The Death of Politsatire

Auf der Liste der übelsten Diktatoren aller Zeiten dürfte sich nach der herrschenden Geschichtsschreibung Josef Stalin auf einem soliden zweiten Platz befinden – nach dem Herrscher über das Tausendjährige Großdeutsche Reich Adolf Hitler. Nun gibt es inzwischen quasi ein eigenes Genre von Hitler-Satiren (die konservative Welt hat hier eine ganz brauchbare Zusammenstellung gebracht. Mein persönlicher Lieblingshitler ist Helge Schneider in Mein Führer.)

Bei Stalin-Satiren scheint das etwas anders zu sein, vor allem da im potenziellen Heimatland der Stalin-Satire Russland noch immer nicht über Stalin gelacht werden darf. Jedenfalls wurde die Aufführung von The Death of Stalin in russischen Kinos verboten, weil der Film historische Symbole Russlands beleidige und absichtlich Streit in der Russischen Gesellschaft anfache.  Vermutlich hat die Humorlosigkeit der Duma das Interesse für diesen Film beim russischen Publikum jetzt erst recht geweckt. Dank Internet gibt es ja auch andere Möglichkeiten, an Inhalte zu kommen, die von Regierungen als nicht so wünschenswert angesehen werden.

The Death of Stalin Filmplakat

The Death of Stalin Filmplakat

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich bin absolut nicht der Ansicht, dass man die Sowjetunion und Hitler-Deutschland vergleichen kann. In der Sowjetunion wurde nach der Oktoberrevolution etwas noch nie da gewesenes und leider bis heute noch immer nicht so richtig gut Umgesetztes ausprobiert: Ein Staat, der wirklich für die Belange des gemeinen Volkes veranstaltet wird. Die arbeitenden Menschen sollten im Mittelpunkt stehen, ihre Bedürfnisse sollten ernst genommen und bedient werden. Die Früchte ihrer Arbeit sollten nicht mehr die Besitzer der dafür benutzen Produktionsmittel (also die Kapitalisten) reich machen, sondern die Arbeiter selbst.

Das ist eine sehr sympathische Idee, auch wenn sie heute gerade mit dem Hinweis auf den stalinischen Terror als fataler Irrweg denunziert wird. Das erklärt auch, warum ich kein Stalin-Fan bin. Trotzdem hat die UdSSR es geschafft, Millionen von Menschen, die im rückständigen Zarenreich keine Chance auf ein gutes und eigenständiges Leben gehabt hätten, auszubilden und damit zu Fachkräften zu machen, die nach der Oktoberrevolution eine atemberaubende industrielle Entwicklung auf die Beine gestellt haben. Mit kapitalistischen Mitteln hätte es niemals funktioniert, ein riesiges Land binnen weniger Generationen vom rückständigen Agrarstaat zu einer führenden Industriemacht auszubauen.

Und ob man das jetzt sinnvoll findet oder nicht, die Versorgung der ISS kann seit längerem nur dank der inzwischen zwar veralteten, aber noch immer zuverlässigen russischen Raketentechnik aufrecht erhalten werden. Okay, mit der Kollektivierung der Landwirtschaft ist es weniger gut gelaufen, da hätten die kommunistischen Kommissare daran denken sollen, dass, wenn man das Saatgut konfisziert, auch die nächste Ernte ausfällt. Es gab, wie überall, wenn man etwas Neues ausprobiert, schmerzliche Rückschläge und furchtbare Fehlentwicklungen. Und eine der gräßlichsten und schmerzlichsten Fehlentwicklungen des neuen Staatswesens dürften die Stalinistischen Säuberungen gewesen sein, denen zwischen 1936 und 1940 Millionen Menschen zum Opfer fielen, die, aus welchen Gründen auch immer, unter Verdacht gerieten, gegen das angeblich kommunistische Regime zu konspirieren. In der Zeit kamen auch zahlreiche überzeugte Kommunisten zu Tode.

Daraus folgt für mich, dass Stalin kein Kommunist gewesen sein kann. Ein Kommunist hätte niemals Menschen umgebracht, die anderer Ansicht waren als er selbst. Ein Kommunist hätte mit ihnen diskutiert. Auch die Vorstellung einer „Diktatur der Arbeiterklasse“ ist letztlich nicht kommunistisch, denn Kommunisten lehnen Diktatur ab. Der Witz am Kommunismus ist ja, dass die Leute, die all die Arbeit machen müssen, um ein System am Laufen zu halten, darüber bestimmen können, auf welche Art und Weise sie das tun. Rein objektiv ist schließlich völlig klar, dass jede und jeder etwas dafür tun muss, Essen auf dem Tisch und ein Dach über dem Kopf zu haben. Und was man sonst noch für ein anständiges Leben braucht.

Aber da geht es auch schon los: Ein durchschnittlicher Multimillionär meint vielleicht, dass ein Privatflugzeug einfach dazu gehört, um seine auf der ganzen Welt verteilten Besitztümer in Schuss zu halten. Andere Zeitgenossen sind vielleicht mit fließend Wasser, einem funktionierenden Internetanschluss oder ein paar Quadratmetern Gemüsebeet zufrieden. Insofern ist es schon ein Problem, alle Interessen unter einen Hut zu bringen. Ich sehe allerdings nicht ein, warum die Welt ausgerechnet am Interesse der Leute ausgerichtet sein sollte, die ein Privatflugzeug als Lebensmittel benötigen. Ich halte es mit denen, die einfach nur genug zu essen und ein Dach über dem Kopf für alle wichtiger finden. Und die UdSSR hat das zumindest ein paar Jahrzehnte lang versucht. Trotz Stalin.

Jetzt habe ich nach der langen Vorrede den Faden verloren, denn eigentlich sollte es ja um den Film The Death of Stalin gehen. Den habe ich neulich gesehen und ich musste tatsächlich ein paar Mal lachen, was keine Überraschung sein sollte, schließlich wurde The Death of Stalin mit dem Europäischen Filmpreis 2018 in der Kategorie Komödie ausgezeichnet.

Aber so richtig lustig fand ich den Film letztlich nicht. Vieles von dem, was dort gezeigt wird, hat tatsächlich statt gefunden, und das ist überaus traurig. Aber andererseits ist genau das auch wieder ein Grund dafür, eine tief schwarze Komödie daraus zu machen. Aber für mich funktionierte das in diesem Fall nicht, kann sein, dass man erst ein paar hundert Gramm Wodka kippen muss, damit die entsprechende Stimmung aufkommt.

Denn die Zutaten sind ansonsten vielversprechend, es sind eine ganze Reihe toller Schauspieler an Bord und für Regie und Drehbuch (mit Ian Martin und David Schneider) ist Armando Iannucci zuständig, der durch The Thick Of It bekannt ist. Oder als Inspirator hinter der US-Comedy Veep, von der ich zugeben muss, dass sich mir der Humor dieser Serie auch nicht wirklich erschlossen hat. Ich habe mehrfach versucht, mir Veep anzusehen, aber irgendwie hat es nicht gezündet. Vielleicht verstehe ich dann doch zu wenig von US-Politik. Trump kapiere ich ja auch nicht, warum ist der eigentlich US-Präsident und nicht Hauptfigur einer Polit-Satire? Oder bin ich einfach in der falschen Realität?

The Death of Stalin: Filmplakat Rupert Friend, Michael Palin, Jeffrey Tambor, Steve Buscemi, Jason Isaacs

The Death of Stalin: Filmplakat Rupert Friend, Michael Palin, Jeffrey Tambor, Steve Buscemi, Jason Isaacs

Damit endlich zum Film: Wir sind in Moskau, im März 1953. Radio Moskau überträgt ein Mozart-Konzert mit der Klaviervirtuosin Maria Yudina. Genosse Stalin ist sehr angetan und hätte gern eine Aufzeichnung. Nur leider existiert keine, das Konzert wurde live gesendet. Jetzt muss schnell eine Kopie her, und dafür muss das Konzert noch einmal aufgeführt werden, koste es, was es wolle. Die für die richtige Akustik nötigen Zuschauer im Sendesaal lassen sich leicht ersetzen, mit Leuten, die man einfach von der Straße holt. Aber der Dirigent ist vor Angst in Ohnmacht gefallen, hier wird der Ersatz schon schwieriger. Und die Pianistin kann Stalin eh nicht leiden, sie findet, dass er ein Tyrann ist und lässt sich nur mit der diskreten Zahlung einer ziemlich großen Summe dazu bewegen, das Konzert noch einmal zu spielen. Puh.

