Hannibal – eine Kochshow ganz neuen Typs

Zugegeben – ich habe eine ganze Weile gezögert, bevor ich mich an Hannibal gewagt habe. Denn gruselige Psychothriller wie Das Schweigen der Lämmer gehören nicht zu meinen Lieblingsfilmen. Auch wenn das vielleicht überraschend klingt, wo ich doch die ganze Palette skandinavischer Krimis hoch und runter sehe. Aber genau deshalb: Die US-Versionen von Psycho-Schockern sind mir oft zu abgedreht, zu grausam. Übertriebene Special Effects – ich will mir nicht jedes Mordopfer en detail auch noch von innen ansehen. Ich liebe Thriller, aber ich hab ein Problem mit Horror, um die Sache auf den Punkt zu bringen.

Und ich habe etwas gegen Psychopathen-Filme, die in den USA ja sehr beliebt sind. Je durchgeknallter und perverser der Psychopath ist, der in dem jeweiligen Film zur Strecke gebracht werden muss, desto besser: Der Psychopath als unmenschlicher Antiheld, der wegen seiner Raffinesse und Intelligenz dann doch wieder bewundert werden muss, obwohl (oder weil?) er ohne schlechtes Gewissen serienmäßig furchtbarste Verbrechen begeht – es wäre auch mal eine Untersuchung wert, was das eigentlich über den geistigen Zustand der Leute sagt, die solche Filme machen und ansehen. Kleiner Exkurs: Mir fällt gerade ein französischer Thriller (Six Pack, aus dem Jahr 2000) ein, dessen Plot sich genau darum dreht: Perverse Serien-Killer sind ein Phänomen aus den USA, in Europa heutzutage eher unüblich. Also muss der Serien-Killer, der in Paris sein Unwesen treibt, ein Amerikaner sein…

Dabei werden die meisten Morde eben nicht von raffinierten Serien-Killern begangen, sondern von ganz gewöhnlichen Menschen – das alltägliche Drama eben: Beziehungsstress, verhängnisvolle Affären, Rache und Eifersucht, aber auch materielle Not, zur falschen Zeit am falschen Ort, die falschen Freunde, fatale Entscheidungen – das ist der Stoff aus dem meine Lieblingskrimis sind. Aber natürlich gibt es Ausnahmen.

HANNIBAL: SEASON ONE (Photo: Robert Trachtenberg/Sony Pictures Television/NBC via 1777.de)

HANNIBAL: SEASON ONE
(Photo: Robert Trachtenberg/Sony Pictures Television/NBC via 1777.de)

Hannibal ist eine solche. Hannibal ist Dexter für Intellektuelle – Dexter hab ich mir ja auch gern angesehen, der sympathische Serienkiller von nebenan, das fand ich durchaus mal eine erfrischende Idee für eine Serie – und die Macher von Dexter haben sich ja große Mühe gegeben, Dexters Verbrechen als moralisch vertretbar hinzudrehen: Dexter bringt ja nur üble Verbrecher um, die der Justiz durchs Netz gegangen sind und rettet damit jede Menge Menschenleben. Denn eigentlich ist Dexter bei all seiner Brillanz, die er als genialer Forensiker des Miami PD an den Tag legen darf, ein wirklich netter Kerl, der nur aufgrund eines schrecklichen Traumas den Drang zum Töten hat. Und den muss er ständig im Zwiegespräch mit seinem toten Adoptivvater rechtfertigen, der ihm beigebracht hat, diesen Drang zu kanalisieren, in dem er nur die Bösen umbringt. Dexter kann durchaus zwischen Gut und Böse unterscheiden und ist letztlich sehr moralisch unterwegs, auch wenn er eine, sagen wir – etwas alternative Moral hat.

