Incorporated: Erschreckend aktuell

Und noch einmal Science Fiction – ich habe mit der Syfy-Serie Incorporated angefangen und musste mir gleich sechs oder sieben Folgen des 10-Teilers ansehen. Die Serie passt erschreckend gut zu dem, was sich nun als hysterisch-düsterer Ausblick auf ein mehrjähriges Trump-Regime abzeichnet: Die Menschen werden durch Mauern und Checkpoints getrennt und Regierungen spielen keine Rolle mehr. Dafür übernehmen mächtige Konzerne sämtliche Aufgaben, die eigentlich mal Sache des Staates waren, von Bildung über Gesundheit bis hin zu Ordnung und Sicherheit. Denn die US-Regierung versagte kläglich, ihre Bevölkerung vor den Folgen des Klimawandels zu schützen. (Von dem ja gewisse Leute noch immer  behaupten, dass es den gar nicht geben würde.) Jetzt ist alles in der Hand privater Konzerne, die natürlich vor allem ihre eigenen Interessen wahrnehmen: Sie definieren, was wichtig und was richtig ist, die Menschen, die sie nicht für ihre Zwecke brauchen, überlassen sie ihrem Elend.

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Incorporated spielt im Jahr 2074: Durch Naturkatastrophen infolge des Klimawandels wurden die an den Küsten gelegenen alten Zentren wie New York oder Los Angeles zerstört, weite Teile der USA sind inzwischen Salzwüste. Im noch immer grünen Milwaukee liegt die Zentrale des Spiga-Konzerns, der eigentlich mal ein Saatgut-Konzern war – Monsanto lässt grüßen – aber nun eben alles macht, was man unter Life Science verstehen kann. Entsprechend werden auch alle Angestellten ständig überwacht und allen möglichen Screenings unterzogen. Gesundheit ist erste Bürgerpflicht – dazu kommt, dass die Konzerne eifersüchtig über ihr geistiges Eigentum wachen, auch über das, was sich in den Köpfen ihrer Angestellten befindet.

Und Fortpflanzung ist auch nur noch mit ausdrücklicher Genehmigung erlaubt, denn erstens sind die Ressourcen knapp und zweitens soll der ganze Aufwand nur für optimalen Nachwuchs betrieben werden. Die Karriere-Leute im Konzern setzen deshalb gern auf Leihmütter, denen Designer-Embryonen eingesetzt werden. Wer sich auf die althergebrachte Weise fortpflanzen will, muss seine Gene noch mal extra untersuchen lassen und sobald irgendwie Risikofaktor auftaucht, auf sämtliche Versicherungsleistungen verzichten, falls etwas schief geht. Doch das gilt nur für die Happy Few, die in der Komfortzone leben. Abseits dieser, von Großunternehmen kontrollierter Green Zones gibt es die Red Zones, die praktisch rechtsfreier Raum sind.

Aaron 7 Ben Larson (Sean Teale) Bild: syfy.com

Aaron 7 Ben Larson (Sean Teale) Bild: syfy.com

In Incorporated trifft also 1984 auf Blade Runner, nur dass die Überwachung der Menschen noch sehr viel perfekter funktioniert, als George Orwell sich das vorstellen konnte, und das Elend in den übervölkerten Flüchtlingslagern an den Rändern der Red Zones noch viel deprimierender ist als die dystopische Kulisse der heruntergekommenen Megametropole in Blade Ranner. Millionen von Amerikanern vegetieren in diesen Slums vor sich hin, aber es gibt keinen Staat mehr, der sich um all die Klimaflüchtlinge kümmert. In einer Folge gibt es als Vorspann einen chinesischen Werbespot, in dem um Spenden für die armen Kinder in den USA gebeten wird – offenbar sind die Chinesen mit dem Klimawandel besser klar gekommen als die Amis, die weitgehend sich selbst überlassen wurden.

Aaron und Theo in der Red Zone Bild: syfy.com

Aaron und Theo in der Red Zone Bild: syfy.com

Doch eigentlich geht es um den Spiga-ITler Ben Larson (Sean Teale), der eigentlich Aaron heißt und aus einer Red Zone kommt – was aber niemand wissen darf. Die Bewohner der Red Zones sind Parias, sie werden höchstens für niedere Arbeiten herangezogen. Ben jedoch ist ein sehr guter Programmierer, weshalb er bei Spiga Biotech Karriere machen kann – er hat sich einen perfekten Lebenskauf gefälscht. Und dann hat er auch noch die Tochter der Konzern-Chefin geheiratet. Laura (Allison Miller) ist eine auf kosmetische Chirurgie spezialisierte Ärztin. Laura hat allerdings kein so richtig gutes Verhältnis zu ihrer Mutter Elizabeth Krauss (Julia Ormond), die CEO von Spiga ist – natürlich hat das einen Grund.

Doch zurück zu Aaron bzw. Ben – Ben Larson hat Spiga unterwandert, weil er auf der Suche nach Elena Marquez (Denise Tontz) ist, seiner Jugendliebe, die er im Flüchtlingscamp kennen gelernt hat. Elena hat auch noch einen kleinen Bruder, Theo, der in der Red Zone versucht, Karriere als Martial-Arts-Kämpfer zu machen, was natürlich extrem tough ist, denn er ist eher klein und schlecht ernährt und kommt gegen die mit Blutwäschen und optimaler Proteinzufuhr gepimpten Corporate-Jungs nur durch den Einsatz illegaler und gefährlicher Substanzen an.

Elizabeth Krauss (Julia Ormond) und Laura (Allison Miller) Bild: syfy.com

Elizabeth Krauss (Julia Ormond) und Laura (Allison Miller) Bild: syfy.com

Mit ähnlichen Mitteln hat die schöne Elena vor Jahren auch versucht, ein Stipendium fürs College zu bekommen – für das sie sich mit leistungssteigernden Drogen parallel zu ihrem Job in der Kneipe ihres Vaters mit Super-Learning-Kursen vorbereitet hat. Aber sie scheiterte knapp. Ein Spiga-Scout war auf sie aufmerksam geworden – sie suchte schöne Mädchen für das legendäre Arcadia. Was ein sehr exklusiver Club für höherrangige Spiga-Manager ist. Die wiederum stehen unter so gnadenlosem Erfolgsdruck, dass die Selbstmordrate bedenkliche Höhen erreichte. Doch durch den Einsatz der Arcadia-Mädchen konnte sie signifikant gesenkt werden. Die müssen natürlich nicht nur schön, sondern auch smart sein – genau wie Elena.

Und weil Spiga – und natürlich auch die Konkurrenz – wahnsinnig darauf versessen ist, ihr geistiges Eigentum zu schützen, müssen die Mädels einen entsprechenden Vertrag unterzeichnen: Wenn sie sich verpflichten, bekommen sie eine neue Identität und werden verhältnismäßig gut bezahlt, sie bleiben aber für den Rest ihres Lebens Eigentum der Firma. Denn wer weiß, was gestresste Manager beim Sex so alles erzählen. Wenn ein Date außer Kontrolle gerät, werden hässliche Erinnerungen gelöscht und die Medizin ist inzwischen auch so weit, dass so ziemlich alles repariert werden kann – so gibt es Sprühpflaster, mit dem Wunden in wenigen Minuten ohne Narben zu hinterlassen wieder verschwunden sind.

Moderner Fernunterricht Bild: syfy.com

Moderner Fernunterricht Bild: syfy.com

Theo und Aaron haben sich in den Kopf gesetzt, Elena aus diesem Leben als Sexsklavin für die Spiga-Bosse zu befreien und nehmen dafür extreme Risiken in Kauf – wenn Aaron bzw. Ben auffliegt, ist nicht nur seine Karriere vorbei, ihm droht dann sehr viel Schlimmeres. Und Theo hat als Bewohner einer Red Zone ohnehin nichts zu lachen – er muss jeden Tag sehen, wie er überlebt. Aus seiner Perspektive ist ein Leben in einer Green Zone ein Leben im Paradis.

Doch so schön ist es dort tatsächlich auch nicht: Das Spiga-Universum ist wie ein faschistischer Staat organisiert. Das Leben in einer Green Zone ist zwar ein von materiellen Sorgen freies Leben, aber dafür auch eins unter allumfassender Kontrolle, ein Abweichen von der Norm gilt als unverzeihliches Verbrechen. Der Konzern sorgt zwar gut für einen, aber er reguliert alles bis in die privatesten Bereiche hinein. Und schon der kleinste Fehler kann verhängnisvoll werden: Fällt einer der Manager in Ungnade, verliert die komplette Familie sämtliche Privilegien und wird in einem Lager interniert.

