GOT: Schwache Staffel, versöhnliches Ende

So, vorbei. Immerhin hat der letzte Teil diese letzte, insgesamt tatsächlich eher schwachen Staffel von Game of Thrones zu einem aus meiner Sicht durchaus befriedigenden Ende geführt. Dass die großen Aufregerthemen, die durch die Medien gegangen sind, ein vergessener Kaffeebecher und schlecht versteckte Wasserflaschen aus Plastik waren, zeigt, wie es um die inhaltliche Qualität der letzten Staffel bestellt war. Dabei gehöre ich noch nicht mal zu den enttäuschten Fans, die vor Frust schier Amok gelaufen sind und eine Petition für eine Neuverfilmung der achten Staffeln „mit kompetenten Schreibern“ gestartet haben, die bereits von fast 1,5 Millionen Unterstützern unterschrieben wurde.

Game of Thrones: Daenerys im Angesicht ihres verheerenden Sieges Bild: hbo.com

Game of Thrones: Daenerys im Angesicht ihres verheerenden Sieges Bild: hbo.com

Aber ja, es stimmt schon: Aus dem gigantischen Budget, das für die letzte Staffel verbraten wurde, hätte man durchaus mehr machen können. Laut Variety hat jede der sechs Folgen 15 Millionen Dollar verschlungen – üblicherweise kostet eine Highend-Drama-Serie etwa 2 Millionen Dollar pro Folge. Da wäre es schon gut gewesen, mehr in die konsequente Entwicklung der Charaktere und damit in eine bessere Handlung zu investieren, statt in überbordende Spezialeffekte. Klar sind riesige feuerspeiende Drachen cool, und es ist teuer, mal eben eine komplette Stadt kulissenmäßig in Schutt und Asche zu legen. Aber nach dem es eine besondere Qualität der ersten Staffeln war, die Handlung auf verschlungenen Wegen vor sich hin mäandern zu lassen und statt dessen die Entwicklung von interessanten und eigenwilligen Charakteren und ihren komplizierten Beziehungen untereinander in Fokus zu stellen, zeichnete sich bereits vor der siebten Staffel ein Paradigmenwechsel ab: Jetzt ging es nicht mehr um subtile Charakterzeichnung, sondern um visuelle Überwältigung. Genau das also, was mir am aktuellen Blockbuster-Kino ohnehin schon auf die Nerven geht.

Wobei jeder der sechs Teile durchaus seine Höhepunkte hatte. Dass Arya sich Gendry ausgesucht hat, um herauszufinden, wie das mit dem Sex so geht, beispielsweise. Oder der hoch verdiente Ritterschlag für Brienne, ausgeführt von Jaime Lannister, der sie ganz offenbar zu schätzen (und vielleicht sogar zu lieben?) gelernt hat. Aber alle diese hoffnungsfrohen Momente, die letztlich auch zu sentimental für die sonst so brutale Handlung sind, führen nur wieder zu neuen Enttäuschungen. Was einerseits konsequent für die bisherige Grundlinie der Serie ist.

Andererseits teile ich insgesamt den Eindruck, dass es den Autoren in erster Linie nur noch darum zu gehen schien, mit der Geschichte endlich abzuschließen. Insofern klaffen zum Teil ganz erhebliche Logiklöcher weit offen, da werden im dritten Teil die Dothraki weitgehend ausgelöscht, zum Schluss sehen wir aber wieder eine beeindruckende Reiterarmee, bereit die ganze Welt für ihre Königin zu erobern. Was auch für die Unbefleckten gilt. Oder wir sehen, wie der Drache Rhaegal von Euron Greyjoy spektakulär vom Himmel geschossen wird, während die Skorpion-Speere Drogon nur eine Folge später schon nichts mehr anhaben können. Oder dass sich Arya, die seit langer Zeit das Ziel verfolgt, Cersei zu töten, sich in letzter Minute ausgerechnet vom Hound wie ein kleines Mädchen nach Hause schicken lässt, wo sie doch zuvor schon den den viel gefährlicheren und mächtigen Nachtkönig getötet hat – eine unglaubwürdigere Wendung kann man sich kaum ausdenken.

Dass Cersei und Jaime ganz unspektakulär unter den Trümmern der Roten Feste begraben werden, geht für mich in Ordnung, allerdings ist es völlig unwahrscheinlich, dass Tyrion später ausgerechnet über die goldene Hand seines Bruders stolpert und seine Geschwister tot auffindet, nachdem er ein paar Brocken beiseite geräumt hat. Die Burg ist im Teil zuvor mit dermaßen beeindruckenden Effekten (Drachenfeuer!) und entsprechendem Sachschaden zerstört worden, so dass eigentlich unvorstellbar ist, dass man von den Leichen überhaupt noch erkennbare Teile finden kann, selbst wenn man mit viel Aufwand danach suchen würde. Noch unbefriedigender finde ich allerdings den Umstand, dass die Gefahr des ewigen Winters mit dem Tod des Nachtkönigs mal eben komplett und für immer gebannt ist, insofern bräuchte es ja tatsächlich keine Nachtwache mehr, zu der Jon für den Rest seines Lebens verbannt werden könnte. Aber wie Tyrion erklärt, man braucht sie eben doch als Zufluchtsstätte für gescheiterte Existenzen. Nun ja. Immerhin kann Jon am Ende genau das tun, was er sein Leben lang tun wollte: Mann der Nachtwache sein und das Reich beschützen, vor was auch immer.

Den Job hat er bisher schon immer wieder ganz gut erledigt, auch wenn nicht auf die Art und Weise, die er selbst oder das Publikum erhofft hat: Oft genug stolpert er in der letzten Staffel mit dem Schwert in der Hand durch die Gegend, ohne wirklich etwas ausrichten zu können. Die größte Tat begeht er ausgerechnet mit dem Verrat an seiner geliebten Königin, nachdem Jon erkennen musste, dass Daenerys nicht die gerechte und gütige Herrscherin sein wird, die sie werden wollte. Es hatte sich allerdings schon in den vergangenen Staffeln abgezeichnet, dass Daenerys berechnend und grausam sein kann. Wer immer sich ihr in den Weg stellte, wurde niedergemetzelt oder verbrannt, nur traf es am Anfang immer die Bösen. Inzwischen ist Daenerys dermaßen davon überzeugt, dass der Zweck die Mittel heiligt, dass sie wahl- und zahllos Unschuldige tötet, weil sie damit ja ihr gutes Ziel verfolgt: Die ganze Welt von Fremdherrschaft zu befreien und ihre eigene, ihrer Ansicht nach ideale, Herrschaft zu zementieren. Natürlich musste sie sterben und es konnte nur Jon sein, weil er der einzige war, der bis zum Schluss ihr Vertrauen besaß und dicht genug an sie heran kam.

