Kämpfen lohnt sich: The Good Fight

Zufällig habe ich kürzlich eine Pressemitteilung entdeckt, dass die Fox Networks Group sich die Rechte an The Good Fight für Deutschland gesichert hat. Die erste Staffel der Anwaltserie wird ab dem 7. November dienstags um 21.00 Uhr ausgestrahlt. The Good Fight ist ein Spin-off der Anwaltserie The Good Wife, die zumindest in den USA vor ein paar Jahren ziemlich populär war und entsprechend reichlich Fernsehpreise abgeräumt hat.

Ich habe The Good Wife vor einiger Zeit auf Netflix entdeckt und als „Kann man sich ansehen, muss man aber nicht“-Serie eingestuft, wobei ich einräumen muss, dass ich sie mit der Zeit immer besser fand. Mit sieben Staffeln und 156 Episoden, die zwischen 40 und 45 Minuten dauern, ist The Good Wife durchaus ein Serienschwergewicht, und zwar eins, das sich von Staffel zu Staffel gesteigert hat, was man von den meisten Serien nicht behaupten kann.

The Good Fight: Marissa Gold (Sarah Steele), Maia Rondell (Leslie Rose), Lucca Quinn (Cush Jumbo), Barbara Kolstad (Erica Tazel), Adrian Boseman (Delroy Lindo) und Diane Lockhart (Christine Baranski)

The Good Fight: Marissa Gold (Sarah Steele), Maia Rondell (Leslie Rose), Lucca Quinn (Cush Jumbo), Barbara Kolstad (Erica Tazel), Adrian Boseman (Delroy Lindo) und Diane Lockhart (Christine Baranski)

Allerdings muss ich auch zugeben, dass ich The Good Wife vor allem dann habe laufen lassen, wenn ich mit Küchenarbeit beschäftigt war – als perfektes Begleitprogramm zum Gemüseschnibbeln. Irgendwie ist es halt doch eine Hausfrauenserie, auch wenn Alicia Florrick im Job durchaus ihren Mann gestanden hat, auf atemberaubend hohen Stilettos und immer 1A frisiert. Das ist überhaupt etwas, das mich an US-Serien fasziniert und gleichzeitig ungläubig den Kopf schütteln lässt: Laufen die Frauen da tatsächlich den ganzen Tag in solchen Schuhen rum? Immer perfekt gestylt und nicht eine Sitzfalte im Kostüm, das auf den wohlgeformten Körper maßgeschneidert ist?! Dass sich da noch kein Anwalt gefunden hat, der eine milliardenschwere Schadensersatzklage wegen gesundheitlicher Schäden durch unzumutbare Business-Gaderobe für Frauen durchsetzen will, wundert mich sehr. Aber ich verstehe die Amis ja so oder so nicht. Also mental und politisch.

Trotzdem gab es aber tatsächlich ab und zu besonders spannende Epsioden mit kniffligen oder auch politisch heiklen Fällen, die ich mir dann später in Ruhe noch einmal angesehen habe. Und mit der Zeit sind mir die Charaktere irgendwie ans Herz gewachsen, auch wenn sie zum Teil doch ziemlich klischeehaft waren.

Außerdem spielt die Serie in Chicago, was für mich ein Pluspunkt ist, weil das die einzige Stadt in den USA ist, die ich zumindest als Touristin kenne. Was wiederum auch ein Grund war, warum ich mir früher ER angesehen habe, wodurch ich auf Julianna Margoulies aufmerksam wurde. Die Rolle der Krankenschwester Carol Hathaway brachte Margoulies ihre ersten Emmy Award ein, als Anwältin Alicia Florrick in The Good Wife gewann sie noch zwei weitere (und diverse andere Awards).

Zu Anwaltsserien habe ich ein etwas gespaltenes Verhältnis: Es gibt einige, die ich wirklich sehr gut finde, insbesondere die Briten leisten hier einiges, etwa mit Criminal Justice, Silk oder Injustice. Und es gibt natürlich auch jede Menge Anwaltsserien in den USA, die mit Abstand beste ist ja wohl Better Call Saul. Aber es gibt halt auch viele, die mir auf die Nerven gehen.

The Good Wife ist eine der besseren, so viel ist klar – vor allem durch die Rahmenhandlung, denn Alicia muss sich ja nicht nur in ihrer Kanzlei und vor Gericht durchsetzen, sondern sie auch privat viel auszuhalten, da sind die Kinder, denen sie eine gute Mutter sein will und ihr Mann, den sie trotz allem immer wieder unterstützt – zwar hat er sich tatsächlich zweifelhaft  bis unkorrekt verhalten. Aber die Veruntreuung öffentlicher Gelder, die ihm sein Amt als Oberstaatsanwalt von Cook County gekostet und eine langjährige Gefängnisstrafe eingebracht hat, die hat man ihm angehängt. Und Alicia ist auf der Seite des Gesetzes und im Zweifel für den Angeklagten. Auch wenn der sich mit Edelnutten amüsiert hat, während sie sich zuhause um die Kinder kümmern musste.

Doch eigentlich wollte ich ja über The Good Fight schreiben. Auch die Fortsetzung stammt aus der Feder von Robert und Michelle King. In einer Hauptrolle ist wieder Christine Baranski dabei, die als Diane Lockhart bereits in The Good Wife erst die Chefin und später Mentorin und Geschäftspartnerin von Alicia war. Auch die Britin Cush Jumbo ist wieder an Bord, ihren Character Lucca Quinn mochte ich in The Good Wife besonders, weshalb mich das sehr gefreut hat. Die eigentliche Hauptrolle spielt allerdings Game-of-Thrones-Star Rose Leslie als Maia Rindell.

Maia ist die Patentochter von Diane und hat gerade ihr Examen als Anwältin bestanden. Genau wie Lucca Quinn bekommt Maia die Chance, sich in der Kanzlei von Diane zu bewähren, die wegen der ganzen neuen Partner inzwischen einen absurd langen Namen hat. Der erste Teil von The Good Fight setzt mit der Wahl von Donald Trump zum Präsident der USA ein, was die eingefleischte Demokratin Diane so entsetzt, dass sie beschließt, sich auf einem Weingut in Südfrankreich zur Ruhe zu setzen. Europa als letzte Zuflucht für ebenso betuchte wie enttäuschte US-Intellektuelle ist natürlich eine nette Sache, aber wir ahnen schon, das alles anders kommen wird.

Denn ein verheerender Finanzskandal, der durch Maias Eltern Lenore (Bernadette Peters, bekannt als Gloria aus Mozart in The Jungle) und Henry Rindell (Paul Guilfoyle) ausgelöst wurde, zerstört Dianes Pläne: Ihre Ersparnisse für den Ruhestand sind plötzlich futsch. Und die Partner in ihrer ehemaligen Kanzlei zeigen ihr die kalte Schulter. Die einzige Hoffnung für Diane ist ausgerechnet ihr Langzeit-Rivale Adrian Boseman (Delroy Lindo), der eigentlich genau das längst macht, was Diane schon in der letzten Staffel von The Good Wife vor hatte: Diane wollte eine schlagkräftige Kanzlei gründen, die ausschließlich von Frauen geführt werden sollte.

Nun bekommt sie die Gelegenheit, als erste Weiße in die Kanzlei Reddick, Boseman & Kolstad einzusteigen. Hier handelt es sich allerdings um eine prominente Chicagoer Kanzlei, die bislang ausschließlich Afro-AmerikanerInnen als Partner akzeptiert hat. Aber Diane hat letztlich keine andere Wahl – und sie nimmt Maia mit, weil sie der Ansicht ist, dass Maia nichts für die Taten ihrer Eltern kann und außerdem verspricht, eine gute Anwältin zu werden. Trotz der Skepsis seiner Geschäftspartnerin Barabara Kolstad (Erica Tazel) ist Adrian damit einverstanden.

Bei Reddick, Bosemann & Kolstad sind auch Alicia Florricks ehemalige Partnerin Lucca Quinn oder Marissa Gold (Sarah Steele) gelandet, die bereits in The Good Wife dabei waren. In The Good Fight spitzen sich die Dinge zu, Diane und Maia müssen hier wirklich kämpfen, und zwar nicht nur um ihre Jobs und um Anerkennung, sondern um ihre Existenzen. The Good Wife war zu weiten Teilen noch eher eine klassische Familienserie, mit Ehe- und Beziehungskonflikten, Teenagerproblemen und nervigen Müttern oder Schwiegermüttern. Familienprobleme gibt es auch in The Good Fight, aber die sind ganz anderer Natur, der Zehnteiler ist böser, härter und letztlich viel spannender als die Vorgängerserie.

