La La Land – Herzschmerz, aber richtig

„Nee, das sind ja mehr als zwei Stunden Zeitverschwendung“, erklärte mein Freund kategorisch, „den Film musst du dir allein ansehen!“ Was ich dann auch tat – und wie ich erwartet hatte, sind die 128 Minuten La La Land kein bisschen Zeitverschwendung. Das schreibe ich, obwohl ich kein großer Fan von Musical-Filmen bin und sonst auch nicht viel für romantische Komödien übrig habe. La La Land ist auch eher eine nostalgische Satire auf RomComs, Musicals und die Traumfabrik von Hollywood – genau das ist der Witz daran.

Schon die Anfangssequenz macht klar, dass es hier um ganz großes Kino geht: Es gibt einen der notorischen Dauerstaus, mit denen sich die dynamische Individualverkehrsgesellschaft ad absurdum führt: Die Bewohner von Los Angeles stehen mit ihren Autos pro Jahr im Durchschnitt 81 Stunden im Stau und halten damit den US-Rekord – was in La La Land dazu genutzt wird, um eine epische Tanznummer daraus zu machen: Nachdem eine Autofahrerin einfach singend aus ihrem durch den endlosen Stau auf dem Highway nutzlosen Gefährt aussteigt und über Autobahn und Fahrzeuge tanzt, gibt es kein Halten mehr und nach und nach machen alle mit, inklusive einer Band, die zuvor in einem Lastwagen verborgen war. Das alles ist zwar völlig sinnfrei, macht aber Spaß und ist die perfekte Einstimmung auf alles, was folgt.

La La Land: Emma Stone und Rain Gosling

La La Land: Emma Stone und Rain Gosling

Eine dermaßen übertriebene Hollywood-Tanznummer macht klar, dass der Film von hinten bis vorn nicht ernst gemeint sein kann – wir sind hier eher in der Kategorie von Hail Caesar (in dem es eine wahnsinnig gute Tanzszene mit Channing Tatum als Matrose gibt), nur ohne George Clooney, Sandalen, die Coens und verschrobene Kommunisten. Dafür aber mit Ryan Gosling und Emma Stone, die auf dem Weg sind, ein echtes Hollywood-Traumpaar zu werden, vielleicht nicht wie Ginger Rogers und Fred Astaire, obwohl sie hier auch tanzen, eher cool und launisch wie Lauren Bacall und Humphrey Bogart. Jedenfalls wäre das meine Präferenz.

Mia (Stone) und Sebastian (Gosling) sind eben keine hoffnungslosen Träumer, wie ich in einer anderen Kritik las, die gern zitiert wird, sondern im Gegenteil ziemlich illusionslose Realisten – Mia ist eine ziemlich begabte, aber total unbekannte Schauspielerin, die leider auch niemanden kennt, der  ihr irgendwo eine entscheidende erste Rolle verschaffen könnte, Sebastian ist ein sehr guter Jazz-Pianist, der was Jazz betrifft, einen sehr expliziten Musikgeschmack hat, mit dem er bei seinem derzeitigen Arbeitgeber einfach nicht landen kann. Die beiden tun trotzdem, was sie tun müssen: Zu jedem blöden Vorsprechen bzw. Vorspielen gehen, in der Hoffnung, doch einen Fuß in die Tür zu kriegen und ansonsten gehen sie ihren öden Brotjobs nach, denn Geld verdienen muss man ja, gerade in Los Angeles. Dem La La Land, in dem Träume wahr werden – wenn auch nur die Träume der wenigen, die es schaffen, ihre persönlichen Traum zu leben. Und auch das geht nicht immer gut aus.

Die beiden laufen sich immer wieder mal über den Weg – aber wie in jedem guten Skript braucht es auch in La La Land Missverständnisse, Konfusion, Probleme. Und natürlich eine vernünftige Struktur, die sich hier an die Jahreszeiten hält, beginnend mit Winter. Und wie das so ist: Im Frühling schmilzt das Eis, im Sommer ist das Leben leicht und schön, im Herbst beginnen erneut die Schwierigkeiten und nun ja, es wird wieder Winter, was dann quasi der Epilog ist.

Aber zum Anfang zurück: Mia bedient in der Betriebskantine von Warner Bros, und hat damit all das, was wofür sie leben will, schmerzhaft dicht vor der Nase, nur dass sie eben unsichtbar ist und nicht dazu gehört. Sebastian, der Bud Powell und Thelonious Monk verehrt, muss Weihnachtslieder für ein gelangweiltes Publikum spielen und sich später als Keyboarder in einer Coverband, die auf Parties spielt, durchschlagen. So trifft er auch Mia wieder, die natürlich auch überall hin geht, wo sie möglicherweise jemanden trifft, der hilfreich sein kann. Aber es läuft an dem Tag für beide nicht gut – auf der Suche nach ihren Autos, die irgendwo geparkt sein müssen, treffen sie sich wieder, passend zum Sonnenuntergang. Und das führt ebenfalls zu einer tollen Tanzszene – Mia hat ihre Stepdance-Schuhe in der Handtasche dabei, was auch ein netter Gag ist – und dann gibt es einen minutenlangen Take ohne Schnitt, das ist einfach klasse. Doch, eigentlich mag ich Tanzfilme. Sie müssen nur gut sein.

Und wie das dann so kommen muss: Mia und Sebastian werden ein Paar und bestärken sich gegenseitig, ihre jeweiligen Projekte voran zu treiben – natürlich verstehen sie einander: Sie wollen einfach das tun, in dem sie gut sind. Obwohl Mia anfangs damit kokettiert, dass sie Jazz hassen würde, mag sie doch die Musik, die Sebastian spielt und redet ihm zu, seinen Traum vom eigenen Jazzclub zu verwirklichen, sie entwirft sogar ein Logo dafür.

Sebastian wiederum erklärt Mia, dass sie nicht länger für blöde Rollen vorsprechen solle, sondern sich besser selbst eine gute Rolle auf den Leib schreiben solle – wie wäre es mit einem eigenen Theaterstück? Verrückt – aber warum eigentlich nicht? Mia beginnt, ein eigenes Stück zu schreiben. (Und nebenbei, Brit Marling zum Beispiel fährt ganz gut mit dieser Strategie, nur schreibt sie Drehbücher und nicht Stücke) Doch wie das so ist – neben der Beziehung gibt es jede Menge Verpflichtungen und in unserer Konkurrenzgesellschaft ist es schwer, beides unter einen Hut zubekommen.

Und so kommt es, wie es kommen muss – Sebastian bekommt das Angebot, in einer Cross-Over-Jazz-Band, die eigentlich Musik macht, die er gar nicht so gut findet, Karriere zu machen – aber eben mit dem Preis, dass er dann die nächsten Jahre mit eben dieser Band auf Tour ist. Mia hingegen schreibt ihr eigenes Stück, produziert es selbst und spielt die einzige Rolle – aber geht damit wirtschaftlich unter.

Aber Ironie des Schicksals – eine Produzentin, die Sebastian kennt, hat Mias Stück gesehen und ist begeistert – auch wenn sonst kaum jemand es gesehen hat. Sebastian kann Mia, die aufgeben will und zu ihren Eltern nach Boulder City, Nevada, zurückgezogen ist, überzeugen, zu einem weiteren Vorsprechen zu gehen. Natürlich wird das ihr Durchbruch – auch wenn sie jetzt erst einmal nach Paris gehen muss. Und Mia macht Sebastian klar, dass dieses Projekt, bei dem er gerade mit macht, doch nicht das ist, was er eigentlich wollte. Aber sie verlieren sich aus den Augen – sie sind zu sehr damit beschäftigt, ihre jeweiligen Karrieren voranzutreiben. Wie das Leben so spielt.

Fünf Jahre später ist Mia eine anerkannte und etablierte Schauspielerin – mit ihrem Ehemann und der kleinen Tochter macht sie einen Abstecher nach Los Angeles. Und wie so oft, stehen sie im Stau – Mia ist dafür, dass sie einfach abbiegen und etwas anderes tun. Sie landen in einem Jazz-Club, in dem Mia das Seb’s-Logo erkennt, das sie für Sebastian entworfen hat. Und tatsächlich, später kommt Sebastian auf die Bühne und spielt – er hat also auch seinen Traum verwirklicht.