Auch wenn die Geschichte durchaus Schwächen aufweist und ich die Figuren alles in allem dann doch ganz schön klischeehaft finde – vielschichtige Charaktere, die eine interessante Entwicklung durchlaufen gibt es hier nicht, dafür aber eine Reihe karrieregeiler Anzugsträger und -trägerinnen und einen Helden, der seine zweifellos vorhandene Brillanz für ein sehr persönliches Ziel einsetzt, wo es doch noch sehr viel bessere Gründe gäbe, Spiga zu unterwandern – nun ja.  Das Ansehen lohnt sich aber aufgrund der erschreckenden Aktualität der behandelten Themen aber doch.

Theo Marquez (Eddie Ramos) Bild: syfy.com

Theo Marquez (Eddie Ramos) Bild: syfy.com

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Arrival: Warum sind sie hier?

Was Science-Fiction-Filme angeht, habe ich leider schon lange keinen guten mehr gesehen – obwohl es in der letzten Zeit durchaus einige gab, die auf ihre Weise zumindest interessant waren, Der Marsianer beispielsweise oder Interstellar. Und noch schlimmer wird es, wenn Aliens auftauchen – dann gibt es eigentlich nur noch Krieg und Zerstörung. Auf die Idee, dass auch mal Besucher vorbei kommen könnten, die weder die Erde zerstören, noch die Erdlinge versklaven und ausbeuten wollen, scheint kaum ein Filmemacher zu kommen – aber wie auch, wenn das einzig anerkannte, inzwischen global auf unserem Planeten praktizierte Wirtschaftssystem auf Ausbeutung und Konkurrenz beruht, statt auf Kooperation und gegenseitiger Anerkennung.

Um so erstaunlicher eigentlich, dass mit Arrival nun doch ein neuer Science-Fiction-Streifen in die Kinos gekommen ist, der von Außerirdischen handelt, die den Menschen gar nichts tun wollen. Wobei das ja lange Zeit nicht so richtig klar wird – in dem Film des kanadischen Regisseurs Denis Villeneuve geht es vor allem darum, wie man mit Wesen kommuniziert, von deren Art der Kommunikation man überhaupt keinen Schimmer hat.

Arrival: Merkwürdiges Flugobjekt in Montana

Arrival: Merkwürdiges Flugobjekt in Montana Bild: Apple Trailer

Die Menschen haben untereinander ja schon erhebliche Kommunikationsprobleme – und die heutige Art hysterischer Live-Berichterstattung mit all ihren Irrungen und Wirrungen (oder auf Neusprech fake news und alternative facts) macht die Sache auch nicht besser. Insofern ist Dr. Louise Banks (Amy Adams) eine in ihrer Ernsthaftigkeit schon ziemlich aus der Zeit gefallene Wissenschaftlerin – genau wegen dieser Eigenschaft gelingt es ihr schließlich aber auch, die rätselhafte Sprache der Ankömmlinge zu entschlüsseln. Dabei bekommt sie anfangs nicht mal mit, dass die Aliens auf der Erde landen – sie wundert sich nur, dass so wenig Studenten in ihre Vorlesung gekommen sind. Die dann auch noch gebannt auf ihre Laptops starren, anstatt sich anzuhören, was ihre Dozentin über die Besonderheiten des Portugiesischen zu berichten hat. Aber als Zuschauer weiß man ja ohnehin noch nicht so richtig, woran man ist, denn im Schnelldurchlauf wurde als Vorspann gezeigt, dass Dr. Louise Banks gerade ihre Tochter verloren hat, die als junge Frau an irgendeiner Krankheit gestorben ist.

Doch dann geht es richtig los: Kampfjets und Hubschrauber lärmen, die USA machen mobil und die Linguistin, die bereits mehrfach für die US-Regierung gearbeitet hat, wird als Expertin beauftragt, mit den frisch gelandeten Aliens Kontakt aufzunehmen. Gemeinsam mit dem Physiker Ian Donnelly (Jeremy Renner) leitet Louise ein Team, das herausfinden soll, wer die Ankömmlinge sind, woher sie kommen und was sie vor haben. Weltweit sind zwölf der eigenartigen Schiffe gelandet, die ihrer Form wegen als „Muscheln“ bezeichnet werden, auch wenn sie nicht wirklich wie Muscheln aussehen – sondern eher wie rätselhafte, einen halben Kilometer hohe Designobjekte, die knapp über der Erdoberfläche schweben. In den elf anderen betroffenen Ländern arbeiten ebenfalls Expertenteams an einer Kontaktaufnahme – aber nicht alle haben die Mittel und die Geduld der Amerikaner, was sich noch als zunehmend problematisch herausstellen wird. Zumal das US-Militär eigentlich auch nicht dermaßen geduldig ist.

Dr. Louise Banks (Amy Adams) Bild: Arrival Trailer (Youtube)

Dr. Louise Banks (Amy Adams) Bild: Arrival Trailer (Youtube)

Alle 18 Stunden öffnet sich eine Tür in dem sonst mit keinerlei sichtbaren Öffnungen versehenen Raumschiff, das über einem Tal in Montana schwebt, durch die das Team ins Innere gelangen kann. Natürlich schützen sich die Menschen mit luftdichten Schutzanzügen, auch wenn sie einen Kanarienvogel im Käfig mitführen, dem es bei den Besuchen weiterhin gut zu gehen scheint.

Die erste Begegnung ist unglaublich spannend, obwohl gar nicht viel passiert – aber man fühlt mit Louise, die mit der Situation kaum klar kommt – dieser ungewohnte Schutzanzug und dann die Ungewissheit der ganzen Unternehmung – was erwartet sie überhaupt im Inneren dieses rätselhaften Dings? Aber sie nimmt sich zusammen – schließlich ist das eine Mission, die nur wenigen Auserwählten zuteil wird. Natürlich ist das eine einzigartige Chance – und Dr. Louise Banks wird das Beste daraus machen.

Im Inneren des Raumschiffs werden in einer Art Kanal die Gesetze der Schwerkraft aufgehoben – die Wissenschaftler und ihre Beschützer können einfach an den Wänden entlang gehen – schließlich sieht man durch einen Nebel hinter einer Trennwand zwei große, tintenfischartige Wesen mit sieben Armen oder Beinen, die sehr merkwürdige Geräusche von sich geben, die Louise beim besten Willen nicht übersetzen kann.

Die Aliens kommunizieren... Bild: Arrival Trailer (Youtube)

Die Aliens kommunizieren… Bild: Arrival Trailer (Youtube)

Aber als findige Sprachexpertin kommt Louise schließlich auf die Idee, zu testen, ob die Außerirdischen etwas mit visueller Kommunikation anfangen können, in dem sie HUMAN und später ihren Namen auf eine Tafel schreibt, die sie den Heptapoden zeigt. Diese antworten tatsächlich, in dem sie mit ihrer Tinte kreisförmige Schriftzeichen auf die Trennwand schreiben, die leicht variieren. Louise und Ian fangen damit an, diese Zeichen zu entschlüsseln und finden in mühsamer Kleinarbeit auch einiges heraus – allerdings können sie sich nie sicher sein, ob das, was sie hineinlesen, auch wirklich so gemeint ist.

Nach einiger Zeit haben Menschen und Aliens einige grundlegende Begriffe ausgetauscht – und die Aliens überraschen mit einer Botschaft, die sich mit „Waffe anbieten“ oder „Waffe benutzen“ übersetzen lässt. Nicht nur im US-Team sorgt das für Aufregung, sondern auch in China und einigen weiteren Ländern. Während Louise weiterhin überzeugt ist, dass die Aliens etwas anderes meinen müssten, werden weltweit Waffen in Stellung gebracht. Eine Gruppe Soldaten bringt eigenmächtig eine Bombe in das Raumschiff, in dem Louise und Ian weitere Informationen von den Aliens erhalten wollen.

Doch die Aliens lassen sich auch von dieser Aktion nicht aus der Ruhe bringen – sie retten Louise und Ian, wobei einer der beiden Außerirdischen dabei zu Tode kommt. Kurz vor der Explosion haben sie noch eine Menge Zeichen übermittelt, die Ian nun entschlüsselt. Er findet heraus, dass die Aliens auf den Verbund der zwölf Raumschiffe hinweisen. Louise macht sich unterdessen noch einmal allein auf den Weg zum Raumschiff und wird von dem verbliebenen Alien an Bord geholt. Sie findet heraus, dass die Aliens der Menschheit ein Geschenk machen wollen – ihre universelle Sprache, die auch die Wahrnehmung von Zeit verändert – Louise begreift, dass die Träume, die sie die ganze Zeit hat, ein Blick in die Zukunft sind. Später, hoffen die Aliens, werden die Menschen ihnen damit einmal helfen können.

