Berlin Station: Amerikaner in Berlin

Als ich vor ein paar Tagen nach Hause kam, standen hinter meinem Wohnblock mehrere Mietlaster. Hinter den Windschutzscheiben Schilder, die darauf schließen ließen, dass Anonymous Content just in meiner Gegend dreht – und weil das ja auch die Produktionsfirma hinter meiner Lieblingsserie Mr. Robot ist, musste ich gleich mal recherchieren, was die hier in Berlin gerade tun. Offenbar wird derzeit die zweite Staffel von Berlin Station hier gedreht – und so setzte ich alles daran, an die erste Staffel dieser Serie zu kommen, die leider noch gar nicht in Deutschland ausgestrahlt wurde. Aber wie ich inzwischen gesehen habe, kommt sie ab dem 18. Juli auch hierzulande auf Netflix. Insofern brandaktuell!

Screenshot Berlin Station: Reichstag in Berlin

Screenshot Berlin Station: Reichstag in Berlin

Berlin Station wurde vom US-Kabelsender Epix in Auftrag gegeben und im Herbst vergangenen Jahres in den USA ausgestrahlt. Von dem Sender hatte ich zuvor noch nie gehört, meinen Recherchen zufolge wurde er erst Ende 2009 gegründet, womit er der jüngste unter den Premium-Kabelsendern der USA sein dürfte. Epix gehört zum Metro-Goldwyn-Mayer-Imperium und hat sein Hauptquartier im Bertelsmann Building in New York. Nun sollte man wissen, dass Bertelsmann ein deutscher Medienkonzern ist, der in Gütersloh sitzt. Zu Bertelsmann gehören die RTL Gruppe, Penguin Random House, Gruner & Jahr, BMG, Arvato und diverse weitere Bertelsmann-Unternehmen. Soviel zur Medienmacht von Bertelsmann und den Verbindungen zu Deutschland – es ist ja schon interessant, dass eine von einem US-Network in Auftrag gegebene und offenbar für ein US-Fernsehpublikum konzipierte Serie komplett in Berlin spielt – und in Berlin bzw. Potsdam Babelsberg produziert wird.

Screenshot Berlin Station: U-Bahnhof Alexanderplatz

Screenshot Berlin Station: U-Bahnhof Alexanderplatz

Okay, wir hatten das schon einmal mit der fünften Staffel von Homeland – wobei Homeland ja nun eine durch und durch amerikanische Serie ist, auch wenn sie CIA-bedingt immer wieder außerhalb der USA spielen muss, schließlich ist die CIA nun einmal der Auslandsgeheimdienst der Staaten. Um die CIA geht es auch in Berlin Station – und Berlin ist ja nun auch ein cooler Ort, es muss nicht immer Teheran, Bagdad oder Abu Dhabi sein. Die Sprachbarriere ist in Berlin auch nicht wirklich ein Problem, zumindest die jüngeren Berliner sprechen sehr viel besser Englisch als ein Durchschnittsamerikaner Deutsch, selbst wenn der in Deutschland arbeitet – was für unsereins eigentlich ein Running Gag solcher Serien ist: Es ist einfach zu putzig, wenn Amerikaner versuchen, Deutsch zu reden. Ja, gewiss ist es auch putzig, wenn Deutsche Englisch reden, aber wir werden hierzulande ja wesentlich häufiger zum Gebrauch von Fremdsprachen gezwungen – zumindest wenn wir auf der Höhe der Zeit bleiben wollen. Schon weil es viel zu lange dauert, bis die interessanten US-Serien hierzulande offiziell verfügbar sind. Da ziehen wir uns das doch lieber gleich in der Originalsprache rein.

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) auf den Dächern von Berlin

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) auf den Dächern von Berlin

Damit zurück zur Serie – in Berlin Station wird tatsächlich viel Deutsch gesprochen, was durchaus für die Serie spricht. Denn warum sollten Deutsche untereinander nicht deutsch sprechen?! Deutsch mit englischen Untertiteln ist auch mal ganz lustig. Es sind entsprechend eine Reihe deutscher Schauspieler mit dabei, etwa Bernhard Schütz als Hans Richter, der ein hohes Tier beim deutschen Verfassungsschutz ist, Victoria Mayer als Ingrid Hollenbeck, einer Chefredakteurin der Berliner Zeitung, Claudia Michelsen als Patricia Schwarz, der deutschen Kusine von Agent Daniel Miller (Richard Armitage) oder Sabin Tambrea als – nun ja, einer sehr tragischen Figur mit vielen Facetten, die im Grunde der Auslöser der aufsehenserregenden Aktionen des geheimnisvollen Thomas Shaw ist.

Worum es geht: Der CIA-Analyst Daniel Miller entdeckt eine Verbindung zwischen scheinbar zusammenhangslosen Leaks, bei denen äußerst sensible Informationen über die Arbeit der CIA an die Öffentlichkeit gelangten. Es scheint sich dabei immer um den selben Whistleblower zu handeln. Das aktuellste Leck wird ausgerechnet von der Berliner Zeitung veröffentlicht. Also wird Miller nach Berlin geschickt, um den Whistleblower zu enttarnen. Die Ironie dabei: Daniel Miller ist ein geborener Berliner. Seine Mutter wurde brutal ermordet, als er acht Jahre alt war. Weil sein Vater Amerikaner war, wuchs er nach dem Tod der Mutter in den Staaten auf.

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) inside Berliner Zeitung

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) inside Berliner Zeitung

In Berlin trifft Miller (der übrigens nur noch schlecht Deutsch spricht) zwei sehr unterschiedliche Typen: Den Chef der titelgebenden Berlin Station Steven Frost (Richard Jenkins), der bereits zu Zeiten des Kalten Kriegs bei der CIA angefangen hat und auf Hector DeJean (Rhys Ifans), der ihn in seinen neuen Job einweisen soll. Auch Hector ist ein Veteran, und wie sich herausstellt, gibt es eine alte Geschichte zwischen Hector und Daniel – die dazu führte, dass Daniel sich aus dem Dienst im Feld zurückzog und fortan als Analyst seinen Dienst tat.

Ich will jetzt nicht den Fehler wiederholen, den ich viel zu oft mache – nämlich eine komplette Inhaltsangabe der Serie zu liefern. Nur so viel: Mir gefällt Berlin Station sehr gut – die Handlung ist nicht so hysterisch und an den Haaren herbeigezogen wie bei Homeland. Was ich auf jeden Fall als Plus werte: Hier gibt es keine manisch-depressiven Superagentinnen und auch keine Kriegshelden, die möglicherweise umgedrehte islamistische Selbstmord-Attentäter sind. Die Figuren in Berlin Station sind realistischer, was sie aber nicht weniger interessant macht. Denn alle haben für das, was sie tun, einen guten Grund. Und die Serienmacher nehmen sich die Zeit, um die Motive der jeweiligen Hauptfiguren nachvollziehbar zu erklären.

Screenshot Berlin Station: Der Mann im Hintergrund - Hector DeJean (Rhys Ifans)

Screenshot Berlin Station: Der Mann im Hintergrund – Hector DeJean (Rhys Ifans)

Dadurch wird die Handlung alles in allem ziemlich vorhersehbar – was von Adrenalinjunkies vielleicht als Minus gewertet werden kann. Aber in Berlin Station geht es eben nicht um möglichst abgefahrene Plottwists, sondern um eine vergleichsweise solide Story über den zu enttarnenden Whistleblower, der sich Thomas Shaw nennt (es wird am Ende auch gezeigt, wie er auf genau diesen Namen gekommen ist) und die oberen Chargen der CIA-Station in Berlin ganz schön in Bedrängnis bringt. Denn es werden nicht nur hässliche Details der die Methoden der CIA ausgeplaudert – die ja spätestens seit dem Abu-Ghraib-Folterskandal einer breiten Öffentlichkeit ohnehin bekannt sind – sondern auch über Verbindungen zu den deutschen Geheimdiensten, was die Deutschen ganz schön ärgert. Und die können ziemlich nerven, wenn sie verärgert sind. Wie diese Chefredakteurin der Berliner Zeitung, die sich aus Sicht der CIA in verantwortungslosester Weise von Thomas Shaw instrumentalisieren lässt und seine Leaks veröffentlicht. Doch auch die Leute vom Verfassungsschutz sind nicht glücklich darüber.

Screenshot Berlin Station: Ingrid Hollenbeck (Victoria Mayer), heimlich überwachte Chefredakteurin der Berliner Zeitung

Screenshot Berlin Station: Ingrid Hollenbeck (Victoria Mayer), heimlich überwachte Chefredakteurin der Berliner Zeitung

Und dann sind da noch die Israelis, die dem Chef der Berliner CIA-Station Robert Kirsch (Leland Orser) behilflich sind, weil er doch als Jude einer von ihnen sein sollte, woran sie ihn mehr oder weniger sanft erinnern müssen: Eine Hand wäscht die andere und sowohl gegen die Deutschen, als auch gegen die Islamisten müssen sie doch zusammen halten. Dass es mit den jeweiligen Fronten und Loyalitäten nicht so einfach ist, wird immer wieder und an vielen Stellen gezeigt – insofern ist Berlin Station dann doch wieder komplex genug, um einen fortgeschrittenen Serienjunkie wie mich zufrieden zu stellen. Natürlich geraten hier auch Zivilisten zwischen die Fronten, die eigentlich nur Gutes tun wollten, es gibt eine ganze Reihe bedauerlicher Kollateralschäden.

