Opfer Nummer Acht

Den schönen warmen Sommer über gab es genügend andere Dinge zu tun, als Serien zu sehen. Doch nachdem das Wetter nach dem letzten heißen Wochenende plötzlich wieder normal geworden ist, gab es einige kühle Abende, so dass ich mich tatsächlich nach einer neuen Serie umgesehen habe. Und ich fand La victima número 8, einen spanischen Achtteiler, den es auf Netflix zu sehen gibt. Ausschlaggebend für meine Wahl war unter anderem, dass die Serie in Bilbao spielt. Da wollte ich schon immer einmal hin. Die Handlung greift die Terroranschläge in Nizza, Berlin und Barcelona auf, bei denen islamistische Attentäter mit Lastwagen zahlreiche Menschen töteten und verletzten. 

In der Serie fährt ein angeblich islamistischer Attentäter mit einem Kleinbus in eine Menschenmenge vor einem bekannten Café in Bilbao. Acht Menschen sterben, darunter auch Gorka Azkárate, der Erbe des Großunternehmers José Maria Azkárate (Alfonso Torrègrosa). Der Täter ist angeblich Omar Jamal Salama (César Mateo), ältester Sohn einer in Bilbao hervorragend integrierten arabischen Familie. Ausgerechnet an dem Abend, an dem seine Freundin Edurne (Maria de Nati)  Omar ihren Eltern vorstellen wollte, kommt er nicht. Das Essen wird kalt, die Eltern ungeduldig, Edurne kann ihren Freund per Handy nicht erreichen. Dann die schreckliche Nachricht im Fernsehen: Es hat einen Anschlag gegeben. Und Omar soll der Täter sein.

La victima número 8 Bild: Telemadrid

La victima número 8 Bild: Telemadrid

Edurne, ein anständiges Mädchen aus gutem Haus, die als Krankenschwester in einer Klinik arbeitet, ist fest von der Unschuld ihres Freundes überzeugt. Genau wie Omars Mutter Adila Salama (Farah Amed). Sie werden beide hart auf die Probe gestellt.

Ja, ich weiß, ich spoilere zu viel. Aber in diesem Fall geht es nicht anders. Denn selbstverständlich handelt es sich bei der schrecklichen Tat nicht um einen weiteren Terroranschlag, sondern um einen gut getarnten Mord, an dessen Vertuschung ein wichtiger Teil der zuständigen Polizeieinheit beteiligt ist. Es geht also nicht um Terrorismus, sondern um Korruption.

Und um problematische Familienverhältnisse in höchsten Kreisen der Bilbao-Society: Der jüngere Sohn Gaizka Azkárate stand immer im Schatten seines großen Bruders Gorka. Aber Gaizka gefällt sich nicht in der Rolle des unfähigen zweiten Sohnes, er ist eifersüchtig auf so ziemlich alles, was der erfolgreiche Gorka hatte: Die Liebe des Vaters, die Achtung der Leute in der Firma und nicht zuletzt die schöne Almundena (Lisi Linder), Gorkas Frau. Gaizka nutzt die guten Verbindungen, die er als Sproß einer einfluss- und auch sonst sehr reichen Familie hat, um seinen Bruder aus dem Weg zu räumen. Gorka ist das Opfer Nr. 8 jenes Anschlags, den Gaizka hat inszenieren lassen.

Alles in allem also eine ziemlich kranke Geschichte, die leider gar nicht so weit hergeholt ist: Immer wieder in der Geschichte haben mächtige Leute zahlreiche Untertanen geopfert, um ihre Interessen durchzusetzen. Über die anderen sieben Opfer erfahren wir wenig bis gar nichts. Aber die Serie folgt dem eigentlichen Opfer Omar und seiner Familie. Und der ebenso eigensinnigen wie hochschwangeren Ermittlerin Koro Olaegi (Verónika Moral), die von Anfang an ahnt, dass an diesem Fall irgendetwas nicht stimmt, aber von interessierter Stelle immer wieder sabotiert wird. Denn das Kind, das sie erwartet, ist ausgerechnet von Gorka, mit dem sie eine Affäre hatte. Allerdings war die vorbei, als Koro beschloss, das Kind zu behalten. 

Ihr Gegenspieler im Polizeiapparat ist Gorostiza (Óscar Zafra), der den Anschlag mit seinen Leuten inszeniert hat. Gorostiza versucht, Olaegi kaltzustellen, was ihm zumindest teilweise immer wieder gelingt. Aber Olaegi ist beharrlich und schlau, sie erinnert mich mit ihrer todesverachtenden Sturheit an die legendäre Kommissarin Lund. Und dann gibt es noch den abgehalfterten Journalisten Juan Echevarría genannt  „Eche“ (Marcia Alvarez), der Edurne aus der Klinik kennt, wohin Eche regelmäßig zur Dialyse muss. Eche wittert eine gute Story, mit der er wieder groß heraus kommen kann und schafft es, Edurnes Vertrauen zu gewinnen: Er will ihr helfen, die Unschuld ihres Freundes zu beweisen. Eche weiß im Gegensatz zu Edurne, dass sie sich mit sehr mächtigen und einflussreichen Gegnern anlegen.

Währenddessen steht Omars Familie unter dem Verdacht, einen islamistischen Terroristen groß gezogen zu haben und wird mit dem entsprechendem Volkszorn überzogen. Nur die alte Dame Maria (Itziar Aizpuru), bei der Omars Mutter Adila als Altenpflegerin arbeitet, lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Sie schätzt Alida sehr und besteht gegen den Willen ihrer Kinder darauf, weiterhin von Adila betreut zu werden. Ihr tut auch Adilas kleinster Sohn leid, der nun von Mitschülern und vor allem deren Eltern ausgegrenzt und angefeindet wird. Ob und was die Familie überhaupt mit dem schrecklichen Anschlag zu tun haben könnte, spielt im Zeitalter der öffentlichen Social-Media-Pranger letztlich keine Rolle. 

Mir hat an der Serie gefallen, dass dieser Aspekt gezeigt wird. Auch wenn es in der Geschichte insgesamt einige größere Logiklöcher gibt und mir die Familieneifersüchteleien im Azkárate-Clan auf die Nerven gehen (ich mochte auch schon Dallas und den Denver-Clan nicht, weil ich dick aufgetragene Reiche-Familien-Geschichten blöd finde) fand ich La victima número 8, dann doch spannend und interessant genug, um bis zum Schluss dabei zu bleiben. 

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Tiefer Süden: Queen of the South

Im Universum der Verbrecherserien dominieren männliche Protagonisten. Insbesondere, wenn es um das besonders schmutzige Geschäft des internationalen Drogenhandels geht. Dort kommen Frauen in der Regel nur als Endnutzerinnen oder als Ware vor, oder auch beides, denn Drogen- und Menschenhandel ist oft eng verzahnt und die Mädchen und Frauen, die als Prostituierte verkauft werden, wurden mit Drogen gefügig gemacht. Oder umgekehrt, weil sie die Drogen aus welchen Gründen auch immer brauchen, verkaufen sie sich selbst. Was oft nicht lange gut geht.