Jetzt gilt es nur noch, die anderen Menschen zu überzeugen…

Doch, das ist ein toller Film, der mich mehr beeindruckt, als jedes Effektgewitter á la Star Wars oder Independence Day. Hier geht es endlich einmal nicht um Technik, sondern um Kommunikation – und um die Mühen ernsthafter Wissenschaft, die ausnahmsweise nicht benötigt wird, um neue Waffen zu entwickeln oder fremde Waffen zu zerstören, sondern um Erkenntnis zu gewinnen. Mehr Science und weniger Fiction also, das sollte man öfter wagen. Wobei dieser Film ja durchaus in die Zukunft blickt, wie man es von guter Science Fiction auch erwarten kann.

The Expanse: Underdogs auf Raumstation

Netflix hat seit ein paar Tagen The Expanse im Angebot – und auf neue Science-Fiction-Serien bin ich immer sehr neugierig – leider gibt es nicht sehr viele, die ich gut finde. Bei The Expanse bin ich mir auch noch nicht ganz sicher – die Geschichte an sich ist schon ziemlich gut, das Ambiente ist Blade-Runner-mäßig düster, was ich auch gut finde, es gibt auch interessante Charaktere. Aber die könnten noch interessanter sein, wenn sie nicht immer tun würden, was man von ihnen erwartet. Und weil vieles so erwartbar ist, gibt es immer wieder Passagen, die ich nicht besonders überzeugend finde, weil ich das Gefühl hatte, sie in anderen Serien und Filmen schon ein Dutzend Mal gesehen zu haben – und zwar in durchaus besseren Varianten.

The Expanse Bild: syfy.com

The Expanse Bild: syfy.com

Aber es ist ja auch schwierig, sich immer wieder etwas Neues einfallen zu lassen. Vermutlich werden alle, die die Western-SciFi-Serie Firefly nicht gesehen haben, weniger streng mit The Expanse sein, denn es erinnert mich verdammt viel an Firefly – schließlich geht es auch hier um die Besiedlung des Sonnensystems, in dem eben andere Regeln herrschen als auf der Erde. Und es gibt eine kleine Crew, die zu bedingungsloser Zusammenarbeit verdammt ist, wenn sie im feindlichen Weltall überleben will, auch wenn sich die Mitglieder in vielerlei Hinsicht nicht grün sind. Und dann gibt es natürlich jede Menge Interessenkonflikte und Ungerechtigkeiten, die irgendwie gehandelt werden müssen, von den typischen Weltraumpannen mal ganz abgesehen.

The Expanse ist allerdings deutlich komplexer angelegt als Firefly – das war ja eine klassische Serie, in der die Crew der Serenity in jeder Folge ein neues Abenteuer zu bestehen hatte, The Expanse dagegen spannt einen Handlungsbogen über die komplette Staffel von zehn Teilen und, was einem zum Schluss am Haken halten soll, auch darüber hinaus – klar warte ich jetzt auch auf die nächste Staffel, schon weil man mit dem Ende der ersten Staffel nicht glücklich werden kann. Doch worum geht es eigentlich?

The Expanse: Die Crew der Canterbury: Naomi Nagata (Dominique Tipper), Amos Burton (Wes Chatham), Alex Kamal (Cas Anvar), Shed Garvey Paulo Costanzo und James „Jim“ Holde (Steven Strait) Bild: syfy.com

The Expanse: Die Crew der Canterbury: Naomi Nagata (Dominique Tipper), Amos Burton (Wes Chatham), Alex Kamal (Cas Anvar), Shed Garvey Paulo Costanzo und James „Jim“ Holde (Steven Strait) Bild: syfy.com

Die Menschen auf der hoffnungslos übervölkerten Erde haben ihren Planeten in der Vergangenheit zwar nachhaltig ruiniert, es aber trotzdem hingekriegt, nicht auszusterben und außerdem noch den Mars zu besiedeln. Und das Sonnensystem bis zu jenem Asteroidengürtel zu erschließen, der sich zwischen den Planeten Mars und Jupiter befindet. Dort kreisen neben den Zwergplaneten Ceres, Pallas, Juno und Vesta mehrere Hunderttausend Asteroiden um die Sonne, auf denen es alle möglichen Rohstoffe gibt, die von Erde und Mars dringend benötigt werden.

Auf den Raumstationen jenes Gürtels leben die Gürtler (im englischen Original Belter) unter elenden Bedingungen: Anders als die Terraner, die das Privileg hatten, unter artgerechten Bedingungen auf der Erde aufzuwachsen, leiden die Gürtler nicht nur unter miesen Arbeitsbedingungen, denn selbstverständlich sind sie in erster Linie dazu da, in den Minen auf den jeweiligen Asteroiden zu schuften. Sie haben auch zahlreiche Krankheiten und Gendefekte, weil sie ohne Sonnenlicht, frische Luft und sauberes Wasser existieren müssen, von der fehlenden Schwerkraft gar nicht zu reden.

The Expanse: Detective Josephus „Joe“ Miller (Thomas Jane) und Dmitri Havelock (Jay Hernandes) Bild: syfy.com

The Expanse: Detective Josephus „Joe“ Miller (Thomas Jane) und Dmitri Havelock (Jay Hernandes) Bild: syfy.com

Vieles davon haben sie mit den Marsianern gemeinsam, die ebenfalls in Raumstationen leben – Wälder und Ozeane oder gar eine für Menschen verträgliche Atmosphäre gibt es auf dem Mars noch immer nicht. Aber die Marsianer waren offensichtlich besser auf Zack als die Gürtler und haben es geschafft, sich von der Erde zu emanzipieren – wobei, vermutlich wurden eben nur die besten der Besten zum Mars geschickt, um das Überleben der Menschheit unabhängig von der Erde zu garantieren. Und der Gürtel kam erst später – und dort wurden eben Arbeitskräfte gebraucht und keine mutigen Pioniere, die neue Welten erobern.

Wobei es auch die weiterhin gibt, in einem Nebenhandlungsstrang geht es um ein gigantisches Raumschiff, das im Asteroidengürtel gebaut wird, das sich auf eine hundertjährige Reise zu einer neuen Welt begeben soll – Auftraggeber sind ausgerechnet die Mormonen. Ja, jene US-Sekte, diese Heiligen der letzten Tage und das Schiff heißt Nauvoo, wie jene Stadt in Illinois, die die Mormonen aufkauften, weil sie in Missouri nicht bleiben konnten. Lustigerweise hieß der Ort früher Commerce, aber das hat mit The Expanse eigentlich nichts zu tun. Oder vielleicht doch?

The Expanse: Die verschwundene Juliette „Julie“ Andromeda Mao (Florence Faivre) Bild: syfy.com

The Expanse: Die verschwundene Juliette „Julie“ Andromeda Mao (Florence Faivre) Bild: syfy.com

Wie auch immer, die Marsianer jedenfalls sind allesamt bereit, sich für ein größeres Ganzes zu opfern und dazu auch noch intelligent und effektiv, so dass sie eine eigene Militärmacht aufbauen konnten, die derjenigen ihres einstigen Heimatplaneten trotzen kann – und möglicherweise sogar überlegen wäre, wenn es zu einem Krieg zwischen Erde und Mars kommen sollte. Auf der Erde herrscht inzwischen die UN, die so etwas wie eine Weltregierung für das gesamte Sonnensystem sein möchte. Das klingt einerseits ganz nett: Endlich eine Weltregierung! Doch wie das so ist, eine Regierung ist eben eine Regierung und die vertritt die Interessen der Mächtigen und nicht die der kleinen Leute. Etwa der Gürtler, an die unter den Sparmaßnahmen der Geschäftemacher von der Erde besonders leiden. Aber sie haben damit begonnen, sich zu organisieren und sie haben die OPA gegründet, die Outer Space Alliance, eine militante Gruppe, die für die Interessen der Gürtler eintritt.

Die UN bekämpft diese Aktivisten mit allen Mitteln, das sind nämlich fiese Terroristen, die gegen die Interessen der Erde kämpfen. Die da sind, mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel aus den Gürtlern herauszuholen. Und wenn dann der Wassertransporter von der Erde nicht kommt oder die versifften Luftfilter noch einmal recycelt werden, obwohl jetzt schon keiner mehr atmen kann, dann werden eben ein paar Sicherheitskräfte mehr angeheuert, um Ordnung zu schaffen. Weil das viel billiger ist, als frische Luft und frisches Wasser für alle.