The Good Fight ist ähnlich perfide wie Damages, jene wirklich fiese Serie um die skrupellose Anwältin Patty Hewes (Glenn Close), nur dass es eben kein abgefeimtes Mastermind wie Patty Hewes gibt, sondern eine ganze Reihe brillanter Anwälte, die aufgrund von Ereignissen, die der aktuellen Weltlage entnommen sind, in unkonventionellen Allianzen mit- und gegeneinander antreten.

Und dann gibt es eben auch noch all die anderen interessanten Figuren, etwa Marissa Gold, die ihr Leben nicht als persönliche Assistentin von irgendwem verbringen, sondern private Ermittlerin für die Kanzlei werden will –  mir  persönlich gefällt The Good Fight deutlich besser als Damages – die Figuren sind nicht so kalt und durchtrieben, sondern menschlicher und dadurch sympathischer.

Ich kann nicht einschätzen, wie gut die Serie funktioniert, wenn man den The Good Wife nicht kennt, weil ein Teil des Vergnügens ist, zu sehen, was aus den Leuten aus der Vorgängerserie jeweils geworden ist. Aber 100 Prozent auf dem Tomatometer (bei allerdings bislang nur 40 Reviews) sprechen dafür, dass nicht nur ich meinen Spaß hatte. Insofern: Vormerken! Die Serie lohnt sich

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The People v. O. J. Simpson

Eins der größten Fernsehereignisse aller Zeiten dürfte der Mordprozess gegen den ehemaligen Football-Star O. J. Simpson im Jahr 1995 gewesen sein. Insofern verwundert es nicht, dass dieser Prozess, der mit einem, nun ja, angesichts der real existierenden Faktenlage durchaus fragwürdigen Freispruch für den Angeklagten endete,  für eine True-Crime-Serie neu aufbereitet wurde. Diese hat FX Anfang dieses Jahres als American Crime Story: The People v. O.J. Simpson ins Rennen geschickt. Tatsächlich räumte die zehnteilige Mini-Serie in der aktuellen Emmy-Saison insgesamt neun der begehrten Fernseh-Preise ab.

Und das durchaus verdient, schon die Besetzung ist fantastisch – von Cuba Gooding Jr. als The Juice, wie O. J. von Freunden und Fans genannt wird, über Sarah Paulson als Staatsanwältin Marcia Clark (die für diese Rolle einen Emmy als beste Schauspielerin in einer Miniserie gewann) bis hin zu Courtney B. Vance als Johnny Cochran, David Schwimmer als Robert Kardashian und John Travolta, der den schmierigen Promi-Anwalt Robert Shapiro eher karikiert als darstellt – aber man weiß ja nie. Donald Trump war ja auch die Karikatur eines republikanischen Präsidentschaftskandidaten – und konnte trotzdem gewählt werden.

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Aber wenn man sich diese 10 etwa einstündigen Folgen angesehen hat, in denen der Fall vom Zeitpunkt des Verbrechens bis zur Siegesparty akribisch nachgestellt wird, wundert man sich darüber schon viel weniger. Denn hier wird selbst einem an juristischen Spitzfindigkeiten nicht besonders interessierten Fernsehpublikum vorgeführt, wie unwichtig harte, nachprüfbare Fakten für die Produktion von gefühlten Wahrheiten sind, die plötzlich Realität werden, wenn nur genug Menschen davon überzeugt sind.

Wobei The People v. O. J. Simpson nun wirklich kein Beitrag über postfaktische Politik ist, sondern – wie auch die ebenfalls sehr gute Serie The Night Of – eine kritische Analyse des Justizsystems in den USA und zusätzlich noch ein interessantes Lehrstück über den Einfluss der öffentlichen Meinung auf eben diesen Prozess, was beispielsweise zu der absurden Situation führte, dass die Geschworenen einschließlich der zahlreichen Ersatzleute für die Dauer des Verfahrens in einem Hotel interniert wurden, wo sie einem totalen Medienverbot unterlagen – weil sie ja ausschließlich die Fakten, die im Gerichtssaal verhandelt wurden, als Grundlage für ihre Entscheidung heranziehen sollten und nicht die hiermit offiziell als tendenziös eingestufte Berichterstattung in den US-Medien.

In den USA müssen Anklage und Verteidigung mit allen Mitteln um die Gunst der Geschworenen werben, so dass allein schon die Auswahl und Zusammensetzung der zwölf Laienrichter, die am Ende ein einstimmiges Urteil fällen müssen, über den Ausgang des Verfahrens entscheiden kann. Dieser Umstand wurde in Fall O. J. Simpson von den beteiligten Juristen dermaßen ausgiebig strapaziert, dass der vorsitzende Richter Lance Ito (Kenneth Choi) nach zahlreichen Anträgen beider Seiten, bestimmte Geschworene als befangen zu entlassen, um sie durch andere zu ersetzen, schließlich die Reißleine zog und keine weiteren Wechsel mehr zuließ. Was für die Geschworenen wiederum hieß, dass sie nun bis zum Ende des Verfahrens quasi Gefangene waren.

Dazu kommt, dass ein begüterter Promi sich natürlich die besten Anwälte leisten kann, die wiederum jede Menge Experten anheuern können, die in der Lage sind, scheinbar todsichere Beweise infrage zu stellen, vermeintlich zuverlässige Zeugen zu diskreditieren oder alternative Theorien aufstellen, die beim genauen Hinsehen völlig irrelevant sind, aber erstmal sehr beeindruckend klingen – ein guter Strafverteidiger muss schließlich nicht die Unschuld seines Mandanten beweisen, was in vielen Fällen schon allein deshalb schwierig sein dürfte, weil sehr oft Menschen angeklagt werden, die tatsächlich etwa verbrochen haben, sondern er muss Zweifel an der Schuld seines Mandanten wecken. Das hat auch in diesem Fall gereicht.

Dabei war die Ausgangslage auf den ersten Blick recht eindeutig: Im Juni 1994 wurden die Ex-Frau von Simpson, Nicole Brown und Ronald Goldman vor Browns Haus im schicken Brentwood brutal ermordet. Ronald Goldman war vermutlich ein Zufallsopfer, er hatte an dem Abend eine Brille abgeben wollen, die Nicole Browns Mutter in jenem Restaurant vergessen hatte, in dem Goldman arbeitete. Nachdem Passanten den blutbeschmierten Hund von Brown bemerkt und daraufhin die Leichen entdeckt und die Polizei alarmiert hatten, begannen die Ermittler den Tatort zu sichern und erste Beweise sicherzustellen. Wie sich später herausstellen sollte, gingen sie dabei nicht besonders akribisch vor.

Einige Zeit später fuhren die Beamten zu Simpsons Haus, das nicht sehr weit entfernt im gleichen Stadtteil gelegen war. Den zu diesem Zeitpunkt noch nicht verdächtigen Simpson trafen sie allerdings nicht an, weil der gerade in einem Flugzeug nach Chicago saß – er hatte sein Haus gegen 23:15 Uhr verlassen, um den Flug noch zu erwischen. Dafür entdeckten sie weitere Beweismittel, unter anderem Blutspuren in Simpsons Ford Bronco.

Weil es außerdem eine Vorgeschichte häuslicher Gewalt gab – während mehrjährigen Ehe hatte Nicole Brown immer wieder den Notruf der Polizei angerufen, weil ihr Mann sie misshandelte und bedrohte, auf einigen Mitschnitten war Simpson auch zu hören, weil er im Hintergrund brüllte. Es gab also eine Akte, in der zumindest ein Teil der Misshandlungen erfasst waren. Auch deshalb rückte Simpson schnell in den Fokus der Ermittlungen. Und die ergaben, dass Simpsons Alibi keineswegs wasserdicht war, sondern er durchaus die Gelegenheit gehabt hätte, die Morde zu begehen und sich dann schnell auf den Weg nach Chicago zu machen – einige Indizien legten das nahe, und ein Motiv gab es auch, den Klassiker Eifersucht und Rache.