Game of Thrones: Die Stark-Geschwister Arya, Bran und Sansa. Bild: hbo.com

Game of Thrones: Die Stark-Geschwister Arya, Bran und Sansa. Bild: hbo.com

Als idealere Herrschaft wird danach eine Art aufgeklärte Monarchie mit Wahlkönigtum eingeführt, Sam sorgt noch für ein paar Lacher, als er vorschlägt, dass alle Menschen in Westeros eine Wahl haben sollten. Doch für dermaßen radikale Vorstellungen von Basisdemokratie sind die anderen noch nicht reif. Stattdessen sollen Vertreter der bisherigen sieben Königreiche und sonst durch verdienstvolle Taten aufgefallene Edelleute den neuen König wählen. Auch hier wird nicht erklärt, wie das Sammelsurium mehr oder weniger bekannter Figuren zustande kommt, das offenbar auf die Initiative von Grauer Wurm zusammengerufen wurde, um die künftigen Herrschaftsverhältnisse in Westeros zu klären.

Die Verräter Jon Snow und Tyrion Lannister gehören aus naheliegenden Gründen nicht dazu. Um so erstaunlicher, dass der in Ketten vorgeführte Zwerg überhaupt angehört wird. Und der macht natürlich von seinem Talent, alle anderen an die Wand zu quatschen, gebrauch und überrascht mit dem Vorschlag, ausgerechnet den Krüppel Bran zum König zu wählen. Wobei natürlich auch vieles dafür spricht, den Dreiäugigen Raben zu wählen, denn er weiß ja tatsächlich mehr als alle anderen.

Und der frisch gekürte König Bran, erster seines Namens, macht in seiner Weisheit Tyrion zu seiner Hand, damit der den Rest seines Lebens seine Fehler wieder gut machen kann. Doch, das geht okay. Und auch, dass Sansa durchsetzt, dass der Norden unabhängig bleibt, mit ihr als Königin des Nordens. Wobei man sich dann natürlich schon fragen könnte, warum die anderen dann nicht auf die Idee kommen, dass auch Dorne oder die Eiseninseln oder was auch immer unabhängige Reiche bleiben könnten. Aber egal, wir müssen ja irgendwie mal zum Ende kommen.

Als eine Winter habe ich überhaupt nichts gegen den Mehrfach-Triumph der Starks, mit Sansa als Königin des Nordens, Jon jenseits der Mauer und Bran auf dem Thron kann nichts mehr schief gegen, und wer weiß, was Abenteuerin Arya im Westen noch entdecken mag. Das ist ein versöhnliches Ende nach so viel Blutvergießen, Hass und Zerstörung. Ich kann gut damit leben und freue mich auf neue Serien. Gern auch ohne Drachen.

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Game of Thrones: Endlich Finale

Nachdem ich dem Hype lange Jahre widerstanden habe, haben mich meine Kinder im vergangenen Winter hartnäckig (und mit Erfolg) bearbeitet: Als bekennender Serienfan dürfe ich nicht einfach die Serie aller Serien links liegen lassen. Wobei das ja keine böse Absicht war: Zuvor hatte ich schon mehrfach versucht, mit Game of Thrones warm zu werden. Aber die Serie macht es einem wirklich nicht leicht, wenn man die Bücher nicht kennt: Auch beim dritten oder vierten Versuch bin ich irgendwann im Verlauf der ersten Folge ausgestiegen – diese rätselhaften Toten im düsteren Winterwald waren einfach nicht mein Ding.

Game of Thrones: Ned Stark (Sean Bean)

Game of Thrones: Ned Stark (Sean Bean), die Hand des Königs auf dem Eisernen Thron Bild: hbo.com

Obwohl ich ja selbst Winter heiße. Meine  (mittlerweile erwachsenen) Kinder haben mir sogar eine GoT-Tasse geschenkt, die mit dem Wolfskopf der Starks und dem Motto: „Winter is coming“. Die Tasse mag ich tatsächlich, und auch wenn dieser Winter nun vorbei ist, fühle ich mich verpflichtet, meinen Teil zum Serienerlebnis beizutragen. Denn in einigen Tagen kommt die allerletzte Staffel raus und danach ist GoT für immer Geschichte.

Was bisher geschah: Ich war krank und hatte meine ganzen aktuellen Lieblingsserien schon ausgesehen. Meine Kinder veranstalteten in dieser Situation eine Art betreutes GoT-Watching mit mir: Ich durfte nicht ausschalten, bekam aber, wenn ich die Pausetaste drückte, umfangreiche Erklärungen zum gerade Gesehenen. Mit derartiger Nachhilfe kam ich über die ersten vier, fünf Teile hinweg langsam in die Handlung mit den am Anfang ja noch unübersichtlich vielen Hauptfiguren hinein – und dann wollte ich natürlich irgendwann von ganz allein wissen, wie es weiter geht.

Game of Thrones: Waren die mal süß! Bran, Arya und Sansa Stark. Im Hintergrund Thron Greyjoy und Jon Snow. Bild: hbo.com

Game of Thrones: Waren die mal süß! Bran, Arya und Sansa Stark. Im Hintergrund Theon Greyjoy und Jon Snow. Bild: hbo.com

In den vergangenen Monaten habe ich mir die bisherigen Staffeln von Game of Thrones in einer konzentrierten Nachhol-Aktion angesehen – auch wenn ich noch immer darauf bestehe, das Breaking Bad die bisher beste aller Serien ist, und dann kommen erstmal die Sopranos, The Wire und natürlich Mad Men. Langsam kann ich aber nachvollziehen, warum GoT einen Rekord nach dem anderem bricht: Die Serie ist wirklich spannend und bietet eine Menge Drama, Sex und Wahnsinn, so dass man kein ausgesprochener Fantasy-Fan sein muss, um Spaß daran zu finden.