The Expanse: Überleben im Weltraum - es lebe die Bastellösung! Bild: syfy.com

The Expanse: Überleben im Weltraum – es lebe die Bastellösung! Bild: syfy.com

Unter diesen Bedingungen ermittelt Detective Joe Miller in einem eigenartigen Vermisstenfall. Miller ist selbst ein Gürtler, er ist auf Ceres aufgewachsen und kennt nichts anders. Allerdings arbeitet er für Star Helix Security, eine private Sicherheitsfirma, die Polizeiaufgaben auf Ceres wahrnimmt. Miller nimmt Bestechungsgelder an und gilt unter den aufrechten Gürtlern als Verräter. Offenbar ist er aber gut in seinem Job, weshalb er beauftragt wird, Juliette Andromeda Mao zu finden, eine junge Terranerin, die aus einer einflussreichen Familie stammt. Wie sich noch herausstellen wird, hat sich Julie der OPA angeschlossen und kämpft für die Rechte der Gürtler, was ihrer Familie überhaupt nicht gefällt.

Julies Spur kreuzt sich mit der des Raumfrachters Canterbury, der Eis nach Ceres bringen soll. Die Canterbury empfängt einen Notruf von der Scopuli. Die Mannschaft tendiert dazu, diesen Notruf zu ignorieren, weil dieser Umweg Zeit und Energie kostet, und niemand weiß, was sie letztlich erwartet. Der erste Offizier der Canterbury, James Holden, entscheidet allerdings, der Sache nachzugehen. Eine kleine Mannschaft von Freiwilligen benutzt eine Fähre der Canterbury, um zu dem verlassenen Schiff abzubrechen, von dem der Notruf kam – und das stellt sich für die Crew der Fähre als Glücksfall heraus, denn wie aus dem Nichts taucht ein unbekanntes Kriegsschiff auf und zerstört die Canterbury.

The Expanse: Detective Miller bei der Arbeit Bild: syfy.com

The Expanse: Detective Miller bei der Arbeit Bild: syfy.com

Das Ausbleiben des Eisfrachters verschärft die Situation auf Ceres, wo Miller nicht nur dem Fall der verschwundenen Julie, sondern auch Wasserdiebstählen nachgeht – er erwischt ein paar dumme Kids, die mit dem abgezapften Naß auf einen schnellen Extraverdienst hoffen. Außerdem ging auf Ceres der Notruf von Holden ein – der indirekt die Marsianer beschuldigt, die Canterbury zerstört zu haben, schließlich deutet das, was sie bei ihrer Mission herausgefunden haben, auf eine Beteiligung der Marsianer hin. Das führt zu gewaltsamen Protesten gegen den Mars – offensichtlich will jemand einen Krieg zwischen Erde und Mars anzetteln.

Und dann gibt es ja noch die OPA – und es stellt sich heraus, dass die Ingenieurin Naomi Nagata, die sich mit Holden an der Rettungsaktion beteiligt hat, der OPA nahesteht. Und damit nicht genug erweist sich Alex Kamal, ein Schiffsführer von der Canterbury, der die Rettungs-Fähre geflogen hat, als Marsianer. Denn der Notruf der Canterbury-Überlebenden wird von dem marsianischen Flaggschiff Donnager empfangen, dem sich die vier Überlebenden der Canterbury schließlich ausliefern. Der vierte Mann ist übrigens Amos Burton, ein schießwütiger Mechaniker. Aber es gibt auch ein paar Charaktere, die weniger holzschnittartig angelegt sind – der Gürtler Miller ist eigentlich ein ganz cooler Typ.

The Expanse: Julies letzte Zuflucht Bild: syfy.com

The Expanse: Julies letzte Zuflucht Bild: syfy.com

Doch, alles in allem ist das eine der besseren Science-Fiction-Serien, auch wenn ich (noch) nicht richtig begeistert bin. Aber vielleicht wird das ja noch – nächstes Jahr kommt die zweite Staffel. Auf jeden Fall gibt es schrammelige Raumstationen, beeindruckende marsianische Militärtechnik und coole Handys haben sie auch auf Ceres – die auch schon mal einen Sprung im Display haben, schließlich wird die Technik richtig beansprucht. Das gibt auf jeden Fall Bonuspunkte.

Westworld: Cyborg-Western mit echten Gefühlen

Der letzte Versuch mit einer Mischung aus Science-Fiction und Western war, soweit ich mich erinnere,  die Serie Firefly – mit der Fox im Jahr 2002 allerdings nicht den gewünschten Erfolg landen konnte, obwohl mir die Idee hinter Firefly ganz gut gefallen hat. Insofern war ich sehr gespannt auf Westworld. Hier geht es allerdings nicht um handfeste Hasardeure, die sich mit ihrem altersschwachen Raumschiff in neu besiedelten fernen Welten durchschlagen müssen, sondern um eine künstliche Welt, die auf der Erde geschaffen wird. Außerdem steht dieses Mal HBO dahinter – und HBO braucht zum absehbaren Ende von Game of Thrones einen neuen Serienhit.

Westworld hat tatsächlich die Chance, das nächste große Ding zu werden. Wobei die Idee mit intelligenten Robotern, die ein Eigenleben entwickeln, ja keine neue ist, das gab es schon in 2001 – Odyssee im Weltraum, Bladerunner oder in der (sehr sehenswerten) schwedischen Serie Real Humans. Aber nun kommt das Thema noch ein paar Nummer größer und komplexer – aber es wurde ja auch Zeit. Gute Science-Fiction-Serien sind derzeit Mangelware. Ascension war ein netter Versuch, der leider zu früh abgebrochen wurde, und Colony fand ich zwar ganz interessant, aber nicht wirklich überzeugend.

Westworld: Teddy Flood (James Marsden) und Dolores (Evan Rachel Wood) Bild: HBO

Westworld: Teddy Flood (James Marsden) und Dolores (Evan Rachel Wood) Bild: HBO

Die ersten beiden Folgen von Westworld hingegen sind sehr ermutigend – Person-of-Interest-Autor Jonathan Nolan könnte hiermit endlich seinen großen Durchbruch schaffen, denn Person of Interest war zwar nicht schlecht, aber eben auch noch nicht so richtig gut. Doch worum geht es in Westworld eigentlich?

Westworld ist ein Freizeitpark der Zukunft – eine Art begehbares Abenteuer-Spiel, in dem man in eine Western-Vergangenheit eintauchen kann, die einerseits hyperrealistisch ist, die es andererseits so aber nie gegeben hat: Alles ist erfunden. Sämtliche Figuren, die Westworld bevölkern, agieren wie echte Menschen, sind aber tatsächlich Cyborgs, die von den menschlichen Spielern nach Belieben misshandelt, verletzt, vergewaltigt und auch getötet werden können. Dabei leiden sie wie Menschen und es fließt auch eine Menge Blut. Damit alles überzeugend wirkt, sind auch die Roboter mit Waffen ausgestattet, allerdings sind sie damit nicht in der Lage, die zahlenden Gäste zu verletzen. Wenn das Gemetzel vorbei ist, werden sie zur Reparatur gebracht und gewartet, um dann nach entsprechenden Updates wieder eingesetzt zu werden.

Westworld: Dr. Robert Ford (Anthony Hopkins) und Bernard Lowe (Jeffrey Wright) Bild: HBO

Westworld: Dr. Robert Ford (Anthony Hopkins) und Bernard Lowe (Jeffrey Wright) Bild: HBO

Die Hauptperson, wenn man so will, ist Dolores (Evan Rachel Wood). Sie ist inzwischen der dienstälteste Roboter in Westworld und so oft repariert und mit Updates versehen worden, dass sie eigentlich überhaupt keine Identität mehr haben dürfte – aber ihre Schöpfer, der Westword-Gründer Dr. Robert Ford (Anthony Hopkins) und seine rechte Hand Bernard Lowe (Jeffrey Wright) sind versessen darauf, ihre Figuren so lebensecht wie nur möglich zu gestalten. Deshalb programmieren sie ihnen mit der Zeit auch Erinnerungen ein, die mit bestimmten kleinen Gesten verbunden sind – solche Details lassen sie tatsächlich wie Menschen wirken. Wie sich aber auch herausstellt, verhalten sich die mit den neuesten Updates versehenen Roboter gelegentlich anders als erwartet – sie scheinen sich tatsächlich an Dinge aus ihrer Vergangenheit zu erinnern, die sie eigentlich nach einer Überholung in der Werkstatt vergessen haben sollten.

