, die Mithilfe der ganzen Lügen sämtlicher Regierungen eingerichtet wurden.

Denn ganz offensichtlich sind die Verhältnisse gar nicht so, wie behauptet wird: Es geht eben nicht um das Wohl der Menschen, sonst wären die ganzen Lügen doch überhaupt nicht nötig. Wenn es darum ginge, allen Menschen ein auskömmliches Leben zu ermöglichen, bräuchte man weder Kriege, noch Mauern oder schärfere Einwanderungsgesetze, dann würde man sich eben zusammen hinsetzen und überlegen, wie man das sinnvoll organisiert.

Aber genau das passiert nicht.

Ich wünsche mir ein paar kritische Journalisten, die genau hier ansetzen: Was müssen wir tun, damit Regierungen nicht mehr lügen müssen? Die Antworten darauf werden vielen erstmal nicht gefallen. Aber irgendwo muss man doch anfangen.

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Politik und Medien. Ein Kommentar

Es passiert wirklich: Donald J. Trump wird der 45. Präsident der USA. Ein ordinäres, rassistisches, hässliches, aber sehr reiches weißes Arschloch, das vermutlich gern das Wahlrecht für Frauen und sonstige Minderheiten (wobei Frauen natürlich keine Minderheit sind, genau wie Nicht-Weiße oder Nicht-Milliardäre oder sonstige Menschen, die nicht so sind, wie Donald Trump) wieder abschaffen würde. Ja, ich weiß, das sind alles Vorurteile. Aber wo wir schon bei Vorurteilen sind – die werden derzeit in jeder Hinsicht reichlich bedient. Etwa dass die Medien mit daran schuld sein könnten, dass Donald Trump überhaupt so populär werden konnte.

Gut, vielleicht ist da sogar etwas dran, denn es wurde enervierend viel über Donald Trump und seine diversen verbalen Ausfälle berichtet. Und gewiss war es auch nicht vorteilhaft für Hillary Clinton, dass diese E-Mail-Geschichte im letzten Moment noch einmal hochgekocht wurde. Aber vor allem hat sich doch gezeigt, dass TROTZ aller Berichterstattung für oder gegen bestimmte KandidatInnen die Wähler eben nicht so einfach zu beeinflussen sind, wie die Medienberater das gerne hätten.

Gestern noch waren sich Meinungsforscher und die einschlägigen Medien ziemlich einig, dass Trump nach seinem Achtungserfolg im schmutzigsten Wahlkampf aller Zeiten ziemlich schnell wieder in der Versenkung verschwinden würde, während Hillary einer Business-as-usual-Präsidentschaft nachgeht. Aber es ist ganz anders gekommen – und jetzt sind alle betroffen und faseln von der Welle, die keiner gesehen habe. Aber die Welle ist eher eine Blase, eine Filterbubble nämlich – heutzutage kann man sich nämlich dank Facebook, Twitter und YouTube genau die Nachrichten zusammenstellen, die man lesen oder sehen möchte. Oder von denen die Betreiber der jeweiligen Internet-Plattformen denken, dass wir sie sehen wollen. Und die kennen uns inzwischen besser als wir selbst – und auf diese Weise entstehen unterschiedliche Realitäten, die gelegentlich aufeinander prallen, genau wie es am gestrigen Wahltag in den USA passiert ist. Die Clinton-Befürworter waren sich sicher, dass ihre Wahrnehmung der Realität entsprach – nämlich, dass es zu Clinton keine Alternative gibt. Aber die Trump-Wähler sahen das anders – und setzen sich mit ihrer Wahrnehmung der Dinge durch. Was immer das für künftige Realitäten bedeutet.