Hannibal geht da noch weiter: Er hat keine Moral im herkömmlichen Sinne. Ihm ist völlig egal, ob seine Opfer gute oder schlechte Menschen sind, Hauptsache er bekommt von ihnen, was er gerade braucht: Eine Leber, die Nieren, das Herz oder auch eine schöne Beinscheibe für das nächste Festmal, das er für sich selbst oder auch für Freunde zubereitet – Dr. Hannibal Lecter ist nämlich ein leidenschaftlicher Koch und Feinschmecker mit ausgeprägtem Sinn für das Besondere. Überhaupt ist Dr. Lecter unendlich kultiviert – stets im edlen Dreiteiler mit perfekt abgestimmter Krawatte legt er Wert auf Höflichkeit und gute Manieren. Er war früher Chirurg, jetzt ist er Psychiater und er räumt ein, dass alle Psychiater selbst geistesgestört sind – er hat ebenfalls eine Therapeutin, Dr. Bedelia Du Maurier, die ihre Praxis eigentlich aufgeben hat, nachdem sie von einem ihrer Patienten angegriffen wurde. Sie empfängt nur noch ihren Kollegen Dr. Lecter, weil dieser beharrlich darauf besteht – und ja, weil er ebenso charmant wie unterhaltsam ist. Sie mag ihn, daran besteht kein Zweifel, auch wenn sie im Laufe der Zeit noch einen gewissen Verdacht entwickeln wird…

Natürlich braucht es für eine spannende Serie noch einen genialen Gegenpart – und den bekommt Hannibal mit Will Graham. Will Graham ist Dozent für Kriminal-Psychologie, der Vorlesungen für angehende FBI-Agenten hält und ebenfalls ein bisschen gestört – er hat Probleme mit sozialer Interaktion und lebt ganz anders als der sozial kompetente Dr. Lecter völlig zurückgezogen in einem einsamen Haus im Wald. Seine Freunde sind ein Rudel Hunde, Streuner, denen er ein neues Zuhause geschaffen hat. Mit Tieren kommt er besser klar, die wollen keine komplizierten Beziehungen. Wills liebstes Hobby ist das Fliegenfischen und er bastelt mit Hingabe Köder dafür.

Allerdings hat er ein für das FBI interessantes Talent: Er kann sich in Serienmörder einfühlen und auf diese Weise Morde exakt rekonstruieren – und somit wertvolle Hinweise auf die jeweiligen Eigenarten des Mörders liefern, was wiederum weitere Ermittlungen entscheidend voranbringt. Deshalb stellt der Direktor der Behavioral Analysis Unit des FBI, Jack Crawford, Will Graham als Profiler ein, obwohl er den strengen Auswahlkriterien des FBI nicht entspricht. Will selbst hält nicht so viel davon, weil er unter diesem Job leidet: Es ist ja auch wirklich verstörend, ständig die Verbrechen von anderen erleben zu müssen. Will ist so intelligent zu begreifen, dass sein Talent gefährlich ist und er fürchtet, dass er irgendwann nicht mehr zwischen dem, was er selbst tut und dem, was er durch seine ungewöhnliche Vorstellungskraft erlebt, unterscheiden kann. Auch die Psychologin Dr. Alana Bloom, die einerseits eine ehemalige Schülerin und gute Bekannte von Dr. Lecter ist, und andererseits schnell mehr als ein professionelles Interesse an Will Graham entwickelt, warnt Crawford davor, Will einzusetzen, weil er psychisch zu labil sei.

Für ein stets auf das Ungewöhnliche und Besondere begieriges, höchst manipulatives Superhirn wie Hannibal ist Will Graham also ein Leckerbissen, den er sich nicht entgehen lassen kann: Auf Alanas Vorschlag hin wird er so etwas wie Wills Psychiater – und Hannibal entwickelt durchaus freundschaftliche Gefühle für Will, weil er endlich jemanden gefunden hat, der ihm intellektuell ebenbürtig ist. Deshalb macht er Will klar, dass Jack Crawford ihn benutzt und damit psychisch zugrunde richtet. Andererseits fängt Hannibal an, Will die Verantwortung für seine eigenen Verbrechen, die er als Chesapeake-Ripper begeht, in die Schuhe zu schieben. Denn wie nicht anders zu erwarten war, kommt Will Hannibal allmählich auf die Schliche. Also zieht Hannibal die Notbremse und sorgt dafür, dass Will für Verbrechen, die Hannibal begangen hat, eingesperrt wird. Und der arme Will ist mittlerweile dermaßen verwirrt, dass er sich nicht mal sicher ist, dass er diese Verbrechen nicht begangen hat – und er bittet die wenigen Kolleginnen, die ihn noch besuchen kommen, darum, neue, nicht manipulierte Beweise zu finden – entweder für seine Schuld oder seine Unschuld. Natürlich kann Hannibal auch da nicht tatenlos zusehen…

