Chang Jiang Tu – ein gewaltiger Bilderfluss

Es ist noch gar nicht lange her, als ich schrieb, dass ich die Zeiten vermisse, in denen man aus dem Kino kam und von dem eben gesehenen Film einfach überwältigt war. Also eben nicht einfach Spaß hatte, wie das heute oft der Fall ist, wenn man einen der vielen nach bewährten Hollywoodrezepten konstruierten Superheldenfilme oder Thriller gesehen hat, sondern einfach beeindruckt ist, weil man etwas Besonderes gesehen hat.

Aber es ist tatsächlich endlich mal wieder passiert: Ich habe gestern im Zoo Palast Chang Jiang Tu gesehen, den chinesischen Wettbewerbsbeitrag von Yang Chao. Chang Jiang Tu ist ein Film über die Reise eines Mannes, der den Jangtsekiang hinauffährt, von der Mündung bei Shanghai bis zur Quelle imHochland von Tibet – ein Fluss aus schönen Bildern, sehr melancholisch und stimmungsvoll, aber nicht kitschig. Okay, ich weiß, dass ich ähnliche Worte benutzt habe, um In the Mood for Love zu beschreiben, und auch wenn dieser Film ganz anders ist, geht es letztlich auch um die Geschichte einer Liebe, die niemals Erfüllung finden wird. Aber wir sind nicht im stylischen Hongkong der 60er Jahre, sondern in einer chinesischen Gegenwart, deren offensichtliche Hässlichkeit in seltsam schönen Bildern eingefangen wird.

Screenshot Chang Jiang Tu Bild: Berlinale.de

Screenshot Chang Jiang Tu Bild: Berlinale.de 

Der junge Kapitän eines alten Frachters hat vor kurzem seinen Vater verloren und wie die Tradition es verlangt, hat er einen schwarzen Fisch gefangen, der nun in einem Gefäß an Bord schwimmt. Erst wenn der Fisch stirbt, wird der Geist des Vaters Ruhe finden. Aber der Fisch ist zäh, er stirbt und stirbt nicht. Doch das ist nicht der einzige Geist, der Gao Chun immer wieder heimsucht – da ist noch diese geheimnisvolle An Lu, der er auf seinem Weg immer wieder begegnen wird. Gao begehrt die schöne junge Frau, aber sie will sich nicht binden. Aber sie lässt ihm auch keine Ruhe.

Außerdem hat Gao in einer Kiste ein altes Tagebuch mit Gedichten gefunden – vermutlich hat es ein Schiffjunge geschrieben, denn unter jedem Gedicht steht der Name einer Stadt, die sich am Lauf des Jangtse befindet. Gao findet sich in diesen Gedichten irgendwie wieder – sie sind düster und zweifelnd, es geht um die ewigen Fragen, auf die jeder selbst eine Antwort finden muss. Als Gao den Auftrag bekommt, eine geheimnisvoll Fracht den Fluss hinauf nach Yibin zu bringen, macht er sich mit seinem alten Onkel und dem Schilfjungen auf den Weg.

Screenshot Chang Jiang Tu Bild: Berlinale.de https://www.berlinale.de/de/programm/berlinale_programm/datenblatt.php?film_id=201614160#tab=video25

Screenshot Chang Jiang Tu Bild: Berlinale.de 

Auf dem Weg den Fluss hinauf gibt es atemberaubende Landschaften, lieblos in die Gegend betonierte Großstädte, verfallende Dörfer, die von ihren Bewohnern nach verheerenden Überschwemmungen aufgegeben wurden und eine Menge Geheimnisse, die Gao zu ergründen sucht – aber je näher er an sein Ziel kommt, desto klarer wird ihm, dass der Weg das Ziel ist: Er wird kein Happyend für ihn und An Lu geben und seine Fracht ist ihm auf dem Weg auch abhanden gekommen.

Ich kann mir vorstellen, dass es eine Menge Menschen gibt, die finden werden, dass das alles in allem ziemlich wenig Handlung für zwei Stunden Film ist – aber genau das ist es, was mir daran gefällt: Der Film tuckert mit dem gemächlichen Tempo des alten Schiffsdiesels voran und verweilt gelegentlich, wenn Gao an Land geht – und gerade deshalb gibt es so viel zu sehen: Diese großartigen Bilder! Ob das nun die unwirklich scheinenden Kegelberge am Ufer sind, auf denen an den unwahrscheinlichsten Stellen anmutige Pavillons stehen, die gewaltige Mauer des Dreischluchten-Staudamms, das mächtige Tor der gigantischen Schleuse oder schlicht die Rostflecken auf Gaos altem Kahn, dieser Film ist ein fließender Bildband aus sorgfältig komponierten Fotos, eins schöner als das andere.

Screenshot Chang Jiang Tu Bild: Berlinale.de

Screenshot Chang Jiang Tu Bild: Berlinale.de 

Da haben mich auch die eigenartigen Gedichte des depressiven Schiffsjungen nicht weiter gestört – mit chinesischer Dichtkunst kenne ich mich nicht aus, ich vermute aber, dass sie gar nicht mal so gut sind. Es spielt aber eigentlich keine Rolle, das Interessanteste daran sind ja ohnehin die Namen der versunkenen Städte, in denen Gao versucht, seinen eigenen Geistern auf die Spur und mit sich selbst ins Reine zu kommen. Mein Fazit: Einer der beeindruckendsten Filme, die ich in der letzten Zeit gesehen habe – auch wenn dieser Film garantiert kein Kinohit wird. Mit Chang Jiang Tu ist es wie mit authentischen chinesischen Leckerbissen: Eine Offenbarung für Liebhaber, aber definitiv nichts für den Massengeschmack.

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Viel Schnee und noch mehr Blut: The Hateful 8

Es lohnt sich absolut, The Hateful 8 im Kino anzusehen – insbesondere, wenn man eins der wenigen Kinos in Reichweite hat, in denen überhaupt Filme in Ultra Panavision gezeigt werden können. Denn Quentin Tarantino hat für seinen achten Streich nicht nur die Filmmusik-Legende Ennio Morricone dazu gebracht, nach 35 Jahren Pause noch einmal die komplette Musik für einen langen Western zu schreiben, sondern sich auch auf ein lange vergessenes 70-mm-Filmformat kapriziert. Kaum ein Dutzend Filme wurden Anfang der 60er Jahre in Ultra Panavision gedreht – die Produktion war einfach zu teuer und es gab deshalb auch sehr wenige Kinos der entsprechenden Projektionstechnik. Hierzulande gibt es ganze vier davon – darunter den Zoo Palast in Berlin.

Aber solche Kleinigkeiten halten einen Wahnsinnigen wie Tarantino selbstverständlich nicht davon ab, seine ganz spezielle Vision umzusetzen – und das ist gut so. The Hateful 8 ist ein neuer Höhepunkt für alle Tarantino-Fans. Zwar gefällt mir nach wie vor Inglourious Basterds am besten, aber es ist halt auch ein ganz anderer Film. The Hateful 8 tut zwar so, als wäre es ein Western, doch im Grunde ist der Film ein langes, intensives Kammerspiel, wie etwa der grandiose Polanski-Film Der Gott des Gemetzels, allerdings mit tarantino-typischen Einlagen in denen das Blut nicht liter- sondern gleich kubikmeterweise verspritzt wird, was mich dann wiederum sehr an Monty Pythons Sinn des Lebens erinnert hat. Wer das nicht mag, ist definitiv im falschen Film gelandet: Für zarte Gemüter ist er nicht geeignet, die subtile Andeutung ist Tarantinos Stärke nicht.

Wobei es in seinen Filmen ja stets eine Menge subtiler Anspielungen gibt – meist in Form von Gewaltorgien, die sich erfrischenderweise über gängige Denk- und Geschmacksverbote hinwegsetzen. The Hateful 8 bietet sehr viel ganz großes Kino, wenn man denn Blut sehen kann.

