Liste trauriger Dinge: BCS, Fargo, Mikael Nykvist

Hach, ist das traurig – am Wochenende habe ich jeweils den letzten Teil der dritten Staffel von Better Call Saul und von Fargo gesehen. Und beides geht nicht gut aus, wie man sich denken kann, aber es sind jeweils dermaßen passende und genial gesetzte Schlusspunkte, dass ich meiner Begeisterung hier noch einmal Ausdruck verleihen muss. Auch wenn es Menschen geben soll, die genau diese Art Serien tot langweilig finden. Aber die haben es auch nicht anders verdient.

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Mit der Folge Laterne klärt sich endlich das Verhältnis der McGill-Brüder, wenn auch auf schlimmstmögliche Weise: Chuck gibt endlich zu, dass ihm Jimmy eigentlich total egal ist – Jimmy hat also die ganze vergeblich um die Anerkennung durch seinen großen Bruder gekämpft. Der eigentlich immer nur darauf versessen ist, zu verhindern, dass Jimmy Anwalt wird, weil er ihn charakterlich für völlig ungeeignet hält: Chuck weiß, dass Jimmy ein notorischer Lügner ist, ein begabter Trickbetrüger, ein brillanter Schwindler – und das alles ist Jimmy ja tatsächlich. Der kleine Bruder kann nur mit Betrug und unfairen Tricks besser sein als der große Bruder, das haben wir in der Staffel davor bereits gesehen. Aber Chuck übersieht bei all seinen berechtigten Vorbehalten gegen Jimmys Berufsauffassung, dass Jimmy bei trotzdem ein gutes Herz hat. Und es ist inzwischen klar, dass Chuck der verrücktere und herzlosere von beiden Brüdern ist.

Screenshot Better Call Saul: "Chuck" Charles McGill (Michael McKean)

Screenshot Better Call Saul: „Chuck“ Charles McGill (Michael McKean)

Chuck wird mit einer großzügigen Abfindung aus der von ihm mit gegründeten Kanzlei heraus komplimentiert, während sein kleiner Bruder Jimmy mit seiner Kanzlei-Gründung in so ziemlich jeder Hinsicht scheitert. Und Jimmy fühlt sich auch noch schuldig am Unfall seiner Partnerin Kim, die völlig überarbeitet am Steuer ihres Autos eingenickt ist. Und dann ist da auch noch das Dilemma mit den alten Damen, das Jimmy dann aber in Überwindung seines Egos noch erfolgreich lösen kann – denn wie gesagt, eigentlich hat er ein gutes Herz. Es tut ihm dermaßen leid, dass die von ihm übertölpelte Irene in der Seniorenresidenz wie eine Aussätzige behandelt wird, dass er seinen guten Ruf bei den anderen Ladys ruiniert, um die Sache wieder ins Reine zu bringen. Wie die Sache mit Kim und Jimmy ausgeht, ist hingegen noch immer nicht klar.

Screenshot Better Call Saul: Jimmy McGill (Bob Odenkirk)

Screenshot Better Call Saul: Jimmy McGill (Bob Odenkirk)

Immerhin wissen wir nun, warum sich Gus Frings und Hector Salamanca nicht ausstehen können, und auch warum Hector in Breaking Bad an den Rollstuhl gefesselt ist und seine Sprachfähigkeit eingebüßt hat. Und auch, dass der Verwandlung des betrügerischen, aber letztlich menschenfreundlichen Slipping Jimmy in den aalgatten Kriminellen-Anwalt Saul Goodman irgendwas mit dem überaus grausamen Ende des letzten Teils zu tun haben dürfte. Inzwischen ist eine vierte Staffel von Better Call Saul beauftragt – heute habe ich gelesen, dass Better Call Saul zwar nicht die Quoten der letzten Staffeln von Breaking Bad erreicht, aber doch unter den drei meist gesehenen Serien im US-Kabelfernsehen gehört. Immerhin muss ich sagen, denn Vince Gilligan und Peter Gould haben den doch sehr eigenen Breaking-Bad-Stil in Better Call Saul noch einmal verfeinert und quasi unter die Lupe gelegt: Ich kann nachvollziehen, dass es Serienseher gibt, die bei so etwas einfach aussteigen.

Screenshot Better Call Saul: Jimmy McGill (Bob Odenkirk) und Kim (Rhea Seehorn)

Screenshot Better Call Saul: Jimmy McGill (Bob Odenkirk) und Kim (Rhea Seehorn)

Aber das ist genau das, was mir besonderes Vergnügen bereitet – wir haben doch jetzt hochauflösende Bilder und riesige Bildschirme, also ist es doch super, wenn es akribische Bildkompositionen zu analysieren gibt. Und wir kennen bereits so viele Stereotypen aus anderen Serien, da muss man einfach mit vielschichtigen, widersprüchlichen Charakteren aufwarten, die so genervt kucken können wie Mike Ehrmantraut oder so verächtlich wie Hector Salamanca. Oder so zerknirscht wie Jimmy McGill. Mich erinnert das an die zweite Staffel der Serienhits Heimat – statt des lustig-volkstümlichen Heimattheaters der ersten Staffel (und das meine ich jetzt nich so, wie es vielleicht klingt, denn ich fand das wirklich gut) kam dann so ein manieriertes Kunstprodukt mit eigenartiger Musik zu eigenwilligen Schwarzweißbildern – aber dass die sich das getraut haben! Genau das ist es, was Kunst ausmacht. Better Call Saul ist hohe Serienkunst und wird von Staffel zu Staffel besser.

Michael Nyqvist

Und jetzt muss ich eine Gedenkminute für Michael Nyqvist einlegen – die Nachricht von seinem Tod trifft mich hart.

Meinen Eindruck von der dritten Fargo-Staffel gibt es dann beim nächsten Mal.

Modus: Das Böse aus Übersee

Im ZDF läuft sonntags um 22 Uhr derzeit der Vierteiler Modus. Den konnte ich als interessierte Schwedenkrimi-Konsumentin natürlich nicht auslassen. Zumal Melinda Kinnaman mitspielt, eine der großen Schwestern von Joel Kinnaman, der gerade in Hollywood so richtig durchstartet. Aber zurück nach Schweden – wobei, das Buch Gotteszahl von Anne Holt, das Grundlage für diesen Vierteiler hergenommen wurde, spielt eigentlich in Norwegen. Aber das ist eigentlich auch egal, der Mörder jedenfalls ist ein durchgeknallter US-Amerikaner – die Zuschauer wissen von Anfang an, wer der Mörder ist. In Modus geht es also eher darum, wie lange die Kriminal-Psychologin Inger Johanne Vik (Melinda Kinnaman) brauchen wird, um ihm auf die Spur zu kommen.

