Tiefer Süden: Queen of the South

Im Universum der Verbrecherserien dominieren männliche Protagonisten. Insbesondere, wenn es um das besonders schmutzige Geschäft des internationalen Drogenhandels geht. Dort kommen Frauen in der Regel nur als Endnutzerinnen oder als Ware vor, oder auch beides, denn Drogen- und Menschenhandel ist oft eng verzahnt und die Mädchen und Frauen, die als Prostituierte verkauft werden, wurden mit Drogen gefügig gemacht. Oder umgekehrt, weil sie die Drogen aus welchen Gründen auch immer brauchen, verkaufen sie sich selbst. Was oft nicht lange gut geht.

Insofern ist Queen of the South von USA Network eine Ausnahmeserie, denn sie handelt vom Aufstieg der mexikanischen Geldwechslerin Teresa Mendoza (Alice Braga) zu einer mächtigen Jefa im Testosteron gesteuerten Drogenbusiness. Obwohl die Serie insgesamt durchaus Schwächen hat und an Meisterwerke wie Breaking Bad (AMC, nicht USA Network) nicht herankommt, so verdient sie meines Erachtens mehr Aufmerksamkeit als ihr, zumindest hierzulande, zuteil wird. Queen of the South ist die US-Adaption der Telenovela La Reina del Sur, die der ebenfalls in den USA operierende Sender Telemundo für die spanischsprachige Community in den USA produziert hat. Der englischsprachige Partnersender der Neuauflage ist USA Network, der auch meine Lieblingsserie Mr. Robot produziert hat. Was erklären dürfte, wie ich auf Queen of The South gekommen bin. Nun ist gewiss nicht jede USA-Serie toll, aber Queen of the South hat was.

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Titelposter Queen of the South: Teresa Mendoza (Alice Braga) Bild: Netflix

Teresa ist ein typisches (also armes) Mädchen aus Sinaloa, einem mexikanischem Bundesstaat, der vor allem für das Sinaloa-Kartell bekannt ist. Teresa verliebt sich in einen Drogenkurier, der ihr eine zeitlang ein vergleichsweise angenehmes Leben ermöglicht. Als ihr Freund ermordet wird, wird ihr klar, wie tödlich dieses Geschäft ist. Sie selbst gerät in die Fänge des Kartells und soll als Frischfleisch verkauft werden, weshalb sie sich spontan als Muli meldet – lieber will sie in ihrem Körper Drogen schmuggeln, als sich serienmäßig vergewaltigen zu lassen.

Teresa ist zäh und kämpft, sie weiß, dass sie eigentlich keine Chance hat, aber sie greift nach jedem Strohhalm und siehe da, ab und zu ist Gott mit den Unverzagten. Gerade weil sie arm war, weiß sie, dass es besser ist, reich zu sein. Und dann hat sie auch noch die Nerven, jede noch so kleine Chance zu nutzen, um genau das zu erreichen, anstatt sich der erdrückenden Übermacht der offensichtlich so viel Mächtigeren zu beugen. Teresa ist cool, berechnend und wenn es sein muss, konsequent: Verräter müssen sterben. Gleichzeitig bekämpft sie aber die in ihren Augen sinnlose Grausamkeit und Brutalität der anderen, männlichen, Kartellchefs.

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Teresa (Alice Braga) mit ihrer Freundin Brenda (Justina Machado)

Sie versucht, ein alternatives Business-Modell zu etablieren: Ihr Stoff ist besonders rein, deshalb ist die Nachfrage danach hoch und die gesundheitlichen Auswirkungen kontrollierbar. Außerdem ist sie eine überaus faire Geschäftspartnerin, die immer hält, was sie verspricht. Und ihr ist es zuwider, abhängige Menschen auszunutzen. Obwohl, oder vielleicht gerade weil, sie unter harten Bedingungen lebt und aufgewachsen ist, will sie es besser machen. Das ist ihre Entscheidung. Sie will nicht so zynisch und brutal sein, wie die Menschen, denen sie ausgeliefert war und ist. Sie entscheidet sich, es anders zu machen. 