By the way: Bernie Sanders wäre eine Alternative gewesen. Ich sage bewusst nicht eine bessere, sondern überhaupt eine. Mag sein, dass das Ergebnis am Ende gar nicht viel anders ausgefallen wäre als es jetzt ist – aber ich bin mir sicher, dass es sich weniger beschissen anfühlen würde. Bernie Sanders wäre auf jeden Fall ein glaubwürdigerer Kandidat gewesen, ein Außenseiter, der sich gegen das Establishment durchsetzen kann – genau diese Rolle konnte irrerweise jetzt Donald Trump besetzen, der gewiss nicht zum politischen Establishment der USA gehört, aber auf jeden Fall zu den rechten weißen Geldsäcken, die sich mit ihrem Geld eben auch eine Präsidentschaft-Kandidatur kaufen können. Und mit denen sich erstaunlicherweise mehr US-Wähler identifizieren konnten als mit einer vielleicht nicht ganz so reichen, aber politisch sehr erfahrenen und gut vernetzten weißen Frau, die von eben jenem inzwischen so verhassten Establishment als angeblich alternativlose Kandidatin durchgedrückt wurde.

Eins noch: An der Etablierung jener so genannten postfaktischen Politik, über die in der letzten Zeit viel schwadroniert wird und die sich mit der Tatsache bestätigt hat, dass ein grotesk unqualifizierter Typ wie Donald Trump ins wichtigste politische Amt der Welt gewählt werden konnte, sind die Mainstream-Medien diesseits und jenseits des Atlantik jedenfalls nicht unbeteiligt: Es gab jede Menge Skandalberichte a la Pussy-Gate oder E-Mail-Gate, ja, und Trump will die Mauer wieder aufbauen. Seriöse Analysen, wie es den Leuten mit der Politik geht, die derzeit gemacht wird – im Durchschnitt ziemlich schlecht nämlich – gab es kaum. Wieso auch – wenn über Krisengebiete in Afrika oder im Nahen Osten berichtet wird, kann man ja behaupten, dass es den Leuten da so schlecht geht, weil sich Freiheit und Demokratie in ihren Ländern noch nicht so richtig durchgesetzt haben. Aber wenn es den Leuten ausgerechnet dort beschissen geht, wo Freiheit und Demokratie quasi erfunden wurden, dann fällt die Erklärung dafür schwer, also lässt man es lieber.

Insofern erwartete ich für die kommenden Zeiten nichts Gutes – weder für die Entwicklung der medialen Berichterstattung, noch für die Politik, über die zu berichten sein wird.

Mr. Robot – Staffelfinale verschoben

Ja, diese Welt ist schlecht. Und als ob man das nicht ohnehin schon wüsste, fällt deswegen auch noch die einzige Serie aus, die es sich aktuell zu sehen lohnt:

Screenshot von usanetwork.com

Screenshot von usanetwork.com


Damit verschiebt sich meine Kritik über den letzten Teil natürlich auch um eine Woche…

Ein Land mit freien Medien braucht keine Zensur

Mit dem Fernsehen ist es wie mit dem Internet: Eigentlich ist es ein wunderbares Werkszeug, um Wissen zu vermitteln, mehr Bildung und Kultur zu verbreiten, Menschen Zugang zu schaffen, zu Welten, in die sie sonst nicht vordringen könnten. Tatsächlich ist oft das Gegenteil festzustellen: Fernsehen bedient primitivste Instinkte, macht dumm und hilft einem die Zeit totzuschlagen, weil man auch sonst nichts Sinnvolles mehr zu tun hat. Warum sonst ziehen sich sieben bis acht Millionen Menschen regelmäßig abends voyeuristische Ekel-Shows wie das Dschungelcamp rein? Und das völlig freiwillig? Okay, weil man dort mit entsprechendem Vorwissen und der Bereitschaft, unfreiwillige (meist verbale) Selbstentblößungen der oft ehemaligen Stars als ironische Brechung wahrzunehmen auch als Akademiker noch auf seine Kosten kommen kann. Wem das zu subtil ist, dem bleibt Schadenfreude und die Gewissheit, auch morgen wieder mitreden zu können.