Steven Frost (Richard Jenkins), Chef der Berlin Station

Steven Frost (Richard Jenkins), Chef der Berlin Station

Wie im wahren Leben ist alles ziemlich komplex – so hat der Islamistische Terror auch in Deutschland mitunter ein weibliches Gesicht und die Haltung Deutschlands in der Flüchtlingsfrage wird natürlich nicht nur von deutschen Rechten und Konservativen instrumentalisiert, um Stimmung gegen die Fremden zu machen, sondern auch findige Terrorunterstützer nutzen Institutionen, die angeblich Flüchtlingen helfen sollen, um Unterstützer des IS-Terrors zu rekrutieren. Gute Absichten werden eben auch von genau den Leuten ausgenutzt, die man eigentlich überhaupt nicht unterstützen wollte. Und umgekehrt: Der von den USA ausgerufene Krieg gegen den Terror mit seinem gnadenlosen Repressionssystem von Blacksites außerhalb der USA führt eben auch dazu, dass aus eigentlich harmlosen Verdächtigen, die zufällig in die Folter-Maschinerie geraten sind, am Ende wirklich Täter werden.

Berlin Station: Immer wieder historische Bilder der Mauer

Berlin Station: Immer wieder historische Bilder der Mauer

Insofern ist Berlin Station trotz kleinerer Schwächen in der Story eine der besseren Spionage-Serien – natürlich gibt es von mir auch einen gewissen Berlin-Bonus. Wobei man wirklich einiges von Berlin sieht, die Stadt ist auch nicht so absurd zusammengeschnitten wie man das von anderen Produktionen kennt, und zwar auch von deutschen Serien und Filmen, in denen die Leute in der U-Bahn am Alexanderplatz aussteigen und dann am Potsdamer Platz oder am Ku’damm rauskommen. Obwohl schon interessant ist, dass die geheimen Wohnungen der CIA durchweg schon Jahrzehnte vor der Wende nicht mehr renoviert wurden. Liebe Amerikaner – es stimmt nicht, dass Berliner Wohnungen alle noch im 70er-Jahre-Stil (oder älter) eingerichtet sind, auch wenn das unter Hipstern vielleicht gerade wieder angesagt ist. Und auch noch ein Tipp für Thomas Shaw: Die Berliner Zeitung kennt außerhalb Berlins kaum jemand – vielleicht beim nächsten Mal doch ganz professionell bei Wikileaks leaken? Oder ein Fake-Account bei Facebook einrichten?

Screenshot Berlin Station: Potsdamer Platz

Screenshot Berlin Station: Potsdamer Platz

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Alle Himmel sind gleich – aber manche sind gleicher

Das ZDF wollte mal wieder Geschichte schreiben – und weil die jüngere deutsche Geschichte vor allem eine Geschichte über die deutsche Teilung ist, geht es in dem ZDF-Dreiteiler Der gleiche Himmel um Stasispione und ihre ebenso weiblichen wie westlichen Zielpersonen, denen sie Geheimnisse über die militärische und politische Lage des feindlichen Lagers entlocken sollen. Und darum, dass es im Westen halt schöner, bunter und in jeder Beziehung besser war als im grauen, freudlosen Osten. In dem zwar keiner Not leiden, aber dafür alle den Mund halten mussten. Und um ein dunkle west-östliche Familiengeschichte, die ebenso gnadenlos überkonsturiert wie absurd ist. Doch eins nach dem anderen.

Zu meiner eigenen Überraschung hatte ich nicht, wie sonst oft das Bedürfnis, nach zehn Minuten anzuschalten bzw. das Programm zu wechseln. Was aber nicht daran lag, dass das ZDF plötzlich die Kurve gekriegt hätte und auf einmal Mehrteiler produzieren würde, die tief, subtil und überraschend gut wären. Ich würde es eher mit Faszination des Grauens überschreiben, denn Der gleiche Himmel bietet genau die Holzhammer-Kost, die man von diesem Sender gewohnt ist. Natürlich konnte ich mir nicht alle drei Teile am Stück reinziehen, sondern immer nur einen pro Abend, aber das war ganz gut auszuhalten, schon weil sich das deutsche Fernsehen immer dermaßen viel Mühe mit der Ausstattung gibt – die 70er Jahre sahen tatsächlich ungefähr so aus wie jetzt im Fernsehen. Ich weiß das, denn 1974, dem Jahr, in dem die Agentenoper spielt, bin ich in die erste Klasse gekommen. In der BRD allerdings, also da, wo die Leute VW-Käfer, R4 oder Mercedes fuhren, nicht in Trabbi-Land.

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Friederike Echt), Lars Weber (Tom Schilling) Laure Faber (Sofia Helen) Ralf Müller (Ben Becker) Bild: zdf

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Friederike Becht), Lars Weber (Tom Schilling) Laure Faber (Sofia Helen) Ralf Müller (Ben Becker) Bild: zdf

Der Anfang der Handlung so holzhammermäßig, dass es schon fast Richtung Satire geht, und da bin ich ja gleich dabei. Leider ging es nicht so lustig weiter. Aber wenn der Stasiausbilder seinen Stasischülern, die alle brav wie Erstklässler an ihren hölzernen Pulten sitzen, erklärt, wie eine Frau tickt, präziser: Wie das weibliche Hirn funktioniert, dann weiß er, wovon er spricht. Denn die Frauen werden sich später netterweise genau an dieses Drehbuch halten, womit die Mission des aufstrebenden Stasischülers dann irgendwie auch erfolgreich ist, wobei mir gerade auffällt, dass für die Geschichte erstaunlich egal ist, was da an Informationen eigentlich abgeschöpft werden soll.

Aber zurück auf die Schulbank für angehende Ost-Spione. Gute Sozialisten wissen: Frauen haben durchaus ein Gehirn! Aber auch die bestausgebildetsten Datenanalystinnen der westlichen Welt sind eben Frauen. Und die werden, so ist das bei Frauen nun einmal,  von ihren Emotionen gesteuert, also rechte Hirnhälfte, die wiederum für das linke Auge zuständig ist. Über das linke Auge der jeweiligen Frau hat der findige Romeo-Agent quasi den direkten Zugriff auf das westliche Datencenter. Jetzt gilt es also nur noch die richtigen Passwörter zu finden, mit denen die jeweilige Alte zu knacken ist.

Das ist tatsächlich so schlecht, dass es schon wieder gut ist, nur ist dieser Scheiß kein Privileg sozialistischer Ideologie, auch die Westler befleißigen sich bis heute idiotischer Modelle aller Art, um die Welt zu erklären und zu beherrschen – aber ich schweife schon wieder ab. Tatsächlich habe ich mit das alles auch deshalb angesehen, weil ich Tom Schilling als Schauspieler wirklich gut finde, auch wenn ich ihn für diese Rolle inzwischen doch zu alt fand – aber, wie er als Agent erklärt: „Vielleicht bin ich eine alte Seele.“ Wie ein 25jähriger sieht er tatsächlich nicht mehr aus.

Der erste Schritt für Lars Weber (Tom Schilling) ist getan: Er hat seine

Der erste Schritt für Lars Weber (Tom Schilling) ist getan: Er hat seine „West-Wohnung“ bezogen. Wird er seinen Auftrag erfolgreich abschließen können? Bild: zdf

Und ich mag auch Sofia Helin, die seine Zielperson Lauren Faber spielt. Als leicht autistische Kommissarin hat sie mir in Die Brücke wirklich gut gefallen. Natürlich ist sie auch als Lauren Faber überzeugend – eine alleinerziehende Mutter eines 17jährigen, ziemlich missratenen Sohnes, die für den britischen Geheimdienst arbeitet. Der sie wiederum auf dem Teufelsberg einsetzt, einer US-Abhörstation in Westberlin, mit der die NSA nicht nur den Osten, sondern auch den Westen belauscht.

Für ihre Figur haben sich die Serienmacher wenigstens eine halbwegs glaubhafte Legende ausgedacht – Lauren ist schwedisch-britischer Herkunft und hat einen Deutschen geheiratet. Das erklärt, warum sie sowohl perfekt Englisch, als auch Deutsch spricht – Deutsch allerdings mit leichtem schwedischen Akzent. Ihr Mann hat sie aber mit dem Kind sitzen lassen und sich wieder nach Westdeutschland verdrückt, ihr Sohn pubertiert wüst vor sich hin.

Lauren macht ihren Job natürlich gut, sie ist erfahren, umsichtig und pflichtbewusst – genau deshalb fühlt sie sich als Mutter als Versagerin. Was ihr Sohn natürlich ausnutzt: Er beklaut sein Mutter und verkifft das Geld, hört gern laut Musik und sperrt sich in sein Zimmer ein, das mit RAF-Fahndungsplakaten geschmückt ist – ziemlich normaler 70er-Jahre-Teenie würd ich mal sagen, aber für eine Frau wie Lauren ist das alles wirklich schlimm. Zumal sie ziemlich einsam ist: Außer ihrer jungen Kollegin Sabine Cutter (Frederike Becht) hat sie eigentlich niemand, mit dem sie reden oder sonst irgendwas unternehmen kann. Ein ideales Opfer also für Romeo-Agenten Lars Weber.