Modus Bild: zfd.de

Modus Bild: zfd.de

Es ist kurz vor Weihnachten. Johanne (Melinda Kinnaman) ist mit ihren Töchtern zur Hochzeit ihrer Schwester in Stockholm. Während die Erwachsenen feiern, vertreiben sich die Kinder die Zeit mit Fernsehen und Smartphone-Spielen im Hotelzimmer. Johannes ältere Tochter Stina (Esmeralda Struwe) kann nicht einschlafen – und wie sich noch herausstellen wird, ist sie ohnehin ziemlich eigen: Sie ist autistisch und kann nicht gut mit anderen reden – schon gar nicht, wenn es um Gefühle geht. Und wie es der Zufall in Krimis so will, wird Stina Zeugin eines Mordes, der ganz Schweden noch beschäftigen wird: In jenem Hotel wird nämlich die beliebte TV-Köchin Isabella Levin (Julia Dufvenius) umgebracht. Doch sie ist nur das erste Opfer in einer Serie von rätselhaften Morden.

Der Täter sieht Stina, die daraufhin verstört die Flucht ergreift. Sie rennt im Schlafanzug auf die Straße, wo sie fast von einem Lkw überfahren wird – doch ausgerechnet der Mörder (Marek Oravec als Richard Forrester) rettet das Kind im letzten Augenblick und verschwindet dann unerkannt im Dunkel. Als der Kriminalbeamte Ingvar Nyman (Henrik Norlén) eher zufällig am Unfallort auftaucht, ist er längst verschwunden.

Modus: Forrester (Marek Oravec) und Stina (Esmeralda Struwe) Bild: zfd.de

Modus: Forrester (Marek Oravec) und Stina (Esmeralda Struwe) Bild: zfd.de

Wie sich dann herausstellt, haben Johanne und Ingvar eine gemeinsame Vergangenheit, an die sie im Verlauf der Handlung wieder anknüpfen. Warum auch nicht, Johanne ist von ihrem Mann Isak geschieden, der wiederum eine neue Partnerin hat. Johanne war zwischendurch Profilerin beim FBI, hat diesen Job aber aufgegeben, weil sie zu sehr darin aufgegangen ist und darüber ihre Kinder vernachlässigt hat – das ist ein Konflikt, den ich nur zu gut nachvollziehen kann. Es werden ja nun wirklich unerfüllbare Anforderungen an Mütter gestellt, insbesondere, wenn sie darauf angewiesen sind, selbst für sich und die Kinder Geld verdienen zu müssen. Und gerade wenn sie dann noch einen Job haben, in dem sie richtig gut sind, ist es geradezu unvermeidlich, dass es immer wieder knallt und entweder der Job oder die Kinder zu kurz kommen.

Johanne Vik hat sich schließlich für ihre Kinder entschieden und ist ausgestiegen, um jetzt als freie Autorin mehr freie Zeit zu haben (was für eine naive Idee ist das denn? Aber okay, vielleicht geht das mit Büchern über Mörder) Aber natürlich kommt alles ganz anders. Stina ist offensichtlich traumarisiert von dem, was sie erlebt hat, kann es aber nicht mitteilen. Sie schweigt – zumal der Mörder sie aufsucht und ihr droht – offenbar erkennt er aber auch, dass sie anders ist und er sich deshalb darauf verlassen kann, dass sie nichts sagen wird.

Modus: Inger Johanne Vik (Melinda Kinnaman)  Bild: zfd.de

Modus: Inger Johanne Vik (Melinda Kinnaman) Bild: zfd.de

Johanne und Ingvar können sich Stinas Verhalten nicht erklären, die sich jetzt noch eigenartiger benimmt als zuvor – was ich ehrlich gesagt ziemlich schwach für eine ehemalige FBI-Profilerin finde. Aber natürlich ist es schwierig, einen Vierteiler zu machen, wenn die Heldin der Geschichte alles schon im ersten Teil herausfindet.

Isabella Levins Leiche bleibt deshalb zunächst unentdeckt und der Mörder schlägt wieder zu.  Ausgerechnet an Heiligabend tötet er die beliebte, aber auch umstrittene Bischöfin von Uppsala. Ingvar bittet Johanne, ihn als Profilerin bei der Lösung dieses Falles zu unterstützen. Als die besorgte Partnerin der Köchin herausfindet, dass ihre Freundin gar nicht wie geplant bei ihren Kindern war und nach ihr sucht, wird auch die Leiche der TV-Köchin entdeckt. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den beiden Morden?

Modus: Ingvar Nyman (Henrik Norlén) Bild: zfd.de

Modus: Ingvar Nyman (Henrik Norlén) Bild: zfd.de

Außerdem hat Johanne mitgekriegt, dass jener rätselhafte Mann, der Stina in jener Nacht gerettet hat, sie aus welchen Gründen auch immer beobachtet – sie ist nun alarmiert und will schon aus Eigeninteresse bei der Aufklärung der Morde helfen – zumal sich nun ja auch herausstellt, dass sie und ihr Kinder am Abend, an dem Isabella erfordert wurden, in der Nähe des Tatorts waren.

Natürlich bleibt es nicht bei diesen beiden Morden – Forrester, der in einen Wohnwagen im tiefverschneiten nordischen Wald lebt und offenbar über jeweils ein spezielles Smartphone, von denen er insgesamt sechs in einer Kiste hat, mit weiteren Morden beauftragt wird, schlägt wieder zu. Wie Johanne noch herausfinden wird, ist er der bewaffnete Arm einer autoritären Sekte, die im liberalen skandinavischen Gesellschaftsmodell den Grund für alles Übel in der Welt sieht: Gleichgeschlechtliche Beziehungen, Regenbogenfamilien und diese ganze beschissene Toleranz der Skandinavier ist Ausdruck der Verderbtheit dieser Welt und muss entsprechend bestraft werden – der Mörder ist im Auftrag des Herrn unterwegs.

Modus: Erik Lindgren (Krister Henriksson) Bild: zfd.de

Modus: Erik Lindgren (Krister Henriksson) Bild: zfd.de

Das ist einerseits interessant, weil genau dieser Offenheit für alternative Lebensmodelle einen großen Teil der hohen Lebensqualität in skandinavischen Ländern ausmacht. Somit löst auch Modus ein, was das Wesen nordischer Krimis ausmacht: Das sie vor allem Gesellschaftsanalysen, Sozialdramen und Beziehungsgeschichten sind. Und obwohl es von all dem in Modus eine Menge gibt, fand ich den Vierteiler am Ende doch nicht so richtig überzeugend – obwohl für die Drehbücher das dänische Autoren-Paar Mai Brostrøm und Peter Thorsboe zuständig war, das bereits für einige internationale Serienhits verantwortlich ist, etwa für  The Team, Der Adler oder Unit One – Die Spezialisten.

