4 Blocks: Spannende Reportage aus der Parallelgesellschaft

Nachdem ich in der letzten Zeit viel darüber gejammert habe, dass es seit Jahren keine gute deutsche Serie mehr gegeben hat, kann ich jetzt berichten, dass es in diesem Jahr endlich wieder etwas Sehenswertes gibt: TNT Serie hat mit dem Gangster-Drama
4 Blocks tatsächlich etwas hingekriegt, an dem ZDFneo mit seiner Produktion Tempel ja leider kläglich gescheitert ist: Einen spannenden Mehrteiler nämlich, der ästhetisch und inhaltlich auf der Höhe der Zeit ist und tatsächlich etwas Neues über die Berliner Unterwelt erzählt, statt zum x-ten Male ausgelatschte Klischees neu zu bebildern. Hier geht es um den Aufstieg arabischer Klans, die inzwischen in einigen Berliner Bezirken das Sagen haben.

Der Libanese Ali Hamadi (Kida Khodr Ramadan), genannt „Toni“ – ob da wohl jemand an Tony Soprano gedacht hat? – lebt seit 26 Jahren in Berlin. Eigentlich wollen er und noch viel mehr seine treue und gläubige Frau Kalila (Maryam Zaree) nur gute deutsche Staatsbürger werden: Bald sollen sie endlich deutsche Pässe bekommen, und damit auch die entsprechenden Möglichkeiten, legal Geschäfte zu machen. Toni macht offiziell in Immobilien und liebt seine Frau und seine achtjährige Tochter, die er durchaus ermutigt, sich gegen die fiesen Jungs im Kiez zu behaupten. Die zum Beispiel der Ansicht sind, dass arabische Mädchen nicht Fahrrad fahren sollten. Und schon gar nicht unbegleitet.

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan)

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) Bild: 4-blocks.de

Aber Toni wird immer wieder in die kriminellen Geschäfte seines chaotischen Bruders Abbas gezogen, der findet, dass sein großer Bruder, seit er Frau und Kind hat, ein echter Waschlappen geworden ist. Toni hat zwar mit vielen dreckigen Geschäften Geld verdient, aber sein Geschäftsgrundsatz ist klar: „Wir sind keine Mörder!“ Und daran hält er sich. Vor allem bringt man keine Polizisten um, denn das bringt viel zu viel Ärger. Abbas hingegen hält sich nicht daran, er hat einfach zu viel von dem Stolz, den er an seinem großen Bruder vermisst und baut immer wieder scheiße, weshalb Toni sich nicht wie geplant ins legale Familiengeschäft zurückziehen kann. Zum Glück taucht Tonis alter Kumpel Vince auf, den er seit Ewigkeiten nicht gesehen hat.

Vince hat offensichtlich eine kriminelle Neuköllner Kiezvergangenheit – und kehrt nun nach längerer Abwesenheit in sein Heimatrevier zurück. Was Toni nicht weiß: Vince ist ein V-Mann, ein Informant, den die Polizei gezielt auf Toni angesetzt hat, damit er in den inneren Zirkel des abgeschotteten Araber-Klans eindringen kann – denn aus dieser Welt dringen kaum Informationen nach außen, so dass die Ermittlungsbehörden seit Jahren im Dunkeln tappen.

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) und sein Bruder Abbas (Veysel Gelin)

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) und sein Bruder Abbas (Veysel Gelin)eBild: 4-blocks.d

Und Vince ist ziemlich gut: Er hat einerseits den nötigen Stallgeruch, er kennt Toni und seine Familie von früher, andererseits hat er aber auch ein intaktes Unrechtsbewusstsein, viel Einfühlungsvermögen und gute Nerven – Toni führt Vince zu Abbas Ärger in die engeren Familienkreise ein und Vince bewährt sich, er übernimmt die dreckigen Jobs, die Toni seiner Familie wegen nicht mehr selbst machen will, für die Abbas aber ungeeignet ist. Denn Toni ist sehr daran gelegen, unter dem Radar zu bleiben, er weiß, dass er sich keinen Ärger leisten kann.

Mich erinnert das alles sehr an Undercover, jene bulgarische Serie, in der ein Informant in die bulgarische Mafia eingeschleust wird – diese Serie ist übrigens ebenfalls ein echter Geheimtipp. Aber es gibt auch Anklänge an die italienische Mafia-Serie Gomorrha, das israelische Undercover-Drama Fauda und nicht zuletzt einen Schuss Sons of Anarchy.

4 Blocks ist eine interessante Milieustudie einer gegen Fremde abgeschotteten Parallelgesellschaft, die sich in den bisher vernachlässigten Vierteln von Berlin (und anderen deutschen Großstädten) entwickelt hat und erzählt die Geschichte der Familie Hamady, eines jener berüchtigten arabischen Clans, von denen in letzter Zeit sehr viel die Rede ist: Wie bereits in den Herkunftsländern ist die Familie oft die einzige ökonomische und soziale Absicherung für ihre Mitglieder – und die sind zahlreich. Die Familie ist für diese Menschen die einzige Instanz, die zählt. Gut ist, was das Ansehen und den Reichtum der Familie mehrt, alles andere ist schlecht oder interessiert bestenfalls nicht. Was nicht heißt, dass es innerhalb der Familien keine Konflikte gibt – aber die werden untereinander geregelt. Und gegen alle anderen hält die Familie zusammen.

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan), Vince Kerner (Frederick Lau) und Abbas (Veysel Gelin)

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan), Vince Kerner (Frederick Lau) und Abbas (Veysel Gelin) Bild: 4-blocks.de

Diese Parallelgesellschaften sind auch ein Produkt verfehlter Politik im Umgang mit Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen und komplett misslungener, oder eigentlich eher gar nicht erst versuchter Integration dieser Menschen in das hiesige Gesellschaftssystem: Weil es für die oft nur geduldeten ehemaligen Flüchtlinge extrem schwierig war und ist, an legale Jobs zu kommen, haben sie sich eben mit den illegalen Möglichkeiten der Geldbeschaffung befasst und sind mittlerweile in so ziemlichen allen Bereichen der organisierten Kriminalität vertreten, vom Drogenhandel über Prostitution, Schutzgelderpressung, windige Immobiliengeschäfte, Versicherungsbetrug und dergleichen mehr.