Ihre Haltung wird von Gegnern gern als Schwäche verstanden. Aber sie erreicht mit ihrer Art, dass ihre Leute wirklich loyal sind, weil sie gut finden, wie ihre Chefin die Dinge angeht. Während ihre fiesen Gegner immer mehr Angst und Schrecken verbreiten müssen, um ihre Macht zu sichern. Natürlich wird Teresa in ihrer brutalen Sphäre trotzdem noch oft genug gezwungen, Dinge zu tun, die sie nicht tun will, um zu überleben. Und immer wieder stellt sich heraus, dass sie eine Überlebenskünstlerin ist, was im Laufe der Serie dann doch sehr strapaziert wird. Andererseits ist das bei Breaking Bad nicht anders: Immer, wenn man sich fragt, wie denn bitte schön die Protagonisten aus dieser Situation herauskommen sollen, damit die Staffel weiter gehen kann, passiert entsprechend etwas Unerwartetes.

Oder eben doch nicht sooo dermaßen unerwartet, weil die Nummer kennen wir ja schon, muss halt irgendwie klappen, weil sonst wäre ja Schluss. Dabei ist Queen of the South mittlerweile in der verdienten vierten Staffel angekommen, in der Teresa versucht, in New Orleans Fuß zu fassen. Zuvor musste sie schon eine Menge unlösbar scheinender Herausforderungen meistern, sich aus der Abhängigkeit von allmächtigen Kartellchefs befreien, durchgeknallte Produzenten von ihrem Geschäftsmodell überzeugen, skrupellose Konkurrenten aus dem Weg räumen, innovative Transport- und Bezahlmechanismen für ihr eigenes Businessmodell zu etablieren und nicht zuletzt unter dem Radar von nationalen und internationalen Strafverfolgungsbehörden zu bleiben. Was oft bedeutet, entsprechende Menschen in entsprechenden Positionen von sich zu überzeugen, auf welche Art auch immer.

Und dann gibt es auch noch Familie, wie immer die definiert wird. Für Teresa spielen Loyalitäten eine größere Rolle als ein gemeinsamer Genpool, ihre Herkunftsfamilie spielt im Grunde keine Rolle, Teresa kommt quasi aus dem Nichts. Aber sie muss ständig mit den komplizierten mexikanischen Familien- und Machtverhältnissen umgehen, die für andere in ihrem Business so wichtig sind. Wobei, mafiöse Strukturen sind auch in anderen Gesellschaften zu finden, Teresa arbeitet sich überall daran ab, egal, wohin sie geht.

Queen of the South gibt es nicht nur bei Netflix, sondern auch bei Amazon, Google Play, maxdome, Videoload, iTunes und magenta-TV, die Erstausstrahlung in Deutschland fand im Sommer 2017 bei DMAX statt.

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Hanna: Noch auf der Suche

Es gab im Jahr 2011 einen bemerkenswerten britischen Film, der in Deutschland unter dem Titel Wer ist Hanna? lief. Die Hauptrollen spielten Saoirse Ronan, Eric Bana und Cate Blanchett. Nun hat Amazon eine Serie daraus gemacht, Drehbuchautor war wiederum David Farr, der auch das Originaldrehbuch zum Film geschrieben hat. Regie führte zumindest in den ersten beiden Episoden Sarah Adina Smith, die unter anderem für Buster’s Mal Heart verantwortlich ist. Nach der Pilotepisode, die schon Anfang Februar für kurze Zeit zur Verfügung stand, war ich sehr gespannt auf den Rest der Serie. Die sieben weiteren Folgen sind seit einigen Tagen über Amazon Prime verfügbar.

