The 5. Estate: Die fünfte Gewalt

Man nehme großartige Schauspieler wie Benedict Cumberbatch, Daniel Brühl, Moritz Bleibtreu, Alicia Vikander, Peter Capaldi, Dan Stevens, Anthony Macke, Laura Linney und Carice van Houten und eine in der Realität schon nervenzerfetzende Geschichte wie die um die Whistleblower-Plattform Wikileaks und mache daraus einen Film. Rein theoretisch könnte das eine große Sache werden, deshalb habe ich mir The 5. Estate ja angesehen. 

Aber leider muss ich sagen, dass ich jetzt total verstehe, warum der Film bisher ein Flop war –  er ist einfach schlecht.

Dabei ist es nicht so, dass sich die Macher von The 5. Estate keine Mühe gegeben hätten. Aber Mühe allein genügt halt nicht, genau wie die Riege guter Schauspieler, die ihre Rollen fantastisch ausfüllen. Und auch das coole Untergrund-Berlin als Kulisse rettet in diesem Fall nichts, sondern macht es noch schlimmer. Die Freaks vom Chaos Computer Club, deren Kenntnisse und Fähigkeiten in der Realität immer wieder dazu beitragen, die Behauptungen von Wirtschaft und Politik im Bereich von Datensicherheit, Privatsphäre und Überwachung als wohlfeile Lügen zu entlarven, verkommen im Film zu Witzfiguren, die zu blöd sind, den arroganten Assange als ihren künftigen Propheten zu erkennen. Einzig der Idealist Daniel Domscheit-Berg begreift die große Idee des Julian Assange und wird einer seiner Jünger – wie er im Verlauf der Handlung ungläubig realisieren muss, ist er tatsächlich der einzige. Das riesige Unterstützer-Netzwerk der Wikileaks-Plattform besteht in erster Linie in Julians Phantasie und den wenigen Getreuen, die Daniel an Bord holt. 

Trotzdem macht Wikileaks Furore, angefangen bei ersten Veröffentlichungen über die Schweizer Privatbank Julius Bär, bei der die Kontendaten von mutmasslichen Steuerhinterziehern einer Julius-Bär-Filiale auf den Cayman Inseln auf Wikileaks veröffentlicht wurden bis hin zu Cablegate, den Gitmo Files und dem Video Collateral Murder. Das Video, das die Ermordung von Zivilisten von einem US-Hubschrauber aus im Irak zeigt, schockierte, weil es wie eine Szene aus einem Computerspiel wirkt. Bei dem Angriff wurden insgesamt acht Menschen getötet, darunter die Reuters-Mitarbeiter Saeed Chmagh und Namir Noor-Eldeen, und zwei Kinder schwer verletzt.  Das war zwar nur ein winziges Detail in einem riesigen Materialberg, zeigt aber, was tatsächlich passiert, wenn die USA Krieg führen.

Was ich an dem Film gut fand, war,  dass die Zusammenarbeit mit den Vertretern von Spiegel, Guardian und New York Times eine wichtige Rolle spielte – und das dabei auch gezeigt wurde, wie problematisch die naive Idee des Julian Assange ist, man müsse einfach nur alles öffentlich machen, damit  in der Welt keine schlimmen Dinge mehr passieren. Die erfahrenen Politik-Journalisten, die sich jeden Tag damit auseinandersetzen müssen, welche Konsequenzen ihre Veröffentlichungen für die Menschen haben, die davon betroffen sind, wollten eine unredigierte Veröffentlichung des Materials verhindern, schon um ihre Quellen zu schützen. Assange dagegen war überzeugt, dass die technische Finesse seiner Plattform Quellenschutz genug sein würde – schließlich könnte niemand nachvollziehen, woher welche Daten kämen.

Aber selbstverständlich können auch anhand des Materials an sich jede Menge Rückschlüsse auf potenzielle Quellen gezogen werden, zumal Assange nicht einmal bereit war, Namen zu schwärzen, was eigentlich eine Minimal-Anforderung des Quellenschutzes ist. Der Streit um die Bedienungen der Veröffentlichung führten sowohl im Film als auch in der Realität schließlich zum Bruch zwischen Domscheit-Berg und Assange. Im Film nicht thematisiert wird beispielsweise das Schicksal von Bradley bzw. Chelsea Manning, jenem IT-Spezialisten aus den Reihen der US-Streitkräfte, der Wikileaks einen großen Teil des Irak-Materials zugespielt hatte, der im Mai 2010 verhaftet und als Verräter fürchterlichsten Haftbedingungen unterworfen wurde. Inzwischen wurde er zwar vom Anklagepunkt Unterstützung des Feindes freigesprochen, weshalb er der Todesstrafe entgeht, dafür verurteilten die USA Manning zu 35 Jahren Haft, nach frühestens 10 Jahren kann eine vorzeitige Entlassung auf Bewährung erfolgen.