Alles in allem ist die Handlung ein perfides Katz-und-Maus-Spiel mit zum Teil wirklich verstörenden, aber originellen Mordfällen – man muss erstmal auf die Idee kommen, Menschen an Pilze zu verfüttern. Gleichzeitig ist sie aber auch eine Satire auf die gehobene Kochsendung. Insgesamt ästhetisch dermaßen gut angerichtet, dass es tatsächlich ein gehobenes Vergnügen war, mir die erste Staffel quasi am Stück anzusehen und als Nachtisch auch gleich die zweite Staffel draufzulegen. Was natürlich vor allem einem fantastischen Mads Mikkelsen als Dr. Hannibal Lecter und einem nicht weniger beeindruckenden Hugh Dancy als Will Graham zu verdanken ist. Ausdrücklich loben muss ich auch die Musik – es gibt viel Klassik, natürlich liebt Hannibal die italienische Oper, aber er spielt auch Cembalo und Theremin. Insofern wird nicht nur kulinarisch, sondern auch musikalisch allerhand geboten – die Serie ist tatsächlich ein ästhetisches Meisterwerk, in dem alles stimmt: Immer wieder mit Liebe zum Detail komponierte Bilder, mit Sorgfalt arrangierte Interieurs, großartige Schauspieler, eine verzwickte Geschichte mit überraschenden Arabesken, eine perfekt darauf abgestimmte Musikuntermalung – doch, wenn Psychopathen auf eine solche Weise präsentiert werden, werde ich doch noch Fan des Psychopathenthrillers.

Weitere Eindrücke auf mariberlyn.tumlr.com.

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Arne Dahl – Misterioso: Das A-Team auf schwedisch

Eine Serie von Attentaten, bei denen gezielt Männer aus der schwedischen Wirtschaftselite ermordet werden, erschüttert das Land. Die schwedische Polizei richtet eine Sonderermittlungsgruppe ein, in der sehr unterschiedliche Ermittler die Verbrechen mit offensichtlich internationalen Verwicklungen aufklären und weitere Anschläge verhindern sollen. Das in aller Eile zusammengewürfelte Team muss sich aber selbst erst einmal zusammen raufen, denn die Mitglieder sind zwar alle auf ihre Weise hervorragende Polizisten, aber nicht unbedingt die geborenen Teamplayer.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Gunnar und Jorge.

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Gunnar und Jorge.

Da ist zum einen der durch einen eigenmächtigen Einsatz mit Schusswaffengebrauch in Ungnade gefallene Paul Hjelm (Shanti Roney). Er hat einen verzweifelten Asylbewerber niedergeschossen, der seinerseits in der dafür zuständigen Behörde Mitarbeiter mit einem Gewehr bedroht hatte, um die drohende Abschiebung seiner Familie zu verhindern. Allerdings wird sich später bei der üblichen internen Untersuchung des Falles noch herausstellen, dass sein Verhalten als angemessen beurteilt wird – er hat den Mann nicht umgebracht und Gefahr von weiteren Personen abgewendet. Aber das weiß Hjelm noch nicht, was seine neue Chefin Jenny Hultin (Irene Lindh) durchaus für ihre Zwecke ausnutzt.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Jenny Hultin

