Retrokritik: Kaltblütig – Wahrheitsgemäßer Bericht über einen mehrfachen Mord

Leider ist das Wetter nicht immer so, wie man es im Urlaub gern hätte – aber auch das ist heutzutage nicht wirklich ein Problem, weil es ja handliche Laptops und noch handlichere Speichermedien gibt, auf denen man ein Programm für Regentage mitnehmen kann. Den gestrigen Regentag habe ich genutzt, um mir den Klassiker Kaltblütig aus dem Jahr 1967 anzusehen, die Verfilmung des gleichnamigen Tatsachen-Romans von Truman Capote (Originaltitel: In Cold Blood, erschienen 1965), den ich vor einigen Jahren gelesen hatte und sehr interessant und aufschlussreich fand. Capote wollte mit diesem Roman beweisen, dass die Erzählung einer wahren Geschichte genauso spannend sein kann wie ein raffiniert konstruierter Thriller – und diese Geschichte ist nun wirklich ein Thriller der Sonderklasse.

Roman und Film handeln von einem wahren Verbrechen, der kaltblütigen Auslöschung einer kompletten Familie durch Perry Edward Smith und Richard (Dick) Eugene Hickock im November 1959. Die beiden ehemaligen Sträflinge haben im Gefängnis von einem weiteren Häftling gehört, dass ein gewisser Mr. Clutter, der eine große Farm in Holcomb, Kansas, besitzt, einen Tresor im Haus haben soll, in dem stets eine größere Menge Bargeld lagert.

Screenshot Kaltblütig: Dick (Scott Wilson)

Screenshot Kaltblütig: Dick (Scott Wilson)

Als beide wieder auf freiem Fuß sind, beschließen sie, dem Anwesen der Clutters einen Besuch abzustatten und mit dem geraubten Geld ein neues Leben in Mexiko anzufangen. Sowohl Perry (Robert Blake) als auch Richard (Scott Wilson) sind das, was man gemeinhin als verkrachte Existenzen bezeichnet. Perrys Mutter war eine erfolgreiche indianische Rodeoreiterin, die sich irgendwann dem Alkohol und Affären mit jüngeren Männern hingegeben hat, weil sie das elende Wanderleben und die ewigen Streitereien mit Perrys Vater Tex nicht mehr ertragen konnte.

Screenshot Kaltblütig: Perry (Robert Blake)

Screenshot Kaltblütig: Perry (Robert Blake)

Die Kinder, darunter auch Perry, leiden unter den Eskapaden ihrer Mutter und landen immer wieder im Heim, wo der Bettnässer Perry von den Nonnen gequält wird. Später zieht er mit seinem Vater nach Alaska, doch Tex ist weder als Goldsucher, noch als Inhaber einer Hütte, die er an Touristen vermieten will, erfolgreich. Eines Tages schießt der Vater im Streit auf den Sohn – doch das Gewehr ist nicht geladen. Perry macht sich auf, er kämpft im Koreakrieg und erleidet später bei einem Motorradunfall schwere Verletzungen an den Beinen, weshalb er von da an ständig Schmerzmittel braucht. Er hat ein aufbrausendes Temperament und landet wegen Totschlags im Gefängnis, wo er Richard kennen lernt.

Richard hatte eine vergleichsweise unauffällige Kindheit, stammt aber auch aus einfachen Verhältnissen. Sein krebskranker Vater hält ihn alles in allem für einen guten Jungen – Richard weiß, wie man sich gut kleidet und benimmt, deshalb ist er als Scheckbetrüger erstaunlich erfolgreich. Perry will nach seiner Zeit im Knast eigentlich nichts mit Richard zu tun haben. Doch als er nach seiner Haft einen anderen Bekannten, den er unbedingt noch einmal treffen wollte, nicht erreichen kann, lässt er sich von Richard überreden, bei der Sache mit den Clutters mitzumachen. Perry verstößt dafür auch gegen seine Entlassungsauflagen.

Screenshot Kaltblütig: Dick (Scott Wilson) und Perry (Robert Blake)

Screenshot Kaltblütig: Dick (Scott Wilson) und Perry (Robert Blake)

Die beiden machen sich auf den Weg und bereiten sich entsprechend vor – Richard hat eine Schrotflinte dabei, unterwegs besorgen sie Klebeband und ein Seil. Als sie nachts das Anwesen der Clutters erreichen, will Perry eigentlich lieber umkehren, bevor es zu spät ist – aber dann nehmen die Dinge ihre verhängnisvollen Lauf.

Im Film wird das Verbrechen an sich aber erst sehr viel später gezeigt, nachdem Perry und Richard verhaftet wurden und Perry erzählt, was passiert ist. Aber bis dahin hat der leitende Ermittler Detective Dewey (John Forsythe) und sein Team noch einiges zu tun.

Screenshot Kaltblütig: Detective Dewey (John Forsythe)

Screenshot Kaltblütig: Detective Dewey (John Forsythe)

Anders als jener Zellengenosse Richard erzählt hat, gibt es im Haus der Clutters keinen Safe – Mr. Clutter ist zwar wohlhabend, bezahlt aber alles mit Schecks. Bargeld gibt es kaum im Haus. Perry und Richard können das kaum fassen – und es kommt zu eben jenem „psychologischen Unfall“ wie später auch ein Gutachten ergeben wird – nämlich, dass weder Richard noch Perry für sich allein eine solche Bluttat begangen hätten, sie aber zusammen in diese Situation geraten, in den der eine den anderen immer weiter treibt, bis Perry den Farmer Herbert Clutter umbringt und die beiden danach auch seine Frau und ihre beiden fast erwachsenen Kinder töten. Und das alles für die äußerst geringe Ausbeute von gut 40 Dollar an Bargeld und einem transportablen Radio.