Die beiden erkennen einander – und im Schnelldurchlauf gibt es den Film, der ihr beider Leben hätte sein können, wenn nur, ach wenn –

Doch, genau das ist großes Kino. Das Spiel mit den Möglichkeiten, aber jeder weiß, dass das Leben nicht so ist. Und auch der Film weiß das bzw. seine Macher. Und auch wenn man seinen Traum lebt, ist das Leben eben Leben und kein Traum. Mit allen Härten und Konsequenzen. Es kommt eben immer anders. Selbst, wenn das, was man erwartet hat, entgegen aller Wahrscheinlichkeit eintritt. La La Land ist kein Film für Träumer. Es ist ein Film für alle, die Filme übers Filmemachen lieben. Die mit kitschiger Ironie klar kommen, nicht gegen Jazz und Musical allergisch sind und zwei Stunden und acht Minuten Zeit haben. Für die kann La La Land ein Riesenspaß sein. Obwohl, die sieben Golden Globes, die La La Land kürzlich abgesahnt hat – das war wohl eher eine Verzweiflungstat, wenn auch eine nachvollziehbare. Mir gehen ja selbst die ganzen Superheldenmovies und Thriller auf die Nerven. La La Land ist halt mal wieder was anders.

Aber sieben Golden Globes?! Total Übertrieben. Aber Jimmy Fallon’s Cold Open für die Golden Globes versteht eigentlich nur, wenn man den Anfang von La La Land gesehen hat.

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Musik in Serie: Mozart in New York

In meinem Blog sind Drama- und Krimiserien hoffnungslos überrepräsentiert, vermutlich, weil mir die meisten Familien- und Comedyserien einfach zu blöd sind. Und definitiv nicht lustig genug – ich kapiere einfach nicht, was beispielsweise an OITNB dermaßen witzig sein soll. Obwohl es ja durchaus Netflix-Serien gibt, die ich richtig gut finde. Noch weniger verstehe ich, warum The Bing Bang Theory ein so durchschlagender Erfolg ist, dass es gefühlt jeden Tag irgendwo im Fernsehen läuft – ich glaube, Pro 7 lässt das als Endlosschleife laufen, weil es sonst einfach nichts gibt, was ähnliche Quoten erreicht. Dabei ist die Geschichte eigentlich nichts anderes als das gnadenlose Durchexerzieren sämtlicher Vorurteile, die es über Nerds und Blondinen gibt – da ist eigentlich nichts neu und auch nichts gut dran, auch wenn ich im Grunde nichts dagegen habe, dass mit Stereotypen und Vorurteilen gespielt wird.

Damit komme ich zu meiner aktuellen Neuentdeckung: Mozart in The Jungle. Diese Amazon-Original-Serie ist im Grunde auch eine Nerdserie, in der sämtliche Vorurteile und Stereotypen durchgespielt werden, die es über professionelle Musiker gibt – es handelt sich um eine Serie über die New Yorker Symphoniker, einem altehrwürdigen Klangkörper, dem ein junges aufstrebendes Genie neues Leben einhauchen will.

Mozart In The Jungle: Gael García Bernal als Rodrigo De Sousa Bild: amazon.com

Mozart In The Jungle: Gael García Bernal als Rodrigo De Sousa Bild: amazon.com

Rodrigo De Sousa (Gael Garcia Bernal) heißt der junge Wilde, der als Wunderkind schon früh zu Ruhm und Ehre gelangt ist und trotzdem noch eine hippieske Lebensfreude an den Tag legt. Die Ironie der Geschichte ist, dass ausgerechnet sein Vorgänger Thomas Pembridge (Malcolm McDowell), ein Stardirigent alter Schule mit entsprechenden Allüren, den Jungen entdeckt hat, der nun den Ast absägt, auf dem Thomas es sich gemütlich machen wollte. Denn auch die New Yorker Symphoniker sind keine staatliche Institution, sondern ein Geschäft, das nur funktioniert, wenn sich immer wieder großzügige Sponsoren finden, die sich in der Rolle eines Förderers der schönen Künste gefallen. Das ist nicht so einfach – und bei aller Verehrung für den großen Maestro stehen alle auf das unkonventionelle junge Genie.

Gleichzeitig versucht die junge Oboistin Hailey Rutledge (Lola Kirke, ihre große Schwester Jemima Kirke spielt die Lebenskünstlerin Jessa in Girls) , den Fuß in die Tür zu einer Karriere in der klassischen Musik zu bekommen – ein ziemlich hoffnungsloses Unterfangen. Haileys Welt kennen wir aus der Serie Girls: Im Moloch New York gestrandete Möchtegern-Künstlerinnen, die sich an falschen Lebensentwürfen, anstrengenden Beziehungen und einem gnadenlosen Alltag abarbeiten, in dem man jeden Monat irgendwie Miete zahlen muss, auch wenn man nur eine Stelle als unbezahlte Praktikantin bekommt.

Nur ist Hailey aber tatsächlich ziemlich begabt und mit Leidenschaft bei der Sache, was auch Rodrigo erkennt – er macht Hailey, die als professionelle Instrumentalistin im Haifischbecken der Symphoniker noch keine Chance hat, zu seiner persönlichen Assistentin – Hailey wird schlecht bezahltes Mädchen für alles, dafür ist sie aber ganz nah dran an ihrem Lebenstraum. Also lernt sie, wie man Mate-Tee richtig zubereitet und steht rund die Uhr zur Verfügung, um ihren Meister auf Zuruf an die eigenartigsten Orte zu kutschieren.

Screenshot Mozart In The Jungle: Gael García Bernal als Rodrigo De Sousa: Ouvertüre 1812 von Pjotr Iljitsch Tschaikowski

Screenshot Mozart In The Jungle: Gael García Bernal als Rodrigo De Sousa: Ouvertüre 1812 von Pjotr Iljitsch Tschaikowski

Aber auch für die Veteranen ist es nicht so einfach – das ständige Üben, der stressige Lebensrhythmus eines Berufsmusikers, der genau dann arbeiten muss, wenn die anderen sich amüsieren gehen, all das hinterlässt Spuren – der eine hat inzwischen Kniescheiben aus Titan, die andere spritzt sich einen bedenklichen Medikamentencocktail gegen die chronische Sehnenscheidenentzündigung. Und dann sind da natürlich die ständigen Grabenkämpfe – der Gewerkschaftler besteht auf die Einhaltung der Pinkelpausen, gleichzeitig kämpfen die Musiker gegen eine Schlechterstellung bei der Krankenversicherung, an der die Orchestermanagerin bei den Neuen sparen will. Wo fängt Solidarität an, und wo hört sie auf? Die Frage stellt sich mittlerweile doch in so ziemlich jedem Betrieb für jede Belegschaft – das ist bei einem klassischen Orchester mit Weltruf keineswegs anders.

Genau das ist es auch, was mir gefällt, es geht eben nicht nur um abgedrehte Künstler und ihren verschobenen Blick auf die Welt, sondern um handfeste Probleme, mit denen jeder, der auf Lohnarbeit angewiesen ist, umgehen muss, sogar anerkannte Musikgenies mit Weltruhm. Hier gibt es auch immer wieder die Parallele zu Wolfgang Amadeus, der ja eben auch Geld verdienen musste und seine ganze wunderschöne Musik nicht nur so zum Spaß geschrieben hat. Trotzdem verlangen alle ganz selbstverständlich, dass sich die wahren Künstler mit heroischer Selbstausbeutung ihrer Kunst und damit der Erbauung und dem Vergnügen der anderen zu widmen hätten. Warum ist das eigentlich so?! Das fragen sich auch Hailey und ihr Freund, der eigentlich Tänzer werden will, aber irgendwann die Nase voll davon hat, sich nicht einmal regelmäßig vernünftige Mahlzeiten leisten zu können und ständig Angst vor der nächsten Verletzung zu haben. Man kann auch mit weniger Stress mehr Geld verdienen – aber was wird dann aus der Kunst?

Gleichzeitig wird die Kunst, in dem Fall die klassische Musik, als etwas gefeiert, das Grenzen überwinden und Menschen zusammenbringen kann – meine Lieblingsstelle bisher ist, als Rodrigo seine Musiker zu einer Konzertprobe irgendwo auf einem brachliegenden Grundstück zitiert, wo sie vollkommen überrascht und unvorbereitet vor den zunehmend interessierten Bewohnern der umliegenden Sozialwohnungsblocks die Ouvertüre 1812 von Tschaikowski spielen – die Musiker kennen dieses Stück sehr gut und sind auch ohne Noten und Vorbereitung total bei der Sache – aber, so bemerkt der gewerkschaftliche organisierte Orchesterrat: „Rodrigo, du weißt schon, dass das ein Auftritt war und keine Probe?“

„Ja, das war ein Auftritt und sogar ein ziemlich guter!“ sagt Rodrigo begeistert und räumt ein, dass er zwar ungenehmigt gewesen wäre, aber auch ungefesselt und sonst noch einiges un-. Es entwickelt sich eine spontane Nachbarschaftsparty mit den Musikern und der interessierten Nachbarschaft – aber irgendwelche Spielverderber haben die Bullen gerufen. Die lösen die Party schließlich auf und nehmen die Ruhestörer mit. Den Bullen vom NYPD ist scheißegal, ob das die New Yorker Symphoniker sind oder randalierende Kids. Also muss die ohnehin schon ständig am Nervenzusammenbruch entlangschrammende Orchestermanagerin Gloria ihre Stars aus dem Knast auslösen.