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Nach der Ouvertüre mit dramatischer Musik sieht man ein verwittertes Kruzifix im Schnee, dann folgt der Blick über eine Winterlandschaft in Wyoming, durch die sich eine sechsspännige Postkutsche ihren Weg bahnt. Darin befinden sich der „Henker“ genannte Kopfgeldjäger John Ruth (Kurt Russell) und seine Gefangene Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh), die er nach Red Rock überstellen will, wo sie gehängt werden soll. Doch ein Mann steht im Weg: Der ehemalige Nordstaaten-Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson), ein weiterer Kopfgeldjäger, dessen Pferd schlapp gemacht hat. Nach einer längeren Verhandlung kann der Henker überzeugt werden, den schwarzen Kopfgeldjäger und die drei Leichen, für die er das Kopfgeld kassieren will, mitzunehmen – ein Schneesturm steht bevor. Natürlich bleibt es nicht dabei, kurze Zeit später läuft ihnen auch noch der künftige Sheriff (Walton Goggins) von Red Rock über den Weg, der ebenfalls einen Platz in der Kutsche begehrt.

Keine Frage, die Passagiere, die der Zufall in dieser Kutsche zusammengeführt hat, können sich gegenseitig nicht ausstehen. Aber es kommt natürlich noch schlimmer. Weil die Nacht hereinbricht und das Wetter immer schlechter wird, machen sie an einer Postkutschenstation halt, die kurioserweise Minnies Miederwarenladen heißt. Dort sind aber schon andere Gäste abgestiegen – ein Mexikaner (Demián Bichir), der Cowboy Gage (Michael Madsen), der ehemalige Südstaaten-General Sandy Smithers (Bruce Stern) und ein gewisser Oswaldo Mowbray (Tim Roth) – ein hauptamtlicher Henker, der auf dem Weg nach Red Rock ist, um dort das Todesurteil gegen Daisy Domergue zu vollstrecken. Zusammen mit dem Kutscher OB (James Parks) ist der Laden also ganz schön voll.

Aber das bleibt natürlich nicht so: Im Laufe der sechs Kapitel des Films gibt es nicht nur eine Menge virtuoser Wortduelle, sondern auch zahlreiche Leichen. Denn in den Köpfen der hier versammelten Gestalten ist der Bürgerkrieg noch längst nicht vorbei. Außerdem ist von den mysteriösen Gästen kaum einer, der er zu sein vorgibt – und spätestens als der Henker und der Kutscher spektakulär am vergifteten Kaffee sterben, wird dem Major klar, dass sein Verdacht, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt, absolut zutreffend war.

Aber man weiß ja, dass bei den zehn kleinen Negerlein, die hier verschiedenen Rassen angehören, am Ende keiner übrig bleibt – auch wenn die Geschichte durchaus einen anderen Verlauf nimmt, als anfangs vielleicht zu vermuten gewesen wäre. Die Zeit wird also keineswegs lang, auch wenn die Ultra-Panavision-Fassung auf 187 Minuten kommt (die Normal-Version hat 167 Minuten). Ich habe jede davon genossen – es gibt halt Dinge, die man einfach nicht kürzer machen kann. The Hateful 8 gehört auf jeden Fall dazu.

Männer und Hühner: Gnadenlose Dänen

Die Dänen sind Spezialisten für tiefschwarzen und sehr schrägen Humor – ich sage nur Adams Äpfel oder Alien Teatcher. Das sind Wahnsinnsfilme, die dumme Eigenschaften, Lebenslügen und alles, was damit zusammen hängt, so gnadenlos auf den Punkt bringen, das man einfach lachen muss. Gleichzeitig bleibt einem das Lachen aber im Hals stecken, weil alles so schrecklich ist. Und die Dummheit wird auf intelligente Weise so konsequent durchexerziert, dass man am Ende Seitenstechen vor Lachen hat – oder, wenn man zarter besaitet ist, den Film abbricht. Und sie können auch richtig schlimme Verbrecher-Filme – so wie die gnadenlose Pusher-Trilogie – für die im Grunde dasselbe gilt.

Men & Chicken ist sozusagen die Pusher-Variante der schwarzen Komödie – ein herrlich heftiger Film, der tatsächlich nur Menschen zu empfehlen ist, die genau auf diese Art des abgründigen Humors stehen. Aber wenn man darauf steht, kann man eine Menge Spaß haben: Men & Chicken ist ein echter Rüpelfilm, der gleichzeitig aber auch eine erstaunlich subtile Philosophie- und Wissenschaftskritik transportiert, wenn man ihn denn so zu lesen vermag. Immerhin spielt die erste Riege der dänischen Charakter-Darsteller mit: Mads Mikkelsen, Nikolaj Lie Kaas, David Dencik, Nicolas Bro und Søren Malling. Auch wenn man den einen oder anderen vielleicht nicht auf den ersten Blick erkennt.

Die fünf Brüder Gregor (Nikolay Lie Haas), Elias (Mads Mikkelsen, mit Huhn), Franz (Seren Mallind), Gabriel (David Dencik) und Josef (Nicolas Bro)

Die fünf Brüder Gregor (Nikolay Lie Kaas), Elias (Mads Mikkelsen, mit Huhn), Franz (Sören Malling), Gabriel (David Dencik) und Josef (Nicolas Bro)

Und darum geht es: Der gebildete und freundliche Evolutionspsychologe Gabriel (David Dencik) und sein zwangsgestörter Bruder Elias (Mads Mikkelsen) erfahren durch ein Video ihres gerade verstorbenen Vaters, dass ihre vermeintlichen Eltern gar nicht ihre biologischen Eltern waren: Die beiden Brüder wurden adoptiert. Leider bricht das Video ab, bevor der alte Vater die Namen der biologischen Eltern preis geben kann. Doch Gabriel gelingt es, den echten Erzeuger zu finden, der inzwischen im fortgeschrittenen Alter auf der fast entvölkerten dänischen Insel Ork lebt.

Die beiden unterschiedlichen Brüder machen sich gemeinsam auf den Weg. Auf der Insel begegnen sie ihren Halbbrüdern, die auf einem einstmals hochherrschaftlichen, aber nun ganz schön heruntergekommenen Anwesen leben – gemeinsam mit zahlreichen Tieren. Die Jungs sind eine ziemlich gewaltbereite Bande, die nicht nur die Neuankömmlinge, sondern auch sich gegenseitig gern mit allen möglichen Gegenstände verprügeln – Bretter, Zinkwannen, ausgestopften Tiere, Käselaibe, was immer ihnen gerade in die Finger kommt. Andererseits sind sie durchaus in der Lage, miteinander höchst ernsthaft über anspruchsvolle Fachliteratur zu disputieren.

Der dänische Drehbuchautor Anders Thomas Jensen, der unter anderem für Susanne Bier das Drehbuch an Oscarerfolgen wie In einer besseren Welt geschrieben hat, lässt hier als Regisseur seiner Vorliebe für grenzwertige Komödien freien Lauf: In Men & Chicken wird alles auf die Spitze getrieben – Genetik und Evolution, Mutationen und die menschliche Hybris.

Die Brüder sind alle gezeichnet davon – durch sichtbare Gendefekte und die Unfruchtbarkeit von Hybriden. Denn, wie sich später herausstellen wird, sind sie alle Kreuzungen aus Mensch und Tier. Die ihr unfruchtbarer, aber leider genialer Vater geschaffen hat, um seine eigene Zeugungsunfähigkeit zu überwinden: In jedem einzelnen der Brüder steckt ein Tier – eine Maus, ein Huhn, ein Hund, ein Stier und eine Eule. Was dann natürlich auch ihre jeweiligen Absonderlichkeiten erklärt – Josef (Nicolas Bro) hat eine Vorliebe für Käse, Franz  (Søren Malling) schlägt gern mit ausgestopften Vögeln um sich, Gregor (Nikolaj Lie Kaas) beißt immer wieder andere Menschen, Elias ist stur und masturbiert wie besessen und Gabriel – nun ja, er hat die Weisheit, die den Eulen zugeschrieben wird.