Und so behalten sie oft auch die patriarchalisch geprägten Strukturen ihrer Herkunftsgesellschaften bei: Die Männer haben das Sagen, die Frauen unterstützen ihre Männer. Erstrecht, wenn sie Unterstützung brauchen – als Tonis nicht ganz so heller Schwager Latif ins Gefängnis kommt, ist seine Frau Amara natürlich erstmal sauer auf ihn – aber ihre Schwägerin Kalila überzeugt sie, dass sie nun erstrecht für ihren Mann da sein müsse. Und natürlich nimmt Abbas Amara und ihren Sohn bei sich zu Hause auf – es muss ja alles seine Ordnung haben. Amara ist von der Lösung wenig begeistert, denn Abbas nervt mit seinem Kontrollwahn – aber eine gute arabische Frau fügt sich in ihr Schicksal. Interessanterweise hat Abbas aber eine Frau aus einem anderen Kulturkreis auserwählt – er ist mit der ehemaligen Prostituierten Ewa zusammen, die aus Polen kommt. Und Ewa tut sich schwer damit, die Regeln der Familie Hamady zu akzeptieren – etwa, sich nicht einzumischen, wenn die Männer etwas untereinander zu bereden haben. Und das es beim Shoppen keinen Schampus, ja nicht mal Prosecco gibt.

4 Blocks: Amara (Almila Bagriacik) und Vince (Frederick Lau)  Bild: 4-blocks.de

4 Blocks: Amara (Almila Bagriacik) und Vince (Frederick Lau) Bild: 4-blocks.de

Auch die Welt der Hamadys ist in mehrere Sphären getrennt – nach innen gibt es spießiges Familienglück, nach außen hartes kriminelles Tagesgeschäft. Regisseur Marvin Kren und sein Kameramann Moritz Schultheiß finden dazu die passenden Bilder – allein der Auftakt in der High-Deck-Siedlung nahe der Sonnenallee in Neukölln ist grandios: In der einstmals als progressiven Sozialbau konzipierten Beton-Kulisse eines heruntergekommenen Berliner Slums (hier ist es fast so schön wie in der neapolitanischen Beton-Sünde, die in Gomorrha eine heimliche Hauptrolle spielt) verfolgen überforderte Polizeibeamte einen ausländischen Drogendealer, der einen Trainingsanzug mit den Insignien der deutschen Fußball-Nationalmannschaft trägt. Auf der oberen Ebene rotten sich Jugendliche zusammen – die Fronten sind klar: Alle gegen die Polizei. Die ihren Einsatz angesichts der eindeutigen Übermacht abbrechen muss – dieser Block ist eine NoGo-Area, soviel ist klar, zumindest für die Polizei.

Und nicht nur in der Bildsprache wird viel zitiert und auf anderes verwiesen. Mir gefällt die Art, in der das umgesetzt wird, sehr gut. Nichts ist mariniert, es ist eher augenzwinkerndes Understatement, das die Geschichte illustriert, zum Teil tatsächlich ziemlich komisch ist und mich schon deshalb nicht nervt. Wobei ich weiß, dass das Geschmacksache ist, aber ich hatte bei den drei Folgen, die ich bisher sehen konnte, viel Spaß daran. Die erste Staffel hat sechs Teile und die gute Nachricht ist, dass eine zweite Staffel bereits bestellt ist. Ich bin sehr gespannt.

Serien-Update: Better Call Saul und Fargo

Derzeit ist eigentlich eine total tolle Zeit für Serienfreaks wie mich. Es gibt so viele Serien wie noch nie – angeblich soll es 2017 allein bis zu 500 neue US-Serien geben. Und dann gibt es ja noch die Briten, die Skandinavier, die Italiener, Franzosen, Israelis und, ja auch die Bulgaren, die 5. Staffel von Undercover habe ich inzwischen angefangen. Andererseits hat der aktuelle Serienboom auch seine Schattenseiten: Erstens, wann soll ich das alles ansehen – und vor allem: Wann soll ich darüber bloggen?!

Als Mitglied der arbeitenden Bevölkerung ist das echt eine enorme Herausforderung – zumal es ja eigentlich auch wichtigere Dinge im Leben geben sollte als Serien zu glotzen. Und dann auch noch darüber zu schreiben. Neben der Arbeit gibt es ja noch allerhand andere Dinge zu regeln. Deshalb befinde ich mich derzeit extrem im Rückstand mit meinen Blogeinträgen – denn zwei meiner absoluten Lieblingsserien haben im April endlich wieder neu durchgestartet, zum einen Better Call Saul, zum anderen Fargo. Da kommt mir die Verschiebung der dritten Mr.-Robot-Staffel vom Sommer in den Herbst schon fast gelegen, damit ich bis dahin all das andere Zeug wegglotzen kann.

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Sowohl Better Call Saul als auch Fargo sind mittlerweile ebenfalls in die dritte Staffel gegangen und aufgrund der altmodischen Nur-einen-Teil-pro-Woche-Ausstrahlungs-Tratition muss man immer eine Woche warten, bis der nächste Teil kommt. Das ist schlimm, weil beide neuen Staffeln schon ab dem ersten Teil wieder dermaßen stark waren, dass ich es jeweils kaum aushalten kann, bis die Fortsetzung kommt. Aber das hat auch wieder etwas für sich, weil Vorfreude bekanntlich die schönste ist. Better Call Saul gibt es seit dem 10. April, Fargo ist seit dem 19. April wieder am Start.

Und natürlich sind beide Fortsetzungen wieder zum Niederknien gut gemacht – bei Better Call Saul geht es in der schon in den früheren Breaking-Bad-Staffeln eingeführten Manier weiter, die jeweiligen Hauptpersonen durch kultverdächtige Sequenzen zu charakterisieren, die in anderen Serien vermutlich in wenigen Sekunden abgehandelt werden würden, hier aber zunehmend akribisch und detailreich inszeniert werden, so dass man entweder komplett aussteigt oder sich vor Begeisterung in die Knöchel beißt: Wie Mike Ehrmantraut sein Auto in sämtliche Einzelteile zerlegt, weil er weiß, dass irgendwo eine Wanze versteckt sein muss, ist dermaßen fantastisch, dass die Konsequenz einfach zwingend ist, nachdem er sie endlich, endlich gefunden hat – natürlich benutzt der clevere alte Fuchs die Waffe seiner Gegner nun gegen sie selbst, indem er die Wanze genau da lässt, wo sie platziert wurde hat. Nur hat er sie nach entsprechender Recherche gegen seine eigene Wanze ausgetauscht: Jetzt überwacht er seine Verfolger.