Hanna (Esme Creed-Miles) Bild via imdb.com

Hanna (Esme Creed-Miles) Bild via imdb.com

Mich lockte insbesondere die Tatsache, dass Joel Kinnaman und Mireille Enos die Rollen von Erik Heller und Marissa Ziegler übernommen haben. Die beiden haben sich als ungleiches Ermittlerduo in der US-Neuverfilmung von The Killing (in Deutschland als Kommissarin Lund bekannt) bereits in die Herzen vieler Fans gespielt. Und sie machen ihre Sache auch hier wieder sehr gut. Mireille Enos brilliert als eiskalte CIA-Agentin mit ihrem widerborstigen Charme, der mit einem kleinen Lächeln Todesdrohungen aussendet. Ihre Performance ist stahlhart und subtil zugleich, wie es eben jener CIA-Superagentin entspricht, die im Job über jede Menge Leichen geht, und in der doch irgendwie noch einen Funken Menschlichkeit glimmt, auch wenn man nie sicher sein kann, ob sie den nur für ihre Tarnung aktiviert oder ob da nicht doch noch ein Rest der Frau ist, die sie vielleicht lieber geworden wäre.

Hanna: Marissa Ziegler (Mireille Enos) Bild via imdb.com

Hanna: Marissa Ziegler (Mireille Enos) Bild via imdb.com

Joel Kinnamans Erik Heller ist weniger subtil, aber als ehemaliger Soldat mit reichlich Kampferfahrung nicht weniger gefährlich. Lustig ist, dass der Schwede hier einen Deutschen spielt – weil Kinnaman aber nicht besonders gut Deutsch spricht, ist seine Figur ziemlich wortkarg, zumindest in der Interaktion mit den deutschen Freunden von früher. Mit Hanna spricht Erik englisch, es wird überhaupt die meiste Zeit englisch gesprochen, auch wenn Marissa in Paris lebt und dort Mann und Kind hat. Was offenbar in erster Linie Tarnung ist, denn Marissa geht reichlich kühl über Gefühle und Bedürfnisse ihrer Familie hinweg, der Job steht für sie ganz klar erster Stelle.

Und der ist, Hanna und Erik zur Strecke zu bringen, denn die beiden sind die letzten Überlebenden eines unglaublich geheimen Projekts, bei dem die CIA in einem streng abgeschirmten Gelände tief in den Wäldern Rumäniens genmanipulierte Superagenten züchten wollte. Erik Hellers Job war es damals, abtreibungswillige Frauen zu überzeugen, ihre Kinder auszutragen und zur Adoption freizugeben. Adoptiert wurden die Säuglinge dann allerdings von Agenten eben jenes Projekts. Weil Erik sich dann aber ausgerechnet in Hannas Mutter verliebte, die ihr Kind unbedingt wieder haben wollte, entführte er Hanna aus jenem hochgeheimen Labor, woraufhin das Experiment abgebrochen und jeder Hinweis darauf getilgt wurde.

Hanna wird als Baby von Erik Heller (Joel Kinnaman) entführt Bild via imdb.com

Hanna wird als Baby von Erik Heller (Joel Kinnaman) entführt Bild via imdb.com

Bei der Flucht kam Hannas Mutter ums Leben. Erik zog Hanna fernab jeder Zivilisation im Wald auf und bildete sie mit hartem Suvivaltraining zu einer mehrsprachigen Killermaschine aus, wohl wissend, dass sie irgendwann entdeckt würden und Hanna dann nur eine Chance haben würde, wenn sie besser und härter als ihre Verfolger kämpfen könnte. Und in dem Punkt hat Erik tatsächlich gute Arbeit geleistet. Er hat sein Leben der Mission gewidmet, Hanna das Überleben zu sichern und ihr dann ein normales Leben zu ermöglichen. Erik ist bereit, alles dafür zu opfern – der Zweikampf zwischen Marissa und Erik ist unerbittlich und kostet eine ganze Reihe Menschenleben.