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Jenny Hultin

Außerdem sind da noch die Verhörspezialistin Kerstin Holm (Malin Arvidsson), der alte Haudegen Viggo Norlander (Claes Ljungmark), der sich noch nicht zum alten Eisen abschieben lassen will und wild darauf ist, dem öden Innendienstleben zu entfliehen, der pragmatische Gunnar Nyberg (Magnus Samuelsson), der arrogante, aber brillante Aarto Söderstedt (Niklas Åkerfelt), der seine vielen Kinder der Einfachheit halber durchnummeriert („Papa, du hast die Nummer fünf vergessen!“) und der Computer- und Mafiaspezialist Jorge Chavez (Matias Varela), der sich außerdem noch als kenntnisreicher Jazzmusiker entpuppt. Mich hat allerdings anfangs sehr irritiert, dass Jorge Chavez ausgerechnet mit der Stimme von Frank Wagner aus GSI Göteborg spricht – Matias Varela ist nun mal ein ganz anderer Typ als Joel Kinnaman, den ich durch GSI mit der Stimme von Konstantin Graudus verbinde, obwohl ich die eigentlich etwas zu hoch und zu glatt für den oft zweifelnden und zunehmend verzweifelten Frank fand. Jetzt muss ich immer an Frank denken, wenn Jorge spricht.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Paul, Kerstin und Jorge

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Paul, Kerstin und Jorge

Die Idee, einen Fall über organisierte Kriminalität und internationale Verbrechen an einer Jazzrarität aufzuhängen, bekommt von mir einen ganzen Haufen Bonuspunkte – denn die an einem der Tatorte gefundene CD mit einem Stück von Thelonius Monk liefert am Ende die entscheidende Spur. Aber bis dahin gibt es eine Menge anderer Verwicklungen – da war zum Beispiel noch der rätselhafte Überfall auf eine Kleinstadt-Bank, bei dem einer der Bankräuber durch einen sehr speziellen Dartpfeil zu Tode kam, und natürlich haben die Ermittler auch Familien und entsprechende Beziehungsprobleme – oder leiden im Fall von Gunnar Nyberg darunter, dass sie keinen Kontakt mehr zur Familie haben.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Kerstin, Aarto, Viggo und Jorge

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Kerstin, Aarto, Viggo und Jorge

Alles in allem also wieder schwedische Krimikost vom Feinsten – mir gefällt, dass die unterschiedlichen Ermittler alle ihre Chance bekommen, auf ihre Weise zur Klärung des Falles beizutragen – auch wenn das nicht immer gut ausgeht. So hat Viggo („Das ist das altdänische Wort für Kämpfer!“) durchaus den richtigen Riecher, als er Jenny überzeugt, dass er unbedingt nach Estland fahren muss, um dort eine entsprechende Spur zu verfolgen. Allerdings nageln ihn die Verbrecher, denen er folgt, an eine altestnische Fabrikhallenwand – ein Glück nur, dass sein Freund und Kollege von der estnischen Polizei so etwas schon vorausgesehen hat, und ihn mit einem Polizeikommando da wieder rausholt, bevor noch Schlimmeres passiert.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Das A-Team im Einsatz

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Das A-Team im Einsatz

Mir gefällt auch, dass – wie in skandinavischen Serien generell – auch interessante Rollen für reifere Frauen gibt. Jenny Hultin ist nicht nur eine mit allen Wassern gewaschene, sondern auch eine extrem coole Polizei-Chefin – die im Laufe der weiteren Folgen noch sagen wird: „Polizeipräsidentin? Für den Job bin ich doch viel zu kompetent!“ Außerdem zeigt sie ihrem alten Freund vom FBI, wie ihre raffinierte kleine schwedische Sonderermittlungsgruppe mal eben einen Fall löst, an dem sich das FBI jahrzehntelang die Zähne ausgebissen hat.

