The Handmaid’s Tale: Erschreckend nah

Eine bei den aktuellen Emmys völlig zu recht mit Auszeichnungen überhäufte Serie ist The Handmaid’s Tale. Ende der 80er Jahre las ich den zugrunde liegenden Roman Der Report der Magd von Margarete Atwood. Kein schönes, dafür aber ein wirklich lesenswertes Buch, in dem das erschreckende Konzept einer totalitären US-Gesellschaft beschrieben wird, nachdem christliche Fundamentalisten die Macht im Staat übernommen haben. 1990 sah ich auch die Verfilmung des Romans von Volker Schlöndorff – aber soweit ich mich erinnere, fand ich die gar nicht so gut.

Die neue Verfilmung trifft die Sache sehr viel besser – gut, dass Hulu den Mumm hatte, eine solche Serie zu bestellen, denn genau solche Serien sind wichtig – schon um zu zeigen, wie fragil die bisher erkämpften Menschenrechte sind und wie schnell aus einer ach so freiheitlich-demokratischen Gesellschaft ein totaler Überwachungsstaat werden kann, in dem ein großer Teil der Menschen praktisch keinerlei Rechte mehr hat. Dazu braucht man weder Nazis, noch Kommunisten (die völlig zu unrecht immer wieder in einen Topf geworfen werden) – es braucht halt nur einer kritische Masse an Fanatikern, um ein unmenschliches System zu installieren, in dem die Interessen der meisten Menschen einfach keine Rolle mehr spielen.

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The Handmaid’s Tale: Elizabeth Moss als Offred

In The Handmaid’s Tale wird eine alternative Gegenwart beschrieben, der die meisten Menschen durch Umweltkatastrophen und Krankheiten unfruchtbar geworden sind. Weil die bisherige Politik keine Lösung für diese Probleme gefunden hat, haben konservative und christliche Gruppen Zulauf gefunden. Schließlich hat eine Gruppierung aus ultrakonservativen Christen im Zuge eines Militärputschs die Macht in den USA übernommen und den totalitären, christlich-fundamentalistischen Staat Gilead ausgerufen. Es gelten die Gesetze des alten Testaments, die Männer haben das Sagen und die Frauen dafür zu sorgen, dass es ihren Männern an nichts fehlt. Da ist nur das Problem mit dem Nachwuchs – schließlich ist es die natürlich Aufgabe der Frau, Kinder zu gebären und aufzuziehen. Blöd nur, wenn das mit dem Kinderkriegen nicht mehr funktioniert.

Also werden die wenigen, noch gebärfähigen Frauen zwangsverpflichtet, für die hochrangigen Würdenträger der neuen Gesellschaftsordnung als Mägde zu dienen, die keine andere Aufgabe haben, um bei einem ritualisiertem Geschlechtsakt, die jeweilige Ehefrau (die ebenfalls anwesend ist) zu vertreten, um schwanger zu werden und dann das Kind für das Paar auszutragen.

Keine Frage, den betroffenen Frauen passt das überhaupt nicht, deshalb gibt es ein extrem repressives Zwangssystem, um sie gefügig zu machen. Eine von den Mägden ist Offred (Elisabeth Moss), die in ihrem früheren Leben June Osborne hieß und eine Tochter mit Luke Bankole (O. T. Fagbenle) hatte, der eigentlich mit einer anderen Frau verheiratet war. Die beiden haben versucht, sich mit ihrem Kind nach Kanada abzusetzen, aber die Flucht misslang. June und ihre Tochter wurden aufgegriffen, Lukes Schicksal ist ungewiss.

June wird nun dem hochrangigen Commander Fred Waterford zugewiesen, weshalb ihr Name jetzt Offred ist. Die Mägde heißen immer nach ihrem jeweiligen Herrn, weshalb aus zum Beispiel  Ofwarren (Madeleine Brewer) im Laufe der Zeit Ofdaniel wird. Auch daran wird klar, dass es in Gilead nicht ums Individuum geht, sondern um die heilige große Sache einer christlich-fundamentalistichen Nation, die übrigens ziemliche Erfolge in Sachen Umweltschutz und Nachhaltigkeit vorweisen kann, weil knallhart umdefiniert wird, was die Leute wirklich zum Leben brauchen und was nicht.

Das muss letztlich auch Serena Joy erfahren, die Frau des Commanders Fred, die zuvor noch in der freien US-Gesellschaft eins der Hauptwerke für eben diese neue Gesellschaft geschrieben hat – ich frage mich sowieso immer, was Frauen dazu motiviert, sich in konservativen und oder religiösen Gruppen zu engagieren – da sind doch genau die Typen unterwegs, die Frauen bisher schon das Leben schwer gemacht haben.

Das muss nun auch Serena erfahren – sie wird nun ebenfalls auf Eis gelegt, weil Frauen ja nichts mehr zu sagen haben. Sie darf keine Reden mehr halten und keine Bücher mehr schreiben – es ist ihr im Laufe der ersten Staffel schon anzumerken, dass sie sich das alles etwas anders vorgestellt hat. Zwar hat sie als Hausherrin gegenüber den anderen Frauen noch eine privilegierte Stellung und kann die arme Offred schikanieren. Aber ansonsten hat sie nichts mehr zu melden – ihre einzige Opposition besteht darin, dünne Zigaretten zu rauchen.

Das Erschreckendste an The Handmaid’s Tale ist aber, dass dieses Horroszenario gar nicht so weit her geholt ist – es gibt schließlich Länder auf dieser Erde, in denen genau die Zustände herrschen, die uns in dieser Serie so verstören. Iran, Saudi Arabien und natürlich auch die Gebiete, die sich jene einstmals von den USA hochgerüsteten religiösen Fanatiker unter den Nagel gerissen haben, die jetzt als Taliban oder IS ihr Unwesen treiben. Am Rande will ich hier auch Israel und Palästina erwähnen, auch wenn hier die Lage eine andere ist. Worauf ich hinaus will: Es ist nie gut, wenn religiöse Dogmatiker das Sagen haben. Und auch nicht, wenn es sich um andere Dogmatiker handelt. Es ist nie gut, wenn eine bestimmte Gruppe von Menschen meint, die Interessen aller anderen zum Zwecke von welcher Sache auch immer unterbuttern zu dürfen.

Der trotzige Widerstand von Offred und ihren Leidensgenossinnen in The Handmaid’s Tale erinnert uns daran, dass es sich lohnt, gegen unaushaltbare Zustände anzukämpfen: Man muss nicht alles tun, was von einem verlangt wird, selbst wenn man eigentlich keine andere Wahl hat: Sie können uns nicht alle töten. Lieber ein schlechtes Leben mehr fürchten als den Tod.

Ab dem 4. Oktober gibt es bei Entertain Serien. Unbedingt ansehen

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13 Reasons Why: Tod einer Schülerin

Eine Serie, um die man derzeit kaum herumkommt, ist die Netflix-Serie 13 Reasons Why – die in der deutschen Version schon mit dem typisch doofen deutschen Titel ist „Tote Mädchen lügen nicht“ abschreckt. (Gibt es eigentlich ein Gesetz, nachdem ausländische Produktionen mit möglichst dummen deutschen Titeln versehen werden müssen? Man könnte fast den Eindruck bekommen…) Nun ist eine Teenie-Serie auch sonst nicht unbedingt meine erste Wahl, zumal meine eigenen Kinder schon wieder aus dem Teenie-Alter heraus sind. Und mit der überall gehypten Teenie-Retro-Serie Stranger Things konnte ich ja auch nichts anfangen.

13 Reasons Why - Bild: Netflix

Bild: Netflix

Deshalb hatte ich mir mit 13 Reasons Why Zeit gelassen – aber nachdem mich inzwischen etliche Leute mit einem ungläubigen „Was, das hast du noch nicht gesehen – aber du hast doch Netflix?!“ überraschten, musste ich dann doch mal reinschauen. Zumal weltweit Pädagogen- und Jugendschutzvereine vor dieser Serie gewarnt haben, was mich neugierig machte: Was kann an einer extra für Jugendliche produzierten Jugendserie denn so schlimm sein, dass Teenager sie sich nicht alleine ansehen sollten?

Nun ja, darüber kann man ganz offensichtlich geteilter Meinung sein. Ansehen kann man sie aber auf jeden Fall, denn die Serie ist alles in allem ziemlich gut – auch wenn ich sie nicht dermaßen verstörend finde. Aber klar, ich bin ja auch kein depressiver Teenager mehr. Das ist schon ziemlich lange her – aber an die Zumutungen, Übergriffe und Verletzungen, denen man als junger Mensch in dieser Welt ausgesetzt ist, erinnere ich mich noch immer sehr genau. Genau dieser Aspekt wird in der Serie auch sehr gut beschrieben, und ich finde genau deswegen sollten sich junge Menschen diese Serie ansehen: Hannahs Schicksal ist nämlich kein extremer Einzelfall, sondern grausame Realität für sehr viele, nur dass nicht alle zu dermaßen extremen Konsequenzen greifen, um den Zumutungen, die das Leben vor allem für die eher Stillen und Reflektierten unter uns bereithält, zu entkommen.