Screenshot Kaltblütig: Detective Dewey (John Forsythe) und Perry (Robert Blake)

Screenshot Kaltblütig: Detective Dewey (John Forsythe) und Perry (Robert Blake)


Insofern nützt ihnen auch ihre Flucht nach Mexiko erstmal wenig – weil sie kein Geld haben, beschließen sie, in die USA zurückzukehren. Aber jetzt machen sie weitere Fehler – sie stehlen ein Auto und beschaffen sich Geld mit Scheckbetrug. Die Polizei kommt ihnen auf die Spur – noch gibt es aber außer zwei blutigen Stiefelabdrücken, die von den Tätern stammen, noch wenig handfeste Beweise, um sie als Mörder zu verhaften. Als sie in Las Vegas das Paket mit ihren Sachen abholen, dass Perry aus Mexiko geschickt hat, werden sie vorgeblich wegen Autodiebstahl festgenommen. In den folgenden Verhören behaupten die Ermittler, dass es einen überlebenden Zeugen gebe. Richard verliert die Nerven und gesteht die Tat, behauptet allerdings, dass die Morde auf Perrys Konto gehen.

Screenshot Kaltblütig: Dick (Scott Wilson)

Screenshot Kaltblütig: Dick (Scott Wilson)


Also kommt es zum Prozess, in dem eine Jury die beiden als kaltblütige Mörder einer angesehenen Familie zum Tode verurteilt. Es dauert aber noch fast fünf Jahre, bis das Urteil vollstreckt wird. Der Drehbuchautor und Regisseur Richard Brooks hat die literarische Vorlage von Truman Capote, in der nach einer Erklärung für das unbegreifliche Verbrechen gesucht wird, in einem quasi dokumentarischen Stil umgesetzt: Der Film ist in Schwarzweiß gedreht und nimmt sich viel Zeit, die Geschichte und das Verhältnis, das Perry und Richard zueinander entwickeln, zu beschreiben. Dabei gibt es auch immer wieder Rückblenden, insbesondere in Perrys Kindheit, der schon früh und dann immer wieder mit viel Gewalt konfrontiert wurde, was letztlich auch als Erklärung für seine eigenen Gewaltausbrüche dient. Perry sagt selbst auch, dass die Clutters Zufallsopfer waren, er persönlich hatte überhaupt nichts gegen sie und eigentlich fand er sogar, dass Herbert Clutter ein ziemlich netter Mensch gewesen sei – bis er ihm die Kehle durchschnitt. Seine letzten Worte vor seiner Hinrichtung sind, dass er sich für das, was er getan hat, gern entschuldigen würde – allerdings wisse er nicht, bei wem.

Screenshot Kaltblütig: Perry mit seinem Psychologen

Screenshot Kaltblütig: Perry mit seinem Psychologen

Interessant auch, dass Richard selbst nachdem er zum Tode verurteilt wurde, Befürworter der Todesstrafe bleibt – „wie sollen die Leute sonst Rache nehmen?“ Letztlich nehmen beide ihre Strafe an – sie finden völlig in Ordnung, dass sie bestraft werden müssen – wenn auch vielleicht nicht mit dem Tod durch den Strang. Der Film stellt auch infrage, ob das alles so richtig ist. Ein junger Beamter, der bei der Hinrichtung dabei ist, fragt, wofür das jetzt alles gut war. Einer der Veteranen antwortet: Sechs Menschen wurden ermordet, vier unschuldige und zwei schuldige. Drei Familien seien zerstört worden, die Zeitungen hätten ihre Auflage erhöht, die Politik diskutiere einmal mehr über die Todesstrafe und am Ende ändere sich – wie immer – nichts.

Screenshot Kaltblütig: Dick findet die Todesstrafe weiterhin angemessen.

Screenshot Kaltblütig: Dick findet die Todesstrafe weiterhin angemessen.

Detective Dewey kritisiert auch die Presse, die die Täter schon verurteile, bevor sie überhaupt gefasst seien, nach deren Ergreifung aber der Polizei vorwerfe, dass sie zu brutal vorginge und Zweifel an den Ermittlungsergebnissen aufkommen ließe. Schließlich würden die Journalisten alles tun, um die Täter zu retten, auch wenn deren Schuld eigentlich zweifelsfrei erwiesen sei.

Alles in allem ein sehr nachdenklicher, aber auch intensiver Film. Ein echter Klassiker, der sich auf jeden Fall lohnt – nicht nur wegen der Geschichte selbst, die den zutreffenden Untertitel Wahrheitsgemäßer Bericht über einen mehrfachen Mord trägt, sondern auch wegen der klassisch markant komponierten Schwarzweißbilder von Kameramann Conrad L. Hall und der dazu passenden Musik von Quincy Jones.

Screenshot Kaltblütig: Die Stunde der Wahrheit naht auch für Perry.

Screenshot Kaltblütig: Die Stunde der Wahrheit naht auch für Perry.

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Better Call Jimmy – zurück im Breaking-Bad-Universum

Inzwischen geht mir die penetrante Werbung auf die Nerven, mit der Netflix für Better Call Saul wirbt – man hat das Gefühl, dass nicht nur ganz Berlin, sondern auch das ganze Internet damit zugekleistert ist. Wobei die Kampagne natürlich gut ist: „Dein One-Night-Stand war hässlich? Verklag die Brauerei!“, „Das Wetter nervt? Verklag deine Wetter-App!“ oder „Kriminelle sind Menschen wie du und ich!“ – das ist Saul Goodman.