Jensen exekutiert seine himmelschreiende Satire ohne mit der Wimper zu zucken – mit den Bildern einer untergegangenen Zeit. Das ehemalige Sanatorium mit der abblätternden Wandfarbe, die an Pockennarben erinnert und den zugenagelten Fenstern und Türen könnte sich in der ehemaligen DDR, in Detroit oder in Tschernobyl befinden – aber genauso gut kann es eine aus der Zeit gefallene dänische Insel in der Ostsee sein.

Interessant, dass es in Dänemark ebenfalls solche Orte geben soll. Ich dachte, dass sei ein Privileg gescheiterter Gesellschaftsmodelle wie dem sozialistischen der DDR oder der Sowjetunion oder dem angeblichen „guten Kapitalismus“, in dem die Arbeiter einst etwas zu melden gehabt haben sollen, weil ihre Arbeitskraft tatsächlich benötigt wurde (die Ford-Stadt Detroit, bekanntlich bereits seit den 60er Jahren im unaufhaltsamen Niedergang). Aber Dänemark als eins der reichsten und glückliches Länder der Welt hat offenbar ebenfalls Verlierer aufzuweisen, die nur schwer bis gar nicht zu integrieren sind.

Und so sehen die Jungs in echt aus. Foto via http://lady-wilwarin.tumblr.com

Und so sehen die Jungs in echt aus. Foto via http://lady-wilwarin.tumblr.com

Wie eben jene degenerierte Bande von Halbbrüdern, die sich gegenseitig aus nichtigsten Anlässen die Köpfe einschlagen, sich aber abends gegenseitig als Gute-Nacht-Geschichte Fachliteratur vorlesen und gleich ausgefeilte Interpretationen dazu liefern. Aber letztlich geht es ihnen wie allen anderen Jungs: Sie wollen eigentlich nur Sex und ein passendes Mädchen dafür – aber weil es die Natur, oder eigentlich ihr Vater, nicht dermaßen gut mit ihnen gemeint hat, ist das eine echte Herausforderung: „Hast du schon mal in den Spiegel gesehen?!“ fragt Elias Gregor entnervt, als der ihn wieder fragt, wie das denn nun mit den Mädchen anzustellen sei.

Aber dank der alternden Gesellschaft auch in Dänemark findet sich auch für dieses Problem sogar auf dieser Insel eine Lösung – zwar weigert sich der Integrationskindergarten mit den letzten beiden verbliebenen Kindern völlig zu recht, dem mit ausgestopften Tieren um sich schlagenden Franz eine zweite Chance zu geben – aber die alten Damen im Altersheim der Insel sind gar nicht so unglücklich über den Besuch der vergleichsweisen frischen Jungs. Endlich kehrt mal wieder ein bisschen Leben ein – nur der Stier Elias kann kein Treffer landen, was für die Tierwelt im heimischen Anwesen nicht so richtig gut ausgeht. Aber am Ende gibt es eine Menge halbwegs glücklicher Menschen – auch wenn man sich die Fortsetzung nicht wirklich vorstellen will.

Aber wenn sie denn kommt, sehe ich mir sie natürlich an.

A Most Wanted Man

Allmählich könnte ich eine neue Rubrik „Lieblingsfilme mit Philip Seymour Hoffman“ einführen – aber leider ist die Anzahl dieser Filme ja endlich, weil Philip Seymour Hoffman definitiv keinen Film mehr machen wird, was extrem schade ist. Nach Capote, Before the Devil Knows You’re Dead oder The Master, die ich alle ziemlich gut fand habe ich nun auch A Most Wanted Man gesehen, den letzten Film mit Hoffman – und der hat mir besonders gut gefallen. Obwohl ich gar kein ausdrücklicher Fan von John-le-Carré-Verfilmungen bin. Dame, König As, Spion (von 2011) zum Beispiel fand ich ehrlich gesagt ziemlich langweilig, obwohl ich Gary Oldman, Colin Firth und Tom Hardy sehr mag.

Ganz anders aber A Most Wanted Man – der zwar auch weitgehend auf sinnlose Action verzichtet, was für mich durchaus ein Plus ist, aber trotzdem überaus fesselnd ist. Was vor allem Philip Seymour Hoffman alias Günther Bachmann zu verdanken ist. Bachmann ist der Leiter einer kleinen und sehr geheimen deutschen Anti-Terror-Einheit, die in Hamburg operiert. Aus der hamburgischen Islamisten-Szene kamen bekanntlich einige der Attentäter und Unterstützer der Attentate vom 11. September 2001, insofern ist der Standort Hamburg durchaus plausibel.

A Most Wanted Man: Michael Axelrod (Herbert Grönemeyer), Erna Frey (Nina Hoss) und Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

A Most Wanted Man: Michael Axelrod (Herbert Grönemeyer), Erna Frey (Nina Hoss) und Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

Meiner Ansicht nach spielt Hamburg seine Rolle als Stadt der Gestrandeten und Hoffnungslosen so gut wie Philip Seymour Hoffman jenen routinierten, weitgehend desillusionierten, aber dennoch sehr effektiven Spion, der sich hauptsächlich von Schnaps, Kaffee und Zigaretten ernährt und durch jahrelange Wühl- und Überzeugungsarbeit ein kleines Netzwerk an Informanten aufgebaut hat, über die er hofft, an die großen Fische in der internationalen Islamisten-Szene zu kommen, vor allem an diejenigen, die den Terror finanzieren. Dieses Hamburg ist düster, dreckig und trotzdem erstaunlich fotogen – was natürlich auch an dem ganz speziellen Kamerablick von Benoît Delhomme liegt. Ja, und die reichen Hamburger Pfeffersäcke haben natürlich auch eine ganze Reihe schicker Gebäude zustande gekriegt, damit man nicht vergisst, dass es in Hamburg auch eine Menge Geld gibt.

Unterstützt wird Bachmann bei seiner klandestinen Arbeit von Erna Frey (Nina Hoss), Maximilian (Daniel Brühl), Racheed (Kostja Ullmann) und Jamal (Mehdi Dehbi), der, wie sich herausstellt, auch noch der Sohn von Dr. Faisal Abdullah ist, von dem Bachmann annimmt, dass er zu dem Netzwerk gehört, das den IS finanziell unterstützt. Bachmann ist bei seinen Recherchen auf ein Logistik-Unternehmen mit Sitz in Zypern gestoßen, über das ein Teil der Spenden für anerkannte arabische Hilfsorganisationen abgezweigt und in dunkle Kanäle geleitet werden.

A Most Wanted Man - Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

A Most Wanted Man – Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

Als eines Tages der tschetschenische Flüchtling Issa Karpov (Gregori Dobrygin) in Hamburg auftaucht, wittert Bachmann seine große Chance. Karpov wird verdächtigt, ein radikaler, gewaltbereiter Islamist zu sein – und deshalb sind auch gleich eine Menge konkurrierender Dienste hinter dem Mann her, der Verfassungsschutz etwa und natürlich auch die CIA. Karpov versucht, den Bankier Tommy Brue (Willem Dafoe) zu kontaktieren. Das macht ihn für Bachmann und sein Team interessant: Möglicherweise ist er tatsächlich der Sohn eines russischen Militärs und Geschäftsmanns namens Karpov, der ein beträchtliches Vermögen bei eben jener Bank deponiert hat.

Issa kommt bei einer gläubigen türkischen Witwe unter, die mit ihrem Sohn in einer schäbigen Wohnung lebt, aber bereit ist, dem mittellosen Glaubensbruder zu helfen. Ihr Sohn stellt den Kontakt zu der Menschenrechtsanwältin Annabel Richter (Rachel McAdams) her – sie arbeitet für eine Initiative, die Flüchtlinge bei ihren Asylanträgen unterstützt. Und Issa ist eindeutig gefoltert worden, Annabel ist schockiert, als er ihr seine Narben zeigt und verspricht, ihm zu helfen.

A Most Wanted Man: Annabel Richter (Rachel McAdams) und Issa Karpov (Gregori Dobrygin)

A Most Wanted Man: Annabel Richter (Rachel McAdams) und Issa Karpov (Gregori Dobrygin)

Issa hat keine Papiere bei sich, aber er ist im Besitz eines Briefs seines Vaters, den er an einen Freund geschrieben hat – den Vater von Tommy Brue. Und er hat den passenden Tresorschlüssel. Annabel überzeugt den Bankier, sich mit Issa zu treffen. Issa hingeben will das blutige Geld seines Vaters gar nicht. Er will in Deutschland ein ehrbares Leben führen, wie er Annabel erklärt.