13 Reasons Why - Hannah Baker (Katherine Langford) Bild: Netflix

13 Reasons Why – Hannah Baker (Katherine Langford) Bild: Netflix

In den dreizehn Folgen der ersten Staffel (eine zweite wurde bereits in Auftrag gegeben) wird beschrieben, wie sich der Alltag der eigentlich recht hübschen und intelligenten siebzehnjährigen Hannah Baker innerhalb eines Schuljahres zu einem Alptraum entwickelt, aus dem Hannah schließlich keinen anderen Ausweg mehr findet, als diesem unerträglich gewordenen Leben ein Ende zu setzen, um wieder Souveränität über ihre Handlungen und sich selbst zu gewinnen.

Mein wichtigster Kritikpunkt vorab: Ein Mädchen, das so abgebrüht und raffiniert ist, posthum mit einem Karton voller selbstaufgenommener Kassetten das Leben sämtlicher Menschen in seinem Umfeld zu ruinieren, würde nie und nimmer Selbstmord begehen. Insofern ist ausgerechnet der Hauptcharakter der Serie genau betrachtet nicht besonders glaubwürdig. Eine solche Hannah Baker brächte sich höchstens aus Bosheit um, nicht aber aus Einsamkeit und Verzweiflung. Natürlich verstehe ich den dramaturgischen Kunstgriff des Autors – die Serie beruht auf einem in den USA wohl sehr erfolgreichen Jugendbuches von Jay Asher, das vor zehn Jahren erschienen ist. Hannah kommt eine Doppelrolle zu: Einerseits ist sie die allwissende Erzählerin im Hintergrund, die nach und nach die perfiden Mechanismen in ihrer Umgebung aufdeckt, mit denen die einen den anderen das Leben zur Hölle machen.

13 Reasons Why - Clay Jensen (Dylan Minette) Bild: Netflix

13 Reasons Why – Clay Jensen (Dylan Minette) Bild: Netflix

In ihrer anderen, eigentlichen, Rolle ist Hannah das Opfer von leider ziemlich alltäglichen Mobbingroutinen, die durch das ungünstige Aufeinandertreffen von dummen Spielchen und blöden Zufällen allmählich aus dem Ruder laufen. Hannah will in ihrer neuen Schule einfach dazugehören, Spaß mit Freundinnen haben, die große Liebe ihres Lebens finden und irgendwie diese blöde Schulzeit hinter sich bringen – und um dazuzugehören, muss man immer wieder Dinge tun, die man eigentlich gar nicht tun will. Aber da ist dieser ätzende Gruppenzwang. Und es ergeht den anderen ja nicht besser: Sie alle stehen unter dem Druck, ihren jeweiligen Rollen gerecht werden zu müssen. Und das sind ganz unterschiedliche – die Eltern wollen dieses, die Lehrer jenes, die Freunde noch etwas anderes und das kleine, zarte Ich bleibt irgendwie auf der Strecke, sofern es nicht in der Lage ist, die Ziele der anderen zu den eigenen zu machen.

Beim Ansehen dieser Serie fragte ich mich einmal mehr, wie ich eigentlich meine Schulzeit überlebt habe. Die ist zwar mehr als dreißig Jahre her, aber dermaßen viel hat sich offenbar nicht geändert, klar geht es an einer US-Highschool heutzutage ein bisschen anders zu als an einer deutschen Gesamtschule Anfang der 80er Jahre – vor allem sind durch die allgegenwärtigen Smartphones noch ganz neue und sehr effektive Mobbingmethoden dazugekommen. Aber andererseits ist es dann doch nicht so viel anders: Es gibt die coolen Leute, die auf dem Schulhof das Sagen haben und bestimmen, wer dazu gehört und wer nicht, es gibt die Schläger, denen man besser aus dem Weg geht, es gibt die schüchternen und die trotzigen Verlierer, genau wie es die Streber gibt, die in Ruhe gelassen werden, weil sie die Lieblinge der Lehrer sind, und die Opportunisten, die sich geschickt durchwurschteln, gern auch auf Kosten anderer. Und dann gibt es noch die Mauerblümchen, die in Ruhe gelassen werden, weil sie kaum jemand wahrnimmt.

13  Reasons Why - Hannah und die blöden Jungs

Eins zeigt die Serie jedenfalls ziemlich drastisch: Das Leben eines Teenagers kann eine verwirrende und blutige Hölle sein. Da mussten sich die Serienmacher gar nicht viel ausdenken, sondern einfach nur draufhalten. Auch wenn die Handlung insgesamt zuweilen doch etwas überkonstruiert ist – Hannah hat eigentlich nur Pech mit der Auswahl ihrer Freunde und der einzige Junge an der ganzen Schule, der kein komplettes Arschloch ist, kapiert leider erst zu spät, das er Hannah hätte helfen können. Wobei Clay natürlich selbst auch nur ein verwirrter Teenager ist, der mit seinen widersprüchlichen Gefühlen ebensowenig umgehen kann, wie Hannah das konnte. Und Hannah ist manchmal aber auch ganz schon blöd – ab und zu will man sie einfach an den Schultern packen und zusammenstauchen: Liebe Hannah, jetzt krieg dich mal ein, es geht halt nicht immer nur um dich. Du bist nicht am kompletten Unglück der Welt schuld, manchen Dinge passieren eben. Klar hast du das alles nicht verdient, aber es geht nun mal nicht gerecht in der Welt zu. Das ist beschissen und es ist schwer, damit klar zu kommen, aber genau das musst du lernen. Reg dich auf, okay, aber komm wieder runter und mach weiter. Andern geht es genau schlecht so wie dir. Und die erwarten auch nicht, dass die Welt für sie still steht. Die stehen wieder auf und machen weiter.

13  Reasons Why - Jessica Davis (Alisha Boe) Bild: Netflix

Andererseits ist Hannah aber auch nicht nicht dumm, im Gegenteil,  sie beobachtet sehr genau, was um sie herum vor geht und kann das gut in Worte fassen, etwa beim Info-Tag an ihrer Highschool, bei dem verschiedene Institutionen über all die tollen Möglichkeiten informieren, die den Absolventen nach dem Schulabschluss zur Verfügung stehen: „Nachdem uns jetzt jahrelang gesagt wurde, was wir zu denken haben, wann wir aufs Klo dürfen und wie wir uns benehmen sollen, müssen wir plötzlich total wichtige Entscheidungen ganz allein treffen – woher soll ich denn wissen, was ich später einmal machen will?!“ Zumal Hannah auch schnell realisiert, dass die schier unendliche Anzahl der Möglichkeiten schnell dramatisch eingeschränkt wird, wenn man nicht so die superguten Schulnoten und keine reichen Eltern hat.

Hannahs Eltern kämpfen mit ihrem Drugstore ums Überleben – der übermächtigen Walplex mit längeren Öffnungszeiten und niedrigeren Preisen bedroht ihre Existenz, und die feinfühlige Hannah begreift sich als Teil des Problems und nicht der Lösung: Sie will ihren Eltern nicht auf der Tasche liegen. Und Hannah hat eigentlich ganz liebe Eltern, die zwar ihre Probleme haben, aber vieles für ihre Tochter tun würden, wenn sie nur wüssten, was. Das wiederum ist ein Punkt, den ich gut finde: Hier sind es eben nicht die zu ehrgeizigen oder zu gefühlskalten Eltern, die ihr Kind in den Tod treiben, was ja ein gern bemühtes Klischee ist, wenn Kinder nicht so funktionieren, wie die Gesellschaft das gern hätte. Sondern Hannahs eigentlich sehr wohlmeinende Eltern müssen realisieren, dass ihre Tochter trotz aller Elternliebe ein ganz anderes Leben erlebt und erlitten hat, als sie ihr gewünscht hätten.

13  Reasons Why - Hannahs Eltern (Bryan D'Arcy James als Andy Baker und Kate Walsh als Olivia Baker) Bild: Netflix

Und es werden durchaus auch Versager-Eltern gezeigt, etwa die von Justin Foley, dessen unfähige und labile Mutter unter der Fuchtel ihres neuen Freundes steht, der Justin immer wieder bedroht und schikaniert. Der wiederum deshalb auf seinen reichen Freund und Gönner Bryce Walker angewiesen ist, der Justin zwar mit allem versorgt, was er für den Schulalltag so braucht, sich aber nach und nach als das führende Oberarschloch entpuppt, das Hannah in den Tod getrieben hat. Bryce ist eines von diesen Reichen-Kindern, die denken, dass die ganze Welt nur dazu da ist, ihnen den Hintern abzuputzen. Er nimmt sich einfach, was ihm seiner Ansicht nach zusteht und kommt gar nicht auf die Idee, zu fragen, ob das auch okay ist.