Der gleiche Himmel: Lauren (Sofia Helin) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Der gleiche Himmel: Lauren (Sofia Helin) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Aber die Sache läuft aus dem Ruder – Lauren überlebt die Mission nicht. Und Lars wird jetzt auf Sabine angesetzt, die ihm von Anfang an viel besser gefallen hat als die deutlich ältere und weniger attraktive Lauren, die aber genau deshalb ja auch das leichtere Opfer war. Aber Sabine ist praktischerweise die Adoptiv-Tochter eines ranghohen NSA-Offiziers, der mit einer Deutschen verheiratet ist – vermutlich ist das auch der Grund, warum die vergleichsweise junge Sabine schon so einen verantwortungsvollen Job hat. Sie ist das weibliche, westliche Gegenstück zum Erfolgsossi Lars Weber – ja, und es ist tatsächlich so, wie man jetzt ahnen soll, aber wünscht, dass es eine andere Erklärung geben möge:  Immer wieder wird ein Bild von einer Frau gezeigt, die zwei Säuglinge im Arm hält.

Sowohl in der Plattenbau-Wohnung, die Lars mit seinem Vater Gregor (Jörg Schüttauf) teilt, der ebenfalls bei der Stasi ist, aber sich damit begnügt die Nachbarschaft zu überwachen, als auch in der Villa der Familie Cutter gibt es dieses einen Abzug dieses Fotos. Dagmar Cutter (Claudia Michelsen) ist also Lars’ Mutter, die damals in den Westen abgehauen ist und von der Lars nichts weiß, genau wie er auch nichts von einer Zwillingsschwester weiß. Und Vater Gregor ist zwar der einzige, der von Lars geheimer Mission weiß, aber er weiß offensichtlich auch nicht viel mehr. Dafür ist Gregor der Prototyp des überzeugten Sozialisten, der an den Sieg der guten Sache glaubt und seinen Sohn zu einem guten Staatsbürger erzogen hat – deshalb macht er ja auch den Blockwart (dafür hängt er sich auch gut sichtbar einen großen Feldstecher um den Hals – die Leute sollen durchaus sehen, was er tut) und ermahnt die Menschen, sich nicht vom Westfernsehen verblenden zu lassen. Und er päppelt liebevoll ein Vögelchen auf, das sich den Flügel verletzt hat – schaut ihm aber doch recht nachdenklich hinterher, als es davon fliegt.

Der gleiche Himmel: Gregor Weber (Jörg Schütthauf) Bild: zdf

Der gleiche Himmel: Gregor Weber (Jörg Schütthauf) Bild: zdf

Einerseits ist die Geschichte nicht wirklich schlecht. Wobei die Komplexität dann doch wieder arg gekünstelt ist: Weil Der gleiche Himmel ja mehr sein soll als ein einfach nur weiterer Agententhriller, wird ein Panorama der Zeit aufgespannt – was eigentlich eine gute Idee ist, 1974 war ein interessantes Jahr. Schon wegen der Fußball-WM, in der die DDR die BRD zwar besiegte, die BRD aber trotzdem Weltmeister wurde.

Genau das ist ja das Thema:  Der Osten hat zwar ab und zu mit ach und krach einen Punkt gegen den Westen geholt – aber im Prinzip ist der Westen eben hoffnungslos überlegen, egal wie die Ossis sich abzappeln. Sie haben halt auf das falsche System gesetzt und das wird auch hier wieder ausgiebig in Filmform zelebriert. Einmal mehr wird all das gezeigt, was im Osten so richtig schlecht war: Die Bespitzelung der eigenen Bevölkerung  – was an der DDR zwar ununterbrochen kritisiert wird, im Westen aber, wenn man die Zeichen richtig deutet, ja endlich mal hoffähig werden soll, nur dass es jetzt nicht die Stasi oder der KBG ist, die alle unsere Daten sammeln und auswerten, sondern gute kapitalistische Großkonzerne wie Google, Facebook und Amazon. Deshalb gibt es in Der gleiche Himmel auch die ganzen anderen hässlichen Sachen, Romeo-Agenten für den Westen, Doping von Staats wegen, Fahnenappell und Fahnenflucht, in diesem Fall eine versuchte Republikflucht durch den Bau eines Tunnels vom Osten in den Westen.

Schon irre, was sich die Menschen einfallen lassen, um in den vermeintlich goldenen Westen zu gelangen. In dem aber auch nur mit Wasser gekocht wird – zumindest einer der Agenten sieht das so, der herrlich schmierige, kettenrauchende und Junk-Food fressende Macho Ralf Müller (Ben Becker), der zwar Westberliner ist, aber für die Stasi arbeitet. Weil er halt irgendwie so eine subversive Ader hat, wie er Lars erklärt, als der ihn danach fragt. Besonders nachvollziehbar ist das zwar nicht, aber einer muss den Job ja machen.

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Frederike Echt) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Frederike Becht) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Andere legen sich lieber krumm oder animieren ihre Kinder, das zu tun – etwa die ehrgeizige Gita Weber (Anja Kling), die Frau von Gregors Bruder Conrad (Godehard Giese), die im Plattenbau gleich nebenan wohnen. Mutter Gita ist so stolz auf ihre Töchter – die ältere soll Medizin studieren, die jüngere, Klara (Stefanie Amarell), schafft die Aufnahme in den Olympia-Kader der Schwimmerinnen. Dort bekommen die Mädchen von ihrem fiesen Trainer Doping-Medikamente, die sie zwar schneller machen, von denen ihnen aber auch Haare auf der Brust wachsen. Aber das Training ist Trainer-Sache, das wird den vielleicht dann doch besorgten Eltern eingetrichtert. Um die Überlegenheit des Sozialismus zu demonstrieren braucht es eben Opferbereitschaft und Goldmedallien.

Ich finde solche Methoden absolut nicht okay und total kritikwürdig – aber interessanterweise ist das Doping-Problem im Leistungssport mit dem Zerfall des Ostblocks nicht verschwunden, es dopen ja bekannterweise auch Athleten des freiheitlichen Westens, nur vermutlich nicht, weil der Trainer es empfiehlt, sondern aufgrund ihrer frei getroffenen Entscheidung, besser als die anderen sein zu wollen. Das ist natürlich etwas ganz anders. Obwohl, das kann und muss man der DDR ankreiden, sie war ja der Staat, der es doch eigentlich besser machen wollte als die auf Ausbeutung abzielenden Kapitalisten, um die Konkurrenz der Einzelnen untereinander zugunsten einer Orientierung auf das Gemeinwohl abzuschaffen. Epic Fail heißt ein solche Versagen heutzutage wohl – in dieser Hinsicht war die DDR tatsächlich ein Failed State. Und überhaupt: Wenn ein Staat glaubt, seine Bürger einsperren zu müssen, damit sie ihm nicht weglaufen und dann nicht selbstkritisch genug ist, zu analysieren warum das der Fall ist und wie man das abstellen kann, dann verdient er eben auch nichts anderes. Das blöde ist nur, dass wir heute keine überhaupt keine Alternative mehr haben.

Axel Lang (Hannes Wegener, r.) erklärt seinen Schülern im Physikunterricht die Auftriebskräfte. Bild: zdf

Axel Lang (Hannes Wegener, r.) erklärt seinen Schülern im Physikunterricht die Auftriebskräfte. Bild: zdf

Und das merkt man eben auch dieser Produktion an: Sie bebildert im Grunde dieses ganze alternativlose Weiter so!, das in Deutschland seit der Jahrtausendwende die Maxime deutscher Politik und damit irgendwie auch gesellschaftlich relevante Handlungsanweisung für uns alle ist. Durch die Demontage wichtiger sozialer Errungenschaften in Ost UND West wurde Deutschland für den Weltmarkt und die Weltpolitik zugerichtet, wir sind wieder wer, nicht nur Fußball- sondern auch Exportweltmeister, verlässlicher NATO-Partner und informelle Führungskraft der EU. Und es ist eigentlich egal, wie „wir“ das geschafft haben – Hauptsache, es geht irgendwie so weiter. Genau so funktioniert das Drehbuch dieser Geschichte hier.

Und da drängen sich Fragen auf, etwa: Wozu das alles, wenn es den meisten Menschen im Lande damit gar nicht gut geht? Der aktuelle Armutbericht der Bundesregierung war ja wieder so desillusionierend, dass er umfassend frisiert werden musste, damit die dafür zuständige SPD-Ministerin damit noch irgendwie leben kann. Interessant natürlich, dass genau dieses Gefühl wieder nur anhand der üblichen Klischees über die untergegangenen DDR gezeigt wird, während im Westen zwar nicht alles gut, aber doch vieles besser ist. Weil es hier Kapitalismus, also Freiheit und Demokratie gibt. Wobei, die DDR hat das „Demokratisch“ sogar in ihrem Namen. Aber das war die falsche Sorte Demokratie, die nämlich ohne Alternative. Oder habe ich da was verwechselt?