Hanna: Eriks alter Freund Dieter (Benno Führmann) Bild via imdb.com

Hanna: Eriks alter Freund Dieter (Benno Führmann) Bild via imdb.com

Alles in allem bleibt die Serie ziemlich dicht an der Filmhandlung und verschenkt leider die Chance, in der längeren Zeit genau die Geschichten zu erzählen, die man hier erwarten könnte: Die Geschichte von Hannas Mutter, von ihrem leiblichen Vater, von Eriks Kindheit und seiner Motivation, sich vom zynischen Söldner, der viel Geld verdienen will, zu Hannas Beschützer zu entwickeln, der vom Leben sonst nichts mehr erwartet, Stoff gäbe es jede Menge. Aber das alles wird nur angedeutet, dafür gibt es eine Reihe nicht besonders überzeugend motivierter Nebenhandlungen, durch die erst recht klar wird, wo das Manko dieser Serie liegt: Sie löst sich nicht weit genug von der Vorlage, um etwas wirklich eigenes zu entwickeln. Die Handlung des Films wird war noch großzügig ausgeschmückt, aber es wird in den acht knapp einstündigen Teilen letztlich nicht viel mehr erzählt, als in den 111 Minuten des Originals.

Hanna: Vater (Joel Kinnaman) und Tochter (Esme Creed-Miles) Bild via imdb.com

Hanna: Vater (Joel Kinnaman) und Tochter (Esme Creed-Miles) Bild via imdb.com

Immerhin gibt es dann noch Hanna selbst, Esme Creed-Miles ist eine tolle Neuentdeckung, es ist ihr zu wünschen, dass ihr mit der Neuverfilmung von Hanna ein ähnlicher Karriereauftakt gelingt wie zuvor Saoirse Ronan. Die fand ich als Hanna fantastisch, und ich kann nicht sagen, dass Esme Creed-Miles noch besser sei. Aber sie ist auf ihre Weise genauso überzeugend als naive Superheldin, die keine Ahnung hat, womit sich ihre Altersgenossen die Zeit vertreiben, aber dank ihrer ungewöhnlichen Fähigkeiten im Zweifelsfall allen Erwachsenen überlegen ist. Und dann ist da natürlich auch noch Rhianne Barreto als Sophie, die Hannas erste und wichtigste Bezugsperson in der Welt außerhalb des hermetischen Mikrokosmos ist, in dem Erik seine Ziehtochter hat aufwachsen lassen, um sie zu schützen. Sie definiert das Stereotyp des störrischen Teenagers neu – Sophie hat keine Superkräfte, aber sie rebelliert mit ihren Mitteln gegen die verlogene Welt der Erwachsenen und ist Hanna eine treue Freundin.

Hanna: Hanna (Esme Creed-Miles) und Sophie (Rhianne Barret) Bild via imdb.com

Hanna: Hanna (Esme Creed-Miles) und Sophie (Rhianne Barreto) Bild via imdb.com

Zum Ende hin zeichnet sich ab, dass es doch noch etwas Neues gibt: Das mysteriöse Utraxprojekt wurde gar nicht eingestampft, sondern mit einem neuen Leitungsteam weiter geführt. Mit dieser Entdeckung wird dann doch die Hoffnung auf eine weitere Staffel geschürt, denn eigentlich wäre es interessant, zu erfahren, was aus den ganzen anderen Hannas wird, die sich nicht von ihrer alternativ aufgezogenen „Schwester“ befreien lassen wollten. Es wäre nicht das erste Remake, das erst in weiteren Staffeln, die sich dann zwangsläufig von der Vorlage lösen müssen, zu seiner eigentlichen Form findet: Etwa bei The Killing oder The Bridge America fand ich die Folgestaffeln der Remakes, die dann eigene Geschichten erzählt haben, besser als die Fortsetzungen der Originalserien. Insofern wäre ich dafür, dass Amazon Hanna noch eine Chance gibt, auch wenn ich die erste Staffel (insbesondere im Vergleich zum Film) insgesamt nicht so richtig gut fand.

