Fauda: Chaos auf beiden Seiten

In Sachen Serien sollten sich unsere Serienmacher die Israelis zum Vorbild nehmen – die trauen sich nämlich tatsächlich was. Ich war ja schon von der Homeland-Vorlage Hatufim sehr angetan – die Serie Fauda ist allerdings noch einiges krasser. Was natürlich auch daran liegen mag, dass der Alltag in Israel und den Palästinensergebieten auch viel krasser ist – zwar bekommt man hierzulande durch die Anschläge islamistischer Attentäter in Berlin und in Bayern zumindest eine Ahnung davon, wie sich das Leben auf dem Pulverfass anfühlen mag, aber gemessen an der Lage im Nahen Osten leben wir noch immer in einer sehr friedlichen Komfortzone.

Ganz anders die Lage im gelobten Land: Dabei könnte es auch dort richtig schön sein, wie die täuschende Idylle nahelegt, die zunächst gezeigt wird: Das warme Licht der mediterranen Nachmittagssonne scheint durch freundliches Grün, wir sind auf dem Weingut von Doron Kavillio (Lior Raz), der nach seiner Karriere beim Geheimdienst ein neues Leben mit Frau und Kindern begonnen hat. Doch Dorons Vergangenheit holt ihn schnell ein, denn er bekommt unerwarteten Besuch:  Sein ehemaliger Vorgesetzter  Mickey Moreno (Yuval Segal) kommt vorbei und sagt ihm, dass Abu Ahmad lebt.

fauda

Doron kann nicht fassen, was er da hören muss – er selbst hat den Terroristen doch umgebracht! Zur Belohnung durfte er sich zur Ruhe setzen – und er hat sich hoch verschuldet, um neu anzufangen. Doch der Panther, wie Abu Ahmad auch genannt wird, hat irgendwie überlebt. Er hat das Leben von 116 Israelis auf dem Gewissen – doch der Anschlag, den Doron ausgeführt hat, ist offenbar fehl geschlagen.

Das trifft ihn persönlich, also steigt Doron wieder ein. Mit seinem Anti-Terrorteam von damals, das weiterhin verdeckte Operationen in den Palästinenser-Gebieten durchführt. Gemeinsam mit seinen alten Teamkameraden will Doron seinen Auftrag zu Ende bringen – er will Abu Ahmad kriegen, tot oder lebendig. Keine Frage, dass Dorons Familie wenig begeistert über diese Wendung ist. Doch das ist erst der Auftakt für zwölf Folgen harte Kost, die beide Seiten des Nah-Ost-Konflikts gnadenlos beleuchtet.

Fauda ist das arabische Wort für Chaos. Und die Leute in Dorons Team können alle perfekt Arabisch – sonst wäre es schwer möglich, die palästinensische Seite zu unterwandern. Doch auch die Palästinenser haben ihre Leute auf der anderen Seite, die sich als Juden ausgeben. Denn letztlich sind sie ja gar nicht so unterschiedlich – und doch stehen sich beide Seiten unversöhnlich gegenüber und trachten danach, einander möglichst effektiv umzubringen.

Doron also steigt in eine verdeckte Operation im Feld ein, das ist eigentlich seine Spezialität: Er gibt sich als Palästinenser aus, er kennt diese Sprache und Kultur in-und-auswendig. Mit einem Kollegen schleicht er sich auf der Hochzeit von Abu Ahmads kleinem Bruder ein – der Panther wird sich nicht nehmen lassen, bei dieser großen Familienfeier zu erscheinen. Doch die Nummer geht total schief und Doron fliegt auf. Schlimmer noch: In dem ganzen Chaos wird der Bräutigam erschossen und ein Teamkamerad schwer verletzt. Zurück bleibt die mit dem Blut ihres Bräutigams bespritzte Braut, die auf Rache sinnt: Ihr Leben ist jetzt in jeder Beziehung ruiniert.