Am Ende fand ich die Geschichte doch ziemlich überkonstruiert – keine Frage, es gibt Typen, die einen Haß auf die Gesellschaft haben, es gibt Schwulen- und Lesbenhasser, und es gibt Menschen, die ausflippen, weil sie wollen, dass alles wieder so wie früher ist, in gottgewollter Ordnung, wo jeder weiß, was er oder sie zu tun hat. Die gibt es in jeder Gesellschaft – da braucht man keinen Rächer aus Amerika. Mir gefallen jene skandinavischen Krimis besser, in denen es darum geht, warum sich jemand in der eigenen, ach so offenen und toleranten Gesellschaft entscheidet, zum Verbrecher zu werden – oder jene, die sich damit beschäftigen, warum eben jene Gesellschaft bestimmte Verbrechen einfach nicht in den Griff kriegt. Insofern ist Modus kein besonders gutes Beispiel für einen gelungenen Schwedenkrimi, auch wenn ich Melinda Kinnaman und Henrik Norlén gern bei der Arbeit zusehe. Aber es halt ist keine der Serien, die man gesehen haben muss.

Männer und Hühner: Gnadenlose Dänen

Die Dänen sind Spezialisten für tiefschwarzen und sehr schrägen Humor – ich sage nur Adams Äpfel oder Alien Teatcher. Das sind Wahnsinnsfilme, die dumme Eigenschaften, Lebenslügen und alles, was damit zusammen hängt, so gnadenlos auf den Punkt bringen, das man einfach lachen muss. Gleichzeitig bleibt einem das Lachen aber im Hals stecken, weil alles so schrecklich ist. Und die Dummheit wird auf intelligente Weise so konsequent durchexerziert, dass man am Ende Seitenstechen vor Lachen hat – oder, wenn man zarter besaitet ist, den Film abbricht. Und sie können auch richtig schlimme Verbrecher-Filme – so wie die gnadenlose Pusher-Trilogie – für die im Grunde dasselbe gilt.

Men & Chicken ist sozusagen die Pusher-Variante der schwarzen Komödie – ein herrlich heftiger Film, der tatsächlich nur Menschen zu empfehlen ist, die genau auf diese Art des abgründigen Humors stehen. Aber wenn man darauf steht, kann man eine Menge Spaß haben: Men & Chicken ist ein echter Rüpelfilm, der gleichzeitig aber auch eine erstaunlich subtile Philosophie- und Wissenschaftskritik transportiert, wenn man ihn denn so zu lesen vermag. Immerhin spielt die erste Riege der dänischen Charakter-Darsteller mit: Mads Mikkelsen, Nikolaj Lie Kaas, David Dencik, Nicolas Bro und Søren Malling. Auch wenn man den einen oder anderen vielleicht nicht auf den ersten Blick erkennt.

Die fünf Brüder Gregor (Nikolay Lie Haas), Elias (Mads Mikkelsen, mit Huhn), Franz (Seren Mallind), Gabriel (David Dencik) und Josef (Nicolas Bro)

Die fünf Brüder Gregor (Nikolay Lie Kaas), Elias (Mads Mikkelsen, mit Huhn), Franz (Sören Malling), Gabriel (David Dencik) und Josef (Nicolas Bro)

Und darum geht es: Der gebildete und freundliche Evolutionspsychologe Gabriel (David Dencik) und sein zwangsgestörter Bruder Elias (Mads Mikkelsen) erfahren durch ein Video ihres gerade verstorbenen Vaters, dass ihre vermeintlichen Eltern gar nicht ihre biologischen Eltern waren: Die beiden Brüder wurden adoptiert. Leider bricht das Video ab, bevor der alte Vater die Namen der biologischen Eltern preis geben kann. Doch Gabriel gelingt es, den echten Erzeuger zu finden, der inzwischen im fortgeschrittenen Alter auf der fast entvölkerten dänischen Insel Ork lebt.

Die beiden unterschiedlichen Brüder machen sich gemeinsam auf den Weg. Auf der Insel begegnen sie ihren Halbbrüdern, die auf einem einstmals hochherrschaftlichen, aber nun ganz schön heruntergekommenen Anwesen leben – gemeinsam mit zahlreichen Tieren. Die Jungs sind eine ziemlich gewaltbereite Bande, die nicht nur die Neuankömmlinge, sondern auch sich gegenseitig gern mit allen möglichen Gegenstände verprügeln – Bretter, Zinkwannen, ausgestopften Tiere, Käselaibe, was immer ihnen gerade in die Finger kommt. Andererseits sind sie durchaus in der Lage, miteinander höchst ernsthaft über anspruchsvolle Fachliteratur zu disputieren.

Der dänische Drehbuchautor Anders Thomas Jensen, der unter anderem für Susanne Bier das Drehbuch an Oscarerfolgen wie In einer besseren Welt geschrieben hat, lässt hier als Regisseur seiner Vorliebe für grenzwertige Komödien freien Lauf: In Men & Chicken wird alles auf die Spitze getrieben – Genetik und Evolution, Mutationen und die menschliche Hybris.

Die Brüder sind alle gezeichnet davon – durch sichtbare Gendefekte und die Unfruchtbarkeit von Hybriden. Denn, wie sich später herausstellen wird, sind sie alle Kreuzungen aus Mensch und Tier. Die ihr unfruchtbarer, aber leider genialer Vater geschaffen hat, um seine eigene Zeugungsunfähigkeit zu überwinden: In jedem einzelnen der Brüder steckt ein Tier – eine Maus, ein Huhn, ein Hund, ein Stier und eine Eule. Was dann natürlich auch ihre jeweiligen Absonderlichkeiten erklärt – Josef (Nicolas Bro) hat eine Vorliebe für Käse, Franz  (Søren Malling) schlägt gern mit ausgestopften Vögeln um sich, Gregor (Nikolaj Lie Kaas) beißt immer wieder andere Menschen, Elias ist stur und masturbiert wie besessen und Gabriel – nun ja, er hat die Weisheit, die den Eulen zugeschrieben wird.

Jensen exekutiert seine himmelschreiende Satire ohne mit der Wimper zu zucken – mit den Bildern einer untergegangenen Zeit. Das ehemalige Sanatorium mit der abblätternden Wandfarbe, die an Pockennarben erinnert und den zugenagelten Fenstern und Türen könnte sich in der ehemaligen DDR, in Detroit oder in Tschernobyl befinden – aber genauso gut kann es eine aus der Zeit gefallene dänische Insel in der Ostsee sein.