Insofern ist Queen of the South von USA Network eine Ausnahmeserie, denn sie handelt vom Aufstieg der mexikanischen Geldwechslerin Teresa Mendoza (Alice Braga) zu einer mächtigen Jefa im Testosteron gesteuerten Drogenbusiness. Obwohl die Serie insgesamt durchaus Schwächen hat und an Meisterwerke wie Breaking Bad (AMC, nicht USA Network) nicht herankommt, so verdient sie meines Erachtens mehr Aufmerksamkeit als ihr, zumindest hierzulande, zuteil wird. Queen of the South ist die US-Adaption der Telenovela La Reina del Sur, die der ebenfalls in den USA operierende Sender Telemundo für die spanischsprachige Community in den USA produziert hat. Der englischsprachige Partnersender der Neuauflage ist USA Network, der auch meine Lieblingsserie Mr. Robot produziert hat. Was erklären dürfte, wie ich auf Queen of The South gekommen bin. Nun ist gewiss nicht jede USA-Serie toll, aber Queen of the South hat was.

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Titelposter Queen of the South: Teresa Mendoza (Alice Braga) Bild: Netflix

Teresa ist ein typisches (also armes) Mädchen aus Sinaloa, einem mexikanischem Bundesstaat, der vor allem für das Sinaloa-Kartell bekannt ist. Teresa verliebt sich in einen Drogenkurier, der ihr eine zeitlang ein vergleichsweise angenehmes Leben ermöglicht. Als ihr Freund ermordet wird, wird ihr klar, wie tödlich dieses Geschäft ist. Sie selbst gerät in die Fänge des Kartells und soll als Frischfleisch verkauft werden, weshalb sie sich spontan als Muli meldet – lieber will sie in ihrem Körper Drogen schmuggeln, als sich serienmäßig vergewaltigen zu lassen.

Teresa ist zäh und kämpft, sie weiß, dass sie eigentlich keine Chance hat, aber sie greift nach jedem Strohhalm und siehe da, ab und zu ist Gott mit den Unverzagten. Gerade weil sie arm war, weiß sie, dass es besser ist, reich zu sein. Und dann hat sie auch noch die Nerven, jede noch so kleine Chance zu nutzen, um genau das zu erreichen, anstatt sich der erdrückenden Übermacht der offensichtlich so viel Mächtigeren zu beugen. Teresa ist cool, berechnend und wenn es sein muss, konsequent: Verräter müssen sterben. Gleichzeitig bekämpft sie aber die in ihren Augen sinnlose Grausamkeit und Brutalität der anderen, männlichen, Kartellchefs.

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Teresa (Alice Braga) mit ihrer Freundin Brenda (Justina Machado)

Sie versucht, ein alternatives Business-Modell zu etablieren: Ihr Stoff ist besonders rein, deshalb ist die Nachfrage danach hoch und die gesundheitlichen Auswirkungen kontrollierbar. Außerdem ist sie eine überaus faire Geschäftspartnerin, die immer hält, was sie verspricht. Und ihr ist es zuwider, abhängige Menschen auszunutzen. Obwohl, oder vielleicht gerade weil, sie unter harten Bedingungen lebt und aufgewachsen ist, will sie es besser machen. Das ist ihre Entscheidung. Sie will nicht so zynisch und brutal sein, wie die Menschen, denen sie ausgeliefert war und ist. Sie entscheidet sich, es anders zu machen. 

Ihre Haltung wird von Gegnern gern als Schwäche verstanden. Aber sie erreicht mit ihrer Art, dass ihre Leute wirklich loyal sind, weil sie gut finden, wie ihre Chefin die Dinge angeht. Während ihre fiesen Gegner immer mehr Angst und Schrecken verbreiten müssen, um ihre Macht zu sichern. Natürlich wird Teresa in ihrer brutalen Sphäre trotzdem noch oft genug gezwungen, Dinge zu tun, die sie nicht tun will, um zu überleben. Und immer wieder stellt sich heraus, dass sie eine Überlebenskünstlerin ist, was im Laufe der Serie dann doch sehr strapaziert wird. Andererseits ist das bei Breaking Bad nicht anders: Immer, wenn man sich fragt, wie denn bitte schön die Protagonisten aus dieser Situation herauskommen sollen, damit die Staffel weiter gehen kann, passiert entsprechend etwas Unerwartetes.

Oder eben doch nicht sooo dermaßen unerwartet, weil die Nummer kennen wir ja schon, muss halt irgendwie klappen, weil sonst wäre ja Schluss. Dabei ist Queen of the South mittlerweile in der verdienten vierten Staffel angekommen, in der Teresa versucht, in New Orleans Fuß zu fassen. Zuvor musste sie schon eine Menge unlösbar scheinender Herausforderungen meistern, sich aus der Abhängigkeit von allmächtigen Kartellchefs befreien, durchgeknallte Produzenten von ihrem Geschäftsmodell überzeugen, skrupellose Konkurrenten aus dem Weg räumen, innovative Transport- und Bezahlmechanismen für ihr eigenes Businessmodell zu etablieren und nicht zuletzt unter dem Radar von nationalen und internationalen Strafverfolgungsbehörden zu bleiben. Was oft bedeutet, entsprechende Menschen in entsprechenden Positionen von sich zu überzeugen, auf welche Art auch immer.

Und dann gibt es auch noch Familie, wie immer die definiert wird. Für Teresa spielen Loyalitäten eine größere Rolle als ein gemeinsamer Genpool, ihre Herkunftsfamilie spielt im Grunde keine Rolle, Teresa kommt quasi aus dem Nichts. Aber sie muss ständig mit den komplizierten mexikanischen Familien- und Machtverhältnissen umgehen, die für andere in ihrem Business so wichtig sind. Wobei, mafiöse Strukturen sind auch in anderen Gesellschaften zu finden, Teresa arbeitet sich überall daran ab, egal, wohin sie geht.

Queen of the South gibt es nicht nur bei Netflix, sondern auch bei Amazon, Google Play, maxdome, Videoload, iTunes und magenta-TV, die Erstausstrahlung in Deutschland fand im Sommer 2017 bei DMAX statt.

Dark: Zeit ist nur eine Illusion

Als die erste für Netflix produzierte deutsche Serie Dark Ende 2017 erschien, war ich ziemlich enttäuscht. Ich hatte so etwas wie Who Am I erwartet, jenem Hacker-Film von Baran bo Odar, der eine Art Vorläufer für die Ausnahmeserie Mr. Robot von Sam Esmail war. Oder eine vielschichtige Krimiserie wie The Killing. Aber Dark war etwas ganz anderes. Eine sehr deutsche Serie, die in der zwar fiktiven, aber eben auch sehr deutschen Kleinstadt Winden spielt. Und noch schlimmer: Dark war weder eine Krimi-, noch eine Hackerserie, sondern ein Mysterydrama. Und Mystery ist einfach nicht mein Ding. 