Bei einem Nicht-Promi hätte das vermutlich gereicht, um einen Schuldspruch zu garantieren. Nun war O. J. Simpson aber ein populärer Sportler, ein ehemaliger Footballstar mit einer großen und treuen Fan-Gemeinde, die sich einfach nicht vorstellen konnte, dass ihr Held zu einer solchen Tat fähig sein könnte und ihn vehement verteidigte. Die Verteidigung nutzte das geschickt aus, um die „Rassismus-Karte“ zu spielen, was am Ende zu jener positiven Diskriminierung führte, dank der Simpson in diesem Fall davon kam: „Wir haben hier vermutlich den ersten Fall, in dem ein Angeklagter nicht verurteilt wurde, weil er schwarz war!“ fasste einer der beteiligten Juristen die Situation zusammen.

Nun sollte natürlich weder der soziale Status, noch Geschlecht oder Rasse vor Gericht eine Rolle spielen – tatsächlich ist das anders, und The People v. O.J. Simpson führt das eindrücklich vor. Und auch, dass man aus einem Justizskandal eine spannende Serie machen kann, die zwar nicht unterhaltsam im eigentlichen Sinne, aber absolut sehenswert ist.

How To Get Away With Murder

Dieses Jahr ist ein Jahr der dritten Staffeln, fällt mir gerade auf: Dritte Staffel Tyrant, dritte Staffel Silicon Valley, dritte Staffel Halt and Catch Fire, dritte Staffel Empire, dritte Staffel Transparent und dritte Staffel How To Get Away With Murder – es gibt bestimmt noch mehr, aber ich kann ja nicht alles sehen. Dabei fällt mir auf, dass ich noch gar nichts zu How To Get Away With Murder geschrieben habe.

Vielleicht weil das Konzept der Serie für meinen Geschmack eigentlich zu reißerisch ist – ich habe durchaus einen Faible für Anwaltsserien, insbesondere, wenn dabei die herkömmliche Vorstellung von Gerechtigkeit infrage gestellt wird, wie zuletzt in The Night Of. Aber die Macher von How To Get Away With Murder setzen mehr auf visuelle Rasanz als auf subtile Beobachtung und auf raffinierte Zeitsprünge statt penibler Analyse. Und auf eine gnadenlos geniale Protagonistin – Viola Davis ist als Annalise Keating absolut sehenswert: Professor Keating ist eine kantige Antiheldin, ebenso intelligent wie arrogant, absolut moralfrei und auf spröde Weise unglaublich sexy.

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Die ebenso umstrittene wie brillante Strafverteidigerin rekrutiert in ihrer Vorlesung, die kühn mit How To Get Away With Murder überschrieben ist, die jeweils besten Studentinnen und Studenten, die ihr dann unentgeltlich in ihrer Kanzlei zur Hand gehen dürfen, um verzwickte Fälle für Keating zu lösen. Denn das ist ganz klar die Vorgabe: Es geht nicht um Gerechtigkeit und schon gar nicht um die Wahrheit, sondern darum, den Mandanten rauszuhauen und den Prozess, koste es, was es wolle, zu gewinnen.

Dabei ist alles erlaubt – insofern verwundert es wenig, dass sich in Keatings Kanzlei nicht unbedingt die emphatischen und gewissenhaften unter Keatings Studenten versammeln, sondern die skrupellosen und karrieregeilen: Da wären Connor Walsh (Jack Falahee), ein schwuler Schönling, der seine Attraktivität nutzt, um andere Männer zu manipulieren, der reiche Schnösel Asher Millstone, Sohn eines einflussreichen Richters, die ehrgeizige Streberin Michaela Pratt (Aja Naomi), die nicht weniger ehrgeizige Laurel Castillo (Karla Souza) und schließlich Wes Gibbons (Alfred Enoch), „der Welpe“, der intelligent und engagiert ist, aber irgendwie nicht in diese Gruppe zu passen scheint: Den anderen – und auch ihm selbst – ist nicht ganz klar, warum Keating Wes als fünften Kandidaten für den Gewinn des Hauptpreises des Semesters zulässt. Normalerweise bekommen nur vier Studenten in die Auswahl, am Ende des Semesters die begehrte Statue der Justitia zu gewinnen, die dann in der Prüfung gegen einen Freischuss eingetauscht werden kann.

Wer bekommt die begehrte Statue? Bild: abc.go.com

Wer bekommt die begehrte Statue? Bild: abc.go.com

Aber auch Wes stürzt sich in die Arbeit – und es im Laufe der Zeit wird natürlich noch einiges klar: Gerade mit Wes scheint Keating noch einiges vor zu haben. Denn auch wenn sich How To Get Away With Murder von Folge zu Folge mit neuen Fällen beschäftigt, die Keatings Team auf Trab halten, so gibt zusätzlich es eine starken Spannungsbogen über die komplette erste Staffel und darüberhinaus – das Studententeam muss nämlich auch eine Leiche verschwinden lassen und das gerade erworbene Wissen für sich selbst anwenden, um davon zu kommen. Die dafür nötigen Hauptschritte der Manipulation vor Gericht haben sie bereits gelernt: 1. Diskreditiere die Zeugen. 2. Präsentiere einen neuen Verdächtigen. 3. Vergrabe die Beweise. Und last but not least: Überschütte die Geschworenen mit dermaßen vielen Informationen, dass sie am Ende nur noch ein Gefühl haben: Zweifel.

Aber weil nicht alle die geborenen Teamspieler sind und es sich eben ganz anders anfühlt, wenn man selbst betroffen ist, ist keineswegs klar, ob dieses Wissen allein ausreicht – oder nicht doch einer aus dem Team die Nerven verliert und, um sich selbst zu retten, die anderen auffliegen lässt. Insofern ist How To Get Away With Murder extrem spannend – während viele andere vertrackte Fälle zu lösen sind, muss ein nicht weniger verzwickter Fall vertuscht werden. Dass sich dabei immer neue Abgründe auftuen, verwundert wenig – natürlich ist am Ende fast alles anders, als es anfangs schien.

Das wird genauso plakativ umgesetzt, wie es klingt, was für mich auch die große Schwäche der Serie ist: Die Zuschauer werden eben auch mit dermaßen vielen widersprüchlichen Informationen überschüttet, dass einem am Ende schon wieder egal ist, wer was getan oder auch nicht getan hat, weil es in der nächsten Szene ja ohnehin wieder eine radikale Wendung gibt, weil eins der beteiligten Superhirne wieder einen neuen Beweis, Zeugen oder was auch immer aus dem Hut zaubert, mit dem der ganze Fall kippt. Das spannende ist eher, wie weit der oder diejenige jeweils geht, um die benötigte Information zu beschaffen – und in der Wahl der Mittel waren die Serienmacher letztlich nicht sonderlich kreativ, hier wird meisten Betörung und Sex eingesetzt. Und praktischerweise ist die neue Flamme von Connor ein Computerexperte, mit dessen Hilfe sich so allerlei illegal erhacken lässt, zumal er nach anfänglichen Skrupeln auch noch Spaß an der ganzen Sache bekommt.

Immerhin: Auch die anfangs doch recht stereotypen Protagonisten machen alle für sich ganz interessante Entwicklungen durch – selbst die knallharte Annalise Keating nimmt irgendwann allein vor dem Spiegel ihre perfekt gestylte Maske ab – ohne Make-up und Perücke sehen wir eine ohne Illusionen gealterte Frau, die in den Abgrund ihres eigenen Lebens blickt: Auch Annalise Keating ist nur ein Mensch. Mit menschlichen Schwächen, auch wenn sie die meistens sehr gut im Griff hat. Aber noch besser hat sie die Schwächen der anderen im Griff. Und das, so stellt sich mit der Zeit auch heraus, durchaus zu deren Vorteil: Annalise verlangt zwar unbedingten Einsatz, steht aber genau so loyal hinter ihren Helfern, wie diese hinter ihr stehen. Andererseits hat Annalise auch keine Skrupel, auch Menschen, die ihr nahestehen, zu benutzen, wenn es ihr vor Gericht Vorteile bringt.

Annalise Keating und ihr Team Bild: vox.de

Annalise Keating und ihr Team Bild: vox.de

How To Get Away With Murder ist halt eine dieser Serien, in der es keine einzige wirklich sympathische Hauptfigur gibt, sondern die von der Faszination der schönen, intelligenten Bestie und einer rasant vorangetriebenen Handlung lebt. Das nervt mich am Ende dann doch ziemlich – natürlich sind alle Menschen auf ihre Weise egoistisch und selbstbezogen, aber die allerwenigsten optimieren dermaßen knallhart auf ihren eigenen Vorteil wie die Protagonisten von How To Get Away With Murder: Dazu sind echte Menschen am Ende nämlich zu gutgläubig und zu konfliktscheu – die wollen vor allem in Ruhe gelassen werden oder einfach mal was aus Spaß machen. Was sich am Ende auch als unendlich dumm herausstellen kann, aber so sind Menschen eben.