Interessant, dass es in Dänemark ebenfalls solche Orte geben soll. Ich dachte, dass sei ein Privileg gescheiterter Gesellschaftsmodelle wie dem sozialistischen der DDR oder der Sowjetunion oder dem angeblichen „guten Kapitalismus“, in dem die Arbeiter einst etwas zu melden gehabt haben sollen, weil ihre Arbeitskraft tatsächlich benötigt wurde (die Ford-Stadt Detroit, bekanntlich bereits seit den 60er Jahren im unaufhaltsamen Niedergang). Aber Dänemark als eins der reichsten und glückliches Länder der Welt hat offenbar ebenfalls Verlierer aufzuweisen, die nur schwer bis gar nicht zu integrieren sind.

Und so sehen die Jungs in echt aus. Foto via http://lady-wilwarin.tumblr.com

Und so sehen die Jungs in echt aus. Foto via http://lady-wilwarin.tumblr.com

Wie eben jene degenerierte Bande von Halbbrüdern, die sich gegenseitig aus nichtigsten Anlässen die Köpfe einschlagen, sich aber abends gegenseitig als Gute-Nacht-Geschichte Fachliteratur vorlesen und gleich ausgefeilte Interpretationen dazu liefern. Aber letztlich geht es ihnen wie allen anderen Jungs: Sie wollen eigentlich nur Sex und ein passendes Mädchen dafür – aber weil es die Natur, oder eigentlich ihr Vater, nicht dermaßen gut mit ihnen gemeint hat, ist das eine echte Herausforderung: „Hast du schon mal in den Spiegel gesehen?!“ fragt Elias Gregor entnervt, als der ihn wieder fragt, wie das denn nun mit den Mädchen anzustellen sei.

Aber dank der alternden Gesellschaft auch in Dänemark findet sich auch für dieses Problem sogar auf dieser Insel eine Lösung – zwar weigert sich der Integrationskindergarten mit den letzten beiden verbliebenen Kindern völlig zu recht, dem mit ausgestopften Tieren um sich schlagenden Franz eine zweite Chance zu geben – aber die alten Damen im Altersheim der Insel sind gar nicht so unglücklich über den Besuch der vergleichsweisen frischen Jungs. Endlich kehrt mal wieder ein bisschen Leben ein – nur der Stier Elias kann kein Treffer landen, was für die Tierwelt im heimischen Anwesen nicht so richtig gut ausgeht. Aber am Ende gibt es eine Menge halbwegs glücklicher Menschen – auch wenn man sich die Fortsetzung nicht wirklich vorstellen will.

Aber wenn sie denn kommt, sehe ich mir sie natürlich an.

100 Code: Ein Amerikaner in Stockholm

In der letzten Zeit habe ich die Skandinavier etwas vernachlässigt – wobei ja nun auch nicht jede der erstaunlich vielen schwedischen Krimiserien wirklich gut ist. Diese ganzen Irene-Huss- oder Maria-Wern-Krimis muss ich mir nun wirklich nicht ansehen. Aber auf 100 Code war ich neugierig – eine internationale Serie, die von Sky Deutschland produziert wurde und mit Michael Nyqvist und Dominic Monaghan zwei international bekannte Stars als Ermittler aufbietet.

Michael Nyqvist kennt man aus Kommissar Beck und einer Menge Wallander-Filmen und natürlich aus der Original-Verfilmung der Stig-Larson-Trilogie, in der er den idealistischen Journalisten Michael Blomqvist spielt, der gemeinsam mit der genialen, aber ziemlich gestörten Hackerin Lisbeth Salander sehr vertrackte Verbrechen aufklärt. Dominic Monaghan hingegen kannte ich vor allem aus Lost, wo er das britische One-Hit-Wunder Charlie Pace spielt, Herr-der-Ringe-Fans werden ihn als Hobbit Meriadoc Brandybock kennen.

Thomas Conley (Dominic Monaghan) und Michael Eklund (Michael Nyqvist) in 100 Code

Thomas Conley (Dominic Monaghan) und Michael Eklund (Michael Nyqvist) in 100 Code (Bild via sky.de)

Interessante Mischung, dachte ich mir – ist es tatsächlich auch, natürlich kann der schwedische Kommissar Michael Eklund, der eigentlich den Polizeidienst quittieren will und jetzt noch einen letzten, wie sich herausstellt, überaus komplexen Fall aufgehalst bekommt, seinen Kollegen vom NYPD nicht ausstehen. Und Detective Thomas Conley ist keineswegs der Obersymphat – nicht nur, weil er ständig kotzt, weil ihm vom Fliegen, vom Autofahren und natürlich auch vom übermäßigen Saufen immer schlecht wird.

Er ist auf einer persönlichen Mission und hält sich nicht an die Regeln – als alter Ami lässt er sich von den Schweden nicht entwaffnen, und besonders mitteilsam ist er auch nicht. Eklund muss ihm Details über andere Fälle nach und nach aus der Nase ziehen. Andererseits weiß er auch ein Menge über Fälle, die möglicherweise mit aktuellen Morden in der schwedischen Hauptstadt zu tun haben – so viel, dass Eklund, der Conley nun wirklich nicht leiden kann, seine Chefin überzeugt, dass sie ihn als Experten für Serienmorde in Schweden behalten müssen – denn damit kennen sie sich in Schweden nicht aus.

Und die Morde an jungen, schönen, blonden Mädchen entwickeln sich zu einer schreckliche Serie – vor allem, als sich herausstellt, dass der (oder die) Mörder immer zwei Mädchen töten – eins gleich, brutal und offensichtlich, eins langsam und versteckt. Und immer sind Blumen am Tatort – Affodilgewächse, was die Ermittler auf mythologische Fährten lockt, der Raub Persephones durch den Gott der Unterwelt, Hades.

Das ist alles in allem gar nicht schlecht – Martin Wallström ist übrigens auch dabei, wenn auch nur in einer kleinen Rolle – aber irgendwie auch nicht so richtig gut. Zumindest im Vergleich mit anderen richtig guten Serien – was ich zuvor an Breaking Bad und jetzt an Mr. Robot so gut finde, ist, dass die Handlung wahnsinnig dicht und gut konstruiert ist – es gibt kein überflüssiges Gehampel, um Sendezeit zu schinden. Nicht nur, dass es unglaublich interessante Charaktere, eine spannende Entwicklung und immer wieder tolle Bilder gibt, jeder Satz, jede Geste, jedes Detail hat einen bestimmten Sinn, wie sich im Lauf der Handlung herausstellt.

So genial ist 100 Code nicht, auch wenn sich die Macher durchaus Mühe geben haben, keinen 0/8/15-Krimi abzuliefern. Ich habe jetzt drei Folgen angesehen und bin durchaus gespannt, wie es weiter geht – aber eben nicht völlig hin und weg. Solide Krimikost, wie von Skandinaviern zu erwarten ist – wobei der 100-Code-Autor Bobby Moresco ja US-Amerikaner ist, der für L. A. Crash sogar einen Oscar für das beste Drehbuch bekommen hat. Und einen Haufen anderer Auszeichnungen für andere Drehbücher. Also mal sehen was noch draus wird – es gibt ja immerhin zwölf Teile in der ersten Staffel.