Dass die schwedischen Krimis oft sehr international sind, ist auch etwas, das mir gut gefällt – in Deutschland haben wir ja eher den Trend zu Regionalisierung – es gibt inzwischen zum Teil gar nicht mal so schlechte Eifelkrimis – „Mord mit Aussicht“ ist nicht zufällig eine der meistgesehenen deutschen Fernsehserien überhaupt, auch wenn mir das alles viel zu beschaulich ist. Und es gibt mittlerweile eine kaum mehr zu überschauende Auswahl an Nordseekrimis, Allgäukrimis, Spreewaldkrimis und so weiter – selbst das alte Krimi-Flaggschiff Tatort wird immer provinzieller. Dabei sollte man doch annehmen, dass die Globalisierung eben auch zu Internationalisierung von Verbrechen führt – das kommt im deutschen Krimi aber immer weniger vor. Mir fällt seit dem leider ja nicht so wahnsinnig erfolgreichen, weil eben auch nicht so richtig guten, aber trotzdem doch ganz ordentlichen Zehnteiler Im Angesicht des Verbrechens von 2010 keine deutsche Krimi-Serie ein, in der internationales organisiertes Verbrechen eine Rolle spielen würde – wobei das doch genau die Verbrechen sind, bei den es zum einen ums ganz große Geld geht und zum anderen eben auch um richtig schlimme Dinge: Drogenhandel, Waffenhandel, Menschenhandel, Zwangsprostitution, Missbrauch aller Art, Geldwäsche und so weiter – aber offenbar will sich kein deutscher Serienproduzent an solchen Dingen die Finger verbrennen. Das ist einerseits sehr schade, andererseits gibt es ja die Schweden.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Paul Hjelm.

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Paul Hjelm.

Aus meiner Reihe Lieblingsfilme: Winterschläfer

Mit seinem Film Winterschläfer hat Tom Tykwer im Jahr 1997 den Heimatfilm neu definiert: Winterschläfer ist ein grandioses Bergdrama, in dem es um schicksalhafte Verstrickung und um Schuld geht. Im Mittelpunkt stehen die Krankenschwester Laura (Marie-Lou Sellem), die Übersetzerin Rebecca (Floriane Daniel), der Filmvorführer Rene (Ulrich Matthes), der Skilehrer Marco (Heino Ferch), der der Freund von Rebecca (und ein ziemliches Arschloch) ist und der Bauer Theo (Josef Bierbichler). Ihre Wege kreuzen sich in einem verschneiten kleinen Winterurlaubsort in den bayrischen Alpen. Laura (bevorzugt in Grün) und Rebecca (bevorzugt in Rot) leben dort zusammen in einem mit Kuriositäten aller Art vollgestopften alten Haus, das Laura von einer Tante geerbt hat.

Screenshot Winterschläfer

Screenshot Winterschläfer

In der Nähe des Ortes wohnt Theo mit seiner Familie. Es läuft nicht gut für Theo, der Hof wirft nicht genug ab und jetzt ist auch noch das Pferd krank. Er will es zum Tierarzt bringen und bemerkt nicht, wie sich seine Tochter in den Anhänger schleicht. Sie fürchtet, sicherlich nicht zu unrecht, dass Lissy sonst nicht wieder kommen wird.

Währenddessen fährt Marco mit seinem Alfa Romeo (der eigentlich einer anderen Freundin gehört) bei Rebecca vor – die ihn so sehnsüchtig begrüßt, dass er die Schlüssel im Zündschloss stecken lässt. Wenig später kommt Rene vorbei, der gerade eine durchzechte Nacht im Sleepers hinter sich hat und in seinem Dusel beschließt, mit dem schicken Flitzer eine Spritztour zu machen.

Winterschläfer: Rebecca und Laura

Winterschläfer: Rebecca und Laura – Bild via http://www.tomtykwer.de/

Auf der winterlichen Landstraße wird Theo durch das Funkgerät seiner Söhne ablenkt, das unter den Autositz gefallen ist – er kann gerade noch die Kollision mit dem entgegenkommenden Sportwagen verhindern. Sein Wagen überschlägt sich, der Pferdeanhänger kippt um. Rene kommt mit dem Alfa Romeo von der Straße ab und landet in einer Schneewehe. Er kann sich unverletzt aus dem Wagen befreien und geht unter Schock nach Hause. An den Unfall kann er sich später nicht mehr erinnern – wie auch an vieles andere nicht, denn Rene hat seit einem Unfall Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis. Deshalb hat er ständig eine Kamera dabei und fotografiert alles, um sich später erinnern zu können. Aber ausgerechnet jetzt hat er kein Bild gemacht.