Mit fällt gerade auf, dass genau das mich auch an House of Cards genervt hat: Alle Protagonisten sind dermaßen berechnend und durchtrieben, dass sich jedes Detail am Ende als Teil eines großen Plans entpuppt – Killerschach eben: Jeder Zug ist die Voraussetzung für den nächsten Zug, und am Ende gilt es, den Gegner zu vernichten. Aber genau das macht es mir schwer, länger dabei zu bleiben, es fehlt eben die eigentlich menschliche Dimension – in Breaking Bad macht der ja auch geniale und knallhart auf seinen Vorteil optimierende Walter White trotzdem immer wieder unglaublich dämliche Fehler, etwa wenn er aus Frust den neuen Sportwagen seines Sohnes auf einem öffentlichen Parkplatz abfackelt oder aus sentimentaler Eitelkeit ein Buch auf dem Klo liegen lässt, in das eins seiner Opfer eine persönliche Widmung geschrieben hat.

Das würde Annalise Keating nie passieren. Und genau deshalb ist How To Get Away With Murder zwar eine interessante und durchaus unterhaltsame Serie, aber eben keine von den richtig guten.

The Night Of: Scheiß auf die Wahrheit

Vor einigen Jahren sah ich Criminal Justice, eine ebenso brillante wie verstörende BBC-Miniserie über das britische Justizsystem – wobei die Serie insgesamt eher die Frage stellt, was Gerechtigkeit überhaupt ist bzw. was eine aufgeklärte, demokratische Gesellschaft daraus macht. Unbequeme Erkenntnis: Die Wahrheit, also das, was wirklich passiert ist, spielt eigentlich keine Rolle. Wichtig ist, was die Leute glauben (wollen).

Eine junge Frau, die zur falschen Zeit am falschen Ort war, wird Opfer eines grausamen Verbrechens, und ein junger Mann, der ihr zufällig kurz zuvor begegnet ist, wird durch die Mühlen der Justiz gedreht, denn es weist so ziemlich alles darauf hin, dass er der Täter sein muss. Aber er ist sich ziemlich sicher, dass er nicht der Mörder ist. Blöd nur, dass er gemeinsam mit seinem angeblichem Opfer gefeiert hat, bis er einen Filmriss bekam und sich deshalb nicht erinnern kann, was in dieser verhängnisvollen Nacht tatsächlich passiert ist.

The Night Of: Nazir Khan "Naz" (Riz Ahmed) und Andrea (Sofia Black D'Elia) Bild: hbo.com

The Night Of: Nazir Khan „Naz“ (Riz Ahmed) und Andrea (Sofia Black D’Elia) Bild: hbo.com

Und wie das bei wirklich guten Stoffen so oft der Fall ist, haben die Amis jetzt ihre eigene Version davon gedreht – und wie so oft, ist die US-Version ziemlich gut geworden. Genau wie es mit The Killing eine neue Version von Kommissarin Lund und mit The Bridge America eine von Die Brücke gibt, ist The Night Of eine wirklich gute Version von Criminal Justice. Einerseits finde ich etwas schade, dass europäische Serien in den USA nur eine Chance haben, wenn sie auf US-Verhältnisse angepasst werden – kein Wunder, dass die Leute da glauben, die USA sei das Maß aller Dinge und der Nabel der Welt. Trotzdem ist es für mich natürlich auch ganz interessant zu sehen, wie die Dinge in den USA gehandhabt werden.

The Night Of: Jack Stone (John Torturro) Bild: hbo.com

The Night Of: Jack Stone (John Torturro) Bild: hbo.com

Immerhin: Die Hauptrolle (im Original verkörperte Ben Whishaw den naiven Ben Coulter, der aus einer spontanen Laune heraus mit dem Taxi seines Vaters ins Verhängnis fährt) spielt der pakistanisch-stämmige Brite Riz Ahmed. Den kenne ich unter anderen aus Four Lions. Er verkörpert Nazir Khan, den bisher unauffälligen, gehorsamen und vielversprechenden Sohn pakistanischer Einwanderer, wodurch in der US-Version, die in New York spielt, noch eine rassistische Komponente hinzu kommt. In diesen Zeiten, da Moslems unter Generalverdacht stehen, gibt das der Sache einen interessanten zusätzlichen Kick. Sind es im Original die anständigen Eltern der eingeborenen weißen Londoner Working Class, die ihren Sohn nach Kräften unterstützen und einfach an dieses System glauben wollen, in dessen Mühlen ihr Sohn gerade zerrieben wird, so sind es nun die anständigen, hart arbeitenden Einwanderer, die gar keine andere Wahl haben, als an das freiheitlich- demokratische US-System zu glauben, auch wenn sie genau von diesem System ständig schlecht behandelt werden.

The Night Of: Nazir Khan (Riz Ahmed) Bild: hbo.com

The Night Of: Nazir Khan (Riz Ahmed) Bild: hbo.com

Wie auch bei The Killing oder The Bridge America ist die Geschichte sehr dicht am Original – Peter Moffat, der Schöpfer von Criminal Justice, ist auch einer der ausführenden Produzenten der HBO-Miniserie, die allerdings acht Teile hat – das BBC-Original hat fünf. Für die Rolle des Strafverteidigers war eigentlich der Sopranos-Hauptdarsteller James Gandolfini gesetzt – aber der ist bekanntlich viel zu früh von uns gegangen, deshalb müht sich John Torturro als abgerockter Strafverteidiger ab – Jack Stone ist so eine Art Jimmy McGill, der auf den großen Fall wartet, mit dem er endlich zu Saul Goodman werden kann: Ein gerissener und erfahrener Einzelkämpfer, der die hoffnungslosen Fälle vertritt. Er ist kein Star, er hat keine potente Kanzlei im Rücken, er hat ein Ekzem an den Füßen und das Problem, dass seine Klienten ihn eigentlich nie bezahlen können. Aber er ist so gut, wie man in diesem System, in es eben auch auf die Kohle ankommt, halt ohne Kohle sein kann.

The Night Of: Detective Dennis Box (Bill Camp) Bild: hbo.com

The Night Of: Detective Dennis Box (Bill Camp) Bild: hbo.com

Und er muss gegen den besten Mann im NYPD antreten und in diesem scheinbar ziemlich klaren Fall ermittelt Detective Dennis Box (Bill Camp), ein alter Fuchs, der schon alles gesehen hat. Er ist sich ziemlich sicher, dass Nazir der Täter ist, auch wenn er sich über dessen Motiv nicht klar ist und manipuliert sein gesamtes Umfeld entsprechend. Aber eben weil er ein dermaßen erfahrener Cop ist, spürt er, dass irgendwas an diesem Fall faul sein muss, auch wenn er das lange nicht einordnen kann.

Was bringt einen braven Sohn muslimischer Eltern dazu, eine solche Tat zu begehen? Auch die armen Eltern werden auf eine harte Probe gestellt: Schlimm genug, dass ihr Sohn einer solchen Tat verdächtigt wird. Aber weil er diesen ausgerechnet an diesem Abend das Taxi seines Vaters genommen hat, um zu dieser Party nach Downtown zu fahren, hat Nazir die Existenz seines Vaters ruiniert – und die seiner beiden Partner, die sich eben dieses Taxi teilen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Das Taxi ist nun ein Beweismittel in einem Mordfall – und kann entsprechend nicht mehr seinen eigentlichen Zweck erfüllen. Dabei wollte Nazir doch nur eins – endlich ein Mädchen kennenlernen. Immerhin ist er schon 23 und wohnt noch bei seinen Eltern. Er ist ein guter Student, er ist Tutor und gibt Nachhilfe – er hilft auch im Geschäft seiner Verwandten aus – aber offenbar ist er nicht völlig vom Lebensmodell seiner pakistanischen Familie überzeugt.