Doch es gibt noch einige andere Höhepunkte, und vor allem in der letzten Folge orchestriert Rodrigo ein versöhnliches Ende, nachdem er sich in den Kopf gesetzt hatte, ausgerechnet seine geniale, aber leider auch völlig durchgeknallte Ex-Frau Anna Maria als Solo-Violinistin zu besetzen, was wie erwartet grandios schief geht: Anna Maria bringt es einfach nicht über sich, vor diesen bourgeoisen Schlappschwänzen, vor diesen reichen, aber total bornierten Untoten zu spielen. Sie bricht nach wenigen Takten ab und lässt Rodrigo nach einer saftigen Publikumsbeschimpfung stehen.

Mozart In The Jungle: Hailey Rutledge (Lola Kirke, mit Oboe) und Cynthia Taylor (Saffron Barrows)

Mozart In The Jungle: Hailey Rutledge (Lola Kirke, mit Oboe) und Cynthia Taylor (Saffron Barrows)

Doch der hatte schon einen Plan B vorbereitet, eigentlich vor allem für Hailey, die von seiner ersten Oboistin Betty übel schikaniert wird, was Rodrigo jetzt wieder gut machen will: Er lässt alle Musiker für das große Eröffnungskonzert für die neue Spielsaison mit einer Limousine abholen – und Bettys Limousine fährt sie gepflegt ins New Yorker nirgendwo, so dass sie ihren Auftritt verpasst. Also muss die zweite Oboe zur ersten aufrücken und Hailey bekommt ihre verdiente Chance, sich mit diesen ungeplanten Einsatz als professionelle Oboistin zu beweisen – der umsichtige Rodrigo hat dafür gesorgt, dass ihre Freundin und Mitbewohnerin Lizzie rechtzeitig mit ihrem Instrument zur Stelle ist. Jetzt fehlt nur noch die Solo-Geige – Rodrigo beschließt, selbst Geige zu spielen, aber für das Solo sei er nicht gut genug – also bekommt die verbitterte erste Geige im Orchester ihre Chance.

Nun fehlt allerdings ein Dirigent. Doch zum Glück ist ja Thomas Pembridge in Saal, der von seiner Geliebten Cynthia, die Cellistin im Orchester ist, in Kuba aufgespürt und nach Hause geholt wurde. Natürlich fühlt er sich geschmeichelt und in der Lage, das Violin-Konzern Sibelius zu dirigieren. So wird der Abend nach dem verpatzten Auftakt doch noch ein Erfolg und die erste Staffel von Mozart in The Jungle entpuppt sich als modernes Großstadtmärchen mit grandiosem Happy End. Das ist zwar nicht unbedingt realistisch, aber wunderschön und man hat genau wie Lizzie und der Musik-Blogger Bradford Sharpe am Ende des Konzerts Tränen der Rührung in den Augen. Ein paar Minuten heile Welt finde ich total in Ordnung – Mozart in The Jungle ist wirklich eine erfrischende Abwechslung.

Mein Tipp für alle, die nach einer unterhaltsamen Serie suchen, die keineswegs die Augen vor dem hässlichen und anstrengendem Alltag verschließt, aber sowohl ihren Protagonisten als den Zuschauern den einen oder anderen glücklichen Moment gönnt. Vielleicht gehe ich auch mal wieder in ein klassisches Konzert…

Vinyl – die Welt ist eine Scheibe

Mein erster Versuch mit Vinyl, der neuen Serie von Terrence Winter, Martin Scorsese, Rich Cohen und James Jagger war nicht wirklich erfolgreich – ich brach irgendwann auf der Hälfte des ja nun wirklich überlangen Pilotfilms ab. Aber vermutlich war ich an jenem Abend einfach nur schlecht drauf – mit etwas Abstand habe ich einen neuen Versuch unternommen und siehe da – ich musste gleich noch mehrere Folgen weitersehen. Auch wenn das Serien-Projekt durchaus einige Schwächen hat, Spaß macht es auf jeden Fall.

Die Retro-Serie um Richie Finestra (Bobby Cannavale), den Boss des Plattenlabels American Century Records, hat bei mir nun wirklich gezündet, und dafür gibt es eine ganze Reihe Gründe. Da ist zum einen diese herrliche Ansammlung von Knalltüten, die Richie um sich versammelt hat: Vinyl ist tatsächlich so etwas wie Boardwalk Empire in lustig.

Ritchie Finestra (Bobby Cannavale) und sein Team Bild: hbo.com

Richie Finestra (Bobby Cannavale) und sein Team Bild: hbo.com

Vieles erinnert mich auch an Mad Men, wobei Deko und Anzüge in Mad Men sehr viel eleganter waren, genau wie auch der Humor deutlich feinsinniger. Aber es wird gleichfalls geraucht, gesoffen und gekokst bis zum Delirium – und Frauen sind noch immer in erster Linie zur Bedienung und Zerstreuung von Männern da, auch wenn es inzwischen selbstverständlich auch schwarze Sekretärinnen gibt, die ihrem Chef durchaus selbstbewusst sagen, was ihr Job ist und was nicht.

Selbst das blondgelockte Sandwichmädel, das den wichtigen Jungs im Label ihre Bagels bringt, entwickelt eine bemerkenswerte Eigeninitiative – Jamie (Juno Temple) ist fest entschlossen, die nächste große Entdeckung für American Century zu machen und versucht, ihren Boss zu überzeugen, dass die Punkband Nasty Bits das nächste große Ding ist. Wobei die ebenso unmotivierten wie schlecht spielenden Jungs selbst erstmal mühsam davon überzeugt werden müssen, dass ihre Message, eben keine Message zu haben, weil ihnen eben alles total egal ist, genau das coole Etwas ist, das ihren künftigen Ruhm ausmachen wird. Waren die 70er tatsächlich schon dermaßen postmodern?

Devon (Olivia Wilde) und Ritchie (Bobby Cannavale) Bild: hbo.com

Devon (Olivia Wilde) und Richie (Bobby Cannavale) Bild: hbo.com

Egal. Richies Label braucht ganz dringend ein nächstes großes Ding, die tranigen Schnarchnasen in der Chefetage haben über ihren vergangenen Erfolge nämlich vergessen, was eigentlich ihr Job ist und die letzten großen Trends total verpennt. Jetzt haben sie und Richie jede Menge Schulden. Richie ist sogar drauf und dran, sein Label an die deutsche Polygram zu verkaufen – was bei seinen einigen seiner Teilhaber auf verständliche, aber völlig hysterische Ablehnung stößt: An die verdammten Hunnen wird nichts verkauft, nicht diese Scheiß-Nazis, niemals – wozu hat man den Weltkrieg denn gewonnen?!

Doch als Richie die anderen soweit hat, den für alle Seiten vorteilhaften Deal zu unterzeichnen, hat er eine Art Rock-n-Roll-Erleuchtung: Betrunken und auf Koks erinnert er sich an seine Anfänge. Das ist ein manchmal etwas nerviges Stilmittel, weil es in Vinyl doch ziemlich strapaziert wird: Immer wieder gibt es Rückblenden in Richies Vergangenheit – und auch in die anderer Figuren, so dass es mit der chronologischen Abfolge der Ereignisse immer wieder ziemlich durcheinander geht. Aber das ist wohl normal, wenn man auf Droge ist.

Dazu kommen auch immer wieder Video-Clip-artige Szenen, in denen die Songs, die in der Handlung vorkommen, von den jeweiligen Stars performt werden – was ich einerseits eine nette Idee finde, schließlich ist es ja eine Musik-Serie, also soll auch bitte schön viel Musik drin vorkommen. Andererseits wird die Handlung dadurch sehr collageartig, was vermutlich sogar so gewollt ist, mir aber nicht immer gefällt, weil es mitunter doch reichlich willkürlich zusammengestoppelt wirkt. Ein paar Mal ist so ein Film-im-Film-Ding ganz nett, aber ich will darüber die eigentliche Handlung nicht vergessen.