Immerhin: Wenn es zu schlimm wird, muckt das noch nicht völlig abgestumpfte Publikum auf, wie es seit einigen Monaten bei der Berichterstattung über die Krise, äh, den Krieg in der Ukraine der Fall ist. Denn die Menschen sehen sich auch Nachrichtensendungen an, um mitreden zu können. Wenn hier das Niveau bedenklich sinkt, kommt es immerhin noch zu Protesten. Auch wenn sich die Verantwortlichen daraufhin nur bedingt selbstkritisch zeigen und lieber darauf verweisen, dass die einschlägigen Foren von aus Moskau gesteuerten Trollen geflutet würden. Ist das denn die Möglichkeit?! Ein paar Dutzend Forenschreiber, die angeblich von der russischen Regierung bezahlt werden, sollen einen größeren Einfluss auf die öffentliche Meinung in Deutschland haben als sämtliche deutschen Qualitätsmedien zusammen?!

Wenn das zuträfe, müssten man das vollständige Versagen unserer Medien in Sachen Meinungsbildung konstatieren. Tatsächlich muss man den deutschen Medien aber zugestehen, dass sie immerhin nicht verhindern konnten, dass die Bundesbürger noch ein gewisses Gespür für den Wahrheitsgehalt in der täglichen Propaganda gewahrt haben. Genau wie die Menschen während des zweiten Weltkriegs zumindest ahnen konnten, dass je schriller die Siegesmeldungen und später die Durchhalteparole im Radio klangen, die tatsächliche Lage für das dritte Reich tatsächlich immer hoffnungsloser wurde. Und auch die staatlichen Medien in der DDR konnten nicht verhindern, dass die Leute auf die Segnungen des real existierenden Sozialismus zugunsten des verheißungsvollen Kapitalismus samt glänzender D-Mark gepfiffen haben: Wenn Propaganda als solche erkannt wird, dann geben die Leute nicht mehr viel auf das, was der Staat sagt. Vor allem, wenn die alltägliche Erfahrung ständig das Gegenteil beweist.

Mit der staatlichen Propaganda ist es also gar nicht so einfach – zumal es in Deutschland gar keine staatlich gelenkte Propaganda in den Massenmedien gibt, auch wenn das immer wieder behauptet wird. Warum sage ich dann trotzdem „Propaganda“? Weil es ja offensichtlich eine bestimmte Meinung gibt, die hergestellt werden soll – und darin sind sich die Medienmacher auch einig, denn sie sind Bestandteil der ganzen Veranstaltung Staat und Gesellschaft, die eben nicht vom Volk, also von den Menschen wie du und ich, sondern von bestimmten Interessengruppen veranstaltet wird – ohne dass sich die Leute darüber im Klaren wären. Unsere Medien geben sich ja immer wieder auch kritisch und decken Skandale und Missstände auf, und natürlich kommen Vertreter mit unterschiedlichen Meinungen zu diesem und jenem zu Wort. Aber wenn man Tagesschau, heute jourmal, den Spiegel, den Süddeutsche, die FAZ und die ganzen Springerbätter sowieso mal genauer anschaut: Sie schreiben alle genau das, was sie dem Großen und Ganzen, also dem Standort Deutschland und allem was dazu gehört, zuträglich halten. Das ist aber nicht immer das, was sie berichten müssten, wenn sie ihren angeblichen Job unabhängige und objektive Information der Bürger ausüben würden.

Diese Diskrepanz fällt meistens gar nicht auf, aber ab und zu ist sie dann doch so offensichtlich, dass auch sonst weniger aufmerksame Bürger plötzlich misstrauisch werden: Wenn sogar Institutionen wie die Tagesschau ungeprüft Behauptungen übernehmen, von denen sich später ganz klar beweisen lässt, dass es für diese Behauptung eben keine Beweise gab, werden die Zuschauer völlig zu recht sauer. Schließlich zahlen wir alle unsere Zwangspauschale, damit wir vernünftig recherchierte und richtige Informationen bekommen, anstatt zufällig zusammengepusselte Falschmeldungen. Wenn inzwischen Analysen von seriösen westlichen Institutionen wie dem Council on Foreign Affairs zu dem Schluss kommen, dass der Westen den Bürgerkrieg in der Ukraine provoziert und eskaliert hat, während sämtliche Leitmedien in Deutschland noch das Gegenteil behaupten, dann muss man einfach mal konstatieren, dass es keine unabhängige Presse und keine objektive Berichterstattung in den deutschen Massenmedien gibt. Wie Peter Hacks vor 25 Jahren sagte: Ein Land mit freien Medien braucht keine Zensur.