The Night Of: Die Eltern - Salin Khan (Leyman Moaadi, Mitte) und Safar Khan (Poorna Jannaghtan) Bild: hbo.com

The Night Of: Die Eltern – Salin Khan (Leyman Moaadi, Mitte) und Safar Khan (Poorna Jannaghtan) Bild: hbo.com

Deshalb lässt er sich auch darauf ein, diese geheimnisvolle schöne Fremde, die zu ihm ins Taxi steigt, an einen Strand zu fahren, so weit das in Manhattan möglich ist. Andrea nimmt den hübschen Jungen zu sich nach Hause – sie werfen Ecstasy ein, trinken Tequila und ziehen eine Nase Koks, Andrea scheint ein bisschen durchgeknallt zu sein, aber hey, Nazir wollte eigentlich auf eine Party und jetzt bekommt er, was er will – und Andrea will ihn offensichtlich auch. Aber irgendwann wacht Nazir vor dem offenen Kühlschrank auf und erinnert sich nicht, wie er dahin gekommen ist. Er geht nach oben, zieht sich an – es ist spät und er muss das Taxi zurück bringen. Als er Licht einschaltet, macht er es gleich wieder aus – zu schlimm ist das, was er da sieht.

Ab da nimmt das Verhängnis seinen Lauf – es ist keine schöne Serie im Sinne von guter Unterhaltung. Es geht hier nicht um Witz, Rasanz oder Coolness. Dafür gibt es andere Formate. Letztlich ist The Night Of sehr konventionell – aber das im guten Sinne, denn genau das ist hier Mittel zum Zweck: Es wird ermittelt, verhört und verhandelt. Aber das sehr intensiv und mit Liebe zum Detail. Auf das es in solchen Fällen bekanntlich ankommt. Und es wird der Alltag in Gefängnismauern gezeigt, der für normale Menschen ein absoluter Alptraum ist – denn hier sind die Kriminellen weitgehend unter sich. Gerade im Gefängnis zählen die Eigenschaften, die man für eine erfolgreiche Verbrecherkarriere braucht – hier bestimmt das Asphaltier und die Hackordnung ist strikt und erbarmungslos. Ein braver Junge wie Nazir kann hier nur Opfer sein, und als angeblicher Vergewaltiger und Mädchenmörder hat er weitere entscheidende Minuspunkte. Im Knast kann er nur überleben, wenn er mächtige Verbündete findet, und das ist noch mal ein Kapitel für sich. Draußen hingegen suchen seine Eltern nach Verbündeten. Was auch nicht einfach ist.

Insofern kann ich The Night Of absolut empfehlen. Diese Serie ist eine sehr gut gemachte Bestandsaufnahme von den Dingen, wie sie in unsere Welt nun mal sind. Das ist nicht schön, aber absolut sehenswert.

The Night Of Bild: hbo.com

The Night Of Bild: hbo.com

Rectify – diesseits der Todeszelle

Über die Weihnachtsfeiertage habe ich mir ein Serien-Erlebnis der besonderen Art gegönnt – ich habe mir Rectify angesehen, die erste eigene Serie der AMC-Tochter Sundance TV. Wie man von einem Spartensender erwarten kann, der seine Zuschauer vor allem mit Dokumentationen, Independent-Filmen sowie Film- und Serienhighlights aus der ganzen weiten Welt versorgt, ist Rectify tatsächlich etwas Eigenes – sowohl, was die Geschichte selbst, als auch, was die Erzählweise betrifft. Über drei Staffeln hinweg geht es um einen einzigen Fall, nämlich den des Daniel Holden, der als 18jähriger Schüler die damals 16jährige Hanna vergewaltigt und ermordet haben soll.

Daniel (Aden Young) wurde aufgrund von Zeugenaussagen und eines (unter großem Druck abgelegten) Geständnisses zum Tode verurteilt und saß fast 20 Jahre in der Todeszelle – seine Hinrichtung wurde aber immer wieder aufgeschoben. Nach 19 Jahren kann Daniels engagierte Schwester Amantha (Abigail Spencer), die sich dem Kampf für ihren Bruder als Lebensaufgabe verschrieben hat, eine DNA-Analyse durchsetzen. Als Daniel verurteilt wurde, gab es ein solches Verfahren noch nicht. Und es stellt sich tatsächlich heraus, dass die Spermaspuren an Hannas Leiche nicht von Daniel Holden stammen. Daniel wird also in einem wichtigen Detail entlastet und kommt deshalb frei. Aber ein freier Mann ist er deshalb noch lange nicht – Daniel mag zwar kein Vergewaltiger sein, er gilt aber noch immer als verurteilter Mörder. Immerhin muss sein Fall nun neu aufgerollt werden.

Rectify von Sundance TV

Rectify von Sundance TV

So glücklich Daniels Familie über diese Entwicklungen ist, so ärgerlich wird die Sache für die damaligen Ankläger, die nun alles daran setzen, Daniel erneut zu verurteilen und möglicherweise sogar hinrichten zu lassen. Der damalige Staatsanwalt Roland Foulkes ist inzwischen Senator und noch immer felsenfest davon überzeugt, dass Daniel Holden der Täter ist. Doch die Front bröckelt – der inzwischen pensionierte Sheriff hat mit der Zeit tatsächlich Zweifel bekommen, ob man Holden damals vielleicht nicht doch zu hart angefasst hat. Und der neue Sheriff fängt sogar an, die Version, die Foulkes noch immer vehement vertritt, zu hinterfragen.

Vor allem geht es aber darum, wie Daniels Familie und natürlich Daniel selbst mit der unerwarteten Wendung der Dinge klar kommen. Daniel hat mehr Lebenszeit in einer Einzelzelle ohne Fenster verbracht als in Freiheit – in ständiger Erwartung, dass sein Leben bald vorbei sein würde. Er hat sich, um diesen Zustand überhaupt aushalten zu können, darauf konditioniert, keine Erwartungen und keine Hoffnungen zu haben. Während der vielen gleichförmigen Tage  in seiner Zelle hat er ein extrem fatalistisches Lebenskonzept entwickelt – und sich auf die wenigen Dinge konzentriert, die er in seiner extrem übersichtlichen, streng regulierten Welt überhaupt tun konnte: Bücher lesen, nachdenken, sich mit Zellennachbarn unterhalten. Bücher gehörten zu den wenigen Dingen, über die er in seiner Zelle verfügen durfte. Die Zellennachbarn konnte er sich nicht aussuchen, viele der Insassen im Todextrakt sind tatsächlich komplett gestörte Psychos. Aber mit einen von ihnen freundet er sich mit der Zeit an: Einem jungen Schwarzen, der bei einem Überfall versehentlich auch ein Kind getötet hat und der im Gegensatz zu Daniel auch tatsächlich hingerichtet wird. In Rückblenden wird immer wieder auf Daniels Zeit im Gefängnis verwiesen – es waren nun einmal die Lebensjahre, die ihn nachhaltig geprägt haben.

Rectify - die Familie Holden: Amantha, Daniel, Janet, Ted, Tawney, Teddy und davor Talbot

Rectify – die Familie Holden: Amantha, Daniel, Janet, Ted, Tawney, Teddy und davor Talbot (Bild Sundance.tv)

Daniel ist ohne Familie und Job, ohne Internet und Handy erwachsen geworden. Entsprechend erlebt er nach seiner Entlassung eine Serie spektakulärer, aber auch beängstigender Wunder: Unverschlossene Türen, essen und trinken, was und wann man will, auf einer Wiese stehen und den Sonnenaufgang erleben – lauter Dinge, von denen er geglaubt hat, dass es sie für ihn niemals wieder geben würde. Aber die Welt da draußen ist erschreckend und einschüchternd: Es gibt verwirrend viele Optionen und ständig muss man sich für eine davon entscheiden.

Und dann ist da natürlich auch der Südstaaten-Kleinstadt-Mob von Paulie, Georgia, der weiterhin davon überzeugt ist, dass Daniel ein Vergewaltiger und Mörder ist, auch wenn sein jüdischer Anwalt ihn jetzt aus dem Gefängnis getrickst hat. Jon Stern (Luke Kirby) ist tatsächlich ein guter Anwalt – aber er kann natürlich auch nur mit dem arbeiten, was die Beweismittel hergeben. Insofern muss er sich nun sehr anstrengen, um Daniel davor zu bewahren, wieder ins Gefängnis zu müssen. Und es gibt viele, die ihn wieder dort sehen wollen, nicht nur seine ehemaligen Ankläger, sondern auch seine damaligen Freunde, die ihrerseits entlastet wurden, weil Daniel den Mord an Hanna gestanden hat.