Screenshot Winterschläfer: Theo und seine Tochter

Screenshot Winterschläfer: Theo und seine Tochter

Als Theo wieder zu sich kommt, kann er sich nur noch an ein kurioses Detail erinnern, das er nicht einordnen kann. Er erschießt das verletzte Pferd und findet seiner Tochter im Schnee, die aus dem Anhänger geschleudert wurde und schwer verletzt ist. Die Ärzte kämpfen in dem kleinen Krankenhaus des Ortes noch um ihr Leben, sie stirbt aber nach einigen Tagen im Koma. Theo ist entschlossen, den Fahrer des Wagens zu finden, der den Tod seiner Tochter verschuldet hat. Während seine Familie den Hof aufgeben muss und in ein kleineres Haus umzieht, wird die Suche nach dem Mörder seiner Tochter zu seiner Passion.

Der nichtsahnende Rene verliebt sich unterdessen in die Krankenschwester Laura, die nebenbei auch noch in einer Laiengruppe Theater spielt. Die Aufführung des Theaterstücks geht gründlich schief, weil die Hauptdarstellerin Laura völlig neben der Spur ist. Nur wenige Stunden zuvor musste sie bei der Operation von Theos Tochter assistieren, obwohl sie dafür noch gar nicht ausgebildet ist.

Rebecca dagegen ist mit ihrer Beziehung mit dem eifersüchtigen und egoistischen Marco unzufrieden – insbesondere, als Marco auch noch bei ihr und Laura einziehen will, um Geld zu sparen. Marco fängt etwas mit Nina an, einer seiner Skischülerinnnen.

Screenshot Winterschläfer: Rene und Marco

Winterschläfer: Rene und Marco – Bild via http://www.tomtykwer.de/

Nachdem es einige Tage lang Tauwetter gegeben hat, findet Theo den Alfa Romeo – und kommt durch die im Wagen liegenden Papiere auf Marco. Theo kann ja nicht wissen, dass nicht Marco, sondern Rene den Wagen gefahren hat. Für Theo ist Marco der Schuldige. Theo versucht, Marco ausfindig zu machen und erfährt, dass er mit Nina auf dem Berg Ski fahren ist. Die beiden sind in dichten Nebel geraten und haben sich verloren. Während Marco auf der Suche nach Nina ist, die einen Abhang hinuntergestürzt ist und sich dabei verletzt hat, trifft er auf Theo, der seinen Hund auf ihn hetzt. Marco erschlägt den Hund in Notwehr und flüchtet vor Theo, der ihm hinterher brüllt: „Du hast sie getötet!“

Marco glaubt daraufhin, dass Theo Nina gefunden habe und er schuld an ihrem Tod sei. Tatsächlich hat sich Nina aber nur am Arm verletzt und zufällig das Haus von Theos Familie gefunden. Dort wird wie von Theos Frau versorgt – wovon aber weder Theo noch Marco etwas wissen. Verzweifelt schnallt sich Marco seine Skier an und fährt los – jetzt kommt eine rasante Abfahrt und Marcos schier endloser Sturz ins Leere – im Kino war das damals ein echter Schocker, ich kann mich noch erinnern, wie ich auf wackeligen Beinen aus der Vorstellung gewankt bin, auch wenn es als versöhnliches Ende nach Marcos Tod noch die Geburt des Kindes von Laura und Rene gibt.