Noch hat niemand von Belang sein Leben verloren. Aber das wird sich schnell ändern. Nachdem die Aufnahme unter großen Opfern stattgefunden hat, wird sie Stalin übermittelt. Maria Yudina hat eine handgeschriebene Nachricht in die Hülle geschmuggelt: Sie beschuldigt Stalin der Tyrannei und wünscht ihm den Tod. Stalin findet das so lustig, dass er einen Schlaganfall erleidet. Weil niemand es wagt, sein Zimmer unbefugt zu betreten, bleibt Stalin hilflos in seinem eigenen Urin am Boden liegen, wo er später von Mitgliedern des Zentralkomitees der KPdSU gefunden wird.

Und wie das mit Komitees und Protokollen so ist, erst einmal muss die Beschlussfähigkeit abgewartet werden und dann muss einstimmig beschlossen werden – der Genosse Stalin besteht nun einmal darauf, dass die Partei stets mit einer Stimme spricht. Als endlich beschlossen wird, dass nun ein Arzt zu rufen ist, stellt sich das Problem, dass alle fähigen Mediziner den Säuberungen zum Opfer gefallen sind. Also werden Ruheständler und Jungärzte ans Kranken- bzw. Sterbebett beordert, die allesamt nur feststellen können, dass jetzt nur noch ein Wunder helfen könnte, welches sich bekanntlich nicht eingestellt hat.

Doch längst bevor Genosse Stalin seinen letzten Atemzug aushaucht, geht der Kampf um die Nachfolge los: Formal wird der stellvertretende Generalsekretär des ZK Georgi Malenkow (Jeffrey Tambor) zum neuen Staatsoberhaupt. Allerdings sind alle anderen ZK-Mitglieder der Ansicht, dass Malenkow nicht der ideale Nachfolger ist. Insbesondere der intrigante Geheimdienstchef Lawrenti Beria (Simon Russell Beale) hat bereits Vorbereitungen für seine Machtübernahme getroffen. Den ehemaligen Außenminister Wjatscheslaw Molotov (Michael Palin), den Stalin auf eine seiner berüchtigten Todeslisten hat setzen lassen, begnadigt Beria spontan, weil er hofft, dass er ihm nützlich sein werde. Allerdings durchkreuzt ausgerechnet der bis dahin eher unauffällige Nikita Chruschtschow (Steve Buscemi) Berias Pläne, in dem er einen Konflikt zwischen Beria und dem Chef der Roten Armee, Georgi Schukow (Jason Isaacs), anheizt. Und dann gibt es noch Stalins Kinder Swetlana (Andrea Riseborough) und Wassili (Rupert Friend), die jeweils auf ihre Art ziemlich durchgeknallt sind, mit denen sich die jeweiligen Verschwörer aber gut stellen müssen. Sämtliche ZK-Mitglieder agieren extrem opportunistisch und eigennützig, insbesondere Beria schreckt vor keiner Grausamkeit zurück, um seine Interessen durchzusetzen. Es wird also weiterhin munter verhaftet, verhört, gefoltert und gemordet, auch wenn selbst Beria irgendwann auf die Idee kommt, dass die Aussetzung der Hinrichtungen und eine allgemeine Amnestie beim Sowjetvolk gewiss gut ankämen.

Es fiel mir wie gesagt ziemlich schwer, das alles so lustig zu finden, wie es offensichtlich gemeint war, vielleicht, weil der Film immer wieder zwischen alberner Klamotte und brutaler Trashsatire schwankt. Aber für das eine ist er zu blutig und für das andere nicht blutig genug. Insofern frage ich mich, was dieser Film eigentlich sein will: Eine Geschichtsstunde der anderen Art oder tatsächlich eine Politsatire? Auch wenn die Handlung von The Death of Stalin historisch nicht akkurat ist, so orientiert sie sich doch an Ereignissen, die in ähnlicher Form tatsächlich statt gefunden haben. Das tut schon weh. Insbesondere wenn man sich das heutige Politpersonal in der Weltspitze mal ansieht. Wer von denen würde denn nicht für den eigenen Vorteil über Leichen gehen? Wer von denen kriegt denn tatsächlich mit, wie die jeweiligen Untertanen so leben (müssen)!?

Das ist ja generell das Problem mit Politsatire: An drastischen Beispielen wird vorgeführt, wie „die da oben“ so drauf sind, da kann man dann drüber lachen und am Ende ändert sich – nichts. Wissen wir nicht längst, dass die Mächtigen böse sind, und sich aus ihrem Bedürfnis heraus, mächtig zu werden, zu sein und zu bleiben, bei jeder Gelegenheit zum Affen machen? Dass sie ohne mit der Wimper zum zucken, das Gegenteil von dem behaupten, was sie eben noch gesagt haben, nur weil sich der Wind gedreht hat?! Das hat George Orwell bereits im Jahr 1948 in seinem Roman 1984 besser auf den Punkt gebracht: „Frieden ist Krieg!“ „Sklaverei ist Freiheit!“ „Unwissenheit ist Stärke!“

Insofern: Man kann sich den Film schon ansehen, wenn man auf schwarze Komödien steht. Aber in dem Bereich habe ich schon Besseres gesehen.

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The State: Willkommen im IS

Vor lauter Streit um Dieselverbot, Kohleausstieg und die Frage, warum es hierzulande keine Gelbwestenbewegung gibt, obwohl das Volk mehr als genug Gründe hätte, wütend auf die Straße zu gehen, hört man derzeit fast gar nichts mehr über den Krieg in Syrien. Vermutlich deshalb, weil die Truppen, die weiterhin zum syrischen Staatschef Basar al-Assad stehen, wieder die Oberhand haben. Was eine peinliche Pleite ist, weil den wollte der freiheitlich-demokratische Westen ja weg haben. Das war schließlich der Grund für all das Elend und die Zerstörung eines zuvor vergleichsweise gut funktionierenden Landes im Nahen Osten. Aber leider stellte sich dort, ähnlich wie auch in Afghanistan, Irak oder Libyen, nach dem Sturz der ach so undemokratischen Machthaber eben nicht Freiheit, Demokratie und Eierkuchen ein, sondern ein Regime wesentlich unangenehmerer Zeitgenossen. Genau jener religiösen Fanatiker nämlich, die zuvor als angebliche Freiheitskämpfer vom Westen großzügig unterstützt wurden.

The State: Ushna (Shavani Cameron)

The State: Ushna (Shavani Cameron)

Damit komme ich zu der Serie, um die es hier heute gehen soll: The State. Gemeint ist der Islamische Staat, kurz IS, der sich in den von Kriegen zerstörten Ländern des Nahen und Mittleren Ostens ausgebreitet hat. Nun ist es auch den verlogensten Westlern nicht möglich, den Leuten ein Terrorregime islamistischer Fundamentalisten als die bessere Alternative für eine angeblich freiheitsbedürftige Bevölkerung zu verkaufen. Der IS ist ein ärgerlicher Betriebsunfall, auch wenn man den, vor allem nach den Erfahrungen in Afghanistan, durchaus hätte voraussehen können: Die Leute vom IS nehmen gern Geld, Waffen und sonstige Ausrüstung aus dem Westen an, lehnen die aber westliche Lebensweise inklusive Kapitalismus ab. Das ist übrigens der entscheidende Unterschied zu den Saudis, die zwar auch religiöse Fanatiker sind, aber gute Beziehungen zu den Kapitalisten in aller Welt unterhalten, weshalb man sie auch in Ruhe lässt. Obwohl die Assads oder Gaddafis dieser Welt im Vergleich mit den al Sauds fast schon als lupenreine Demokraten durchgehen müssten.

Aber genug davon, eigentlich betreibe ich ja einen Serienblog. Und damit es nicht immer nur um Netflix und Co geht,  habe ich mir den britischen Vierteiler The State angesehen, in der es um vier junge Menschen geht, die sich dem IS in Syrien anschließen. Um die für mich größte Schwäche der Serie gleich vorwegzunehmen: Auf die Frage, was die jeweiligen Protagonisten überhaupt motiviert, sich einer in meinen Augen überaus rückständigen und menschenfeindlichen Bewegung anzuschließen, gehen die Macher von The State gar nicht ein. Wir müssen uns damit zufrieden geben, dass es sich diese jungen Aktivisten im Namen Allahs bereits haben einleuchten lassen, dass sich der Aufbau eines Islamischen Staates lohnt, in dem jeder und jede ein gottgefälliges und damit glückliches Leben führen kann. Und das man dafür kämpfen, und so Allah es will, auch sterben muss. Wobei durchaus gezeigt wird, dass die Propaganda in sozialen Netzwerken eine große Rolle spielt, für die entsprechende Social-Media-Experten des IS gezielt Inhalte produzieren und verbreiten.