Ich weiß, wie schwierig es ist, die wirklich wichtigen Nachrichten aus der Flut der einströmenden Meldungen heraus zu filtern und angemessen aufzubereiten. Ich arbeite selbst in einer Redaktion: Der ewige Zeitdruck, die knappen Ressourcen, für gründliche Recherchen braucht es Ruhe und Zeit, ständig muss man sich fragen: wieviel Aufwand muss man hier und kann man dort investieren? Kann ich mich auf die Quelle verlassen oder ist das eine Falschmeldung? Aber wenn das nicht einmal die mit öffentlichen Mitteln vergleichsweise komfortabel ausgestatteten Redaktionen von ARD und ZDF auf die Reihe kriegen – wer soll es denn sonst tun?! Besonders peinlich übrigens der Hinweis „Quelle: Internet“, den ich schon mehrfach in der Tagesschau sehen musste: So kann man es auch sein lassen! Man schreibt ja auch nicht „Quelle: Bibliothek“, sondern verrät zumindest um welches Buch es sich handelt! Obwohl sich inzwischen ja herausgestellt hat, dass auch prominente Politiker bei ihren Doktor-Arbeiten nicht mehr gewusst haben, wie das mit den korrekten Quellenangaben geht. Und das sind die Leute, die uns regieren…

House of Cards: Knallharter Macht-Poker

Wer die dänische Politik-Serie Borgen schätzt, kommt auch an der US-Serie House of Cards nicht vorbei – wobei House of Cards noch deutlich härter und zynischer ist. Aber hier steht ja auch keine idealistische Außenseiterin im Mittelpunkt, die erst als Premierministerin das große Einmaleins der Macht lernen muss. Der Protagonist dieser ersten Serie des Streaming-Dienstes Netflix ist bereits ein Virtuose der Machtausübung: Der Kongressabgeordnete Frank Underwood (Kevin Spacey) ist als Majority Whip dafür verantwortlich, die Abgeordneten seiner Partei bei Abstimmungen auf Parteilinie zu halten. Oder wie er in der ersten Folge selbst erklärt, sei er dafür verantwortlich, die Rohre durchzupusten, damit die Scheiße abfließen kann.

Frank Underwood spricht zu seinem Publikum, womit er die Zuschauer zu seinen Komplizen macht, die er quasi an die Hand nimmt, um sie in seine geheimen Ränke einzuführen: Er genießt es, der Macher hinter den Kulissen zu sein. Dort sorgt er mit Versprechen, Deals, Erpressung und notfalls auch Mord dafür, dass die Abgeordneten in seinem Sinne funktionieren – er hat nicht nur sämtliche Fäden in der Hand, er zieht auch unfehlbar an den richtigen. Die Macher der Serie haben sich dabei von einer gleichnamigen britischen Serie inspirieren lassen, die von der BBC produziert wurde.

Allerdings wird der Underwood versprochene Posten des Außenministers vom neuen Präsidenten und Parteifreund Garrett Walker an einen anderen vergeben. Das kann Frank nicht hinnehmen: Skrupellos arbeitet er an seinem Racheplan, spinnt Intrigen und vergrößert er seinen politischen Einfluss, um sein Ziel doch noch zu erreichen. Dabei wird er von seiner ebenfalls knallhart agierenden Ehefrau Claire unterstützt – bis er ihr bei einem ihrer Projekte in die Quere kommt. Die Underwoods kämpfen auch untereinander mit harten Bandagen, auch wenn sie sich in der Regel unterstützen, um ihre übergeordneten Ziele zu erreichen.