Es ist wie damals, Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre mit dem Herrn der Ringe – auch den fand ich, ehrlich gesagt, ziemlich zäh, aber den musste man als junger Mensch einfach gelesen haben. Und für Vielleserinnen war das halt so eine Etappe, die man einfach durchhalten musste, wie die Bergwertung bei der Tour de France. Ich bin bis heute kein Fan von Mittelerde, aber manches muss man einfach mal durchgemacht haben, schon aus Gründen umfassender Allgemeinbildung. Ähnlich erging es mir mit Game of Thrones.

Game of Thrones: Cersei Lannister und Margaery Tyrell Bild: hbo.com

Game of Thrones: Cersei Lannister und Margaery Tyrell Bild: hbo.com

Wenn man Historienserien wie Vikings, The Last Kingdom oder Borgia mag, dann ist diese Geschichte eines fiktiven mitteleuropäischen Mittelalters ein unerwartetes Vergnügen. Denn sie ist eigentlich noch besser, weil hier eben nicht Geschichte, oder vielmehr das, was man heute vermeint, darüber zu wissen, nachgestellt wird, sondern anhand dessen, was aus der Geschichte bekannt ist, spannende Dinge über Menschen und ihre Beziehungen zueinander erzählt werden. Gerade Vikings ist eine reichlich brutale, aber sehr stylisch inszenierte Fantasyserie, die mythische Figuren aus nordischen Sagas zum Leben erweckt. Viele der Vikings-Charaktere haben zwar einen historischen Hintergrund, sind aber doch in erster Linie Personifizierungen neu interpretierter Legenden. In Game of Thrones ist halt auch die historische Vorlage erfunden, aber das stört letztlich nicht, weil sich George R.R. Martin das GoT-Universum überaus akkurat und detailreich ausgedacht hat. 

Das Setting von A Song of Ice and Fire ist realistisch enervierend, denn in Westeros gelten die üblichen patriarchalischen Regeln, die nicht nur hierzulande vor ewigen Zeiten etabliert wurden: Der Mann ist das Familienoberhaupt, es gibt Ritter (die „Ser“ heißen) und gelehrte Männer (die „Maester“ genannt werden), Frauen sollen nur hübsch und folgsam sein, Kinder gebären und ihren Familien keine Schande bereiten – während die Männer, nun ja, die haben oft andere Dinge im Kopf als gerade angebracht wäre. Insofern finde ich besonders interessant, dass sich in dieser Serie über eine wiedermal von starken Männern dominierte Welt eine Reihe ihnen mindestens ebenbürtige weiblicher Hauptcharaktere profilieren können: Allen voran Cersei Lannister (Lena Headey), die von Anfang an die Königin der sieben Königreiche ist, auch wenn ihr Ehemann Robert Baratheon (Mark Addy) offiziell auf dem Eisernen Thron sitzt. Robert ist ein Hitzkopf, ihm liegt das Regieren nicht, er geht lieber auf die Jagd oder ins Bordell, als sich um die Festigung seiner Macht zu kümmern. Deshalb holt er seinen alten Freund zur Hilfe, Eddard Stark (Sean Bean), den Wächter des Nordens an seinen Hof und macht ihn zur Hand des Königs.

Game of Thrones: Brienne of Tarth und Jaime Lannister Bild: hbo.com

Game of Thrones: Brienne of Tarth und Jaime Lannister Bild: hbo.com

Ned, wie er von seinen Freunden und seiner Familie genannt wird, ist ein Ehrenmann alter Schule, er erfüllt all die lästigen Pflichten, die er als Hand des Königs zu erfüllen hat. Und gerade weil er ein klassischer Ritter ist und mit Politik nichts am Hut hat, überlebt er in dieser heiklen Position auch nicht allzu lange. Ned hat gemeinsam mit seiner Frau Catelyn (Michelle Fairley), die ebenfalls aus einer alten und angesehen Familien stammt, eine Menge Kinder, von denen es einige in der grausamen Welt von Westeros ziemlich weit bringen. Auch wenn es das Schicksal ausgerechnet mit dem erstgeborenen Sohn Robb (Richard Madden), der in den frühen Staffeln als junger Wolf glänzt, nicht allzu gut meint.

Übles widerfährt auch den anderen Stark-Kindern, etwa dem kleinen Bran (Isaac Hempstead Wright), der früh in Folge eines Sturzes zum Krüppel wird, später allerdings übernatürliche Kräfte erlangt. Die älteste Stark-Tochter Sansa (Sophie Turner) hingegen erhofft, durch Heirat Königin zu werden – doch der Thronfolger Joffrey (Jack Gleeson), der Sohn von Cersei Bannister und Robert Baratheon, entpuppt sich als sadistisches Arschloch, das schließlich einer anderen den Vorzug gibt und Sansa damit unbeabsichtigt ein besseres Schicksal ermöglicht.

Game of Thrones: Lord Varys und Tyrion Lannister Bild: hbo.com

Game of Thrones: Lord Varys und Tyrion Lannister Bild: hbo.com

Sansa hat über die bisher sieben Staffeln der Serie eine bemerkenswerte Entwicklung vollzogen, von der naiven Prinzessin, die es allen recht machen wollte, und entsprechend ausgenutzt und missbraucht wurde, zu einer selbstbewussten jungen Frau, die menschliche Abgründe kennt und ebenso umsichtig wie mutig ihre Interessen verteidigt. Im Rennen um den Eisernen Thron sind allerdings noch einige andere, Sansas kleine Schwester Arya (Maisie Williams) etwa, die von Anfang an eine Vorliebe für Kampf und Konflikt gezeigt hat, und mittlerweile nicht nur eine talentierte Schwertkämpferin, sondern auch eine vielgesichtige Rachegöttin ist.

Und dann ist da natürlich das extrem problematische Traumpaar bestehend aus Jon Snow (Kit Harrington) und Daenerys Targaryen (Emilia Clarke), die wenn ich die Familienverhältnisse richtig verstanden habe, Tante und Neffe sind, aber das eben (noch?) nicht realisiert haben. Jon glaubt ja noch immer, ein Bastard-Kind von Ned Stark zu sein, auch wenn wir mittlerweile wissen, dass er der Sohn von Neds heißgeliebter Schwester Lyanna Stark und Rhaegar Targaryen und somit ein heißer Aspirant auf den Eisernen Thron ist. Wobei derartige Familienverhältnisse bei Targaryens nicht ungewöhnlich sind, ähnlich die ägyptischen Pharaonen haben die den Knall, innerhalb der Familie zu heiraten, damit die Blutlinie rein bleibt. Aus biologischer Sicht extrem problematisch, aber egal, so ist das mit Royals nun einmal. Daenerys jedenfalls ist ebenfalls eine extrem starke und sendungsbewusste Frau, die bisher sämtliche Anschläge auf ihr Leben überstanden und dazu noch eine vergleichsweise menschenfreundliche Art der Herrschaft entwickelt hat: Sie sieht sich nicht als Unterdrückerin, sondern als Befreierin. Ähnliches lässt sich über Jon berichten, der nach diversen Abenteuern nördlich der großen Mauer von seinen Leuten zum König des Nordens gewählt wurde, weil sie in ihm einen geeigneten Anführer sehen, der den Gefahren des anstehenden langen Winters trotzen kann.