Immerhin wird angedeutet dass die NSA mit ihren schicken Lauschantennen auf dem Teufelsberg auch ihre westlichen Verbündeten abhört – auch die Amis verlassen sich auf ihren Lenin: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“

Da sind sich letztlich Stasi-Agent Lars und NSA-Vater Cutter gar nicht so unähnlich. Aber das ist eben auch wieder ein Beispiel für die allgemeine Beliebigkeit an der die ganze Sache krankt: Die Motivation der Charaktere ist jeweils mehr als schematisch. Wir haben den guten Sozialisten Gregor, die verzweifelt um Anerkennung ringende kleine Schwester einer erfolgreichen älteren Tochter und eine auf materielle Vergünstigungen geifernde Mama. Ach ja, einen schwulen Ossi-Lehrer und dessen ebenso schwulen, aber weniger coolen dicken Freund haben wir auch noch, dazu noch ein paar Verschwörer, die abhauen wollen und einen schwulen Ausländer, der irgendwie auf schwule Ossis steht und einfach nur helfen will, aber missverstanden wird.

Klara Weber (Stephanie Amarell, l.), Gita Weber (Anja Kling, M.) und Juliane Weber (Muriel Wimmer, r.) Bild: zdf

Klara Weber (Stephanie Amarell, l.), Gita Weber (Anja Kling, M.) und Juliane Weber (Muriel Wimmer, r.) Bild: zdf

Aber was ist mit den Hauptfiguren? Warum tut Lars das, was er tut? Einerseits wird in dem, was er vor sich hinfaselt, ja eine gewisse Tiefe angedeutet, aber dann entpuppt er sich doch immer wieder als gnadenloser Opportunist, der seine Erfolge genießt und erstaunlich wenig darunter leidet, dass seine erste Zielperson einen frühen und rätselhaften Tod stirbt. Aber dafür kriegt er ja dann auch die schnittige Sabine. Was noch irgendwie okay gehen würde, wenn sie nicht seine Schwester wäre.

Es ist ja nicht so, dass ich gewagte Plotwists prinzipiell ablehnen würde. Elliot Anderson kann sich in Mr. Robot ja auch nicht an seine Schwester Darlene erinnern – die sich aber schon an ihren verrückten Bruder, der halt immer mal wieder wichtige Dinge vergisst. Letztlich erklärt diese Sache ja auch, WIE verrückt Elliott ist und ist insofern wichtig für die Handlung an sich. Aber in Der gleiche Himmel sehe ich das nicht – Lars ist nicht verrückt, er ist einfach gut in seinem Job, und er könnte jede Frau rumkriegen. Warum dann also seine Schwester? Um auszudrücken wie pervers das alles mit der Mauer war? DAS wissen wir doch ohnehin.

Trotzdem liegt Mauerbau im Trend. Liebes ZDF, mach doch mal was Perverses über die USA. Mit Mauer, Sex und NSA. Sollte so schwierig nicht sein.

Homeland: Wieder zuhause

Es gibt so Serien, die sehe ich eher aus Gewohnheit – eine davon ist Homeland. Hier ist die mittlerweile sechste Staffel schon recht weit fortgeschritten und natürlich bin ich wieder dabei, auch wenn ich bisher noch keine Lust hatte, darüber zu schreiben. Homeland fand ich ja nie so richtig gut, aber eben auch nicht so richtig schlecht, vor allem die ersten beiden Staffeln, die noch auf der israelischen Vorlage Hatufim beruhten, waren ziemlich okay, wenn auch oft überspannt, aber das ist ja im Grunde das Merkmal dieser Serie: Einerseits erscheint alles ganz schön weit hergeholt. Aber dank engagierter Whistleblower und dem Trumpschen Knallchargenteam, das sich nun in Washington um einen Platz im Führerhäuschen der einzigen verbliebenen Weltmacht rangelt, wissen wir, dass alles noch viel schlimmer ist als Serienschreiber sich ausdenken könnten.

Homeland Staffel 6: Reda Hashem (Patrick Sabongui) und Carrie Mathison (Claire Danes)

Homeland Staffel 6: Reda Hashem (Patrick Sabongui) und Carrie Mathison (Claire Danes)

Nachdem ich die fünfte Staffel eigentlich nur gesehen habe, weil sie in Berlin spielt – und ich finde, das ist einen Bonus wert: die erste Staffel einer US-Mainstream-Serie, die fast komplett in Deutschland spielt, das hat doch was! Allein schon das putzige Deutsch, mit dem sich die US-Elite-Agenten zu verständigen suchen – wobei die deutschen Protagonisten, die konsequenterweise auch von bekannten deutschen Schauspielern dargestellt wurden, natürlich alle fließen Englisch sprachen, während die arabischen Terroristen, die es zu stoppen galt, interessanterweise hauptsächlich deutsch untereinander reden (also im Original, die Synchronfassung ist mal wieder total unlustig und lohnt sich nicht).

Auch wenn das Ende der fünften Staffel doch eher durchwachsen war – Carrie Mathison (Claire  Danes) kann gerade so einen verheerenden Anschlag im Berliner Hauptbahnhof verhindern, dafür wird ihr langjähriger Kollege und ja – was eigentlich? Seelenverwandter in Sachen Geheimdienst? – Peter Quinn (Rupert Friend) von den bösen Islamisten als Versuchstier für ihr Giftgas-Gemisch und als Warnung für die Amis hingerichtet. Jedenfalls fast, womit ich natürlich schon wieder überspoilert habe, aber ich schreibe ja kein Werbeblog für Serien, sondern eins über individuelle Nutzererfahrungen.

Homeland Staffel 6: Dar Adal (F. Murray Abrahams) und Saul Berenson (Mandy Patinkin)

Homeland Staffel 6: Dar Adal (F. Murray Abrahams) und Saul Berenson (Mandy Patinkin)

Zum Anfang der 6. Staffel, die wieder New York spielt, erfahren wir, dass Quinn dank des Gegenmittels, das ihm ein nicht ganz so überzeugtes Mitglied der deutsch-islamistischen Terrorzelle gespritzt hat, zwar überlebt, aber schwere Nervenschäden erlitten hat.

Entsprechend mies ist Quinn auch drauf – vor allem aber scheint ihm auf die Nerven zu gehen, dass Carrie sich ständig um ihn kümmern will. Als ob sie mit ihrem neuen Job bei einer NGO ihres deutschen Gönners Otto Düring (Sebstian Koch) und ihrer Tochter Frannie nicht ohnehin schon genug zu tun hätte! Carrie wohnt ganz solide in Brooklyn und hilft jetzt Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft Probleme mit dem US-Strafverfolgungsapparat haben. Was auch dringend nötig ist, denn inzwischen reicht ja der bloße Verdacht, irgendwas mit islamistischem Terror zu tun haben zu können, um den Rest des Lebens hinter Gittern zu verschwinden. Als einer von Carries Schützlingen, der muslimisch-nigerianisch-stämmige Sekou (J. Mallory McCree) in seinem Videoblog Videos veröffentlicht, die er an Orten historischer Attentate aufgenommen hat, gerät er ins Visier der Geheimdienste, die in dem Fall natürlich sehr gut funktionieren und den Blogger umgehend mit einer absurden Freiheitsstrafe in den Knast befördern. Carrie und ihr Mitstreiter Reda Hashem (Patrick Sabongui), ein muslimischer Jura-Professor, werden aktiv und schaffen es mit viel Mühe, Sekou wieder aus dem Knast zu holen und ihm einen Job als Fahrer für eine Firma zu verschaffen, die mit mediterranen Spezialitäten handelt. Doch ärgerlicherweise explodiert wenig später ausgerechnet der Transporter mitten in Manhattan, in dem Sekou sitzt. Die Aufregung ist natürlich gigantisch: Carrie und ihr Verein haben einen Terrorattentäter vom Knast wieder auf die Straße geholt!

Homeland Staffel 6: Sekou (J. Mallory McCree)

Homeland Staffel 6: Sekou (J. Mallory McCree)

Doch wir wären ja nicht bei Homeland, wenn die Sache so einfach wäre. Inzwischen hat nämlich auch Quinn, den Carrie bei sich aufgenommen hat, nachdem er wegen Fehlverhaltens aus seiner behandelnden Einrichtung geflogen ist, wieder fast zu alten Form gefunden – zwar nicht körperlich, worunter er nach wie vor sehr leidet, aber seine hochtrainierten Agenteninstinke haben ihn spüren lassen, dass Carries Haus überwacht wird. Die Frage ist nur, von wem. Obwohl Quinn nicht auf der Höhe ist, gelingt es ihm doch, einige Fotos zu machen, die Carrie später hoffentlich auf die richtige Spur bringen können. Doch zwischendurch überschlagen sich die Ereignisse – die andere Seite ist auch aktiv. Oder die anderen Seiten. Denn nicht mal mehr innerhalb der CIA gilt eine Linie – Dar Adal (F. Murray Abraham) spielt ein anderes Spiel als Saul Berenson (Mandy Patinkin), auch wenn sie gemeinsam dazu abgestellt wurden, die frisch gewählte Präsidentin Elizabeth Keane (Elizabeth Marvel) geheimdienstlich zu beraten.