Ich liebe diese Subtilität, das ist einfach großartig. Mich erinnert dieser Mut zur langen Einstellung, zum Lupen-Blick auf bestimmte Details ziemlich an Edgar Reitz, insbesondere an Die Zweiten Heimat, auch wenn das eine ganz andere Geschichte ist, die ganz anders erzählt wird – aber in einer sehr eigenwilligen Erzählweise, auf die sich der Betrachter einlassen muss, um das alles wirklich genießen zu können. Natürlich haben auch Jimmy, Chuck und vor allem auch Kim ihre großen Momente und ja, es taucht tatsächlich der legendäre Gus Frings auf, jener gewiefte Imbißkettenbesitzer und Drogen-Pate, an dem sich Walter White in Breaking Bad abgearbeitet hat. Also ein dreifaches Daumen-hoch für die dritte Staffel von Better Call Saul!

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Ähnlich geht es mir mit Fargo – wir sind wieder im verschneiten Minnesota, es gibt wieder eine engagierte Polizistin, deren Stiefvater gleich im ersten Teil einer tragischen Verwechslung zum Opfer fällt. Und dann gibt es Mal aber ein zerstrittenes Brüderpaar, von denen der eine der Parkplatz-König von Minnesota ist, der andere aber ein heruntergekommener Bewährungshelfer, der nebenbei mit einer seiner Klientinnen als Partnerin an Bridge-Tunieren teilnimmt. Der Parkplatzkönig hat sich von den falschen Leuten mit einem Überbrückungskredit über den Tisch ziehen lassen – die wollen nämlich gar nicht das Geld zurück, sondern seine Firma als Geldwaschmaschine benutzen. Der Bewährungshelfer hingegen hat einen seiner anderen Klienten engagiert, um seinem Bruder eine wertvolle Briefmarke zu stehlen, was gründlich schief geht. Damit ist der Grundstein für eine schreiend komische Serie gelegt, falls man auf diese Art Humor steht.

Fargo lebt ja von den ganzen Knalltüten, die aus verschiedenen Gründen versuchen, kriminell zu sein, aber einfach nicht schlau genug sind, um vom oder manchmal auch nur mit dem aus Versehen begangenen Verbrechen leben zu können. Und den richtig Kriminellen, die sich einen Spaß draus machen, die Dummen für sich arbeiten zu lassen. Das ist schon ein gemeinsames Thema von Better Call Saul und Fargo – wobei BCS mehr auf den gnadenlosen Zweikampf intelligenter Krimineller herausläuft, während Fargo eher eine Charakterstudie von Gelegenheitskriminellen ist, die, wenn es um die Lösung ihrer Probleme geht, erstaunlich abgebrüht und einfallsreich seinen können, da mit aber nicht besonders weit kommen, weil sie eben aus der Situation heraus handeln, und nicht, weil sie wirklich einen Plan hätten. Insofern ist Fargo auch in dieser Staffel wieder deutlich lustiger als Better Call Saul. Zumindest wenn man auf diese Art von Humor steht. Empfehlen kann ich beides.

Bosch: Die 3. Staffel lohnt sich

Hieronymus Bosch, der knurrige Detective von der Mordkommission des LAPD, ist mein derzeitiger Lieblingsermittler aus den USA. Insofern war ich sehr erfreut, dass die dritte Staffel der Serie Bosch in Deutschland zeitnah zur Verfügung stand.  Die neue Staffel setzt 16 Monate nach den Ereignissen der zweiten Staffel ein – hier ging es unter anderem um einen Mordfall, in den die armenische Mafia verwickelt war und den Tod des Sohnes von Deputy Chief Irvin Irving (Lance Reddick), der während eines Einsatzes erschossen wurde. Außerdem konnte Bosch endlich den Mord an seiner Mutter aufklären – der ihn allerdings auch in der dritten Staffel noch nicht wirklich los lässt.

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Während Bosch (Titus Welliver) gemeinsam mit der Staatsanwältin Anita Benitez (Paola Turbay) darum kämpft, dass seine Ermittlungen aus der Staffel zuvor überhaupt zu einem Prozess führen, liegt schon eine neue Leiche in einem schäbigen Wohnmobil. Die Kollegen winken ab – es sieht nach einem Mord im Obdachlosen-Mileu aus, ziemlich aussichtslose Sache. Aber die sind, wie wir wissen, Boschs besondere Spezialität: Entweder zählt jeder oder keiner.

Also fängt Bosch an zu ermitteln. Es dauert gar nicht lange, da fällt Bosch eine zweite Leiche vor die Füße – oder eher auf die Füße, denn der mutmaßliche Mörder Billy Meadows, den Bosch schon seit einiger Zeit rankriegen will, begeht Selbstmord. Die Kollegen, die den Fall übernehmen, kommen schnell darauf, dass hier wohl nachgeholfen wurde – was für Bosch aber blöd ist, denn dadurch kommen sie auch seiner eigenmächtigen Ermittlung auf die Spur: Bosch hatte heimlich Kameras installiert, um den Kerl zu überwachen. Vor allem Boschs Partner Jerry Edgar (Jamie Hector) ist irritiert, als die Kollegen ihm stecken, dass Bosch offenbar in die Sache verwickelt ist.

Und dann ist da auch noch die Presse:  Der umtriebige Reporter Scott Anderson (Eric Ladin) würde zu gern endlich mal wieder eine richtig große Story schreiben – und weil es nicht gut aussieht, wenn jemand intern einen Kollegen verpfeift, kann man ja auch einen Tipp an die Medien geben und drauf vertrauen, dass die interne Ermittlung spätestens dann aufmerksam wird, wenn etwas in der Zeitung steht, was am Image der ohnehin schon nicht beliebten Polizei kratzt.

Harry Bosch (Titus Welliver) und Lieutenant Grace Billets (Amy Aquino)

Harry Bosch (Titus Welliver) und Lieutenant Grace Billets (Amy Aquino)

Bosch schafft es also einmal mehr, gleich mehrfach anzuecken –  und es ist ihm lange nicht klar, wer dieses Mal der fieseste seiner Gegner ist. Denn der selbstverliebte Hollywood-Regisseur Andrew Holland, den Bosch gern wegen des Mordes an einem Callgirl rankriegen würde, aber sonst nicht für voll nimmt, ersinnt einen perfiden Racheplan, der erstmal ganz gut funktioniert – aber am Ende ist Holland von seinem eigenen Drehbuch dermaßen begeistert, dass er über seine Eitelkeit stolpert: Er hätte das alles lieber für schön sich behalten sollen.

Die ehemaligen Special-Forces-Kämpfer, die hinter dem Mord an ihrem gestrauchelten Kumpel ihm Wohnmobil stecken, sind da schon ein anderes Kaliber – aber Bosch kennt sich mit diesen Typen aus, schließlich war er selbst einmal einer von ihnen. Er weiß, wie gefährlich die werden können, was seine Rolle als alleinerziehender Vater einer Teenie-Tochter nicht gerade erleichtert. Denn Maddie (Madison Lintz)  wohnt nun bei ihm, nachdem ihre Mutter Eleanor (Sarah Clarke) als professionelle Pokerspielerin nach Hongkong gezogen ist.