The State: Shakira (Ony Uhiara)

The State: Shakira (Ony Uhiara)

Insofern haben alle vier unrealistische Erwartungen an den neuen Staat, dem sie ihr Leben widmen wollen. Sie werden alle enttäuscht, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise. Da ist die farbige Muslima Shakira (Ony Uhiara), eine Ärztin, die sich mit ihrem neunjährigen Sohn auf den Weg nach Syrien macht. Sie will ihren Brüdern und Schwestern vor Ort einfach helfen, weil sie weiß, dass sie dafür hervorragend qualifiziert ist. Der junge Jalal (Sam Otto) hingegen geht nach Syrien, weil sein älterer Bruder dort im Kampf gestorben sein soll. Er ist ein Hafiz, er kann den gesamten Koran auswendig, was ihm unter den Brüdern in London viel Achtung eingebracht hat. Entsprechend irritiert ist er, als die Brüder vom IS ihn fragen: „Und, was kannst du sonst noch?!“

Jamal wird begleitet von seinem Freund Ziyad (Ryan McKen), der auf ein Abenteuer aus ist. Ihn lockt die Sache mit den 72 Jungfrauen, wenn er als Märtyrer stirbt. Und für verdiente Kämpfer gibt es ja zuvor schon wenigstens eine, zwei oder noch mehr echte Frauen, die sich um ihr leibliches Wohl sorgen. Eine solche will die junge Ushna (Shavanni Cameron) werden, oder besser: Eine Löwin unter Löwen. Ihr ist anfangs am wenigsten klar, worauf sie sich eingelassen hat. Sie weint, weil die IS-Leute ihr aus Sicherheitsgründen das Handy weggenommen haben und sie ihre Eltern nicht anrufen kann. Denen sie offenbar aus guten Gründen nicht gesagt hat, dass sie weggeht. Und schon gar nicht, wohin.

Ushna war noch nie auf eine Gemeinschaftsküche angewiesen, ganz zu schweigen von einer Gemeinschaftstoilette. Damit hat sie wirklich ein Problem: Sie hatte früher ein eigenes Badezimmer, also scheint ihre Familie nicht zu den Verlierern in der britischen Gesellschaft zu gehören. Wobei es ja auch wieder dieses Gemeinschaftsding ist, was für junge Leute attraktiv ist: Es gibt da eine Gruppe, zu der du gehören kannst und die sich um dich kümmert. Die dich und deine Wünsche und Sorgen versteht. Die immer für dich da ist, wenn du nur bereit bist, dein bisheriges Leben hinter dir zu lassen. So funktioniert jede Sekte.

Und ich will hier den Gedanken der Gemeinschaft, des Kollektivs, gar nicht schlecht machen. Im Gegenteil finde ich die Idee total gut, dass man vieles gemeinsam tun und nutzen kann. Das spart Ressourcen, macht Spaß und ist auch sonst in vielerlei Hinsicht sinnvoll: Warum nicht ein Haus, ein Auto, eine Waschmaschine, einen Rasenmäher und so weiter mit anderen teilen? Andererseits brauche ich definitiv meine Privatsphäre: Mein Bett, mein Computer und überhaupt meine persönlichen Dinge, von denen nur ich sagen kann, was ich brauche und was nicht. Die sollen dann auch wirklich privat sein, also nur für mich. Und lasst mich mit Gott in Ruhe. Schon die Tatsache, dass es wahnsinnig viele Götter gibt, von denen einige behaupten, dass sie der einzige seien, sollte einen stutzig machen.

Vermutlich ist das einer der Gründe für die Überzeugungskraft des Islam: Er ist einfach. Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet. Das christliche Glaubensbekenntnis ist sehr viel länger und, ganz wichtig: es beginnt mit „ich glaube…“. Glaube wiederum beinhaltet Zweifel. Aber mit so etwas hält sich ein überzeugter Moslem nicht auf: Es ist einfach so. Das macht unsere komplizierte Welt sehr viel übersichtlicher. Wobei das auch nicht immer angenehm ist, wie Shakira, Ushna, Jalal und Ziyad bald feststellen müssen. Dabei werden sie alle erst einmal mit offenen Armen willkommen geheißen, in der Gemeinschaft des Daesh. Die Frauen von ihren Schwestern, die Männer von ihren Brüdern: Was immer ihr braucht, wir besorgen es für euch.

Allerdings stellt sich bald heraus, dass die Entscheidung darüber, was wer jeweils braucht, von reichlich engstirnigen Fanatiker*innen getroffen wird. Und zu allererst braucht es Gehorsam und Disziplin. Die Männer werden in einer Art Crashkurs auf ihren Einsatz als Märtyrer vorbereitet, die Frauen werden auf ihre künftige Rolle als Ehefrau und Mutter eingeschworen, die verdienten Kämpfern ihr irdisches Leben so angenehm wie möglich machen und natürlich möglichst viele Kinder gebären sollen.

Ushna kann sich damit abfinden, offenbar wurde sie in ihrem konservativen Elternhaus ohnehin auf eine solche Rolle vorbereitet. Nur dass sich ihre Eltern sicherlich eine Zukunft mit einer guten Partie im sicheren Großbritannien für sie vorgestellt haben. Aber Ushna wollte wohl lieber etwas Spannenderes erleben, und sei es ein wildfremder Ehemann, den nicht ihre Eltern, sondern ihre neue Gemeinschaft für sie auswählt. Sie hat auf ihrem Smartphone eine App, mit der sie die Anweisungen ihres neuen Ehemanns übersetzen kann. Der Mann mag sie und ist freundlich zu ihr, er besorgt sogar eine Sklavin, die sich um Ushna und den Haushalt kümmert. Denn das britische Essen, das Ushna kocht, schmeckt ihm nicht.

Shakira hingegen, die es in London als alleinerziehende Mutter geschafft hat, Ärztin zu werden, kann nich fassen, dass ihre Qualifikation jetzt nur noch darin bestehen soll, einen Mann glücklich zu machen. Und dann hat sie auch noch das Pech, dass der Kommandant, der für das örtliche Krankenhaus zuständig ist, Gefallen an ihr findet. Es ist ja nicht so, dass ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten nicht gebraucht würden. Aber sie ist halt eine Frau. Und für jeden Schritt, den sie in der Öffentlichkeit tut, braucht sie die Erlaubnis eines Mannes. Shakira muss sich allerhand einfallen lassen, um gegen den Willen des örtlichen Befehlshabers doch zu praktizieren und das geht nicht lange gut. Aus Verzweiflung schlägt sie einem Leidensgenossen aus dem Krankenhaus einen Deal vor: Der Arzt soll sie heiraten, und ihr dann erlauben, als Ärztin zu arbeiten. Doch leider weiß nicht nur Shakira, dass Dr. Rabia schwul ist. Kurz nach der Hochzeit wird er für ein Selbstmordkommando rekrutiert.

The State: Jalal (Sam Otto) und Ziyad (Ryan McKen)

The State: Jalal (Sam Otto) und Ziyad (Ryan McKen)

Für Jalal und Ziyad läuft es anfangs besser, sie sind schließlich Männer. Und als solche werden sie bald in die Gemeinschaft der potenziellen Märtyrer aufgenommen, mit entsprechenden Vergünstigungen. Aber auch sie stellen bald fest, dass im IS nicht islamische Vernunft und Weitsicht regieren, sondern Misstrauen und Willkür. Insbesondere der sensible Jalal leidet. Er freundet sich mit einem Apotheker an, der später verdächtigt wird, ein CIA-Spion zu sein. Und er erfährt die Wahrheit über seinen Bruder, der offenbar nicht der Held war, den Jalal in ihm sehen wollte. Jalal versucht immerhin noch, im Rahmen seiner Möglichkeiten Gutes zu tun, so kauft er eine jesidische Sklavin mitsamt ihrer kleinen Tochter, um sie vor weiterem Missbrauch durch seine neuen Brüder zu retten. Aber genau das macht ihn selbst verdächtig – der Terrorstaat wendet sich am Ende gegen ihn.