Ich habe mir Dark dann aber trotzdem angesehen, weil es schon gut gemacht ist, es gibt stimmungsvolle Bilder von deutschen Waldlandschaften, ein imposantes Kernkraftwerk und auch mit der sonstigen Ausstattung haben sich die Serienmacher große Mühe geben. Und irgendwie ist es auch eine Familienserie, es geht um das Schicksal von vier Familien, die in Winden leben: Die Dopplers, die Nielsens, die Kahnwalds und die Tiedemanns. Sie alle haben ihre Geheimnisse und pflegen die üblichen Lebenslügen. Die Handlung setzt am 21. Juni 2019 mit dem Selbstmord von Michael Kahnwald (Sebastian Rudolph) ein, der einen Brief hinterlässt, der nicht vor den 4. November um 22:13 geöffnet werden soll. Und es verschwinden Kinder. Im Jahr 2019 ist es Erik Obendorf, der vermisst wird.

Poster Netflix-Serie Dark

Poster Netflix-Serie Dark Bild: Netflix

Charlotte Doppler (Karoline Eichhorn) und Ulrich Nielsen (Oliver Masucci) von der örtlichen Polizeieinheit nehmen die Ermittlungen auf. Ulrich Nielsen ist Mikkels Vater, dem kleinen Bruder von Magnus und Martha, der als nächstes verschwindet. Mikkel war mit einer Gruppe Jugendlicher aus dem Ort unterwegs, die nach dem Drogenversteck gesucht hat, das Erik angeblich angelegt hat. Sie suchen in den Windener Höhlen, die eine zentrale Rolle in der Serie spielen.

Das weit verzweigte Höhlensystem birgt allerlei Geheimnisse und soll sogar bis unter das Gelände des Kernkraftwerks reichen, das für den ansonsten unspektakulären Ort der wichtigste Wirtschaftsfaktor ist. Nun ja, geologisch wirft das durchaus Fragen auf, aber Kernkraftwerke wurden auch in Deutschland nicht unbedingt an den dafür geeignetsten Standorten gebaut, sondern dort, wo der Widerstand in der Bevölkerung nicht unüberwindbar hoch war, insofern geht das schon klar. Das Atomkraftwerk spielt in der Serie durchaus eine Rolle, aber eher als geheimnisvoller Ort, an dem rätselhafte Dinge passieren, es geht in der Serie schließlich nicht um das Protokoll einer Atomkatastrophe, sondern um Zeitreisen.

Bei der Suchaktion der Polizei wird die Leiche eines Jungen gefunden, der am Kopf merkwürdige Verbrennungen hat. Es handelt sich allerdings weder um Erik, noch um Mikkel. Die Nervosität in Winden steigt, die Leute sind verunsichert und bekommen Angst. Mikkel hingegen taucht wieder auf und geht nach Hause, dort wohnen allerdings Menschen, denen er noch nie begegnet ist. Mikkel ist im Jahr 1986 gelandet. Danach springt die Handlung zwischen den Jahren 2019 und 1986 hin und her, wir erleben, wie Mikkel im Jahr 1986 fest hängt, während in Winden ein weiterer Junge verschwindet. Michael Kahnwalds Sohn Jonas (Louis Hofmann) bekommt von einem rätselhaften Fremden ein Paket, in dem neben einer coolen Lampe und einem Geigerzähler auch der verloren geglaubte Abschiedsbrief seines Vaters ist. Jonas erfährt, dass sein Vater Michael der kleine Mikkel Nielsen aus dem Jahr 1986 ist, der von Ines Kahnwald aufgezogen wurde. Anhand einer Karte der Windener Höhlen, die Jonas im Atelier seines Vaters gefunden hat, findet er den Durchgang, der die Zeitreisen ermöglicht.

Es kriselt in sämtlichen betroffenen Familien, die irgendwie mit dem Verschwinden ihrer Kinder und Geschwister klar kommen müssen. Da ist beispielsweise Ulrich Nielsen, dessen jüngerer Bruder Mads im Jahr 1986 verschwunden ist. Als sein Sohn Mikkel verschwindet, scheint sich alles zu wiederholen. Charlotte muss ihn schließlich wegen Befangenheit von dem aktuellen Vermissten-Fall abziehen. Aber Ulrich ermittelt auf eigene Faust weiter. Er findet heraus, dass die Kinderleiche, die gefunden wurde, sein Bruder Mads sein muss.

Aufgrund von Notizen in alten Polizeiakten verdächtigt Ulrich den inzwischen dementen Helge Doppler, etwas mit dem Verschwinden von Mads und Mikkel zu tun zu haben. Ulrich folgt Helge, als der aus dem Heim verschwindet und sich zu den Windener Höhlen aufmacht und findet auf diese Weise heraus, wo der Durchgang für die Zeitreisen ist. Allerdings landet Ulrich im Jahr 1953. Dort trifft er tatsächlich auf den kleinen Helge und versucht, ihn zu erschlagen, um zu verhindern, dass er als Erwachsener Mads und Mikkel ermorden kann, was er nicht getan hat, aber Ulrich ist davon überzeugt. Helge überlebt allerdings, auch wenn er für den erst seines Lebens von den schweren Kopfverletzungen gezeichnet bleibt.

Bevor Ulrich zurück in seine Zeit reisen kann, wird der vom jungen Polizist Egon Tiedemann aufgegriffen und verhaftet. Kurz zuvor wurden die Leichen von Erik Obendorf und Yasin Friese auf der Baustelle des künftigen Atomkraftwerks gefunden. Die Polizei kann sich keinen rechten Reim auf die merkwürdige Kleidung der Kinder machen, aber sie sind tot und der blutbeschmierte Ulrich ist mehr als verdächtig. Ulrich wird als verrückter Kindermörder für den Rest seines Lebens eingesperrt.

Am Ende der ersten Staffel landet Jonas in einer düsteren Zukunft, um das offensichtlich zerstörte Atomkraftwerk wurde eine Sperrzone errichtet. Jonas wird von einer Gruppe zerlumpter, bewaffneter Gestalten gefangen genommen, die junge Anführerin schlägt ihn mit den Worten „Willkommen in der Zukunft“ ohnmächtig.

In der zweiten Staffel wird die Figur von Jonas noch wichtiger, er glaubt, dass er derjenige ist, der alles, was durch die Fehler in der Zeit schief gegangen ist, wieder in Ordnung bringen kann. Er ist allerdings nicht der einzige, der alte Fehler ausbügeln will. So kommen Egon Jahrzehnte später (also 1986) Zweifel, ob er damals richtig gehandelt hat. Seine überaus intelligente Tochter Claudia (Julika Jenkins) ist die inzwischen erste Chefin eines Atomkraftwerks in Deutschland, worauf Egon sehr stolz ist, auch wenn das Verhältnis zu seiner Tochter und seiner Enkelin Regina sonst eher kühl ist. Egon will, bevor er in Rente geht, das Verschwinden von Mads Nielsen aufklären und erinnert sich an den Fall von 1953.