Hanna: Amazon macht mächtig Werbung

Hanna: Amazon macht mächtig Werbung

Das realsozialistische Traumschiff

Die zweite Staffel von Deutschland 83 ist da, die konsequenterweise Deutschland 86 heißt. Allerdings handelt es sich bei der Fortsetzung streng genommen nicht mehr um eine deutsch-deutsche Spionage-Dramedy, sondern um, nun ja, darüber könnte man sich streiten, wenn man wollte. Die Kritiker der etablierten Blätter sind sich da auch nicht einig. 

Fans von depressivem Retro-DDR-Kitsch à la Weissensee könnten enttäuscht sein, denn in der zweiten Staffel geht es nach Afrika: Die HVA-Spitzenkraft Lenora Rauch (Maria Schrader) versucht in Südafrika, aus den illegalen Waffengeschäften westdeutscher Konzerne mit dem Apartheitsregime für die DDR Kapital zu schlagen, während ihr Neffe Martin (Jonas Nay) als Lehrer in einem Waisenhaus in Angola geparkt wurde. Denn eigentlich wollen die Realsozialisten ja die Unterdrückten dieser Erde im Kampf gegen die Imperialisten unterstützen. Aber wie so vieles gerät auch das zur Farce – für die Serie ist das allerdings ein Vorteil.

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Klar wird auch hier wieder ausgiebig darauf herumgeritten, wie pleite die DDR Mitte der 80er Jahre war (ähnlich wie man derzeit täglich daran erinnert wird, wie pleite diese Griechen und derzeit vor allem die Italiener doch sind) und zu welchen verzweifelten Maßnahmen die DDR-Führung gegriffen hat, um Devisen zu beschaffen, weil man mit dem „Spielgeld“ der DDR auf dem Weltmarkt nicht einkaufen konnte. 

Aber fragwürdige Geschäfte werden natürlich auch vom Westen getätigt, etwa Waffenverkäufe an Regimes, die ihre und andere Leute damit unterdrücken. Aber hey, so geht halt Kapitalismus. Doch wenn Sozialisten so etwas tun, dann verraten sie ihre Leute, und noch schlimmer, ihre Ideale. Was natürlich doppelt und dreifach schlimm ist. Wie schön ist doch die Welt, wenn man erst gar keine Ideale hat.

Ungefähr so geht auch Deutschland 86, aber alles in allem fand ich die Fortsetzung besser als die erste Staffel. Gerade weil sie unkorrekter ist als die erste Staffel und in jeder Hinsicht dicker aufträgt, macht sie einfach mehr Spaß. Was daran liegen kann, dass RTL nach dem krachenden Misserfolg der deutschen Ausstrahlung ausgestiegen ist – ich hatte ja gleich geunkt, dass ich die Serie für ein RTL-Publikum für eher nicht geeignet halte. Man muss einfach zu viel wissen, um daran Vergnügen zu finden. Und wer komplexeren Inhalten folgen kann und will, verzeiht keine Werbeunterbrechung. 

Jetzt hat Amazon übernommen. Nun war die erste deutsche Amazon-Serie You Are Wanted leider kein gutes Beispiel für eine gelungene Amazon-Serie, aber Deutschland 86 kann das ändern. Natürlich wäre auch hier noch eine Menge Verbesserungspotenzial, aber gemessen an dem, was deutsche Serien sonst bieten, ist das schon mal ein Anfang.

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Lenora Rauch (Maria Schader) und Rose Seithath (Florence Kasumba) Bild: Amazon

Es werden in der neuen Staffel eine ganze Menge Fässer aufgemacht: Internationaler Waffenhandel, in dem westdeutsche Rüstungskonzerne auf die Hilfe der DDR für die Umgehung von Sanktionen zurückgreifen, der Kampf gegen die Apartheit in Südafrika, der Stellvertreterkrieg in Angola, von westdeutschen Pharmakonzernen finanzierte klinische Studien (genauer: Menschenversuche) in der DDR, internationaler Terrorismus, der wiederum von Staaten unterstützt wird, die mit dem westlichen Modell, sich die Erde untertan zu machen, nicht einverstanden sind, die ständige Verstrickung von Interessen der nationalen Sicherheit mit dem Profitstreben, und nicht zuletzt die Versuche aller Beteiligten, dem Leben noch irgendetwas abzutrotzen, mit dem sie wenigstens für ein paar Augenblicke glücklich sein können. 