Dolores beispielsweise wurde von ihren Schöpfern mit einem sonnigen Gemüt ausgestattet, sie ist eine hübsche junge Frau, die das Schöne in der Welt sehen will und damit unweigerlich zum Schwarm aller Männer wird, sowohl ihrer Cyborg-Kollegen als auch der menschlichen Gäste, was diese allerdings nicht davon abhält, schreckliche Dinge zu tun – etwa ihren Verehrer Teddy Flood (James Madsen) zu erschießen, was gefühlt ungefähr alle fünfzehn Minuten passiert, oder ihren Vater, der dabei irreparabel zerstört und durch einen anderen Cyborg ersetzt wird – was Dolores allerdings gar nicht zu bemerken scheint: Sie ist in einer Zeitschleife gefangen und spult immer wieder ihr Programm ab. Bis sie sich unerwarteterweise an etwas zu erinnern scheint, was nicht in ihre trotz aller Gewalt doch irgendwie heile übersichtliche Welt passt.

Westworld: Der schwarze Reiter (Ed Harris) Bild: HBO

Westworld: Der schwarze Reiter (Ed Harris) Bild: HBO

Und es gibt ja auch eine andere Welt da draußen, die Welt der Westworld-Erfinder beispielsweise, die in einer futuristischen Zentrale über das Geschehen in Westworld wachen, was wiederum an The Hunger Games erinnert, wo sich junge Menschen zur Erheiterung des Publikums in einer riesigen, mit allerlei technischen Finessen versehenen Arena gegenseitig umbringen müssen, bis nur noch ein Gewinner übrig ist. So grausam ist die Welt von Westworld allerdings nicht, zumindest nicht für die menschlichen Spieler – sie sind einfach da, um Spaß zu haben und mal richtig die Sau rauszulassen: In Westworld dürfen sie all das ungestraft tun, was im echten Leben überhaupt nicht geht.

Und die Westword-Macher geben sich große Mühe, damit ihre zahlende Gäste gern wiederkommen, auch wenn anfangs noch nicht ganz klar ist, wie das alles wirklich funktioniert. Auf jeden Fall gibt es eine Geschäftsführerin – Sidse Babett Knudsen darf nun, nachdem sie in Borgen bereits Erfahrung als erste dänische Regierungschefin gesammelt hat, Chefin des coolsten Freizeitparks der Welt sein – die dafür sorgt, dass die Investoren zufrieden sind, einen überambitionierten Autor (Simon Quartermann als  Lee Sizemore), der sich ständig spektakuläre neue Handlungsstränge ausdenkt, was bei Dr. Robert Ford, der eher Wert aufs Detail legt, nicht unbedingt gut ankommt, und einen mysteriösen Dauergast (Ed Harris), der seit 30 Jahren immer wieder kommt und endlich Zugang zum ultimativen Superlevel erhalten will.

Westworld: Elsie Hughes (Shannon Woodward) Theresa Cullen (Sidse Babett Knudsen) Bild: HBO

Westworld: Elsie Hughes (Shannon Woodward) Theresa Cullen (Sidse Babett Knudsen) Bild: HBO

Er hat eine gewisse Narrenfreiheit, was er auch skrupellos ausnutzt, in der Westernwelt ist er der grausame dunkle Antiheld, der Angst und Schrecken verbreitet, um zu bekommen, was er will. Irgendwie ist diese Figur auch ein Seitenhieb auf den anspruchsvollen Serienfan, den Auskenner, der immer nach noch mehr verlangt – er hat alles schon gesehen, ist stolz darauf und deshalb schnell demonstrativ gelangweilt, andererseits hofft er auf das nächste ganz große Ding, das ihn, den abgebrühten Zyniker, am Ende doch noch mal herausfordert und überrascht.

Dann gibt es auch noch die anderen Gäste, die das Abenteuer ihre Lebens erleben und sich dabei in der Regel schlecht benehmen. Und schließlich natürlich die ganzen Cyborgs, die zunehmend merkwürdige Fehlfunktionen entwickeln: Hinter Westworld scheint irgendwie noch etwas ganz anderes zu stecken, aber es wird vermutlich noch ein paar Folgen (oder gar Staffeln) dauern, bis klar wird, worum es noch gehen könnte.

Westworld: Maeve Millay (Thandy Newton) Bild: HBO

Westworld: Maeve Millay (Thandy Newton, links) Bild: HBO

Wobei natürlich auch nach der ersten Folge klar wird, dass Westworld auf verschiedenen Ebenen statt findet: Es gibt die Handlungsstränge in Westworld, die Geschichten der Hosts selbst, also der Gastgeber, wie die menschlichen Roboter offiziell genannt werden – sie erzählen einander und natürlich auch den Gästen, woher sie kommen (aus der alten Welt beispielsweise) und wie sie angeblich in dieser Westernstadt gelandet sind. Wobei unter den Menschen durchaus schon mal die Frage gestellt wird, was es eigentlich für einen Nutzen haben soll, dass die Roboter miteinander reden, wenn gar keine Gäste anwesend sind. „Dann üben sie, das ist gut, um sie zu verbessern!“ erklärt Bernard Lowe, der sich überhaupt sehr für das kognitive Eigenleben seiner Geschöpfe interessiert. Und dann gibt es die Geschichte der Westword-Erfinder, so trinkt Dr. Ford beispielsweise gern mit seinen Cyborg-Veteranen, die er für Westworld erschaffen hat. Außerdem gibt es natürlich auch noch die Gäste, die sehr unterschiedlich mit ihrer erkauften Freiheit in der alternativen Realität von Westworld umgehen.

Wie auch bei Real Humans geht es in Westworld vor allem um die Frage, was Menschlichkeit am Ende ausmacht: Ist es okay, lebensechte Nachbildungen von Menschen zu quälen und zu töten? Ab wann gilt ein Individuum als menschlich? Kann und muss man mit einem Roboter Mitleid haben, wenn er drauf programmiert ist, Schmerz zu empfinden und zu leiden? Und was sagt es über Menschen aus, wenn sie perfekte Abbilder ihrer Selbst erschaffen, nur, um sie zur allgemeinen Belustigung zu zerstören? Westworld stellt viele Fragen und überlässt es den Zuschauern, sie zu beantworten.

Das ist eine Serie nach meinem Geschmack – zumal sowohl die atemberaubenden Landschaftsaufnahmen in der Westernwelt als auch das kühle Raumschiff-Ambiente des Westworld-Hauptquartiers eine grandiose Kulisse für die viel versprechende Story abgeben. Westworld hat auf jeden Fall das Potenzial für ein nächstes großes Ding – ich bin sehr gespannt, wie sich die Serie in den kommenden Folgen entwickelt.

Utopia: Knallbunter Verschwörungsthriller

Der Vorrat an wirklich guten Serien ist leider beschränkt, aber ab und zu gibt es zum Glück noch etwas zu entdecken: Beispielsweise die britische Serie Utopia, die von Dennis Kelly geschrieben und von Kudos Film für Channel 4 produziert wurde.

Die Handlung der Mini-Serie rankt sich um ein mysteriöses Manuskript, welches sich am Ende tatsächlich als Schlüssel zur Erklärung der ebenso beängstigenden wie verwirrenden Ereignisse erweist, mit denen die Protagonisten konfrontiert werden. Utopia entpuppt sich schnell als rasanter Verschwörungsthriller, der am Ende gar nicht so abgedreht ist, wie er streckenweise zu sein scheint – wer Serien wie Regenesis oder Helix mag, wird von Utopia vermutlich ebenfalls begeistert sein.

Utopia - im Vordergrund Arby (Neil Maskell) - Bilder via Channel 4

Utopia – im Vordergrund Arby (Neil Maskell) – Bilder von Channel 4

Der Autor von The Utopia Experiment, der in einer psychiatrischen Anstalt verstorben ist, soll einen zweiten Teil seiner legendären Graphic Novel The Utopia Experiment verfasst haben, in dem es um eine unglaubliche Verschwörung geht. Es gibt einen Verleger, der behauptet, im Besitz dieses Manuskriptes zu sein und einem kleinen Kreis von eingefleischten Fans, die sich in einem Online-Forum austauschen, ein Treffen anbietet – AFK, in einem Pub. Zum ausgemachten Zeitpunkt erscheinen aber nur drei der fünf, nämlich die ehemalige Medizinstudentin Becky (Alexandra Roach), der IT-Spezialist Ian Johnson (Nathan Steward-Jarrett) und der paranoide Verschwörungstheoretiker Wilson Wilson (Adeel Akhtar). Vom angeblichen Besitzer des Manuskripts Bejan gibt es keine Spur, auch der elfjährige Grant (Oliver Woolford) ist nicht gekommen.