Das wiederum passt auch nicht gut zu dem, was Bachmann und seinem Team vorhaben: Der Plan ist es, mit Hilfe des Geldes – es handelt sich immerhin um 10 Millionen Euro – die Aufmerksamkeit von Dr. Faisal Abdullah zu erregen, damit Bachmann ihn endlich überführen kann. Dazu ist einiges an Überzeugungsarbeit nötig – zuerst müssen Bachmann und sein Team die störrische Annabel Richter überzeugen, dass sie Issa dazu bringen muss, dass Erbe einzufordern, damit Issa es dann großmütig an islamische Wohltätigkeitsorganisationen abgeben kann.

Annabel gibt unter dem Druck des erfahrenen Manipulators ziemlich schnell auf – immerhin ist ihr klar, dass sie allein Issa nicht retten kann. Und dann müssen die Jungs vom Verfassungsschutz ruhig gestellt werden, genau wie auch die Amerikaner, die in Form der CIA-Residentin Martha Sullivan (Robin Wright) auftreten. Sie alle finden sehr eigenartig, dass Bachmann den mutmaßlichen Terroristen erstmal in Ruhe lassen will.

A Most Wanted Man: Marthe Sullivan (Robin Wright) und Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

A Most Wanted Man: Marthe Sullivan (Robin Wright) und Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

Es stellt sich heraus, dass Bachmann und Sullivan zuvor schon aneinandergeraten sind – die CIA hat schon einmal eine von Bachmanns Missionen in Beirut vermasselt, bei der er wichtige Quellen verloren hat – was Sullivan später sogar zugibt, um Bachmann versöhnlich zu stimmen, denn sie ist schließlich auch auf gute Zusammenarbeit angewiesen. Und so verspricht sie, still zu halten, damit Bachmann seinen Plan durchziehen kann. Der hat inzwischen auch Tommy Brue überzeugt, bei der ganzen Sache mitzumachen. Letztlich funktioniert der auch, wie Bachmann das geplant hat – Issa spendet das Geld und Dr. Abdullah wird quasi als Treuhänder eingesetzt, der das Geld an die zuvor überprüften unverdächtigen Wohltätigkeitsorganisationen überweist. Im letzten Augenblick ändert Dr. Abdullah eine der Anweisungen und lässt statt dessen eben jene Reederei als Empfänger einsetzen – Bachmann hat jetzt den Beweis, auf den er solange hin gearbeitet hat.

Doch er kann seinen Triumph nicht auskosten, als er als Taxifahrer getarnt Issa und Dr. Abdullah vor der Brue-Bank abholen will, werden die beiden von einem CIA-Team entführt – und die Leute vom Verfassungsschutz schauen seelenruhig dabei zu. Resigniert fährt Bachmann davon – in seinem beige-braunen Schrammelbenz. Das ist alles frustrierend unspektakulär, genau wie Bachmanns ganzer Job, der nun durch das Eingreifen der Amis an die Wand gefahren wurde – aber genau das gefällt mir so gut.

A Most Wanted Man - Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

A Most Wanted Man – Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

A Most Wanted Man ist ein subtil in Szene gesetzter Spionagefilm über einen Spion alter Schule, der kein bisschen an James Bond erinnert, aber mindestens genauso viel drauf hat. Gut hat mir auch Grigori Dobrygin als Issa Karpov gefallen, Daniel Brühl als Maximilian ist dagegen etwas untergegangen – aber das lag natürlich auch an seiner Rolle als braver Teamplayer. Natürlich freue ich mich auch immer Nina Hoss zu sehen, aber es ist ein bisschen schade, dass sie für die internationalen Casting-Agenturen offenbar die perfekte deutsche Agentin ist – in Homeland spioniert sie für den BND, jetzt halt für ein anderes deutsches Team. Genau wie wir Robin Wright aus House of Cards als durchsetzungsstarke First Lady kennen – jetzt setzt sie halt für die CIA US-Interessen durch. Tja und Rachel MacAdams – die fand ich in der zweiten Staffel von True Detective eigentlich ganz gut, aber als deutsche Menschenrechtsaktivistin? Okay, hier muss ich auch gerecht sein, genau wie Daniel Brühl farblos blieb, fand ich Rachel McAdams etwas schwach – aber die Figur war halt auch so angelegt.

A Most Wanted Man - Hamburg

A Most Wanted Man – Hamburg

Was ich aus plottechnischen Gründen zwar nachvollziehen kann, aber nicht sehr überzeugend finde – so eine echte überzeugte deutsche Menschenrechtsfanatikerin lässt sich nicht so schnell brechen. Nie und nimmer. Aber was solls – Willem Dafoe ist als Tommy Brue ja auch nicht so richtig zum Zuge gekommen, aber hat seinen Part ordentlich abgeliefert. Niedlich fand ich auch Kostja Ullmann als Rasheed – dadurch war zu verkraften, dass Rami Malek gar nicht mitgespielt hat. Ach ja, für Herbert Grönemeyer gab es auch eine kleine Rolle und er hat die Musik für den Film geliefert, die mich streckenweise ziemlich an House of Cards erinnert hat. Aber das passte ja auch besser als das, was Grönemeyer sonst macht.

Beasts of No Nation

Der Video-Streaming-Anbieter Netflix hat sich als Produzent bemerkenswerter Serien beliebt gemacht – insofern ist es eigentlich logisch, dass die Plattform sich als nächstes den Spielfilmmarkt vornimmt – wobei inzwischen durchaus die Rede davon ist, dass die moderne TV-Serie sowohl den Roman als auch den anspruchsvollen Spielfilm ablöst. Es gibt eine ganze Reihe bekannter Hollywood-Regisseure, die inzwischen Fernsehserien machen, Steven Soderberg (The Knick), David Fincher (House of Cards), Martin Scorsese (Boardwalk Empire) oder Marc Foster (Hand of God).

Und natürlich Cary Fukunaga, der nach Sin Nombre und Jane Eyre mit der ersten Staffel von True Detective einen Serien-Klassiker geschaffen hat. Jetzt hat Fukunaga für Netflix wieder einen Spielfilm gemacht, der zumindest in den USA auch in den Kinos läuft – mit bislang mäßigem Erfolg, wie ich vorhin gelesen habe. Wie Beasts of No Nations, der seit einigen Tagen auf Netflix verfügbar ist, von den Zuschauern angenommen wird, ist derzeit noch nicht bekannt.

Beasts of No Nation - der Kommandant (Idris Elba)Beasts of No Nation - der Kommandant (Idris Elba)

Beasts of No Nation – der Kommandant (Idris Elba)

Ich war durchaus überrascht, dass sich Netflix für ein solches Projekt an ein so schwieriges Thema heranwagt – andererseits mag das durchaus auch Kalkül sein: Natürlich hat ein solches Thema bei der Kritik allein schon deshalb Relevanz, weil es eben um das Schicksal eines Kindersoldaten in Afrika geht. Aber ich finde wirklich gut, dass Netflix genau diese Aufmerksamkeit ausnutzt, um ein solches Thema anzugehen – und eben nicht noch einen blöden Superheldenfilm oder noch eine abgefeimt gut konstruierte Comedy oder einen nervenzerfetzenden Politthriller unter die Leute bringt, von denen es ohnehin mehr als genug gibt. Ja, ich sehe mir das alles auch ganz gern an – aber was ich zunehmend vermisse, sind eben jene Spielfilme, in denen aufgegriffen wird, was eben nicht schön und unterhaltsam, sondern schrecklich und grausam, aber dennoch die Lebenswirklichkeit vieler Menschen auf diesem Planeten ist. Auch wenn man es kaum aushalten kann, sich das anzusehen.