Dabei ist Better Call Saul gar keine Netflix-Serie, auch wenn Netflix so tut – aber immerhin wird sie hierzulande zuerst auf Netflix gezeigt, wenn auch nicht im üblichen Netflix-Modell für Binge-Watcher. Nach der Doppelfolge, die am 11. Februar veröffentlicht wurde, darf auch Netflix nur eine Folge pro Woche zeigen – genau wie AMC das tut. Denn genau wie das geniale Breaking Bad ist Better Call Saul natürlich eine AMC-Serie.

Better Call Saul - Noch heit Saul Jimmy McGill (Bob Odenkirk)

Better Call Saul – Noch heißt Saul Jimmy McGill (Bob Odenkirk) – Bild: amctv.com

Ich war schon skeptisch, ob das funktionieren kann: Aus einer Kultserie, bei der ein Ensemble sehr markanter, eigenwilliger Figuren eine wendungsreiche, aber gnadenlos auf ein böses Ende zugespitzte Handlung durchexerziert, eine wichtige Nebenfigur zu nehmen, und einfach eine weitere Serie daraus zu machen. Aber genau das ist erstaunlich gut gelungen – und mir fällt jetzt erst richtig auf, was diesen einzigartigen Breaking-Bad-Stil ausmacht: Diese unglaubliche Detailverliebtheit! Jedes noch so kleine Ding ist wichtig. Jede Einstellung wird wie ein Gemälde durchkomponiert, jedes Geräusch mit Bedeutung aufgeladen – und jede noch so nachvollziehbare, vielleicht sogar liebenswerte Marotte kann verhängnisvoll werden.

Das war es, was das Besondere an Breaking Bad war und Vince Gilligan und Peter Gould schaffen es tatsächlich, eben dieses Breaking-Bad-Universum gleich mit der ersten Folge wieder zu erschaffen. Das fängt schon mit der nur wenige Minuten langen Vorspann-Sequenz an, die erst einmal nichts mit der danach einsetzenden Handlung zu tun haben scheint – aber irgendwann später einen Sinn bekommen wird.

Und dann sehen wir Saul Goodman (Bob Odenkirk), der allerdings noch Jimmy McGill heißt und als schlecht bezahlter Pflichtverteidiger dumme Jungs aus dummen Situationen herausholen muss, in die sie sich selbst gebracht haben. Obwohl er sich auf dem Klo auch auf diesen Auftritt so vorbereitet, als wäre es der große Auftritt eines Staranwaltes. Erstaunlicherweise vergisst man so fort, dass man Saul Goodman als gerissenen Winkeladvokaten und skrupellosen Geldwäscher kennengelernt hat – Jesse hat ihn in Breaking Bad entsprechend eingeführt: „Wir brauchen keinen Anwalt, wir brauchen einen Kriminellen!“

Better Call Saul

Better Call Saul – Jimmy McGills Büro ist überall – Bild: amctv.com

Und ein bisschen kriminell war Jimmy McGill schon immer – ob er nun als „Slipping Jim“ in seiner kalten Heimatstadt Cicero darauf gelauert hat, dass sich Menschen auf Glatteis die Knochen brechen, um an Schadensersatzklagen zu verdienen oder jetzt zwei nicht allzu intelligent erscheinende Skateborder für ähnliche Zwecke rekrutiert, nachdem sie versucht haben, eben jene Masche bei Jimmy abzuziehen. Dumm nur, dass seine neuen Partner ihre Skateboard-Nummer ausgerechnet mit dem falschen Wagen ausprobieren: Darin sitzt nämlich nicht die besorgte Familienmama, die Jimmy eigentlich als potenzielles Opfer auserkoren hatte, sondern die Abuelita von einem alten Bekannten aus Breaking Bad – dieser Cliffhanger funktioniert natürlich nur für Breaking-Bad-Kenner. Ich fand es jedenfalls großartig, dass Jimmy so schnell von seiner Zukunft eingeholt wird.

Jetzt muss Jimmy nämlich sein ganzes Verhandlungstalent aufbieten, um sich selbst und den beiden Skaterjungs, die er in eine dermaßen prekäre Situation gebracht hat, den Kopf zu retten. Natürlich will der Totalpsychopath Tuco die beiden umbringen, weil sie seine Abuelita beleidigt haben. Und Jimmy, der Anwalt, soll die angemessene Strafe bestimmen – und schon haben wir wieder eine Breaking-Bad-Standardsituation: Eine ausweglos scheinende Konfrontation in der Wüste um Albuquerque, bei der McGill zu Hochform auflaufen muss und das auch tut – über Erschießen, Blenden und den Verlust von Gliedmaßen handelt er die Strafe schließlich aufs Beinbrechen herunter: Eine beträchtliche Leistung, auch wenn die beiden Jungs das natürlich anders sehen.