Als dritte im Bunde gibt es noch die ehrgeizige junge Reporterin Zoe Barnes, an die Frank gezielt Informationen durchsickern lässt. Sie begreift einerseits schon, dass Frank sie für seine Zwecke instrumentalisiert, andererseits will sie sich als Journalistin einen Namen machen, was ihr mit den Insider-Informationen von Frank auch schnell gelingt. Sie bildet sich zumindest streckenweise ein, die Sache mit Frank kontrollieren zu können, aber natürlich lässt sich der alte Fuchs nicht von einem jungen Ding vorführen, so abgebrüht und schlau diese Zoe ihrerseits auch ist.

In Deutschland wurde die zu recht hochgelobte und mit mehreren Emmys ausgezeichnete Serie ausgerechnet auf SAT1 ausgestrahlt, wo sie auf ein unterdurchschnittliches Publikumsinteresse stieß, was aber eindeutig gegen das Privatsender-Publikum und nicht gegen die Serie spricht. Die ist nämlich durchaus spannend und gut gemacht – allein dem großartigen Kevin Spacey dabei zuzusehen, wie er vermeintliche Freunde abserviert und gleichzeitig seine Gegner für seine Interessen einspannt, bereitet großes Vergnügen. Bemerkenswert ist auch, dass mit Netflix erstmals ein Internet-TV-Anbieter ein solches Projekt gestemmt hat und nicht die üblichen Verdächtigen wie HBO, Showtime oder AMC. Ich freue mich jedenfalls sehr auf die zweite Staffel.

Ein kleines Appetit-Häppchen gibt es hier:

Politik aus Dänemark: Gefährliche Seilschaften

Es geht wieder los! Am Donnerstag liefen auf arte die ersten beiden Folgen der dritten Staffel von Borgen – einer dänischen Polit-Serie der in Deutschland den dämlich-reißerischen Titel Gefährliche Seilschaften verpasst wurde.  Das Faszinierende an dieser Serie ist, dass es keineswegs um radikale politische Umwälzungen oder irgendwelche außergewöhnlichen Bedrohungen geht, mit denen Politfilme sonst gespickt werden, damit sie irgendwie spannend sind, sondern es geht einfach nur um das politische Tagesgeschäft von etablierten Parteien in einer modernen Demokratie und natürlich um Macht. Das an sich ist spannend genug, wenn es gut entsprechend erzählt wird – und das ist in diesem skandinavischen Serien-Leckerbissen absolut der Fall.

Die Serie dreht sich um die engagierte und anfangs noch sehr idealistische Politikerin Birgitte Nyborg, die, nachdem der Premierminister von der konkurrierenden Partei über den Vorwurf gestolpert ist, Luxus-Einkäufe seiner Frau aus der Staatskasse bezahlt zu haben, trotz eines nicht überragenden Wahlergebnisses für ihre Partei die Moderaten zur Premierministerin aufsteigt.

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Natürlich bleiben ihre politische Ideale auf dem Weg an die Spitze bald auf der Strecke, genau wie das Privatleben. Aber sie begreift natürlich, was für eine einmalige Chance sich ihr bietet und ergreift alle notwendigen Mittel, um die entscheidende Schlüsselposition zu erlangen. Selbst wenn alte Weggefährten abserviert und schwierige Kompromisse mit den politischen Gegnern erreicht werden müssen.

Birgitte lernt schnell und wird bald zur abgebrühten und gerissenen Verhandlungspartnerin, was auch ihr Mann, der Wirtschaftsprofessor ist, zu spüren bekommt. Dabei hat er ihr anfangs noch erklärt, warum Frauen nicht pokern könnten – weil sie einfach nicht dem Mumm hätten, zu bluffen. In Verhandlungen würden sich Frauen immer schlechter machen, als sie sind, Männer dagegen stellten sich immer besser dar. Birgitte setzt diese Lektion in ihren Verhandlungen geschickt um, nicht nur in der Politik, sondern auch zu Hause und verlangt, dass ihr Mann nun zurücksteckt und sich um die Kinder kümmert, damit sie Karriere machen kann.