Alles in allem ist The State also nicht die ideale Serie für einen angenehmen Abend. Aber sie ist eine interessante und wichtige Ergänzung zu den ganzen Medienberichten über den IS und dessen Sympathisanten: Letztlich sind das auch nur Menschen. Dabei wird keineswegs um Verständnis für den IS und seine Unterstützer geworben, im Gegenteil: Die Leute da haben definitiv alle einen Knall. Aber wird eben gezeigt, mit welchen Mitteln naive junge Menschen, die in den Gesellschaften, in denen sie aufgewachsen sind, aus welchen Gründen auch immer keinen Platz für sich gefunden haben, angeworben und vereinnahmt werden. Und dann auch gegen ihren Willen gezwungen werden, Dinge zu tun, die sie von sich aus niemals getan hätten. Deren Wut und Frust vom IS gezielt ausgenutzt und eingesetzt wird. Und die einem am Ende dann doch irgendwie leid tun können, wenn sie allmählich kapieren, was für eine brutale, menschenverachtende Bande in ihrem neuen Staat das Sagen hat. Der IS lässt keinen davon kommen – und selbst für diejenigen, denen eine Flucht gelingt, ist das Leben danach nie wieder wie zuvor.

Britischer Serien-Terror

Die Briten haben mal wieder zugeschlagen, also serientechnisch, versteht sich. Ende August wurde der Sechsteiler Bodyguard in Großbritannien auf BBC One ausgestrahlt und erwies sich als die erfolgreichste Fernsehserie des vergangenen Jahrzehnts, bis zu elf Millionen Zuschauer schalteten ein, bei einer Bevölkerung von derzeit 66 Millionen. Was wirklich beachtlich ist, zumal die Serie zum Ende hin steigende Einschaltquoten hatte, im Gegensatz zu Babylon Berlin, dem aktuellen Serienhighlight der ARD, das von Folge zu Folge Zuschauer verliert und inzwischen nur noch 3,7 Millionen Zuschauer hat, bei einer Gesamtbevölkerung 82,5 Millionen Menschen.

Aber diese Serien lassen sich schlecht vergleichen, obwohl es gewisse Parallelen gibt. Babylon Berlin ist ein opulenter Historienschinken, in dem eine ganz okaye Kriminalroman-Vorlage, die in den späten 20er Jahren spielt, in teurer Kulisse noch ein bisschen aufgepeppt (man könnte auch sagen: ziemlich in die Länge gezogen und dabei an ungünstigen Stellen überfrachtet) wurde. Bodyguard hingegen trifft den Nerv der Gegenwart: Es geht auch hier um Politik, Intrigen und Attentate, aber das alles findet gerade jetzt in London statt. London dürfte bereits eine der am engmaschigsten überwachten Städte der Welt sein, die britische Hauptstadt war in der Vergangenheit immer wieder das Ziel von Terroranschlägen und wurde im Namen der nationalen Sicherheit mit umfassenden Überwachungsmechanismen ausgerüstet. In der Serie geht es unter anderem um die Frage, in wie weit der Kampf gegen den Terror zu mehr Gewalt und immer neuen Terrorattentaten beiträgt.

bodyguard

Sergeant Budd (Richard Madden) und Home Secretary Julia Montague (Keeley Hawes)  Bild: BBC

 

Interessant finde ich, dass der Held in beiden Serien ein beschädigter Kriegsveteran ist, der versucht, sein Leben wieder in den Griff zu kriegen und nebenbei noch einen guten Job zu machen, auch wenn ihm das sein Umfeld und seine Vorgesetzten nicht unbedingt danken, weil er damit anderen Interessen im Weg steht.

Vermutlich spielt für den Publikumserfolg von Bodyguard auch eine Rolle, dass eben dieser Personenschützer Sergeant David Budd, der die konservative Innenministerin Julia Montague (Keeley Hawes) schützen soll, mit Richard Madden besetzt ist. Der in Game of Thrones mit Robb Stark einen der wenigen Sympathieträger gespielt hat. Der allerdings, wie so viele seines Hauses, die dritte Staffel des Fantasyspektakels nicht überlebte.

David Budd hingegen hat seinen Einsatz als Soldat in Afghanistan überlebt, aber er ist durch innere und äußere Verletzungen gezeichnet. Zurück in der Heimat wird er Polizist, was durchaus naheliegend ist, denn mit Disziplin und Befehlsketten kennt er sich gut aus. Und er scheint noch weitere Talente zu haben: Zufällig kann er, als er seine Kinder im Zug nach Hause zu seiner getrennt lebenden Frau bringt, ein Selbstmordattentat verhindern. Das bringt ihm eben jene Beförderung ein, Julia Montague beschützen zu dürfen. Oder zu müssen, denn eigentlich ist er mit ihrer politischen Linie nicht einverstanden. Die Hardlinerin ist für mehr Verbrechensbekämpfung, mehr Überwachung und für mehr Auslandseinsätze – und David verachtet Menschen, die andere Leute in den Krieg schicken, ohne sich selbst in die Schusslinie begeben zu müssen. Aber Befehl ist Befehl und Job ist Job, und den macht er natürlich gut.

Damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf, denn es passieren dann jede Menge schrecklicher Dinge, von denen das geneigte Publikum erst einmal nicht wissen kann und soll, wer eigentlich welche Interessen verfolgt. Klar ist aber, hier sind extrem sinistre Kräfte am Werk, die sehr weit oben in der Befehlskette stehen. Es bliebt natürlich nicht aus, dass sich Budd und Montague angesichts der traumatisierenden Ereignisse, denen sie ausgesetzt sind, menschlich und überhaupt näher kommen. Und das, obwohl David anfangs eher wie ein gut trainierter Polizeiroboter wirkt, der von Gefühlsregungen unbeeinflusst immer die richtigen Dinge tut. Aber David ist eben auch nur ein Mensch und hinter der professionellen Maske verbirgt er eine gefährliche Mischung aus Angst und Wut, die er immer weniger kontrollieren kann.

Als Personenschützer und Vertrauter der Innenministerin bekommt Budd Kenntnis von unfassbar geheimen Dingen: Die ehrgeizige Ministerin plant ihrerseits eine mediale Attacke auf den Premierminister, und spätestens hier ich muss meine Spoileritis unbedingt in den Griff bekommen, denn die Serie funktioniert natürlich nur, wenn man nicht weiß, wer wo und warum welche Fäden zieht. Natürlich werden auch falsche Spuren gelegt und nicht zuletzt gibt es undichte Stellen im Polizeiapparat, so dass in allen sechs Folgen permanent Hochspannung garantiert ist.

Alles in allem ist die Handlung für meinen Geschmack viel zu dick aufgetragen und daher auch reichlich unwahrscheinlich: Allein dass ein akut an PTSD leidender Veteran in so einem sensiblen Umfeld wie Personenschutz für höchste Regierungsmitglieder arbeiten kann – aber geschenkt. In Homeland gibt es ja auch eine manisch-depressive CIA-Agentin, die eine US-Präsidentin berät. Kann man wohl unter dem Stichwort Fachkräftemangel verbuchen. Und ein wesentlicher Teil der Spannung wird ja gerade aus dem Umstand generiert, dass eben nicht klar ist, ob ein dermaßen labiler Protagonist wie Kriegsveteran Budd dem immensen Druck standhalten kann, den sein neuer Job mit sich bringt. Und mit seinen Kenntnissen und Fähigkeiten wäre er selbst auch ein idealer Attentäter…

Für Fans von komplexen Polit-Thrillern ist Bodyguard auf jeden Fall ein Leckerbissen, denn hier arbeiten alle gegeneinander: Geheimdienste, Terrorabwehr, politische Parteien, die verschiedenen Abteilungen der britischen Polizei, und dann gibt es ja auch noch die echten Verbrecher, und, last but not least, die Terroristen. Richard-Madden-Fans kommen auch auf ihre Kosten, es geht ähnlich hoch her wie in Game of Thrones, allerdings rollen nicht ganz so viele Köpfe. Und als David Budd kann Madden zeigen, was er alles drauf hat, vom knallharten Actionprofi bis hin zum über dem Abgrund wankendem Psychowrack bietet er eine mitreißende Performance. Und natürlich hat Sergeant Budd als Vertreter des Nordens einen sympathischen schottischen Akzent, allein dafür lohnt sich die Originalversion.