Denn, wie sich mit der Zeit herausstellen muss, war alles ganz anders: Natürlich war es nicht Daniel, der mit Hanna Sex hatte. Da gab es nämlich einige andere. Aber Daniel war in Hanna verliebt, und er gab ihr die Pilze, von denen sie beide high waren, als all die schrecklichen Dinge passierten. Im Laufe der Staffeln kommen eine Menge Dinge heraus, die weitere Existenzen ruinieren können und auch ruinieren – einer der damals beteiligten hält den Druck nicht mehr aus und bringt sich um. Ein anderer hält das für eine großartige Gelegenheit, dem im Alltagsleben untüchtigen Daniel die ganze Sache anzuhängen – das macht er aber so eifrig, dass der neue Sheriff Verdacht schöpft. Auch im Sumpf der Kleinstadt-Polizei vom Paulie findet sich immerhin einer, der einfach nur seinen Job machen will, auch wenn er keine besonderen Sympathien für Daniel oder dessen Familie hegt.

Rectify - Tawney und Daniel

Rectify – Tawney und Daniel

Dafür gibt es in der eigenen Familie neue Fronten – Daniels Mutter hat nach dem Tod seines Vaters wieder geheiratet und einen weiteren jetzt fast erwachsenen Sohn, Talbot. Und Daniels Stiefbruder Teddy fürchtet nun um sein sicher geglaubtes Erbe, das örtliche Autohaus. Und weil Teddy ein eifersüchtiger Idiot ist, ruiniert er auch noch die Beziehung zu seiner treuen, grundguten und gläubigen Frau Tawney. Nur weil sie in Daniel ebenfalls ein Geschöpf Gottes sieht, das sie retten will, indem sie Daniel dazu bringt, sich taufen zu lassen: Damit sind alle Sünden abgewaschen.

Wobei Daniel diesem Erweckungserlebnis wohl nicht die Bedeutung zumisst, die Tawney sich vorgestellt hat. Aber hey, warum nicht alles ausprobieren, wenn man den größten Teil seines Lebens in der Todeszelle verbracht hat. Die aus schwierigen Verhältnissen stammende Tawney ist tatsächlich eine der wenigen, die Daniel vorurteilsfrei begegnen – und Daniel achtet sie genau dafür. Das ist mehr, als der dämliche Teddy je begreifen kann – insofern kann man Tawney nur gratulieren, dass sie diesen Blödmann verlässt.

Trauriger ist da schon, dass es für Amantha auch nicht besser läuft – sie und Jon Stern sind sich über die Jahre des gemeinsamen Kampfes für Daniel näher gekommen. Was jetzt aber hinderlich ist – die Schwester und der Verteidiger von Daniel Holden ein Paar? Das geht natürlich gar nicht. Amantha versucht, ebenfalls ein neues Leben anzufangen und nimmt einem Job im örtlichen Supermarkt an. Im Grunde wird das von allen verlangt: Kein Leben kann so bleiben wie es war. Etablierte Lebenslügen fahren jetzt vor die Wand. Alle.

Vermutlich ist es das, was mir an dieser Serie so gefällt: Es braucht gar keine spektakulären, super dramatischen Plot-Twists. Man kann sich ungefähr zusammenreimen, was passiert sein muss, und welche Interessen die Beteiligten jeweils hatten. Man hat sich damals auf das vermeintlich schwächste Opfer geeinigt, das seine Opferrolle dann auch noch mehr oder weniger freiwillig angenommen hat: Daniel Holden hat gestanden, weil er sich tatsächlich schuldig fühlte.

Was dann technisch im Einzelnen passiert ist, ist schon fast wieder egal: Jeder hat sich seine eigene Wahrheit daraus gestrickt, an der er oder sie festhält – bis die Fakten, die dagegen sprechen, so übermächtig werden, dass Welten zusammenbrechen: Es gibt eben immer mehr als eine Wahrheit. Und man kann nicht nur zum Tod, sondern auch zum Leben verurteilt werden – das ist es, was Daniel Holden widerfährt. Das wird nicht leicht. Aber er nimmt das Urteil an. Ganz großartige Serie. Und ich mag die Musik.

Bridge of Spies

Das Beste an Steven-Spielberg-Filmen ist in der Regel der Anfang – und das gilt auch für Bridge of Spies, zu deutsch Der Unterhändler. Der sowjetische Meisterspion Rudolf Abel (Mark Rylance), der demnächst verhaftet werden muss, damit die Handlung ihren durch die Geschichtsschreibung vorgezeichneten Verlauf nehmen kann, wird als etwas pedantischer Maler eingeführt, der um den Zustand seiner Palette besorgter zu sein scheint als um seine eigene Zukunft. Womit auch ein Running Gag des Films etabliert ist: Der Versicherungsanwalt James Donovan (Tom Hanks) wird Abel künftig immer wieder fragen, ob er nicht besorgt sei. Und der stoische Abel wird jedes Mal zurückfragen, ob das denn helfen würde. Was selbstverständlich nicht der Fall ist.

Und, das kann schon mal verraten werden, weil der Fall im Film nicht anders ausgehen kann, als er vor Jahrzehnten tatsächlich ausgegangen ist: James Donovan schafft es als inoffizieller Unterhändler in Ostberlin tatsächlich, einen Gefangenenaustausch einzufädeln, bei dem Abel gegen den US-Piloten und CIA-Agenten Francis Gary Powers ausgetauscht wird. Der geschickte Donovan erreicht gleichzeitig auch, dass der von der Stasi als angeblicher Republikflüchtling verhaftete Wirtschaftsstudent Frederic Pryor ebenfalls freigelassen wird. Doch bis dahin gibt es ein nervenzermürbendes Tauziehen zwischen den beiden Supermächten, in das sich die um internationale Anerkennung ringende DDR auch immer wieder einmischen will.

Bridge of Spies - Bild: fox.de

Bridge of Spies – Bild: fox.de

Es ist nicht ganz einfach, den Film einem Genre zuzuordnen, er ist Gerichtsdrama (auch ein Verräter verdient einen fairen Prozess), Spionagethriller (Agentenaustausch in Ostberlin), Historienschinken (Kalter Krieg) und Charakterstudie (der standhafte Mr. Donovan) zugleich. Was in meinen Augen nicht unbedingt ein Vorteil ist – wobei natürlich auch extrem schwierig wäre, aus einer Geschichte, deren Ende bekannt ist, einen spannenden Thriller zu machen. Insofern ist halt ein typischer Spielberg dabei herausgekommen: Eine Hommage an den standhaften Mann, der auch unter widrigsten Umständen seinen edlen Prinzipien treu bleibt und damit am Ende einen Sieg erringen kann – auch wenn nicht ganz klar ist, ob das wirklich für alle gut ausgeht.

Das ist natürlich eine weitere Paraderolle für Tom Hanks, der zweifelsohne wahnsinnig gut darin ist, diese bodenständigen Allerweltshelden zu spielen. Nichts wird dem Anwalt Donovan leicht gemacht, für die öffentliche Meinung ist er gestorben, schon weil er sich überhaupt bereit erklärt, den Vaterlandsverräter Abel zu verteidigen. Aber Donovan macht immer alles so gut wie er eben kann – und weil er ein guter Anwalt ist, schafft er es, seinen Mandanten vor der fast sicheren Todesstrafe zu bewahren. Er kann den Richter überzeugen, dass ein lebender Spitzenspion der Feindseite unter Umständen hilfreich sein kann, falls ein US-Spion einmal in eine ähnliche Situation geraten sollte. Schon bald stellt sich heraus, dass Donovan damit recht behalten wird.

Bridge of Spies - Rudolf Abel (Mark Rylance, Mitte) und James Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Bridge of Spies – Rudolf Abel (Mark Rylance, Mitte) und James Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Nachdem der Pilot Gary Powers mit seinem Super-Spionage-Flugzeug über der Sowjetunion abgeschossen wurde, wird Donovan von CIA-Chef Allan Dulles mit einem Geheimauftrag nach Ostberlin geschickt, um den Austausch Abel gegen Powers zu verhandeln. Natürlich nicht als offizieller Vertreter der Vereinigen Staaten, sondern total inoffiziell. Denn offiziell würden beide Supermächte niemals über solche Dinge reden. Und schon gar nicht miteinander.