Better Call Saul: Zurück im Breaking-Bad-Universum - Bild amc.com

Better Call Saul: Zurück im Breaking-Bad-Universum – Bild amctv.com

Jimmy ist tatsächlich meilenweit entfernt von seiner späteren Form – allein schon sein fensterloses Büro im Hinterzimmer eines asiatischen Kosmetik-Salons, in dem er auf der Couch schlafen muss, die tagsüber zum Empfang der Mandanten dient, ist so deprimierend, wie seine ganze erbärmliche Existenz. Um Mandanten von sich zu überzeugen, muss er ganz tief in die Trickkiste greifen. Gleichzeitig zeigt er aber noch Skrupel – die ihm dann aber auch wieder zum Verhängnis werden. Abseits dessen bahnt sich in der dritten Folge so etwas wie eine Annäherung von Jimmy und Mike (Jonathan Banks) an.

Ausgerechnet der mürrische Mike, der in den ersten beiden Folgen nichts anderes getan hat, als Jimmy immer wieder wegen der nicht korrekten Anzahl von Parkmarken auflaufen zu lassen, glaubt Jimmy in einem scheinbar abstrusen Fall über das Verschwinden einer Familie, der für die ermittelnden Polizisten eine klare, aber falsche Lösung hat. Und wir erfahren, dass Mike auch einmal Polizist war, gleichzeitig ist deutlich zu spüren, dass Mike für den ganzen Polizeiapparat nur noch Verachtung übrig hat. Hier wird es gewiss noch spannend, auch wenn es in der vierten Folge erst einmal um ganz andere Dinge geht.

Hier legt sich Jimmy nämlich mit der übermächtigen Konkurrenz an, die er nicht nur mit Frisur und Kleidungsstil, sondern auch dem kompletten Logo frech kopiert – was zu einem David-gegen-Goliath-Prozess führt, für den sich die Medien aber leider gar nicht interessieren wollen. Das ändert sich erst, als er sich auf schmierigste Weise als Retter in höchster Not inszeniert – mich würde sehr wundern, wenn ihm dieser Stunt später nicht wieder auf die Füße fällt.

Wir treffen uns im Waschsalon - Bild:  http://www.kolle-rebbe.de

Wir treffen uns im Waschsalon – Bild: http://www.kolle-rebbe.de

Tucos Kumpel Nacho Varga ist mit Jimmys Performance jedenfalls noch nicht so richtig zufrieden, obwohl der ihn dank der wiedergefundenen Familie Kettleman aus dem Knast geholt hat. Und die Kettlemans selbst wollen nicht Jimmys Klienten werden, weil er ja so ein Anwalt ist, den sich die Leute nehmen, die schuldig sind. Und sie wollen nicht schuldig aussehen. Lieber nötigen die Kettlemans Jimmy ein Schweigegeld auf, das er in seinen Feldzug gegen die Kanzlei Hamlin investiert.

Und die Frage, auf welche Weise Jimmys Bruder Chuck (Michael McKean) eigentlich zu dem neurotischen Wrack geworden ist, das sich nun nur noch einer abschirmenden Rettungsfolie aus dem Haus traut und ansonsten Elektrizität und alles, was damit zusammenhängt hysterisch vermeidet, ist auch noch nicht geklärt… es lohnt sich also, dran zu bleiben. Eigentlich ist es doch ganz schön, jetzt wieder ein paar Wochen dieses alte Serien-Gefühl zu genießen, bis man endlich, endlich den nächsten Teil sehen kann…

Treme – Überleben mit Musik

In meinem Blog ist die Rubrik Verbrechen eindeutig überrepräsentiert – was daran liegt, dass ich nun einmal am liebsten Krimiserien anschaue. Es gibt aber natürlich auch einige Drama-Serien, die sehr, sehr gut sind – und eine meiner absoluten Lieblingsserien in diesem Bereich ist Treme.

Tremé ist ein altes Viertel von New Orleans – und insofern ist die Sache selbsterklärend: Die Serie handelt von Bewohnern dieser Nachbarschaft. Die Handlung setzt drei Monate nach der Zerstörung der Stadt durch den Hurrikan Katrina im Jahr 2005 ein und begleitet die Menschen, die versuchen, inmitten der Verwüstung wieder Fuß zu fassen bzw. sich ein neues Leben aufzubauen.

Treme (via hbo.com)

Treme (via hbo.com)

Natürlich geht es auch um das besondere Lebensgefühl in New Orleans – einer eben nicht typisch US-amerikanischen Stadt, sondern einer, in der sowohl die europäischen, als auch die afrikanischen Wurzeln ihrer Kultur noch deutlich zu erkennen sind. Viele der Bewohner haben französische Namen, sehr viele sind schwarz, viele sind Musiker, oder Menschen, die sich für Musik interessieren, und gutes Essen spielt auch eine Rolle. Außerdem kann man in New Orleans auch schon zum zweiten Frühstück etwas Alkoholisches trinken, ohne dass man allzugroßes Aufsehen erregt.

Aber natürlich geht es in Treme nicht in erster Linie um das gute Leben. Es geht um den Überlebenskampf von Menschen, die alles oder zumindest vieles verloren haben, es geht um die Frage, ob man bleibt oder geht, aufgibt oder kämpft – und zu kämpfen haben die Menschen nicht nur mit dem Verlust von geliebten Menschen und ihren Häusern. Es geht in der Serie auch um die Korruption in den Behörden, wodurch ein großer Teil der Hilfsgelder für den Wiederaufbau der Stadt in dunklen Kanälen versickert und um die Ungerechtigkeiten in der Strafjustiz – was durch die Ereignisse in Ferguson und anderswo derzeit neue Brisanz erhält.