Zurück zum Film: Die im Grunde sehr spannenden Ereignisse werden leider nicht in eine ebenfalls spannendes Drehbuch umgesetzt, statt dessen hangelt sich die Handlung von einer Szene zur nächsten, ohne dass auch nur ein bisschen Spannung entsteht. Ich denke nicht, dass das an dem komplexen Thema liegt, oder daran, dass man ja aus den Medien weiß, wie die Geschichte ausgegangen ist. Auch aus schon hundertmal erzählten Geschichten lässt sich noch immer ein spannender Film machen. Und es ist auch nicht so, wie ich in einer Kritik las, dass es halt schwierig sei, das, was da in den Köpfen und im Internet passiert, zu visualisieren. Es ist eher umgekehrt: Während die Macher des Films sich große Mühe gegeben haben, die Technik der Wikileaks-Plattform und den konspirativen Austausch von Assange und Domscheit-Berg in allerlei hübsche Animationen zu übersetzen, kann dem Betrachter eigentlich egal sein, wie das alles genau funktioniert. Es reicht, wenn man kapiert, dass Assange ein genialer Programmierer ist, der schon aus seiner persönlichen Paranoia heraus nicht will, dass man Datenspuren folgen kann.

Das eigentliche Dilemma ist viel mehr, dass die Grundidee von Julian Assange falsch ist: Die Welt wird kein bisschen besser oder sicherer, wenn man sie mit einem Haufen Veröffentlichungen überschwemmt. Klar ist Transparenz besser als Konspiration, klar ist es gut, wenn üble Machenschaften aufgedeckt werden. Aber das eigentliche Heldentum ist es eben nicht, die Informationen darüber zu veröffentlichen, sondern sich zu entscheiden, nicht mehr mitmachen zu wollen. Informant zu werden. Aber das Schicksal seiner Informanten geht Assange ganz offensichtlich am Arsch vorbei, genau wie das Schicksal der Menschen, deren Leben mit der Veröffentlichung dieser Daten ruiniert sein kann, ganz gleich, ob sie nun Dreck am Stecken haben oder zufällige Opfer sind, weil sie in dem jeweiligen Material aus welchen Gründen auch immer erwähnt werden. Das ist genau der Punkt, wo sich jeder wirklich Gedanken machen muss: Was soll mit dieser oder jener Veröffentlichung erreicht werden? Was kann damit bewirkt werden? Und vor allem: Ist es diese Veröffentlichung wert, Leben zu gefährden und zu ruinieren? Genau diesen Gedanken macht Assange sich offenbar nicht – insofern finde ich es völlig richtig, ihn nicht als Netzaktivisten und Freiheitshelden zu feiern, sondern zu hinterfragen, was dieser Typ da eigentlich macht. Und warum. Nicht, weil ich es falsch fände, irgendwelche Bank- oder Staatsgeheimnisse auszuplaudern. Ich wäre sofort dabei, wenn es darum ginge, Banken und Staaten in Grund und Boden zu kritisieren. Aber natürlich geht es darum nicht. Die Frage bleibt: Worum denn dann?

Ich werfe den Machern von The 5. Estate nicht vor, dass sie diese Antwort nicht geben können. Warum Assange tut, was er tut, weiß nur er selbst. Und ich kann ihm nicht übel nehmen, dass er von diesem Filmprojekt wenig begeistert war und auch versucht hat Hauptdarsteller Cumberbatch zu überzeugen, diese Rolle nicht anzunehmen. Was ich den Machern des Films übelnehme, ist, dass sie diese Frage erst gar nicht gestellt haben.

http://www.youtube.com/watch?v=ZT1wb8_tcYU

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Filme, die ich mir garantiert nicht ansehen werde

Warnung: Dieser Artikel enthält politisch unkorrekte und sexistische Anspielungen.

Die penetrante Werbung für den Historienschinken Die Pilgerin, mit der mir das ZDF gerade auf die Nerven geht, provoziert mich zu einer neuen Rubrik: Sendungen, die ich mir garantiert nicht anschauen werde. Die Pilgerin gehört auf jeden Fall dazu. Was haben denn auf einmal alle mit der Pilgerei? Seit Hape Kerkeling vor ein paar Jahren mit „Ich bin dann mal weg“ ein bis heute nicht eingelöstes Versprechen gab, wollen plötzlich alle nach Santiago de Compostela und auf dem Weg ihre Spiritualität entdecken. Und wenn man das auch noch ins Mittelalter verlegt, wird ein ZDF-Dreiteiler daraus. Die sind ja mit den anderen Epochen langsam durch, siehe „Unsere Mütter, unsere Väter“, auch so ein ZDF-Drei-Teiler, den ich mir auch nicht angesehen habe, das heißt, ich habe aus wissenschaftlichem Interesse einmal rein geschaut, aber nicht mehr als 10 Minuten ertragen.

Ähnlich ging es mir mit „Das Adlon“, im vergangenen Jahr. Wobei ich zugeben muss, dass ich am Ende des zweiten Teils eine ganz kurze Szene entdeckt habe, die ich echt sehenswert fand. Ken Duken jedenfalls dürfte als Julian Zimmermann den bestaussehendsten Juden der deutschen Filmgeschichte gegeben haben.

Der kurze Lichtblick in Das Adlon: Ken Duken

Der kurze Lichtblick in Das Adlon: Ken Duken als Julian Zimmermann