Claudia hingegen verschwindet in gewisser Weise ebenfalls, sie streift als Zeitreisende durch die Epochen. Sie hat sich zur Aufgabe gemacht, die Sic-Mundus-Organisation zu bekämpfen, ein Geheimbund von Zeitreisenden, den es bereits seit 1921 gibt. Claudia lässt auch die Zeitmaschine bauen, sie bringt dem Uhrmacher H. G. Tannhaus im Jahr 1953 die Pläne für eine komplizierte mechanische Maschine, die erst 33 Jahre später fertig sein wird. Die Zeitmaschine wird mit Cäsium-137 betrieben. Cäsium ist das Element, dessen Frequenz für die Atomuhren genutzt wird, mit denen die gültige Weltzeit bestimmt wird. Als Chefin eines Kernkraftwerks kommt sie natürlich an eine solche Substanz, die bei der Kernspaltung entsteht.

Gleich am ersten Tag als Nachfolgerin des bisherigen Chefs des Windener Atomkraftwerks, Bernd Doppler, dem Vater von Helge Doppler, hat sie herausbekommen, dass kurz zuvor ein atomarer Störfall vertuscht wurde. Claudia will damit an die Öffentlichkeit, lässt sich aber vom alten Doppler überzeugen, dass ein Aus für das AKW den wirtschaftlichen Niedergang für die ganze Region bedeuten würde. Als es einen weiteren Zwischenfall gibt, wertet Claudia die Daten aus und entdeckt darin den Nachweis für die Existenz des so genannten Gottesteilchens, des Higgs-Bosons. Leider kann sie diese sensationelle Entdeckung nicht veröffentlichen, ohne die Störfälle bekannt zu machen. Also hält sie ihre Entdeckung geheim, stellt aber weitere Nachforschungen an. Sie will ihre Erkenntnisse ebenfalls dazu nutzen, um die Dinge in Winden wieder in Ordnung zu bringen. Mit ihren älteren Ich nimmt sie in unterschiedlichen Zeiten zu verschiedenen Windenern Kontakt auf, um ihr Wissen mit ihnen zu teilen, damit sie in ihrer jeweiligen Zukunft richtig handeln können. Allerdings muss sie dabei erkennen, dass sie dadurch genau die Ereignisse erst verursacht, die sie eigentlich verhindern wollte.

Es bleibt nicht aus, dass immer mehr Menschen in Winden von der Existenz der Zeitreisen und der Zeitmaschine erfahren. Das macht die Sache aber noch viel komplizierter, weil es immer mehr Interaktionen in den unterschiedlichen Zeitebenen gibt, die wiederum Konsequenzen auf das künftige Leben aller anderen haben können. Wer auf derartige Mindfuck-Geschichten steht, kann mit Dark ziemlich glücklich werden. Ich liebte in den 80ern Zurück in die Zukunft, allerdings war gerade der erste Film der Trilogie sehr viel lustiger als Dark. Das ist auch eins der Probleme dieser Serie, die sich überaus philosophisch und total ernst gemeint gibt und deshalb leider vollkommen humorfrei ist. Ab und zu mal ein Augenzwinker-Moment und dafür weniger schwülstiges Geschwurbel aus dem Off, und Dark wäre eine richtig gute Serie geworden, der man das eine oder andere schwarze Logik-Loch verzeihen kann, weil sie wenigstens gut unterhält. So macht es Dark einem aber schwerer als nötig, den ganzen Handlungssprüngen, Zeitschleifen und Paradoxien zu folgen. Wobei ich auch sagen muss, dass ich die zweite Staffel besser fand als die erste. Vielleicht hatte ich mich jetzt auch einfach darauf eingelassen, dass Dark eben so ist, wie es ist. Vielleicht reißt es die dritte Staffel ja endgültig heraus, nach der dann für immer Schluss sein wird.

Was man besser nicht googeln sollte

Netflix hat eine weitere deutsche Serie produziert, und dieses Mal ist es tatsächlich gut gegangen – bekanntlich sind alle guten Dinge drei: Nach der ambitionierten, aber irgendwie dann doch enttäuschenden Mysterieserie Dark und dem gründlich misslungenen Versuch, mit Dogs of Berlin eine coole Verbrecherserie im Gang-Milieu von Berlin abzuliefern, die tatsächlich einfach nur eine manchmal alberne, oft aber ärgerliche Aneinanderreihung dämlicher Klischees war, ist How to Sell Drugs Online (Fast) eine erstaunlich unterhaltsame Teenager-Serie, an der auch Erwachsene Spaß haben können.

Die Serienidee beruht auf der wahren Geschichte eines Schülers, der unter dem Alias Shiny Flakes aus seinem Kinderzimmer heraus einen illegalen Drogenhandel im Darknet betrieb, der mehrere Millionen Euro Umsatz machte. Die Serienmacher haben die Handlung von Leipzig in die fiktive Kleinstadt Rinseln im Umland von Köln verlegt, deren beeindruckende Trostlosigkeit es locker mit Niederkaltenkirchen aufnehmen kann, der hässlichsten (ebenfalls fiktiven) Stadt in Niederbayern, bekannt aus den Eberhofer-Krimis. Für die Serie verantwortlich zeichnet übrigens die bildundtonfabrik aus Köln-Ehrenfeld, die unter anderem auch das Neo Magazin Royale produziert. How to Sell Drugs Online (Fast) ist die erste fiktionale Serie der Ehrenfelder.

How To Sell Drugs Online (Fast): Serienposter Bild: Netflix

How To Sell Drugs Online (Fast): Serienposter Bild: Netflix

Es geht um den siebzehnjährigen Moritz (Maximilian Mundt), der sehnsüchtig darauf wartet, dass seine Freundin Lisa (Lena Klenke) wieder nach Hause kommt. Sie war für ein Austauschjahr in den USA und es kommt, wie es kommen muss, sie interessiert sich nun für andere Dinge und Menschen. Sie macht zwar nicht gleich komplett mit Moritz Schluss, aber will erstmal auf die Pausetaste drücken. Wie man das heute so nennt, wenn man eigentlich nicht mehr will, aber keine Lust auf den Stress einer richtigen Trennung hat.

Natürlich kapiert Moritz das und leidet fortan unter unerträglichem Liebeskummer, sein Lebenssinn ist nun dahin und darunter wiederum leiden in der Folge andere. Lenny (Danilo Kamperidis) zum Beispiel, der beste (und offenbar einzige) Freund von Moritz, der aufgrund einer schweren Erkrankung im Rollstuhl sitzt. Er teilt Moritz Begeisterung für Computerspiele und alles, was sonst mit Computern zu tun hat. Die beiden Nerds planen, ein Start-Up für virtuelle Computerspielausrüstung aufzuziehen, die man für echtes Geld kaufen kann. Doch der Pitch für MyTems geht gründlich schief, weil Moritz nicht bei der Sache ist.