The Nasty Bits (James Jagger als Kip Stevens in der Mitte) Bild: hbo.com

The Nasty Bits (James Jagger als Kip Stevens in der Mitte) Bild: hbo.com

Wobei mir die Geschichte immer besser gefällt, der Niedergang des klassischen Rock’n’Roll, die Inflation von seichten, aber Dance-Floor-geeigneten Hits, eben diese ganze Disco-Musik mit ihrem Spiegelkugel-Glitzer, die selbstbesoffenen Glam-Rock-Stars – sehr schön etwa die Szenen mit Robert Plant von Led Zeppelin, den Richie als neues Zugpferd vergeblich an Bord holen will – und die entstehenden Gegenbewegungen Punk, Rap, Hiphop. Als Nebenhandlung wird auch angedeutet, wie schwarze Musiker, die mit ihrem Musik und ihrem Können viele Impulse geliefert haben, von der von Weißen dominierten Musikbranche ausgenutzt und ausgebeutet werden – hier hat Richie auch noch eine persönliche Schuld zu begleichen. Doch diese eigentlich interessante Geschichte verkommt leider nur zur Garnitur der eigentlichen Story, die sich leider mitunter zu sehr in der visuellen Zelebration des Rock-n-Roll-Feelings erschöpft, das ja selbst zu Richies Zeiten schon ein nostalgisches war.

Überhaupt werden die 70er gefeiert  und Greenwich Village als Tummelplatz schriller Vögel wie Lou Reed, Andy Warhol oder Alice Cooper, die auch damals schon Legenden waren, aber eben noch nicht so überlebensgroß. Und es stellt sich mit der Zeit heraus, dass diese Welt viel weniger Richies ist, der sich als Sohn italienischer Einwanderer im Mafia-Milieu besser auskennt als unter diesen schrägen Bohemiens – das ist eher die Szene seiner Frau Devon (Olivia Wilde). Devon hat ihre eigenen Ambitionen als Fotografin hintenangestellt, als sie Richie geheiratet hat, sie wohnt nun mit ihren beiden Kindern in einem Haus mit Garten und Swimmingpool in Connecticut, wo sie oft vergeblich auf Richie wartet, der noch wieder in der Stadtwohnung bleibt (mit Blick auf den Central Park) – auch diese Setting kennt man bereits aus Mad Men.

Und genau wie Don Draper ist Richie überhaupt nicht bewusst, was es für seine Frau heißt, die eigenen Ambitionen zugunsten ihrer Ehe begraben zu müssen – wobei Richie weniger bewusstes Arschloch ist als Don und Devon deutlich ambitionierter als Betty. Und sie hat bessere Freunde und vor allem Freundinnen – etwa Ingrid, eine in New York gestrandete Künstlerin aus Dänemark, gespielt von Birgitte Hjort Sørensen, die ich in Borgen schon ganz toll fand.

Ingrid (Birgitte Hjort Sørensen) Bild: hbo.com

Ingrid (Birgitte Hjort Sørensen) Bild: hbo.com

Als Richie auf Drogen ausrastet und mit seiner E-Gitarre den Fernseher zerschlägt (es handelt sich um ein kostbares Museumsstück, das seine Partner vom Label ihm zum Geburtstag geschenkt haben) holt Devon ihre Kamera und macht aus der Zerstörungsorgie noch eine Serie Kunstwerke – sie ist schließlich eine begabte Fotografin. Auch wenn sie danach eine Scheidungsanwältin aufsucht. Die aber schnell kapiert, dass Devon ihren Mann noch liebt und sich eigentlich gar nicht scheiden lassen will. Leider wird auch diese Geschichte wird nicht so konsequent verfolgt, wie ich das gerne hätte – aber ein paar Folgen habe ich ja noch, vielleicht entwickelt sich hier noch etwas.

Wie gesagt, ich finde Vinyl trotz einiger Schwächen spannend genug, um dran zu bleiben, das opulente Schwelgen in der 70er-Jahre-Optik ist ein großer Spaß – auch wenn die 2. Staffel von Fargo das ebenfalls bietet, und zusätzlich noch eine wirklich gute Kriminalstory mit wirklich interessanten Charakteren. Was den Blick auf das Musik-Geschäft angeht, finde ich Empire besser – wenn auch nicht unbedingt die Musik, aber das ist Geschmacksache. Bei Empire geht es sehr viel mehr um die Musik an sich und das Ringen um neue Songs, den Produktionsprozess und darum, was es heißt, sich an die Spitze zu kämpfen. In Vinyl ist das nur Nebensache – hier geht es um ein Feeling, letztlich um nostalgische Nabelschau. Aber okay, solange es Vergnügen bereitet…

Der junge Richie und Lester Grimes (Auto Essando) Bild: hbo.com

Der junge Richie und Lester Grimes (Ato Essando) Bild: hbo.com

Empire – König Lear im Gangsta-Style

Bombast-Soaps wie Dallas oder Der Denver-Clan waren nie mein Ding, auch wenn ich mich noch gut daran erinnere, dass diese Serien in den 80er Jahren jeweils am nächsten Tag auf dem Schulhof und am Arbeitsplatz leidenschaftlich diskutiert wurden. Aber damals war mir das herzlich egal – die Intrigen von irgendwelchen superreichen Amis interessierten mich nicht die Bohne. Offenbar hatte ich früher tatsächlich Besseres zu tun als fernzusehen. Aber nach jahrzehntelanger Mühsal in der Tretmühle der modernen Arbeitswelt schätze ich einfach verfügbare Zerstreuungen, weshalb ich mittlerweile Serien-Expertin bin.

Und obwohl ich noch immer nicht begreife, warum sich Menschen freiwillig das Dschungelcamp ansehen (oder irgendeine andere von Werbung zerhackte Sendung auf einen Privatsender) muss ich zugeben, dass mittlerweile eine Serie ähnlichen Kalibers wie Dallas/Denver-Clan entdeckt habe, die mir wirklich Spaß macht: Empire.

Empire: Lucious Lyon (Terrence Howard) Bild via fox.com

Empire: Lucious Lyon (Terrence Howard)
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Empire ist die Geschichte von Musik-Milliardär Lucious Lyon (Terrence Howard) bzw. die Geschichte des Kampfes innerhalb des Lyon-Clans um seine Nachfolge – im Grunde also eine weitere King-Lear-Variante. Der Ghetto-Musiker Dwight Walker hat sich von der Straße in die Chefetage seines eigenen Musik-Labels hochgearbeitet und sich dafür einen neuen Namen zugelegt – das war vermutlich vor allem nötig, damit man ihn nicht mehr mit seiner kriminellen Vergangenheit in Verbindung bringt. Lucious ist einer der wenigen Afroamerikaner in einer solchen Position, genau wie sein Kumpel Barack im Weißen Haus, der ihn gelegentlich anruft. Okay, Obama kam nicht direkt von der Straße, aber wir wollen nicht so kleinlich sein.

Empire: Cookie Lyon (Taraji P. Henson) Bild via fox.com

Empire: Cookie Lyon (Taraji P. Henson)
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Lucious hat alles, was sich ein Mann wünschen kann – Geld, Erfolg, Einfluss und natürlich schöne Frauen. Aber er hat eine unheilbare Krankheit: Ihm bleibt nach der ALS-Diagnose nicht mehr viel Zeit, einen würdigen Nachfolger zu finden. Lucious hat zwar drei Söhne, aber keiner davon ist perfekt. Andre (Trai Byers), der Älteste, hat an einer Elite-Uni studiert und ist ein Finanzgenie. Er ist ehrgeizig und ein Arbeitstier – Andre hat Empire zu dem gemacht, was es jetzt ist und auch den bevorstehenden Börsengang vorbereitet. Aber erstens hat er eine bipolare Störung und zweitens hat er es nicht so mit Musik. Und dann hat er auch noch eine berechnende weiße Schlampe geheiratet.

Der zweite Sohn Jamal (Jussie Smollet) ist hingegen ein unglaublich talentierter Musiker, aber er interessiert sich nicht fürs Geschäft. Er ist damit zufrieden, ein genialer Singer-Songwriter zu sein, den nur ein paar weiße Kids in Brooklyn kennen, wie seine Mutter ihm treffend vorwirft. Und noch schlimmer: Er ist schwul.