Ich finds ganz witzig, dass Elizabeth Marvel jetzt doch als US-Präsidentin auftreten darf – in House of Cards wurde sie als Heather Dunbar und Gegenkandidatin von Frank Underwood ja auf fiese Weise ausmanövriert. Wobei hier bestätigt wird, dass auch die fantasiebegabten Schreiber von Homeland sich nicht vorstellen konnten, dass ein Donald Trump ernsthaft als US-Präsident gewählt würde. Wobei, die ganze Welt kann es ja bis heute nicht wirklich glauben, auch wenn es tatsächlich passiert ist.

Homeland Staffel 6: Elizabeth Marvel (rechts) als Elizabeth Keane, Mrs. President-elect.

Homeland Staffel 6: Elizabeth Marvel (rechts) als Elizabeth Keane, Mrs. President-elect.

Saul Berenson jedenfalls versucht jedenfalls weiterhin mit seinen sehr weit angelegten Geheim-Operationen die Weltlage im Griff zu behalten – konkret die notorisch störrischen Iraner dazu zu bewegen, der neuen Präsidentin zu versichern, dass es kein paralleles Atomprogramm in Kooperation mit Nordkorea gibt, während Dar hinter seinem Kollegen herschnüffelt, weil er offenbar eine ganz andere Agenda hat. Jedenfalls stellt sich heraus, dass Dar sowohl mit den Israelis als auch mit den Deutschen kungelt, weil er irgendwas im Schilde führt und ihm Sauls Aktionen nicht in den Kram passen. Und nicht nur das – er zieht auch Strippen, um Quinn und Carrie auszuschalten – wobei das ja nichts Neues ist. Aber es zeichnet sich ab, dass da im Hintergrund eine ganz, ganz üble Sache läuft, wenn auch noch nicht so richtig klar ist, wer gegen wen und was überhaupt. Aber wir haben ja noch ein paar Folgen.

Ich muss aber sagen, dass ich diese Staffel bisher tatsächlich wieder deutlich besser finde, als die letzten zwei, drei Staffeln zuvor – in den USA kennen sich die Amis eben besser aus als in Berlin oder Islamabad, auch wenn sie das ungern zugeben. Gut finde ich auch, dass diese Staffel vergleichsweise bedächtig erzählt wird und sich nicht von Knalleffekt zu Knalleffekt hangelt – wobei es an Überraschungen nicht mangelt, etwa als sich herausstellt, dass der mutmaßliche V-Mann, mit dem Sekou vor seinem Tod Kontakt hatte, offenbar nicht von einer staatlichen Institution eingeschleust wurde, sondern aus dem Privatsektor kommt, wie der FBI-Mann Conlin herausfindet, nachdem Carrie ihn dazu bringen konnte, entsprechende Recherchen anzustellen. Die beiden können sich nicht ausstehen, aber brauchen einander – und es stellt sich ja immer wieder heraus, dass Carrie gerade dann richtig liegt, wenn sie einen besonders absurd scheinenden Verdacht hat. Und dass sie auf der richtigen Spur sein muss, zeigt sich spätestens, als sie Conlin mit einem Loch im Kopf in seinem Haus vorfindet – wer immer hier der Feind ist, er ist gut organisiert und handelt schnell.

Homeland Staffel 6: Quinn (Rupert Friend) und Carrie

Homeland Staffel 6: Quinn (Rupert Friend) und Carrie

Und schafft es, die gefährliche Agentin Carrie in der Folge darauf komplett zu demontieren – hier wird – wie in jeder Staffel – die Carrie-ist-verrückt-Karte gespielt, dieses Mal in einer besonders perfiden Variante, nämlich in Form einer erstaunlich kompetenten und engagierten Jugendschutz-Mitarbeiterin, die Carrie ihre Tochter wegnimmt, weil diese Mutter offensichtlich eine Gefahr für das Kind darstellt – eine manisch-depressive Ex-Agentin mit einem ausgewachsen Verfolgungswahn und Zugriff auf scharfe Waffen, eine explosive Mischung, die keinem Kind zugemutet werden kann! Nicht ganz zu Unrecht, muss ich anmerken. Aber es ist ja gut zu wissen, dass Frannie in Sicherheit ist, während ihre Mutter in den kommenden Folgen sich selbst und die Welt retten muss. Oder doch wenigstens die USA. Noch fünf Folgen, dann wissen wir, wie sie es geschafft hat.

Nachlese: Better Call Saul (2. Staffel)

Leider bin ich seit einiger Zeit in meinem Brotjob viel zu gefordert, um meine Lieblingsserien in diesem Blog Folge für Folge beschreiben zu können – immerhin habe ich meistens aber Zeit genug, sie mir wenigstens anzusehen. Wobei ich beim Highlight des diesjährigen Frühlings für eine Kritik schon wieder viel zu spät dran bin – selbstverständlich rede ich von der 2. Staffel des Breaking-Bad-Spin-offs Better Call Saul.

Auch die zweite Staffel habe ich Folge für Folge zelebriert und mir dann den Luxus geleistet, erstmal gar nicht darüber zu schreiben – dass Breaking Bad als Gesamtkunstwerk noch immer die beste Serie der Welt ist, steht ja wohl außer Zweifel, genauso wie ganz klar ist, dass auf die Breaking-Bad-Erfinder Vince Gilligan und Peter Gould Verlass ist: Sie laufen auch in der Fortsetzung von Better Call Saul zu Hochform auf. Wobei sie auch anders können, wie ich mit einem Blick in Battle Creek festgestellt habe. Doch das ist eine andere Kritik, die ich ein andermal schreiben werde.

Better Call Saul - Jimmy (Bob Odenkirk) entspannt sich. Bild: Netflix.com

Better Call Saul – Jimmy (Bob Odenkirk) entspannt sich. Bild: Netflix.com

Wie ich zur ersten Staffel bereits schrieb, findet sich in Better Call Saul genau das wieder, was ich an Breaking Bad so großartig fand: Der Mut zum großen Wurf, gepaart mit der Liebe zum Detail. Die Serie leistet sich den Luxus, skurrile Szenen nicht als Beiwerk zur Auflockerung, sondern als völlig ernsthafte Hauptsache aufzubereiten: Allein die Eingangssequenzen zu jeder weiteren Folge sind mit ihren, oft aus dem sonstigen Zusammenhang des eigentlichen Handlungsverlaufs gerissenen, rätselhaften Binnenhandlungen schon kleine Kunstwerke für sich.

Better Caul Saul - Mike (Jonathan Banks) Bild: Netflix.com

Better Caul Saul – Mike (Jonathan Banks) Bild: Netflix.com

Und in der zweiten Staffel wird das Skurrile auf die Spitze getrieben: Ob nun Mike, der inzwischen eine Rechnung mit Hector Salamanca offen hat, seiner Enkelin die Schutzbrille aufsetzt, um sie in akribisch ausgemessenen Abständen Löcher in einen Gartenschlauch bohren zu lassen, oder ob Jimmy (Bob Odenkirk) sich eine Auswahl seiner schon in Breaking Bad zu bewundernden farbenfrohen Kombinationen unmöglicher Krawatten mit nicht weniger unmöglichen Hemden und Anzügen zulegt und dann anfängt, im Büro Dudelsack zu üben, damit sein Chef ihn endlich rauswirft – das sind nun wirklich nicht die Dinge, mit denen herkömmliche Drehbuchschreiber die Handlung vorantreiben, um Zuschauer zu fesseln. Aber es wirkt genau so: Ich will einfach immer mehr davon.

Und natürlich gibt es wirklich spannende Handlungstränge: Wir erfahren, auf welche Weise Mike (Jonathan Banks) in diese fiese Sache mit dem Salamanca-Clan geraten ist und natürlich auch mehr über Jimmys Kampf, sich aus dem gigantischen Schatten seines großen Bruders zu  befreien. Charles „Chuck“ McGill (Michael McKean), der vernünftige, der ebenso korrekte wie geniale Anwalt, der zwar einen komplett-Knall hat – an seine totale Elektrosensibilität ist zwar nur eine eingebildete, wie wir in der ersten Staffel bereits erfahren haben, aber trotzdem ist sie für ihn erschöpfende Realität. Chuck versucht zwar immer wieder, Jimmy vor sich selbst zu bewahren, aber er ist zum Scheitern verdammt, schon weil es ihm gar nicht zusteht, seinem Bruder beibringen zu wollen, was gut für ihn ist und was nicht.

Better Caul Saul - Jimmy (Bob Odenkirk) und Kim Wexler (Rhea Seehorn) Bild: netlix.com

Better Caul Saul – Jimmy (Bob Odenkirk) und Kim Wexler (Rhea Seehorn) Bild: netlix.com

Chuck weiß, dass Jimmy es war, der mit seinem wiederholten Griff in die Ladenkasse ihres Vaters letztlich für den Ruin des kleinen elterlichen Geschäfts verantwortlich war: Ihr Vater war einfach ein ehrlicher, etwas naiver Mann, der an das Gute im Menschen glauben wollte. Obwohl der kleine Jimmy, der im Laden aushelfen und sein Taschengeld auf diese Weise verdienen musste, ihn vor ausdrücklich Betrügern gewarnt hatte. Aber weil sein Vater nicht auf ihn hören wollte, hat Jimmy dann dessen Glauben an das Gute in den falschen Menschen halt für auch sich selbst genutzt.