Maddie will ins Auswahl-Team der Volleyballmannschaft ihrer Schule und sie will Autofahren lernen – Bosch muss sich also in Verständnis und Geduld üben, was nicht seine besonderen Stärken sind. Aber er meistert das ganz gut, zumal er seine Tochter überzeugen kann, dass es für alle Beteiligten besser ist, wenn sie eine Weile zu Grace (Amy Aquino) zieht, der manchmal zu verständnisvollen Vorgesetzten von Bosch. Genau das wird Lieutenant Grace Billetts, die gern zum Captain aufsteigen würde, auch zum Verhängnis, obwohl sie, genau wie Bosch, wahnsinnig qualifiziert ist und einfach gute Arbeit macht.

Harry Bosch (Titus Welliver) und Maddie (Madison Lintz) Bild: mfdb.org

Harry Bosch (Titus Welliver) und Maddie (Madison Lintz) Bild: mfdb.org

Genau das ist es, was ich an dieser Serie mag: Wie bei der legendären Serie The Wire sind die Polizisten, (aber auch die Gangster) alle ernsthaft bei der Arbeit, auch wenn die oft aus nervtötender Routine besteht – am Ende ist es eben ein einziger fehlender Eintrag in einer offiziellen Ermittlungsakte, der beim Abgleich mit einer älteren Kopie des Originals auffällt, weil er dort noch vorhanden ist und darauf hinweist, dass hier offenbar etwas vertuscht werden soll.

Es geht bei Bosch nicht darum, immer noch spektakulärere Verbrechen zu inszenieren und die Zuschauer möglichst lange an der Nase herumzuführen, sondern einfach um solides Krimi-Handwerk: Je nach Spurenlage sieht ein Fall so oder anders aus. Insofern ist Bosch schon fast frustrierend realistisch, auch wenn die Serienmacher sich natürlich eine Reihe fernsehtauglicher Charaktere ausgedacht haben, die mehr oder weniger liebenswerte Schrullen haben und für die Serie gut funktionieren. Die Serienmacher geben ihnen Raum, sich zu entfalten, Boschs Kollegen sind allesamt ernstzunehmende Polizisten und nicht einfach nur Stichwortgeber, und auch die Typen auf der anderen Seite haben ihre eigenen Geschichten.

Insofern erinnert Bosch auch ein bisschen an Kommissarin Lund, die sture dänische Ermittlerin, die ihr Privatleben und ihre Karriere ruiniert, um eine ganze ausführliche Staffel lang einen einzigen Fall zu lösen – wobei Bosch zu cool ist, um das dermaßen auf die Spitze zu treiben. Und er ist einfach zu gut, um ihn stillzulegen: „Wollen Sie wirklich einen Detective aus dem Dienst ziehen, der in den letzten zehn Jahren 33 Morde aufgeklärt hat?“ fragt sein Oberboss entsetzt, als die interne Ermittlung ihm genau das nahelegt. Bosch kommt also wieder mit einem blauen Auge davon – aber wir brauchen ihn mindestens für eine Staffel vier noch, denn es ist noch längst nicht alles aufgeklärt.

Awake: Traum oder Realität?

Während es einige Serien gibt, um die ein Wahnsinnshype gemacht wird, ohne dass sie deshalb besonders gut sein müssten, existieren auch erstaunlich viele Serien, von denen man noch nie gehört hat, die aber trotzdem gar nicht so schlecht sind. Eins dieser kleineren Projekte ist Awake, eine Serie um den Polizisten Michael Britten (Jason Isaacs), der nach einem schweren Unfall in zwei verschiedenen Realitäten aufwacht.

Awake: Michael Britten (Jason Isaacs) Bild via serienjunkies.de

Awake: Michael Britten (Jason Isaacs) Bild via serienjunkies.de

In der einen, der „roten Realität“ ist seine Frau (Laura Allen als Hannah) noch am Leben, aber sein Sohn ist tot. In der anderen, der „grünen“ hat sein Sohn (Dylan Minnette als Rex) den Unfall überlebt, aber seine Frau nicht. In beiden Realitäten geht er zur Therapie, in der roten zu Dr. Jonathan Lee (wie immer großartig: BD Wong), in der grünen zu Dr. Judith Evans (Cherry Jones), was sehr amüsant ist, da beide Psychiater immer sehr gute Erklärungen dafür haben, warum „ihre“ Realität die jeweils echte und die andere ein Traum ist. In beiden Realitäten geht Britten seinem alten Job als Detective beim LAPD nach, wobei er zwar die gleiche Chefin, nämlich Captain Tricia Harper (Laura Innes), aber unterschiedliche Partner hat, in der „roten“ ist das der junge Elfrem Vega (Wilmer Valderrama), den Britten nicht für voll nimmt, in der „grünen“ ist es Isaiah „Bird“ Freeman (Steve Harris), mit dem er bereits seit Jahren zusammen arbeitet. Mit der Zeit stellt sich heraus, dass die völlig unterschiedlichen Fälle, an denen Britten in den jeweiligen Realitäten arbeitet, stets irgendwie zusammenhängen und er kommt nach und nach einem Mordkomplott auf die Spur, dem eigentlich er zum Opfer fallen sollte.

Awake: Dr. Jonatha Lee (BD Wong) Bild via imdb.com

Awake: Dr. Jonathan Lee (BD Wong) Bild via imdb.com

Awake war einer der vielen vergeblichen Versuche des altehrwürdigen US-Senders NBC an alte Serienerfolge anzuknüpfen – NBC ist unter anderem bekannt für Klassiker wie ALF, Seinfeld, Friends oder Golden Girls. Aber die Konkurrenz, vor allem durch Bezahlsender wie HBO, Showtime oder AMC, die von den vergleichsweise strengen Zensurvorschriften im frei empfangsbaren US-Fernsehen weniger betroffen sind und auch dank Sex, Gewalt und offenen Worten eine ganze Menge erfolgreicher Serien produzieren, macht es den etablierten Networks zunehmen schwer – wobei ich das gar nicht schlimm finde. Und dann gibt es neuerdings ja auch noch Hulu, Netflix und Amazon, die eine Qualitätsserie nach der anderen raushauen – da muss man sich schon etwas anderes einfallen lassen als nur immer mehr vom Bewährten. Wobei NBC mit This Is Us im vergangenen Jahr offenbar mal wieder einen Treffer gelandet hat – muss ich mir gelegentlich ansehen.