Screenshot Winterschläfer: Marcos Sturzflug

Screenshot Winterschläfer: Marcos Sturzflug

Für mich ist Winterschläfer der beste Film von Tom Tykwer – er ist melancholisch und subtil, findet großartige Bilder und verweigert sich üblichen Gut-Böse-Zuordnungen von Handlungen und Charakteren. Es ist ja auch im wahren Leben nicht so einfach. Für den Sog, den die Geschichte entwickelt, sorgen nicht nur die Bilder, sondern auch die fantastische Film-Musik – vom nervösen, aber gleichzeitig mitreißenden Grundton des Titelstücks von Reinhold Heil über sentimentalen Gitarrenrock („Untitled #1“ von der erstaunlich unbekannten amerikanischen Band Spain) bis hin zu den etwas spröden Hymnen des estnischen Komponisten Arvo Pärt, dessen „Fratres“ nicht nur zu der Landschaft aus Fels und Eis, sondern auch zu den widersprüchlichen Emotionen passen.

Okay, Das Parfum findet ich auch grandios, der Film spielt aber als internationale Produktion ohnehin in einer anderen Liga, genau wie The International, von dem ich aber ein wenig enttäuscht war, oder Der Wolkenatlas, von dem ich immer noch nicht sicher bin, ob das nun ganz großes Kino ist oder doch nur ein Sammelsurium angerissener Geschichten, von denen ich bei jeder einzelnen zu gern gewusst hätte, wie sie denn weiter gegangen wäre.

Bei Winterschläfer bin ich mir dagegen völlig sicher: Das ist einer der richtig guten deutschen Filme der 90er Jahre.

The Sound of Noise – alles ist Musik

Ich bin wirklich keine ausgesprochene Freundin von Musikfilmen. Aber einige wirklich gute gibt es doch. Ich meine dabei ausdrücklich nicht dieses ganze Saturdaynight-Fever-Footlose-Flashdance-Zeug. Das interessierte mich nicht mal als Teenie und die Musik fand ich damals schon richtig scheiße. Aber es gab immerhin Blues Brothers! Oder Leningrad Cowboys Go America. Oder Aprile von Nanni Moretti, der ja kein Musik-Film im eigentliche Sinne ist, auch wenn Nanni Moretti darin beschreibt, dass er wahnsinnig gern einen Musik-Film im Stil der 50er Jahre machen würde, statt diesen Politfilm gegen Berlusconi, den er aber seiner inneren Stimme folgend eigentlich machen muss. Immerhin: Nuria Schoenberg spielt darin mit, die Tochter des Komponisten Arnold Schoenberg und Witwe von Luigi Nono, der neben Karlheinz Stockhausen und Pierre Boulez ein führender Vertreter der Neuen Seriellen Musik war.

Und dann gibt es auch noch das britische Bergarbeiter-Kapellen-Drama Brassed off und die ein wenig zu sozialkitschige Musik-Doku Buena Vista Social Club und schließlich natürlich den besten aller Musikfilme, The Sound of Noise. Damit sind wir schon wieder in Schweden, aber ich kann nichts dafür, dass diese Nordländer so kreativ sind.

The Sound of Noise handelt von sechs fanatischen Musikern, die (auch im richtigen Leben) in erster Linie Schlagzeug, aber zusätzlich so ziemlich alles bespielen – zum Schluss sogar eine ganze Stadt. Es spielt, das ist bei schwedische Filmen offenbar nicht zu vermeiden, auch ein besessener Polizist mit. In diesem Fall fatal: Amadeus Warnebring (Bengt Nilsson) hasst Musik. Seine Mutter war Pianistin, sein Bruder ist ein gefeierter Dirigent, ein furchtbar arroganter Schnösel ganz nebenbei, aber Amadeus hat es überhaupt nicht mit Musik. Was einen auch nicht wundert, wenn man der klassischen Langeweile seines Bruders ausgesetzt ist.

Warnebring nimmt den Kampf gegen die Musik-Terroristen auf, die das Land mit einer beispiellosen Serie von spektakulären Überfällen überziehen. Sie brechen etwa in ein Krankenhaus ein, um einen Operationssaal samt Patienten zu bespielen, sie überfallen eine Bank, „bleiben Sie ruhig, das ist ein Gig!“, aber nicht um Geld zu stehlen, sondern es im richtigen Takt durch den Schredder zu jagen, die entsetzten Schreie der Bankangestellten gehören genauso zur Aufführung wie das Klackern der Stempel und das Klimpern der Münzen. Rätselhaft an diesen Überfällen: Es bleibt stets ein Metronom am Tatort zurück. Für Warnebring ist die Sache klar – das sind keine Verbrecher. Schlimmer noch: Es sind Musiker!