Anno 1790: Historisches Serien-Hightlight aus Schweden

Mit historischen Stoffen ist das immer so eine Sache – eigentlich sehe ich mir so etwas ganz gern an. Die verflossene Pracht, aber auch Kargheit vergangener Zeiten kann faszinieren, ob das nun die harte und blutige Welt der Wikinger in Vikings ist, der nicht weniger brutale und blutige wilde Westen in Deadwood oder die Jugendstil-Dekadenz von Downton Abbey. Natürlich braucht man dann noch eine gute Geschichte, denn die Ausstattung allein tut es nicht – was ja leider das Problem mit Verfilmungen dieser Art im deutschen Fernsehen ist. Da ist die Ausstattung oft fantastisch, aber die Geschichte dazu mehr als dürftig.

Anno 1790 - Bild via kulturdelen.com

Anno 1790 – Bild via kulturdelen.com

Seit dem großartigen Mehrteiler Heimat aus den frühen 80ern fällt mir spontan nichts wirklich Gutes in dieser Richtung mehr ein. Dabei gäbe es doch historische Stoffe ohne Ende, wie beispielsweise die schwedische Serie Anno 1790 aus dem Jahr 2011 zeigt. Das ist eine in jeder Beziehung gelungene Qualitätsproduktion des SVT – ich wünschte, unsere Öffentlich-rechtlichen bekämen wenigstens ab und zu Ähnliches auf die Reihe. Man muss schon ziemlich weit zurück gehen, um vergleichbare Perlen zu finden, wobei es durchaus welche gibt, etwa der historische Mehrteiler Der Winter, der ein Sommer war, den der hessische Rundfunk 1976 produziert hat.

Ich bin auf Anno 1790 gekommen, weil mir Blutsbande gut gefallen hat, insbesondere Joel Spira als Oskar Waldemar – und in Anno 1790 spielt er Simon Freund, den Freund und Gehilfen von Johan Gustav Dåådh, der wiederum von Peter Eggers dargestellt wird. Wieder ein Schwede, den ich mir unbedingt merken muss – anders als Arn, der Kreuzritter ist der Cast von Anno 1790 nicht mit inzwischen international bekannten schwedischen Filmstars gespickt. Was aber gar nicht schlimm ist, denn Anno 1970 ist durchweg toll besetzt. In Schweden gibt es offenbar noch eine ganze Reihe weiterer guter Schauspieler.

Screenshot Anno 1790: Johan Gustav Dåådh (Peter Eggers)

Screenshot Anno 1790: Johan Gustav Dåådh (Peter Eggers)

Leider gibt es die Serie derzeit nur in der schwedischen Originalfassung auf DVD – mit grafisch schlecht aufbereiteten englischen Untertiteln, was die Sache dann etwas anstrengend macht. Ich kann nur hoffen, dass arte bald auf die Idee kommt, dieses Serien-Juwel unbedingt ausstrahlen zu müssen – es wäre ganz hervorragend für den Serien-Donnerstagabend geeignet.

Denn im Jahre 1790 war schließlich schwer was los in Europa: Aufklärung kontra Standesdenken, Glaube gegen Gedankenfreiheit – in Paris hatte das Volk die Bastille gestürmt und die Monarchie gestürzt. Auch wenn vieles nicht gut lief mit der französischen Revolution, so hatte sie doch gezeigt, dass das gemeine Volk eine Macht ist, mit der man rechnen muss: Die gefährliche Idee von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ging um in Europa.

Screenshot Anno 1790: Simon Freund (Joel Spira)

Screenshot Anno 1790: Simon Freund (Joel Spira)

Und sie gelangt auch nach Schweden – allerdings wird sie dort von der Obrigkeit nach Kräften unterdrückt. Alle Menschen sollen gleich sein – wo kämen wir denn da hin?! Und am Ende kommen dann auch noch die Frauen an und wollen die gleichen Rechte wie die Männer – das wäre ja nun eindeutig gegen die von Gott gewollte Ordnung. Und der Mensch hat sich nun mal in erster Linie an das zu halten, was Gott und dem König gefällt.

Die Serie beginnt mit dem Ende eines der vielen schwedisch-russische Kriege – der Chirurg Johan Gustav Dåådh hat als Feldarzt zahlreichen Soldaten in diesem für beide Seiten weitgehend nutzlosen Krieg das Leben gerettet und will sich eigentlich auf den Weg nach Göteborg machen, als er auf den letzten Drücker noch ein paar Verletzte zusammenflicken muss. Unter ihnen ist Simon Freund, der Dåådh das Versprechen abringt, ihn zurück nach Stockholm zur Familie Wahlstedt zu bringen. Dåådh lässt sich darauf ein und liefert den genesenden Freund in Stockholm ab. In der Hauptstadt gerät er wegen seiner medizinischen Kenntnisse in eine Morduntersuchung – denn Carl Fredrik Wahlstedt ist der Polizeichef von Stockholm und hat gerade den für sein Quartier zuständigen Inspektor verloren. Weil Doktor Dåådh ganz offensichtlich ein vernünftiger Mensch ist, dazu auch noch gebildet, intelligent und gut erzogen, bietet Wahlstedt ihm kurzerhand den Job als Quartiers-Inspektor an.

Screenshot Anno 1790: Magdalena (Linda Zilliacus) und Carl Fredrik Wahlstedt (Johan H:son Kjellgren)

Screenshot Anno 1790: Magdalena (Linda Zilliacus) und Carl Fredrik Wahlstedt (Johan H:son Kjellgren)

Durch seine medizinischen Kenntnisse ist Dåådh tatsächlich in der Lage, scheinbar rätselhafte Todesfälle kompetent aufzuklären. Aber Dåådh ist nicht nur ein für seine Zeit sehr guter Arzt mit vielseitigen wissenschaftlichen Interessen, sondern auch Republikaner, der für die Ziele der französischen Revolution viel Sympathie empfindet. Überhaupt ist er ein Rationalist, der wenig für den christlichen Glauben und das Branntweintrinken übrig hat. Ganz im Gegensatz zu Simon Freund, der eigentlich Hauslehrer bei der hochangesehenen und einflussreichen Familie Wahlstedt ist.