Man kann sich denken, wie das endet. Ein ausgewachsenes Männer-Ego passt halt nicht zu dem Profil einer treu sorgenden Hausfrau, selbst wenn der Mann eigentlich einsieht, dass das einfach mal angesagt wäre. Nur noch zuhause sitzen und vergeblich auf seine Frau zu warten, die selbst im Bett noch wichtigere Dinge zu tun hat, als sich im ihm zu beschäftigen – da sucht man sich doch lieber etwas anderes. Und so ein smarter Typ wie Philipp bleibt nicht lang allein.

Natürlich ist das nicht die einzigen schwierige Beziehung dieser Serie – auch andere Menschen wie die ehrgeizige Journalistin Katrine Fønsmark oder der Spin-Doctor Kaspar Juul haben Probleme, Karriere und Privatleben unter einen Hut zu bringen. Wenn der Job eine Lebensaufgabe ist, die buchstäblich die Aufgabe des eigenen Privatlebens erfordert,  um immer die maximale Performance bringen zu können, ist eigentlich klar, dass am Ende nur noch beziehungsunfähige Zombies unterwegs sind, die sich selbst und den anderen so etwas wie ein Privatleben vorspielen. Die einen berauschen sich dabei am Adrenalin, die anderen ertränken ihren Kummer in Alkohol, aber alle sind irgendwie kaputt.

Und geht es auch um die häufig ziemlich schlüpfrige Beziehung zwischen Politik und Medien – die öffentliche Meinung wird nun einmal auch über die Präsentation von Politik und der medialen Darstellung Politikerinnen und Politikern hergestellt. Zwar ist es nicht so, wie hierzulande ja im Zuge der Bundestagswahlen auch wieder herausgestellt hat, dass eine angeblich rotgrün dominierte Presse eine satte Mehrheit für die CDU einfach wegschreiben oder versenden könnte – aber um zu verhindern, dass eine überholte Klientel-Partei wie die FDP noch einmal an die Regierung kommt, reicht es vielleicht doch. Aber letztlich stolpern Politiker aber immer über ihre eigenen Fehler – die Medien greifen sie nur mehr oder weniger ungnädig auf.

Alles in allem geht es also um Beziehungen in  der modernen Arbeitswelt, um  die Arbeitsweise einer parlamentarischen Demokratie und um menschliche Schwächen. Im Grunde also gar nichts besonderes – vielleicht ist das aber die Erklärung dafür, dass die pragmatischen Dänen immer wieder fantastische Serien produzieren, während das deutsche Fernsehen mit einem vielfachen an Zuschauern und Mitteln nicht in der Lage ist, etwas ähnliches auf die Beine zu stellen. Borgen ist mit seinem realistischen Blick auf die menschenlichen Verhältnisse spannend und so gut gemacht wie Kommissarin Lund, nur eben ohne Kommissarin Lund, dafür aber mit Birgitte Nyborg. Und die will es in der dritten Staffel noch einmal wissen und gründet dafür eine neue Partei. Man kann nur hoffen, dass das nicht gut geht.

The Hour – eine Sternstunde für Nachrichtenjunkies

Eine der Perlen aus der BBC-Produktion ist zweifelsohne die Serie The Hour. Es geht darin um die Erfindung der aktuellen Nachrichtensendung, in der über aktuelle politische Ereignisse berichtet wird. Das ist nicht ganz einfach, weil es 1956 eine Maulkorb-Klausel gibt, die der BBC verbietet, Themen zu behandeln, die voraussichtlich innerhalb von 14 Tagen nach dem geplanten Sende-Termin im Unterhaus zur Sprache kommen werden. Auf diese Weise wird es selbstverständlich fast unmöglich, über aktuelle Politik zu berichten. Trotzdem versucht das Team von The Hour, die Aufpasser in den oberen Etagen auszutricksen, um über die Dinge berichten zu können, die es für wichtig hält.