fauda3

Zumindest sieht sie das so, auch wenn der Scheich ihr gut zureden will – sie könne doch einen anderen Mann finden und eine Familie haben. Aber sie will lieber Rache nehmen und als Märtyrerin sterben. Wie so viele, die keine Zukunft mehr für sich sehen. Doch auch bei den Israelis spitzen sich die Dinge zu – Dorons Frau Gali hat eine Affäre mit Naor, der seinem Teamchef eigentlich den Rücken frei halten sollte. Und noch verzwickter: Zum Anti-Terror-Team gehört auch noch Dorons Schwager Boaz, der ein junger Hitzkopf ist, der das Team unbeabsichtigt immer wieder in Gefahr bringt. Und wie sich herausstellt, auch die schöne junge Frau, in die er sich gerade verliebt hat. Weil die Gegenseite ein Streichholzbriefchen von dem Club in Tel Aviv, in dem Boaz gern feiert findet, wird der das nächste Ziel für ein Attentat. Und Boaz neue Freundin arbeitet ausgerechnet dort. Keine Frage, das geht wieder nicht gut aus.

Und alle verlieren dabei – Isrealis und Palästinenser, beide Seiten provozieren mit ihren Aktionen immer neuen Terror und immer neue Vergeltungsschläge. Auch wenn die Israelis technisch weit überlegen sind – zwischendurch werden immer wieder Drohnenaufnahmen eingeblendet, die die jeweiligen Orte der Handlung aus der Perspektive der Drohnenpiloten zeigen – natürlich werden die besetzten Gebiete ständig und engmaschig überwacht. Genau diese Überwachungsmaßnahmen fordern aber auch Widerstand und Gegenmaßnahmen heraus, weil sich die auf diese Weise gegängelten Menschen ja irgendwie wehren wollen und müssen.

Und auch die, die nicht machen wollen, können sich nicht entziehen: Auf palästinensischer Seite zwingt ein Getreuer von Abu Ahmad seine Cousine, die Ärztin Shirin El Abed, für die Terroristen zu arbeiten, obwohl sie das nicht will und deren Aktionen nicht gutheißt. Aber weil sie das Leben ihrer Angehörigen nicht aufs Spiel setzen will, tut sie, was die Terroristen von ihr verlangen. Dumm nur, dass sie sich ausgerechnet auf ein Techtel-Mechtel mit diesem netten Patienten einlässt, den sie neulich behandelt hat – denn der freundliche Palästinenser ist ausgerechnet Doron, der unbedingt herausfinden muss, wo sich Abu Ahmad befindet. Genau das ist Fauna: Chaos, es wird unmöglich zu sagen, wer gut und wer böse ist, jede Entscheidung, die getroffen wird, ist verhängnisvoll.

fauda_all2_copy

Fauda wurde 2015  vom israelischen TV-Sender Yes Oh ausgestrahlt. Derzeit ist Fauda auf Netflix zu sehen – auch in Deutschland können die 12 Folgen im Original auf Hebräisch und Arabisch mit Untertiteln angesehen werden, es gibt aber auch eine deutsche Fassung. Netflix hat sich inzwischen die Rechte an Fauda gesichert und soll bereits eine zweite Staffel produzieren. Was mir an Fauda besonders gefällt, ist, dass es eigentlich keine Helden gibt – sämtliche Protagonisten haben ihre Gründe für ihre Handlungen, aber es sind keine guten. Es gibt keine richtigen und keine einfachen Lösungen, jeder versucht, aus dem, was passiert, irgendeinen Vorteil zu ziehen, was aber oft schief geht.

Während die Israelis immer bemüht sind, ihre humanitäre Seite herauszukehren – so versorgen sie die kleine Tochter von Abu Ahmad, die vom Anti-Terror-Team entführt wurde, um damit ihren entführten Kameraden freizupressen, was natürlich auch wieder misslingt – im besten israelischen Krankenhaus, weil sie beim verpatzten Austausch verletzt wurde. Das ist gut für die Weltöffentlichkeit – aber bei den Palästinensern machen sie damit keinen Stich. Die haben tatsächlich kein anderes Mittel mehr als Terror, wenn sie nicht einfach fressen wollen, was ihnen diktiert wird. Und warum sollten sie das wollen?! Die Situation ist mehr als kompliziert, sie ist nicht auszuhalten. Fauda eben.