Noch bitterer der Tod ihrer Mutter: Sterbend fragt sie nach Jimmy, der sich gerade irgendwas zur Erfrischung holt, während der gute, ehrliche Chuck an ihrem Sterbebett mit ihr aushält. Das ist nicht schön. Das ist frustrierend. Doch die zweite Staffel offenbart, dass auch Chuck es faustdick hinter den Ohren hat: Vielleicht ist er seinem missratenen Bruder ähnlicher, als er es selbst wahrhaben will.

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Better Call Saul – Jimmy lässt seinen Charme spielen – Bild: Netflix.com

Natürlich hat er eine eigene Agenda, als er Kim Wexler (Rhea Seehorn), zu verstehen gibt, was der Partner, mit dem sie sich selbstständig machen will für ein Typ ist. Kim ihrerseits ist ja auch eine engagierte, begabte, aber eben auch ehrliche Anwältin, die mit den Geschäftsgebaren von Jimmy überhaupt nicht einverstanden ist. Andererseits will sieht sie, dass Jimmy auf seine sehr spezielle Weise ein gutes Herz hat.  Und sie will ihr eigenes Ding machen – deshalb willig sie ein, mit Jimmy, der nichts sehnlicher wünscht, als dass sie seine Partnerin würde – aber eben auch im Privatleben – mitteilt, sie würde es tun. Aber nur unter der Bedingung, dass sie beide nur die Räumlichkeiten und die Ressourcen teilen, und ansonsten komplett ihr eigenes Ding durchziehen würden. Jimmy auf seine Art und sie eben auf ihre. Das ist nicht das, was Jimmy sich vorgestellt hatte, aber als flexibler Pragmatiker nimmt er lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.

Better Call Saul - Mike (Jonathan Banks) und Hector Salamanca (Mark Margolis) - Bild: Netflix.com

Better Call Saul – Mike (Jonathan Banks) und Hector Salamanca (Mark Margolis) – Bild: Netflix.com

Chuck läuft daraufhin zur Hochform auf, um Kim ihren wichtigsten Kunden wegzuschnappen – indem er einfach nur den staubtrockenen Aktenfresser gibt, der er ja auch tatsächlich ist. Und siehe da: Die auf Sicherheit versessenen Großkunden wählen die etablierte Kanzlei samt ihren schier unendlichen Ressourcen und nicht die engagierte Newcomerin. Doch Chuck hat die Rechnung ohne Jimmy gemacht – und seinem Bruder ist bekanntlich jedes Mittel recht, um Erfolg zu haben: Jimmy fälscht in einer groß angelegten Aktion eine wichtige Adresse in den Gerichtsakten, die er bei seinem Bruder vorfindet, um die Sache noch in Kims, also seinem, Sinn zu drehen.

Natürlich kommt Chuck im Verlaufe des völlig misslingenden Gerichtstermins darauf – und so haben wir in bester Breaking-Bad-Manier wieder einen Cliffhanger, der die Wartezeit zur nächsten Staffel unerträglich macht. Gut nur, dass es mittlerweile so viele andere Serien gibt, mit denen sich die Wartezeit überbrücken lässt. Aber es bleibt weiterhin schwer, an Breaking Bad und Better Call Saul heranzukommen.

Better Call Saul - Charles "Chuck" McGill (Michael McKean) - Bild: Netflix.com

Better Call Saul – Charles „Chuck“ McGill (Michael McKean) – Bild: Netflix.com

Einen Tipp habe ich aus aktuellem Anlass aber doch: Bei Netflix ist seit heute London Spy verfügbar. Das ist zwar keine Serie, die in der Breaking-Bad-Liga spielt, aber ein solider Tipp für die Freunde des britischen Spionage-Thrillers. Und Ben Whishaw, Charlotte Rampling und Jim Broadbent sind auch an Bord.

Zero Days – Willkommen in der Ära des Cyberwar

Das mit mir und der Berlinale wird doch noch was – nachdem ich gestern Abend in der Premiere von Den allwarsamma leken erlebt habe – dazu muss ich gelegentlich auch noch etwas schreiben – war ich eben gerade in der Weltpremiere von Zero Days, einem Dokumentarfilm über Stuxnet und was dieses spezielle Programm für die Ära des Cyberkriegs bedeutet. Ein sehr interessanter, aber keineswegs schöner Film, auch wenn es durchaus einige Stellen gibt, die unfreiwillig komisch sind. Nichts ist mehr sicher, und das ist absolut wörtlich zu nehmen: Nichts, was das moderne Leben ausmacht, kann ernsthaft vor Angriffen mit Cyberwaffen geschützt werden, und solche Angriffe können verheerend sein.

Screenshot von Zero Days Bild: Berlinale.de

Screenshot aus Zero Days Bild: Berlinale.de

Auch die scheinbar smarte Idee Idee der Regierungen der USA und Israels, das iranische Atomprogramm zu behindern, in dem die Zentrifugen in einer Anreicherungsanlage im Iran mit einem sehr intelligent konstruierten Virus bzw. Computerwurm zerstört werden, hat eben dieses Atomprogramm am Ende viel schneller vorangebracht, als die Iraner es ursprünglich vor hatten – und sämtlichen Interessenten auf der ganzen Welt eine extrem mächtige Waffe in die Hand gegeben, die sie nun natürlich auch gegen die USA oder Israel einsetzen können. Denn seit Stuxnet entdeckt und analysiert wurde, ist es natürlich möglich, diesen Schädling in allen möglichen anderen Varianten einzusetzen.

Alex Gibney (mit Mikro) und sein Team bei der Premiere von Zero Days im Berlinale Palast

Alex Gibney (mit Mikro) und sein Team bei der Premiere von Zero Days im Berlinale Palast

Und natürlich will es keiner gewesen sein, der die Büchse der Pandora geöffnet hat – weder die USA, noch Israel haben bisher offiziell zugegeben, dass sie irgendwas mit Stuxnet zu tun hätten. Und auch sonst will keiner darüber reden – sehr viele Wortbeiträge in dem Film lauten entsprechend „Das weiß ich nicht – und wenn ich es wüsste, würde ich es Ihnen nicht sagen“.

Gut, dass Alex Gibney sich davon nicht hat entmutigen lassen und diesen Film erst recht gemacht hat. Denn es geht neben der an sich schon spannenden Geschichte von Stuxnet und seiner Entdeckung auch um die prinzipielle Gefahr entfesselter Technologie, die am Ende eine ganz andere Dynamik entwickelt, als erwartet wurde und um politische Interessen, die sich jeglicher Kontrolle entziehen – was erst einmal in der Welt ist, lässt sich nicht mehr einfangen, sondern nur sehr mühsam und mit einer gemeinsamen Anstrengung verschiedenster Interessengruppen regulieren. Und solange nicht einmal über Cyberwaffen geredet wird, sind sie ohnehin unkontrollierbar.

Zero Days räumt mit der Idee auf, dass man mit Software auf intelligente Weise Kriege gewinnen kann, ohne massenhaft Menschen zu schädigen. Eine Malware ist zwar keine Atombombe – aber es wird durchaus eine Parallele gezogen zwischen dem August 1945 und dem Juni 2010. Plötzlich ist eine neue Waffe in der Welt, die alles verändert – und man kann einfach nicht mehr zurück. Und wie die Iraner schon bewiesen haben, sind sie mit ihren Cyberwaffen längst weiter als mit ihrem Atomprogramm.

 

Romanze wird Albtraum: London Spy

Vielleicht liegt es nur an meiner Wahrnehmung – aber Spionage-Serien aus Großbritannien fristen hierzulande derzeit nur ein Schattendasein, denn gemessen an dem Wirbel der etwa um die neue Staffel der US-Serie Homeland gemacht wurde, gibt es derzeit eigentlich keine. Wobei das durchaus  sachgerecht ist, denn Spione sind natürlich dann am besten, wenn man sie nicht wahrnimmt. Andererseits ist das ziemlich schade, denn die Briten sind nun einmal Meister in Sachen Spionage. Was nicht nur die Existenz eines überaus kompetenten Überwachungsdienstes wie dem GCHQ beweist.

Mir fallen spontan jede Menge einschlägiger britischer Serien ein – von Klassikern wie Mit Schirm, Charme und Melone über The Prisoner, Dame König As, Spion bis hin zu The Secret State und ja, selbst in The Hour gibt es dieses Katz-und-Maus-Spiel zwischen der BBC und den Schnüfflern im Auftrag ihrer Majestät. Aber es gibt eine ganze Reihe aktueller Serien aus diesem Genre, die meiner Ansicht nach mehr Aufmerksamkeit verdient hätten, etwa The Game oder London Spy.

Aufgrund meiner persönlichen Präferenzen fange ich mit London Spy an – der von mir sehr geschätzte Ben Whishaw spielt hier die Rolle des Daniel Edward Holt und auch bewährte Größen wie Jim Broadbent  und Charlotte Rampling sind mit von der Partie. Das Drehbuch stammt von Tom Rob Smith – wobei ich kein ausgesprochener Fan von Tom Rob Smith bin. Ich habe Kind 44, Kolyma und Agent 6 zwar gelesen, weil ich die drei Romane interessant genug fand, um sie auch bis zum Ende durchzuhalten – inzwischen fühle ich mich längst nicht mehr verpflichtet, schlechte Bücher zuende zu lesen, denn so viel Zeit habe ich einfach nicht. Aber so richtig gut fand ich sie eben auch nicht. Wobei Kind 44 noch am besten war – leider ist ja die Verfilmung davon auch nicht so richtig gut geworden, wenn auch nicht so schlecht, wie sie von der Kritik gemacht wurde.