Insgesamt werden eine Menge Klischees bemüht, aber letztlich gibt es diese Typen ja alle wirklich, den verständnisvollen schwulen besten Freund Tony, die ehrgeizige Cheerleader-Tussi Sheri, das rebellische Mädchen Skye, das anders als Hannah zu ihrem Anderssein steht, aber auch die heimliche Lesbe Courtney, die lieber Hannah vor den Bus schubst, als zugeben, dass sie nicht der Norm entspricht, von der sie so viel hält, dass sie quasi über Leichen geht, um sie zu erfüllen. Nicht der Norm zu entsprechen, ist eben ein Makel und der haftet so einigen an, etwa dem schüchternen Stalker Tyler, der seine Unfähigkeit, Anschluss zu finden, damit kompensiert, die anderen zu heimlich beobachten, oder dem Polizistensohn Alex, der gern ein Rebell wäre, sich aber nicht traut, einer zu sein – wobei Alex noch einer von denen ist, die zumindest gelegentlich sagen, was sie wirklich denken. Und dann gibt noch die genau wie Hannah am Leben und an den Jungs verzweifelte Jessica, die anders als Hannah zur Flasche statt zur Rasierklinge greift, weil sie nicht damit klar kommt, dass sie auf einer Party missbraucht wurde. Natürlich ist trinken auch keine Lösung, aber immerhin stirbt sie nicht gleich daran, sondern sie (und ihr Freund) bekommen die Chance, diese Sache zu verarbeiten und zu überwinden. Diese Chance hat sich Hannah genommen, in dem sie sich umgebracht hat.

13  Reasons Why -Tony Padilla (Christian Navarro) und Hannah im Ballkleid Bild: Netflix

Selbstmord wird hier keineswegs glorifiziert, es ist halt keine schöne Sache, jemanden umzubringen, auch wenn der Mörder selbst das Opfer ist. Es wird sehr nüchtern gezeigt, wie Hannah das durchzieht – sie zieht sich sogar extra alte Klamotten an, mit denen sie in die Wanne steigt, weil sie offenbar nicht nackt gefunden werden will. Und es tut weh, als sie sich die Unterarme aufschlitzt, sie macht das aber richtig, nicht quer schneiden, sondern längs, und zwar mehrfach, das ist auch mit den Klingen aus dem Drugstore ihrer Eltern nicht so einfach. Bei der Menge an sehr viel blutigeren Morden, die durchschnittliche Teenager in anderen Serien, Filmen oder Videospielen ohnehin bereits gesehen haben, finde ich es ziemlich heuchlerisch, dass gewisse Menschen nun vor Sorge außer sich sind, dass ausgerechnet diese prosaische Szene dazu führen soll, dass sich reihenweise junge Menschen umbringen – klar, es gibt den Werther-Effekt, aber wer sich umbringen will, findet auch ohne diese Serie Anregungen genug. Ich erinnere mich, dass es zu meiner Schulzeit eine ähnliche Diskussion um die ZDF-Serie Tod eines Schülers gab. Der Sechsteiler zeigte die Geschichte eines vielversprechenden Abiturienten, der sich politisch engagiert und damit seine vorgezeichnete Karriere als Mediziner aufs Spiel setzt – und sich am Ende vor einen Zug wirft, weil sein Leben komplett entgleist ist. Für damalige Verhältnisse revolutionär wird die Handlung immer wieder neu aus einer anderen Perspektive erzählt, aus Sicht der Eltern, der Mitschüler, der Lehrer, der Freundin usw. Ich kann mich erinnern, dass ich damals ziemlich beeindruckt war, aber keineswegs den Impuls hatte, mich vor den nächsten Zug zu werfen.

 

13  Reasons Why - Alex Stendall (Miles Heizer) Bild: Netflix

Aber zurück zu 13 Reasons Why: Immerhin zeigt diese Serie, und vor allem der Teil nach Hannahs Selbstmord, nämlich auch, dass es zahlreiche und sehr einfache Möglichkeiten gibt, es gar nicht so weit kommen zu lassen – in dem man anderen anvertraut, dass es einem gerade nicht gut geht. In dem man genauer hinhört, wenn jemand um Hilfe bittet. In dem man mal nachdenkt, was man da eigentlich tut, wenn man sich über jemand lustig macht. In dem man eingreift, wenn man das Gefühl hat, dass irgendwas nicht stimmt. Hannah wäre vermutlich zu helfen gewesen, wenn irgendwer in ihrem Umfeld ein bisschen aufmerksamer, ein bisschen hartnäckiger gewesen wäre. So ziemlich jeder hätte etwas tun können, hat es aber aus unterschiedlichsten Gründen unterlassen.

Aber letztlich war es eben doch Hannahs Entscheidung, ihr Ding durchzuziehen. Und es wird keineswegs gesagt, dass eine gute Entscheidung oder gar die einzige Lösung gewesen wäre. Sondern es wird ziemlich gut beschrieben, wie ein Mensch überhaupt in eine ausweglos scheinende Sackgasse gerät: Leben ist scheiße. Aber man hat halt kein anderes – also bleibt nur zu versuchen, das beste draus zu machen.

Rote Schubkarre: Zur Abwechslung mal Buchkritik

Als echtes Mr-Robot-Fangirl habe ich mir natürlich das Buch zur Serie kaufen müssen – obwohl ich, ehrlich gesagt, sonst nie Bücher zur Serie kaufe. Okay, zu Heimat 3 habe ich mir das Drehbuch gekauft, weil ich mich zu der Zeit sehr für Drehbücher interessiert habe und Heimat nach wie vor eine der besten deutschen Serien überhaupt ist. Nun aber eps1.91_redwheelbarr0w.txt von Sam Esmail und Courtney Looney.

Das ist ja auch so eine Art Ergänzung zum Drehbuch für Staffel 2. Und ich muss sagen, es ist das Geld wirklich wert – nicht nur, weil das Buch wirklich mit Liebe zum Detail gestaltet ist: Schon an der (für mich nicht immer leicht zu lesenden) Handschrift ist zu erkennen, wie Elliot gerade drauf ist. Und es gibt eine ganze Menge interessanter Dinge, die zwischen den Seiten zu finden sind, herausgerissene Zeitungsartikel, ein Flyer von der Kirchengruppe, eine Postkarte von Darlene und so weiter. Und dann hat es natürlich angebrannte Ecken, weil Hot Carla erst es in letzter Minute gerettet hat – wir haben in der zweiten Staffel ja gesehen, dass Elliot sein Tagebuch angezündet hat. Doch entgegen Carlas Gewohnheiten, alle Bücher, die sie liebt, zu verbrennen, hat sie sich zu unserem Glück entschieden, Elliots Tagebuch vor den Flammen zu retten.

Mr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne Winter

Mr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne Winter

Das war extrem freundlich von ihr, denn wir erfahren dadurch unter anderem auch mehr über Elliots Verhältnis zu Hot Carla – schließlich handelt es sich bei ihr um einen der wenigen Menschen im Knast, für den Elliot sich ernsthaft interessiert und das gilt offenbar auch anders herum. Natürlich ist die wichtigste Bezugsperson dort Leon – und durch Elliots Aufzeichnungen wird klar, dass Elliot tatsächlich keine Ahnung hat, wer Leon ist. Elliot wundert sich allerdings darüber, dass Leon ihn zu mögen scheint und seine Nähe sucht, obwohl er eben Elliot ist und meistens nicht mit ihm redet – aber wir wissen ja, dass Elliot nicht gern mit anderen Menschen redet. Was genau genommen nicht stimmt, denn mit seinem unsichtbaren Freund redet er ja fast die ganze Zeit. Leon jedenfalls scheint es nicht zu stören, ihm reicht es, dass er jemanden hat, der ihm zuhört. Und darin ist Elliot gut.

So weit ich mich erinnere, war das ein Punkt, den ich mich der zweiten Staffel gestört hat: Ein Teil meines Vergnügens an den ersten Folgen waren nämlich Elliots erfrischend ehrliche und entlarvende Kommentare, mit denen er uns seine wahren Gedanken über alles mögliche mitgeteilt hat. In der zweiten Staffel fehlte mir das: Elliot erklärt zwar eine ganze Menge und es gibt einige sehr schöne Elliot-Kommentare, etwa über das hinterhältige Wesen organisierter Religion, den er eher versehentlich in seiner Kirchengruppe ablässt, aber insgesamt ist das, was Elliot uns mitteilt, in der zweiten Staffel deutlich weniger lustig als in der ersten. Das macht das Buch tatsächlich wieder wett – hier gibt es jede Menge Elliot-Gedanken über alles Mögliche, von Fernsehserien bis zu gesunder Ernährung und es macht einfach Spaß, sie zu lesen.