Interessanterweise ist Fauda nicht nur in Israel sehr erfolgreich gewesen, sondern auch in arabischen Ländern – in einem Interview mit Autor und Hauptdarsteller Lior Raz habe ich gelesen, dass er Zuschriften von von arabischen Zuschauern bekommen habe, die schrieben, dass sie zum ersten Mal Mitgefühl für die israelische Seite aufbringen konnten. Genauso habe er von rechtsgerichtete Israelis gehört, dass sie für die palästinensische Seite Verständnis bekommen hätten – irgendwas haben die Serienmacher also richtig gemacht.

Liors Vater kommt aus dem Irak, seine Mutter stammt aus Algier – er ist mit Arabisch als Muttersprache aufgewachsen und liebt nach eigener Aussage die arabische Sprache und Kultur. Trotzdem hat er in einer Spezialeinheit der Israelische Armee gegen die Palästinenser gekämpft, er beschreibt in der Serie genau das, was er erlebt hat. Vermutlich ist Fauda deshalb so authentisch.

Berlin spielt übrigens auch eine Rolle – die Familie von Abu Ahmad hat nämlich deutsche Reisepässe und soll sich in Berlin in Sicherheit bringen – und ausgerechnet der israelische Kontaktmann vom Geheimdienst überreicht die Pässe, damit sie dorthin fliehen können. Ich muss gestehen, dass ich nicht alles, was in der Serie passiert ist, komplett durchschaut habe, denn immer wieder handeln die Protagonisten nicht so, wie man erwarten würde.

Aber mir gefällt das. Und Deutschland hat in der Vergangenheit nun wirklich keine tolle Rolle bei der Völkerverständigung gespielt -die Vorstellung, dass sich sowohl Israelis als auch Palästinenser in Berlin einfach mal von ihrem Stress zuhause erholen und chillen können, und vielleicht auch mal miteinander anstoßen, finde ich gut.

Advertisements

The People v. O. J. Simpson

Eins der größten Fernsehereignisse aller Zeiten dürfte der Mordprozess gegen den ehemaligen Football-Star O. J. Simpson im Jahr 1995 gewesen sein. Insofern verwundert es nicht, dass dieser Prozess, der mit einem, nun ja, angesichts der real existierenden Faktenlage durchaus fragwürdigen Freispruch für den Angeklagten endete,  für eine True-Crime-Serie neu aufbereitet wurde. Diese hat FX Anfang dieses Jahres als American Crime Story: The People v. O.J. Simpson ins Rennen geschickt. Tatsächlich räumte die zehnteilige Mini-Serie in der aktuellen Emmy-Saison insgesamt neun der begehrten Fernseh-Preise ab.

Und das durchaus verdient, schon die Besetzung ist fantastisch – von Cuba Gooding Jr. als The Juice, wie O. J. von Freunden und Fans genannt wird, über Sarah Paulson als Staatsanwältin Marcia Clark (die für diese Rolle einen Emmy als beste Schauspielerin in einer Miniserie gewann) bis hin zu Courtney B. Vance als Johnny Cochran, David Schwimmer als Robert Kardashian und John Travolta, der den schmierigen Promi-Anwalt Robert Shapiro eher karikiert als darstellt – aber man weiß ja nie. Donald Trump war ja auch die Karikatur eines republikanischen Präsidentschaftskandidaten – und konnte trotzdem gewählt werden.

ojsimps-1

Aber wenn man sich diese 10 etwa einstündigen Folgen angesehen hat, in denen der Fall vom Zeitpunkt des Verbrechens bis zur Siegesparty akribisch nachgestellt wird, wundert man sich darüber schon viel weniger. Denn hier wird selbst einem an juristischen Spitzfindigkeiten nicht besonders interessierten Fernsehpublikum vorgeführt, wie unwichtig harte, nachprüfbare Fakten für die Produktion von gefühlten Wahrheiten sind, die plötzlich Realität werden, wenn nur genug Menschen davon überzeugt sind.

Wobei The People v. O. J. Simpson nun wirklich kein Beitrag über postfaktische Politik ist, sondern – wie auch die ebenfalls sehr gute Serie The Night Of – eine kritische Analyse des Justizsystems in den USA und zusätzlich noch ein interessantes Lehrstück über den Einfluss der öffentlichen Meinung auf eben diesen Prozess, was beispielsweise zu der absurden Situation führte, dass die Geschworenen einschließlich der zahlreichen Ersatzleute für die Dauer des Verfahrens in einem Hotel interniert wurden, wo sie einem totalen Medienverbot unterlagen – weil sie ja ausschließlich die Fakten, die im Gerichtssaal verhandelt wurden, als Grundlage für ihre Entscheidung heranziehen sollten und nicht die hiermit offiziell als tendenziös eingestufte Berichterstattung in den US-Medien.