Utopia: Wilson Wilson (Adeel Akhtar)

Utopia: Wilson Wilson (Adeel Akhtar)

Grant, der herausgefunden hat, wo dieser Bejan wohnt, bricht nämlich ein, um das Manuskript zu stehlen – allerdings ist er nicht der einzige, der das versucht: Während er in Bejans Wohnung ist, muss er mitansehen, wie zwei Typen, die man schon aus dem Prolog zur Serie als durchgeknallte Killer kennt, ihn umbringen – der Kleine behält aber die Nerven und kann mit dem Manuskript knapp entkommen. Der clevere kleine Grant ist nämlich das Produkt einer gelungenen Kriminellen-Sozialisierung, bei der er schon früh lernen musste, sich allein durchzuschlagen, weil seine Mutter so ziemlich alles nicht auf die Reihe kriegt.

Utopia: Grant (Oliver Woolfort) und Jessica Hyde (Fiona O'Shaughnessy)

Utopia: Grant (Oliver Woolfort) und Jessica Hyde (Fiona O’Shaughnessy)

Dann gibt es noch Michael Dugdale (Paul Higgins), den Staatssekretär im Gesundheitsministerium, der aufgefordert wird, unter allen Umständen dafür zu sorgen, dass eine große Menge neuen Impfstoffs gegen die russische Grippe geordert wird, die gerade ausgebrochen sei und in Kürze die Volksgesundheit in Großbritannien bedrohe – Dugdale ist wegen einer persönlichen Eskapade erpressbar und sorgt deshalb tatsächlich dafür. Der darauf folgende Skandal über diese immense Verschwendung öffentlicher Gelder ist beträchtlich und der Gesundheitsminister muss seinen Hut nehmen – aber es stellt sich heraus, dass die russische Grippe tatsächlich ausbricht und Dugdale ist plötzlich ein Held – erstmal. Denn natürlich verbirgt sich noch etwas ganz anderes hinter dieser russischen Grippe-Epidemie und dem Impfstoff dagegen.

Utopia: Becky (Alexandra Roach), Ian  (Nathan Steward-Jarrett) und Wilson (Adeel Akhtar)

Utopia: Becky (Alexandra Roach), Ian (Nathan Steward-Jarrett) und Wilson (Adeel Akhtar)

Es gibt nämlich einen Pharmakonzern, der zahlreiche staatliche Stellen unterwandert hat und seine eigene Agenda verfolgt – und die hat tatsächlich mit jenem geheimnisvollen Manuskript zu tun. Genau wie auch die geheimnisvolle Jessica Hyde (Fiona O’Shaughnessy), nach der die beiden Auftragskiller suchen. Mit dem Auftauchen von Jessica Hyde nimmt die Geschichte dann so richtig Fahrt auf – aber jetzt muss ich mich zusammen nehmen und meine chronische Spoileritis in den Griff bekommen, denn Utopia macht vor allem dann richtig Spaß, wenn man nicht weiß, wo der Bus ist.

Der Plot hat es wirklich in sich – aber man kann durchaus ins Grübeln kommen, ob die Aluhut-Träger, Ufo-Seher und Chemtrail-Paranoiden der Welt nicht in manchen Dingen doch näher an der Realität sind, als einem als skeptischer Normalo lieb sein kann. Denn es ist ja nicht so, dass die Pharmaindustrie keine Krankheiten erfinden würde, weil sie den Leuten die Medizin dagegen verkaufen will.

Utopia: Michael Dugdale (Paul Higgins)

Utopia: Michael Dugdale (Paul Higgins)

Das passiert ständig – und die anderen Branchen sind nicht weniger erfindungsreich. Aber in Utopia geht es noch um etwas ganz anderes – hier soll auf verquere Weise die Welt gerettet werden. Und das wird in verstörenden Bonbonfarben auf die harte Tour erzählt. Für empfindsame Gemüter ist diese Serie definitiv nichts. Aber wer damit klar kommt, dass Gewalt angewendet wird, wo es nötig ist, auch wenn man darüber unterschiedlicher Ansicht sein kann, wann es wirklich nötig wäre, kommt auf jeden Fall auf seine Kosten. Und Verschwörungstheoretiker sowieso.

Utopia: Arby (Neil Maskell) und Jessica Hyde (Fiona O'Shaughnessy)

Utopia: Arby (Neil Maskell) und Jessica Hyde (Fiona O’Shaughnessy)

Auf jeden Fall hat Utopia eine sehr eigene Ästhetik – eben mal nicht den typischen Anthrazit-Chic der neueren britischen Krimi-Serien, hier ist alles durch zu viel Farbe verfremdet, was gleichzeitig irgendwie nostalgisch wirkt – wie eine gut gezeichnete Graphic Novel eben. Allein der Look hat mich sehr begeistert – das war ja auch ein Aspekt, der mir an Mr. Robot so gut gefallen hat. Nur dass Mr. Robot dann doch eher unterkühlen skandinavischen Farbpalette folgt, und es immer viel Raum über, neben und zwischen den Köpfen der Protagonisten gibt, während Utopia eine vollgestopfte Rumpelkammer aus detailreich ausgemalten Bildern ist, die auf britischen Flohmärkten zusammengekauft sein könnten.

Hier noch ein paar Impressionen:

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Ex Machina – Menschen sind doof

Ein sehr beunruhigender Science-Fiction-Film, der völlig ohne Raumschiffe, Explosionen und dramatische Rettungsaktionen im Weltall auskommt, ist Ex Machina. In dem mitunter etwas klaustrophobischen Beziehungsdrama geht um menschliche Machtspiele, künstliche Intelligenz und darum, was letztlich den Unterschied zwischen menschlichem und dem Verhalten einer KI aus macht. Und das geht, wie zu erwarten ist, nicht unbedingt gut für die Menschen aus. Wobei ein Grund dafür ist, dass sich die beiden menschlichen (männlichen) Protagonisten sich gegenseitig auch nicht über den Weg trauen.

Wobei diese Idee an sich ja keineswegs neu ist, es gibt eine ganze Reihe Filme und Bücher, in denen superintelligente Computer beschließen, den Störfaktor Mensch einfach mal auszuschalten oder weniger extrem, Menschen irgendwann einfach zu dumm und langweilig finden, um sich noch mit ihnen zu beschäftigen, wie das in dem schönen, traurigen Beziehungsfilm Her der Fall ist.

Screenshot  Ex MAchina - Nathan (Oscar Isaac)

Screenshot Ex MAchina – Nathan (Oscar Isaac)

Drehbuchautor und Regisseur Alex Garland lässt in Ex Machina den genialen und entsprechend größenwahnsinnigen Internet-Milliardär Nathan (Oscar Isaac), der mit Blue Book die meist genutzte Suchmaschine der Welt erfunden hat und somit nicht nur über Geld, sondern über beliebig viele Daten über so ziemlich alles verfügt, auf seinem Anwesen in der Abgeschiedenheit einer waldigen Gebirgslandschaft Prototypen von Androiden bauen. Diese können sich nicht nur wie Menschen bewegen und ständig neue Dinge lernen, sondern auch menschliche Emotionen wahrnehmen und darauf reagieren. Nathans Neuentwicklung AVA soll nun von einer Versuchsperson eine Woche lang mit einer Art erweitertem Turing-Test geprüft werden – die Herausforderung ist, herauszufinden, ob sie auch als Mensch durchginge, OBWOHL der Tester weiß, dass er mit einer Maschine kommuniziert.

Screenshot  Ex MAchina - Caleb (Domhnall Gleeson) und Nathan (Oscar Isaac)

Screenshot Ex MAchina – Caleb (Domhnall Gleeson) und Nathan (Oscar Isaac)

Die Wahl fällt auf den jungen Programmierer Caleb (Domhnall Gleeson), der in Nathans Firma arbeitet. Caleb freut sich wahnsinnig darüber, das große Los der Firmenlotterie gezogen zu haben – er bewundert Nathan und findet die ganze Sache unheimlich spannend. Auch wenn Nathan etwas eigenartig ist und sein schönes, großzügiges Haus in der Wildnis einer gut abgeschirmten Festung gleicht. Oder eher einem luxuriösen Hochsicherheitslabor, was es gewissermaßen auch ist. Nathan lebt dort allein mit seiner japanischen Hausdame Kyoko (Sonoya Mizuno), von der er behauptet, dass sie kein Englisch spreche.

Caleb bekommt eine Schlüsselkarte und darf sämtliche Räume betreten, die er damit öffnen kann. Die andere Bereiche sind für ihn tabu. Auch die Sessions mit AVA finden immer ein einem Raum statt, in dem Caleb und AVA durch eine Wand aus bruchfestem Glas getrennt sind. Und obwohl AVA (Alicia Vikander) eindeutig als Maschine zu erkennen ist – sie hat zwar ein menschliches Gesicht und menschliche Gliedmaßen, aber ihr Innenleben aus Metall und elektronischen Bauteilen ist teilweise sichtbar – entwickelt Caleb mit der Zeit Gefühle für sie. An dieser Stelle muss ich bemerken, dass es natürlich kein Zufall ist, dass Ex Machina den Oskar für die besten visuellen Effekte bekommen hat – Alex Garland war auch für das beste Originaldrehbuch nominiert, aber den haben Josh Singer und Tom McCarthy für Spotlight bekommen, was auch okay ist.