Mr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne Winter

Mr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne Winter

Elliot ist weiterhin ein aufmerksamer Beobachter dessen, was um ihn herum passiert – bekanntlich ist Elliot gut darin, Menschen zu lesen. Und im Knast wimmelt es von Menschen. Er denkt auch immer wieder darüber nach, dass es wohl ziemlich narzisstisch von ihm sei, sich selbst und seine Gedanken so wichtig zu nehmen, um alles aufzuschreiben. Aber er macht das ja nicht zum Spaß – er will einfach die Kontrolle über sich selbst und sein Leben zurück, wobei er sich auch fragt, warum er so verzweifelt versucht, normal zu sein. Oder will er nicht lieber glücklich sein? Und ist das nicht normal, weil alle Menschen glücklich sein wollen, auch wenn es ihnen oft nicht gelingt? Elliot ist ja selbst keineswegs gut darin und Mr. Robot sabotiert seine entsprechenden Bemühungen immer wieder, obwohl Elliot sich mit seinem Knastaufenthalt ja auf die absoluten Grundbedürfnisse – das bloße Überleben – herunter gefahren hat.

Es ist schon faszinierend, dass so ein Kontrollfreak wie Elliot immer wieder die Kontrolle über sich verliert – Mr. Robot ist ja genau der Teil seiner selbst, den Elliot nicht kontrollieren kann. Und Mr. Robot ist wirklich gemein, auch das Buch wird mit der Zeit immer düsterer – man erfährt mehr über seinen inneren Kampf mit Mr. Robot, der ab und zu übernimmt und auch einen Kommentar schreibt – das erkennt man an den Großbuchstaben. Und auch Hot Carla kommentiert gelegentlich mit Rotstift – schließlich hat sie das Tagebuch gerettet und erklärt damit auch, warum sei das getan hat.

Mr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne Winter

Mr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne Winter

So ganz easy ist der Knastalltag für Elliot nämlich nicht, wie er uns jetzt mitteilt. Er muss sich anfangs durchaus Mühe geben, um seine eigene Realität zu erschaffen, in der er im Haus seiner Mutter ist – er skizziert es im Buch, damit wir wissen, wie es dort aussieht. Anders hält er es einfach nicht aus, denn er ist jetzt von wirklich unangenehmen Typen umgeben und kann hier so schnell nicht mehr raus. Andererseits hat er sich das so ausgesucht, um noch unangenehmeren Situationen zu entgehen. Und diese eine Wächterin erinnert ihn tatsächlich an seine Mutter: Immer beleidigt und verbittert. Elliot wettet, dass sie heimlich viel raucht, vermutlich Slims.

Doch als er seine alternative Realität erfolgreich etabliert hat, wird vieles, was er erlebt, plötzlich Teil davon, etwa, als Carla ihn im Hof eine Zigarette anbietet und sie einfach wie alte Freunde miteinander rauchen und schweigen – und Elliot schon wieder erschrocken darüber ist, wie einfach er die Situation in seinem Kopf zu einer anderen zu machen kann. Aber hat er nicht ab und zu auch mal einen glücklichen Moment verdient? Gleichzeitig ist er sich die ganze Zeit sehr wohl darüber bewusst, was er da tut. Genau wie er sich darüber bewusst ist, dass er Mr. Robot nicht entkommen kann. Manchmal träumt Elliot auch in Code und und fragt sich, ob er nicht doch ein Roboter ist.

Mr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne WinterMr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne Winter

Mr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne Winter

Das ist im Buch nicht weniger aufreibend als in der Serie – denn Mr. Robot manövriert Elliot immer wieder in brenzlige Situationen, weil es ihn nervt, dass die Dinge nicht voran gehen. Es gibt eine markante Stelle, in der Elliot beschreibt, dass Darlene ihn besucht hat. Elliot beschreibt seine kleine Schwester als ziemlich harsch und ruppig, so ist sie eben, aber sie treibt die Dinge voran. Und er stellt fest, dass es definitiv einen anarchistischen Zug in seiner Familie gibt – Elliot ist sich auch sicher, dass dieser ganze f-society-Bullshit, über den Darlene jetzt berichtet, ziemlich lächerlich ist, und Darlene das sehr wohl weiß – auch wenn sie natürlich nicht darüber reden können. Und Elliot vermeidet auch, Klarnamen in sein Tagebuch zu notieren, denn er weiß ja, das Unbefugte mitlesen können. (Hier kommentiert Carla, dass sie Darlene gewiss mögen würde, wenn sie sie treffen könnte.)

Danach gibt es einen in Großbuchstaben geschriebenen Eintrag – daran erkennt man, dass Mr. Robot übernommen hat, Elliot schreibt auch immer HE oder HIM, wenn er ihn meint – in dem Mr. Robot mitteilt, dass er erfreut und erleichtert ist, dass wenigstens eine aus der Alderson-Familie ihr Ding durchzieht und Papa damit sehr stolz macht. Elliot hingegen macht er das Leben zunehmend zur Hölle, je näher man dem Ende kommt, desto krasser werden die Übergriffe, denen Elliot ausgesetzt ist – natürlich kann er es auch im Knast nicht lassen, seine Nase in die Probleme anderer Leute zu stecken und bringt sich in wirklich gefährliche Situationen, etwa weil er beschlossen hat, Hot Carla zu helfen, die von einer üblen Gang gemobbt wird.

Mr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne Winter

Mr. Robot: Eps1.91 redwheelbarr0w.Txt Bild: Marie-Anne Winter

Für Elliot endet die Sachen damit, dass er statt Küchen- oder Wäscherei-Dienst zu schieben, die Gefängnis-Klos sauber machen muss – was natürlich eine Steilvorlage für sehr hässliche Szenen in einer extrem unangenehmen Umgebung ist, gegen die selbst die hässlichen Szenen in jenem Keller aus der zweiten Staffel nur Pille-Palle sind. Doch, ich bleibe dabei – das Buch ist eine interessante Ergänzung zur  Serie, die Fans gewiss neue Einblicke ermöglicht – vor allem, wenn sie, wie ich, detailverliebte Fetischisten sind, die sich einfach darüber freuen, wenn sich Menschen mit Dingen, die sie lieben, viel Mühe geben.

Und weil Mühe allein nicht genügt, dann auch noch etwas Schönes draus machen. Die gebundene Ausgabe kostet bei Amazon neu derzeit 18,95. Äh, ja, Euro. Und ich empfehle die gebundene Version, nicht die Kindle-Variante, auch wenn ich eigentlich einen Kindle habe und den auch praktisch finde. Für normale Bücher. Aber eben nicht für dieses Buch. Ohne die ganzen Zettel zwischen den Seiten ist es einfach nur das halbe Vergnügen.

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Adieu Paris: Verpasste Chancen

Gestern Abend hatte ich spät noch zu tun und ich dachte mir, ich mache in der Zwischenzeit mal etwas ganz Verrücktes: Ich sehe einfach fern. Also blieb ich nach der Tagesschau beim Filmmittwoch im Ersten (oder wie immer sich das nennt) hängen; der Titel des Films hatte mich neugierig gemacht: Adieu Paris.

Und es ließ sich auch gar nicht so schlecht an – am Flughafen Düsseldorf treffen die Schriftstellerin Patrizia (Jessica Schwarz) und der Investmentbanker Frank (Hans-Werner Meyer) zufällig aufeinander. Patrizia ist ziemlich neben der Spur: Vor wenigen Augenblicken hat sie am Telefon gehört, dass ihr Geliebter einen Unfall hatte – ein häßlicher Ausgang eines Liebestelefonats. Patrizia will um jeden Preis einen Platz in der nächsten Maschine nach Paris, aber sie hat ihre Kreditkarten in der Wohnung liegen lassen und ihr Bargeld schon für das Taxi ausgegeben. Es müsse doch möglich sein, ihr eine Rechnung zu schicken! Aber die Dame am Schalter bleibt hart, sie hat entsprechende Vorschriften.

Frank ist ebenfalls auf dem Weg nach Paris, dort will er den Deal seines Lebens einfädeln. Ihn nervt die Verzögerung und so bietet er kurzerhand an, das Ticket zu bezahlen. Für ihn sind das Peanuts – Zeit ist Geld. Patrizia ärgert sich über den arroganten Kerl, andererseits will sie nach Paris, also nimmt sie das Angebot an und bittet Frank um seine Adresse, bleibt aber weiterhin abweisend. Frank gibt ihr seine Karte: „Ich sollte mich wohl bei Ihnen bedanken!“ Patrizia versteht den Wink und kontert: „Warum denn, Sie bekommen Ihr Geld doch zurück!“

Adieu Paris: Screenshot von http://adieuparis-film.de/

Adieu Paris: Screenshot von http://adieuparis-film.de/

Nach dem Auftakt folgen mehrere Geschichten, die einerseits nichts mit einander zu tun haben, aber natürlich doch zu immer neuen Begegnungen führen, die wiederum weitere Ereignisse nach sich ziehen – ein bisschen wie Cloud Atlas als zeitgenössisches Beziehungsdrama für das ARD-Hauptabendprogramm heruntergebrochen. Das finde ich vom Ansatz her ziemlich gut und streckenweise ist das in Adieu Paris auch ganz gut umgesetzt, insgesamt blieb bei mir trotzdem der Eindruck „viel gewollt, wenig erreicht“.