Gut finde ich auch, dass es in der Serie viele starke Frauen gibt, neben der energischen Innenministerin ist da Commander Anne Sampson (Gina McKee), die Chefin der Anti-Terror-Einheit der Britischen Polizei, und natürlich Vicky (Sophie Rundle), Davids Frau, die als Krankenschwester arbeitet. Vicky und David haben sich in der Zeit seines langen Auslandeinsatzes auseinandergelebt. Vicky weiß, dass David psychische Probleme hat und findet, dass er sich in dem Punkt helfen lassen sollte. David will davon natürlich nichts wissen. Er will, dass alles wieder so ist wie früher, auch wenn er schon kapiert, dass das unrealistisch ist. Er leidet darunter, dass er nicht der Ehemann und Vater sein kann, der er gern sein würde. Daraus speist sich vermutlich auch sein Diensteifer: Im Job kann er so sein, wie er privat gern wäre: Ein verlässlicher Beschützer, der allen Widerständen trotzt, ein Fels in der Brandung. Am Ende kommt alles anders, und auch wenn mich weite Teile der letzten Folge wirklich genervt haben, gibt es dann doch noch einen Twist, der es in sich hat. Insofern Daumen hoch, auch wenn ich den hysterischen Hype um die Serie nicht ganz nachvollziehen kann. Aber ich bin ja keine Britin.

The Handmaid’s Tale: Erschreckend nah

Eine bei den aktuellen Emmys völlig zu recht mit Auszeichnungen überhäufte Serie ist The Handmaid’s Tale. Ende der 80er Jahre las ich den zugrunde liegenden Roman Der Report der Magd von Margarete Atwood. Kein schönes, dafür aber ein wirklich lesenswertes Buch, in dem das erschreckende Konzept einer totalitären US-Gesellschaft beschrieben wird, nachdem christliche Fundamentalisten die Macht im Staat übernommen haben. 1990 sah ich auch die Verfilmung des Romans von Volker Schlöndorff – aber soweit ich mich erinnere, fand ich die gar nicht so gut.

Die neue Verfilmung trifft die Sache sehr viel besser – gut, dass Hulu den Mumm hatte, eine solche Serie zu bestellen, denn genau solche Serien sind wichtig – schon um zu zeigen, wie fragil die bisher erkämpften Menschenrechte sind und wie schnell aus einer ach so freiheitlich-demokratischen Gesellschaft ein totaler Überwachungsstaat werden kann, in dem ein großer Teil der Menschen praktisch keinerlei Rechte mehr hat. Dazu braucht man weder Nazis, noch Kommunisten (die völlig zu unrecht immer wieder in einen Topf geworfen werden) – es braucht halt nur einer kritische Masse an Fanatikern, um ein unmenschliches System zu installieren, in dem die Interessen der meisten Menschen einfach keine Rolle mehr spielen.

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The Handmaid’s Tale: Elizabeth Moss als Offred

In The Handmaid’s Tale wird eine alternative Gegenwart beschrieben, der die meisten Menschen durch Umweltkatastrophen und Krankheiten unfruchtbar geworden sind. Weil die bisherige Politik keine Lösung für diese Probleme gefunden hat, haben konservative und christliche Gruppen Zulauf gefunden. Schließlich hat eine Gruppierung aus ultrakonservativen Christen im Zuge eines Militärputschs die Macht in den USA übernommen und den totalitären, christlich-fundamentalistischen Staat Gilead ausgerufen. Es gelten die Gesetze des alten Testaments, die Männer haben das Sagen und die Frauen dafür zu sorgen, dass es ihren Männern an nichts fehlt. Da ist nur das Problem mit dem Nachwuchs – schließlich ist es die natürlich Aufgabe der Frau, Kinder zu gebären und aufzuziehen. Blöd nur, wenn das mit dem Kinderkriegen nicht mehr funktioniert.

Also werden die wenigen, noch gebärfähigen Frauen zwangsverpflichtet, für die hochrangigen Würdenträger der neuen Gesellschaftsordnung als Mägde zu dienen, die keine andere Aufgabe haben, als bei einem ritualisiertem Geschlechtsakt, die jeweilige Ehefrau (die ebenfalls anwesend ist) zu vertreten, um schwanger zu werden und dann das Kind für das Paar auszutragen.

Keine Frage, den betroffenen Frauen passt das überhaupt nicht, deshalb gibt es ein extrem repressives Zwangssystem, um sie gefügig zu machen. Eine von den Mägden ist Offred (Elisabeth Moss), die in ihrem früheren Leben June Osborne hieß und eine Tochter mit Luke Bankole (O. T. Fagbenle) hatte, der eigentlich mit einer anderen Frau verheiratet war. Die beiden haben versucht, sich mit ihrem Kind nach Kanada abzusetzen, aber die Flucht misslang. June und ihre Tochter wurden aufgegriffen, Lukes Schicksal ist ungewiss.

June wird nun dem hochrangigen Commander Fred Waterford zugewiesen, weshalb ihr Name jetzt Offred ist. Die Mägde heißen immer nach ihrem jeweiligen Herrn, weshalb aus zum Beispiel  Ofwarren (Madeleine Brewer) im Laufe der Zeit Ofdaniel wird. Auch daran wird klar, dass es in Gilead nicht ums Individuum geht, sondern um die heilige große Sache einer christlich-fundamentalistichen Nation, die übrigens ziemliche Erfolge in Sachen Umweltschutz und Nachhaltigkeit vorweisen kann, weil knallhart neu definiert wird, was die Leute wirklich zum Leben brauchen und was nicht.

Das muss letztlich auch Serena Joy erfahren, die Frau des Commanders Fred, die zuvor noch in der freien US-Gesellschaft eins der Hauptwerke für eben diese neue Gesellschaft geschrieben hat – ich frage mich sowieso immer, was Frauen dazu motiviert, sich in konservativen und oder religiösen Gruppen zu engagieren – da sind doch genau die Typen unterwegs, die Frauen bisher schon das Leben schwer gemacht haben.

Serenas intellektuelle Fahäigkeiten werden nun ebenfalls auf Eis gelegt, weil Frauen ja nichts mehr zu sagen haben. Sie darf keine Reden mehr halten und keine Bücher mehr schreiben – es ist ihr im Laufe der ersten Staffel schon anzumerken, dass sie sich das alles etwas anders vorgestellt hat. Zwar hat sie als Hausherrin gegenüber den anderen Frauen noch eine privilegierte Stellung und kann die arme Offred schikanieren. Aber ansonsten hat sie nichts mehr zu melden – ihre einzige Opposition besteht darin, dünne Zigaretten zu rauchen.

Das Erschreckendste an The Handmaid’s Tale ist aber, dass dieses Horroszenario gar nicht so weit her geholt ist – es gibt schließlich Länder auf dieser Erde, in denen genau die Zustände herrschen, die uns in dieser Serie so verstören. Iran, Saudi Arabien und natürlich auch die Gebiete, die sich jene einstmals von den USA hochgerüsteten religiösen Fanatiker unter den Nagel gerissen haben, die jetzt als Taliban oder IS ihr Unwesen treiben. Am Rande will ich hier auch Israel und Palästina erwähnen, auch wenn hier die Lage eine andere ist. Worauf ich hinaus will: Es ist nie gut, wenn religiöse Dogmatiker das Sagen haben. Und auch nicht, wenn es sich um andere Dogmatiker handelt. Es ist nie gut, wenn eine bestimmte Gruppe von Menschen meint, die Interessen aller anderen zum Zwecke von welcher Sache auch immer unterbuttern zu dürfen.

Der trotzige Widerstand von Offred und ihren Leidensgenossinnen in The Handmaid’s Tale erinnert uns daran, dass es sich lohnt, gegen unaushaltbare Zustände anzukämpfen: Man muss nicht alles tun, was von einem verlangt wird, selbst wenn man eigentlich keine andere Wahl hat: Sie können uns nicht alle töten. Lieber ein schlechtes Leben mehr fürchten als den Tod.

Ab dem 4. Oktober gibt es bei Entertain Serien. Unbedingt ansehen

Berlin Station: Amerikaner in Berlin

Als ich vor ein paar Tagen nach Hause kam, standen hinter meinem Wohnblock mehrere Mietlaster. Hinter den Windschutzscheiben Schilder, die darauf schließen ließen, dass Anonymous Content just in meiner Gegend dreht – und weil das ja auch die Produktionsfirma hinter meiner Lieblingsserie Mr. Robot ist, musste ich gleich mal recherchieren, was die hier in Berlin gerade tun. Offenbar wird derzeit die zweite Staffel von Berlin Station hier gedreht – und so setzte ich alles daran, an die erste Staffel dieser Serie zu kommen, die leider noch gar nicht in Deutschland ausgestrahlt wurde. Aber wie ich inzwischen gesehen habe, kommt sie ab dem 18. Juli auch hierzulande auf Netflix. Insofern brandaktuell!