Doch zurück zu Awake – zwar wurde die Serie 2012 nach nur einer Staffel wegen schlechter Einschaltquoten eingestellt, was aber in diesem Fall eher gegen das Publikum als gegen die Serie spricht – denn so halbmittelgute Serien wie The Blacklist oder Blindspot sehen sich die Leute auf NBC ja auch an. Awake finde ich zumindest nicht schlechter.

Awake: Dr. Judtith Evans (Cherry Jones) Bild via imdb.com

Awake: Dr. Judtith Evans (Cherry Jones) Bild via imdb.com

Wobei ich zugeben muss, dass Awake für alle, die auf klassische Krimiserien stehen, vermutlich zu viel Psychokram und Familiendrama enthält, und für alle, die auf Familiendrama sehen, dann wieder zu viel Krimi drin ist. Man muss schon sich schon auf den ganzen Mindfuck einlassen – dann kann Awake aber wirklich Spaß machen. Über die 13 Folgen entspinnt sich eine durchaus komplexe Handlung, die sich gegen Ende rasant zuspitzt, und, weil sich offenbar abzeichnete, dass das Projekt nicht fortgesetzt werden soll, auch abgeschlossen wird. Wobei ich von dem Ende nicht wirklich zufrieden bin, auch wenn es irgenwie einleuchtet.

Aber das ist ja oft so: Je drastischer die Dinge am Ende eskaliert werden, desto schwieriger wird es, einen überzeugenden Schluss zu finden. Awake ist jedenfalls mein Tipp für Freunde von Mystery-Serien, die ein überschaubares Projekt für zwischendurch suchen, während man auf die Fortsetzungen von Better Call Saul, Mr. Robot oder Westworld wartet.

Awake: Hannah (Laura Allen), Rex (Dylan Minette) und Michael (Jason Isaacs)

Awake: Hannah (Laura Allen), Rex (Dylan Minette) und Michael (Jason Isaacs) Bild via imdv.com

Modus: Das Böse aus Übersee

Im ZDF läuft sonntags um 22 Uhr derzeit der Vierteiler Modus. Den konnte ich als interessierte Schwedenkrimi-Konsumentin natürlich nicht auslassen. Zumal Melinda Kinnaman mitspielt, eine der großen Schwestern von Joel Kinnaman, der gerade in Hollywood so richtig durchstartet. Aber zurück nach Schweden – wobei, das Buch Gotteszahl von Anne Holt, das Grundlage für diesen Vierteiler hergenommen wurde, spielt eigentlich in Norwegen. Aber das ist eigentlich auch egal, der Mörder jedenfalls ist ein durchgeknallter US-Amerikaner – die Zuschauer wissen von Anfang an, wer der Mörder ist. In Modus geht es also eher darum, wie lange die Kriminal-Psychologin Inger Johanne Vik (Melinda Kinnaman) brauchen wird, um ihm auf die Spur zu kommen.

Modus Bild: zfd.de

Modus Bild: zfd.de

Es ist kurz vor Weihnachten. Johanne (Melinda Kinnaman) ist mit ihren Töchtern zur Hochzeit ihrer Schwester in Stockholm. Während die Erwachsenen feiern, vertreiben sich die Kinder die Zeit mit Fernsehen und Smartphone-Spielen im Hotelzimmer. Johannes ältere Tochter Stina (Esmeralda Struwe) kann nicht einschlafen – und wie sich noch herausstellen wird, ist sie ohnehin ziemlich eigen: Sie ist autistisch und kann nicht gut mit anderen reden – schon gar nicht, wenn es um Gefühle geht. Und wie es der Zufall in Krimis so will, wird Stina Zeugin eines Mordes, der ganz Schweden noch beschäftigen wird: In jenem Hotel wird nämlich die beliebte TV-Köchin Isabella Levin (Julia Dufvenius) umgebracht. Doch sie ist nur das erste Opfer in einer Serie von rätselhaften Morden.

Der Täter sieht Stina, die daraufhin verstört die Flucht ergreift. Sie rennt im Schlafanzug auf die Straße, wo sie fast von einem Lkw überfahren wird – doch ausgerechnet der Mörder (Marek Oravec als Richard Forrester) rettet das Kind im letzten Augenblick und verschwindet dann unerkannt im Dunkel. Als der Kriminalbeamte Ingvar Nyman (Henrik Norlén) eher zufällig am Unfallort auftaucht, ist er längst verschwunden.

Modus: Forrester (Marek Oravec) und Stina (Esmeralda Struwe) Bild: zfd.de

Modus: Forrester (Marek Oravec) und Stina (Esmeralda Struwe) Bild: zfd.de

Wie sich dann herausstellt, haben Johanne und Ingvar eine gemeinsame Vergangenheit, an die sie im Verlauf der Handlung wieder anknüpfen. Warum auch nicht, Johanne ist von ihrem Mann Isak geschieden, der wiederum eine neue Partnerin hat. Johanne war zwischendurch Profilerin beim FBI, hat diesen Job aber aufgegeben, weil sie zu sehr darin aufgegangen ist und darüber ihre Kinder vernachlässigt hat – das ist ein Konflikt, den ich nur zu gut nachvollziehen kann. Es werden ja nun wirklich unerfüllbare Anforderungen an Mütter gestellt, insbesondere, wenn sie darauf angewiesen sind, selbst für sich und die Kinder Geld verdienen zu müssen. Und gerade wenn sie dann noch einen Job haben, in dem sie richtig gut sind, ist es geradezu unvermeidlich, dass es immer wieder knallt und entweder der Job oder die Kinder zu kurz kommen.

Johanne Vik hat sich schließlich für ihre Kinder entschieden und ist ausgestiegen, um jetzt als freie Autorin mehr freie Zeit zu haben (was für eine naive Idee ist das denn? Aber okay, vielleicht geht das mit Büchern über Mörder) Aber natürlich kommt alles ganz anders. Stina ist offensichtlich traumarisiert von dem, was sie erlebt hat, kann es aber nicht mitteilen. Sie schweigt – zumal der Mörder sie aufsucht und ihr droht – offenbar erkennt er aber auch, dass sie anders ist und er sich deshalb darauf verlassen kann, dass sie nichts sagen wird.