Das Team besteht vor allem aus Bel Rowley (Romola Garai), der jungen Chefredakteurin, die später erfahren muss, dass sie ausgewählt wurde, weil man glaubte, eine Frau sei leichter zu steuern, ihrem besten Freund Freddy Lyon (Ben Whishaw), der auf eigenwillige Weise immer wieder unglaubliche Storys ausgräbt und dem Moderator Hector Madden (Dominic West, den man aus The Wire kennen sollte), einem gutaussehenden Karrieristen, der der Sendung ein seriöses Gesicht verleihen soll. Unterstützt werden sie von Alexis Storm, einer ehemaligen Kriegsreporterin, die gute Verbindungen in die Krisenregionen der Welt hat und Freddys Assistenten Isaac Wengrow, der immer wieder als Lückenfüller einspringen muss.

Ich habe sehr viel für liebevoll ausgestattete Retro-Serien übrig, insofern ist das 50er-Jahre-Design von The Hour schon Grund genug gewesen, mir diese Serie anzusehen. Dazu kommt die gut gewählte Filmmusik, die genauso cool ist wie das sonstige Design. Auch die Geschichte an sich ist herrlich retro, neben dem Haupterzählstrang um die engagierten Journalisten, die darum kämpfen, eine gute Nachrichtensendung machen zu dürfen, mit den ganz wichtigen News, von denen sie sicher sind, dass die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat, sie zu erfahren, sind weitere Elemente eingeflochten, klassischer britischer Krimi, Agentenstory und nicht zu vergessen die gute britische Sozialkritik, Arbeitersohn Freddy verkörpert den Gegensatz vom Leben der Upper Class und der britischen Arbeiterschaft.

Außerdem ist es rührend zu sehen, wie aufwendig das Recherchieren war, als die Nachrichten noch nicht in einem nicht abreißenden Strom per Internet in die Redaktionen geflutet wurden. Freddy zückt immer wieder sein Notizbuch, an Computer ist noch nicht zu denken, auf den Schreibtischen in der Redaktion stehen mechanische Schreibmaschinen und schwarze Telefonapparate, in deren Leitungen es immer wieder verdächtigt klickt – Überwachung war auch damals kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ein aktuelles Thema – Echelon, der Bundestrojaner und PRISM ist leider gar nichts Neues.

Und auch das eigentliche Thema ist weiterhin aktuell: Was können die Medien ausrichten? Wie weit sind sie Instrument der Regierenden? Was ist guter Journalismus? Und so setzen Bel und Freddy ihre Karrieren aufs Spiel, um eine Sendung zu produzieren, in der das Handeln der britischen Regierung in der Suezkrise in Frage gestellt wird. Sie zeigen, wie die Regierung die Menschen niederknüppeln lässt, die in London gegen den Krieg, gegen die Bombardierung ägyptischer Städte protestieren, und sie bringen ein Interview mit Lord Elms, einem Vertreter der britischen Regierung, der erklärt, dass er leider zu der Erkenntnis gekommen sei, dass diese Regierung alles tut, um zu vertuschen, dass sie aus Lügnern und Mördern bestünde. Freddy fasst vor laufender Kamera zusammen, dass sich Großbritannien wohl kaum als Demokratie bezeichnen könne, wenn man die Entscheidung der Regierung nicht öffentlich diskutieren und infrage stellen dürfe. Während er spricht, verlieren die Regierungsvertreter die Nerven und lassen im Studio das Licht und die Kameras ausschalten.

So brachial geht heute höchstens noch der bayrische Rundfunk vor, wenn ihm was nicht passt. Andererseits muss man konstatieren, dass die Medien leider nicht so viel ausrichten können, wie ihnen gern unterstellt wird: Die wackeren Journalisten in aller Welt decken Skandale auf über Ausbeutung, Korruption, Umweltkatastrophen, Kriegsverbrechen und so weiter und so fort – aber was ändert die ganze Berichterstattung an der aktuell extrem unbefriedigenden Gesamtsituation?