Screenshot Berlin Station: Reichstag in Berlin

Screenshot Berlin Station: Reichstag in Berlin

Berlin Station wurde vom US-Kabelsender Epix in Auftrag gegeben und im Herbst vergangenen Jahres in den USA ausgestrahlt. Von dem Sender hatte ich zuvor noch nie gehört, meinen Recherchen zufolge wurde er erst Ende 2009 gegründet, womit er der jüngste unter den Premium-Kabelsendern der USA sein dürfte. Epix gehört zum Metro-Goldwyn-Mayer-Imperium und hat sein Hauptquartier im Bertelsmann Building in New York. Nun sollte man wissen, dass Bertelsmann ein deutscher Medienkonzern ist, der in Gütersloh sitzt. Zu Bertelsmann gehören die RTL Gruppe, Penguin Random House, Gruner & Jahr, BMG, Arvato und diverse weitere Bertelsmann-Unternehmen. Soviel zur Medienmacht von Bertelsmann und den Verbindungen zu Deutschland – es ist ja schon interessant, dass eine von einem US-Network in Auftrag gegebene und offenbar für ein US-Fernsehpublikum konzipierte Serie komplett in Berlin spielt – und in Berlin bzw. Potsdam Babelsberg produziert wird.

Screenshot Berlin Station: U-Bahnhof Alexanderplatz

Screenshot Berlin Station: U-Bahnhof Alexanderplatz

Okay, wir hatten das schon einmal mit der fünften Staffel von Homeland – wobei Homeland ja nun eine durch und durch amerikanische Serie ist, auch wenn sie CIA-bedingt immer wieder außerhalb der USA spielen muss, schließlich ist die CIA nun einmal der Auslandsgeheimdienst der Staaten. Um die CIA geht es auch in Berlin Station – und Berlin ist ja nun auch ein cooler Ort, es muss nicht immer Teheran, Bagdad oder Abu Dhabi sein. Die Sprachbarriere ist in Berlin auch nicht wirklich ein Problem, zumindest die jüngeren Berliner sprechen sehr viel besser Englisch als ein Durchschnittsamerikaner Deutsch, selbst wenn der in Deutschland arbeitet – was für unsereins eigentlich ein Running Gag solcher Serien ist: Es ist einfach zu putzig, wenn Amerikaner versuchen, Deutsch zu reden. Ja, gewiss ist es auch putzig, wenn Deutsche Englisch reden, aber wir werden hierzulande ja wesentlich häufiger zum Gebrauch von Fremdsprachen gezwungen – zumindest wenn wir auf der Höhe der Zeit bleiben wollen. Schon weil es viel zu lange dauert, bis die interessanten US-Serien hierzulande offiziell verfügbar sind. Da ziehen wir uns das doch lieber gleich in der Originalsprache rein.

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) auf den Dächern von Berlin

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) auf den Dächern von Berlin

Damit zurück zur Serie – in Berlin Station wird tatsächlich viel Deutsch gesprochen, was durchaus für die Serie spricht. Denn warum sollten Deutsche untereinander nicht deutsch sprechen?! Deutsch mit englischen Untertiteln ist auch mal ganz lustig. Es sind entsprechend eine Reihe deutscher Schauspieler mit dabei, etwa Bernhard Schütz als Hans Richter, der ein hohes Tier beim deutschen Verfassungsschutz ist, Victoria Mayer als Ingrid Hollenbeck, einer Chefredakteurin der Berliner Zeitung, Claudia Michelsen als Patricia Schwarz, der deutschen Kusine von Agent Daniel Miller (Richard Armitage) oder Sabin Tambrea als – nun ja, einer sehr tragischen Figur mit vielen Facetten, die im Grunde der Auslöser der aufsehenserregenden Aktionen des geheimnisvollen Thomas Shaw ist.

Worum es geht: Der CIA-Analyst Daniel Miller entdeckt eine Verbindung zwischen scheinbar zusammenhangslosen Leaks, bei denen äußerst sensible Informationen über die Arbeit der CIA an die Öffentlichkeit gelangten. Es scheint sich dabei immer um den selben Whistleblower zu handeln. Das aktuellste Leck wird ausgerechnet von der Berliner Zeitung veröffentlicht. Also wird Miller nach Berlin geschickt, um den Whistleblower zu enttarnen. Die Ironie dabei: Daniel Miller ist ein geborener Berliner. Seine Mutter wurde brutal ermordet, als er acht Jahre alt war. Weil sein Vater Amerikaner war, wuchs er nach dem Tod der Mutter in den Staaten auf.

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) inside Berliner Zeitung

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) inside Berliner Zeitung

In Berlin trifft Miller (der übrigens nur noch schlecht Deutsch spricht) zwei sehr unterschiedliche Typen: Den Chef der titelgebenden Berlin Station Steven Frost (Richard Jenkins), der bereits zu Zeiten des Kalten Kriegs bei der CIA angefangen hat und auf Hector DeJean (Rhys Ifans), der ihn in seinen neuen Job einweisen soll. Auch Hector ist ein Veteran, und wie sich herausstellt, gibt es eine alte Geschichte zwischen Hector und Daniel – die dazu führte, dass Daniel sich aus dem Dienst im Feld zurückzog und fortan als Analyst seinen Dienst tat.

Ich will jetzt nicht den Fehler wiederholen, den ich viel zu oft mache – nämlich eine komplette Inhaltsangabe der Serie zu liefern. Nur so viel: Mir gefällt Berlin Station sehr gut – die Handlung ist nicht so hysterisch und an den Haaren herbeigezogen wie bei Homeland. Was ich auf jeden Fall als Plus werte: Hier gibt es keine manisch-depressiven Superagentinnen und auch keine Kriegshelden, die möglicherweise umgedrehte islamistische Selbstmord-Attentäter sind. Die Figuren in Berlin Station sind realistischer, was sie aber nicht weniger interessant macht. Denn alle haben für das, was sie tun, einen guten Grund. Und die Serienmacher nehmen sich die Zeit, um die Motive der jeweiligen Hauptfiguren nachvollziehbar zu erklären.

Screenshot Berlin Station: Der Mann im Hintergrund - Hector DeJean (Rhys Ifans)

Screenshot Berlin Station: Der Mann im Hintergrund – Hector DeJean (Rhys Ifans)

Dadurch wird die Handlung alles in allem ziemlich vorhersehbar – was von Adrenalinjunkies vielleicht als Minus gewertet werden kann. Aber in Berlin Station geht es eben nicht um möglichst abgefahrene Plottwists, sondern um eine vergleichsweise solide Story über den zu enttarnenden Whistleblower, der sich Thomas Shaw nennt (es wird am Ende auch gezeigt, wie er auf genau diesen Namen gekommen ist) und die oberen Chargen der CIA-Station in Berlin ganz schön in Bedrängnis bringt. Denn es werden nicht nur hässliche Details der die Methoden der CIA ausgeplaudert – die ja spätestens seit dem Abu-Ghraib-Folterskandal einer breiten Öffentlichkeit ohnehin bekannt sind – sondern auch über Verbindungen zu den deutschen Geheimdiensten, was die Deutschen ganz schön ärgert. Und die können ziemlich nerven, wenn sie verärgert sind. Wie diese Chefredakteurin der Berliner Zeitung, die sich aus Sicht der CIA in verantwortungslosester Weise von Thomas Shaw instrumentalisieren lässt und seine Leaks veröffentlicht. Doch auch die Leute vom Verfassungsschutz sind nicht glücklich darüber.