Dabei hat die Geschichte es in sich: Als Patrizia endlich das Krankenhauszimmer erreicht, in dem ihr Geliebter im Koma liegt, sitzt eine andere Frau bei ihm: Wie sich herausstellt handelt es sich um seine Ehefrau, die Zahnärztin Francoise (Sandrine Bonnaire). Nachvollziehbarerweise ist diese Begegnung für beide erst einmal ein Schock – aber schließlich überwiegt bei beiden die Neugierde auf die jeweils andere, die dem Mann, den sie jeweils geliebt haben, offenbar viel bedeutet haben muss. Außerdem stellt sich mit der Zeit heraus, dass die beiden eine schwierige Entscheidung zu treffen haben – sollen die Geräte, die Jean-Jacques noch am Leben erhalten, abgestellt werden?

Françoise geht das ganze wissenschaftlich-analytisch an, wie es so ihre Art ist, sie liest alles, was es an medizinischer Literatur über Schädel-Hirn-Traumata und Koma-Patienten gibt, Patrizia hingegen lotet die Situation und ihre Gefühle als ernste Schriftstellerin aus, allerdings hat sie derzeit eine Schreibblockade. Sie weiß nur, dass sie jetzt nicht schreiben kann, was von ihr erwartet wird, freche, spritzige, aber eben auch oberflächliche Geschichten für ein selbstverliebtes Szenenpublikum. Sie gibt ihrem Verleger schließlich sogar einen großzügigen Vorschuss zurück, mit der er sie dazu bringen will, wieder eins von diesen Büchern zu schreiben, mit denen sie beide richtig Geld verdienen können. Und sie tröstet sich mit dem unkomplizierten Mika, der behauptet, Architekt zu sein – genau wie Jean-Jacques.

Frank hingegen erleidet völligen Schiffbruch – der Deals seines Lebens hat sich in Luft aufgelöst – Frank ist einem sympathischen Betrüger aufgesessen und hat seiner Bank damit finanziellen Schaden zugefügt – schlimmer noch ist allerdings der Imageverlust. Doch weil ein Unglück selten allein kommt, gesteht ihm seine Frau, die ihm anfangs noch ständig Vorwürfe gemacht, dass er die Familie vernachlässigt und dann auch noch vermutet, dass Frank eine Affäre mit dieser Patrizia hat (was natürlich nicht der Fall war), dass es inzwischen einen anderen Mann in ihrem Leben gibt – sie zieht mit der gemeinsamen Tochter zu ihrem neuen Lover.

Frank sitzt nun allein in seinem schönen Haus und trinkt – Job weg, Frau weg, Geld weg – in Rückblenden wird erzählt, wie es dazu gekommen ist. Denn Monsieur Albert, der Betrüger, ist eigentlich ein knuffiger Typ, ein Bilderbuchfranzose, der nur seine Wurstfabrik retten wollte, die selbstverständlich die besten Würste der Welt herstellt. Diese Geschichte für sich ist an sich ja recht charmant, aber irgendwie passt sie mit ihren dick aufgetragenen französischen Landhausfarben nicht so richtig zum Farbton der restlichen Geschichte, wo es um Abschied, Loslassen und Trennungsschmerz geht. Auf diese Weise entsteht dieses „Ein-bisschen-von-Allem“-Gefühl, das mir die Sache letztlich doch verleidet – sowohl über die Annäherung von Patricia und Francoise, als auch über den Niedergang des Investmentbankers Frank könnte man jeweils einen eigenen Film machen. Und dann doch einen über die schwierige Frage, ob und wann man im Zeitalter moderner Intensivmedizin einen Schlussstrich zieht: Wann ist ein Leben gelebt? Und wer hat das Recht und die Pflicht zu entscheiden, wann es wirklich vorbei ist?

Das sind alles Fragen, denen man sich stellen muss, und so löblich ich es finde, dass es Filmemacher gibt, die sich dieser Sache annehmen, so sehr wünsche ich mir noch bessere Filme darüber – Adieu Paris ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, aber eben kein sehr großer, dazu gab es zu viel plakatives Allerlei, das am Ende zwar nett anzusehen, aber eben keine wirklich gute Geschichte war – hoffentlich ist das neue Buch von Patricia besser.

Was mich vor allem geärgert hat, war, dass die Fernsehfuzzis einem Hauptabendpublikum keine Untertitel zumuten wollen, weshalb auch die Franzosen selbstverständlich deutsch gesprochen haben – schon das allein macht die Sache viel weniger glaubwürdig. Das Pendeln der Hauptpersonen zwischen den Welten würde doch durch den Gebrauch unterschiedlicher Sprachen noch viel nachvollziehbarer. Wir leben nun einmal in einer vielsprachigen Welt – warum wird dann systematisch vermieden, gerade den Leute, die selbst keine Gelegenheit oder auch keine Lust haben, ins Ausland zu fahren, diese andere Welt wenigstens durch den Fernseher ein wenig näher zu bringen?!

Raum: 9 Quadratmeter Welt

Brie Larson hat in der diesjährigen Award-Saison für ihre Hauptrolle in Room (Raum) so ziemlich alle wichtigen Preise abgeräumt – und weil ich sie schon in Short Term 12 beeindruckend fand, musste ich mir den Film natürlich auch ansehen – was inzwischen auch schon wieder eine Weile her ist. Aber wie das manchmal so ist, hatte ich mir zwar ein paar Gedanken aufgeschrieben, aber bin nie dazu gekommen, eine Kritik fertig zu schreiben. Es kamen ja immer wieder neue Serien und Filme dazwischen.

Offizielles Filmplakat zu Raum

Offizielles Filmplakat zu Raum

Es war auch gar nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte – ich wusste ja, dass die Geschichte eine Roman-Verfilmung ist, der vom traurigen Schicksal der Elisabeth Fritzl inspiriert wurde: „Room“ von Emma Donoghue. Elisabeth Fritzl wurde vom eigenen Vater gut 20 Jahre in einem Kellerverlies unter dem Wohnhaus der Familie gefangen gehalten und gebar dort sieben Kinder, von denen drei ihr gesamtes Leben bis zur Befreiung in diesem Keller verbrachten. Unvorstellbar.

Aber es ist tatsächlich passiert.

Ein ähnliches Schicksal erleiden der kleine Jack (Jacob Tremblay) und seine Mutter. Joy Newsome (Brie Larson) wurde vor sieben Jahren von ihrem Peiniger, den sie nur Old Nick (Sean Bridges) nennt, verschleppt. Er hält sie in einem schallisolierten Raum mit einem Oberlicht gefangen. Dieser Raum ist für den kleinen Jake, der inzwischen seinen fünften Geburtstag feiert, seine komplette Welt. Er kennt ja nichts anderes. Der Film wird aus der Perspektive des Kindes erzählt, weshalb er trotz seiner überaus deprimierenden Handlung unerwartet frisch, ja fast märchenhaft daher kommt – was nicht alle Zuschauern gut finden.

In der Vorstellung, die ich besuchte, saß ich neben einem älteren Mann, der ständig seine Fach- und Filmkenntnisse an seine deutliche jüngere Begleiterin weiter geben musste, was nicht nur mir auf die Nerven ging. Nach eigener Aussage war er Psychiater und er regte sich sehr darüber auf, dass nichts, aber auch gar nichts an diesem Film echt sei – und wenn er nicht redete, hustete er ganz fürchterlich.

Zum Glück wurde ihm die Sache nach einer halben Stunde zu dumm und er verzog sich, nicht ohne seine Umgebung noch einmal wissen zu lassen, dass dieser Film eine ganz verlogene Scheiße sei.

Nun ja, eine Dokumentation über die schreckliche Gefangenschaft einer jungen Mutter und ihres Kindes, die komplett der Willkür ihres Entführers und Gefängniswärters ausgeliefert sind, ist Raum gewiss nicht. Der Film ist nicht objektiv, er will es auch gar nicht sein – eben weil die Geschichte aus der Sicht des kleinen Jack erzählt wird, der noch gar nicht begreift, was ihm da eigentlich angetan wird.