Modus: Inger Johanne Vik (Melinda Kinnaman)  Bild: zfd.de

Modus: Inger Johanne Vik (Melinda Kinnaman) Bild: zfd.de

Johanne und Ingvar können sich Stinas Verhalten nicht erklären, die sich jetzt noch eigenartiger benimmt als zuvor – was ich ehrlich gesagt ziemlich schwach für eine ehemalige FBI-Profilerin finde. Aber natürlich ist es schwierig, einen Vierteiler zu machen, wenn die Heldin der Geschichte alles schon im ersten Teil herausfindet.

Isabella Levins Leiche bleibt deshalb zunächst unentdeckt und der Mörder schlägt wieder zu.  Ausgerechnet an Heiligabend tötet er die beliebte, aber auch umstrittene Bischöfin von Uppsala. Ingvar bittet Johanne, ihn als Profilerin bei der Lösung dieses Falles zu unterstützen. Als die besorgte Partnerin der Köchin herausfindet, dass ihre Freundin gar nicht wie geplant bei ihren Kindern war und nach ihr sucht, wird auch die Leiche der TV-Köchin entdeckt. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den beiden Morden?

Modus: Ingvar Nyman (Henrik Norlén) Bild: zfd.de

Modus: Ingvar Nyman (Henrik Norlén) Bild: zfd.de

Außerdem hat Johanne mitgekriegt, dass jener rätselhafte Mann, der Stina in jener Nacht gerettet hat, sie aus welchen Gründen auch immer beobachtet – sie ist nun alarmiert und will schon aus Eigeninteresse bei der Aufklärung der Morde helfen – zumal sich nun ja auch herausstellt, dass sie und ihr Kinder am Abend, an dem Isabella erfordert wurden, in der Nähe des Tatorts waren.

Natürlich bleibt es nicht bei diesen beiden Morden – Forrester, der in einen Wohnwagen im tiefverschneiten nordischen Wald lebt und offenbar über jeweils ein spezielles Smartphone, von denen er insgesamt sechs in einer Kiste hat, mit weiteren Morden beauftragt wird, schlägt wieder zu. Wie Johanne noch herausfinden wird, ist er der bewaffnete Arm einer autoritären Sekte, die im liberalen skandinavischen Gesellschaftsmodell den Grund für alles Übel in der Welt sieht: Gleichgeschlechtliche Beziehungen, Regenbogenfamilien und diese ganze beschissene Toleranz der Skandinavier ist Ausdruck der Verderbtheit dieser Welt und muss entsprechend bestraft werden – der Mörder ist im Auftrag des Herrn unterwegs.

Modus: Erik Lindgren (Krister Henriksson) Bild: zfd.de

Modus: Erik Lindgren (Krister Henriksson) Bild: zfd.de

Das ist einerseits interessant, weil genau dieser Offenheit für alternative Lebensmodelle einen großen Teil der hohen Lebensqualität in skandinavischen Ländern ausmacht. Somit löst auch Modus ein, was das Wesen nordischer Krimis ausmacht: Das sie vor allem Gesellschaftsanalysen, Sozialdramen und Beziehungsgeschichten sind. Und obwohl es von all dem in Modus eine Menge gibt, fand ich den Vierteiler am Ende doch nicht so richtig überzeugend – obwohl für die Drehbücher das dänische Autoren-Paar Mai Brostrøm und Peter Thorsboe zuständig war, das bereits für einige internationale Serienhits verantwortlich ist, etwa für  The Team, Der Adler oder Unit One – Die Spezialisten.

Am Ende fand ich die Geschichte doch ziemlich überkonstruiert – keine Frage, es gibt Typen, die einen Haß auf die Gesellschaft haben, es gibt Schwulen- und Lesbenhasser, und es gibt Menschen, die ausflippen, weil sie wollen, dass alles wieder so wie früher ist, in gottgewollter Ordnung, wo jeder weiß, was er oder sie zu tun hat. Die gibt es in jeder Gesellschaft – da braucht man keinen Rächer aus Amerika. Mir gefallen jene skandinavischen Krimis besser, in denen es darum geht, warum sich jemand in der eigenen, ach so offenen und toleranten Gesellschaft entscheidet, zum Verbrecher zu werden – oder jene, die sich damit beschäftigen, warum eben jene Gesellschaft bestimmte Verbrechen einfach nicht in den Griff kriegt. Insofern ist Modus kein besonders gutes Beispiel für einen gelungenen Schwedenkrimi, auch wenn ich Melinda Kinnaman und Henrik Norlén gern bei der Arbeit zusehe. Aber es halt ist keine der Serien, die man gesehen haben muss.

Secrets and Lies

Ganz in der britischen Tradition verstörender Miniserien steht der australische Sechsteiler Secrets and Lies: Ein Familienvater findet morgens beim Joggen ein schwer verletztes Kind im Wald. Es handelt sich um den vierjährigen Sohn der  alleinerziehenden Nachbarin Jess (Adrienne Pickering). Ben Gundelach (Martin Henderson) rennt panisch nach Hause, um Rettungskräfte und Polizei zu alarmieren. Natürlich ist er voller Blut, denn er wollte ja sehen, ob er dem Jungen noch helfen kann: Doch es stellt sich schnell heraus, dass hier nicht mehr zu machen ist: Der kleine Thom wurde brutal erschlagen.

Schnell fällt der Verdacht auf Ben – schließlich war er allein am Tatort und er hat für die fragliche Zeit kein Alibi. Ben ist fassungslos: Nur weil er den Jungen zufällig gefunden hat, ist er doch nicht der Mörder! Aber es stellt sich schnell heraus, dass dieser blöde Zufall das Potenzial hat, sein ganzes Leben zu ruinieren – und das seiner Familie dazu. Denn so einfach, wie Ben die Sache auch vor sich selbst gern darstellen würde, ist es nicht. Nicht umsonst lautet der Titel der Miniserie „Geheimnisse und Lügen“.

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Davon werden nach und nach eine ganze Menge ans Tageslicht gezerrt und wie so oft stellt sich vieles plötzlich anders dar, als es anfangs aussah. Und auch Ben beginnt, an seiner eigenen Version der Dinge zu zweifeln – denn er kann sich nämlich kaum noch an die Nacht vor jenem grauenhaften Morgen erinnern, weil er mit einem Kumpel etwas trinken war und einen Filmriss hatte.

Dazu kommen noch einige blöde Zufälle, die ihn schlecht aussehen lassen. So ist Bens Taschenlampe verschwunden – die smarten Forensiker finden natürlich heraus, mit was für einem Gegenstand der Junge erschlagen wurde: Es handelt sich genau um das Modell, das in Bens Werkzeugkiste fehlt.