Dafür entwickelt er eine andere Idee: Als er mitbekommt, dass der gut aussehende Dan (Damian Hardung) epische Parties im Haus seiner Eltern schmeißt, auf denen es Ecstasy-Pillen gibt, beschließt er, selbst ins Dealergewerbe einzusteigen, damit er endlich auch cool ist und Einladungen zu den wichtigen Events bekommt, mit denen er Lisa beeindrucken kann, die er um so ziemlich jeden Preis zurück gewinnen will.

Dabei verstrickt er sich in allerlei Schwierigkeiten, natürlich klappt alles nicht so wie geplant, vor allem ist mit Buba (Bjarne Mädel) nicht zu spaßen, dem brutalen Teilzeit-Dealer, der hauptamtlich einen Pferdehof betreibt. Doch Nerd Moritz, ein bekennender Steve-Jobs-Fan, denkt inzwischen in größeren Kategorien und  knüpft internationale Kontakte mit Drogenherstellern. Und er benutzt die hauptsächlich von Lenny entwickelte Verkaufsplattform für Gaming-Zubehör als Onlineshop für seine illegalen Geschäfte. Businessmäßig ist er auf dem Erfolgstrip, zwischenmenschlich entpuppt er sich immer wieder als selbstbezogenes Arschloch, das andere ausnutzt, um dann aber doch im richtigen Moment wieder sein Gewissen und sein Herz zu entdecken. Wie sonst ist denn ein Typ gestrickt, der seiner Angebeteten eine Gehirnzelle als Kuschelltier schenkt?!

How To Sell Drugs Online (Fast): Buba (Bjarne Mädel), Lenny (Danilo Kamperidis) und Moritz (Maximilian Mundt) Bild: Netflix

How To Sell Drugs Online (Fast): Buba (Bjarne Mädel), Lenny (Danilo Kamperidis) und Moritz (Maximilian Mundt) Bild: Netflix

Die Serie mag inhaltlich vielleicht nicht super originell sein, aber sie ist flott und verspielt gemacht. Es gibt eine Menge eingeblendeter Chats inklusive albernster Emojis, aber so kommunizieren die jungen Menschen heutzutage nun einmal. Und nebenbei gibt Moritz immer wieder Tipps, was man besser nicht online stellen sollte. How to Sell Drugs Online (Fast) spielt mit dem Selbstinszenierungszwang der Generation Social Media, dem leider nicht nur bei BWLern äußerst beliebten Bullshit-Bingo aus Motivations- und Coaching-Seminaren und der abgefuckten Business-Denke aktueller und bereits verblichener Silicon-Valley-Ikonen.

Zusätzlich gibt es unzählige Zitate und Querverweise aus anderen Filmen und Serien und eine ganze Reihe illustrer  Gastauftritte, etwa Ulrike Folkerts als Mutter von Lenny, Olli Schulz als Onkel einer Freundin oder Florentin Will als Polizist. Selbst die 90er-Ikone Jonathan Frakes ist dabei, der im besten X-Factor-Stil auftritt – alles in allem ein Riesenspaß, der leider schon allzu bald vorbei ist, denn HTSDO(F) besteht nur aus sechs halbstündigen Teilen.

Aber klar, besser eine gute Serie, die schnell weg gebinged ist, als ein zäher Brocken mit gefühlt unendlicher Laufzeit. Liebes Netflix, bitte mehr davon! Da sind doch noch ein paar weitere Staffeln drin! Und liebes deutsches Fernsehen, schau dir das mal an: So geht Serie Made in Germany. Man kann sich an die Sehgewohnheiten junger Menschen auch heranwanzen, ohne die intellektuellen Bedürfnisse der etwas älteren und nicht völlig ungebildeten Zuschauer komplett zu vernachlässigen. Ich meine jetzt die, die nicht der Hauptzielgruppe des ZDF entsprechen. Wobei, die ARD hat auch ihre Schwächen und ZDFneo ist manchmal sogar ganz hipp. Aber Netflix ist hipper. Leider. Denn den bekloppten Rundfunkbetrag muss ich ja trotzdem zahlen. Netflix zahl ich freiwillig.

Das Verschwinden von Madeleine McCann

Es gibt immer wieder Kriminalfälle, die ein größeres Publikum erreichen als andere – und hier spielen die Medien oft eine unrühmliche Rolle. Bad news is good news, manches Verbrechen wird nur durch das so genannte öffentliche Interesse ein Skandalfall, also durch Geschäftsmodelle von Medien, die auf die Sensationslust des Publikums setzen. Im Zeitalter von Social Media dreht sich diese Schraube noch schneller, jetzt sind es oft nicht einmal mehr bezahlte Profis, die entsprechend aufbereitete Nachrichten verbreiten, sondern irgendwelche Gaffer, die zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren und ungefiltert jeden Scheiß posten, auf dass er massenhaft geteilt und verbreitet werde. Auch deshalb wird es immer schwieriger, zwischen fake news und seriöser Information zu unterscheiden. Und einem Großteil des Publikums ist das vermutlich sowieso egal, das klickt einfach auf alles, was zum eigenen Weltbild passt.

Insofern tue ich mich auch mit den durch vergleichsweise seriöse Contentproduzenten wie Netflix verbreiteten True-Crime-Serien schwer, Stichwort Sensationslust. Obwohl ich andererseits auch wieder gern Dokumentationen sehe, in denen historische Ereignisse aufbereitet werden. Die sind mir zwar oft zu tendenziös, aber man kann nebenbei durchaus interessante Dinge erfahren. Insofern war ich mir nicht sicher, ob ich die seit kurzer Zeit verfügbare Netflix-Doku über den Fall Maddie McCann wirklich ansehen wollte. Ich habs jetzt doch getan, aber aus rein wissenschaftlichem Interesse versteht sich.

Das Verschwinden von Madeleine McCann Bild: Netflix

Das Verschwinden von Madeleine McCann Bild: Netflix

Die kleine Maddie verwand im April 2007 aus einer Ferienanlage in Portugal, während ihre Eltern mit Freunden in einem Tapas-Restaurant zu Abend aßen. Der Fall ist bis heute nicht gelöst, es wurde weder ihre Leiche gefunden, noch der Verbleib des Kindes aufgeklärt. Der Fall an sich stellt ein reichlich dunkles Kapitel sowohl in Sachen Berichterstattung als auch Polizeiarbeit dar, weshalb sich die Netflix-Doku dann doch lohnt, denn genau hier setzt der Achtteiler an: Die Ereignisse selbst, der Fortgang der Ermittlungen, die Berichterstattung und deren Auswirkungen auf alle Beteiligten werden aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet.

Wobei die Berichterstattung über diese Doku an sich auch schon wieder ziemlich hysterisch ist: Es mögen vielleicht einzelne Journalisten, die in der Doku zu Wort kommen, aber nicht „die Presse“ an sich etwas aus der zum Teil desaströsen Berichterstattung über diesen Fall gelernt haben. Angeblich neue Erkenntnisse aus der Serie werden derart weitergedreht, dass sich noch die eine oder andere klickträchtige Schlagzeile herrausschinden lässt. Und tatsächlich sind eine ganze Reihe der Fakten, die in den acht Teilen der Serie zusammengetragen werden, im Rückblick geradezu verstörend. Aber das sollte doch gerade Anlass sein, erstmal die Luft anzuhalten und dann noch einmal nachzudenken, anstatt einmal mehr irgendwelche Halbwahrheiten zu neuen Fakten aufzublasen.