Joy (Brie Larson) Bild via lovelace-media.imgix.net

Joy (Brie Larson) Bild via lovelace-media.imgix.net

Aber genau dieser Kniff macht die ganze Geschichte überhaupt für ein breiteres Publikum erträglich. Natürlich hätte man auch einen klaustrophischen Psychoterrorstreifen daraus machen können. Und schön ist die Geschichte ja trotz dieses, wie ich meine, durchaus gelungenen Kunstgriffs, trotzdem nicht. Denn Jacks Mutter leidet eindeutig unter der Situation – aber sie hat sich irgendwie damit arrangiert: Sie hat ja eine Aufgabe, nämlich ihrem Sohn das Leben so normal zu machen, wie es unter den gegebenen Umständen eben möglich ist. Kontakt zur Außenwelt gibt es nur über einen alten Fernseher.

Joy hat ihre liebe Not damit, Jack zu erklären, dass es eine Welt da draußen gibt, die irgendwie ist wie im Fernsehen, nur halt in echt. Denn die Welt, die Jack im Fernsehen sehen kann, ist meistens nicht echt. Sehr verwirrend, wie Jack findet. Sein einziges Fenster zu Welt, das es in Raum gibt, ist eben der Fernseher. Ansonsten ist Raum seine Welt, in der es neben seiner Mutter, Old Nick und dem Fernseher auch Pflanze gibt, Bett, Spüle, Schrank, Tisch und Stühle, Teppich, sogar eine Schlange aus Eierschalen unter dem Bett.

Joy begreift, dass sie irgendwie hier raus muss und schmiedet einen durchaus riskanten Fluchtplan, der aber schließlich mit etwas Glück doch gelingt. Aber es ist für die beiden nicht leicht, sich in der Welt da draußen wieder zurecht zu finden. Jack vermisst seine übersichtliche Welt.

Jacob Tremblay and Brie Larson in "Room" from EPK.tv

Jacob Tremblay and Brie Larson in „Room“ from EPK.tv

Als Joy sich auf ein Fernsehinterview einlässt und von der Journalistin gefragt wird, warum sie nie daran gedacht hätte, wenigstens für ihren Sohn Freiheit zu erbitten, statt ihn zu ihrem Lebensmittelpunkt zu machen, was sie offenbar getan hätte, nimmt sie den impliziten Vorwurf, selbstsüchtig und eine schlechte Mutter zu sein, so ernst, dass sie danach versucht, sich umzubringen. Zum Glück gelingt ihr das nicht und der kleine Jack schickt ihr ins Krankenhaus, was für ihn bisher das Wichtigste war – seinen langen Haare. Sehr zur Freude seiner Großmutter (Joan Allen), die seine Frisur befremdlich fand.

Jetzt ohne seine Mutter wagt er bei seinen Großeltern die ersten Schritte in diese fremde Welt: Er trifft einen Hund und spielt zum ersten Mal mit einem anderen Kind, dem Nachbarsjungen. Als seine Mutter aus dem Krankenhaus nach Hause kommt, will er mit ihr noch einmal Raum besuchen. Joy lässt sich darauf ein – sie beide wollen Abschied nehmen. Und siehe da, der schäbige Gartenschuppen, in dem Joy sieben und Jack fünf Jahre verbracht haben, erscheint dem Jungen plötzlich viel kleiner als zuvor.

Mir hat der Film sehr gut gefallen – es wird durchaus die Enge und Ausweglosigkeit gezeigt, mit der sich Joy und ihr Sohn in diesem Raum arrangieren müssen. Und die Übergriffe durch Old Nick, vor dem Joy ihren Sohn so gut sie kann beschützen will: Jack versteckt sich im Schrank wenn Old Nick kommt, um seine Mutter zu missbrauchen.

Jack und Joy Bild: http://www.raum-derfilm.de

Jack und Joy Bild: http://www.raum-derfilm.de

Joy hat sich – auch für Jack – darauf konditioniert, überleben zu wollen, deshalb tut sie, was von ihr verlangt wird. Gleichzeitig kämpft sie mit Old Nick um die Vitamine, die sie für wichtig hält oder um neue Kleidung für ihren Sohn. Sie ordnet sich ihrem Peiniger, der sich selbst für ihren Wohltäter hält und entsprechende Dankbarkeit erwartet – schließlich besorgt er ja alles, was die beiden zum Überleben brauchen – aus Berechnung unter. Sie hat Angst, dass sie beide in ihrem schalldichten Verließ umkommen werden, wenn sie Old Nick nicht bei der Stange hält oder ihm etwas zustößt – nur Old Nick weiß, wo die beiden sind und nur er hat den Code für das Türschloss. Genau deshalb kann sie Old Nick auch nicht einfach umbringen, woran sie gewiss immer wieder gedacht hat: Sie braucht ihn für den Fluchtplan, die sie in den langen Stunden ihrer Einsamkeit austüftelt.

Und doch ist es mit der Flucht allein nicht getan, erst danach wird Joy schmerzlich bewusst, was sie in den sieben Jahren ihrer Gefangenschaft alles verpasst hat – andere haben die Schule abgeschlossen, studiert, einen Beruf gelernt, eben ein normales Leben gelebt, das sie für sich und Jack nur simuliert hat. Was für einen Alptraum sie überlebt hat und wie schwer es ist, damit klar zu kommen, ist auf jeden Fall nachzufühlen. Verstehen lässt sich so etwas ohnehin nicht.

A Most Wanted Man

Allmählich könnte ich eine neue Rubrik „Lieblingsfilme mit Philip Seymour Hoffman“ einführen – aber leider ist die Anzahl dieser Filme ja endlich, weil Philip Seymour Hoffman definitiv keinen Film mehr machen wird, was extrem schade ist. Nach Capote, Before the Devil Knows You’re Dead oder The Master, die ich alle ziemlich gut fand habe ich nun auch A Most Wanted Man gesehen, den letzten Film mit Hoffman – und der hat mir besonders gut gefallen. Obwohl ich gar kein ausdrücklicher Fan von John-le-Carré-Verfilmungen bin. Dame, König As, Spion (von 2011) zum Beispiel fand ich ehrlich gesagt ziemlich langweilig, obwohl ich Gary Oldman, Colin Firth und Tom Hardy sehr mag.

Ganz anders aber A Most Wanted Man – der zwar auch weitgehend auf sinnlose Action verzichtet, was für mich durchaus ein Plus ist, aber trotzdem überaus fesselnd ist. Was vor allem Philip Seymour Hoffman alias Günther Bachmann zu verdanken ist. Bachmann ist der Leiter einer kleinen und sehr geheimen deutschen Anti-Terror-Einheit, die in Hamburg operiert. Aus der hamburgischen Islamisten-Szene kamen bekanntlich einige der Attentäter und Unterstützer der Attentate vom 11. September 2001, insofern ist der Standort Hamburg durchaus plausibel.

A Most Wanted Man: Michael Axelrod (Herbert Grönemeyer), Erna Frey (Nina Hoss) und Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

A Most Wanted Man: Michael Axelrod (Herbert Grönemeyer), Erna Frey (Nina Hoss) und Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

Meiner Ansicht nach spielt Hamburg seine Rolle als Stadt der Gestrandeten und Hoffnungslosen so gut wie Philip Seymour Hoffman jenen routinierten, weitgehend desillusionierten, aber dennoch sehr effektiven Spion, der sich hauptsächlich von Schnaps, Kaffee und Zigaretten ernährt und durch jahrelange Wühl- und Überzeugungsarbeit ein kleines Netzwerk an Informanten aufgebaut hat, über die er hofft, an die großen Fische in der internationalen Islamisten-Szene zu kommen, vor allem an diejenigen, die den Terror finanzieren. Dieses Hamburg ist düster, dreckig und trotzdem erstaunlich fotogen – was natürlich auch an dem ganz speziellen Kamerablick von Benoît Delhomme liegt. Ja, und die reichen Hamburger Pfeffersäcke haben natürlich auch eine ganze Reihe schicker Gebäude zustande gekriegt, damit man nicht vergisst, dass es in Hamburg auch eine Menge Geld gibt.

Unterstützt wird Bachmann bei seiner klandestinen Arbeit von Erna Frey (Nina Hoss), Maximilian (Daniel Brühl), Racheed (Kostja Ullmann) und Jamal (Mehdi Dehbi), der, wie sich herausstellt, auch noch der Sohn von Dr. Faisal Abdullah ist, von dem Bachmann annimmt, dass er zu dem Netzwerk gehört, das den IS finanziell unterstützt. Bachmann ist bei seinen Recherchen auf ein Logistik-Unternehmen mit Sitz in Zypern gestoßen, über das ein Teil der Spenden für anerkannte arabische Hilfsorganisationen abgezweigt und in dunkle Kanäle geleitet werden.