Treme: Antoine Bastite

Treme: Antoine Bastite (Wendell Pierce)

HBO gab die Serie 2008 in Auftrag, Showrunner und Produzent war David Simons, der auch für The Corner, The Wire und Generation Kill verantwortlich ist. So war der aus The Wire bekannte Wendell Pierce der erste Schauspieler, der eine Rolle in Treme eine Rolle bekam. Pierce spielt den Posaunisten Antoine Batiste, sein The-Wire-Kollege Clarke Peters spielt Big Chief Lambreaux, den Häuptling eines Stammes von Mardi-Gras-Indians, der Vater des in der Szene bekannten Jazz-Trompeters Delmond Lambreaux ist.

Delmond (Rob Brown) hat sich eigentlich in New York eingerichtet und kommt eher widerwillig nach Hause, um seinem Vater zu helfen. Big Chief Lambreaux baut eigenhändig sein Haus wieder auf und verwendet ansonsten jede Minute darauf, ein neues Kostüm zu nähen – zu jedem Mardi Gras verlangt die Tradition eine aufwendige Ausstattung der Stammesfürsten mit viel Perlenstickerei und reichlich Federn. Delmond kann darüber nur den Kopf schütteln – bis er begreift, dass für seinen Vater ein tieferer Sinn darin liegt.

Treme: Big Chief Lambreaux in Aktion.

Treme: Big Chief Lambreaux (Clarke Peters) in Aktion.

Dann gibt es die Familie Bernette, bestehend aus dem Englisch-Professor Creighton Bernette (John Goodman), der sich mit Unterstützung seiner Tochter Sofia (India Ennenga) auf der neuen Plattform Youtube austobt, wo er in Videobeträgen die Zustände in seiner Stadt anprangert, seiner Frau Toni Bernette (Melissa Leo), die als engagierte Anwältin für die benachteiligten Bürger der Stadt kämpft und damit nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Tochter gefährdet. Und dann gibt es Sofia selbst, die sich einerseits sehr mit den News-Orleans-Traditionen identifiziert, die sie von ihren Eltern lernt, andererseits schwer daran zu tragen hat. Creighton hat feierlich geschworen, die Stadt niemals zu verlassen und arbeitet an einem Buch über die große Flut von 1927 – das nun nach Katrina gewiss Chancen auf dem Markt hätte. Wenn er es nur fertig bekäme.

Außerdem gibt es den erfolglosen weißen Musiker und Radiomoderator Davis MacAlary (Steve Zahn), der ebenfalls aus einer alteingesessenen Familie stammt, der wiederum mit der Köchin Janette Desautel (Kim Dickens) befreundet ist. Janette lebt für die gute und besondere Küche ihrer Stadt, hat aber große Probleme, ihr kleines Restaurant am Laufen zu halten. Womit es ihr kaum anders ergeht als der Exfrau von Antoine LaDonna Batiste-Williams (Khandi Alexander) , die eine Bar besitzt und sie unbedingt weiter betreiben will, obwohl sie nun mit einem Zahnarzt verheiratet ist, der sie zu überzeugen versucht, in Baton Rouge ein neues Leben anzufangen. Aber LaDonna kann sich nicht vorstellen, wo anders als in New Orleans zu leben. Außerdem sucht sie nach ihrem vermissten Bruder.

Durch die Stadt streunen auch das Musiker-Pärchen Sonny (Michael Huisman) und Annie (Lucia Micarelli). Annie hat Sonny aus Amsterdam mitgebracht, nachdem sie ihn dort beim Trampen kennenlernte. Sonny spielt Klavier, Annie Geige, die beiden halten sich mit Straßenmusik über Wasser und halten nach der großen Chance Ausschau. Während sich die begabte Annie für Cajun-Musik interessiert und hier auch erste Erfolge feiern kann, hat Sonny Drogenprobleme und wird schließlich von einem Freund gerettet, der ihm einen Job auf einem Krabbenkutter verschafft.

Treme: Sonny und Annie.

Treme: Sonny (Michiel Huismann) und Annie (Lucia Micarelli).


Und schließlich gibt es noch Lieutenant Terry Colson (David Morse), einen Polizisten, der auf seine Weise versucht, nicht nur auf den Straßen, sondern auch im korrupten Polizei-Apparat Ordnung zu schaffen, was ihm natürlich keine Freunde, sondern jede Menge Ärger einbringt. Trotzdem lässt er sich nicht unterkriegen und unterstützt auch immer wieder Toni Bernette bei ihrer Arbeit.

Es gibt drei Staffeln mit 11 bzw. 10 Teilen, die vierte und finale Staffel hat nur noch fünf Teile – was ich sehr schade fand, weil man doch sehr merkt, dass es hier in erster Linie darum geht, die vielen angefangenen Geschichten aus den Staffeln davor noch irgendwie halbwegs vernünftig zu Ende zu bringen – dadurch fehlt der Drive aus den Staffeln davor, in denen sehr viel mehr passiert.

Eine tragende Rolle spielt die Musik – auch wenn der typische New-Orleans-Jazz ist gewiss nicht jedermanns Sache ist. Mir hat aber sehr gut gefallen, dass die Macher der Serie sich getraut haben, der Musik so viel Raum zu geben – das fängt mit der ersten Second Line an, für die sich die Musiker drei Monate nach der großen Katastrophe im Treme zusammenfinden und geht vielen weiteren weiter – dazwischen gibt es Proben, große und kleine Gigs, Straßenmusik, Konzerte, Paraden, es treten eine ganze Reihe echter Musiker auf, etwa Elvis Costello, Allen Toussaint oder Dr. John.