Filme wie Missing von Costa-Gavras, Cyclo von Tran Anh Hung, Ivan und Abraham von Yolande Kaufman oder Wüstenblume von Sherry Horman – extrem willkürliche Zusammenstellung, aber die Richtung sollte klar sein. Beasts of No Nation ist eben auch kein schöner Film für einen entspannten Abend. Aber ein guter Film, den man sich unbedingt ansehen sollte. Denn die traurige und vermutlich extrem realistische Geschichte des kleinen Agu ist definitiv sehenswert – der Film wird vollständig aus der Sicht von Agu erzählt.

Agu (Abraham Attah) lebt mit seiner Familie in einem nicht näher spezifizierten westafrikanischem Land. Seine Familie hat ein gewisses Ansehen – sein Vater ist der Lehrer in Dorf, was Agu gar nicht so gut findet. Vom Bürgerkrieg, der im Land tobt, wird das Dorf bisher verschont, allerdings kommen immer mehr Flüchtlinge, um die sich sein Vater kümmern muss. Eines Tages kommt der Krieg auch zu ihnen: Der Vater versucht, die Familie in Sicherheit zu bringen, aber in einem der Fluchtautos ist nur noch Platz für Agus Mutter und die kleine Schwester. Der Vater und seine Söhne bleiben zurück – als die Soldaten der Regierungsarmee einrücken, halten sie die Dorfbewohner für Unterstützer der Rebellen. Nur Agu überlebt die Massenhinrichtungen und flieht in die umliegenden Wälder. Aber er kennt sich mit dem Überleben in der freien Wildbahn nicht aus, bald hat er Hunger und fühlt sich allein.

Insofern ist es ein Glück, dass er bald darauf von einer Rebellenarmee aufgegriffen wird – deren Kommandant (Idris Elba) hat eine Menge Kinder und Jugendliche um sich geschart. Mit einer perfiden Mischung aus persönlicher Verführung und militärischem Drill formt der Kommandant die Jungs zu einem ihm ergebenen Killerkommando.

Beasts of No Nation - Agu (Abraham Attah)

Beasts of No Nation – Agu (Abraham Attah)


Und so schafft der Kommandant es auch, aus dem guten Jungen Agu einen Killer zu machen – aber Agu hat letztlich keine andere Wahl, wenn er überleben will. Die neuen werden mit einer Art Voodoo-Zeremonie in die Reihen der Krieger aufgenommen. (Ich musste bestimmt nicht zufällig immer wieder an Apokalypse Now beziehungsweise an Das Herz der Finsternis denken).

Der arme Agu kotzt sich, nachdem er gezwungen wurde, einen Mann mit einer Art Machete zu töten, zwar noch die Seele aus dem Leib, aber er wird dafür zu einer Art persönlichem Leibwächter für den Kommandanten befördert. Wobei sich schnell herausstellt, dass das eine zweifelhaft Ehre ist: Der Kommandant verspricht ihm nicht nur, sich um seine Karriere zu kümmern, er missbraucht den Jungen auch höchstpersönlich. Jetzt kapiert Agu, warum sein Kumpel Strika so eigenartig drauf ist – er spricht nämlich nicht mehr. Agu entwickelt also ein in vielerlei Hinsicht intimes Verhältnis zu seinem Führer.

Agu und seine Leidensgefährten müssen jetzt ganz schnell erwachsen werden – dabei helfen ihnen die Drogen, die ihre Befehlshaber ihnen verabreichen. Ich hab grad noch das Zitat im Kopf – “ es gibt nichts Wilderes auf der Welt als einen 19jährigen mit einem Maschinengewehr auf einem Schlachtfeld“ – ich meine, das ist aus The Pacific und meinte Snafu. Aber ein Zwölfjähriger mit einem Maschinengewehr ist mindestens genauso wild. (Okay, Abraham Attah ist meinen Recherchen zufolge jetzt ungefähr 14). Aber der Punkt ist: Die Jungs werden zu Dingen getrieben, die sie von sich aus nie getan hätten. Und obwohl Agu all die grausamen Dinge tut, die sein Kommandant von ihm verlangt, so bleibt er doch ein Junge, der eigentlich viel lieber ein anderes Leben leben würde – auch wenn er spürt, dass es immer schwieriger wird, in ein anderes Leben zurück zu kehren. Wir hören seine Gedanken – er sieht irgendwann eigentlich nur noch im Tod eine Möglichkeit, mit dem Kämpfen aufzuhöhen und er will die Sonne solange umarmen, bis sie nicht mehr scheinen kann. Damit immer Nacht ist.

Am Ende des Films wird die Rebellenarmee aufgerieben – der Oberkommandierende schielt inzwischen auf die Meinung der Weltöffentlichkeit – da macht sich eine Armee aus Kindersoldaten schlecht und entsprechend serviert er seinen bisherigen Hoffnungsträger ab. Der zieht sich mit den Jungs zurück – aber ohne den Nachschub von seinen bisherigen Gönnern ist das Überleben nicht gesichert. Sie versuchen eine Zeitlang zu überleben – aber immer mehr von den Jungs werden krank und sterben.

Schließlich kommt es zu einer Art Revolte – die Jungs wenden sich gegen ihren Führer, der sie nun offensichtlich im Stich lässt. Agu ist erst noch auf der Seite seines Kommandanten, läuft aber dann doch mit den anderen davon, die sich einer Truppe von UN-Soldaten ausliefern. Weil Agu noch son jung war, wird er in eine Art Erholungsheim für Kindersoldaten gebracht. Aber nach all dem, was er erlebt hat, kann er das alles nicht ernst nehmen: Was fragt diese Therapeutin ihn für blödes Zeug? Er ist ein alter Mann und sie nur ein dummes Mädchen. Auch wenn sie älter ist als er. Er hat im Krieg gekämpft.

Und doch gibt es einen Hoffnungsschimmer – als einige der anderen aus dem Lager abhauen, um sich wieder den Rebellen anzuschließen, bleibt Agu zurück: Er will diese zweite Chance, auch wenn er weiß, was er getan hat. Am nächsten Tag geht er mit den anderen zum Strand, um im Meer zu baden.

Retrokritik: 23 – Nichts ist wie es scheint. Tatsächlich?

Es ist gewiss kein Zufall, dass ich durch Mr. Robot wieder auf den einzigen guten Hacker-Film gekommen bin, den ich je gesehen habe: 23 – Nichts ist so, wie es scheint. Also nicht, dass ich keine anderen Hacker-Filme gesehen hätte, da gab es ja einiges, von War Games über Sneakers, Das Netz und so weiter bis hin zu The Fifth Estate. Aber Hollywood und Hacker – das passt einfach nicht zusammen.

Gerade The Fifth Estate: Dieser Film von Bill Condon mit Benedict Cumberbatch als Julian Assange und Daniel Brühl als Daniel Domscheid-Berg, der sich um die spektakulären Veröffentlichungen von US-Militärdokumenten auf der Enthüllungsplattform Wikileaks dreht, ist, wie ich Anfang vergangenen Jahres schon schrieb, erstaunlich schlecht: Ich kann kaum fassen, wie man eine so gute Geschichte dermaßen vermurksen kann.

Da half auch die erstklassige Besetzung nicht: Was in dem Köpfen der Menschen und in den Datennetzen passiert, bleibt hier weitgehend nebulös. Dabei hat Sam Esmail mit Mr. Robot gerade vorgemacht, wie man genau so etwas umsetzt: Nämlich nicht durch alberne Animationen, sondern durch echte, nachvollziehbare Befehle auf dem Computer-Monitor und ein paar erklärende Worten zu den Gedanken desjenigen, der sie eingibt. Dabei muss keineswegs die Welt erklärt werden – eine markante Zusammenfassung dessen, was gerade Sache ist, reicht.

23 - titelbild via video.com

23 – titelbild via vimeo.com

Das hat Hans-Christian Schmid in seinem Film aus dem Jahr 1998 deutlich besser hingekriegt. 23 beruht ebenfalls auf einer wahren Geschichte – dem kurzen Leben des Hackers Karl Koch, der am 23. Mai 1989 verschwand und dessen verkohlte Leiche einige Tage später in einem Waldstück gefunden wurde. Karl Koch wurde durch die KGB-Hacks bekannt, die so genannt wurden, weil er und ein paar Freunde das Material, das sie aus den damals noch schlecht gesicherten Computern von Forschungseinrichtungen und Unternehmen kopierten, an die Sowjets verkauften.