Eis und Feuer: Jon Snow und Daenerys Targaryen Bild: hbo.com

Eis und Feuer: Jon Snow und Daenerys Targaryen Bild: hbo.com

Das Verhältnis von Cersei Lannister und ihrem Bruder Jaime (Nikolaj Coster-Waldau) ist nicht weniger anrüchig. Inzwischen sind alle drei Kinder tot, die aus dieser inzestuösen Verbindung hervorgegangen sind und es zeichnet sich ab, dass Jaime sich von seiner intriganten und machthungrigen Schwester losgesagt. Und dann ist da auch noch ihr kleiner Bruder Tyrion (Peter Dinklage), der Gnom. Auch Tyrion Lannister hat eine interessante Entwicklung erfahren: Vom dekadenten Adelsspross, der seine Tage versoffen und verhurt hat, zum verantwortungsvollen und klugen Berater der (vermeintlich) letzten Überlebenden aus dem Haus Targaryen, Daenerys, der Sturmgeborenen, der rechtmäßigen Erbin des Eisernen Throns, der Herrscherin über die Andalen und die ersten Menschen, der Khaleesi des Großen Grasmeeres, der Unverbrannten, der Sprengerin der Ketten, der Mutter der Drachen. Auch Tyrion ist mit jeder Herausforderung gewachsen und stärker geworden. Er hat beschlossen, die weniger selbstsüchtige und grausame Daenerys im Kampf um den Eisernen Thron zu unterstützen, zumal er begreift, dass nur eine breite Allianz sämtlicher Häuser in der Lage sein wird, gegen den Nachtkönig und die Weißen Wanderer zu bestehen, die mit dem anstehenden langen Winter in die sieben Königreiche einfallen.

Game of Thrones: Die Last der Bildung. Sam in der Zitadelle der Maester. Bild: hbo.com

Game of Thrones: Die Last der Bildung. Sam in der Zitadelle der Maester. Bild: hbo.com

Das alles ist schon ziemlich cool, und man sehe mir an dieser Stelle nach, dass ich unmöglich die vielen bemerkenswerten Charaktere des Game-of-Thrones-Universums in einem einzigen Artikel unterbringen kann. Unbedingt muss ich erwähnen das nette Dickerchen Samwell Tarly (John Bradley), der zwar auf den ersten Blick keineswegs zum Ritter oder auch nur zu einem Mann der Nachtwache taugt, sich aber doch immer wieder als mutig und vor allem klug entpuppt. Seine Weisheit bezieht er in der Regel aus alten Büchern, Sam mag zwar schwach und feige erscheinen, aber er ist ein Mann der Weisheit, der zeigt, dass Bildung ebenso wichtig und nützlich sein kann, wie die Fähigkeit, im Kampf zu bestehen.

Der intrigante Littlefinger (Aidan Gillen) ist zwar mittlerweile Geschichte, aber die Figur des Petyr Baelish war streckenweise durchaus wegweisend für den Fortgang der Serie, ebenso wie die des Lord Varys (Conleth Hill), der noch immer seine Fäden spinnt. Wesentlich zupackender ist Brienne of Tarth (Gwendoline Christie), die zumindest körperlich stärkste Frau im Game-of-Thrones-Universum, die im Zweikampf sogar The Hound Sandor Clegane (Rory McCann) schlagen konnte, der nun keinesfalls ein Schwächling, sondern im Gegenteil ein überaus gefürchteter Gegner ist. Sie zieht die Aufmerksamkeit des ebenfalls nicht gerade schwächlichen Wildlings Tormund (Kristofer Hivju) auf sich. Mal sehen, ob draus noch etwas wird. Und wo wir bei den Wildlingen sind, muss ich unbedingt Gilly (in der deutschen Version Goldie, Hannah Murray) erwähnen, die Wildlingsfrau, in die Sam sich verliebt und weshalb er sie und ihren neugeborenen Sohn vor den weißen Wanderern rettet, und natürlich die wilde Ygritte (Rose Leslie), an die Jon Snow seine Umschuld verliert. Auch die beiden sind starke und eigenwillige Frauen, genau wie Osha (Natalia Tena), die gemeinsam mit den Halbriesen Hodor (Kristian Nairn) Bran auf seinem Weg zum dreiäugigen Raben beschützt.

Game of Thrones: Die Wildlinge Ygritte und Tormund. Bild: hbo.com

Game of Thrones: Die Wildlinge Ygritte und Tormund. Bild: hbo.com

Doch, wenn ich die Charaktere so durchgehe, stelle ich fest, dass GoT durchaus auch eine Frauenserie ist, was sicherlich einen Argument für den durchschlagenden Erfolg liefert: Da wäre noch die rote Priesterin des Lichts Melisandre (Carice van Houten) und natürlich Margaery Tyrell (Natalie Dorner), die in der Lage ist, dem Ekel Joffrey Baratheon einige menschliche Gesten abzutrotzen, damit er gut vor seinem Volk da steht. Noch besser gefiel mir allerdings ihre Großmutter Oleanna Tyrell (die von keiner geringeren als der Emma-Peel-Darstellerin Diana Rigg verkörpert wird. Als kleines Mädchen war sie mein erstes Idol), die als alte Dame in gehobener Position das Privileg hat, endlich zu sagen, was sie denkt. Und dann sind da natürlich noch die vielsprachige Missandei (Natalie Emmanuel) im Gefolge von Daenerys Targaryen,  die lustige Hure Shae (Sibel Kekilli), Yara Greyjoy (Gemma Whelan), die starke Schwester des nicht so wahnsinnig starken Theon Greyjoy (Alfie Allen) last but not least Talisa (Oona Chaplin), die unerschrockene Schönheit aus dem Süden, für die der junge Wolf Robb Stark sein Schicksal herausgefordert hat.