Das ist eine schwere Last, und die muss man irgendwie über die Strecke bringen. Und leider, muss man sagen, ist nichts von dem, was gezeigt wird, erfunden. Klar, die Auswahl der historischen Ereignisse und der jeweiligen Perspektive ist nicht objektiv, das kann sie auch gar nicht sein. Trotzdem hätte ich es gut gefunden, wenn nicht nur die DDR-Bürger von damals frech werden dürften: „Was hamse denn jerade da? Keen Huhn oder keen Schnitzel?“ Sind denn damals allen im Westen die gebratenen Tauben in den Mund geflogen?!

Nun ist es halt so, dass es die DDR nicht mehr gibt, insofern muss sie nun immer und immer wieder als Projektionsfläche für alles, was damals angeblich oder tatsächlich schief gelaufen ist, her halten. Und da muss man auch nichts beschönigen – das politische und wirtschaftliche System der DDR war leider so konstruiert, dass es nicht auf Veränderungen reagieren konnte, die im großen Plan der wohlmeinenden, aber eben nicht allwissenden, dafür aber allmächtigen, Führungskader nicht vorgesehen waren. Dabei weiß doch eigentlich jede und jeder, dass alles immer anders kommt. Angesichts der immer größeren Abweichungen von Plan und Realität haben die DDR-Oberen dann nicht den Plan überdacht, sondern die Realität ausgeblendet. Insofern war es nur konsequent, dass sie für die Volksbespaßung das ausgediente ZDF-Traumschiff aufgekauft haben, von dem in der Serie HVA-Chef Walter Schweppenstette (Sylvester Groth) so lange geträumt hat. Die Serienmacher bringen das schon gut auf den Punkt.

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Parteisoldat wird Punk: Martin Rauch (Jonas Nay)

Genau wie die Figur der Barbara Dietrich (Anke Engelke), ein weiblicher Schalck-Golodkowsky, gegen die jeder noch so abgefeimte McKinsey-Berater alt aussehen würde. Für Devisen geht die Dietrich über Leichen. Da muss selbst die treue Parteisoldatin Anett Schneider (Sonja Gerhardt) schlucken, die Ex-Freundin von Martin, die im SED-Apparat schnell aufgestiegen ist, weil sie die Werte der Partei wie kaum eine andere verinnerlicht hat – aber tatsächlich noch an den Sozialismus glaubt. Wobei es in Deutschland 86 weder um Sozialismus, noch um eine Kritik daran geht.

Hier werden reale Ereignisse, historische Personen und erfundene Charaktere für eine spannende Staffel bunt zusammengestrickt, wobei der eine oder andere Handlungsstrang immer mal irgendwo hängen bleibt, so dass die eine oder andere Wendung etwas zu willkürlich daher kommt. Genau diesen Mix finde ich aber ganz reizvoll, zumal die Hauptpersonen nicht mehr so holzschnittartig wirken wie in der ersten Staffel: Martin ist nicht mehr der naive Spion wider Willen, sondern beherrscht sein Handwerk  (inzwischen auch das Klavierspiel) inzwischen recht virtuos, auch wenn er selbst nicht so sicher ist, ob und für wen er seine Talente wirklich einsetzen will. Diese Ambivalenz ist überall zu spüren – und das ist gut so.