A Most Wanted Man - Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

A Most Wanted Man – Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

Als eines Tages der tschetschenische Flüchtling Issa Karpov (Gregori Dobrygin) in Hamburg auftaucht, wittert Bachmann seine große Chance. Karpov wird verdächtigt, ein radikaler, gewaltbereiter Islamist zu sein – und deshalb sind auch gleich eine Menge konkurrierender Dienste hinter dem Mann her, der Verfassungsschutz etwa und natürlich auch die CIA. Karpov versucht, den Bankier Tommy Brue (Willem Dafoe) zu kontaktieren. Das macht ihn für Bachmann und sein Team interessant: Möglicherweise ist er tatsächlich der Sohn eines russischen Militärs und Geschäftsmanns namens Karpov, der ein beträchtliches Vermögen bei eben jener Bank deponiert hat.

Issa kommt bei einer gläubigen türkischen Witwe unter, die mit ihrem Sohn in einer schäbigen Wohnung lebt, aber bereit ist, dem mittellosen Glaubensbruder zu helfen. Ihr Sohn stellt den Kontakt zu der Menschenrechtsanwältin Annabel Richter (Rachel McAdams) her – sie arbeitet für eine Initiative, die Flüchtlinge bei ihren Asylanträgen unterstützt. Und Issa ist eindeutig gefoltert worden, Annabel ist schockiert, als er ihr seine Narben zeigt und verspricht, ihm zu helfen.

A Most Wanted Man: Annabel Richter (Rachel McAdams) und Issa Karpov (Gregori Dobrygin)

A Most Wanted Man: Annabel Richter (Rachel McAdams) und Issa Karpov (Gregori Dobrygin)

Issa hat keine Papiere bei sich, aber er ist im Besitz eines Briefs seines Vaters, den er an einen Freund geschrieben hat – den Vater von Tommy Brue. Und er hat den passenden Tresorschlüssel. Annabel überzeugt den Bankier, sich mit Issa zu treffen. Issa hingeben will das blutige Geld seines Vaters gar nicht. Er will in Deutschland ein ehrbares Leben führen, wie er Annabel erklärt.

Das wiederum passt auch nicht gut zu dem, was Bachmann und seinem Team vorhaben: Der Plan ist es, mit Hilfe des Geldes – es handelt sich immerhin um 10 Millionen Euro – die Aufmerksamkeit von Dr. Faisal Abdullah zu erregen, damit Bachmann ihn endlich überführen kann. Dazu ist einiges an Überzeugungsarbeit nötig – zuerst müssen Bachmann und sein Team die störrische Annabel Richter überzeugen, dass sie Issa dazu bringen muss, dass Erbe einzufordern, damit Issa es dann großmütig an islamische Wohltätigkeitsorganisationen abgeben kann.

Annabel gibt unter dem Druck des erfahrenen Manipulators ziemlich schnell auf – immerhin ist ihr klar, dass sie allein Issa nicht retten kann. Und dann müssen die Jungs vom Verfassungsschutz ruhig gestellt werden, genau wie auch die Amerikaner, die in Form der CIA-Residentin Martha Sullivan (Robin Wright) auftreten. Sie alle finden sehr eigenartig, dass Bachmann den mutmaßlichen Terroristen erstmal in Ruhe lassen will.

A Most Wanted Man: Marthe Sullivan (Robin Wright) und Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

A Most Wanted Man: Marthe Sullivan (Robin Wright) und Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

Es stellt sich heraus, dass Bachmann und Sullivan zuvor schon aneinandergeraten sind – die CIA hat schon einmal eine von Bachmanns Missionen in Beirut vermasselt, bei der er wichtige Quellen verloren hat – was Sullivan später sogar zugibt, um Bachmann versöhnlich zu stimmen, denn sie ist schließlich auch auf gute Zusammenarbeit angewiesen. Und so verspricht sie, still zu halten, damit Bachmann seinen Plan durchziehen kann. Der hat inzwischen auch Tommy Brue überzeugt, bei der ganzen Sache mitzumachen. Letztlich funktioniert der auch, wie Bachmann das geplant hat – Issa spendet das Geld und Dr. Abdullah wird quasi als Treuhänder eingesetzt, der das Geld an die zuvor überprüften unverdächtigen Wohltätigkeitsorganisationen überweist. Im letzten Augenblick ändert Dr. Abdullah eine der Anweisungen und lässt statt dessen eben jene Reederei als Empfänger einsetzen – Bachmann hat jetzt den Beweis, auf den er solange hin gearbeitet hat.

Doch er kann seinen Triumph nicht auskosten, als er als Taxifahrer getarnt Issa und Dr. Abdullah vor der Brue-Bank abholen will, werden die beiden von einem CIA-Team entführt – und die Leute vom Verfassungsschutz schauen seelenruhig dabei zu. Resigniert fährt Bachmann davon – in seinem beige-braunen Schrammelbenz. Das ist alles frustrierend unspektakulär, genau wie Bachmanns ganzer Job, der nun durch das Eingreifen der Amis an die Wand gefahren wurde – aber genau das gefällt mir so gut.

A Most Wanted Man - Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

A Most Wanted Man – Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

A Most Wanted Man ist ein subtil in Szene gesetzter Spionagefilm über einen Spion alter Schule, der kein bisschen an James Bond erinnert, aber mindestens genauso viel drauf hat. Gut hat mir auch Grigori Dobrygin als Issa Karpov gefallen, Daniel Brühl als Maximilian ist dagegen etwas untergegangen – aber das lag natürlich auch an seiner Rolle als braver Teamplayer. Natürlich freue ich mich auch immer Nina Hoss zu sehen, aber es ist ein bisschen schade, dass sie für die internationalen Casting-Agenturen offenbar die perfekte deutsche Agentin ist – in Homeland spioniert sie für den BND, jetzt halt für ein anderes deutsches Team. Genau wie wir Robin Wright aus House of Cards als durchsetzungsstarke First Lady kennen – jetzt setzt sie halt für die CIA US-Interessen durch. Tja und Rachel MacAdams – die fand ich in der zweiten Staffel von True Detective eigentlich ganz gut, aber als deutsche Menschenrechtsaktivistin? Okay, hier muss ich auch gerecht sein, genau wie Daniel Brühl farblos blieb, fand ich Rachel McAdams etwas schwach – aber die Figur war halt auch so angelegt.

A Most Wanted Man - Hamburg

A Most Wanted Man – Hamburg

Was ich aus plottechnischen Gründen zwar nachvollziehen kann, aber nicht sehr überzeugend finde – so eine echte überzeugte deutsche Menschenrechtsfanatikerin lässt sich nicht so schnell brechen. Nie und nimmer. Aber was solls – Willem Dafoe ist als Tommy Brue ja auch nicht so richtig zum Zuge gekommen, aber hat seinen Part ordentlich abgeliefert. Niedlich fand ich auch Kostja Ullmann als Rasheed – dadurch war zu verkraften, dass Rami Malek gar nicht mitgespielt hat. Ach ja, für Herbert Grönemeyer gab es auch eine kleine Rolle und er hat die Musik für den Film geliefert, die mich streckenweise ziemlich an House of Cards erinnert hat. Aber das passte ja auch besser als das, was Grönemeyer sonst macht.

Retrokritik: Kaltblütig – Wahrheitsgemäßer Bericht über einen mehrfachen Mord

Leider ist das Wetter nicht immer so, wie man es im Urlaub gern hätte – aber auch das ist heutzutage nicht wirklich ein Problem, weil es ja handliche Laptops und noch handlichere Speichermedien gibt, auf denen man ein Programm für Regentage mitnehmen kann. Den gestrigen Regentag habe ich genutzt, um mir den Klassiker Kaltblütig aus dem Jahr 1967 anzusehen, die Verfilmung des gleichnamigen Tatsachen-Romans von Truman Capote (Originaltitel: In Cold Blood, erschienen 1965), den ich vor einigen Jahren gelesen hatte und sehr interessant und aufschlussreich fand. Capote wollte mit diesem Roman beweisen, dass die Erzählung einer wahren Geschichte genauso spannend sein kann wie ein raffiniert konstruierter Thriller – und diese Geschichte ist nun wirklich ein Thriller der Sonderklasse.

Roman und Film handeln von einem wahren Verbrechen, der kaltblütigen Auslöschung einer kompletten Familie durch Perry Edward Smith und Richard (Dick) Eugene Hickock im November 1959. Die beiden ehemaligen Sträflinge haben im Gefängnis von einem weiteren Häftling gehört, dass ein gewisser Mr. Clutter, der eine große Farm in Holcomb, Kansas, besitzt, einen Tresor im Haus haben soll, in dem stets eine größere Menge Bargeld lagert.