Jetzt, wo ich mir den Film noch einmal angesehen habe, bin ich erstaunt, welche Parallelen es zwischen Karl Koch und Elliot Alderson gibt: Beide wollen die Welt retten und sitzen nächtelang vor ihren Computern – und während sie über die Datennetze Kontakt zu potenziellen Zielen aufnehmen, kommt ihnen der Kontakt zu ihrem realen sozialen Umfeld abhanden. Beide bewegen sich zunehmend in einer virtuellen Welt, die sie sich selbst erschaffen und geraten darüber in Konflikt mit der Realität – irgendwann können sie beide nicht mehr unterscheiden, was nur in ihren Köpfen statt findet und was tatsächlich passiert – für sie fühlt es sich real an. Ist es aber nicht. Oder nur zum Teil.

Karl zieht sich immer häufiger eine Nase voll Koks rein, um seine Auftragshacks durchzuhalten, weil er das Geld dringend braucht – unter anderem, um seinen aus dem Ruder laufenden Kokain-Konsum zu finanzieren. Elliot zieht sich immer häufiger eine Line Morphin rein, weil er mit der Situation, in die er sich durch seine Aktivitäten als frei schaffender Selbstjustiz-Hacker selbst gebracht hat, anders nicht mehr umgehen kann. Beide werden immer paranoider – nicht zu völlig unrecht, wie sich zeigt, obwohl viel der jeweiligen Paranoia auf Einbildung beruht.

23 - Nichts ist so wie es scheint - Karl Koch (August Diehl) - via cinema.de

23 – Nichts ist so wie es scheint – Karl Koch (August Diehl) – via cinema.de

Auch Elliot redet am Anfang über die denkbar größte Verschwörung jener Ein-Prozenter, die heimlich die Welt regieren. Bei Karl sind es die Illuminaten – das ist natürlich Weltverschwörung zum Quadrat: Er hat einfach zu viel Illuminatus! gelesen. Die Illuminatus-Trilogie von Robert Anton Wilson war in den 80ern sehr populär, ich habe sie auch gelesen und bin eine Zeitlang entsprechend paranoid gewesen – das bleibt einfach nicht aus, plötzlich hat alles irgendwas mit Pentagrammen und der 23 zu tun. Aber ich verkehrte nicht in Hackerkreisen und nahm damals auch keine Drogen, also beruhigte sich das irgendwann wieder.

Zumindest ein bisschen, denn paranoid waren viele von uns, die wir in den 80er Jahren erwachsen wurden: Der Kalte Krieg, die RAF, die Friedensbewegung, die Anti-Atom-Bewegung, der Polizei-Staat – wir mussten die am Abgrund torkelnde Welt doch ständig retten und dabei noch gegen unsere Spießer-Eltern rebellieren, die so ewiggestrig waren, wie sich unsere Kinder sich das heutzutage einfach nicht mehr vorstellen können. Genau wie eine Welt ohne E-Mail, ohne Smartphones, ohne soziale Netzwerke.

Karl ist eben auch einer von denen, die zur Demo in Brokdorf gepilgert sind und kritische Schülermagazine herausgebracht haben, einer von den politisch engagierten. Aber einer, der dann zunehmend auf Abwege geraten ist, nachdem er sich darauf eingelassen hat, für Geld zu hacken, oder eigentlich: Für Drogen. Zwar versucht er anfangs noch sich selbst und einer Freundin zu beweisen, dass ihm Geld überhaupt nicht wichtig ist – nachdem sie ihm gesagt hat, dass er nach dem Tod seines Vaters echt zum Arschloch mutiert sei, fängt Karl an, die von seinem Erbe verbliebenen Geldscheine zu verbrennen – und natürlich höre ich im Voice-over Elliot: „I don’t give a shit of money!“

23 - Nichts ist so wie es scheint - Karl Koch (August Diehl) ist Geld nicht so wichtig - vie br.de

23 – Nichts ist so wie es scheint – Karl Koch (August Diehl) ist Geld nicht so wichtig – via br.de

Was, nebenbei bemerkt, ganz schön blöd ist: In einer Welt, in der auf allem, was man zum Leben braucht, ein Preisschild klebt, ist die Behauptung, dass Geld doch gar nicht so wichtig sei, um ein gutes Leben zu haben, die perfideste Propagandalüge, die sich denken lässt. Aber was sollen die Kapitalistenschweine von dem einen Prozent ganz oben auch sonst sagen, wenn sie wollen, dass wir obedient zombies (Elliot in eps1.2_d3bug.mkv) weiterhin für einen Hungerlohn ihren Reichtum mehren. Aber ich schweife ab.

Also: Nachdem Karl kurz hintereinander beide Eltern verloren und etwas Geld geerbt hat, kauft er sich einen Computer und dringt in die Welt der Mailboxen vor, weil er Gleichgesinnte sucht, mit denen er über Illuminatus diskutieren kann. Die findet er im Umfeld des gerade entstehen Chaos Computer Clubs. Hierüber entwickeln sich weitere Kontakte, die für Karl verhängnisvoll noch werden: Karl lernt nicht nur den freundlichen und sehr begabten Hacker David kennen, sondern auch den kriminellen Programmierer Lupo und dessen Kumpel Pepe, der Dealer ist und Karl künftig mit Kokain versorgt. Pepe ist es auch, der den Kontakt zum KGB herstellt.

Die naiven Idealisten Karl und David lassen sich im jugendlichen Leichtsinn darauf ein, als Hacker für den KGB zu arbeiten – in ihren Augen ist das erstmal eine gute Sache: Während die USA mit ihrem aggressiven Verhalten gegenüber Libyen den Weltfrieden gefährdet, wollen die Jungs für ausgleichende Gerechtigkeit sorgen. Und sie bekommen auch noch Geld dafür!

Außerdem ist ein Journalist auf Karl aufmerksam geworden und drängt ihn dazu, ihm eine richtig gute Hacker-Story zu liefern. Karl, der inzwischen immer Geld braucht, lässt sich darauf ein, sich vor laufender Kamera ins AKW Jülich zu hacken. Durch diese Sache wird das BKA auf Karl und den Sender aufmerksam – Karls Paranoia bekommt also eine Grundlage, denn er wird jetzt wirklich überwacht. Als es kurz darauf zur Kernschmelze in dem Atomkraftwerk in Tschernobyl kommt, glaubt Karl, dass er irgendwie mit daran schuld sei – er hat in der letzten Zeit einfach zu viel Zeit auf Koks vor dem Bildschirm verbracht. Der Zusammenbruch ist unvermeidlich – er irrt halb nackt im Regen durch die Straßen und landet schließlich in einem Krankenhaus. Anders als Elliot kann er sich aber noch nicht ins System hacken, um seinen Krankenakten zu fälschen, denn die werden noch analog geführt.

Karl macht einen Entzug in einer entsprechenden Einrichtung und beschließt, mit seiner kriminellen Vergangenheit abzuschließen, denn Lupe und Pepe bedrohen ihn immer wieder. Er macht eine Aussage beim Verfassungsschutz und kommt in ein Zeugenschutzprogramm, während die beiden in den Knast wandern. Wenig später verschwindet Karl – die Umstände seines Todes sind bis heute nicht aufgeklärt worden. Was entschieden für eine Beteiligung von Geheimdiensten spricht – sonst wird ja im Grunde jeder Mord in Deutschland aufgeklärt.