In den USA müssen Anklage und Verteidigung mit allen Mitteln um die Gunst der Geschworenen werben, so dass allein schon die Auswahl und Zusammensetzung der zwölf Laienrichter, die am Ende ein einstimmiges Urteil fällen müssen, über den Ausgang des Verfahrens entscheiden kann. Dieser Umstand wurde in Fall O. J. Simpson von den beteiligten Juristen dermaßen ausgiebig strapaziert, dass der vorsitzende Richter Lance Ito (Kenneth Choi) nach zahlreichen Anträgen beider Seiten, bestimmte Geschworene als befangen zu entlassen, um sie durch andere zu ersetzen, schließlich die Reißleine zog und keine weiteren Wechsel mehr zuließ. Was für die Geschworenen wiederum hieß, dass sie nun bis zum Ende des Verfahrens quasi Gefangene waren.

Dazu kommt, dass ein begüterter Promi sich natürlich die besten Anwälte leisten kann, die wiederum jede Menge Experten anheuern können, die in der Lage sind, scheinbar todsichere Beweise infrage zu stellen, vermeintlich zuverlässige Zeugen zu diskreditieren oder alternative Theorien aufstellen, die beim genauen Hinsehen völlig irrelevant sind, aber erstmal sehr beeindruckend klingen – ein guter Strafverteidiger muss schließlich nicht die Unschuld seines Mandanten beweisen, was in vielen Fällen schon allein deshalb schwierig sein dürfte, weil sehr oft Menschen angeklagt werden, die tatsächlich etwa verbrochen haben, sondern er muss Zweifel an der Schuld seines Mandanten wecken. Das hat auch in diesem Fall gereicht.

Dabei war die Ausgangslage auf den ersten Blick recht eindeutig: Im Juni 1994 wurden die Ex-Frau von Simpson, Nicole Brown und Ronald Goldman vor Browns Haus im schicken Brentwood brutal ermordet. Ronald Goldman war vermutlich ein Zufallsopfer, er hatte an dem Abend eine Brille abgeben wollen, die Nicole Browns Mutter in jenem Restaurant vergessen hatte, in dem Goldman arbeitete. Nachdem Passanten den blutbeschmierten Hund von Brown bemerkt und daraufhin die Leichen entdeckt und die Polizei alarmiert hatten, begannen die Ermittler den Tatort zu sichern und erste Beweise sicherzustellen. Wie sich später herausstellen sollte, gingen sie dabei nicht besonders akribisch vor.

Einige Zeit später fuhren die Beamten zu Simpsons Haus, das nicht sehr weit entfernt im gleichen Stadtteil gelegen war. Den zu diesem Zeitpunkt noch nicht verdächtigen Simpson trafen sie allerdings nicht an, weil der gerade in einem Flugzeug nach Chicago saß – er hatte sein Haus gegen 23:15 Uhr verlassen, um den Flug noch zu erwischen. Dafür entdeckten sie weitere Beweismittel, unter anderem Blutspuren in Simpsons Ford Bronco.

Weil es außerdem eine Vorgeschichte häuslicher Gewalt gab – während mehrjährigen Ehe hatte Nicole Brown immer wieder den Notruf der Polizei angerufen, weil ihr Mann sie misshandelte und bedrohte, auf einigen Mitschnitten war Simpson auch zu hören, weil er im Hintergrund brüllte. Es gab also eine Akte, in der zumindest ein Teil der Misshandlungen erfasst waren. Auch deshalb rückte Simpson schnell in den Fokus der Ermittlungen. Und die ergaben, dass Simpsons Alibi keineswegs wasserdicht war, sondern er durchaus die Gelegenheit gehabt hätte, die Morde zu begehen und sich dann schnell auf den Weg nach Chicago zu machen – einige Indizien legten das nahe, und ein Motiv gab es auch, den Klassiker Eifersucht und Rache.