Screenshot Anno 1790: Johan Gustav Dåådh (Peter Eggers)

Screenshot Anno 1790: Johan Gustav Dåådh (Peter Eggers)

Dåådh wird nun in eine Welt aufgenommen, die gar nicht die seine ist, aber als intelligenter und vernünftiger Mensch macht er das beste daraus. Natürlich spielt die schöne Frau Wahlstedt (Linda Zilliacus) bei seiner Entscheidung, den Job als Quartiers-Inspektor anzunehmen, eine nicht unwesentliche Rolle – auch von Anfang an wenn klar ist, dass diese Schwärmerei niemals Erfüllung finden wird. Dåådh lässt sich überzeugen, dass er in seiner neuen Position Gutes bewirken kann, auch wenn er eigentlich nicht für das Regime arbeiten will, das er als überkommen ablehnt.

Screenshot Anno 1790: Dåådh (Peter Eggers) bei der Arbeit

Screenshot Anno 1790: Dåådh (Peter Eggers) bei der Arbeit

Genauso wie Freund, der als Pietist einem Glauben anhängt, der gerade nicht en vogue ist, sondern verfolgt und unterdrückt wird, begreift, dass er von Dåådh eine Menge lernen kann. Natürlich will er seinem Retter auch etwas zurück geben, also ist er ihm in vielen Dingen behilflich, auch wenn ihn das immer wieder in Gewissenskonflikte bringt. Zwischen den beiden sehr unterschiedlichen Männern entwickelt sich eine eigenwillige, aber tiefe Freundschaft, die immer wieder auf die Probe gestellt wird. So will Dåådh Freund das Trinken abgewöhnen, was dem gar nicht gefällt. Dafür missbilligt Freund die unsittliche Lebenseinstellung von Dåådh, der nicht nur revolutionärem Gedankengut gegenüber aufgeschlossen ist, sondern auch eine schöne französische Revolutionärin nicht abweist, die der Ansicht ist, dass sie als Frau das Recht hat, sich einen Liebhaber zu wählen. Keine Frage, den feschen Dåådh würde so manche Frau gern in ihrem Bett haben. Aber alles in allem ist Dåådh natürlich ein Ehrenmann, der einer Frau nicht zu nahe tritt, wenn sie das nicht wünscht – gleiches Recht für alle.

Screenshot Anno 1790: Obduktion bei Kerzenschein

Screenshot Anno 1790: Obduktion bei Kerzenschein

Im Grunde haben wir hier eine schwedische Sherlock-und-Dr. Watson-Variante – und zwar eine, die sehr gut funktioniert. Dåådh ist zwar intellektuell und technologisch auf der Höhe der Zeit – so besitzt er neben seinem medizinischen Gerät auch ein sehr nützliches Fernglas, aber er ist weder so egozentrisch, noch so arrogant wie Sherlock Holmes. Und Simon Freund ist kein Doktor, sondern ein sehr korrekter und etwas mürrischer Kerl mit erstaunlich vielen Talenten. Sein Schicksal ist es, ewig in der zweiten Reihe zu stehen – während Dåådh dank seiner neuen Position zu den Abendgesellschaften der höheren Kreise eingeladen wird, muss der arme Freund draußen auf ihn warten. Obwohl er die Wahlstedts doch schon viel länger kennt.

Screenshot Anno 1790: Freund und Dåådh recherchieren

Screenshot Anno 1790: Freund und Dåådh recherchieren

Was mir an Anno 1790 besonders gefällt ist, dass es eben nicht nur wieder eine Krimiserie ist, die zur Abwechslung mal in historischem Gewand daher kommt. Es geht zwar auch um die Aufklärung von Verbrechen, aber Anno 1790 bietet sehr viel mehr. Es wird mit viel Aufwand und Liebe zum Detail ein sehr lebendiges Bild dieser Umbruchzeit vermittelt, die einerseits so unendlich weit zurückzuliegen scheint und andererseits die auch heute bekannten typisch menschlichen Probleme beschreibt.

Die meisten Menschen mussten damals unter einfachsten Bedingungen leben und waren schutzlos der Willkür der Herrschenden ausgeliefert – so wird gleich am Anfang ein armer Knirps, der auf dem Markt einen Apfel geklaut hat, in den Kerker geworfen. Dåådhs grausamer Vorgänger lässt den Jungen auspeitschen, um einen anderen Gefangenen zum Reden zu bringen. Dabei hat selbst zu jener Zeit der schwedische König die Folter als Instrument der Wahrheitsfindung schon verboten. Aber wie man inzwischen weiß, befleißigt sich ausgerechnet der Geheimdienst der freiheitlichsten Nation unserer Erde noch immer ähnlicher Methoden, aber das nur am Rande.

Screenshot Anno 1790: Fru Wahlstedt (Linda Zilliacus)

Screenshot Anno 1790: Fru Wahlstedt (Linda Zilliacus)

Dåådh jedenfalls ist kein Freund von Gewalt und versucht deshalb, das System durch seine Arbeit von innen her zu verändern. Obwohl seine Verhör-Methoden bei den Folterknechten alter Schule auf Befremden stoßen. Aber Dåådh geht es nicht darum, einfach einen Schuldigen zu finden, was wesentlich effektiver wäre, denn wenn man einen armen Wicht nur lange genug bedroht, gibt er irgendwann alles zu. Dåådh dagegen will wirklich verstehen, was passiert ist. Das irritiert die alte Garde.

Gleichzeitig wollen seine früheren Freunde aus den klandestinen Freidenker-Zirkeln ihrerseits nicht verstehen, warum Dåådh jetzt auf der anderen Seite steht – schließlich arbeitet er jetzt für die alten Mächte, die sie stürzen wollen. Natürlich ergibt sich daraus noch eine Menge Konfliktpotenzial. Denn der gemäßigte Dåådh setzt nicht auf den blutigen Umsturz, sondern auf Aufklärung und Bildung.

Screenshot Anno 1790: Dåådh und seine heimliche Liebe

Screenshot Anno 1790: Dåådh und seine heimliche Liebe

Aber sonst geht es ziemlich zur Sache, Dåådh hat eine Menge Verbrechen aufzuklären. Es gibt politische Morde, Morde aus Habgier und Eifersucht, es gibt windige Scharlatane, die ihren Opfern unter Hypnose Geheimnisse entlocken, um sie später zu berauben, es gibt arme, elternlose Kinder, die erst für krumme Geschäfte missbraucht und dann tot auf den Misthaufen geworfen werden, es gibt Pfaffen, die ihre Schützlinge missbrauchen und ihnen dann wegen angeblicher Gewissensbisse die versprochene Belohnung vorenthalten und verzweifelte Mädchen, die sich nach einer Vergewaltigung umbringen wollen, weil sie ja niemandem erklären können, warum sie schwanger sind. Und natürlich gibt es auch den brutalen Säufer, der seine Familie drangsaliert, bis sie ihn irgendwann quasi in Notwehr beiseite schafft.