Karl (August Diehl) und David (Fabian Busch) surfen um die Welt - via duassen-woebke-putz.de

Karl (August Diehl) und David (Fabian Busch) surfen um die Welt – via duassen-woebke-putz.de

Hans-Christian Schmid erzählt das Leben des Karl Koch sehr gradlinig und ohne dramaturgische Schnörkel – ganz in der Tradition des Dokumentarfilms, schließlich ist Schmid gelernter Dokumentarfilmer. Immer wieder ist echtes Dokumaterial zu sehen, die Auseinandersetzungen zwischen Atomkraftgegnern und Polizei, Bilder von der Konfrontation zwischen den USA und Libyen, der Ruine des havarierten Reaktorblocks in Tschernobyl, Ronald Reagan, Michail Gorbatschow, Muammar al-Gadaffi, der Mord am schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme – die paranoide Stimmung jener politisch engagierten jungen Menschen in den 80er wird dadurch fühlbar.

Und dazu kommt, dass August Diehl als Karl immer bleicher, hohlwangiger und nervöser wird, er starrt mit fiebrigen Blick auf den Bildschirm, kämpft in seinem Kopf mit übermächtigen Gegnern, und verfällt gleichzeitig einem heillosen Größenwahn – natürlich hätte er weder den Tod seines Vaters, der an einem Hirntumor gestorben ist, noch den Mord an Olof Palme, noch die Kernschmelze in Tschernobyl verhindern können, aber er glaubt, dass die Illuminaten ihn zu ihrem Werkzeug gemacht haben.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sam Esmail sich unter anderem auch von diesem Film hat inspirieren lassen – als jemand, der sich für die Hacker-Kultur überhaupt interessiert, muss er den CCC und seine wichtigsten Mitglieder kennen, auch wenn Deutschland, von den USA aus gesehen, auf einem ziemlich entfernten Planeten liegen mag. Aber dank Internet ist die Welt ja ein Dorf, in dem jeder jeden um ein paar Ecken herum kennt.

Karl auf einem der erste CCC-Treffen - via kinoweg.de

Karl auf einem der erste CCC-Treffen – via kinoweg.de


Außerdem: Die Dämonen in Elliots Kopf haben auch Karl schon heimgesucht, der irgendwann als zuckendes Wrack auf seinem Bett liegt wie Elliot in da3m0ns.mp4 und genau wie bei Karl Koch verschwimmt auch bei Elliot irgendwann die Grenze zwischen dem, was er für die anderen, für die Gesellschaft erreichen will, und dem, was er für sich selbst tut. Und wie Elliot wird auch Karl immer paranoider – nur dass Karl nicht mit seinem toten Vater streitet, seinen Vater konnte er ja ohnehin nicht ausstehen, er hört aber Stimmen und Flugzeuge, die nicht da sind und irgendwann versucht er in einem Panikanfall aus einem fahrenden Auto zu steigen, das mit 180 Sachen auf der Autobahn unterwegs ist.

Hans-Christian Schmid braucht keine erfundenen Figuren, um Karls psychische Störungen zu illustrieren. Aber wir sind hier auch in einem anderen Genre: Während 23 weitgehend realistisch die Lebensgeschichte eines Hackers erzählt, der mit der Zeit durch übermäßigen Drogenkonsum an Halluzinationen, Verfolgungswahn und Realitätsverlust leidet, erzählt Mr. Robot von eben diesen Halluzinationen, dem Verfolgungswahn und dem Realitätsverlust seiner Hauptfigur – und zwar aus Elliots Perspektive. Mir ist klar, dass ich hier Äpfel mit Birnen vergleiche – ich will das eigentlich auch gar nicht tun. Mir fiel nur auf, dass die historische Person Karl Koch und der fiktive Hacker Elliot Alderson einige Gemeinsamkeiten haben, die gewiss nicht zufällig sind.

Hans-Christian Schmid hat jedenfalls einen Film abgeliefert, der mittlerweile natürlich auch durch seine Retro-Ausstattung (C64! Atari! CBM-II!) Kultcharakter hat, aber auch sonst wirklich sehenswert ist. Für seine Darstellung des Karl Koch in 23 – Nichts ist so wie es scheint, bekam August Diehl den Deutschen Filmpreis als bester Schauspieler.

Unbedingt ansehen: Short Term 12

Ein überraschend guter Film ist Short Term 12, vor allem, wenn man mal wieder etwas über das wahre Leben sehen will. Es handelt sich um ein Low-Budget-Sozialdrama, das beinahe schon dokumentarische Züge hat: Es geht um ein Heim für gefährdete Jugendliche, die bis zu einem Jahr dort bleiben dürfen – bis sie entweder volljährig werden oder an eine andere Einrichtung weitergereicht werden.

Screenshot Short Term 12

Screenshot Short Term 12

Die Mittzwanzigerin Grace (Brie Larson) leitet Short Term 12 mit einer für ihr Alter erstaunlichen Abgeklärtheit und Professionalität – aber eben auch mit einer Menge Leidenschaft, die noch nicht durch jahrzehntelange Routine verbraucht ist. Im Laufe des Films erfahren wir, warum sie sie so gut mit den Problemen der Jugendlichen, die zu ihr kommen, auskennt: Sie hat selbst durchlitten, was ihre Schutzbefohlenen durchmachen müssen. Und als die trotzige, unleidliche Jayden (Kaitlyn Dever) als Neuzugang nach Short Term 12 kommt, droht alles zu eskalieren, weil Grace sich aufgrund ihrer eigenen Leidensgeschichte mit der Zeit viel zu sehr mit dieser 15jährigen identifiziert, die von ihrem Vater misshandelt und missbraucht wird.

Das war jetzt die zugespitzte Kurzfassung, aber natürlich gibt es noch viel mehr: Der Film beginnt mit dem ersten Tag des neuen Betreuers Nate (Rami Malek), der sich eine Auszeit von seinem Studium genommen hat, um Lebenserfahrung zu sammeln, wie er selbst erklärt. Die bekommt er schneller als ihm lieb ist – schon bei der Vorstellungsrunde mit den Kids springt er mit Anlauf in das erste Fettnäpfchen, als er sagt, dass er schon immer etwas für unterprivilegierte Kinder tun wollte.

Screenshot Short Term 12: Mason (John Gallagher Jr.), Sammy und Grace (Brie Larson)

Screenshot Short Term 12: Mason (John Gallagher Jr.), Sammy und Grace (Brie Larson)

Der Heimveteran Marcus (Keith Stanfield), ein großer, schwarzer Junge, der verstörende Rapsongs schreibt und einen schwarzen Fisch als einzigen Freund hat (woran erinnert uns das nur…?) fragt Nate, was zum Teufel er damit meinen würde. Natürlich erkennt Nate seinen Fehler sofort, aber das macht die Sache nicht besser – weil er sich gleich ausdrücklich entschuldigt, gerät er total in die Defensive. Ganz schlecht für eine Autoritätsperson, die er als Betreuer ja sein soll.

Die anderen aus dem Team erklären ihm später: „Die werden dich jetzt ausprobieren. Egal, was sie wollen, sag immer nein. Du musst erst der Arsch sein, damit sie dich später lieben!“ Nate macht natürlich die üblichen Anfängerfehler, beißt sich aber tapfer durch. Offenbar hat er einen anderen sozialen Hintergrund als die anderen Betreuer dieser Einrichtung. Denn auch Mason (John Gallagher Jr.), der nicht nur der erfahrene Kollege und die unerschütterliche Stütze von Grace im Heim ist, sondern auch ganz privat ihr Lebenspartner, ist in einer Pflegefamilie aufgewachsen. Und weil das fürsorgliche Latinos waren, spricht Mason auch Spanisch – Short Term 12 spielt im Großraum Los Angeles, da ist das nützlich.

Screenhot Short Term 12: Grace stellt den Neuen vor

Screenhot Short Term 12: Grace stellt den Neuen vor

Aus der Erfahrung heraus, wie schrecklich es ist, niemanden auf der Welt zu haben, der einem helfen kann und dann plötzlich doch auf mitfühlende und hilfreiche Menschen zu treffen, haben Grace und Mason ihre Entscheidung getroffen, ebenfalls für andere da zu sein. Und die beiden machen das wirklich gut, auch wenn dieser Job sie immer wieder an ihre Grenzen bringt.