Bei einem Nicht-Promi hätte das vermutlich gereicht, um einen Schuldspruch zu garantieren. Nun war O. J. Simpson aber ein populärer Sportler, ein ehemaliger Footballstar mit einer großen und treuen Fan-Gemeinde, die sich einfach nicht vorstellen konnte, dass ihr Held zu einer solchen Tat fähig sein könnte und ihn vehement verteidigte. Die Verteidigung nutzte das geschickt aus, um die „Rassismus-Karte“ zu spielen, was am Ende zu jener positiven Diskriminierung führte, dank der Simpson in diesem Fall davon kam: „Wir haben hier vermutlich den ersten Fall, in dem ein Angeklagter nicht verurteilt wurde, weil er schwarz war!“ fasste einer der beteiligten Juristen die Situation zusammen.

Nun sollte natürlich weder der soziale Status, noch Geschlecht oder Rasse vor Gericht eine Rolle spielen – tatsächlich ist das anders, und The People v. O.J. Simpson führt das eindrücklich vor. Und auch, dass man aus einem Justizskandal eine spannende Serie machen kann, die zwar nicht unterhaltsam im eigentlichen Sinne, aber absolut sehenswert ist.

Fargo: Skandinavian Noir in Minnesota. Nur lustiger.

Ab morgen, also Donnerstag, den 3. November wird die erste Staffel von Fargo auf ZDFneo ausgestrahlt, und zwar um 23 Uhr. Nach der Ausstrahlung werden die jeweiligen Folgen auch über die funk-App (https://www.funk.net/app) von ARD und ZDF online verfügbar sein.

Wer Fargo noch immer nicht gesehen hat, kann das jetzt nachholen: Es lohnt sich!

Maries TV-Kritik

Minnesota scheint eine extrem skandinavische Gegend in den USA zu sein – auf jeden Fall gibt es dort viel Schnee, endlose weiße Ebenen, durchzogen von Stacheldraht und von Wäldern, aus denen das Wild über die wenig befahrenen Straßen springt – natürlich exakt im falschen Augenblick. Genau so beginnt die neue Netflix-Serie Fargo: Auf einer verschneiten einsamen Straße kommt es zu einen Wildunfall und ein fast nackter Mann entkommt dem Kofferraum des Unfallwagens in die öde, kalte Wildnis, in der er wenig später erfroren aufgefunden wird. Das überfahrene Reh dagegen liegt dagegen wohlbehalten in eben jenem Kofferraum – vom Fahrer des Wagens keine Spur.

Screenshot Fargo: Unendliche Weiten Screenshot Fargo: Unendliche Weiten

Ich muss leider zugeben, dass ich den Film der Gebrüder Coen, auf dem diese Serie beruht (die übrigens aus Minnesota stammen, was sicherlich kein Zufall ist), noch gar nicht gesehen habe, obwohl ich durchaus Fan der Coens bin: O Brother Where Are…

Ursprünglichen Post anzeigen 784 weitere Wörter

The Night Of: Scheiß auf die Wahrheit

Ab morgen (ab 29. September) gibt es die HBO-Serie „The Night Of – Die Wahrheit einer Nacht“ in der deutschen Version und der Originalfassung auf Sky Atlantic HD.

Aus diesem Anlass weise ich noch einmal darauf hin – die Serie lohnt sich nämlich wirklich! Also: Donnerstag 21 Uhr The Night Of.

Maries TV-Kritik

Vor einigen Jahren sah ich Criminal Justice, eine ebenso brillante wie verstörende BBC-Miniserie über das britische Justizsystem – wobei die Serie insgesamt eher die Frage stellt, was Gerechtigkeit überhaupt ist bzw. was eine aufgeklärte, demokratische Gesellschaft daraus macht. Unbequeme Erkenntnis: Die Wahrheit, also das, was wirklich passiert ist, spielt eigentlich keine Rolle. Wichtig ist, was die Leute glauben (wollen).

Eine junge Frau, die zur falschen Zeit am falschen Ort war, wird Opfer eines grausamen Verbrechens, und ein junger Mann, der ihr zufällig kurz zuvor begegnet ist, wird durch die Mühlen der Justiz gedreht, denn es weist so ziemlich alles darauf hin, dass er der Täter sein muss. Aber er ist sich ziemlich sicher, dass er nicht der Mörder ist. Blöd nur, dass er gemeinsam mit seinem angeblichem Opfer gefeiert hat, bis er einen Filmriss bekam und sich deshalb nicht erinnern kann, was in dieser verhängnisvollen Nacht tatsächlich passiert ist.