Game of Thrones: Die Stark-Kinder sind erwachsen geworden. Sansa, Bran und Arya in der 7. Staffel Bild: hbo.com

Game of Thrones: Die Stark-Kinder sind erwachsen geworden. Sansa, Bran und Arya in der 7. Staffel Bild: hbo.com

Natürlich gibt es auch noch ein paar erwähnenswerte Jungs, die zum Auftakt der letzten Staffel noch im Rennen sind, abgesehen von Jon Snow, Jaime und Tyrion Lannister etwa Robert Baratheons Bastard Gendry (Joe Dempsie), den schlagkräftigen Schmied, den alten Kämpen Ser Jorah Mormond (Iain Glen) oder den Zwiebelritter Davos Seaworth (Liam Cunningham). Die Reihen haben sich im Verlauf der vergangenen acht Staffeln ziemlich gelichtet, was die Sache inzwischen sehr viel übersichtlicher macht. Was allerdings nicht unbedingt ein Pluspunkt ist: Gerade die siebte Staffel hat für meinen Geschmack viel zu sehr auf überwältigende visuelle Effekte, als auf die vorher zwar nicht immer überzeugende, aber doch spannende Entwicklung der Charaktere und ihrer Beziehungen untereinander gesetzt. Insofern ist schon zu befürchten, dass die letzte Staffel in ein sehr teures Splatter-Movie mit viel Blut, Feuer und Massen von halbverwesten Untoten abkippt. Aber wie sollte nach all dem, was wir mit GoT schon erleiden und ertragen mussten, ein gutes Ende denn überhaupt aussehen? Am 20. Mai, wenn die letzte Folge vorbei ist, werden wir schlauer sein. 

Fauda: Chaos auf beiden Seiten

In Sachen Serien sollten sich unsere Serienmacher die Israelis zum Vorbild nehmen – die trauen sich nämlich tatsächlich was. Ich war ja schon von der Homeland-Vorlage Hatufim sehr angetan – die Serie Fauda ist allerdings noch einiges krasser. Was natürlich auch daran liegen mag, dass der Alltag in Israel und den Palästinensergebieten auch viel krasser ist – zwar bekommt man hierzulande durch die Anschläge islamistischer Attentäter in Berlin und in Bayern zumindest eine Ahnung davon, wie sich das Leben auf dem Pulverfass anfühlen mag, aber gemessen an der Lage im Nahen Osten leben wir noch immer in einer sehr friedlichen Komfortzone.

Ganz anders die Lage im gelobten Land: Dabei könnte es auch dort richtig schön sein, wie die täuschende Idylle nahelegt, die zunächst gezeigt wird: Das warme Licht der mediterranen Nachmittagssonne scheint durch freundliches Grün, wir sind auf dem Weingut von Doron Kavillio (Lior Raz), der nach seiner Karriere beim Geheimdienst ein neues Leben mit Frau und Kindern begonnen hat. Doch Dorons Vergangenheit holt ihn schnell ein, denn er bekommt unerwarteten Besuch:  Sein ehemaliger Vorgesetzter  Mickey Moreno (Yuval Segal) kommt vorbei und sagt ihm, dass Abu Ahmad lebt.

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Doron kann nicht fassen, was er da hören muss – er selbst hat den Terroristen doch umgebracht! Zur Belohnung durfte er sich zur Ruhe setzen – und er hat sich hoch verschuldet, um neu anzufangen. Doch der Panther, wie Abu Ahmad auch genannt wird, hat irgendwie überlebt. Er hat das Leben von 116 Israelis auf dem Gewissen – doch der Anschlag, den Doron ausgeführt hat, ist offenbar fehl geschlagen.

Das trifft ihn persönlich, also steigt Doron wieder ein. Mit seinem Anti-Terrorteam von damals, das weiterhin verdeckte Operationen in den Palästinenser-Gebieten durchführt. Gemeinsam mit seinen alten Teamkameraden will Doron seinen Auftrag zu Ende bringen – er will Abu Ahmad kriegen, tot oder lebendig. Keine Frage, dass Dorons Familie wenig begeistert über diese Wendung ist. Doch das ist erst der Auftakt für zwölf Folgen harte Kost, die beide Seiten des Nah-Ost-Konflikts gnadenlos beleuchtet.

Fauda ist das arabische Wort für Chaos. Und die Leute in Dorons Team können alle perfekt Arabisch – sonst wäre es schwer möglich, die palästinensische Seite zu unterwandern. Doch auch die Palästinenser haben ihre Leute auf der anderen Seite, die sich als Juden ausgeben. Denn letztlich sind sie ja gar nicht so unterschiedlich – und doch stehen sich beide Seiten unversöhnlich gegenüber und trachten danach, einander möglichst effektiv umzubringen.

Doron also steigt in eine verdeckte Operation im Feld ein, das ist eigentlich seine Spezialität: Er gibt sich als Palästinenser aus, er kennt diese Sprache und Kultur in-und-auswendig. Mit einem Kollegen schleicht er sich auf der Hochzeit von Abu Ahmads kleinem Bruder ein – der Panther wird sich nicht nehmen lassen, bei dieser großen Familienfeier zu erscheinen. Doch die Nummer geht total schief und Doron fliegt auf. Schlimmer noch: In dem ganzen Chaos wird der Bräutigam erschossen und ein Teamkamerad schwer verletzt. Zurück bleibt die mit dem Blut ihres Bräutigams bespritzte Braut, die auf Rache sinnt: Ihr Leben ist jetzt in jeder Beziehung ruiniert.

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Zumindest sieht sie das so, auch wenn der Scheich ihr gut zureden will – sie könne doch einen anderen Mann finden und eine Familie haben. Aber sie will lieber Rache nehmen und als Märtyrerin sterben. Wie so viele, die keine Zukunft mehr für sich sehen. Doch auch bei den Israelis spitzen sich die Dinge zu – Dorons Frau Gali hat eine Affäre mit Naor, der seinem Teamchef eigentlich den Rücken frei halten sollte. Und noch verzwickter: Zum Anti-Terror-Team gehört auch noch Dorons Schwager Boaz, der ein junger Hitzkopf ist, der das Team unbeabsichtigt immer wieder in Gefahr bringt. Und wie sich herausstellt, auch die schöne junge Frau, in die er sich gerade verliebt hat. Weil die Gegenseite ein Streichholzbriefchen von dem Club in Tel Aviv, in dem Boaz gern feiert findet, wird der das nächste Ziel für ein Attentat. Und Boaz neue Freundin arbeitet ausgerechnet dort. Keine Frage, das geht wieder nicht gut aus.