Mit London Spy habe ich genau das gleiche Problem: Die Idee ist wirklich interessant, die Charaktere haben Potenzial, der Plot ist spannend – aber die Motivation der jeweiligen Figuren kapiere ich einfach nicht. Das ist halt der Unterschied zwischen richtig guten Autoren, die Charaktere mit wenigen treffenden Beschreibungen für uns da draußen nachvollziehbar machen können –  wie Peter Høeg (Fräulein Smillas Gespür für Schnee), Jean-Claude Izzo (Die Marseille-Trilogie) oder, was Drehbuch angeht, Sam Esmail (Mr. Robot) und denen, die zwar eine echt gute Idee haben, aber sie leider nicht angemessen umsetzen können.

London Spy - Danny (Ben Whishaw) and Alex (Edward Holcroft) Bild: telegraph.co.uk

London Spy – Danny (Ben Whishaw) and Alex (Edward Holcroft) Bild: telegraph.co.uk

Tom Rob Smith bleibt immer holzschnittartig – wobei er sich eine Menge traut und auch viel recherchiert, weshalb ich dann doch wieder dabei bleibe, auch wenn mir das alles letztlich zu wenig subtil ist: Es wird sehr dick aufgetragen, aber am Ende gibt es keine einleuchtende Erklärung für das Warum. Dabei bin ich durchaus bereit, auch absurde Erklärungen zu akzeptieren, wenn sie denn originell sind. Aber am Ende fehlt eben genau das: Die Geschichte nimmt zwar die immer schlimmstmögliche Wendung – was aber nur okay geht, wenn man denn wüsste, warum. Aber genau das wird nicht geliefert. Es ist eben so, weil der Autor mir beweisen will, dass er knallhart ist und es einfach drauf hat.

Aber lieber wäre mir, wenn er mir beweisen würde, dass seine Charaktere es drauf haben. Aber genau das ist eben nicht der Fall – und das macht mich so unzufrieden. Letztlich werden Motivationen immer durch äußere Umstände erklärt, denen die jeweiligen Figuren ausgesetzt sind, aber nicht durch eine Sicht auf die Innenwelt der Charaktere – London Spy leidet an derselben Schwäche wie die Leo-Demidow-Trilogie: Wir erfahren ausführlich, was die jeweiligen Protagonisten tun, und das sind durchaus extreme Dinge – aber nicht, was sie dabei fühlen und denken, also warum sie das alles tun. Und genau das wäre der wirklich spannende Teil.

Obwohl London Spy trotzdem gar nicht schlecht ist, weshalb ich ja an dieser Stelle dafür Werbung mache. Denn auch eine etwas unausgegorene Spionage-Geschichte von BBC Two ist immer noch besser als das meiste, was hierzulande produziert wird. Und wie für britische Gruselgeschichten typisch gibt es menschliche Abgründe, dunkle Geheimnisse und depressive Stimmung – und das muss nicht immer logisch sein. Es funktioniert über eine gewisse Atmosphäre: Nachts im Nebel an der Themse. Oder morgens im ausklingenden Rausch nach einer durchgetanzten Nacht.

Überflüssig zu erwähnen, dass ich einfach ein Fan von London bin. Ich kenne mich da nicht wirklich aus, aber ich war einige Male für ein paar Tage dort und ich habe mich dort immer wohl gefühlt – trotz der Abzockerpreise und des verstörenden Nebeneinanders von Arm und Reich, von Luxus und Schäbigkeit. Oder vielleicht gerade deswegen.

Danny, wie Daniel Edward Holt von seinen Freunden und Mitbewohnern genannt wird, vertritt das Underdog-Segment: Er ist einer der vielen jungen Londoner, die sich irgendwie durchschlagen, er fristet seinen Lebensunterhalt, in dem er Pakete im Lager einer Logistik-Firma hin-und-her schiebt und wohnt in einer heruntergekommenen WG. Danny ist schwul, was heutzutage eigentlich kein Problem ist, und er ist romantisch und sentimental, was sich noch als Problem erweisen wird.

Eines Tages kommt er angeschlagen aus einem Nachtclub, offenbar hat er irgendwas eingeworfen und die Nacht durchgetanzt. Als er versucht, mit seinem Handy zu telefonieren, fällt es ihm herunter – genau in dem Moment als Alex vorbeikommt, der sein morgendliches Lauftraining absolviert. Boy meets Boy – es kommt, wie es kommen muss. Alex, der wie wir noch erfahren werden, eigentlich Alistair Turner heißt, fragt Danny besorgt, ob er denn okay sei und natürlich ist genau diese zufällige (?) Begegnung der Ausgangspunkt für den Rest der Geschichte.

Alistair alias Alex ist nämlich ebenfalls schwul – und ein Genie, das für einen britischen Geheimdienst arbeitet. Zwei Welten treffen sich – aber eben auch zwei Liebende. Alex hat bereits mit 15 angefangen Mathematik zu studieren, er wohnt in einer piekfeinen, großzügigen und superordentlichen Wohnung, die ohne Zweifel atemberaubend teuer ist. Dennoch findet er Gefallen am chaotischen Danny, der ganz offensichtlich aus einer anderen Welt kommt. Zwischen den beiden entspinnt sich eine Romanze, die einige Monate andauert – der erste Teil des Fünfteilers handelt hauptsächlich von der Liebesgeschichte zwischen Danny und Alex, was mir sehr gut gefällt. Denn sie ist wirklich wichtig, sonst würde der Rest der Serie wenig Sinn ergeben.

Denn Alex verschwindet plötzlich – und Dannys Leben verwandelt sich in einen Albtraum. Jetzt herrscht natürlich Spoiler-Alarm und weil meine Kinder immer mit mir schimpfen, dass ich ständig zu sehr spoilere, versuche ich, mich ausnahmsweise mal zu beherrschen. Natürlich ist das Ganze nicht mehr so richtig spannend, wenn man weiß, worauf es am Ende hinausläuft.

London Spy ist alles in allem natürlich eine ganz schlimme Geschichte – wenigstens das kann ich schon sagen. Wenn man den zweiten Teil angesehen hat, ist das auch nicht wirklich überraschend. Überraschend ist eher, dass Danny, der erstaunlicherweise über seinen väterlichen Freund Scottie (Jim Broadbent) doch in hochgestellte und überaus klandestine Kreise vordringen kann, am Ende frustrierend wenig mit seinem überbordenden Engagement ausrichten kann. Er versucht wirklich alles, aber die Übermacht, gegen die er ankämpft, ist einfach zu mächtig: Du kannst nichts tun, wenn alle gegen dich sind. Kein Schwein interessiert sich für die Wahrheit. Außer Danny. Der aber denkbar schlechte Voraussetzungen hat, sie herauszufinden und noch weniger, sie zu kommunizieren: Danny ist nämlich kein Genie. Auch wenn er nicht auf den Kopf gefallen ist und sich wirklich große Mühe gibt. Gerade weil er so hartnäckig und naiv ist, kann er sogar ein paar Punkte gegen diese übermächtigen Feinde machen – aber das Spiel gewinnen kann er nicht.

Insofern ist London Spy durchaus eine sehr wahrhaftige und zeitgemäße Serie, selbst wenn ich einige Plottwists durchaus fragwürdig finde. Am Ende bleiben eine Menge Fragezeichen. Verdammt, jetzt habe ich doch wieder gespoilert. Aber das ist es eben, was ich dann letztlich überzeugend fand: Wer immer verhindern wollte, dass das, was Alex heraus gefunden hat, in die Welt kommt – er oder sie sind wahnsinnig gut.

A Most Wanted Man

Allmählich könnte ich eine neue Rubrik „Lieblingsfilme mit Philip Seymour Hoffman“ einführen – aber leider ist die Anzahl dieser Filme ja endlich, weil Philip Seymour Hoffman definitiv keinen Film mehr machen wird, was extrem schade ist. Nach Capote, Before the Devil Knows You’re Dead oder The Master, die ich alle ziemlich gut fand habe ich nun auch A Most Wanted Man gesehen, den letzten Film mit Hoffman – und der hat mir besonders gut gefallen. Obwohl ich gar kein ausdrücklicher Fan von John-le-Carré-Verfilmungen bin. Dame, König As, Spion (von 2011) zum Beispiel fand ich ehrlich gesagt ziemlich langweilig, obwohl ich Gary Oldman, Colin Firth und Tom Hardy sehr mag.

Ganz anders aber A Most Wanted Man – der zwar auch weitgehend auf sinnlose Action verzichtet, was für mich durchaus ein Plus ist, aber trotzdem überaus fesselnd ist. Was vor allem Philip Seymour Hoffman alias Günther Bachmann zu verdanken ist. Bachmann ist der Leiter einer kleinen und sehr geheimen deutschen Anti-Terror-Einheit, die in Hamburg operiert. Aus der hamburgischen Islamisten-Szene kamen bekanntlich einige der Attentäter und Unterstützer der Attentate vom 11. September 2001, insofern ist der Standort Hamburg durchaus plausibel.