The Night Of: Nazir Khan "Naz" (Riz Ahmed) und Andrea (Sofia Black D'Elia) Bild: hbo.com The Night…

Ursprünglichen Post anzeigen 1.082 weitere Wörter

Neue Kult-Serie: The Path

Für Amazon-Prime-Kunden gibt es ab dem 15. September The Path ohne Aufpreis – diese Serie lohnt sich auf jeden Fall. Deshalb hier noch einmal meine Kritik vom Mai – wobei ich jetzt ergänzen möchte, dass mir in den noch folgenden Teilen besonders gefallen hat, dass es vor allem darum geht, wie man damit klar kommt, wenn man entdeckt, dass es das, woran man eben noch fest und wahrhaftig geglaubt hat, möglicherweise gar nicht gibt, dass alles nur Lug und Trug war und sich man nun neu orientieren muss.

Es ist schwer, die gewohnten Dinge loszulassen, selbst wenn man sie als falsch erkannt hat. Es ist schwer, nicht nach dem Erlöser zu suchen, und es ist auch schwer, der Versuchung der Macht zu widerstehen, wenn andere einen zu ihrem Erlöser machen wollen. Und es ist schwer, erwachsen zu werden, in dem Sinne, dass man tatsächlich tut, was man als richtig erkennt – auch wenn es dem, was man bisher gelernt hat, völlig zuwider läuft.

Maries TV-Kritik

Pünktlich zum langen Pfingstwochenende kommt das schlechtere Wetter – was ich war nicht so schlimm finde, denn dann muss man nicht draußen in der Sonne sitzen, sondern kann drinnen in Ruhe fernsehen. Beispielsweise die neue Hulu-Serie The Path mit Aaron Paul, Hugh Dancy und Michelle Monaghan. Es geht um die Mitglieder einer Sekte, die wie die meisten Sekten von sich behauptet, eben keine Sekte, sondern eine Bewegung zu sein, eine Bewegung natürlich, die Menschen zu einem besseren Leben führen soll, einem Leben in Wahrheit und Licht, statt in Lüge und Finsternis.

Verwirklicht werden soll das meyeristische Konzept, das sich ein gewisser Steve Meyer ausgedacht hat, der nun irgendwo zurückgezogen in Peru lebt, in dem die Mitglieder die Erkenntnis-Stufen einer Art Bewusstseinsleiter emporklimmen – jede neue Stufe ist mit neuen Kompetenzen verbunden, die das jeweilige Mitglied der Bewegung hat. (Lustig ist natürlich auch dieses ganze „Steve hat gesagt…“, „Steve hätte gewollt…“…

Ursprünglichen Post anzeigen 1.262 weitere Wörter

In Bestform: House of Cards

Ab heute ist die vierte Staffel von House of Cards auch auf Netflix verfügbar – aus diesem Anlass wiederhole ich meine Staffel-Review:

Maries TV-Kritik

Nachdem ich vergleichsweise lange gebraucht hatte, um mir die dritte Staffel von House of Cards anzusehen, die aber zum Ende hin dann doch noch richtig zugelegt hat, so dass es entgegen meiner Befürchtungen doch ein Vergnügen war, sie fertig zu sehen, habe ich mir die vierte Staffel jetzt quasi am Stück reingezogen – sie ist tatsächlich sehr, sehr gut, zumal sie das für Europäer völlig irre wirkende US-Wahlspektakel für das Jahr 2016 schon mal komplett vorwegnimmt. Wobei die Präsidentschafts-Kandidaten in House of Cards trotz ihrer perfiden Ränkespiele erschreckenderweise doch viel seriöser wirken als diejenigen, die derzeit in der Realität antreten.