Treme: Nach der Second Line - LaDonna und Toni

Treme: Nach der Second Line – LaDonna (Khandi Alexander) und Toni (Melissa Leo)

Andererseits ist durchaus noch eine Menge von The Wire spürbar – und in The Wire geht es ja auch nicht nur um Verbrechen, sondern auch um die Gründe dafür. Und auch wenn Treme ganz ausdrücklich keine Krimi-Serie ist, sondern ein mit viel Musik unterlegtes Sozialdrama, so dringen Verbrechen und Gewalt immer wieder in die Handlung ein – New Orleans ist nun einmal kein friedlicher Ort, sondern eine kaputte Stadt mit enormen Problemen, sehr viel Armut und sehr viel Kriminalität. Aber gleichzeitig leben die Leute hier sehr eng zusammen, man kennt sich, man hilft einander.

Treme besticht nicht durch Spannung und einen raffiniert gestrickten Plot – auch wenn es durchaus überraschende Wendungen gibt, sondern eher durch das Gegenteil: Die Serie fließt ruhig und mächtig wie der Mississippi durch die Stadt – man kann sich einfach treiben lassen und sich das Leben der Menschen dort ansehen.

Closed Circuit – Unter Beobachtung

Dass die Bürger von London derzeit die am häufigsten gefilmten Menschen der Welt sein dürften, weiß man ja – und auch, dass neben der NSA die britischen Geheimdienste besonders fleißig sind. Allerdings hat London bereits eine ganze Reihe von schweren Attentaten erleiden müssen, weshalb eine gewisse Paranoia durchaus verständlich ist. Von dieser Paranoia handelt der britische Thriller Unter Beobachtung (Closed Circuit; Regie John Crowley) aus dem vergangenen Jahr. Er beginnt mit den Bildern aus Übewachungskameras, die Menschen auf einem belebten Londoner Markt zeigen – der kurz darauf von einer gewaltigen Explosion verwüstet wird.

Screenshot Closed Circuit - Überwachungskameras 1

Screenshot Closed Circuit – Überwachungskameras 1

Damit setzt die eigentliche Handlung ein: Der Anwalt Martin Rose (Eric Bana, der mir als Avner in Steven Spielbergs München positiv aufgefallen ist) soll den mutmaßlichen Drahtzieher des verheerenden Bomben-Anschlags, bei dem 120 Menschen getötet wurden, Farroukh Erdogan (Dennis Moschitto, der dem deutschen Publikum aus Verschwende deine Jugend, Süperseks, Kebab Connection und natürlich Chiko bekannt sein sollte), in dem unvermeidlichen Jahrhundertprozess verteidigen – zumindest im öffentlichen Teil des Prozesses. Denn weil die Staatssicherheit ja dermaßen gefährdet ist, wird es zeitgleich auch einen Geheimprozess geben: Ein großer Teil des Beweismaterials darf aus Gründen der Sicherheit nicht veröffentlich werden.

Screenshot Closed Circuit - Überwachungskameras 2

Screenshot Closed Circuit – Überwachungskameras 2

Und weil weder der Angeklagte, noch sein Verteidiger (und die Öffentlichkeit schon gar nicht) wissen dürfen, was geheim bleiben soll, wird der Angeklagte im Geheimprozess von einer weiteren Verteidigerin vertreten – die aber wiederum keinerlei Kontakt mit dem Verteidiger aus dem öffentlichen Prozess haben darf. Das an sich macht das Verfahren schon absurd genug. Es kommt aber am Ende alles noch viel schlimmer: Der Generalstaatsanwalt (Jim Broadbent, den ich mir wegen seiner großartigen Performance in Der Wolkenatlas merken wollte – et voilà) bestimmt Claudia Simmons-Howe (Rebecca Hall) zu dieser Spezialverteidigerin. Pikant an der Sache ist, dass Martin gerade einen hässlichen Scheidungsprozess durchmacht, für den seine Affäre mit Claudia der Auslöser war – was die beiden Vorzeigejuristen allerdings verschweigen. Und noch pikanter ist, dass Martins Vorgänger in Sachen Verteidigung sich nach sechs Monaten intensiver Vorbereitung vom Dach gestürzt hat.

Screenshot Closed Circuit - Anschlag in London

Screenshot Closed Circuit – Anschlag in London

Aber weil Martin nach eigener Auskunft ein karrieregeiles Arschloch ist, macht ihm das alles wenig aus – er beginnt damit, sich in den gigantischen Aktenberg einzuarbeiten, er hat ja keine Familie mehr und somit viel Zeit dafür. Natürlich dauert es nicht lange, bis ihm zahlreiche Ungereimtheiten auffallen. So wurde Farroukh erstaunlich schnell ermittelt und gefasst – seine angeblichen Komplizen kamen praktischerweise bei dem Anschlag ums Leben. Erdogan kam aus der Türkei über Deutschland nach London. Und obwohl er in Deutschland wegen Heroinbesitzes auffällig geworden war, bekam er in England überraschend schnell eine Aufenthaltserlaubnis – warum?

Screenshot Closed Circuit - Martin Rose (Eric Bana)

Screenshot Closed Circuit – Martin Rose (Eric Bana)

Rose fallen noch viele weitere Merkwürdigkeiten auf, so dass er schließlich doch mit der US-Journalistin Joanna Reece (Julia Stiles, bekannt als Lumen aus der 5. Staffel von Dexter) Kontakt aufnimmt, die er zuvor schon mehrfach hat abblitzen lassen. Reece bestätigt ihm, was sein Vorgänger und jetzt Martin selbst herausgefunden hat – Farroukh ist ein V-Mann des MI5. Sein Auftrag war offensichtlich, die Radikalen-Gruppe zu infiltrieren. Das ist ein Hammer – am Ende hat der Geheimdienst und damit der britische Staat sogar den Sprengstoff geliefert, mit dem der Anschlag ausgeführt wurde, bei dem so viele Londoner Bürger ums Leben kamen?! Die Frage ist jetzt, ob Farroukh reingelegt wurde – oder besser: von wem?