Warum in aller Welt hätte er dem Jungen etwas tun sollen, fragt er den ermittelnden Detective Ian Cornielle (Anthony Hayes) entnervt. „Genau das werde ich herausfinden“, sagt Cornielle. Tatsächlich ermittelt die Polizei zwar in viele Richtungen, Cornielle kommt aber immer wieder auf Ben zurück, der seinerseits versucht, zu beweisen, dass er nicht der Mörder des kleinen Jungen sein kann.

Screenshot Secrets and Lies - Ben  Gundelach (Martin Henderson) und Eva (Piper Morrissey)

Screenshot Secrets and Lies – Ben Gundelach (Martin Henderson) und Eva (Piper Morrissey)

Aber wie das so ist: Wird man erst einmal verdächtigt, dann bleibt auch etwas hängen, ganz gleich, ob man der Täter ist oder nicht: Bens Frau Christy (Diana Glenn) hat nun einen willkommenen Grund mehr, aus der kriselnden Ehe auszubrechen. Ben erfährt jetzt, dass Christy schon länger einen Freund hat und ihn ohnehin verlassen wollte. Und inzwischen ist Christy sogar egal, dass sie eigentlich wegen der Kinder mit Ben zusammen Weihnachten feiern wollte – sie reicht die Scheidung ein und zieht mit den Töchtern Tasha (Philippa Coulthard) und Eva (Piper Morrissey) aus.

Auch die Nachbarn wenden sich von Ben ab, die meisten wollen nicht mal mehr mit ihm sprechen und werfen ihn Zettel in den Briefkasten, wenn sie etwas von ihm wollen. Es dauert auch nicht lange, bis jemand „Kindermörder“ an seinen Gartenzaun schmiert. Schlimmer noch: Auch seine Kunden ziehen ihre Aufträge zurück, denn die Medien berichten natürlich über das Verbrechen und spekulieren über mögliche Täter.  Von einem mutmaßlichen Kindermörder möchte man das Haus nicht frisch gestrichen kriegen. Zumal Ben Zusagen gegenüber Kunden, die nach viel Überzeugungsarbeit weiterhin auf ihn setzen, nicht einhalten kann: Entweder wird er wieder zu einer Befragung geholt, die länger als erwartet dauert, oder Ben verrennt sich in eigene Ermittlungen – was ist beispielsweise mit dem gewalttätigen Ehemann von Jess? Kann nicht er der Mörder sein?

Screenshot Secrets and Lies - Tasha Gundelach (Philippa Coulthard)

Screenshot Secrets and Lies – Tasha Gundelach (Philippa Coulthard)

Ben findet heraus, dass der Berufssoldat Paul heimlich Kontakt zu seinem Sohn Thom hatte – und zwar ausgerechnet mit der Hilfe von Bens älterer Tochter Tasha, die häufig auf Thom aufgepasst hat. Bens Verhältnis zu seiner störrischen Teenager-Tochter ist ohnehin nicht das Beste, ihm passt nicht, dass sie einen Freund hat, und noch weniger, dass sie mit diesem Freund auf Partys geht. Und dass Tasha offenbar Kontakt zu Paul hatte, schlägt dem Fass endgültig den Boden aus.

Eigentlich hält nur noch die jüngere Tochter Eva zu Ben – sie läuft ihrer Mutter weg, um Zeit mit ihrem Vater zu verbringen und bringt Ben damit zusätzlich in Schwierigkeiten. Davon hat er eigentlich so schon genug – Ben entdeckt zufällig, dass sein Arzt und Nachbar Tim Turner (Hugh Parker), vor einigen Jahren in Großbritannien verdächtigt wurde, sich an einem Jungen vergangen und ihn ermordet zu haben. Man konnte ihm nichts nachweisen, aber wie Ben ja selbst erfahren muss: Allein eine solche Verdächtigung reicht aus, um Karrieren und Leben zu zerstören.

Screenshot Secrets and Lies - Ben (Martin Henderson) und Christy Gundelach (Dianna Glenn)

Screenshot Secrets and Lies – Ben (Martin Henderson) und Christy Gundelach (Dianna Glenn)

Der verzweifelte Ben ist so versessen darauf, seine Unschuld zu beweisen, dass er einen Fehler nach dem anderen macht und dabei ohne Rücksicht auf Verluste auch andere schädigt, etwa Dr. Turner, der im Gegensatz zu Ben tatsächlich ein solides Alibi für die Tatzeit hat und somit tatsächlich als möglicher Täter ausscheidet – was die Polizei auch schon längst korrekt ermittelt hat.

Und natürlich kommt es noch schlimmer – ein DNA-Abgleich fördert zu Tage, dass Thom Bens Sohn gewesen ist. Jess und Ben hatten vor einigen Jahren also ein Affäre. Ben hatte zwar beteuert, dass es ein einmaliger Ausrutscher gewesen sei – aber Christy ist sich da nicht so sicher. Hat sie am Ende etwas mit Thoms Tod zu tun? Oder gar die labile Jess selbst?

Screenshot Secrets and Lies - Brisbane

Screenshot Secrets and Lies – Brisbane

Es stellt sich heraus, dass Jess manisch-depressiv ist und ihre Medikamente nicht nimmt, weshalb sie mitunter gewalttätig wird – sie hat ihren Mann Paul schon mal mit einem Messer schwer verletzt. Und dann ist da auch noch Jess‘ undurchsichtige Schwester Nicole, die keinen Hehl daraus macht, dass sie Ben nicht leiden kann.

Alles in allem also eine ganz schlimme Geschichte mit einer schrecklichen Auflösung, die ich an dieser Stelle nicht natürlich nicht verraten kann, weil ich hoffe, dass der eine oder die andere meiner Empfehlung folgt und sich Sercrets und Lies noch ansehen wird. Natürlich gibt es von der Serie inzwischen auch ein US-Remake, das ich mir allerdings noch nicht angehen habe, mich interessierte gerade die australische Version von 2014 (geschrieben von Stephen M. Irwin) die in Brisbane spielt.

Utopia: Knallbunter Verschwörungsthriller

Der Vorrat an wirklich guten Serien ist leider beschränkt, aber ab und zu gibt es zum Glück noch etwas zu entdecken: Beispielsweise die britische Serie Utopia, die von Dennis Kelly geschrieben und von Kudos Film für Channel 4 produziert wurde.

Die Handlung der Mini-Serie rankt sich um ein mysteriöses Manuskript, welches sich am Ende tatsächlich als Schlüssel zur Erklärung der ebenso beängstigenden wie verwirrenden Ereignisse erweist, mit denen die Protagonisten konfrontiert werden. Utopia entpuppt sich schnell als rasanter Verschwörungsthriller, der am Ende gar nicht so abgedreht ist, wie er streckenweise zu sein scheint – wer Serien wie Regenesis oder Helix mag, wird von Utopia vermutlich ebenfalls begeistert sein.