Nachdem ich nun alle Teile gesehen habe, kann ich sagen, dass ich die Doku alles in allem ausgewogen und informativ fand, auch wenn ich die ablehnende Haltung der Eltern gegenüber diesem Projekt verstehen kann. Was mich andererseits aber auch wieder ein bisschen wundert, denn in der Vergangenheit haben Kate und Gerry McCann unglaubliche Mittel und Anstrengungen aufgeboten, um in den Medien immer und immer wieder auf das Verschwinden ihrer Tochter hinzuweisen. Was nicht immer und überall gut angekommen ist: So verständlich es ist, dass Eltern alles versuchen, ihr geliebtes Kind zu finden – so drängt sich doch die Frage auf, ob man mit den mehr als elf Millionen Pfund, die diese Suche bisher gekostet hat, nicht auch viele andere Kinder hätten retten können, deren Eltern eben kein Geld und keine großzügigen Sponsoren hatten.

Klar, das ist auch wieder eine dieser zynischen Neiddebatten, die ich zum Kotzen finde, denn es wird in dieser Welt so viel Geld für irgendwelchen Scheißdreck verbrannt, während gleichzeitig Millionen Menschen aus Geldmangel verrecken. Aber hier wird dieses Missverhältnis einmal mehr deutlich: Die einen verkaufen ihre kleinen Kinder für eine Handvoll Dollar an solvente Touristen, die anderen geben Millionen aus, um ihre Kinder vor einem solchen Schicksal zu bewahren. Und selbst das gelingt nicht immer, das ist in diesem Fall noch einmal extra bitter. Zumindest kann man den Eltern von Maddie McCann nicht vorwerfen, dass sie nicht alles versucht hätten, um ihre Tochter wiederzubekommen.

Unter anderem mit diesem Bild bitten die Eltern von Madeleine McCann um Hinweise über den Verbleib ihrer Tochter.

Unter anderem mit diesem Bild bitten die Eltern von Madeleine McCann um Hinweise über den Verbleib ihrer Tochter. Bild: findmadeleine.com

An Anfang der Doku wird noch einmal minutiös aufgedröselt, was am 3. Mai 2007 in Praia da Luz geschah. Dabei kommen Zeugen, Ermittler und Journalisten zu Wort. Insgesamt wird versucht, die unterschiedlichen Interessen und Standpunkte aller Beteiligten an diesem Fall darzulegen: Da sind die britischen Eltern und deren Freunde (auch fast alle Eltern), die ohne ihre Kinder Essen gegangen sind, was bei den Portugiesen vor Ort die Frage provoziert, warum diese Leute ihre kleinen Kinder allein in einer Ferienwohnung gelassen haben, statt sie einfach mit ins Restaurant zu nehmen? Und warum haben sie nicht wenigstens eine Kinderbetreuung engagiert, wo es in der Anlage sogar einen entsprechenden Service gegeben hätte? 

Interessante Frage. Es gibt heute allgemein die Tendenz, dass Kinder zu sehr behütet werden, was ich durchaus auch kritisch sehe. Aber wirklich kleine Kinder, eine nicht einmal Vierjährige mit zwei zweijährigen Geschwistern allein in einer für sie fremden Umgebung (Ferienwohnung) zu lassen, finde ich grenzwertig – warum haben die Erwachsenen der Gruppe sich nicht koordiniert und ihre Kinder gemeinsam in einer Wohnung schlafen lassen, während abwechselnd einer von ihnen Stallwache hatte? Offenbar sind die Erwachsenen dieser Reisegruppe davon ausgegangen, dass ihre Kinder sich wohl fühlen und friedlich schlafen. Sie haben nicht damit gerechnet, dass fremde Menschen in die Anlage eindringen, um ein Kind mitzunehmen, was den aktuellen Erkenntnissen zufolge geschehen sein muss.

Im Verlauf der Doku stellt sich allerdings auch heraus, dass Maddie nicht das einzige Kind ist, das in dieser Gegend verschwand. Und es kommen eine ganze Reihe Fällen sexueller Belästigung von kleinen Kindern ans Licht, die den Verdacht nahelegen, dass die beliebte Urlaubsgegend an der portugiesischen Algarve auch bei Pädophilen beliebt ist, die sich hier in entspannter Atmosphäre den Objekten ihrer Begierde nähern können, ohne dass das weiter auffällt. Die portugiesische Polizei ermittelte auch in diese Richtung, konzentrierte sich in der Folge aber darauf, den Verdacht gegen die Eltern von Maddie zu erhärten. Es gab einige, wenn auch sehr dünne Spuren, die vermuten ließen, dass Maddie in der Wohnung gestorben sein und die Leiche später von den Eltern versteckt worden sein könnte. Hier wurden offenbar auch Informationen an die Presse weiter gegeben, die sich später als falsch herausstellten, erst einmal aber für eine bösartige Berichterstattung sorgten. Mehrere Boulevardzeitungen entschuldigten sich später bei der Familie McCann und zahlten hohe Entschädigungssummen.

Die McCanns stoppten auch ein Buch von Gonçalo Amaral, dem ersten Chefermittler des Falls, der die These vertrat, Madeleine sei vermutlich durch einen tragischen Unfall gestorben und die Eltern hätten eine Entführung vorgetäuscht und die Leiche verschwinden lassen. Zwei portugiesische Gerichte verboten den Verkauf des Buches und sprachen den Eltern eine Entschädigung zu, die Urteile wurden allerdings von Revisionsinstanzen wieder aufgehoben. Den Schadensersatzprozess vor dem Obersten Gericht in Portugal verloren die McCanns im Jahr 2017 endgültig, weil das Gericht befand, dass Amarals Thesen von der Meinungsfreiheit gedeckt seien.

Eine Entschädigung bekam auch der als Entführer von Madeleine verdächtigte Brite Robert Murat, der in der Nähe der Ferienanlage wohnte und in den Fokus der Ermittler geriet, eben weil er ständig vor Ort war. In der Doku kommt er ausführlich zu Wort, genau wie auch einer der später von einem britischen Millionär angeheuerten Privatdetektive, der ausführlich in Pädophilenforen ermittelt hat, um Maddie zu finden. Auch wenn er dieses Kind nicht gefunden habe, so konnte er doch umfangreiches Material zusammentragen und der Polizei übergeben, was zur Festnahme einiger der kriminellen Hintermänner geführt hat.

Auch wenn die Doku keine bahnbrechenden neuen Erkenntnisse bietet, so wird in den acht Teilen doch klar, dass die Ermittlungen in diesem Fall häufig mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten können und auch, welche Auswirkungen die gewaltige Medienresonanz hatte, die unter anderem zahlreiche Trittbrettfahrer dazu animierte, angebliche Erkenntnisse teuer verkaufen zu wollen oder mit Fakeseiten im Internet von der Spendenbereitschaft der Leute zu profitieren.