Schließlich zerlegen die Überzeugungstäter der konkreten Musik mit Baustellenfahrzeugen den Platz vor dem Konzerthaus in Göteborg, gerade als Amadeus ein Konzert erleiden muss, das sein Bruder dirigiert. Es passiert aber etwas Unerwartetes: Ausgerechnet die Musik-Anarchos erlösen Warnebring von dem, was er so hasst: Alles, was sie einmal bespielt haben, kann oder vielmehr muss Amadeus nicht mehr hören. Und so findet er ihren Plan, ein Elektrizitätswerk zu bespielen, gar nicht mal so schlecht – er setzt sich sogar hin, um eigenhändig eine Partitur für die ganze Stadt zu schreiben, auch wenn er keine Ahnung davon hat: „Ist das Musik?“ fragt er einen der Terror-Musiker. „Das schon, aber es ist unheimlich schlecht!“ Egal, er zwingt die Bande mit vorgehaltener Pistole zum Spielen, um danach endlich für immer seine Ruhe zu haben. Herrlich schräger Film von Ola Simonsson und Johannes Stjärne Nilsson. Ein unbedingtes Muss für alle, die sich Haydns Sinfonie mit dem Paukenschlag auch nicht freiwillig reinziehen würden.

Heute mal Musik

Heute mal was über Musik. Konkreter: Meine Alltime-Favorits:

The Doors. Die beste Band der Rockgeschichte, ganz klar und immer wieder. Ja, es gibt auch ein paar ganz anständige Songs von den Beatles oder von den Stones. Aber von den Doors ist jeder Song gut. Und nicht nur wegen der sexy Stimme von Jim Morrison. Ray Manzareks Orgel – der mit der linken Hand den fehlenden Bassisten ersetzte – die Gitarre von Robby Krieger und nicht zuletzt die Schlagzeugkünste von John Densmore – die Jungs haben einfach tolle Musik gemacht. Schade, dass die Doors heute in erster Linie dafür bekannt sind, dass ihr Sänger sich im zarten Alter von 27 Jahren zu Tode gesoffen hat. Wo wir schon beim 27er-Club sind – ja, ich höre gelegentlich auch Amy Winehouse oder Nirvana. Mit Jimi Hendrix und Janis Joplin konnte ich dagegen nie so richtig was anfangen.

Aber ich habe nicht nur alten Kram gehört. Sondern auch durchaus zeitgenössische, also 80er-Jahren Musik. The Cure. The Smith. The Sisters of Mercy. Also The Trees. Depeche Mode. Some Great Reward war einfach der Kracher, das ganze Album. Black Celebration war auch noch ziemlich gut, auch Musik for the Masses. Aber dann… ja, die machen immer noch mal wieder ein Album und erstaunlicherweise klingt es jedes Mal wieder wie ein Depeche-Mode-Album. Aber mit denen ist es inzwischen genau so, wie ich vor einiger Zeit über die Red Rot Chili Peppers las: Sie sind noch immer gut, aber inzwischen hören sie sich an wie eine ambitionierte Red-Hot-Chili-Coverband. Das gilt leider auch für Depeche Mode.

Insofern ist es gar nicht schlecht, dass es manche Bands nicht mehr gibt, etwa Noir Désir, die ich auch ganz großartig finde. Eine andere großartige Band, die es allerdings noch gibt und die erstaunlicherweise total verlässlich immer wieder gute Alben herausbringt, sind die Aeronauten. In dem Zusammenhang kann natürlich das Soloprojekt Guz des Aeronauten-Sängers Olifr nicht unerwähnt bleiben. Aber das ist für einen ersten Artikel schon ganz schön viel Stoff.