Utopia - im Vordergrund Arby (Neil Maskell) - Bilder via Channel 4

Utopia – im Vordergrund Arby (Neil Maskell) – Bilder von Channel 4

Der Autor von The Utopia Experiment, der in einer psychiatrischen Anstalt verstorben ist, soll einen zweiten Teil seiner legendären Graphic Novel The Utopia Experiment verfasst haben, in dem es um eine unglaubliche Verschwörung geht. Es gibt einen Verleger, der behauptet, im Besitz dieses Manuskriptes zu sein und einem kleinen Kreis von eingefleischten Fans, die sich in einem Online-Forum austauschen, ein Treffen anbietet – AFK, in einem Pub. Zum ausgemachten Zeitpunkt erscheinen aber nur drei der fünf, nämlich die ehemalige Medizinstudentin Becky (Alexandra Roach), der IT-Spezialist Ian Johnson (Nathan Steward-Jarrett) und der paranoide Verschwörungstheoretiker Wilson Wilson (Adeel Akhtar). Vom angeblichen Besitzer des Manuskripts Bejan gibt es keine Spur, auch der elfjährige Grant (Oliver Woolford) ist nicht gekommen.

Utopia: Wilson Wilson (Adeel Akhtar)

Utopia: Wilson Wilson (Adeel Akhtar)

Grant, der herausgefunden hat, wo dieser Bejan wohnt, bricht nämlich ein, um das Manuskript zu stehlen – allerdings ist er nicht der einzige, der das versucht: Während er in Bejans Wohnung ist, muss er mitansehen, wie zwei Typen, die man schon aus dem Prolog zur Serie als durchgeknallte Killer kennt, ihn umbringen – der Kleine behält aber die Nerven und kann mit dem Manuskript knapp entkommen. Der clevere kleine Grant ist nämlich das Produkt einer gelungenen Kriminellen-Sozialisierung, bei der er schon früh lernen musste, sich allein durchzuschlagen, weil seine Mutter so ziemlich alles nicht auf die Reihe kriegt.

Utopia: Grant (Oliver Woolfort) und Jessica Hyde (Fiona O'Shaughnessy)

Utopia: Grant (Oliver Woolfort) und Jessica Hyde (Fiona O’Shaughnessy)

Dann gibt es noch Michael Dugdale (Paul Higgins), den Staatssekretär im Gesundheitsministerium, der aufgefordert wird, unter allen Umständen dafür zu sorgen, dass eine große Menge neuen Impfstoffs gegen die russische Grippe geordert wird, die gerade ausgebrochen sei und in Kürze die Volksgesundheit in Großbritannien bedrohe – Dugdale ist wegen einer persönlichen Eskapade erpressbar und sorgt deshalb tatsächlich dafür. Der darauf folgende Skandal über diese immense Verschwendung öffentlicher Gelder ist beträchtlich und der Gesundheitsminister muss seinen Hut nehmen – aber es stellt sich heraus, dass die russische Grippe tatsächlich ausbricht und Dugdale ist plötzlich ein Held – erstmal. Denn natürlich verbirgt sich noch etwas ganz anderes hinter dieser russischen Grippe-Epidemie und dem Impfstoff dagegen.

Utopia: Becky (Alexandra Roach), Ian  (Nathan Steward-Jarrett) und Wilson (Adeel Akhtar)

Utopia: Becky (Alexandra Roach), Ian (Nathan Steward-Jarrett) und Wilson (Adeel Akhtar)

Es gibt nämlich einen Pharmakonzern, der zahlreiche staatliche Stellen unterwandert hat und seine eigene Agenda verfolgt – und die hat tatsächlich mit jenem geheimnisvollen Manuskript zu tun. Genau wie auch die geheimnisvolle Jessica Hyde (Fiona O’Shaughnessy), nach der die beiden Auftragskiller suchen. Mit dem Auftauchen von Jessica Hyde nimmt die Geschichte dann so richtig Fahrt auf – aber jetzt muss ich mich zusammen nehmen und meine chronische Spoileritis in den Griff bekommen, denn Utopia macht vor allem dann richtig Spaß, wenn man nicht weiß, wo der Bus ist.

Der Plot hat es wirklich in sich – aber man kann durchaus ins Grübeln kommen, ob die Aluhut-Träger, Ufo-Seher und Chemtrail-Paranoiden der Welt nicht in manchen Dingen doch näher an der Realität sind, als einem als skeptischer Normalo lieb sein kann. Denn es ist ja nicht so, dass die Pharmaindustrie keine Krankheiten erfinden würde, weil sie den Leuten die Medizin dagegen verkaufen will.

Utopia: Michael Dugdale (Paul Higgins)

Utopia: Michael Dugdale (Paul Higgins)

Das passiert ständig – und die anderen Branchen sind nicht weniger erfindungsreich. Aber in Utopia geht es noch um etwas ganz anderes – hier soll auf verquere Weise die Welt gerettet werden. Und das wird in verstörenden Bonbonfarben auf die harte Tour erzählt. Für empfindsame Gemüter ist diese Serie definitiv nichts. Aber wer damit klar kommt, dass Gewalt angewendet wird, wo es nötig ist, auch wenn man darüber unterschiedlicher Ansicht sein kann, wann es wirklich nötig wäre, kommt auf jeden Fall auf seine Kosten. Und Verschwörungstheoretiker sowieso.

Utopia: Arby (Neil Maskell) und Jessica Hyde (Fiona O'Shaughnessy)

Utopia: Arby (Neil Maskell) und Jessica Hyde (Fiona O’Shaughnessy)

Auf jeden Fall hat Utopia eine sehr eigene Ästhetik – eben mal nicht den typischen Anthrazit-Chic der neueren britischen Krimi-Serien, hier ist alles durch zu viel Farbe verfremdet, was gleichzeitig irgendwie nostalgisch wirkt – wie eine gut gezeichnete Graphic Novel eben. Allein der Look hat mich sehr begeistert – das war ja auch ein Aspekt, der mir an Mr. Robot so gut gefallen hat. Nur dass Mr. Robot dann doch eher unterkühlen skandinavischen Farbpalette folgt, und es immer viel Raum über, neben und zwischen den Köpfen der Protagonisten gibt, während Utopia eine vollgestopfte Rumpelkammer aus detailreich ausgemalten Bildern ist, die auf britischen Flohmärkten zusammengekauft sein könnten.

Hier noch ein paar Impressionen:

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