Screenshot Berlin Station: Ingrid Hollenbeck (Victoria Mayer), heimlich überwachte Chefredakteurin der Berliner Zeitung

Screenshot Berlin Station: Ingrid Hollenbeck (Victoria Mayer), heimlich überwachte Chefredakteurin der Berliner Zeitung

Und dann sind da noch die Israelis, die dem Chef der Berliner CIA-Station Robert Kirsch (Leland Orser) behilflich sind, weil er doch als Jude einer von ihnen sein sollte, woran sie ihn mehr oder weniger sanft erinnern müssen: Eine Hand wäscht die andere und sowohl gegen die Deutschen, als auch gegen die Islamisten müssen sie doch zusammen halten. Dass es mit den jeweiligen Fronten und Loyalitäten nicht so einfach ist, wird immer wieder und an vielen Stellen gezeigt – insofern ist Berlin Station dann doch wieder komplex genug, um einen fortgeschrittenen Serienjunkie wie mich zufrieden zu stellen. Natürlich geraten hier auch Zivilisten zwischen die Fronten, die eigentlich nur Gutes tun wollten, es gibt eine ganze Reihe bedauerlicher Kollateralschäden.

Steven Frost (Richard Jenkins), Chef der Berlin Station

Steven Frost (Richard Jenkins), Chef der Berlin Station

Wie im wahren Leben ist alles ziemlich komplex – so hat der Islamistische Terror auch in Deutschland mitunter ein weibliches Gesicht und die Haltung Deutschlands in der Flüchtlingsfrage wird natürlich nicht nur von deutschen Rechten und Konservativen instrumentalisiert, um Stimmung gegen die Fremden zu machen, sondern auch findige Terrorunterstützer nutzen Institutionen, die angeblich Flüchtlingen helfen sollen, um Unterstützer des IS-Terrors zu rekrutieren. Gute Absichten werden eben auch von genau den Leuten ausgenutzt, die man eigentlich überhaupt nicht unterstützen wollte. Und umgekehrt: Der von den USA ausgerufene Krieg gegen den Terror mit seinem gnadenlosen Repressionssystem von Blacksites außerhalb der USA führt eben auch dazu, dass aus eigentlich harmlosen Verdächtigen, die zufällig in die Folter-Maschinerie geraten sind, am Ende wirklich Täter werden.

Berlin Station: Immer wieder historische Bilder der Mauer

Berlin Station: Immer wieder historische Bilder der Mauer

Insofern ist Berlin Station trotz kleinerer Schwächen in der Story eine der besseren Spionage-Serien – natürlich gibt es von mir auch einen gewissen Berlin-Bonus. Wobei man wirklich einiges von Berlin sieht, die Stadt ist auch nicht so absurd zusammengeschnitten wie man das von anderen Produktionen kennt, und zwar auch von deutschen Serien und Filmen, in denen die Leute in der U-Bahn am Alexanderplatz aussteigen und dann am Potsdamer Platz oder am Ku’damm rauskommen. Obwohl schon interessant ist, dass die geheimen Wohnungen der CIA durchweg schon Jahrzehnte vor der Wende nicht mehr renoviert wurden. Liebe Amerikaner – es stimmt nicht, dass Berliner Wohnungen alle noch im 70er-Jahre-Stil (oder älter) eingerichtet sind, auch wenn das unter Hipstern vielleicht gerade wieder angesagt ist. Und auch noch ein Tipp für Thomas Shaw: Die Berliner Zeitung kennt außerhalb Berlins kaum jemand – vielleicht beim nächsten Mal doch ganz professionell bei Wikileaks leaken? Oder ein Fake-Account bei Facebook einrichten?

Screenshot Berlin Station: Potsdamer Platz

Screenshot Berlin Station: Potsdamer Platz

House of Cards: Endlich wieder US-Politik ohne Trump

Inzwischen ist die fünfte Staffel von House of Cards auch in Deutschland angelaufen – und ich musste mir die neuen Folgen auch schon wieder komplett reinziehen, denn huijuijui, es geht ziemlich zur Sache. Wir sind ja von den Underwoods schon einiges gewöhnt, aber seit Frank und Claire sich privat wieder angenähert haben und jetzt auch politisch als Präsident und Vizepräsidentin ein Spitzenteam sind, geht es richtig zur Sache. Das Autoren-Team hat jetzt noch mal eine Schippe drauf gelegt – Kevin Spacey witzelte bei Stephen Colbert neulich, dass House of Cards ja wohl viel bessere Autoren hätte als Donald Trump.

Und klar haben die Underwoods mehr drauf als dieser kindische Cholerik-Milliardär, der noch immer glaubt, dass Politik ein Hobby für verzogene Oberschichtgören wäre. Obwohl – das ist sie ja auch. Aber nur in real-existierenden Bonzokratien im Mittleren Osten und Mittleren Westen. Wobei die aktuellen Videos mit Trump als Präsidentendarsteller ja auch nicht schlecht sind – diese erste Kabinettssitzung, die im Grunde nur aus Lobhudeleien der anwesenden Speichellecker bestand, deren Qualifikation für ihre jeweiligen Ministerposten ganz offensichtlich nicht über unbedingte Loyalität zur größten Knallcharge aller Zeiten hinausreichte, ist dermaßen skurril, dass man fast meinen könnte, James Franco und Seth Rogen hätten eine neue Nordkorea-Satire gedreht. Nur dieses Mal eine gute.

Aber zurück zu House of Cards: In dieser Serie gibt es noch immer eine USA, in der wahnsinnig schlaue, gut vernetzte und abgebrühte Vollblutpolitiker die Fäden ziehen, was in der Konsequenz aber auch nicht besser ist – denn beide Underwoods haben bereits Ende der vierten Staffel erkannt, dass Terror ein hervorragendes Mittel sein kann, um Wahlen zu gewinnen, auch wenn es nicht ganz so gut funktioniert, wie sie sich das vorgestellt hatten.

In Anbetracht der Tatsache, dass es für Normalseher jede Woche nur einen Teil gibt und ich einfach keine Zeit habe, für jeden Teil eine Einzelkritik zu schreiben, obwohl sich das durchaus lohnen würde, versuche ich, meine Staffelreview zur Abwechslung mal etwas spoilerfreier als bei mir sonst üblich zu gestalten.

In den vergangen fünf Jahren haben sich sowohl Frank als auch Claire Underwood weiter entwickelt, sie hatten Krisen und Zerwürfnisse, und sie haben sich gegenseitig nichts geschenkt, sondern einander zum Teil sehr heftig bekämpft, bis sie in der vierten Staffel auf die geniale Idee gekommen sind, als Team anzutreten – statt wie bisher gegeneinander. Nur als Team können sie den charismatischen jungen Hoffnungsträger der Republikaner schlagen – doch auch das erweist sich als wesentlich schwieriger als gedacht. Will Conway ist ein republikanischer John F. Kennedy, der all das hat, was Frank und Claire nicht haben – eine blütenweiße Weste nämlich und eine fotogene Familie, einen Freund im Suchmaschinen-Business und eine Affinität zu Social Media, die sich eben auch nur Leute leisten können, die nicht bis zum Hals in allen möglichen Skandalen stecken.

House of Cards: Claire und Frank Underwood Bild: Netflix

House of Cards: Claire und Frank Underwood Bild: Netflix

Dafür ist Frank Underwood bereits der Präsident der USA und er denkt nicht daran, auch nur ein Quentchen seiner Macht aufzugeben. Und so zieht sich der Wahlkampf noch bis tief in die fünfte Staffel hinein – und natürlich bleibt nicht aus, dass Frank und Claire weiterhin ihre Differenzen haben. Trotzdem wissen sie, dass sie einander brauchen – und irgendwann hat Frank eine Erleuchtung. Die dazu führt, dass Claire endlich ans Ruder kommt – ich denke, dass das jetzt keine allzu große Überraschung sein sollte, denn diese Figur wurde ja über die vergangenen Staffeln sorgfältig aufgebaut. Claire hat immer wieder ein überraschendes Eigenleben entwickelt und in dieser Staffel wächst sie tatsächlich über sich hinaus – oder doch eher über Frank, dem sie eine ebenbürtige Partnerin ist. Mit allen Konsequenzen.

Es tauchen auch interessante und zum Teil recht rätselhafte neue Figuren auf – etwa Jane Davis, die stellvertretende Untersekretärin für den Internationalen Handel, die außergewöhnlich gut vernetzt und die den Underwoods, insbesondere Claire, bei der einen oder anderen Sache erstaunlich hilfreich ist. Dafür werden andere verdiente Hauptfiguren wie Doug Stamper überraschend kaltschnäuzig abserviert – selbst wenn sie es am Ende doch irgendwie verdient haben. Das schlimmste an der fünften Staffel ist, dass sie zum Finale hin so viel Spannung auf die nächste Staffel aufbaut – und wir jetzt wieder ewig auf die Fortsetzung warten müssen. Noch gibt es keine offizielle Verlängerung – aber Netflix kann ja nicht alle Serien absetzen. Liebes Netflix – lass uns nicht mit Trump allein!