Obwohl – Hillary Clinton wäre abgefeimt genug für einen House-of-Cards-Charakter, wobei mir persönlich Bernie Sanders als Kandidat der Demokraten sympathischer wäre, auch wenn er weder eine Frau, noch farbig ist. Immerhin gehört er zur sehr kleinen Minderheit der irgendwie noch linken Politiker in den USA, auch wenn das Etikett „Sozialist“ bestenfalls…

Ursprünglichen Post anzeigen 1.453 weitere Wörter

The Call of the Wild

Mittlerweile wurde auch die letzte Folge von The Night Of ausgestrahlt – die es allein noch einmal auf die Spielfilmlänge von gut eineinhalb Stunden bringt. Aber wie ich meine, hat sich das gelohnt: The Call of the Wild war noch einmal Justizdrama vom Feinsten – es gibt keine eindeutigen Antworten, aber es wird noch einmal durchexerziert, worum es bei Strafprozessen eigentlich geht: Was lässt sich objektiv beweisen und was nicht? Denn der Rechtsgrundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“ gilt in Geschworenenprozessen nicht unbedingt, hier wird an das Rechtsempfinden und vor allem das Bauchgefühl von ganz normalen Menschen appelliert – und das muss nicht unbedingt gut und richtig sein.

Die Staatsanwältin Helen Weiss (Jeannie Berlin) hat ziemlich viel, was dafür spricht, dass Naz (Riz Ahmed) der Mörder von Andrea ist. Und sie schafft es am Ende sogar, Naz dazu zu bringen, öffentlich an sich selbst zu zweifeln: War er anfangs noch ziemlich sicher, dass er nicht Andreas Mörder ist, so ist er jetzt nicht mehr so sicher – wir wissen ja, dass er inzwischen ein anderes, härteres Selbst in sich entdeckt hat, ohne das er den Knast nicht überleben würde. Diesen Punkt fand ich schon im britischen Original so interessant wie beklemmend: Ausgerechnet im Knast geraten Jungs, die zuvor vielleicht noch eine Chance auf ein wie auch immer zu definierendes normales Leben gehabt hätten, auf die schiefe Bahn: Jetzt sind sie von lauter Profi-Kriminellen umgeben, die sie für sich ausnutzen, als angenehme Anregung für ihre durchaus vorhandene intellektuelle Seite, was mit herkömmlichen Straßenkriminellen nicht zu machen ist, und als Teil ihres kriminellen Geschäftsmodells, also dem Einschmuggeln und Konsumieren illegaler Rauschmittel. Naz ist inzwischen ein Junkie – und er hat gelernt, wie man in der Wildnis überlebt. Er ist mittlerweile Lichtjahre von seinem alten Leben entfernt, auch wenn seine Familie noch immer allerhand auf sich nimmt, damit er einen fairen Prozess bekommt. Aber seine Eltern wissen nicht mehr, an was sie glauben sollen.

The Night Of: Jack Stone (John Turturro) und Naz (Riz Ahmed) Bild: hbo.com

The Night Of: Jack Stone (John Turturro) und Naz (Riz Ahmed) Bild: hbo.com

Das geht soweit, dass Chandra – die für ihren Mandanten in mehr als einer Hinsicht ihre Karriere riskiert, Naz Mutter daran erinnern muss, dass es einfach nicht gut für ihren Sohn aussieht, wenn sie im Gerichtssaal bei seiner Verhandlung nicht anwesend ist: Wenn die eigene Mutter nicht von seiner Unschuld überzeugt ist, warum sollen die Geschworenen ihn für unschuldig halten? Chandra wird zur tragischen Figur in diesem Prozess – sie hat so viel dafür getan, die Zweifel an Naz Täterschaft zu widerlegen. Aber gerade weil sie ihn so sympathisch findet, dass sie sogar Pillen für ihn ins Gefängnis schmuggelt und es dann irgendwann auch ein verhängnisvolles Video gibt, das zeigt, wie Naz und Chandra sich küssen, bringt sie den Prozess in Gefahr. Und so kann am Ende wieder Jack Stone übernehmen, der abgezockte Könner, der inzwischen wieder von seiner Hautkrankheit gezeichnet ist – die Mittelchen des chinesischen Quacksalbers hatten offenbar nur eine kurzzeitige Wirkung.