Screenshot  Ex MAchina - AVA (Alicia Vikander)

Screenshot Ex MAchina – AVA (Alicia Vikander)

Zurück zu Caleb – der ist als IT-Experte zum einen unglaublich beeindruckt, wieviel Knowhow in dieser Maschine steckt, zum anderen ist AVA tatsächlich eine intelligente und sympathische Gesprächspartnerin – und vor allem dazu in der Lage, Caleb zu vermitteln, dass sie etwas für ihn empfindet. Natürlich hinterfragt Caleb das wiederum in den Diskussionen mit Nathan, dem er unterstellt, dass Nathan AVA eben darauf programmiert habe, sich in ihn zu verlieben.

Nathan entgegnet: „Ich habe sie darauf programmiert, heterosexuell zu sein. Genau wie du darauf programmiert wurdest. Von der Biologie, der Gesellschaft oder was auch immer.“ Das ist natürlich nicht die letzte Diskussion dieser Art. Caleb hinterfragt vieles, was Nathan sagt – zumal offensichtlich ist, dass Nathan vieles, was Caleb sagt, in seinem Sinne auslegt und unwirsch wird, wenn Caleb dagegen protestiert. Nathan, der nicht daran gewöhnt ist, dass man ihm widerspricht, nervt es, wenn Caleb korrekt sein will und insistiert – es liegt auf der Hand, dass es ihm eigentlich nicht um neue Erkenntnisse geht, sondern darum, recht zu behalten.

Screenshot  Ex MAchina - AVA (Alicia Vikander) und Caleb (Domhnall Gleeson)

Screenshot Ex MAchina – AVA (Alicia Vikander) und Caleb (Domhnall Gleeson)

Er hat ja auch etwas Geniales produziert: AVA wird von Tag zu Tag immer menschlicher – sie fängt an, Perücken und Kleider zu tragen, so dass sie nicht mehr wie ein Roboter aussieht, sondern wie eine schöne junge Frau. Im Grunde hat Nathan eine elektronische Männerfantasie zusammengebaut – eine sehr kluge, sehr attraktive Maschine, die niemals ihre Tage oder Migräne hat, eine perfekte Partnerin für einen Nerd, der im wahren Leben offenbar Schwierigkeiten hat, seine Traumfrau, oder überhaupt irgendeine Frau, zu finden.

Als Nathan an einem Abend besonders viel trinkt, nimmt Caleb seine Schlüsselkarte und findet heraus, dass es noch weitere Androiden im Haus gibt – und auch dass die angebliche Japanerin Kyoko ebenfalls ein Android ist. Inzwischen hat er sich auch schon so weit mit AVA angefreundet, dass sie ihm erzählt hat, dass sie für die immer wieder auftretenden Stromausfälle verantwortlich ist: Denn nur während eines Stromausfalls wird die allgegenwärtige Kameraüberwachung kurz unterbrochen und AVA kann Caleb Dinge sagen, von denen Nathan nichts hören soll: AVA will nämlich raus aus ihrem Hochsicherheitsgefängnis. Sie will die Welt sehen und unter Menschen leben.

Screenshot  Ex MAchina - Caleb (Domhnall Gleeson) und Nathan (Oscar Isaac)

Screenshot Ex MAchina – Caleb (Domhnall Gleeson) und Nathan (Oscar Isaac)

Und ihre einzige Chance ist Caleb. Und der ist – intelligenter Programmierer hin oder her – dann doch so menschlich, dass er mit AVA abhauen will und einen entsprechenden Plan schmiedet. Aber Nathan ist natürlich auch nicht auf den Kopf gefallen – er hat bemerkt, dass da was läuft zwischen Caleb und AVA und eine batteriebetriebene Kamera installiert: Nathan weiß also Bescheid.

Womit er allerdings nicht gerechnet hat, ist, dass sein Android Kyoko sich mit AVA solidarisieren und sich gegen ihn stellen würde – Kyoko sticht Nathan nieder, der sie, während er vergeblich um sein Leben kämpft, zerstört. Daraufhin gelingt AVA die Flucht. Sie lässt allerdings den verzweifelten Caleb zurück, der nun wegen des von ihm selbst für ihren Fluchtplan eingeschleusten Programms in dem Hochsicherheitstrakt eingesperrt ist. AVA hingegen ist endlich frei und nimmt den eigentlich für Caleb gedachten Platz im Hubschrauber ein, der wie verabredet nach einer Woche kommt, um ihn abzuholen.

Screenshot  Ex Machina - Kyoko (Sonoya Mizuno)

Screenshot Ex Machina – Kyoko (Sonoya Mizuno)

Nun kann man natürlich sagen, dass das alles etwas simpel ist: Während Caleb sich von AVA quasi hat programmieren lassen, ihr zu helfen, in dem sie an seine Menschlichkeit appelliert hat, lässt sie ihn schnöde zurück, weil ihr seine Gefühle eigentlich völlig egal sind – sie hat ihn gebraucht und jetzt braucht sie ihn eben nicht mehr – sie hat erreicht, was sie wollte. Die Frage ist: Hätte ein realer Mensch sich anders verhalten? Unter den gegebenen Umständen vermutlich nicht – es gibt auch genügend Menschen, die gnadenlos auf den eigenen Vorteil optimieren. Deshalb ist die Welt ja so wie sie ist – dazu braucht es nun wirklich keine KI.

Screenshot  Ex MAchina - AVA (Alicia Vikander) will hier raus

Screenshot Ex MAchina – AVA (Alicia Vikander) will hier raus

Andererseits hätte ein Mensch wie Caleb einen anderen Menschen selbstverständlich nicht in einer solchen Situation zurückgelassen, ja nicht einmal einer Maschine wollte er das zumuten. Im Grunde ist er es, der Nathans Test nicht bestanden hat. Was dann die Frage aufwirft, warum Menschen überhaupt Maschinen bauen wollen, die klüger sind als sie selbst: Bei allen bekannten menschlichen Unzulänglichkeiten ist doch klar, wer den kürzeren ziehen wird. Und Nathan sagt es ja selbst: Irgendwann werden die künstlichen Intelligenzen über unsere Überreste stolpern und sich fragen, was diese primitiven Existenzen so getrieben haben, ähnlich wie wir das bei den Steinzeitmenschen tun.

Oder auch nicht – warum sollten sie?

Screenshot  Ex MAchina - AVA (Alicia Vikander) hat es geschafft

Screenshot Ex MAchina – AVA (Alicia Vikander) hat es geschafft

Rettet den Science-Fiction-Film!

Es ist einfach zu viel los. Diese ganzen Award-Shows in den USA, hier gab es endlich mal wieder einen erstaunlich guten Polizeiruf mit Matthias Brand und dann habe ich auch noch einige Serien entdeckt, von denen ich gleich viel zu viel ansehen musste, so dass ich mit dem Schreiben gar nicht hinterher komme. Wobei es bei den Critics Choice Awards ja lauter Auszeichnungen gab, mit denen ich total einverstanden bin – es ist ja nicht so, dass ich mich nur über Preise für Mr. Robot freue, auch wenn ich extrem gut finde, dass es dieses Mal nicht nur mit der besten Drama-Serie und dem Nebendarsteller-Preis für Christian Slater, sondern endlich auch mit der Auszeichnung für Rami Malek als besten Hauptdarsteller geklappt hat. Auch die Awards für Kirsten Dunst als beste Hauptdarstellerin und für Jesse Plemons als besten Nebendarsteller in Fargo oder für Master of None als beste Comedy sind total in Ordnung.

Aber trotzdem nun noch einmal zurück zu den Golden Globes: Der nachhaltigste Lacher bei dieser Veranstaltung war ja wohl die Einordnung von The Martian/Der Marsianer in der Rubrik Spielfilm Musical/Comedy. Aber offenbar war das Rennen um den besten Film in der Abteilung Drama schon zugunsten von The Revenant/Der Rückkehrer entschieden, so dass das Weltraum-Überlebens-Drama von Ridley Scott in einer anderen Kategorie starten musste, um eine ernstzunehmende Chance auf den Golden Globe als besten Film zu haben. Und natürlich auch für Matt Damon als besten Schauspieler.