Dazu kommt, dass das staatliche Sozialsystem als System eben gnadenlos exekutiert wird: Grace und Mason sind trotz ihrer offensichtlichen praktischen Kompetenz eben nur Betreuer – ihr zermürbender Job ist es, für traumarisierte und psychisch total aus dem Ruder laufende Kinder und Jugendliche eine Art sicheres Zuhause zu schaffen und einen Alltag zu organisieren. Die wichtigen Entscheidungen, was mit den einzelnen Kindern passiert, treffen irgendwelche höherrangigen Therapeuten. Oder andere Vorgesetzte auf den Sozialbehörden, die sich eben an die Gesetze halten müssen – wie absurd und sinnlos das im Einzelfall auch sein mag.

Screenhot Short Term 12: Mason (John Gallagher Jr.) und Nate (Ramit Malek

Screenhot Short Term 12: Mason (John Gallagher Jr.) und Nate (Ramit Malek)

Screenshot Short Term 12: Marcus (Keith Stanfield)

Screenshot Short Term 12: Marcus (Keith Stanfield)

So haben Grace und Mason es mit viel Einsatz und Trickserei geschafft, ihren Schützling Marcus für drei Jahre in ihrer Einrichtung zu behalten: Der sensible und wie sich noch heraus stellen wird, auch sehr intelligente Marcus kam als fünfzehnjähriger, aber bald wird er 18. Dann muss er gehen. Und davor hat er dermaßen Angst, dass er sich mit den Scherben des Aquariums für seinen Fisch die Pulsadern aufschneidet. Zum Glück findet Grace ihn gerade noch rechtzeitig. Für Marcus gibt es später tatsächlich dann noch eine Art Happyend.

Dann gibt es den unglücklichen kleinen Sammy, der immer wieder wegläuft. Die Regel lautet nämlich: Außerhalb der Einrichtung dürfen die Betreuer ihre Schützlinge nicht anfassen. Wenn es also jemanden gelingt, das Grundstück zu verlassen, können die Betreuer nicht mehr viel tun. Wobei sie natürlich auch in diesen Fällen alle Register ziehen – ihren Schützlingen folgen dürfen sie, und sie auch (ohne Anfassen) wieder einsammeln, wenn es dunkel wird und für die Ausreißer die Optionen schwinden, wohin sie jetzt noch gehen könnten. Besser ist es selbstverständlich, sie abzufangen, bevor sie das Tor erreichen, weshalb es eine Torwache gibt.

Screenshot Short Term 12: Jayden (Kaitlyn Dever)

Screenshot Short Term 12: Jayden (Kaitlyn Dever)

Sammy hat eine Art Sport daraus gemacht, dieses Tor erreichen zu wollen. Er will nicht wirklich weg, aber er hat sonst kein Ziel in seinem traurigen Leben. Man erfährt sonst nicht so viel über Sammy, nur, dass die merkwürdigen kleinen Figuren, mit denen er sich umgibt, einmal seiner Schwester gehört haben – die es offenbar nicht mehr gibt. Irgendwann will sein Therapeut ihm eine Lektion im „Loslassen“ erteilen und nimmt ihm seine kleinen Figuren weg. Grace ist empört darüber, aber sie kann nichts dagegen tun.

Genauso wie Grace nichts dagegen tun kann, dass der für Jayden zuständige Sozialarbeiter es erlaubt, dass Jayden übers Wochenende zu ihrem Vater kann. Oder muss, wie auch immer. Denn Grace hat inzwischen einen Draht zu diesem schwierigen Mädchen – und sie ist ganz sicher, dass Jayden von ihrem Vater missbraucht wird. Aber solange es keine eindeutigen Beweise dafür gibt oder das Mädchen es selbst sagt, gibt es keinen Grund, dem Vater zu verwehren seine Tochter zu sehen.

Screenshot Short Term 12: Nate und Mason mit der tobenden Jayden

Screenshot Short Term 12: Nate und Mason mit der tobenden Jayden

Aber Grace hat noch ein ganz anderes Problem: Sie ist schwanger. Und nach dem x-ten Schwangerschaftstest, den sie dieses Mal im Krankenhaus machen lässt, macht sie auch gleich einen Termin für die Abtreibung – sie scheint sich ganz sicher zu sein. Andererseits ist sie es auch nicht – ihr Freund Mason hat es derzeit jedenfalls nicht leicht mit ihr. Er liebt Grace wirklich, daran gibt es keinen Zweifel, und er ist ja auch wirklich ein Ausbund an Geduld und Verständnis – aber Grace lässt ihn nicht wirklich an sich heran, so dass Mason ihr schließlich genervt und verzweifelt empfiehlt, dass sie selbst doch endlich mal auf das hören solle, was sie ungefähr alle fünf Minuten zu den Kindern sagen würde: Sie soll doch endlich über das, was mit ihr los ist, reden.

Grace redet schließlich, aber nicht über das, was EIGENTLICH mit ihr los ist. Sie teilt Mason mit, dass sie ein Kind bekommen würden. Mason ist völlig von der Rolle, fasst sich aber wieder und ist schließlich bereit, ein guter Vater zu werden. Dass Grace einen schon Termin für die Abtreibung hat, weiß er ja nicht. Dafür weiß er, dass der Vater von Grace demnächst aus dem Gefängnis kommt. Die Nachricht darüber erfüllt Grace mit Angst und Schrecken: Sie hat ihren Vater vor 10 Jahren hinter Schloss und Riegel gebracht, weil sie gegen ihn ausgesagt hat.

Screenhot Short Term 12: Mason und Grace

Screenhot Short Term 12: Mason und Grace

Was völlig okay war, schließlich hatte das Arschloch seine damals fünfzehnjähre Tochter missbraucht und schließlich geschwängert – kein Wunder eigentlich, dass Grace total neben der Spur ist. Sie teilt Mason mit, dass sie „das alles einfach nicht kann“ und fährt auf ihrem geliebten Fahrrad los: Anstatt ihre eigenen Probleme zu lösen will sie erstmal das Problem von Jayden lösen. Also fährt sie zum Haus von Jaydens Vater und dringt dort ein – schließlich steht sie mit einem Baseballschläger in der Hand vor dem Mann, der betrunken vor dem Fernseher schläft. „Jetzt übertreibst du aber!“ stellt Jayden fest, die glücklicherweise auftaucht, bevor Grace zuschlägt.

Stattdessen demolieren sie das Auto von Jaydens Vater – Jayden verspricht Grace, diesen Teil wegzulassen, wenn sie gegen ihren Vater aussagt. Er hat Jayden wieder misshandelt – und Grace schafft es, Jayden zu überzeugen, dass sie mit ihren Sozialarbeitern darüber reden muss. Und damit hat sie sich selbst auch ein bisschen überzeugt, dass sie ebenfalls endlich reden sollte – jedenfalls sehen wir sie später im Gespräch mit einer Therapeutin.

Screenhot Short Term 12: Sammy stellt einen neuen Rekord auf

Screenhot Short Term 12: Sammy stellt einen neuen Rekord auf

Was mit an Short Term 12 besonders gefällt ist, dass der Film weder übertreibt, noch beschönigt – der Alltag in einem Wohnheim für gefährdete bzw. sozial auffällige Jugendliche ist aufreibend und anstrengend und es ist bestimmt nicht jedermanns Sache, einen solchen Job zu machen. Umso verdienstvoller ist es, dass hier einmal gezeigt wird, was es wirklich heißt, sich um diejenigen zu kümmern, die in der Gesellschaft sonst keinen Platz haben. Den Betreuern wird ein schier unerfüllbares Maß an Einfühlungsvermögen, Konsequenz, Umsicht, Stärke und Ausdauer abverlangt. Und bei all den schrecklichen Geschichten, die mit den Kindern zu ihnen kommen, bleiben sie doch freundliche, sympathische junge Menschen, die sich gegenseitig gern lustige Geschichten erzählen – auch Humor kommt nicht zu kurz, wenn auch eher von der derben Sorte. Insofern hat dieser Film von Destin Daniel Cretton es absolut verdient mit Indepentend-Awards überhäuft zu werden. Unbedingt ansehen.

Screenhot Short Term 12:

Screenhot Short Term 12: Mason und Grace auf dem 30. Hochzeitstag von Masons Pflegeeltern