Wer also auf der Suche nach einer interessanten Serie mit einer außerordentlich komplexen Krimihandlung, Einblick in die Abgründe der menschlichen Natur sowie gesellschaftlicher Relevanz ist, wird mit dieser Dokuserie gut bedient. 

Good Girls: Verbrechen aus Verzweiflung

Von Good Girls ist mittlerweile eine zweite Staffel verfügbar – höchste Zeit, ein paar Worte über die Dramedy mit Christina Hendricks, Mae Whitman und Retta in den Hauptrollen zu verlieren. Die Serie handelt von drei Müttern, die in Detroit finanziell nicht mehr über die Runden kommen und aus Not beschließen, kriminell zu werden. Allerdings ist keine der drei eine geborene Verbrecherin, was zu erwartbaren Komplikationen führt.

Beth Boland (Hendricks) ist eine vorbildliche amerikanische Hausfrau, die darin aufgeht, ihre vier Kinder und ihren Mann zu umsorgen. Ihr Leben bricht zusammen, als sie herausfindet, dass ihr Mann Dean (Matthew Lillard), der in Detroit ein Autohaus führt, sie mit seiner Sekretärin betrügt und hinter ihrem Rücken erhebliche Schulden angehäuft hat, so dass die Familie Gefahr läuft, ihr schönes Haus zu verlieren. Anders als ihre chaotische jüngere Schwester Annie (Whitman) ist Beth gut organisiert und weiß eigentlich immer, was zu tun ist.

Good Girls: Mae Whitman, Retta und Christina Hendricks

Good Girls: Mae Whitman, Retta und Christina Hendricks

Annie ist die alleinerziehende Mutter einer Tochter, die Probleme mit ihrer sexuellen Identität hat und deshalb in der Schule schikaniert wird. Sadie (Izzy Stannard) trägt lieber Männersachen und ist für ihr Alter erstaunlich reif. Sie hängt an ihrer Mutter, weil sie weiß, dass Annie alles für sie tun würde und verzeiht ihr deshalb, dass sie in Alltagsdingen immer wieder versagt.

Die dritte im Bunde ist Ruby (Retta), die als Kellnerin in einem Diner arbeitet. Ihr Mann Stan (Reno Wilson) ist Sicherheitskraft in einer Shopping Mall. Er strebt allerdings nach Höherem und hat sich bei der Polizei beworben. Ruby und Stan haben zwei Kinder, die ältere Tochter Sara (Lidya Jewett) ist schwer krank und bräuchte eigentlich sehr teure Medikamente oder eine Nierentransplantation, die sich ihre Eltern natürlich nicht leisten können.

Die drei Freundinnen treffen sich regelmäßig zum gemeinsamen Fernsehen und beschließen in einer Mischung aus Sektlaune und Verzweiflung, den Supermarkt zu überfallen, in dem Annie als Kassiererin arbeitet. Dank Annies Insiderkenntnissen gelingt der Coup, obwohl nicht alles glatt läuft: Annies Schichtleiter Boomer (David Hornsby) erkennt seine maskierte Kassiererin an einem markanten Tattoo. Und dann haben die drei noch ein ganz anderes Problem: Es war viel zu viel Geld im Safe.

In diesem Supermarkt wurde Schwarzgeld gewaschen, und die wirkliche kriminelle Gang hinter diesem Geschäft will natürlich ihr Geld zurück. Damit landen Beth, Annie und Ruby in einer Welt, für die sie nicht geschaffen sind. Oder vielleicht ja doch…?

Vor allem die gut organisierte Beth erweist sich als kreativ und entschlossen, den neuen Herausforderungen zu begegnen. Sie kann Rio (Manny Montana), den Chef der kriminellen Gang überzeugen, die solide Bürgerlichkeit der drei Freundinnen für seine Zwecke zu nutzen: Wenn eine von ihnen umkäme, würde das gründliche Ermittlungen nach sich ziehen, denn sie sind eben good girls, unbescholtene Bürgerinnen, die von ihren Familien und Freunden vermisst würden. Aber als solche haben sie beispielsweise auch offizielle Papiere, echte Pässe, mit denen sie unauffällig ins Ausland reisen können.

Good Girl: Hausfrauen überfallen Supermarkt Bild: NBC

Good Girl: Hausfrauen überfallen Supermarkt Bild: NBC

Damit wird die Grube, die die drei Freundinnen sich graben, immer größer, zumal sie es nicht schaffen, sich ungeliebte Mitwisser auf unbürokratische Weise vom Hals zu schaffen. Es ist ein bisschen wie Breaking Bad, allerdings weniger subtil. Nun würde ich der Good-Girls-Erfinderin Jenna Bans nicht unterstellen, ein neues Breaking Bad schaffen zu wollen, denn Jenna Bans kommt aus dem Shonda-Rhimes-Universum, das für Serien wie Grey’s Anatomy, Scandal oder How To Get Away With Murder verantwortlich ist. Also für eher krachige, aber unterhaltsame Shows und gerade nicht für subtiles story telling.

Wobei, ein bisschen mehr Reflexion hätte Good Girls schon gut getan: So pragmatisch die Freundinnen mit den Situationen umgehen, in die sie geworfen werden: Keine der drei kommt auf die Idee, zu hinterfragen, warum die Dinge so sind, wie sie sind: Die Hypothek auf das Haus muss bezahlt werden, koste es, was es wolle. Warum darf die Bank oder wer immer Eigentümer der Immobilie ist, die Beth mit ihrer Familie bewohnt, eigentlich einen Großteil ihres mühsam ergaunerten Einkommens abzocken, nur weil die Familie irgendwo wohnen muss?

Und es ist rührend, dass Beth ein Problem damit hat, nette Rentnerinnen zu bestehlen. Aber warum hat sie darüber überhaupt nachgedacht, anstatt sich damit zu beschäftigen, wie man diejenigen schädigen könnte, die wirklich ohne Ende Kohle haben? Warum plagt Ruby sich damit ab, Zehntausende von Dollars zusammenzukratzen, die sie dem privat organisierten US-Gesundheitssystem in den Rachen wirft, statt einmal darüber nachzudenken, warum es kein Gesundheitssystem gibt, in dem ihre Tochter einfach versorgt würde, weil sie die Medikamente halt braucht, die sie braucht?!

Gut, das kann man von US-Drehbuchautorinnen nicht wirklich erwarten, die kennen ja kein anderes System, und sie sind in einem System aufgewachsen, in dem der Gedanke an ein anderes spätestens durch Joseph McCarthy nachhaltig ausgerottet wurde. Bei aller Sympathie, die sie für ihre verzweifelten, um die Zukunft ihrer Kinder kämpfenden, aber leider auf die schiefe Bahn geratenden Protagonistinnen entwickeln – es wird immer nur gezeigt, wie Menschen in dem offenbar von Gott gegebenen System agieren, wofür man dann Verständnis haben kann oder auch nicht. Das System als solches wird niemals angezweifelt, obwohl es objektiv mehr als genug Gründe dafür gäbe.