Und alle verlieren dabei – Isrealis und Palästinenser, beide Seiten provozieren mit ihren Aktionen immer neuen Terror und immer neue Vergeltungsschläge. Auch wenn die Israelis technisch weit überlegen sind – zwischendurch werden immer wieder Drohnenaufnahmen eingeblendet, die die jeweiligen Orte der Handlung aus der Perspektive der Drohnenpiloten zeigen – natürlich werden die besetzten Gebiete ständig und engmaschig überwacht. Genau diese Überwachungsmaßnahmen fordern aber auch Widerstand und Gegenmaßnahmen heraus, weil sich die auf diese Weise gegängelten Menschen ja irgendwie wehren wollen und müssen.

Und auch die, die nicht machen wollen, können sich nicht entziehen: Auf palästinensischer Seite zwingt ein Getreuer von Abu Ahmad seine Cousine, die Ärztin Shirin El Abed, für die Terroristen zu arbeiten, obwohl sie das nicht will und deren Aktionen nicht gutheißt. Aber weil sie das Leben ihrer Angehörigen nicht aufs Spiel setzen will, tut sie, was die Terroristen von ihr verlangen. Dumm nur, dass sie sich ausgerechnet auf ein Techtel-Mechtel mit diesem netten Patienten einlässt, den sie neulich behandelt hat – denn der freundliche Palästinenser ist ausgerechnet Doron, der unbedingt herausfinden muss, wo sich Abu Ahmad befindet. Genau das ist Fauna: Chaos, es wird unmöglich zu sagen, wer gut und wer böse ist, jede Entscheidung, die getroffen wird, ist verhängnisvoll.

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Fauda wurde 2015  vom israelischen TV-Sender Yes Oh ausgestrahlt. Derzeit ist Fauda auf Netflix zu sehen – auch in Deutschland können die 12 Folgen im Original auf Hebräisch und Arabisch mit Untertiteln angesehen werden, es gibt aber auch eine deutsche Fassung. Netflix hat sich inzwischen die Rechte an Fauda gesichert und soll bereits eine zweite Staffel produzieren. Was mir an Fauda besonders gefällt, ist, dass es eigentlich keine Helden gibt – sämtliche Protagonisten haben ihre Gründe für ihre Handlungen, aber es sind keine guten. Es gibt keine richtigen und keine einfachen Lösungen, jeder versucht, aus dem, was passiert, irgendeinen Vorteil zu ziehen, was aber oft schief geht.

Während die Israelis immer bemüht sind, ihre humanitäre Seite herauszukehren – so versorgen sie die kleine Tochter von Abu Ahmad, die vom Anti-Terror-Team entführt wurde, um damit ihren entführten Kameraden freizupressen, was natürlich auch wieder misslingt – im besten israelischen Krankenhaus, weil sie beim verpatzten Austausch verletzt wurde. Das ist gut für die Weltöffentlichkeit – aber bei den Palästinensern machen sie damit keinen Stich. Die haben tatsächlich kein anderes Mittel mehr als Terror, wenn sie nicht einfach fressen wollen, was ihnen diktiert wird. Und warum sollten sie das wollen?! Die Situation ist mehr als kompliziert, sie ist nicht auszuhalten. Fauda eben.

Interessanterweise ist Fauda nicht nur in Israel sehr erfolgreich gewesen, sondern auch in arabischen Ländern – in einem Interview mit Autor und Hauptdarsteller Lior Raz habe ich gelesen, dass er Zuschriften von von arabischen Zuschauern bekommen habe, die schrieben, dass sie zum ersten Mal Mitgefühl für die israelische Seite aufbringen konnten. Genauso habe er von rechtsgerichtete Israelis gehört, dass sie für die palästinensische Seite Verständnis bekommen hätten – irgendwas haben die Serienmacher also richtig gemacht.

Liors Vater kommt aus dem Irak, seine Mutter stammt aus Algier – er ist mit Arabisch als Muttersprache aufgewachsen und liebt nach eigener Aussage die arabische Sprache und Kultur. Trotzdem hat er in einer Spezialeinheit der Israelische Armee gegen die Palästinenser gekämpft, er beschreibt in der Serie genau das, was er erlebt hat. Vermutlich ist Fauda deshalb so authentisch.

Berlin spielt übrigens auch eine Rolle – die Familie von Abu Ahmad hat nämlich deutsche Reisepässe und soll sich in Berlin in Sicherheit bringen – und ausgerechnet der israelische Kontaktmann vom Geheimdienst überreicht die Pässe, damit sie dorthin fliehen können. Ich muss gestehen, dass ich nicht alles, was in der Serie passiert ist, komplett durchschaut habe, denn immer wieder handeln die Protagonisten nicht so, wie man erwarten würde.

Aber mir gefällt das. Und Deutschland hat in der Vergangenheit nun wirklich keine tolle Rolle bei der Völkerverständigung gespielt -die Vorstellung, dass sich sowohl Israelis als auch Palästinenser in Berlin einfach mal von ihrem Stress zuhause erholen und chillen können, und vielleicht auch mal miteinander anstoßen, finde ich gut.

The People v. O. J. Simpson

Eins der größten Fernsehereignisse aller Zeiten dürfte der Mordprozess gegen den ehemaligen Football-Star O. J. Simpson im Jahr 1995 gewesen sein. Insofern verwundert es nicht, dass dieser Prozess, der mit einem, nun ja, angesichts der real existierenden Faktenlage durchaus fragwürdigen Freispruch für den Angeklagten endete,  für eine True-Crime-Serie neu aufbereitet wurde. Diese hat FX Anfang dieses Jahres als American Crime Story: The People v. O.J. Simpson ins Rennen geschickt. Tatsächlich räumte die zehnteilige Mini-Serie in der aktuellen Emmy-Saison insgesamt neun der begehrten Fernseh-Preise ab.