Screenshot Closed Circuit - Claudia (Rebecca Hall)

Screenshot Closed Circuit – Claudia (Rebecca Hall)

Claudia wird offensiv vom MI5 überwacht, allerdings hat sie als Vertreterin im Geheimprozess auch kaum etwas anderes erwartet. Trotzdem geht ihr der allzu aufdringliche Agent Nazrul Sharma schon ziemlich auf die Nerven. Sie stellt ebenfalls fest, dass einiges nicht stimmt – und auch die Familie von Farroukh verhält sich sehr eigenartig.

Trotz des Informationsverbots zwischen Martin und Claudia teilt Martin ihr heimlich mit, was er herausgefunden hat. Er ist dafür, das lieber im öffentlichen Teil des Prozesses zu behandeln, damit es nicht unter den Tisch gekehrt werden kann, aber die geheime Verhandlung findet zuerst statt. Claudia wittert eine Chance: Sie darf eine „Zeugin X“ genannte hochrangige MI5-Agentin befragen, deren Antworten sie darauf bringen, den Sohn des Angeklagten als Zeugen vernehmen zu wollen. Das gefällt der Agentin gar nicht, aber der Richter ordnet die Vernehmung an.

Keine Frage, spätestens jetzt wird alles richtig hässlich und falls die eine oder der andere den Film noch sehen will – was ich durchaus empfehlen kann – sollte ich jetzt nicht alles verraten, damit nicht jeder Thrill im Eimer ist, nachdem ich ja leider schon relativ viel verraten habe. Es passiert dann aber noch einiges und das Ende ist natürlich unbefriedigend – was aber daran liegt, dass es konsequent und durchaus realistisch ist.

Screenshot Closed Circuit - Martin (Eric Bana) und  Claudia (Rebecca Hall)

Screenshot Closed Circuit – Martin (Eric Bana) und Claudia (Rebecca Hall)

Selbstverständlich wird weiterhin vertuscht und unter den Teppich gekehrt, was nur geht – und wenn man konsequent durchgreift, geht eine Menge. Nach dem, was inzwischen durch die NSA- und hierzulande noch vielmehr durch NSU-Skandalserien über die Tätigkeit (bzw. Untätigkeit) von Geheimdiensten bekannt geworden ist, wundert einen ja kaum noch etwas. Es ist nichts Neues mehr, dass Geheimdienste gewisse Szenen über V-Leute erst mit entsprechenden Mitteln oder gar der passenden Ausrüstung versehen, damit sie überhaupt kriminell aktiv werden können. Nicht nur die rechte Szene und letztlich der NSU wurde von deutschen Inlandsgeheimdiensten alimentiert, auch in den 1960er Jahren wurde die linke Szene von V-Leuten mit Geld und Waffen versorgt, um eine Bedrohungskulisse aufzubauen, vor der unter anderem der Radikalen-Erlass und weitere Einschränkungen der Freiheitsrechte in Deutschland durchgedrückt werden konnten.

Insofern ist den Machern von Unter Beobachtung durchaus gelungen, mit ihrem Plot auf der Höhe (eigentlich müsste man sagen: in der Tiefe) der Zeit zu bleiben. Was aber auch wieder schade ist, obwohl der Film nichts dafür kann: So richtig überraschen können mittlerweile auch die abgefeimtesten Verschwörungsplots nicht mehr. In Wirklichkeit ist ja alles mindestens genauso schlimm.

Screenshot Closed Circuit - die Journalistin Joanna Reece (Julia Stiles)

Screenshot Closed Circuit – die Journalistin Joanna Reece (Julia Stiles)

Nur halt viel komplexer. Am Geheimdienst-Personal zum Beispiel wurde im Film ziemlich gespart, was ja in der Realität durchaus anders ist – dass ausgerechnet die MI5-Chef-Agentin den Terror-Anwalt selbst überwacht, glaub ich im Leben nicht – und auch nicht, dass der Geheimdienst solange das selbe Taxi schickt, bis es dem Überwachten endlich mal auffällt – wobei in dem Fall für den Plot schon wichtig, irgendwie musste Martin ja drauf kommen, dass er überwacht wird. Das Ding mit dem Haar an der Tür oder den UV-Markern kennen Thriller-Fans sowieso schon.

Screenshot Closed Circuit - Farroukh Erdogan (Dennis Moschitto)

Screenshot Closed Circuit – Farroukh Erdogan (Dennis Moschitto)

Relativ wenig haben sich die Filmemacher auch dafür interessiert, mit wem jetzt eigentlich Farroukh den Anschlag vorbereitet hat – aber auch das ist nachvollziehbar – man will so ein Attentat ja niemanden in die Schuhe schieben und damit Unmut verbreiten. Ist ja auch besser so, heutzutage, wo man nicht mehr durchblickt, wie mächtig welche Lobby jetzt gerade wirklich ist. Mir fällt gerade auf, dass das vielleicht eine Erklärung dafür ist, dass bei den Drehbuchautoren Umwelt-Terroristen derzeit so in Mode sind – von Umweltgruppen sind in der Realität eher keine blutigen Rache-Akte zu erwarten… auf jeden Fall ein sehenswerter Thriller aus Großbritannien.