Empire: Jamal (Jussie Smollet) Bild via fox.com

Empire: Jamal (Jussie Smollet)
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Der dritte, Hakeem (Bryshere Y. Gray), ist Lucious Liebling und hat durchaus Talent, aber er ist ein verwöhntes, selbstbezogenes Arschloch und musste noch nie um Erfolg und Anerkennung kämpfen. Er pflegt zwar Gangsta-Attitüde und hängt mit üblen Jungs ab, aber letztlich verlässt er sich immer darauf, dass ihm einer seiner großen Brüder oder sein Papa den Arsch rettet.

Und dann gibt es da noch Cookie (Taraji P. Henson), die Mutter der drei, die nach 17 Jahren aus dem Knast kommt. Sie musste einsitzen, weil sie mit Drogen gedealt hat, um Lucious und ihren Traum vom eigenen Musiklabel zu erfüllen. Sie fordert nun, was ihr zusteht: Die Hälfte von Empire.

Empire: Jamal und Cookie Bild via fox.com

Empire: Jamal und Cookie
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Natürlich geht Lucious darauf nicht ein, aber er bietet ihr einen Job an. Das wiederum passt seiner aktuellen Verlobten Anika (Grace Gealey) überhaupt nicht, die nun nicht zu Unrecht befürchtet, dass ihr die vulgäre, aber höchst effektive Cookie die Zügel aus der Hand nehmen wird. Denn Cookie ist das eigentliche Genie hinter Empire gewesen – sie ist nicht nur eine begnadete Produzentin, sie weiß auch, wie man verhandelt und mit durchgeknallten Stars umgeht. Und jetzt, nach all den Jahren im Knast ist Cookie noch härter und hungriger geworden. Und natürlich kämpft sie wie eine Löwin für ihre Söhne – insbesondere für ihren Liebling Jamal, mit dem sie umgehend die Produktion eines neuen Albums startet, um Lucious zu zeigen, dass Jamal mehr drauf hat als sein Liebling Hakeem. Es macht einfach Spaß, Taraji P. Henson dabei zuzusehen, wie sie ihre Rolle als Cookie Lyon genießt – für die sie völlig verdient einen Golden Globe gewonnen hat und zweimal für den Critics Choice Award als beste Darstellerin in einer Dramaserie nominiert wurde.

Empire:  Lucious und Hakeem (Bryshere Y. Gray) Bild via fox.com

Empire: Lucious und Hakeem (Bryshere Y. Gray)
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Und natürlich gibt es viel Musik – den Soundtrack zur ersten Staffel hat die Produzenten-Legende Timbaland geliefert. Wenn man diese Musik mag, lohnt es sich, diese Serie allein deshalb anzusehen, auch wenn es wenig echten Hip-Hop gibt, dafür aber eine Menge interessanter Remixe von bekannten Songs. Es ist ein bisschen wie bei Treme, wo die Musik auch einen breiten Raum einnimmt, nur in dem Fall New-Orleans-Jazz, hier ist es halt R&B und massentauglicher Rap. Und wie bei Treme gibt es auch eine Reihe von Gastauftritten – so spielt Courtney Love den abgehalfterten Empire-Star Elle Dallas, der von Cookie nach Jahren wieder aus der Versenkung geholt und zu einem Comeback überredet wird. Naomi Campbell tritt als Designerin Camilla Marks auf, die sich an den kleinen Hakeem heranmacht, was weder Lucious noch Cookie gefällt. Aber es treten auch Snoop Dogg, Gladys Knight oder Patti LaBelle als sie selbst auf.

Empire:  Andre (Trai Byers) und Rhonda (Kaitlin Doubleday) Bild via fox.com

Empire: Andre (Trai Byers) und Rhonda (Kaitlin Doubleday)
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In den USA entwickelte sich Empire zu einem veritablen Straßenfeger, der mit jeder weiteren Folge mehr Zuschauer gewinnen konnte. In Deutschland lief Empire auf ProSieben, wo sich allerdings kaum jemand dafür interessierte. Was unter anderem daran liegen könnte, dass es hier halt nicht so viele Afroamerikaner gibt, die sich freuen, dass es endlich einmal eine Serie gibt, deren Protagonisten Afroamerikaner sind, die zu den oberen Zehntausend in den USA gehören. Und Black Musik ist hierzulande ja auch eher eine Spartenveranstaltung.

Vor allem aber sieht sich der wahre Serienjunkie heutzutage keine Serie mehr auf einem TV-Sender an, bei dem man jeweils eine Woche warten muss, um wieder ein von Werbeunterbrechungen durchsetztes Handlungshäppchen vorgesetzt bekommen. Die Zeiten sind vorbei – das hat auch das grandiose Quotendesaster mit Deutschland 83 gezeigt.

Empire:  Becky (Gabourey Sidibe), Lucious und Camilla (Naomi Campbell) Bild via fox.com

Empire: Becky (Gabourey Sidibe), Lucious und Camilla (Naomi Campbell)
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zer0-day.avi: So sieht also eine Revolution aus

Nachdem USA Network die Mr-Robot-Fans eine weitere Woche auf die Folter gespannt hat, konnte ich das Staffelfinale nun endlich sehen – und die Serie bleibt sich treu: Natürlich passiert, was passieren muss, aber gleichzeitig kommt alles irgendwie anders als erwartet. In eps1.9_zer0-day.avi begegnen wir am Anfang einem alten Bekannten wieder – eben jenem Fremdgänger, der durch Elliots Intervention in der ersten Folge nicht nur seine Affäre Krista und seinen Hund Flipper, sondern wie wir jetzt erfahren, auch Frau und Kind verloren hat.

Screenshot Mr. Robot: Krista (Gloria Reuben)

Screenshot Mr. Robot: Krista (Gloria Reuben)

Hier greifen die Serien-Macher den Ashley-Madison-Hack auf, der auch explizit genannt wird. Michael oder Lenny, wie er wirklich heißt, ist einer der betroffenen Nutzer des Dating-Portals, dessen Daten geleakt wurden. Seine Frau hat daraufhin die Scheidung eingereicht hat. Lenny will sich aber nicht kampflos ergeben – er war bereits bei der Polizei und hat dort alles, was er über den Hacker Elliot Alderson weiß, zu Protokoll gegeben. Die Cyber-Einheit habe nach wochenlanger Recherche etwas gefunden, wenn auch nicht sehr viel, weil Elliot eben sehr gut in dem ist, was er da tut. Aber er war mit dem Hund beim Tierarzt – und Flippers Chip ist registriert. Hat der sonst so schlaue und vorsichtige Elliot hier tatsächlich einen Fehler gemacht?

Screenshot Mr. Robot: Elliot (Rami Malek)

Screenshot Mr. Robot: Elliot (Rami Malek)

Jedenfalls bittet Lenny Krista, ihm dabei zu helfen, Elliot ranzukriegen. Elliot sei doch bei ihr in der Praxis gewesen und müsse irgendwas erzählt haben. Wir wissen, dass Elliot Krista sehr viel mehr erzählt hat, als sie überhaupt hören wollte – aber gegenüber ihrem untreuen Ex-Lover gibt sie nichts preis: Elliot habe ihr gar nichts über seine Hacks verraten. Und Lenny solle sie nie, nie wieder anrufen.

Elliot selbst wacht sichtlich angeschlagen zwei Tage nach Tag Null in dem schwarzen Van von Tyrell Wellick auf. Er kann sich an nichts erinnern und Tyrell Wellick ist verschwunden. Die Nachrichten werden von einem Thema beherrscht: Den Angriff von fsociety auf das Finanzsystem und die daraus resultierenden Krisen – es gibt die bekannten Bilder von Demonstrationen in Griechenland, Spanien und so weiter, dazu aber auch eine Menge Menschen, die mit Plakaten und fsociety-Masken auf den New Yorker Straßen demonstrieren. Die Kreditkartensysteme funktionieren nicht mehr, bezahlt werden kann nur noch mit Bargeld und ein Evil-Corp-Manager erschießt sich vor laufender Kamera während eines Interviews.