Und das durchaus verdient, schon die Besetzung ist fantastisch – von Cuba Gooding Jr. als The Juice, wie O. J. von Freunden und Fans genannt wird, über Sarah Paulson als Staatsanwältin Marcia Clark (die für diese Rolle einen Emmy als beste Schauspielerin in einer Miniserie gewann) bis hin zu Courtney B. Vance als Johnny Cochran, David Schwimmer als Robert Kardashian und John Travolta, der den schmierigen Promi-Anwalt Robert Shapiro eher karikiert als darstellt – aber man weiß ja nie. Donald Trump war ja auch die Karikatur eines republikanischen Präsidentschaftskandidaten – und konnte trotzdem gewählt werden.

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Aber wenn man sich diese 10 etwa einstündigen Folgen angesehen hat, in denen der Fall vom Zeitpunkt des Verbrechens bis zur Siegesparty akribisch nachgestellt wird, wundert man sich darüber schon viel weniger. Denn hier wird selbst einem an juristischen Spitzfindigkeiten nicht besonders interessierten Fernsehpublikum vorgeführt, wie unwichtig harte, nachprüfbare Fakten für die Produktion von gefühlten Wahrheiten sind, die plötzlich Realität werden, wenn nur genug Menschen davon überzeugt sind.

Wobei The People v. O. J. Simpson nun wirklich kein Beitrag über postfaktische Politik ist, sondern – wie auch die ebenfalls sehr gute Serie The Night Of – eine kritische Analyse des Justizsystems in den USA und zusätzlich noch ein interessantes Lehrstück über den Einfluss der öffentlichen Meinung auf eben diesen Prozess, was beispielsweise zu der absurden Situation führte, dass die Geschworenen einschließlich der zahlreichen Ersatzleute für die Dauer des Verfahrens in einem Hotel interniert wurden, wo sie einem totalen Medienverbot unterlagen – weil sie ja ausschließlich die Fakten, die im Gerichtssaal verhandelt wurden, als Grundlage für ihre Entscheidung heranziehen sollten und nicht die hiermit offiziell als tendenziös eingestufte Berichterstattung in den US-Medien.

In den USA müssen Anklage und Verteidigung mit allen Mitteln um die Gunst der Geschworenen werben, so dass allein schon die Auswahl und Zusammensetzung der zwölf Laienrichter, die am Ende ein einstimmiges Urteil fällen müssen, über den Ausgang des Verfahrens entscheiden kann. Dieser Umstand wurde in Fall O. J. Simpson von den beteiligten Juristen dermaßen ausgiebig strapaziert, dass der vorsitzende Richter Lance Ito (Kenneth Choi) nach zahlreichen Anträgen beider Seiten, bestimmte Geschworene als befangen zu entlassen, um sie durch andere zu ersetzen, schließlich die Reißleine zog und keine weiteren Wechsel mehr zuließ. Was für die Geschworenen wiederum hieß, dass sie nun bis zum Ende des Verfahrens quasi Gefangene waren.

Dazu kommt, dass ein begüterter Promi sich natürlich die besten Anwälte leisten kann, die wiederum jede Menge Experten anheuern können, die in der Lage sind, scheinbar todsichere Beweise infrage zu stellen, vermeintlich zuverlässige Zeugen zu diskreditieren oder alternative Theorien aufstellen, die beim genauen Hinsehen völlig irrelevant sind, aber erstmal sehr beeindruckend klingen – ein guter Strafverteidiger muss schließlich nicht die Unschuld seines Mandanten beweisen, was in vielen Fällen schon allein deshalb schwierig sein dürfte, weil sehr oft Menschen angeklagt werden, die tatsächlich etwa verbrochen haben, sondern er muss Zweifel an der Schuld seines Mandanten wecken. Das hat auch in diesem Fall gereicht.

Dabei war die Ausgangslage auf den ersten Blick recht eindeutig: Im Juni 1994 wurden die Ex-Frau von Simpson, Nicole Brown und Ronald Goldman vor Browns Haus im schicken Brentwood brutal ermordet. Ronald Goldman war vermutlich ein Zufallsopfer, er hatte an dem Abend eine Brille abgeben wollen, die Nicole Browns Mutter in jenem Restaurant vergessen hatte, in dem Goldman arbeitete. Nachdem Passanten den blutbeschmierten Hund von Brown bemerkt und daraufhin die Leichen entdeckt und die Polizei alarmiert hatten, begannen die Ermittler den Tatort zu sichern und erste Beweise sicherzustellen. Wie sich später herausstellen sollte, gingen sie dabei nicht besonders akribisch vor.

Einige Zeit später fuhren die Beamten zu Simpsons Haus, das nicht sehr weit entfernt im gleichen Stadtteil gelegen war. Den zu diesem Zeitpunkt noch nicht verdächtigen Simpson trafen sie allerdings nicht an, weil der gerade in einem Flugzeug nach Chicago saß – er hatte sein Haus gegen 23:15 Uhr verlassen, um den Flug noch zu erwischen. Dafür entdeckten sie weitere Beweismittel, unter anderem Blutspuren in Simpsons Ford Bronco.

Weil es außerdem eine Vorgeschichte häuslicher Gewalt gab – während mehrjährigen Ehe hatte Nicole Brown immer wieder den Notruf der Polizei angerufen, weil ihr Mann sie misshandelte und bedrohte, auf einigen Mitschnitten war Simpson auch zu hören, weil er im Hintergrund brüllte. Es gab also eine Akte, in der zumindest ein Teil der Misshandlungen erfasst waren. Auch deshalb rückte Simpson schnell in den Fokus der Ermittlungen. Und die ergaben, dass Simpsons Alibi keineswegs wasserdicht war, sondern er durchaus die Gelegenheit gehabt hätte, die Morde zu begehen und sich dann schnell auf den Weg nach Chicago zu machen – einige Indizien legten das nahe, und ein Motiv gab es auch, den Klassiker Eifersucht und Rache.

Bei einem Nicht-Promi hätte das vermutlich gereicht, um einen Schuldspruch zu garantieren. Nun war O. J. Simpson aber ein populärer Sportler, ein ehemaliger Footballstar mit einer großen und treuen Fan-Gemeinde, die sich einfach nicht vorstellen konnte, dass ihr Held zu einer solchen Tat fähig sein könnte und ihn vehement verteidigte. Die Verteidigung nutzte das geschickt aus, um die „Rassismus-Karte“ zu spielen, was am Ende zu jener positiven Diskriminierung führte, dank der Simpson in diesem Fall davon kam: „Wir haben hier vermutlich den ersten Fall, in dem ein Angeklagter nicht verurteilt wurde, weil er schwarz war!“ fasste einer der beteiligten Juristen die Situation zusammen.