Criminal Justice: Die Briten sind einfach besser

Es gibt diese Tage, an denen man aus einer Laune heraus etwas tut, das man hinterher vielleicht den Rest seines Lebens bereut – selbst wenn man eigentlich gar nichts dermaßen Furchtbares getan hat, sondern nur zur falschen Zeit am falschen Ort war. Aus diesem Stoff lässt sich eine verzwickte Justiz-Serie stricken, wie Peter Moffat für die BBC getan hat. Die erste Staffel von Criminal Justice ist ein verstörender Alptraum – sowohl für den Protagonisten Ben Coulter als auch für mitfühlende Zuschauer.

Der jungen Ben nimmt eines Abends aus einer Laune heraus das Taxi seines Vaters und macht damit eine Spritztour durch London. Irgendwann steigt ein Mädchen ein, das auch nicht aussteigen will, als Ben ihr sagt, dass er gar kein Taxifahrer sei. Sie ist schön, sie wirkt geheimnisvoll und sie will ans Meer. Ben muss nicht lange überlegen – sie fahren ans Meer, essen ein Eis,  sie überredet ihn, aus dem schönen Abend einen wunderschönen Abend zu machen und mit ihr gemeinsam einen Trip einzuwerfen. Was er eigentlich nicht will, aber heute ist alles egal. Sie nimmt ihn mit nach Hause, was er dann doch will, sie trinken, spielen überdrehte Spielchen und haben Sex. Am Ende wacht Ben mit schwerem Schädel am Küchentisch auf. Ihm fehlen einige Meter Film. Er geht nach oben ins Schlafzimmer, um sich anzuziehen und zu verabschieden, dann der Schock: Das Mädchen liegt tot im Bett. Erstochen.

Ben macht in seiner Panik so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann: Haut ab, vergisst seine Jacke, fährt zurück, realisiert, dass alles ziemlich schlecht für ihn aussieht,versucht Spuren zu verwischen, steckt das Küchenmesser ein und fährt panisch wieder los. Natürlich kommt er nicht weit, er fährt das Taxi seines Vaters zu Schrott, wird deshalb eher zufällig von der Polizei gestellt – mit der Mordwaffe in der Jacke.

Damit geht es dann aber erst richtig los: Für die Polizei ist die Sache klar, diesen Fall könnte auch der letzte Anfänger lösen. Ärgerlich ist nur, dass der Junge nicht gestehen will. Ben lässt sonst aber alles über sich ergehen, bekommt einen Rechtsbeistand, der ihm rät, nichts zu sagen und so sagt er nichts. Warum auch – er kann doch kein Verbrechen zugeben, von dem er annimmt, es nicht begangen zu haben. Auch wenn alles gegen ihn spricht. Das Problem ist, dass er selbst nicht weiß, was in jener Nacht passiert ist.

Das macht den Fall natürlich nicht leichter, auch nicht für die wenigen Menschen, die zumindest einen leisen Zweifel daran haben, dass Ben Coulter ein Mörder ist. Selbst Ben ist nicht immer hundertprozentig sicher, dass er es nicht war. Weil die Lage so hoffnungslos ist, rät sein Anwalt, sich schuldig zu bekennen und auf Totschlag zu plädieren. Wenn auf diese Weise ein langwieriges Verfahren vermieden würde, käme er mit wenigen Jahren Gefängnis davon. Für einen Mord dagegen bekäme er lebenslänglich.

Darauf will Ben sich nicht einlassen: Er besteht darauf, nicht schuldig zu sein. Daraufhin wird er durch die Mühlen des britischen Justizwesens gemahlen, von dem seine Eltern sicher sind, dass es das beste und fairste der Welt sei. Allerdings wird diese Gewissheit noch ins Wanken geraten, während Ben lernen muss, wie man im Knast überlebt. Hier hat er es nämlich mit richtigen Verbrechern zu tun, die im Kampf aller gegen alle nichts zu verschenken haben. Ben gerät zwischen die Fronten von Machtkämpfen unter den Insassen und jeder versucht auf seine Weise, den unerfahrenen Jungen auszunutzen. Währenddessen müssen sich Bens Verteidiger sehr ins Zeug legen, um ihrem Mandanten zu helfen – was auch nach hinten losgehen kann.

Alles in allem ein überaus spannendes Justizdrama, fantastisch besetzt mit Ben Whishaw in der Hauptrolle und dem immer wieder grandiosen Pete Postlethwaite als Bens Zellengenosse Hooch. Ich frage mich, warum das deutsche Fernsehen so etwas einfach nicht hinkriegt. Zum Thema Justizserie im deutschen Fernsehen fallen mir nur so putzige Sachen wie Liebling Kreuzberg, Edel & Stark oder der Staatsanwalt ein, die streckenweise gar nicht mal so übel sind, aber doch irgendwie sehr seicht vor sich hin plätschern. Selbst die vergleichsweise ambitionierte  zdf-Serie Verbrechen nach Ferdinand von Schirach kann man nicht mit Criminal Justice, North Square, Silk oder Injustice vergleichen –  und das sind jetzt nur britische Konkurrenten. Und das, obwohl der von mir sehr geschätzte Josef Bierbichler den abgebrühten Strafverteidiger von Schirach spielt. Aber der allein kann das deutsche Justizdrama nicht retten.