Aber abgesehen von diesen Überlegungen, die vermutlich auch dem durchschnittlichen deutschen Serienpublikum nicht in den Sinn kommen würden, ist Good Girls durchaus gute Unterhaltung: Gerade die Mischung aus Krimidrama und Comedy hat mir gefallen – für eine Familien-Sitcom ist die Geschichte vielleicht doch zu brutal, aber durch das Überangebot von ernst gemeinten Krimiserien bin ich für diese locker flockig aufbereitete Krimisatire schon wieder dankbar. Zumal es einfach Spaß macht, Christina Hendricks, Mae Whitman und Retta beim Spielen zuzusehen. 

The Break: Grüße aus Heiderfeld

Ein Verdienst von Netflix ist zweifelsohne, dass die Plattform sich ausdrücklich auch um die Interessen ihrer Nicht-US-Kunden bemüht, weshalb es für das europäische Publikum eine ganze Reihe europäischer Serien gibt. Selbst in den einschlägigen US-Foren lese ich inzwischen Dinge wie „vergesst das US-Remake von Broadchurch, schaut euch lieber das Original an!“ Den Titel Broadchurch kann man selbstverständlich durch andere ersetzen, US-Remakes von europäischen Serien gibt es ja mehr als genug. Weiterer Vorteil: Netflix bietet viele Originalversionen an. Vor einiger Zeit bin ich auf die belgische Serie La Trêve gekommen, die für deutsche Kunden unter dem Titel The Break angeboten wird. Der Zehnteiler spielt in der Wallonie, die Originalsprache ist also Französisch, was gut zu meinem Vorsatz passt, meine Französischkenntnisse mit entsprechenden Serien wieder aufzupolieren.

The Break Belgische Serie auf NetflixThe Break Belgische Serie auf Netflix

The Break Belgische Serie auf Netflix Bild via youtube

Nach dem Tod seiner Frau kehrt Kriminalkommissar Yoann Peeters (Yoann Blanc) der belgischen Hauptstadt Brüssel den Rücken und zieht mit seiner Teenagertochter Camille (Sophie Breyer) wieder aufs Land, zurück nach Heiderfeld, das Peeters vor vielen Jahren verlassen hat. Zu Peeters Erstaunen hat sich gar nicht viel verändert: Heiderfeld ist noch immer die piefige Kleinstadt, in der jede und jeder meint, jeden und jede zu kennen. Aber wie Peeters inzwischen erfahren musste, kennt man die Menschen niemals wirklich. Und natürlich wird er damit recht behalten: Im Laufe der Handlung kommen eine ganze Menge irritierender Details über die Bewohner von Heiderfeld als Licht, die mehr schmutzige Geheimnisse haben, als man ihnen zutrauen würde.

Vorerst jedoch sieht alles nach einer halbwegs harmonischen Heimkehr aus, unter anderem will Peeters seine Tochter Camille vor den Gefahren der Großstadt schützen. Aber wie sich ahnen lässt, wird das nicht funktionieren. Jugendliche wollen nun einmal Dinge ausprobieren und die Erwachsenen können  nichts dagegen tun, das gilt auf dem Land genau wie in der Großstadt.

Überhaupt scheint das Leben in Heiderfeld nicht ungefährlich zu sein: Der Kommissar hat noch gar nicht damit angefangen, seine Umzugskartons auszupacken, da klingelt es an der Tür. Der junge Kollege Sebastian Drummer (Guillaume Kerbusch) steht vor der Tür, es ist Sonntag, er hat den Chef nicht erreicht und es wurde eine Leiche im Fluss gefunden. Vermutlich ein Selbstmord, aber es ist Drummers erster Toter. Deshalb bittet er den erfahrenen Kollegen um Hilfe.

Es stellt sich schnell heraus, dass Kommissar Peeters Vorstellungen von professioneller Polizeiarbeit nicht mit dem Alltag der dörflichen Polizeistelle von Heiderfeld kompatibel sind: Schaulustige haben sich um die Leiche versammelt, die fröhlich sämtliche Spuren zertrampeln, die es eventuell gegeben hätte. Für die Leute im Ort ist die Sache klar: Der junge Mann hat sich von der alten Eisenbahnbrücke in den Fluss gestürzt, aus dem er nun geborgen wurde. Es sei nicht der erste, heißt es. Nicht umsonst werde die Brücke „Selbstmörderbrücke“ genannt.

Bei dem Toten handelt es sich um Driss Amani (Jérémy Zagba), einen jungen Schwarzafrikaner, einen begabten Fußballer. Dank Driss ist Heiderfeld in die 3. Liga aufgestiegen. Peeters ist mit der Selbstmordtheorie nicht zufrieden. Als sein direkter Vorgesetzter Rudy Geeraerts (Jean-Henri Compère) ihm weitere Ermittlungen praktisch verbietet, weil der eine Obduktion der Leiche für überflüssig hält, ist Peeters davon überzeugt, dass an der Sache irgendetwas extrem faul ist.

Und faul ist in Heiderfeld so einiges. Die Methoden etwa, mit denen die Bürgermeisterin Brigitte Fischer (Catherine Salée) ein ehrgeiziges Infrastrukturprojekt durchdrücken will: Einen Staudamm, der Energie erzeugen und Arbeitsplätze in die strukturschwache Region bringen soll. Allerdings müssen dafür ein Dutzend alteingessener Bauern überzeugt werden, ihr Land aufzugeben. Keine leichte Aufgabe bei den Heiderfelder Sturköppen. Und der Fußballverein wird ausgerechnet von einem Manager betreut, der jahrelang wegen Korruption gesperrt war. Egal welchen Stein Peeters umdreht, er entdeckt dunkle Geheimnisse, mit deren Aufdeckung der Fall immer mysteriöser wird.

Dazu kommt, dass Peeters nicht der diplomatischste Typ ist und aufgrund der stressigen Situation immer mehr Medikamente einwirft. Dass die Sache nicht gut ausgegangen sein kann, ist von Anfang an klar, denn Peeters befindet sich in einer psychiatrischen Anstalt, wo er von der kriminologischen Gutachterin Dr. Orban (Jasmina Douieb) befragt wird. Peeters leidet an einer Amnesie und versucht gemeinsam mit Dr. Orban die Erinnerungslücken zu füllen. Das wird ein Stück harter Arbeit, macht die Sache aber bis zum Schluss spannend: Mit jedem Detail, an das Peeters sich wieder erinnert, nimmt der Fall eine neue Wendung.

Dazu passend wird die Handlung mit ungewöhnlichen Landschaftsaufnahmen illustriert, die zerklüfteten Schluchten der Ardennen mit ihren dichten Wäldern erscheinen so schroff und düster wie das Innenleben des Yoann Petersen. Insofern ist La Trêve nicht nur für Krimifans interessant, die Serie bietet auch Einblicke in eine geheimnisumwitterte Region mitten in Europa.