Nun sollte natürlich weder der soziale Status, noch Geschlecht oder Rasse vor Gericht eine Rolle spielen – tatsächlich ist das anders, und The People v. O.J. Simpson führt das eindrücklich vor. Und auch, dass man aus einem Justizskandal eine spannende Serie machen kann, die zwar nicht unterhaltsam im eigentlichen Sinne, aber absolut sehenswert ist.

Fargo: Skandinavian Noir in Minnesota. Nur lustiger.

Ab morgen, also Donnerstag, den 3. November wird die erste Staffel von Fargo auf ZDFneo ausgestrahlt, und zwar um 23 Uhr. Nach der Ausstrahlung werden die jeweiligen Folgen auch über die funk-App (https://www.funk.net/app) von ARD und ZDF online verfügbar sein.

Wer Fargo noch immer nicht gesehen hat, kann das jetzt nachholen: Es lohnt sich!

Maries TV-Kritik

Minnesota scheint eine extrem skandinavische Gegend in den USA zu sein – auf jeden Fall gibt es dort viel Schnee, endlose weiße Ebenen, durchzogen von Stacheldraht und von Wäldern, aus denen das Wild über die wenig befahrenen Straßen springt – natürlich exakt im falschen Augenblick. Genau so beginnt die neue Netflix-Serie Fargo: Auf einer verschneiten einsamen Straße kommt es zu einen Wildunfall und ein fast nackter Mann entkommt dem Kofferraum des Unfallwagens in die öde, kalte Wildnis, in der er wenig später erfroren aufgefunden wird. Das überfahrene Reh dagegen liegt dagegen wohlbehalten in eben jenem Kofferraum – vom Fahrer des Wagens keine Spur.

Screenshot Fargo: Unendliche Weiten Screenshot Fargo: Unendliche Weiten

Ich muss leider zugeben, dass ich den Film der Gebrüder Coen, auf dem diese Serie beruht (die übrigens aus Minnesota stammen, was sicherlich kein Zufall ist), noch gar nicht gesehen habe, obwohl ich durchaus Fan der Coens bin: O Brother Where Are…

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The Night Of: Scheiß auf die Wahrheit

Ab morgen (ab 29. September) gibt es die HBO-Serie „The Night Of – Die Wahrheit einer Nacht“ in der deutschen Version und der Originalfassung auf Sky Atlantic HD.

Aus diesem Anlass weise ich noch einmal darauf hin – die Serie lohnt sich nämlich wirklich! Also: Donnerstag 21 Uhr The Night Of.

Maries TV-Kritik

Vor einigen Jahren sah ich Criminal Justice, eine ebenso brillante wie verstörende BBC-Miniserie über das britische Justizsystem – wobei die Serie insgesamt eher die Frage stellt, was Gerechtigkeit überhaupt ist bzw. was eine aufgeklärte, demokratische Gesellschaft daraus macht. Unbequeme Erkenntnis: Die Wahrheit, also das, was wirklich passiert ist, spielt eigentlich keine Rolle. Wichtig ist, was die Leute glauben (wollen).

Eine junge Frau, die zur falschen Zeit am falschen Ort war, wird Opfer eines grausamen Verbrechens, und ein junger Mann, der ihr zufällig kurz zuvor begegnet ist, wird durch die Mühlen der Justiz gedreht, denn es weist so ziemlich alles darauf hin, dass er der Täter sein muss. Aber er ist sich ziemlich sicher, dass er nicht der Mörder ist. Blöd nur, dass er gemeinsam mit seinem angeblichem Opfer gefeiert hat, bis er einen Filmriss bekam und sich deshalb nicht erinnern kann, was in dieser verhängnisvollen Nacht tatsächlich passiert ist.

The Night Of: Nazir Khan "Naz" (Riz Ahmed) und Andrea (Sofia Black D'Elia) Bild: hbo.com The Night…

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Neue Kult-Serie: The Path

Für Amazon-Prime-Kunden gibt es ab dem 15. September The Path ohne Aufpreis – diese Serie lohnt sich auf jeden Fall. Deshalb hier noch einmal meine Kritik vom Mai – wobei ich jetzt ergänzen möchte, dass mir in den noch folgenden Teilen besonders gefallen hat, dass es vor allem darum geht, wie man damit klar kommt, wenn man entdeckt, dass es das, woran man eben noch fest und wahrhaftig geglaubt hat, möglicherweise gar nicht gibt, dass alles nur Lug und Trug war und sich man nun neu orientieren muss.

Es ist schwer, die gewohnten Dinge loszulassen, selbst wenn man sie als falsch erkannt hat. Es ist schwer, nicht nach dem Erlöser zu suchen, und es ist auch schwer, der Versuchung der Macht zu widerstehen, wenn andere einen zu ihrem Erlöser machen wollen. Und es ist schwer, erwachsen zu werden, in dem Sinne, dass man tatsächlich tut, was man als richtig erkennt – auch wenn es dem, was man bisher gelernt hat, völlig zuwider läuft.

Maries TV-Kritik

Pünktlich zum langen Pfingstwochenende kommt das schlechtere Wetter – was ich war nicht so schlimm finde, denn dann muss man nicht draußen in der Sonne sitzen, sondern kann drinnen in Ruhe fernsehen. Beispielsweise die neue Hulu-Serie The Path mit Aaron Paul, Hugh Dancy und Michelle Monaghan. Es geht um die Mitglieder einer Sekte, die wie die meisten Sekten von sich behauptet, eben keine Sekte, sondern eine Bewegung zu sein, eine Bewegung natürlich, die Menschen zu einem besseren Leben führen soll, einem Leben in Wahrheit und Licht, statt in Lüge und Finsternis.

Verwirklicht werden soll das meyeristische Konzept, das sich ein gewisser Steve Meyer ausgedacht hat, der nun irgendwo zurückgezogen in Peru lebt, in dem die Mitglieder die Erkenntnis-Stufen einer Art Bewusstseinsleiter emporklimmen – jede neue Stufe ist mit neuen Kompetenzen verbunden, die das jeweilige Mitglied der Bewegung hat. (Lustig ist natürlich auch dieses ganze „Steve hat gesagt…“, „Steve hätte gewollt…“…

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