The Night Of: Chandra (Amara Karan) Bild: hbo.com

The Night Of: Chandra (Amara Karan) Bild: hbo.com

Doch auch Detective Dennis Box, mittlerweile eigentlich im Ruhestand, hat dieser Fall keine Ruhe gelassen. Als guter Bulle hört auch er auf sein Bauchgefühl und das sagt ihm, dass Naz nicht der Mörder sein kann, auch wenn alles danach aussieht. In akribischer Feinarbeit wertet er Überwachungsvideo aus und siehe da – er findet etwas: Bevor Andrea zu Naz ins Taxi gestiegen ist, hatte sie einen Streit mit einem Unbekannten. Mittels illegal beschaffter Telekommunikations- und Kreditkartendaten finde Box auch raus, wer dieser Unbekannte ist: Ein Finanzberater, der ziemlich viel von Andreas geerbten Geld in den Sand gesetzt hat. Keine Frage, der Typ hätte durchaus ein Motiv.

Box geht damit zu Helen Weiss, aber die winkt ab: Die Beweise gegen Naz sind einfach viel besser als die gegen einen so aus dem Hut gezauberten neuen Verdächtigen. Und davon gibt es ja noch mehr, etwa Andreas Stiefvater, der gern Beziehungen mit älteren Frauen eingeht, um sie zu beerben. Nur Andrea war im Weg – und die ist jetzt tot. Es gibt also durchaus andere Verdächtige und andere Motive – aber gegen niemand gibt es so viele Indizien wie gegen Naz. Und mit ihrer unaufgeregten und unglaublich professionellen letzten Befragung von Naz dekonstruiert Helen Weiss Naz‘ mühsam aufrecht erhaltenes Selbstbild eines netten, harmlosen jungen Mannes, dem einfach nur übel mitgespielt wird: So harmlos ist Naz gar nicht, er ist zuvor schon gewalttätig geworden, er hat schon gelogen, Drogen genommen, und das alles weiß er auch ganz genau: Deshalb gibt er ja zu, dass er kein Unschuldslamm ist. Aber genau das kann ihm jetzt das Genick brechen.

Die Geschworenen sind sich zu seinem Glück nicht einig – nach endloser Beratung bleibt das Ergebnis sechs zu sechs: Die Hälfte ist von seiner Schuld überzeugt, die andere von seiner Unschuld. Beides ist plausibel und deshalb kommt die Jury auch zu keinem anderen Ergebnis. Naz wird von der Mordanklage freigesprochen, weil die Jury sich nicht auf einen eindeutigen Spruch einigen kann. Und auch die Staatsanwältin Weiss, die hier ein letztes Wort sprechen könnte, verzichtet auf einen weiteren Termin, weil ihr inzwischen offenbar selbst Zweifel gekommen sind: Sie will nun lieber, dass sie und Box den vermutlich wahren Täter finden.

The Night Of: Dennis Box (Bill Camp) Bild: hbo.com

The Night Of: Dennis Box (Bill Camp) Bild: hbo.com

Das war alles verdammt knapp – und ob es letztlich gut für Naz ausgegangen ist, wissen wir nicht, denn seine Welt ist nun eine andere. Zwar steht sein Vater weiterhin zu ihm, er ist es auch, der ihm aus dem Gefängnis abholt – aber ob das Verhältnis so bleibt, steht in den Sternen. Denn wir wissen, dass Naz nun ein anderer ist – er hat im Gefängnis Dinge getan, von denen seine Eltern keine Ahnung haben. Und er hat weiterhin ein Drogenproblem – er feiert seinen ersten Abend in Freiheit, in dem er sich an dem Ort, an dem er mit Andrea Ecstasy eingeworfen hat, eine gepflegten Dröhnung mit was auch immer gönnt- da kenne ich mich nicht so aus.

Sicher ist, dass Naz seine Sucht in den Griff kriegen muss, wenn er nicht wieder mit dem Gesetz in Konflikt geraten will. Und einen genialen Zug fand ich auch, dass der neue Verdächtige offenbar bei Jack Stone anruft, damit der ihn verteidigt. Vielleicht war der Fall ja doch ein Karrieresprung für Jack, der bei seinem Schlussplädoyer zu Hochform aufgelaufen ist. Auch wenn man dem echten Mörderarsch einen so guten Anwalt eigentlich nicht gönnt. Also ich jedenfalls nicht. Aber so läuft es halt. Und das ist nicht immer schön, und es halt auch nichts mit unserer naiven Vorstellung von Gerechtigkeit zu tun. Das zu zeigen, ist das Verdienst dieser Serie.