Donovans Reise ins Herz der Finsternis, durch das gerade eine Mauer gebaut wird, gleitet daraufhin stark in Richtung Farce ab: Im vom Krieg noch immer schwer gezeichneten Berlin erlebt Donovan allerlei haarsträubende Absurditäten. Das beginnt damit, dass er von der CIA in einem ungeheizten, heruntergekommenen, aber total geheimen Loch in Westberlin einquartiert wird, das man eher in Ostberlin erwarten würde, um dann mit einem Stadtplan in den Osten geschickt zu werden: „Sie sind auf sich gestellt. Von uns geht keiner mehr in den Osten. Viel zu gefährlich!“ erklären die wackeren CIA-Leute.

Bridge of Spies - James Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Bridge of Spies – James Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Aber Donovan tut natürlich, was er tun muss. Er macht sich im Schneegestöber auf dem Weg in den Osten, zur sowjetischen Botschaft, bei der er schließlich auch ankommt, nachdem ihn ein paar Berliner Jungs abgezogen haben, wie man das heute nennen würde: Sie waren scharf auf seinen schönen warmen Mantel. In der Botschaft wartet schon Abels deutsche Familie auf den Anwalt aus Amerika – irritierend genug: War Abel nicht mit einer Musikerin aus Moskau verheiratet?

Aber Donovan behält die Nerven, auch wenn er sich eine solide Erkältung geholt hat. Mit den Sowjets ist er vergleichsweise schnell einig. Aber da ist ja noch das Problem mit diesem Studenten – für das er mit einem  Vertreter der DDR verhandeln muss. Und diesem Anwalt Vogel (Sebastian Koch) ist mehr an der Anerkennung für seine Deutsche Demokratische Republik gelegen als an irgendwelchen humanitären Lösungen für dumme Jungs, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Außerdem hat Donovan ein Problem mit der korrekten, aber viel zu langen Bezeichnung für die UdSSR. Ständig „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“ wiederholen zu müssen ist ihm zu kompliziert: „Können wir nicht einfach die Russen sagen?“ Ab und an schillert tatsächlich die Beteiligung der Coen-Brüder durch – für meinen Geschmack aber viel zu selten.

Bridge of Spies - James Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Bridge of Spies – James Donovan und die neu gebaute Mauer (Tom Hanks) Bild: fox.de

Dafür wurden keine Mühen gescheut, das Berlin der frühen 60er Jahre so trostlos aussehen zu lassen, wie es gewiss auch ausgesehen hat – zwar sieht die echte Sowjetbotschaft ganz anders aus, aber geschenkt, es gibt genügend echte S-Bahnbögen, alte S-Bahnwaggons und so weiter, auch der hässliche Mauerstreifen ist leider kein bisschen übertrieben und die herzzerreißenden Szenen, wie die Menschen aus den Fenstern in den Westen springen, bevor diese vermauert werden, gab es damals tatsächlich.

Von der S-Bahn aus sieht Donovan auch, wie Menschen bei dem Versuch, den Todesstreifen zu überwinden, erschossen werden – natürlich ist er angemessen entsetzt. Später wird diese Szene spielberg-typisch noch einmal wiederholt – aber die Jugendlichen, die im sonnigen Brooklyn über die Zäune klettern, werden natürlich nicht erschossen, denn man befindet sich ja im goldenen Westen, in dem Freiheit, Freiheit und Doppelfreiheit über alles geht.

Bridge of Spies: Berlin Tempelhof Bild: fox.de

Bridge of Spies: Berlin Tempelhof Bild: fox.de

Das ist einer dieser Missgriffe, die mich mittlerweile wirklich ärgern – mag sein, dass weiße Jugendliche in den 60er Jahren so etwas unbehelligt tun durften. Aber mittlerweile sollte auch ein Spielberg wissen, dass man in seinem Land durchaus erschossen werden kann, wenn man sich als Teenager in Nachbars Garage am Bier vergreift. Denn bedeutet Freiheit nämlich eigentlich: Dass jeder mit seinem Hab und Gut machen kann, was er will und dass die Menschenwürde eines jeden dabei scheißegal ist.

Aber darum geht es in dem Film gar nicht, hier geht es um Prinzipientreue und Aufrichtigkeit, was, das muss der Fairness halber gesagt werden, auch für den Antihelden Rudolf Abel gilt. Abel bleibt ebenfalls seinen Prinzipien treu und lässt sich trotz harter Verhöre und verlockender Angebote nicht dazu verleiten, sein Land zu verraten, nämlich die Sowjetunion. Insofern wird es Donovan trotz aller nachvollziehbaren Professionalität auch zu einem persönlichen Anliegen, diesen aufrechten Kerl Rudolf Abel zu retten. Ihm imponiert die Unerschütterlichkeit, mit der Abel sein Schicksal trägt – letztlich sind die beiden sich ziemlich ähnlich. Aber auch das ist typisch Spielberg: Das Lob des bescheidenen Helden, dessen Größe sich gerade darin zeigt, dass seine heroische Grundhaltung von jeweiligen Umfeld nicht gewürdigt (oder ihm gar zum Verhängnis) wird.

Bridge of Spies: Abel (Mark Rylance) und Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Bridge of Spies: Abel (Mark Rylance) und Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Und das gleich auf verschiedenen Ebenen – als Donovan am Ende zu Frau und Kind zurückkehrt, hat er sogar die versprochene Marmelade dabei: Er hat seiner Frau nämlich gesagt, er sei zu einem Angelausflug in England, damit sie sich keine Sorgen macht. Aber so spielverderberisch wie Ehefrauen nun mal sind, sieht sie am Preisschild, dass die Marmelade aus dem Laden an der Ecke und nicht aus London kommt. Aber dank der Nachrichten, die bald darauf im Fernsehen zu sehen sind, erahnt sie, was ihr Mann tatsächlich getan hat, der oben vollständig angezogen aufs Bett gesunken ist. Natürlich verzeiht sie nun und ist, wie der Rest der Nation, die Donovan zuvor zu gern als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt hätte, nun mächtig stolz auf ihren Helden.

Wenn man auf so etwas steht, ist Bridge of Spies ein sehr gelungener Film.

Fun Fact: In diesem Film darf die Glienicker Brücke tatsächlich sich selbst spielen und wird nicht etwa von der Swinemünder Brücke dargestellt, wie das sonst oft der Fall ist. Aber für Steven Spielberg kann man das schon mal machen – kommt ja auch besser mit dem echten Wasser unter der echten Brücke statt der Bahngleise, die unter der Swinemünder verlaufen.

Retrokritik: Kaltblütig – Wahrheitsgemäßer Bericht über einen mehrfachen Mord

Leider ist das Wetter nicht immer so, wie man es im Urlaub gern hätte – aber auch das ist heutzutage nicht wirklich ein Problem, weil es ja handliche Laptops und noch handlichere Speichermedien gibt, auf denen man ein Programm für Regentage mitnehmen kann. Den gestrigen Regentag habe ich genutzt, um mir den Klassiker Kaltblütig aus dem Jahr 1967 anzusehen, die Verfilmung des gleichnamigen Tatsachen-Romans von Truman Capote (Originaltitel: In Cold Blood, erschienen 1965), den ich vor einigen Jahren gelesen hatte und sehr interessant und aufschlussreich fand. Capote wollte mit diesem Roman beweisen, dass die Erzählung einer wahren Geschichte genauso spannend sein kann wie ein raffiniert konstruierter Thriller – und diese Geschichte ist nun wirklich ein Thriller der Sonderklasse.

Roman und Film handeln von einem wahren Verbrechen, der kaltblütigen Auslöschung einer kompletten Familie durch Perry Edward Smith und Richard (Dick) Eugene Hickock im November 1959. Die beiden ehemaligen Sträflinge haben im Gefängnis von einem weiteren Häftling gehört, dass ein gewisser Mr. Clutter, der eine große Farm in Holcomb, Kansas, besitzt, einen Tresor im Haus haben soll, in dem stets eine größere Menge Bargeld lagert.

Screenshot Kaltblütig: Dick (Scott Wilson)

Screenshot Kaltblütig: Dick (Scott Wilson)

Als beide wieder auf freiem Fuß sind, beschließen sie, dem Anwesen der Clutters einen Besuch abzustatten und mit dem geraubten Geld ein neues Leben in Mexiko anzufangen. Sowohl Perry (Robert Blake) als auch Richard (Scott Wilson) sind das, was man gemeinhin als verkrachte Existenzen bezeichnet. Perrys Mutter war eine erfolgreiche indianische Rodeoreiterin, die sich irgendwann dem Alkohol und Affären mit jüngeren Männern hingegeben hat, weil sie das elende Wanderleben und die ewigen Streitereien mit Perrys Vater Tex nicht mehr ertragen konnte.