Screenshot Kaltblütig: Dick (Scott Wilson)

Screenshot Kaltblütig: Dick (Scott Wilson)

Als beide wieder auf freiem Fuß sind, beschließen sie, dem Anwesen der Clutters einen Besuch abzustatten und mit dem geraubten Geld ein neues Leben in Mexiko anzufangen. Sowohl Perry (Robert Blake) als auch Richard (Scott Wilson) sind das, was man gemeinhin als verkrachte Existenzen bezeichnet. Perrys Mutter war eine erfolgreiche indianische Rodeoreiterin, die sich irgendwann dem Alkohol und Affären mit jüngeren Männern hingegeben hat, weil sie das elende Wanderleben und die ewigen Streitereien mit Perrys Vater Tex nicht mehr ertragen konnte.

Screenshot Kaltblütig: Perry (Robert Blake)

Screenshot Kaltblütig: Perry (Robert Blake)

Die Kinder, darunter auch Perry, leiden unter den Eskapaden ihrer Mutter und landen immer wieder im Heim, wo der Bettnässer Perry von den Nonnen gequält wird. Später zieht er mit seinem Vater nach Alaska, doch Tex ist weder als Goldsucher, noch als Inhaber einer Hütte, die er an Touristen vermieten will, erfolgreich. Eines Tages schießt der Vater im Streit auf den Sohn – doch das Gewehr ist nicht geladen. Perry macht sich auf, er kämpft im Koreakrieg und erleidet später bei einem Motorradunfall schwere Verletzungen an den Beinen, weshalb er von da an ständig Schmerzmittel braucht. Er hat ein aufbrausendes Temperament und landet wegen Totschlags im Gefängnis, wo er Richard kennen lernt.

Richard hatte eine vergleichsweise unauffällige Kindheit, stammt aber auch aus einfachen Verhältnissen. Sein krebskranker Vater hält ihn alles in allem für einen guten Jungen – Richard weiß, wie man sich gut kleidet und benimmt, deshalb ist er als Scheckbetrüger erstaunlich erfolgreich. Perry will nach seiner Zeit im Knast eigentlich nichts mit Richard zu tun haben. Doch als er nach seiner Haft einen anderen Bekannten, den er unbedingt noch einmal treffen wollte, nicht erreichen kann, lässt er sich von Richard überreden, bei der Sache mit den Clutters mitzumachen. Perry verstößt dafür auch gegen seine Entlassungsauflagen.

Screenshot Kaltblütig: Dick (Scott Wilson) und Perry (Robert Blake)

Screenshot Kaltblütig: Dick (Scott Wilson) und Perry (Robert Blake)

Die beiden machen sich auf den Weg und bereiten sich entsprechend vor – Richard hat eine Schrotflinte dabei, unterwegs besorgen sie Klebeband und ein Seil. Als sie nachts das Anwesen der Clutters erreichen, will Perry eigentlich lieber umkehren, bevor es zu spät ist – aber dann nehmen die Dinge ihre verhängnisvollen Lauf.

Im Film wird das Verbrechen an sich aber erst sehr viel später gezeigt, nachdem Perry und Richard verhaftet wurden und Perry erzählt, was passiert ist. Aber bis dahin hat der leitende Ermittler Detective Dewey (John Forsythe) und sein Team noch einiges zu tun.

Screenshot Kaltblütig: Detective Dewey (John Forsythe)

Screenshot Kaltblütig: Detective Dewey (John Forsythe)

Anders als jener Zellengenosse Richard erzählt hat, gibt es im Haus der Clutters keinen Safe – Mr. Clutter ist zwar wohlhabend, bezahlt aber alles mit Schecks. Bargeld gibt es kaum im Haus. Perry und Richard können das kaum fassen – und es kommt zu eben jenem „psychologischen Unfall“ wie später auch ein Gutachten ergeben wird – nämlich, dass weder Richard noch Perry für sich allein eine solche Bluttat begangen hätten, sie aber zusammen in diese Situation geraten, in den der eine den anderen immer weiter treibt, bis Perry den Farmer Herbert Clutter umbringt und die beiden danach auch seine Frau und ihre beiden fast erwachsenen Kinder töten. Und das alles für die äußerst geringe Ausbeute von gut 40 Dollar an Bargeld und einem transportablen Radio.

Screenshot Kaltblütig: Detective Dewey (John Forsythe) und Perry (Robert Blake)

Screenshot Kaltblütig: Detective Dewey (John Forsythe) und Perry (Robert Blake)


Insofern nützt ihnen auch ihre Flucht nach Mexiko erstmal wenig – weil sie kein Geld haben, beschließen sie, in die USA zurückzukehren. Aber jetzt machen sie weitere Fehler – sie stehlen ein Auto und beschaffen sich Geld mit Scheckbetrug. Die Polizei kommt ihnen auf die Spur – noch gibt es aber außer zwei blutigen Stiefelabdrücken, die von den Tätern stammen, noch wenig handfeste Beweise, um sie als Mörder zu verhaften. Als sie in Las Vegas das Paket mit ihren Sachen abholen, dass Perry aus Mexiko geschickt hat, werden sie vorgeblich wegen Autodiebstahl festgenommen. In den folgenden Verhören behaupten die Ermittler, dass es einen überlebenden Zeugen gebe. Richard verliert die Nerven und gesteht die Tat, behauptet allerdings, dass die Morde auf Perrys Konto gehen.

Screenshot Kaltblütig: Dick (Scott Wilson)

Screenshot Kaltblütig: Dick (Scott Wilson)


Also kommt es zum Prozess, in dem eine Jury die beiden als kaltblütige Mörder einer angesehenen Familie zum Tode verurteilt. Es dauert aber noch fast fünf Jahre, bis das Urteil vollstreckt wird. Der Drehbuchautor und Regisseur Richard Brooks hat die literarische Vorlage von Truman Capote, in der nach einer Erklärung für das unbegreifliche Verbrechen gesucht wird, in einem quasi dokumentarischen Stil umgesetzt: Der Film ist in Schwarzweiß gedreht und nimmt sich viel Zeit, die Geschichte und das Verhältnis, das Perry und Richard zueinander entwickeln, zu beschreiben. Dabei gibt es auch immer wieder Rückblenden, insbesondere in Perrys Kindheit, der schon früh und dann immer wieder mit viel Gewalt konfrontiert wurde, was letztlich auch als Erklärung für seine eigenen Gewaltausbrüche dient. Perry sagt selbst auch, dass die Clutters Zufallsopfer waren, er persönlich hatte überhaupt nichts gegen sie und eigentlich fand er sogar, dass Herbert Clutter ein ziemlich netter Mensch gewesen sei – bis er ihm die Kehle durchschnitt. Seine letzten Worte vor seiner Hinrichtung sind, dass er sich für das, was er getan hat, gern entschuldigen würde – allerdings wisse er nicht, bei wem.

Screenshot Kaltblütig: Perry mit seinem Psychologen

Screenshot Kaltblütig: Perry mit seinem Psychologen

Interessant auch, dass Richard selbst nachdem er zum Tode verurteilt wurde, Befürworter der Todesstrafe bleibt – „wie sollen die Leute sonst Rache nehmen?“ Letztlich nehmen beide ihre Strafe an – sie finden völlig in Ordnung, dass sie bestraft werden müssen – wenn auch vielleicht nicht mit dem Tod durch den Strang. Der Film stellt auch infrage, ob das alles so richtig ist. Ein junger Beamter, der bei der Hinrichtung dabei ist, fragt, wofür das jetzt alles gut war. Einer der Veteranen antwortet: Sechs Menschen wurden ermordet, vier unschuldige und zwei schuldige. Drei Familien seien zerstört worden, die Zeitungen hätten ihre Auflage erhöht, die Politik diskutiere einmal mehr über die Todesstrafe und am Ende ändere sich – wie immer – nichts.

Screenshot Kaltblütig: Dick findet die Todesstrafe weiterhin angemessen.

Screenshot Kaltblütig: Dick findet die Todesstrafe weiterhin angemessen.

Detective Dewey kritisiert auch die Presse, die die Täter schon verurteile, bevor sie überhaupt gefasst seien, nach deren Ergreifung aber der Polizei vorwerfe, dass sie zu brutal vorginge und Zweifel an den Ermittlungsergebnissen aufkommen ließe. Schließlich würden die Journalisten alles tun, um die Täter zu retten, auch wenn deren Schuld eigentlich zweifelsfrei erwiesen sei.

Alles in allem ein sehr nachdenklicher, aber auch intensiver Film. Ein echter Klassiker, der sich auf jeden Fall lohnt – nicht nur wegen der Geschichte selbst, die den zutreffenden Untertitel Wahrheitsgemäßer Bericht über einen mehrfachen Mord trägt, sondern auch wegen der klassisch markant komponierten Schwarzweißbilder von Kameramann Conrad L. Hall und der dazu passenden Musik von Quincy Jones.

Screenshot Kaltblütig: Die Stunde der Wahrheit naht auch für Perry.

Screenshot Kaltblütig: Die Stunde der Wahrheit naht auch für Perry.