Rückblick Homeland Staffel 6

So, die sechste Staffel von Homeland ist auch schon wieder durch – und ich fand sie gar nicht so schlecht. Ich fand sie sogar besser als die meisten Staffeln zuvor – wobei das ja nicht so schwer ist. In dieser Staffel war es endlich wieder so spannend und vertrackt wie am Anfang der Serie, als ja auch nicht klar war, ob der einst vermisste, nach langer Gefangenschaft im Nahen Osten befreite US-Soldat Nicolas Brody ein endlich heimgekehrter Kriegsheld ist oder nicht vielleicht doch ein gefährlicher Terrorist.

Dieses Mal ging es um eine Verschwörung innerhalb des auch durch den massiven Ausbau in den Jahren nach 9/11 ziemlich unübersichtlich Geheimdienstapparates der USA, ein Thema, das durch Serien wie Quantico oder Designated Survivor derzeit ziemlich überstrapaziert wird, aber ich muss sagen, dass mir die Homeland-Variante dann doch deutlich besser gefallen hat. Schon weil diese Serie die derzeit coolste Titelmusik hat und auch sonst der Soundtrack viel weniger nervt als eben bei den anderen genannten Beispielen, wo eben alles fürchterlich brachial ist, leider vor allem die Musik.

Homeland: Carrie Mathison (Claire Danes) und Mrs President-elect Elizabeth Keane (Elizabeth Marvel)

Homeland: Carrie Mathison (Claire Danes) und Mrs President-elect Elizabeth Keane (Elizabeth Marvel) Bild: JoJo Whilden/SHOWTIME

Nun glänzt auch Homeland sonst nicht gerade mit Subtilität, aber immerhin trauen sich die Macher was, mir hat das fiese Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Geheimdienst-Veteranen Saul Berenson und Dar Adal gut gefallen, und auch, dass das Team um den Produzenten Alex Gansa genau wie so ziemlich alle anderen Kreativen in den USA bei den Präsidentschaftswahlen aufs falsche Pferd gesetzt hat – eine Mrs. President-elect war nun mal für das, was in der Staffel passiert, in jeder Hinsicht passender als eine Trump-Variante, die ohnehin nie so knallchargenhaft darstellbar wäre, wie der echte Trump agiert.

Homeland: Peter Quinn (Rupert Friend), Frannie (Claire McKenna) und Carrie Mathison (Claire Danes) Bild: Showtime

Homeland: Peter Quinn (Rupert Friend), Frannie (Claire McKenna) und Carrie Mathison (Claire Danes) Bild: Showtime

Elizabeth Keane als eine Präsidentin der vereinigten Minderheiten hingegen, die angetreten ist, um die Bürgerrechte zu stärken und Kriege zu beenden und deshalb ja auch mit knapper Mehrheit gewählt wurde, ist da für erfahrene Polit-Serien-Zuschauer doch viel glaubwürdiger, wenn sie sich am Ende als eiserne Lady entpuppt, die genau das Gegenteil von dem tut, was sie versprochen hat – hier gibt es eine Menge Parallelen zu Präsident Obama. Es ist ja nicht so, dass Keane sich nicht gegen die ihr vorgesetzten Lösungen des Staatsapparates auflehnen würde – sie versucht durchaus, eigene Akzente zu setzen. Mir hat vor allem die Folge nach dem Attentat gefallen, das Carries Schützling Sekou in die Schuhe geschoben wurde, in der sie mithilfe einer Haushälterin aus dem supersicheren Versteck entflieht, in das sie nach dem Anschlag routinemäßig gebracht wird, und nach New York zurückkehrt, um der Öffentlichkeit zu zeigen, dass sie sich eben nicht verstecken will.

Homeland: Saul Berenson (Mandy Patinkin), Bild: Showtime

Homeland: Saul Berenson (Mandy Patinkin), Bild: Showtime

Hier wird klar, dass es gewiss US-Kräfte sein müssen, die Keane unglaubwürdig machen und demontieren wollen, weil ihnen diese Präsidentin nicht passt. Natürlich wird auch hier dick aufgetragen, aber wie wir inzwischen aus dem wahren Leben wissen – manchmal ist die Realität noch schlimmer. Und dieser Brett O’Keefe (Jake Weber), ein selbsternannter Wahrheitsfanatiker, der eine provokante TV-Show betreibt, in der er „Lügen der Regierung“ aufdeckt, womit er natürlich nichts anderes als alternative Fakten produziert, die die Realität ebensowenig abbilden, wie andere fake news auch, ist leider eine Figur, die geradezu ekelhaft realistisch ist. Insofern ist es wirklich bitter, dass er am Ende dann auch noch irgendwie recht behält, weil die von ihm kritisierte Präsidentin Keane sich einmauert und knallhart ihr Ding durchzieht – natürlich bekommt sie nun von keiner Seite Lob, auch nicht von denen, die ihr unterstellt haben, dass sie genau dazu nicht fähig wäre.

Homeland: Elizabeth Keane (Elizabeth Marvel), Dar Adal (F. Murray Abraham) und Rob Emmons (Hill Harper) Bild: JoJo Whilden/SHOWTIME

Homeland: Elizabeth Keane (Elizabeth Marvel), Dar Adal (F. Murray Abraham) und Rob Emmons (Hill Harper) Bild: JoJo Whilden/SHOWTIME

Für Carries langjährigen Vertrauten Peter Quinn geht die Staffel auch nicht besser aus – er hat dank Carrie die fünfte Staffel ja ohnehin nur knapp überlebt und hadert nun mit seinen körperlichen Einschränkungen nach seiner Beinahe-Exekution als Versuchskaninchen für einen Giftgas-Anschlag des IS. Dass Carrie sich schuldig fühlt und ihn nach einigen Eskapaden bei sich zuhause aufnimmt, wird natürlich von Dar Adal auch ausgenutzt – aber eigentlich wollte ich auf etwas anderes hinaus: Peter Quinn ist natürlich trotz allem noch Peter Quinn, der erfahrene und selbst mit seinen Einschränkungen noch handlungsfähige, hochtrainierte CIA-Agent. Er kriegt heraus, was Carrie nur ahnt: Sekou war kein Attentäter, sondern nur ein Werkzeug.

Homeland: Astrid  (Nina Hoss) Bild: JoJo Whilden/SHOWTIME

Homeland: Astrid (Nina Hoss) Bild: JoJo Whilden/SHOWTIME

Peter setzt Carrie auf die richtige Spur, allerdings gerät er damit auch ins Fadenkreuz der Ermittler: Kann nicht auch ein verbitterter Veteran, dem übel mitgespielt wurde, hinter dem Attentat auf die US-Präsidentin stecken? Ironischerweise ist aber auch Peter nur ein Werkzeug in diesem bösen Ränkespiel, was Peter leider erst klar wird, als seine Freundin Astrid umgebracht wird, jene BND-Agentin, die er von früher kennt und die ihn jetzt eigentlich sanft aus dem Verkehr ziehen sollte, damit er den Keane-Gegnern nicht in die Quere kommt. Aber Quinn war ja schon immer die tragische Figur der Serie , daran ändert sich auch nichts.

Und Mrs Cry-Face Carrie? Die darf endlich einmal die richtigen Prioritäten setzen: Sich für ihre Tochter entscheiden und gegen den Job. Das wird ihr naturgemäß schwer gemacht, am Ende knickt sie aber ein, weil sie kapiert, dass Dar Adal hinter der Jugendamt-Sache steckt, mit der ihr ihre Tochter weggenommen wurde. Und weil Carrie irgendwie doch etwas gelernt hat, will sie nicht gegen Dar Adal gewinnen, sondern einfach ihr Kind wieder haben. Was am Ende sogar belohnt wird, denn Dar Adal erkennt schließlich auch, dass ihm die Sache, die er angezettelt hat, aus dem Ruder läuft und gibt Carrie den entscheidenden Tipp, der das Leben von Präsidentin Keane rettet.

Alles in allem also eine typische Homeland-Staffel, die sich auch meiner Sicht dieses Mal wirklich gelohnt hat. Und die siebte Staffel kommt – ich freu mich schon fast ein bisschen drauf.

Homeland: Brett O'Keefe (Jack Weber) Bild: SHOWTIME

Homeland: Brett O’Keefe (Jack Weber) Bild: SHOWTIME