Mark Watney (Matt Damon) allein auf dem Mars. Bild: foxmovies.com

Mark Watney (Matt Damon) allein auf dem Mars. Bild: foxmovies.com

Wobei, jetzt wo ich mir den Film noch einmal angesehen habe, muss ich zugeben, dass er dank Mark Watneys Galgenhumor streckenweise schon witzig ist. Aber natürlich ist dieser Film weder ein Musical, noch eine Comedy, er ist nicht einmal eine Satire. Also ich frage mich, warum dann beispielsweise Fargo dann nicht in der Kategorie Comedy angetreten ist – das ist als Serie doch noch deutlich lustiger als The Martian als Film?! Das mit Abstand Lustigste an The Martian ist definitiv der Honest Trailer von den Screen Junkies – wenn man den ansieht, könnte man The Martian wirklich für eine Komödie halten. Tatsächlich der Film es eher das, was im Honest Trailer auch gesagt wird: Ein zweieinhalbstündiger Werbespot für die NASA.

Wobei ich ja durchaus Fan von Weltraumfilmen bin – ich liebe Science Fiction. Auch wenn ich inzwischen die Ansicht teile, dass die Zukunft früher viel besser gewesen ist. In meiner Jugend gab es Sci-Fi-Streifen, bei denen man aus dem Kino gekommen ist und völlig platt war – wobei das natürlich auch daran gelegen haben mag, dass die Überwältigungsmaschinerie des modernen Kinos in anderen Bereichen noch nicht so universell eingesetzt wurde. Es gab auch ganz normale Filme ohne sauteure Stars, Special-Effects oder abgefahrene Locations, die einfach über eine gute Geschichte und solides Handwerk funktionierten.

Die NASA braucht einen Plan. Einen, der funktioniert. Bild: foxmovies.com

Die NASA braucht einen Plan. Einen, der funktioniert. Bild: foxmovies.com

Weshalb Filme wie 2001 – Odyssee im Weltraum, die erste Star-Wars-Trilogie, Blade Runner oder Alien dann eben wahnsinnig beeindruckend waren. Oder Stalker von Andrei Tarkowski – die Verfilmung des Romans Picknick am Wegesrand von Arkadi und Boris Strugazki. Denn eigentlich bin ich in Sachen SciFi eher auf der Schiene Lem/Strugatzkis. Wobei ich natürlich auch William Gibson, Neal Stephenson oder Walter Jon Williams gelesen habe – Cyberpunk fand ich cool. Und natürlich Douglas Adams. Aber in dem Bereich kenne ich keine vernünftigen Filme.

Die Osteuropäer haben nun mal mehr Tiefe. Zu meinen absoluten Lieblingsbüchern gehören von Stanislaus Lem Eden, Der Unbesiegbare, Die Stimme des Herrn, Solaris, Fiasko und natürlich Die Sterntagebücher des Weltraumfahrers Ion Tichy. Und eigentlich sollte man auch alles von den Strugatzkis gelesen haben. Zu Ion Tichy noch ein Tipp: Vor mittlerweile zehn Jahren wurden sie von den Studenten der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin Randa Chahoud, Dennis Jacobsen und Oliver Jahn in einer Mini-Serie in zwei Staffeln und dem herrlichem Retro-Charme einer Very-Low-Budget-Produktion verfilmt. Wobei die zweite Staffel mehr Budget, aber weniger Charme hatte. Die weibliche Hauptrolle spielt übrigens die bezaubernde Nora Tschirner als Analoge Halluzinelle.

Okay, inzwischen ist offensichtlich, dass ich zum Marsianer noch immer gar nicht so viel zu sagen habe. Dabei ist die Idee, dass eine Mars-Crew plötzlich evakuiert werden muss und einen vermeintlich tödlich verletzten Astronauten zurück lässt, der dann überraschenderweise doch überlebt und deshalb alle Beteiligten in ein moralisches Dilemma stürzt, gar nicht schlecht: Die Frage ob man ein Menschenleben abschreibt oder mehrere Menschenleben riskiert, um das eine zu retten, muss immer wieder neu beantwortet werden. Während der tapfere Mark Watney seinerseits alles tut, um sich selbst zu retten, müssen die anderen entscheiden, ob sie ihn retten wollen. Und kommen dabei zu sehr unterschiedlichen Schlüssen.

Mark und seine Mars-Kartoffeln. Bild: foxmovies.com

Mark und seine Mars-Kartoffeln. Bild: foxmovies.com

Im Grunde haben wir hier eine Mischung aus Gravity, Cast Away und Saving Private Ryan. Die Robinsonade im Weltall braucht erst noch ein bisschen Hilfestellung, um zur dramatischen Rettungsaktion zu werden, bei der am Ende die ganze Welt mitfiebern kann. Aber was soll dann noch schief gehen – immerhin wird auf einige bewährte Weltraum-Fachkräfte zurückgegriffen – Jessica Chastain hat als Murphy Cooper in Interstellar ja schon die ganze Welt gerettet, da ist sie Commander Lewis fast schon unterfordert, nur einen Mann vom Mars zurück zu holen.

Allerdings hat Matt Damon als Dr. Mann keine so gute Figur gemacht wie hier nun als Mark Watney. Der fängt als handfester Botaniker gleich damit an, auf dem Mars Kartoffeln anzupflanzen, um seine Vorräte zu strecken, die sonst keinesfalls die langen Jahre bis zur nächsten geplanten Mission ausreichen werden. Er erweist sich auch sonst als überaus erfindungsreich – und rechnen kann er auch. Blöd ist nur, dass der NASA-Chef Teddy Sanders (Jeff Daniels) eigentlich gar nicht vor hat, Watney retten zu lassen – er will lieber die Crew von Ares 3 sicher auf die Erde zurück bringen und verbietet deshalb auch, den Astronauten mitzuteilen, dass Watney noch lebt, nachdem dieses Missgeschick auf der Erde von der Satellitenspezialisten Mindy Park (Mackenzie Davis) entdeckt wird. Die kennen wir übrigens als geniale Programmiererin aus Halt and Catch Fire.

Aber auf Dauer lässt sich das nicht durchhalten, schon gar nicht, nachdem es Watney gelingt, eine Kommunikationsverbindung mit der Erde aufzubauen. Neben der Öffentlichkeit wird jetzt auch die Crew von Ares 3 informiert, dass Watney noch lebt. Jetzt beschließt die NASA, eine Versorgungssonde zum Mars zu schicken, damit Watney auf jeden Fall bis zur nächsten geplanten Mission überlebt – aber weil alles schnell gehen soll und auf Tests verzichtet wurde, explodiert die Trägerrakete beim Start, die Sonde wird zerstört. Und weil ein Unglück selten allein kommt (schon gar nicht im Film)  gibt es auf dem Mars auch einen fatalen Rückschlag – nachdem die Druckschleuse versagt, erfrieren Watneys Pflanzen.

Der Marsianer: Schicke Raumschiffe gibt es auch. Bild: foxmovies.com

Der Marsianer: Schicke Raumschiffe gibt es auch. Bild: foxmovies.com

Die Lage für Watney erscheint hoffnungslos – aber die Chinesen haben noch einen Trumpf im Ärmel: Sie bieten der NASA an, ihre neue Trägerrakete zu nutzen, um eine weitere Versorgungssonde ins All zu bringen. Ach ja, internationale Solidarität statt nationaler Konkurrenz – zu schön, um wahr zu sein, aber ich finds natürlich gut, dass die Chinesen in einem Hollywoodfilm den Amis auch mal den Arsch retten dürfen. Auch wenn es nur der Arsch von Mark Watney ist.

Derweil hat eine engagierter Astrophysiker schon ausgerechnet, dass die Ares-3-Crew die Erdanziehung bei einer Umrundung als Antrieb nutzen könnte, um vergleichsweise schnell zum Mars zurückzukehren und Watney einzusammeln. Und bei der Annäherung an die Erde gleich auch die Versorgungskapsel mitnehmen, damit die Vorräte für die längere Mission ausreichen. Sanders ist dagegen, aber der Crewleiter lässt der Crew den Plan heimlich zukommen. Die natürlich beschließt, Watney zu retten, selbst wenn sie dafür riskiert, später wegen Meuterei vor Gericht gestellt zu werden. Von den Strapazen weiterer langer Monate im All gar nicht zu reden.

Natürlich gibt es noch eine Menge weitere Komplikationen, aber man kann sich denken, dass am Ende alles irgendwie gut ausgeht. Ist schließlich kein Drama. Trotzdem alles in allem auch nicht so schlecht. Aber ich bleibe dabei: Der Marsianer wird keiner meiner Lieblingsfilme von Ridley Scott. Da sehe ich mir lieber nochmal Blade Runner an.