Screenshot Mr. Robot: James Plouffe (Richard Bekins)

Screenshot Mr. Robot: James Plouffe (Richard Bekins)

Screenshot Mr. Robot: Angela (Portia Doubleday)

Screenshot Mr. Robot: Angela (Portia Doubleday)

Screenshot Mr. Robot: James Plouffe (Richard Bekins)

Screenshot Mr. Robot: James Plouffe (Richard Bekins)

Das war eben jene Szene, die man nach dem Attentat auf die Journalisten in der vergangenen Woche nicht hatte zeigen wollen. Der Mann wurde durch die Interviewerin aufgefordert, den Menschen doch bitte die Wahrheit zu sagen – und er denkt kurz nach und sagt dann, ja, die Leute müssten sich ernsthaft Sorgen machen, er habe mit seinem Team das ganze Wochenende versucht, irgendetwas zu tun, um den Schaden durch den Angriff von fsociety in den Griff zu bekommen – aber da sei nichts zu reparieren. Alle fünf Datenzentren in den USA und das Backup-Zentrum in China seien zerstört worden und seine Zukunft sowieso: Es wurden nicht nur alle Schulden, sondern auch alle Guthaben gelöscht.

Screenshot Mr. Robot: Gideon (Michel Gill)

Screenshot Mr. Robot: Gideon (Michel Gill)

Das Pikanteste an der Sache ist aber, dass Angela offenbar auf Terry Colby gehört und den lukrativen Job bei Evil Corp angetreten hat – sie ist die neue Assistentin von eben jenem Mann, der sich vor ihren Augen erschossen hat. Evil Corp CEO Phillip Price gibt Angela Geld für neue Schuhe – denn ihre alten sind blutbespritzt. Auch für Allsafe sieht es düster aus – die Finanzchefin erklärt Gideon, dass Allsafe kaum noch Umsätze macht und die laufenden Kosten längst nicht mehr bestreiten kann, und er den Leuten besser sagen solle, dass sie sich neue Jobs suchen müssen. Eine gute Sache wäre da aber doch: Er hätte keine auch Schulden mehr.

Screenshot Mr. Robot: Elliot (Rami Malek)

Screenshot Mr. Robot: Elliot (Rami Malek)

Währenddessen räumen Darlene, Trenton, Mobley und Romero auf, um ihre Spuren zu verwischen – sie sind sauer auf Elliot, weil er den großen Augenblick nicht mit ihnen geteilt hat und seit Tagen spurlos verschwunden ist. Immerhin: Der Hack war erfolgreich, ihre Arbeit hat sich also gelohnt. Zum Abschied laden sie zur Weltuntergangsparty in die Arcade ein – durch die vielen Menschen werden ihre Spuren kaum noch zu finden sein. Als Elliot schließlich doch auftaucht, wird seine Verwirrung noch viel größer – er kann sich einfach nicht daran erinnern, was er getan haben soll. Denn eigentlich wollte er das doch gar nicht. „I told you we shouldn’t have done this!“ sagt er zu Darlene, bevor er wieder verschwindet.

Screenshot Mr. Robot: Mr. Robot (Christian Slater)

Screenshot Mr. Robot: Mr. Robot (Christian Slater)

Er will Mr. Robot finden: Der muss doch wissen, was passiert ist. Aber wie kommt er an ihn ran? Es bleibt beim Katz-und-Maus-Spiel mit Mr. Robot – oder eben von Elliot mit Elliot: Er ist nun mal verrückt. Nur ein Verrückter will die Welt retten. Die ohnehin unrettbar ist: „We live in a kingdom of bullshit“, erklärt Mr. Robot, der sich schließlich doch herbeizwingen lässt, als Elliot drauf und dran ist, sich der Polizei zu stellen, was er im letzten Moment verhindern muss. „A kingdom you’ve lived in for far too long.“ Und deshalb solle Elliot ihm jetzt nicht erzählen, dass er nicht real sei.

Screenshot Mr. Robot:  Elliot (Aidan Liebman) Elliots Mutter (Vaishnavi Sharma)

Screenshot Mr. Robot: Elliot (Aidan Liebman) Elliots Mutter (Vaishnavi Sharma)


Elliots ganze Familie ist plötzlich da, Vater, Mutter und Klein-Elliot. Als Elliot sie anbrüllt, dass sie verschwinden sollen, denken sie gar nicht daran: Sie seien doch seinetwegen da, weil er in seinen ganzen einsamen, traurigen Nächten geweint und darum gebeten habe, dass sie ihm helfen mögen. Er könne sie nicht verlassen, und sie könnten ihn nicht verlassen, sie seien immer da, ganz tief in ihm drin. Elliot solle jetzt einfach nach Hause gehen, sich an seinen Computer setzen und sich an dem wunderschönen Gemetzel erfreuen, das sie alle zusammen angerichtet hätten.
Screenshot Mr. Robot: Whiterose (BD Wong)

Screenshot Mr. Robot: Whiterose (BD Wong)

Und wer dann beim Abspann nicht die Nerven verliert, wird noch mit einer schönen Bonusszene erfreut, in der Phillip Price in seinem noblen Anwesen auf Whiterose trifft, die sich allerdings als chinesischer Businessman verkleidet hat.

Danach kann man sich fühlen, wie Elliot aussieht, als er mit der U-Bahn nach Hause fährt: Jetzt wird es fast ein Jahr dauern, bis es wieder neue Mr-Robot-Folgen gibt.

Screenshot Mr. Robot: Ungefähr so fühle ich mich jetzt auch...

Screenshot Mr. Robot: Ungefähr so fühle ich mich jetzt auch…

Alles in allem bin ich mit der Staffel sehr zufrieden – es ist natürlich auch ein geschickter Zug den Autoren, sich im Finale nach dem großen Hack auf Elliots Psychoprobleme zu konzentrieren, anstatt sich an den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen abzuarbeiten, die durch einen dermaßen radikalen Eingriff in die Wirtschafts- und Finanzstruktur zwangsläufig in Gang gesetzt werden – und im wahren Leben frustrierenderweise eben nicht in eine Revolution münden würden, als deren Ergebnis eine wirklich bessere Gesellschaft entstünde, in der die Leute nicht mehr gezwungen werden, ihre Zeit mit einem blöden Geldjob totzuschlagen, statt sich wichtigeren und schöneren Dingen des Lebens zu widmen.

Anderseits wäre aber das genau doch noch viel interessanter: Was passiert denn nun mit einer Gesellschaft, die durch ein paar fsociety-Hacker in eine existenzielle Krise gestürzt wird? Da hätte ich in den kommenden Staffeln dann doch gerne ein paar Antworten, die nicht erschöpfend sein müssen, aber doch wenigstens etwas darüber verraten sollten, wie genau sich fsociety und ihre Schöpfer eine bessere Gesellschaft überhaupt vorstellen.

Screenshot Mr. Robot: Elliot (Rami Malek)

Screenshot Mr. Robot: Elliot (Rami Malek)

Screenshot Mr. Robot: Elliot (Rami Malek)

Screenshot Mr. Robot: Elliot (Rami Malek)

Treme – Überleben mit Musik

In meinem Blog ist die Rubrik Verbrechen eindeutig überrepräsentiert – was daran liegt, dass ich nun einmal am liebsten Krimiserien anschaue. Es gibt aber natürlich auch einige Drama-Serien, die sehr, sehr gut sind – und eine meiner absoluten Lieblingsserien in diesem Bereich ist Treme.

Tremé ist ein altes Viertel von New Orleans – und insofern ist die Sache selbsterklärend: Die Serie handelt von Bewohnern dieser Nachbarschaft. Die Handlung setzt drei Monate nach der Zerstörung der Stadt durch den Hurrikan Katrina im Jahr 2005 ein und begleitet die Menschen, die versuchen, inmitten der Verwüstung wieder Fuß zu fassen bzw. sich ein neues Leben aufzubauen.

Treme (via hbo.com)

Treme (via hbo.com)

Natürlich geht es auch um das besondere Lebensgefühl in New Orleans – einer eben nicht typisch US-amerikanischen Stadt, sondern einer, in der sowohl die europäischen, als auch die afrikanischen Wurzeln ihrer Kultur noch deutlich zu erkennen sind. Viele der Bewohner haben französische Namen, sehr viele sind schwarz, viele sind Musiker, oder Menschen, die sich für Musik interessieren, und gutes Essen spielt auch eine Rolle. Außerdem kann man in New Orleans auch schon zum zweiten Frühstück etwas Alkoholisches trinken, ohne dass man allzugroßes Aufsehen erregt.

Aber natürlich geht es in Treme nicht in erster Linie um das gute Leben. Es geht um den Überlebenskampf von Menschen, die alles oder zumindest vieles verloren haben, es geht um die Frage, ob man bleibt oder geht, aufgibt oder kämpft – und zu kämpfen haben die Menschen nicht nur mit dem Verlust von geliebten Menschen und ihren Häusern. Es geht in der Serie auch um die Korruption in den Behörden, wodurch ein großer Teil der Hilfsgelder für den Wiederaufbau der Stadt in dunklen Kanälen versickert und um die Ungerechtigkeiten in der Strafjustiz – was durch die Ereignisse in Ferguson und anderswo derzeit neue Brisanz erhält.