Screenshot Kaltblütig: Perry (Robert Blake)

Screenshot Kaltblütig: Perry (Robert Blake)

Die Kinder, darunter auch Perry, leiden unter den Eskapaden ihrer Mutter und landen immer wieder im Heim, wo der Bettnässer Perry von den Nonnen gequält wird. Später zieht er mit seinem Vater nach Alaska, doch Tex ist weder als Goldsucher, noch als Inhaber einer Hütte, die er an Touristen vermieten will, erfolgreich. Eines Tages schießt der Vater im Streit auf den Sohn – doch das Gewehr ist nicht geladen. Perry macht sich auf, er kämpft im Koreakrieg und erleidet später bei einem Motorradunfall schwere Verletzungen an den Beinen, weshalb er von da an ständig Schmerzmittel braucht. Er hat ein aufbrausendes Temperament und landet wegen Totschlags im Gefängnis, wo er Richard kennen lernt.

Richard hatte eine vergleichsweise unauffällige Kindheit, stammt aber auch aus einfachen Verhältnissen. Sein krebskranker Vater hält ihn alles in allem für einen guten Jungen – Richard weiß, wie man sich gut kleidet und benimmt, deshalb ist er als Scheckbetrüger erstaunlich erfolgreich. Perry will nach seiner Zeit im Knast eigentlich nichts mit Richard zu tun haben. Doch als er nach seiner Haft einen anderen Bekannten, den er unbedingt noch einmal treffen wollte, nicht erreichen kann, lässt er sich von Richard überreden, bei der Sache mit den Clutters mitzumachen. Perry verstößt dafür auch gegen seine Entlassungsauflagen.

Screenshot Kaltblütig: Dick (Scott Wilson) und Perry (Robert Blake)

Screenshot Kaltblütig: Dick (Scott Wilson) und Perry (Robert Blake)

Die beiden machen sich auf den Weg und bereiten sich entsprechend vor – Richard hat eine Schrotflinte dabei, unterwegs besorgen sie Klebeband und ein Seil. Als sie nachts das Anwesen der Clutters erreichen, will Perry eigentlich lieber umkehren, bevor es zu spät ist – aber dann nehmen die Dinge ihre verhängnisvollen Lauf.

Im Film wird das Verbrechen an sich aber erst sehr viel später gezeigt, nachdem Perry und Richard verhaftet wurden und Perry erzählt, was passiert ist. Aber bis dahin hat der leitende Ermittler Detective Dewey (John Forsythe) und sein Team noch einiges zu tun.

Screenshot Kaltblütig: Detective Dewey (John Forsythe)

Screenshot Kaltblütig: Detective Dewey (John Forsythe)

Anders als jener Zellengenosse Richard erzählt hat, gibt es im Haus der Clutters keinen Safe – Mr. Clutter ist zwar wohlhabend, bezahlt aber alles mit Schecks. Bargeld gibt es kaum im Haus. Perry und Richard können das kaum fassen – und es kommt zu eben jenem „psychologischen Unfall“ wie später auch ein Gutachten ergeben wird – nämlich, dass weder Richard noch Perry für sich allein eine solche Bluttat begangen hätten, sie aber zusammen in diese Situation geraten, in den der eine den anderen immer weiter treibt, bis Perry den Farmer Herbert Clutter umbringt und die beiden danach auch seine Frau und ihre beiden fast erwachsenen Kinder töten. Und das alles für die äußerst geringe Ausbeute von gut 40 Dollar an Bargeld und einem transportablen Radio.

Screenshot Kaltblütig: Detective Dewey (John Forsythe) und Perry (Robert Blake)

Screenshot Kaltblütig: Detective Dewey (John Forsythe) und Perry (Robert Blake)


Insofern nützt ihnen auch ihre Flucht nach Mexiko erstmal wenig – weil sie kein Geld haben, beschließen sie, in die USA zurückzukehren. Aber jetzt machen sie weitere Fehler – sie stehlen ein Auto und beschaffen sich Geld mit Scheckbetrug. Die Polizei kommt ihnen auf die Spur – noch gibt es aber außer zwei blutigen Stiefelabdrücken, die von den Tätern stammen, noch wenig handfeste Beweise, um sie als Mörder zu verhaften. Als sie in Las Vegas das Paket mit ihren Sachen abholen, dass Perry aus Mexiko geschickt hat, werden sie vorgeblich wegen Autodiebstahl festgenommen. In den folgenden Verhören behaupten die Ermittler, dass es einen überlebenden Zeugen gebe. Richard verliert die Nerven und gesteht die Tat, behauptet allerdings, dass die Morde auf Perrys Konto gehen.

Screenshot Kaltblütig: Dick (Scott Wilson)

Screenshot Kaltblütig: Dick (Scott Wilson)


Also kommt es zum Prozess, in dem eine Jury die beiden als kaltblütige Mörder einer angesehenen Familie zum Tode verurteilt. Es dauert aber noch fast fünf Jahre, bis das Urteil vollstreckt wird. Der Drehbuchautor und Regisseur Richard Brooks hat die literarische Vorlage von Truman Capote, in der nach einer Erklärung für das unbegreifliche Verbrechen gesucht wird, in einem quasi dokumentarischen Stil umgesetzt: Der Film ist in Schwarzweiß gedreht und nimmt sich viel Zeit, die Geschichte und das Verhältnis, das Perry und Richard zueinander entwickeln, zu beschreiben. Dabei gibt es auch immer wieder Rückblenden, insbesondere in Perrys Kindheit, der schon früh und dann immer wieder mit viel Gewalt konfrontiert wurde, was letztlich auch als Erklärung für seine eigenen Gewaltausbrüche dient. Perry sagt selbst auch, dass die Clutters Zufallsopfer waren, er persönlich hatte überhaupt nichts gegen sie und eigentlich fand er sogar, dass Herbert Clutter ein ziemlich netter Mensch gewesen sei – bis er ihm die Kehle durchschnitt. Seine letzten Worte vor seiner Hinrichtung sind, dass er sich für das, was er getan hat, gern entschuldigen würde – allerdings wisse er nicht, bei wem.

Screenshot Kaltblütig: Perry mit seinem Psychologen

Screenshot Kaltblütig: Perry mit seinem Psychologen

Interessant auch, dass Richard selbst nachdem er zum Tode verurteilt wurde, Befürworter der Todesstrafe bleibt – „wie sollen die Leute sonst Rache nehmen?“ Letztlich nehmen beide ihre Strafe an – sie finden völlig in Ordnung, dass sie bestraft werden müssen – wenn auch vielleicht nicht mit dem Tod durch den Strang. Der Film stellt auch infrage, ob das alles so richtig ist. Ein junger Beamter, der bei der Hinrichtung dabei ist, fragt, wofür das jetzt alles gut war. Einer der Veteranen antwortet: Sechs Menschen wurden ermordet, vier unschuldige und zwei schuldige. Drei Familien seien zerstört worden, die Zeitungen hätten ihre Auflage erhöht, die Politik diskutiere einmal mehr über die Todesstrafe und am Ende ändere sich – wie immer – nichts.

Screenshot Kaltblütig: Dick findet die Todesstrafe weiterhin angemessen.

Screenshot Kaltblütig: Dick findet die Todesstrafe weiterhin angemessen.

Detective Dewey kritisiert auch die Presse, die die Täter schon verurteile, bevor sie überhaupt gefasst seien, nach deren Ergreifung aber der Polizei vorwerfe, dass sie zu brutal vorginge und Zweifel an den Ermittlungsergebnissen aufkommen ließe. Schließlich würden die Journalisten alles tun, um die Täter zu retten, auch wenn deren Schuld eigentlich zweifelsfrei erwiesen sei.

Alles in allem ein sehr nachdenklicher, aber auch intensiver Film. Ein echter Klassiker, der sich auf jeden Fall lohnt – nicht nur wegen der Geschichte selbst, die den zutreffenden Untertitel Wahrheitsgemäßer Bericht über einen mehrfachen Mord trägt, sondern auch wegen der klassisch markant komponierten Schwarzweißbilder von Kameramann Conrad L. Hall und der dazu passenden Musik von Quincy Jones.

Screenshot Kaltblütig: Die Stunde der Wahrheit naht auch für Perry.

Screenshot Kaltblütig: Die Stunde der Wahrheit naht auch für Perry.