Ja, das waren schlimme Zeiten – und besonders erschreckend ist, wie wenig sich letztlich geändert hat. Global gesehen. Nicht nur, dass Habgier und Eifersucht nicht auszurotten sind. Vor allem gibt noch immer Mädchen, auf die Attentate verübt werden, nur weil sie in die Schule gehen wollen. Und auch hierzulande nimmt die Ungleichheit nicht ab, sondern weiter zu. Es gibt wenige sehr Reiche und immer mehr Arme. Gerichtsurteile noch immer nach dem Geldbeutel des Angeklagten gefällt: Das mehrfache Klauen von einem Stück Käse oder einer Tafel Schokolade im Supermarkt wird ähnlich hart bestraft wie Hinterziehung von Millionen an Steuergeldern. Hierzulande müssen Frauen nicht mehr ihr Leben für eine Abtreibung riskieren – aber wo anders auf der Welt sterben weiterhin viele Frauen im Kindbett oder an einer Abtreibung, weil entweder das Geld für eine vernünftige medizinischen Versorgung fehlt oder weil die Gesellschaft noch immer frauen- (und damit menschenfeindlich) ist. Seit dem Jahr 1790 hat sich in dieser Hinsicht erschreckend wenig getan.

Screenshot Anno 1790: Simon Freund

Screenshot Anno 1790: Simon Freund

Gut, das geht jetzt weit über diese Serie hinaus – aber genau das ist es, was ich so gut daran finde. Dass in Laufe der Handlung all diese Fragen aufgeworfen werden. Anno 1790 ist nicht explizit politisch. Es werden einfach Dinge gezeigt, die zu der Zeit so stattgefunden haben könnten. Aber genau weil wir heute vergleichen können, was sich inzwischen geändert hat und was nicht, ist es so ernüchternd. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – was haben Revolution und Aufklärung tatsächlich gebracht?

Okay, Freiheit ist inzwischen durchgesetzt: Die meisten Menschen sind frei, und zwar von allem, was sie zum Leben brauchen. Gleich sind die Menschen theoretisch vor dem Gesetz, praktisch sind die Reichen aber gleicher, und das in jeder Hinsicht: Sie haben tatsächlich, was sie zum Leben brauchen. Damit sind wenigstens sie frei, zu tun was ihnen beliebt. Und Brüderlichkeit? Oder gender-konformer: Geschwisterlichkeit? Nix da. Nicht nur, dass jeden Tag mehr Menschen im Mittelmeer ersaufen, auch innerhalb der Festung Europa ist Solidarität Mangelware.

Anno 1790 - bei den Dreharbeiten (Bild: svt)

Anno 1790 – bei den Dreharbeiten (Bild: svt)

Insofern sind Dåådh und seine Freunde trotz ihrer oft harten Lebensumstände wirklich zu beneiden – sie konnten wenigstens noch daran glauben, dass sich die Gesellschaft mit mehr Aufklärung, Bildung und Demokratie tatsächlich zum Besseren wandeln würde. Heute erleben wir, wie die Errungenschaften von mehr als zweihundert Jahren oft blutigem Kampf um bessere Lebensbedingungen fürs Volk von den Herrschenden einfach wieder zusammengetreten werden.

Hauptdarsteller Peter Eggers über Anno 1790 (auf Englisch)

Nach der Hochzeit: Ein Däne kehrt zurück

Obwohl ich (den derzeit international wohl bekanntesten dänischen Regisseur) Lars von Trier samt seiner Filme nicht besonders mag, ist das kleine Dänemark für mich ein Filmland der Sonderklasse. Es gibt herrliche dänische Grotesken wie Adams Äpfel (Anders Thomas Jensen) oder Alien Teacher (Ole Bornedal), krasse Drogenthriller wie die Pusher-Trilogie (Nicolas Winding Refn, auch bekannt durch Walhalla Rising), ausgefallene Krimis wie Erbarmen (Mikkel Nørgaard, nach Jussi Adler-Olsen) oder Fräulein Smillas Gespür für Schnee und entlarvende Beziehungs-Dramen wie In einer besseren Welt (Susanne Bier).

Von Susanne Bier ist auch das Drama Nach der Hochzeit, das ich mir in erster Linie angesehen habe, weil ich ihren Film In einer besseren Welt sehr gut fand. Ja, und natürlich auch, weil Mads Mikkelsen eine der Hauptrollen spielt. Aber um das gleich vorwegzunehmen: In einer besseren Welt ist tatsächlich der bessere Film, weil wesentlich komplexer und tiefgründiger. (Und da spielen immerhin Mikael Persbrandt und Kim Bodnia mit.) Nach der Hochzeit ist eher eine Skizze für das spätere Werk, eine Fingerübung quasi für In einer besseren Welt. Es geht auch hier um einen Protagonisten, der seine Heimat, das satte und reiche Dänemark, hinter sich gelassen hat, um den Elenden der Welt zu helfen – und das meine ich gar nicht so ironisch, wie es vielleicht klingt. Ich hege durchaus Sympathie für Menschen, die denken, dass sie die Welt durch ihr persönliches Handeln besser machen können – und das dann auch durchziehen.

Screenshot Nach der Hochzeit - Jacob (Mads Mikkelsen)

Screenshot Nach der Hochzeit – Jacob (Mads Mikkelsen) in Indien

Auch wenn es naiv ist, oft leider im besten Fall sinnlos und im schlimmsten Fall kontraproduktiv – denn gerade weil sie versuchen Gutes zu tun, festigen diese Idealisten die Strukturen, die dazu beitragen, dass es den Menschen, denen sie helfen wollen, schlecht geht. Doch das ist eine politische Diskussion, die für eine Filmbesprechung zu weit führt.

Und sie spielt auch in den Filmen von Susanne Bier keine Rolle – Bier ist keine Politikerin. Die Regisseurin interessiert sich für das Zwischenmenschliche – sie ist also eher Psychologin, im Ansatz vielleicht Soziologin. In In einer besseren Welt werden die Fragen nach dem Sinn des persönlichen Engagements für die Benachteiligten der Welt immerhin angedeutet – vor allem die mitunter grausamen und unbefriedigenden Antworten darauf. In Nach der Hochzeit geht es letztlich eben doch nur um persönliche Verletzungen und Eitelkeiten, die Protagonist dann aber in den Griff bekommt, um sein Projekt in Indien voranzutreiben. Das wird ihm aber auch wirklich sehr leicht gemacht – weshalb ich diesen Film letztlich vergleichsweise schwach finde, wenn ich ganz ehrlich sein soll. Also nach dänischen Maßstäben, die halt andere sind als bei unseren öffentlich-rechtlichen, die seit Jahren eh nur noch hirnerweichenden Drama-Schrott produzieren.