A Most Wanted Man: Michael Axelrod (Herbert Grönemeyer), Erna Frey (Nina Hoss) und Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

A Most Wanted Man: Michael Axelrod (Herbert Grönemeyer), Erna Frey (Nina Hoss) und Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

Meiner Ansicht nach spielt Hamburg seine Rolle als Stadt der Gestrandeten und Hoffnungslosen so gut wie Philip Seymour Hoffman jenen routinierten, weitgehend desillusionierten, aber dennoch sehr effektiven Spion, der sich hauptsächlich von Schnaps, Kaffee und Zigaretten ernährt und durch jahrelange Wühl- und Überzeugungsarbeit ein kleines Netzwerk an Informanten aufgebaut hat, über die er hofft, an die großen Fische in der internationalen Islamisten-Szene zu kommen, vor allem an diejenigen, die den Terror finanzieren. Dieses Hamburg ist düster, dreckig und trotzdem erstaunlich fotogen – was natürlich auch an dem ganz speziellen Kamerablick von Benoît Delhomme liegt. Ja, und die reichen Hamburger Pfeffersäcke haben natürlich auch eine ganze Reihe schicker Gebäude zustande gekriegt, damit man nicht vergisst, dass es in Hamburg auch eine Menge Geld gibt.

Unterstützt wird Bachmann bei seiner klandestinen Arbeit von Erna Frey (Nina Hoss), Maximilian (Daniel Brühl), Racheed (Kostja Ullmann) und Jamal (Mehdi Dehbi), der, wie sich herausstellt, auch noch der Sohn von Dr. Faisal Abdullah ist, von dem Bachmann annimmt, dass er zu dem Netzwerk gehört, das den IS finanziell unterstützt. Bachmann ist bei seinen Recherchen auf ein Logistik-Unternehmen mit Sitz in Zypern gestoßen, über das ein Teil der Spenden für anerkannte arabische Hilfsorganisationen abgezweigt und in dunkle Kanäle geleitet werden.

A Most Wanted Man - Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

A Most Wanted Man – Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

Als eines Tages der tschetschenische Flüchtling Issa Karpov (Gregori Dobrygin) in Hamburg auftaucht, wittert Bachmann seine große Chance. Karpov wird verdächtigt, ein radikaler, gewaltbereiter Islamist zu sein – und deshalb sind auch gleich eine Menge konkurrierender Dienste hinter dem Mann her, der Verfassungsschutz etwa und natürlich auch die CIA. Karpov versucht, den Bankier Tommy Brue (Willem Dafoe) zu kontaktieren. Das macht ihn für Bachmann und sein Team interessant: Möglicherweise ist er tatsächlich der Sohn eines russischen Militärs und Geschäftsmanns namens Karpov, der ein beträchtliches Vermögen bei eben jener Bank deponiert hat.

Issa kommt bei einer gläubigen türkischen Witwe unter, die mit ihrem Sohn in einer schäbigen Wohnung lebt, aber bereit ist, dem mittellosen Glaubensbruder zu helfen. Ihr Sohn stellt den Kontakt zu der Menschenrechtsanwältin Annabel Richter (Rachel McAdams) her – sie arbeitet für eine Initiative, die Flüchtlinge bei ihren Asylanträgen unterstützt. Und Issa ist eindeutig gefoltert worden, Annabel ist schockiert, als er ihr seine Narben zeigt und verspricht, ihm zu helfen.

A Most Wanted Man: Annabel Richter (Rachel McAdams) und Issa Karpov (Gregori Dobrygin)

A Most Wanted Man: Annabel Richter (Rachel McAdams) und Issa Karpov (Gregori Dobrygin)

Issa hat keine Papiere bei sich, aber er ist im Besitz eines Briefs seines Vaters, den er an einen Freund geschrieben hat – den Vater von Tommy Brue. Und er hat den passenden Tresorschlüssel. Annabel überzeugt den Bankier, sich mit Issa zu treffen. Issa hingeben will das blutige Geld seines Vaters gar nicht. Er will in Deutschland ein ehrbares Leben führen, wie er Annabel erklärt.

Das wiederum passt auch nicht gut zu dem, was Bachmann und seinem Team vorhaben: Der Plan ist es, mit Hilfe des Geldes – es handelt sich immerhin um 10 Millionen Euro – die Aufmerksamkeit von Dr. Faisal Abdullah zu erregen, damit Bachmann ihn endlich überführen kann. Dazu ist einiges an Überzeugungsarbeit nötig – zuerst müssen Bachmann und sein Team die störrische Annabel Richter überzeugen, dass sie Issa dazu bringen muss, dass Erbe einzufordern, damit Issa es dann großmütig an islamische Wohltätigkeitsorganisationen abgeben kann.

Annabel gibt unter dem Druck des erfahrenen Manipulators ziemlich schnell auf – immerhin ist ihr klar, dass sie allein Issa nicht retten kann. Und dann müssen die Jungs vom Verfassungsschutz ruhig gestellt werden, genau wie auch die Amerikaner, die in Form der CIA-Residentin Martha Sullivan (Robin Wright) auftreten. Sie alle finden sehr eigenartig, dass Bachmann den mutmaßlichen Terroristen erstmal in Ruhe lassen will.

A Most Wanted Man: Marthe Sullivan (Robin Wright) und Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

A Most Wanted Man: Marthe Sullivan (Robin Wright) und Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

Es stellt sich heraus, dass Bachmann und Sullivan zuvor schon aneinandergeraten sind – die CIA hat schon einmal eine von Bachmanns Missionen in Beirut vermasselt, bei der er wichtige Quellen verloren hat – was Sullivan später sogar zugibt, um Bachmann versöhnlich zu stimmen, denn sie ist schließlich auch auf gute Zusammenarbeit angewiesen. Und so verspricht sie, still zu halten, damit Bachmann seinen Plan durchziehen kann. Der hat inzwischen auch Tommy Brue überzeugt, bei der ganzen Sache mitzumachen. Letztlich funktioniert der auch, wie Bachmann das geplant hat – Issa spendet das Geld und Dr. Abdullah wird quasi als Treuhänder eingesetzt, der das Geld an die zuvor überprüften unverdächtigen Wohltätigkeitsorganisationen überweist. Im letzten Augenblick ändert Dr. Abdullah eine der Anweisungen und lässt statt dessen eben jene Reederei als Empfänger einsetzen – Bachmann hat jetzt den Beweis, auf den er solange hin gearbeitet hat.

Doch er kann seinen Triumph nicht auskosten, als er als Taxifahrer getarnt Issa und Dr. Abdullah vor der Brue-Bank abholen will, werden die beiden von einem CIA-Team entführt – und die Leute vom Verfassungsschutz schauen seelenruhig dabei zu. Resigniert fährt Bachmann davon – in seinem beige-braunen Schrammelbenz. Das ist alles frustrierend unspektakulär, genau wie Bachmanns ganzer Job, der nun durch das Eingreifen der Amis an die Wand gefahren wurde – aber genau das gefällt mir so gut.

A Most Wanted Man - Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

A Most Wanted Man – Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman)

A Most Wanted Man ist ein subtil in Szene gesetzter Spionagefilm über einen Spion alter Schule, der kein bisschen an James Bond erinnert, aber mindestens genauso viel drauf hat. Gut hat mir auch Grigori Dobrygin als Issa Karpov gefallen, Daniel Brühl als Maximilian ist dagegen etwas untergegangen – aber das lag natürlich auch an seiner Rolle als braver Teamplayer. Natürlich freue ich mich auch immer Nina Hoss zu sehen, aber es ist ein bisschen schade, dass sie für die internationalen Casting-Agenturen offenbar die perfekte deutsche Agentin ist – in Homeland spioniert sie für den BND, jetzt halt für ein anderes deutsches Team. Genau wie wir Robin Wright aus House of Cards als durchsetzungsstarke First Lady kennen – jetzt setzt sie halt für die CIA US-Interessen durch. Tja und Rachel MacAdams – die fand ich in der zweiten Staffel von True Detective eigentlich ganz gut, aber als deutsche Menschenrechtsaktivistin? Okay, hier muss ich auch gerecht sein, genau wie Daniel Brühl farblos blieb, fand ich Rachel McAdams etwas schwach – aber die Figur war halt auch so angelegt.

A Most Wanted Man - Hamburg

A Most Wanted Man – Hamburg

Was ich aus plottechnischen Gründen zwar nachvollziehen kann, aber nicht sehr überzeugend finde – so eine echte überzeugte deutsche Menschenrechtsfanatikerin lässt sich nicht so schnell brechen. Nie und nimmer. Aber was solls – Willem Dafoe ist als Tommy Brue ja auch nicht so richtig zum Zuge gekommen, aber hat seinen Part ordentlich abgeliefert. Niedlich fand ich auch Kostja Ullmann als Rasheed – dadurch war zu verkraften, dass Rami Malek gar nicht mitgespielt hat. Ach ja, für Herbert Grönemeyer gab es auch eine kleine Rolle und er hat die Musik für den Film geliefert, die mich streckenweise ziemlich an House of Cards erinnert hat. Aber das passte ja auch besser als das, was Grönemeyer sonst macht.