Treme: Antoine Bastite

Treme: Antoine Bastite (Wendell Pierce)

HBO gab die Serie 2008 in Auftrag, Showrunner und Produzent war David Simons, der auch für The Corner, The Wire und Generation Kill verantwortlich ist. So war der aus The Wire bekannte Wendell Pierce der erste Schauspieler, der eine Rolle in Treme eine Rolle bekam. Pierce spielt den Posaunisten Antoine Batiste, sein The-Wire-Kollege Clarke Peters spielt Big Chief Lambreaux, den Häuptling eines Stammes von Mardi-Gras-Indians, der Vater des in der Szene bekannten Jazz-Trompeters Delmond Lambreaux ist.

Delmond (Rob Brown) hat sich eigentlich in New York eingerichtet und kommt eher widerwillig nach Hause, um seinem Vater zu helfen. Big Chief Lambreaux baut eigenhändig sein Haus wieder auf und verwendet ansonsten jede Minute darauf, ein neues Kostüm zu nähen – zu jedem Mardi Gras verlangt die Tradition eine aufwendige Ausstattung der Stammesfürsten mit viel Perlenstickerei und reichlich Federn. Delmond kann darüber nur den Kopf schütteln – bis er begreift, dass für seinen Vater ein tieferer Sinn darin liegt.

Treme: Big Chief Lambreaux in Aktion.

Treme: Big Chief Lambreaux (Clarke Peters) in Aktion.

Dann gibt es die Familie Bernette, bestehend aus dem Englisch-Professor Creighton Bernette (John Goodman), der sich mit Unterstützung seiner Tochter Sofia (India Ennenga) auf der neuen Plattform Youtube austobt, wo er in Videobeträgen die Zustände in seiner Stadt anprangert, seiner Frau Toni Bernette (Melissa Leo), die als engagierte Anwältin für die benachteiligten Bürger der Stadt kämpft und damit nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Tochter gefährdet. Und dann gibt es Sofia selbst, die sich einerseits sehr mit den News-Orleans-Traditionen identifiziert, die sie von ihren Eltern lernt, andererseits schwer daran zu tragen hat. Creighton hat feierlich geschworen, die Stadt niemals zu verlassen und arbeitet an einem Buch über die große Flut von 1927 – das nun nach Katrina gewiss Chancen auf dem Markt hätte. Wenn er es nur fertig bekäme.

Außerdem gibt es den erfolglosen weißen Musiker und Radiomoderator Davis MacAlary (Steve Zahn), der ebenfalls aus einer alteingesessenen Familie stammt, der wiederum mit der Köchin Janette Desautel (Kim Dickens) befreundet ist. Janette lebt für die gute und besondere Küche ihrer Stadt, hat aber große Probleme, ihr kleines Restaurant am Laufen zu halten. Womit es ihr kaum anders ergeht als der Exfrau von Antoine LaDonna Batiste-Williams (Khandi Alexander) , die eine Bar besitzt und sie unbedingt weiter betreiben will, obwohl sie nun mit einem Zahnarzt verheiratet ist, der sie zu überzeugen versucht, in Baton Rouge ein neues Leben anzufangen. Aber LaDonna kann sich nicht vorstellen, wo anders als in New Orleans zu leben. Außerdem sucht sie nach ihrem vermissten Bruder.

Durch die Stadt streunen auch das Musiker-Pärchen Sonny (Michael Huisman) und Annie (Lucia Micarelli). Annie hat Sonny aus Amsterdam mitgebracht, nachdem sie ihn dort beim Trampen kennenlernte. Sonny spielt Klavier, Annie Geige, die beiden halten sich mit Straßenmusik über Wasser und halten nach der großen Chance Ausschau. Während sich die begabte Annie für Cajun-Musik interessiert und hier auch erste Erfolge feiern kann, hat Sonny Drogenprobleme und wird schließlich von einem Freund gerettet, der ihm einen Job auf einem Krabbenkutter verschafft.

Treme: Sonny und Annie.

Treme: Sonny (Michiel Huismann) und Annie (Lucia Micarelli).


Und schließlich gibt es noch Lieutenant Terry Colson (David Morse), einen Polizisten, der auf seine Weise versucht, nicht nur auf den Straßen, sondern auch im korrupten Polizei-Apparat Ordnung zu schaffen, was ihm natürlich keine Freunde, sondern jede Menge Ärger einbringt. Trotzdem lässt er sich nicht unterkriegen und unterstützt auch immer wieder Toni Bernette bei ihrer Arbeit.

Es gibt drei Staffeln mit 11 bzw. 10 Teilen, die vierte und finale Staffel hat nur noch fünf Teile – was ich sehr schade fand, weil man doch sehr merkt, dass es hier in erster Linie darum geht, die vielen angefangenen Geschichten aus den Staffeln davor noch irgendwie halbwegs vernünftig zu Ende zu bringen – dadurch fehlt der Drive aus den Staffeln davor, in denen sehr viel mehr passiert.

Eine tragende Rolle spielt die Musik – auch wenn der typische New-Orleans-Jazz ist gewiss nicht jedermanns Sache ist. Mir hat aber sehr gut gefallen, dass die Macher der Serie sich getraut haben, der Musik so viel Raum zu geben – das fängt mit der ersten Second Line an, für die sich die Musiker drei Monate nach der großen Katastrophe im Treme zusammenfinden und geht vielen weiteren weiter – dazwischen gibt es Proben, große und kleine Gigs, Straßenmusik, Konzerte, Paraden, es treten eine ganze Reihe echter Musiker auf, etwa Elvis Costello, Allen Toussaint oder Dr. John.

Treme: Nach der Second Line - LaDonna und Toni

Treme: Nach der Second Line – LaDonna (Khandi Alexander) und Toni (Melissa Leo)

Andererseits ist durchaus noch eine Menge von The Wire spürbar – und in The Wire geht es ja auch nicht nur um Verbrechen, sondern auch um die Gründe dafür. Und auch wenn Treme ganz ausdrücklich keine Krimi-Serie ist, sondern ein mit viel Musik unterlegtes Sozialdrama, so dringen Verbrechen und Gewalt immer wieder in die Handlung ein – New Orleans ist nun einmal kein friedlicher Ort, sondern eine kaputte Stadt mit enormen Problemen, sehr viel Armut und sehr viel Kriminalität. Aber gleichzeitig leben die Leute hier sehr eng zusammen, man kennt sich, man hilft einander.

Treme besticht nicht durch Spannung und einen raffiniert gestrickten Plot – auch wenn es durchaus überraschende Wendungen gibt, sondern eher durch das Gegenteil: Die Serie fließt ruhig und mächtig wie der Mississippi durch die Stadt – man kann sich einfach treiben lassen und sich das Leben der Menschen dort ansehen.

Hannibal – eine Kochshow ganz neuen Typs

Zugegeben – ich habe eine ganze Weile gezögert, bevor ich mich an Hannibal gewagt habe. Denn gruselige Psychothriller wie Das Schweigen der Lämmer gehören nicht zu meinen Lieblingsfilmen. Auch wenn das vielleicht überraschend klingt, wo ich doch die ganze Palette skandinavischer Krimis hoch und runter sehe. Aber genau deshalb: Die US-Versionen von Psycho-Schockern sind mir oft zu abgedreht, zu grausam. Übertriebene Special Effects – ich will mir nicht jedes Mordopfer en detail auch noch von innen ansehen. Ich liebe Thriller, aber ich hab ein Problem mit Horror, um die Sache auf den Punkt zu bringen.

Und ich habe etwas gegen Psychopathen-Filme, die in den USA ja sehr beliebt sind. Je durchgeknallter und perverser der Psychopath ist, der in dem jeweiligen Film zur Strecke gebracht werden muss, desto besser: Der Psychopath als unmenschlicher Antiheld, der wegen seiner Raffinesse und Intelligenz dann doch wieder bewundert werden muss, obwohl (oder weil?) er ohne schlechtes Gewissen serienmäßig furchtbarste Verbrechen begeht – es wäre auch mal eine Untersuchung wert, was das eigentlich über den geistigen Zustand der Leute sagt, die solche Filme machen und ansehen. Kleiner Exkurs: Mir fällt gerade ein französischer Thriller (Six Pack, aus dem Jahr 2000) ein, dessen Plot sich genau darum dreht: Perverse Serien-Killer sind ein Phänomen aus den USA, in Europa heutzutage eher unüblich. Also muss der Serien-Killer, der in Paris sein Unwesen treibt, ein Amerikaner sein…

Dabei werden die meisten Morde eben nicht von raffinierten Serien-Killern begangen, sondern von ganz gewöhnlichen Menschen – das alltägliche Drama eben: Beziehungsstress, verhängnisvolle Affären, Rache und Eifersucht, aber auch materielle Not, zur falschen Zeit am falschen Ort, die falschen Freunde, fatale Entscheidungen – das ist der Stoff aus dem meine Lieblingskrimis sind. Aber natürlich gibt es Ausnahmen.