Screenshot Nach der Hochzeit - Jörgen (Rolf Lassgård)

Screenshot Nach der Hochzeit – Jörgen (Rolf Lassgård)

Nach der Hochzeit ist auf jeden Fall ein Film, den man sich mal ansehen kann, wenn man keine Lust auf den 20:15-Schinken in ARD oder ZDF hat. Schlechter ist er keinesfalls. Aber eben auch nicht so viel besser. Obwohl als Familiendrama durchaus okay. Und natürlich sind die Schauspieler toll, nicht nur Mads Mikkelsen als Jacob, auch Sidse Babett Knudsen als Helene (bekannt als dänische Regierungschefin in Borgen), das schwedische Schwergewicht Rolf Lassgård als Jørgen und Stine Fischer Christensen als Jørgens und Helenes Tochter Anna, auf deren Hochzeit Jørgen Jacob einlädt, sind ganz großartig.

Worum es geht: Der Däne Jacob hat in Indien zu sich selbst gefunden und leitet ein Waisenhaus für Jungen. Das Projekt kämpft seit Jahren ums Überleben und steht jetzt vor dem Aus. Jacob wirbt in seiner Heimat Dänemark um Geldgeber – und jetzt taucht ein in Dänemark lebender schwedischer Geschäftsmann auf, der Jacob großzügig unterstützen will. Unter der Bedienung, dass sich Jacob nach Kopenhagen begibt, um seinem potenziellen Gönner persönlich zu treffen. Jacob hat eigentlich keine Lust dazu – er fühlt sich wohl in Indien und einer seiner Schützlinge, den er besonders ins Herz geschlossen hat, feiert in wenigen Tagen seinen achten Geburtstag. Aber eine verdiente Mitarbeiterin überzeugt Jacob, dass er eine solche Möglichkeit nicht ausschlagen darf. Er soll lieber an das denken, was er bewirken könne und sein persönlichen Befindlichkeiten hintenan stellen. Also reist Jacob nach Kopenhagen.

Screenshot Nach der Hochzeit - Helene (Sidse Babett Knudsen)

Screenshot Nach der Hochzeit – Helene (Sidse Babett Knudsen)

Er wird in einem absurd luxuriösen Hotel untergebracht und trifft diesen Gesschäftmann Jørgen, der ihm klar macht, dass er sich noch nicht entschieden hat, ob er Jacobs Projekt wirklich unterstützen will. Jacob ist frustriert, aber immerhin lädt Jørgen ihn zur Hochzeit seiner Tochter ein, die am nächsten Tag heiraten wird. Jacob ist klar, dass er sich dieser Verpflichtung nicht entziehen kann. Er fährt also pflichtschuldig zu der pompösen Feier auf dem Landsitz seines Gönners – und trifft überraschend eine verflossene Liebe wieder.

Als Jørgens Tochter Anna das Wort ergreift, um ihren Eltern ein paar Worte zu sagen, wird klar, dass vermutlich alles gar nicht so zufällig ist, wie es scheint: Anna dankt ihrer Mutter Helene und ihrem Vater Jørgen, dass sie ihr gute Eltern gewesen sind, auch wenn sie inzwischen weiß, dass Jørgen gar nicht ihr leiblicher Vater ist.

Die Lösung liegt auf der Hand und auch Jacob kapiert das natürlich schnell: Anna ist seine Tochter. Helene war schwanger, als sie ihn verließ – und Jørgen war so vernarrt in die schöne Helene, dass er das Kind als seins akzeptiert hat. Er ist Anna (und seinen anderen Kindern) tatsächlich immer ein guter Vater gewesen, und seine angenommene Tochter dankt ihm das ausdrücklich.

Screenshot Nach der Hochzeit - Anna (Stine Fischer Christensen)

Screenshot Nach der Hochzeit – Anna (Stine Fischer Christensen)

Jacob dagegen ist wütend und verletzt – warum hat Helena ihm so lange verschwiegen, dass er eine Tochter hat? Aber wie sich heraus stellt, war er vor 20 Jahren auch nicht unbedingt der ideale Vater – er war ein verantwortungsloser Hallodri, der nicht nur gekifft, sondern auch mit Helenas bester Freundin geschlafen hat – kein Wunder, dass sie sich einen anderen, verlässlicheren Mann gesucht hat, um ein Kind zu bekommen.

Jacob erträgt die Feier nicht länger und sucht das Weite. Er fühlt sich benutzt und will bei dieser Geschichte nicht mehr mitmachen. Aber Jørgens Angebot ist einfach zu verlockend: Er bietet Jacob an, einige Millionen in einen Wohltätigkeits-Fonds zu investieren, für den Jacob gemeinsam mit Anna verantwortlich wäre – mit dem Geld könnten sie in Indien viel Gutes tun. Allerdings ist eine der Bedingungen, dass Jacob seinen Wohnsitz nach Dänemark verlegt. Für Jacob ist das völlig inakzeptabel. Vor allem: Warum tut Jørgen all das?

Screenshot Nach der Hochzeit - Helene und Jørgen

Screenshot Nach der Hochzeit – Helene und Jørgen

Es stellt sich heraus, dass Jørgen totkrank ist. Er hat Krebs und weiß, dass er bald sterben wird. Er will nicht, dass seine Familie davon erfährt, aber er will seine Liebsten nach seinem Tod in guten Händen wissen. So ist er auf Jacob gekommen. Natürlich passt Jacob das alles nicht: Er will sich nicht kaufen lassen – was bildet sich dieser reiche Schnösel eigentlich ein? Jacob ist wütend und haut ab. Soll dieser Jørgen doch mal sehen, dass man mit Geld eben doch nicht alles kaufen kann!

Aber als seine Tochter heulend bei Jacob im Hotel auftaucht, weil ihr frisch angetrauter Ehemann sie betrogen hat, beginnt Jacob darüber nachzudenken, dass es vielleicht auch eine Aufgabe sein könnte, für seine Tochter da zu sein. Schließlich kann er auf diese Weise zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen – er bekommt genug Geld für seine Projekte in Indien und kann für Anna (und für Helene) da sein. Also unterschreibt er schließlich den Vertrag mit Jørgen, auch wenn er damit den kleinen Pramod enttäuscht, der in Indien auf ihn wartet.

Screenshot Nach der Hochzeit - Jacob (Mads Mikkelsen)

Screenshot Nach der Hochzeit – Jacob (Mads Mikkelsen) in Dänemark

Jørgen stirbt bald darauf und schon auf seiner Beerdigung deutet sich an, dass sein Plan funktionieren wird – Jacob ist für Anna und Helene da. Und in Indien geht nun auch alles voran – nur der kleine Pramod will nicht zu Jacob nach Dänemark kommen, sondern lieber in Indien bleiben. Im Gegensatz zu Jacob ist der Kleine tatsächlich nicht korrumpierbar. Aber geschenkt.