HANNIBAL: SEASON ONE (Photo: Robert Trachtenberg/Sony Pictures Television/NBC via 1777.de)

HANNIBAL: SEASON ONE
(Photo: Robert Trachtenberg/Sony Pictures Television/NBC via 1777.de)

Hannibal ist eine solche. Hannibal ist Dexter für Intellektuelle – Dexter hab ich mir ja auch gern angesehen, der sympathische Serienkiller von nebenan, das fand ich durchaus mal eine erfrischende Idee für eine Serie – und die Macher von Dexter haben sich ja große Mühe gegeben, Dexters Verbrechen als moralisch vertretbar hinzudrehen: Dexter bringt ja nur üble Verbrecher um, die der Justiz durchs Netz gegangen sind und rettet damit jede Menge Menschenleben. Denn eigentlich ist Dexter bei all seiner Brillanz, die er als genialer Forensiker des Miami PD an den Tag legen darf, ein wirklich netter Kerl, der nur aufgrund eines schrecklichen Traumas den Drang zum Töten hat. Und den muss er ständig im Zwiegespräch mit seinem toten Adoptivvater rechtfertigen, der ihm beigebracht hat, diesen Drang zu kanalisieren, in dem er nur die Bösen umbringt. Dexter kann durchaus zwischen Gut und Böse unterscheiden und ist letztlich sehr moralisch unterwegs, auch wenn er eine, sagen wir – etwas alternative Moral hat.

Hannibal geht da noch weiter: Er hat keine Moral im herkömmlichen Sinne. Ihm ist völlig egal, ob seine Opfer gute oder schlechte Menschen sind, Hauptsache er bekommt von ihnen, was er gerade braucht: Eine Leber, die Nieren, das Herz oder auch eine schöne Beinscheibe für das nächste Festmal, das er für sich selbst oder auch für Freunde zubereitet – Dr. Hannibal Lecter ist nämlich ein leidenschaftlicher Koch und Feinschmecker mit ausgeprägtem Sinn für das Besondere. Überhaupt ist Dr. Lecter unendlich kultiviert – stets im edlen Dreiteiler mit perfekt abgestimmter Krawatte legt er Wert auf Höflichkeit und gute Manieren. Er war früher Chirurg, jetzt ist er Psychiater und er räumt ein, dass alle Psychiater selbst geistesgestört sind – er hat ebenfalls eine Therapeutin, Dr. Bedelia Du Maurier, die ihre Praxis eigentlich aufgeben hat, nachdem sie von einem ihrer Patienten angegriffen wurde. Sie empfängt nur noch ihren Kollegen Dr. Lecter, weil dieser beharrlich darauf besteht – und ja, weil er ebenso charmant wie unterhaltsam ist. Sie mag ihn, daran besteht kein Zweifel, auch wenn sie im Laufe der Zeit noch einen gewissen Verdacht entwickeln wird…

Natürlich braucht es für eine spannende Serie noch einen genialen Gegenpart – und den bekommt Hannibal mit Will Graham. Will Graham ist Dozent für Kriminal-Psychologie, der Vorlesungen für angehende FBI-Agenten hält und ebenfalls ein bisschen gestört – er hat Probleme mit sozialer Interaktion und lebt ganz anders als der sozial kompetente Dr. Lecter völlig zurückgezogen in einem einsamen Haus im Wald. Seine Freunde sind ein Rudel Hunde, Streuner, denen er ein neues Zuhause geschaffen hat. Mit Tieren kommt er besser klar, die wollen keine komplizierten Beziehungen. Wills liebstes Hobby ist das Fliegenfischen und er bastelt mit Hingabe Köder dafür.

Allerdings hat er ein für das FBI interessantes Talent: Er kann sich in Serienmörder einfühlen und auf diese Weise Morde exakt rekonstruieren – und somit wertvolle Hinweise auf die jeweiligen Eigenarten des Mörders liefern, was wiederum weitere Ermittlungen entscheidend voranbringt. Deshalb stellt der Direktor der Behavioral Analysis Unit des FBI, Jack Crawford, Will Graham als Profiler ein, obwohl er den strengen Auswahlkriterien des FBI nicht entspricht. Will selbst hält nicht so viel davon, weil er unter diesem Job leidet: Es ist ja auch wirklich verstörend, ständig die Verbrechen von anderen erleben zu müssen. Will ist so intelligent zu begreifen, dass sein Talent gefährlich ist und er fürchtet, dass er irgendwann nicht mehr zwischen dem, was er selbst tut und dem, was er durch seine ungewöhnliche Vorstellungskraft erlebt, unterscheiden kann. Auch die Psychologin Dr. Alana Bloom, die einerseits eine ehemalige Schülerin und gute Bekannte von Dr. Lecter ist, und andererseits schnell mehr als ein professionelles Interesse an Will Graham entwickelt, warnt Crawford davor, Will einzusetzen, weil er psychisch zu labil sei.

Für ein stets auf das Ungewöhnliche und Besondere begieriges, höchst manipulatives Superhirn wie Hannibal ist Will Graham also ein Leckerbissen, den er sich nicht entgehen lassen kann: Auf Alanas Vorschlag hin wird er so etwas wie Wills Psychiater – und Hannibal entwickelt durchaus freundschaftliche Gefühle für Will, weil er endlich jemanden gefunden hat, der ihm intellektuell ebenbürtig ist. Deshalb macht er Will klar, dass Jack Crawford ihn benutzt und damit psychisch zugrunde richtet. Andererseits fängt Hannibal an, Will die Verantwortung für seine eigenen Verbrechen, die er als Chesapeake-Ripper begeht, in die Schuhe zu schieben. Denn wie nicht anders zu erwarten war, kommt Will Hannibal allmählich auf die Schliche. Also zieht Hannibal die Notbremse und sorgt dafür, dass Will für Verbrechen, die Hannibal begangen hat, eingesperrt wird. Und der arme Will ist mittlerweile dermaßen verwirrt, dass er sich nicht mal sicher ist, dass er diese Verbrechen nicht begangen hat – und er bittet die wenigen Kolleginnen, die ihn noch besuchen kommen, darum, neue, nicht manipulierte Beweise zu finden – entweder für seine Schuld oder seine Unschuld. Natürlich kann Hannibal auch da nicht tatenlos zusehen…

Alles in allem ist die Handlung ein perfides Katz-und-Maus-Spiel mit zum Teil wirklich verstörenden, aber originellen Mordfällen – man muss erstmal auf die Idee kommen, Menschen an Pilze zu verfüttern. Gleichzeitig ist sie aber auch eine Satire auf die gehobene Kochsendung. Insgesamt ästhetisch dermaßen gut angerichtet, dass es tatsächlich ein gehobenes Vergnügen war, mir die erste Staffel quasi am Stück anzusehen und als Nachtisch auch gleich die zweite Staffel draufzulegen. Was natürlich vor allem einem fantastischen Mads Mikkelsen als Dr. Hannibal Lecter und einem nicht weniger beeindruckenden Hugh Dancy als Will Graham zu verdanken ist. Ausdrücklich loben muss ich auch die Musik – es gibt viel Klassik, natürlich liebt Hannibal die italienische Oper, aber er spielt auch Cembalo und Theremin. Insofern wird nicht nur kulinarisch, sondern auch musikalisch allerhand geboten – die Serie ist tatsächlich ein ästhetisches Meisterwerk, in dem alles stimmt: Immer wieder mit Liebe zum Detail komponierte Bilder, mit Sorgfalt arrangierte Interieurs, großartige Schauspieler, eine verzwickte Geschichte mit überraschenden Arabesken, eine perfekt darauf abgestimmte Musikuntermalung – doch, wenn Psychopathen auf eine solche Weise präsentiert werden, werde ich doch noch Fan des Psychopathenthrillers.

Weitere Eindrücke auf mariberlyn.tumlr.com.