Counterpart: Zweimal Berlin

Nach meiner langen Pause ist es gar nicht so einfach, wieder einen Einstieg zu finden. Aber die Starz-Serie Counterpart ist es wirklich wert. Ich kenne mich in der US-Pay-TV-Szene nicht wirklich aus, insofern weiß ich nicht, wie groß oder klein, wichtig oder abseitig dieser Sender ist. Aber durch die absolut sehenswerten Serien Boss und Outlander ist mir dieser Laden durchaus ein Begriff. Und Counterpart ist dermaßen abgefahren, dass ich unbedingt wieder mit dem Serienbloggen anfangen muss. 

Ein Grund für meine Begeisterung ist natürlich, dass diese Serie in Berlin spielt. Okay, dass ist nicht wirklich neu oder gar originell, da gab es schon die 5. Staffel von Homeland (vom US-Sender Showtime, war gar nicht so schlecht) oder die US-Serie Berlin Station, die auf Netflix zu sehen war und die tatsächlich komplett in Berlin spielt, weil es um das CIA-Hauptquartier in Berlin geht.

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Howard auf der anderen Seite. Bild: Starz

Aber in Counterpart wird das, was Berlin als mysteriöses Machtzentrum von – nun ja, von wem eigentlich? – so faszinierend macht, noch viel besser eingefangen als in den beiden anderen Beispielen: In Counterpart geht es um alternative Realitäten, also all das, was zur Zeit des kalten Kriegs auf Berlin projiziert wurde und dann auch noch das, was Berlin aktuell ausmacht, inklusive der neusten Bausünden rund um das selbst schon an Bausünden keineswegs arme Regierungsviertel. Die für den Städtebau Zuständigen lieben nun einmal Beton, Schießscharten-Fassaden und rechte Winkel – eben die Fortsetzung der in Berlin zur Blüte gelangten Nazi-Architektur unter kapitalistischen Bedingungen.

In der ARD wurde gerade mit Babylon Berlin noch eine andere Berlinserie abgefeiert, über die ich gelegentlich auch noch was schreiben muss. Aber da geht es um die Vergangenheit. Counterpart hingegen ist die Zukunft. Oder genauer eine Zukunft, von der man sich wünscht, dass sie nicht eintreten möge, aber man weiß, dass es dafür eigentlich schon zu spät ist. Denn Counterpart zeigt das Berlin der Gegenwart und gleichzeitig den Gegenentwurf von der anderen Seite, die es inzwischen nicht einmal so lange gegeben hat, wie sie inzwischen nicht mehr existiert. Oder vielleicht existiert sie eben doch…?

In Counterpart gibt es die Doppelstadt Berlin noch, allerdings ist sie nicht mehr geteilt in Berlin-Ost und Berlin-West, sondern in, nun ja, etwas, das sich so ähnlich anfühlt, aber sehr viel komplizierter ist. Seit einem schief gelaufenen Experiment vor 30 Jahren haben sich diese beiden Realitäten auseinander entwickelt. Und unter einem Gebäude, das dem Empfangsgebäude des Flughafens Tempelhof verdammt ähnlich sieht, gibt es eine streng kontrollierte Kreuzung, an der ein Übertritt von der einen in die andere Realität möglich ist.

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Berlin in der Version des „echten“ Howard. Bild: Starz

Dass das dann ungefähr so ist wie damals an der deutsch-deutschen Grenze, ist gewiss kein Zufall. Das Ambiente und die technische Ausstattung der Serie ist der Zeit des kalten Kriegs entliehen – optisch erinnert Counterpart an den Klassiker Brasil oder an die 80er-Zeitschiene in Dark. Es gibt jede Menge analoger Apparaturen, Nadeldrucker, absurd große Magnetbandmaschinen, Laufzettel, die gestempelt werden müssen und ähnliches mehr. Aber es gibt eben auch Handys, glitzernde Wolkenkratzer und all das, was so genannte Investoren Berlin gern antun würden, wenn man ihnen endlich freie Hand einräumen würde.

Interessanterweise ist in dieser Serie das ehemalige Westberlin die behäbigere  Variante der Stadt, hier geht der Protagonist der Serie Howard Silk (J. K. Simmons) seit 30 Jahren seinem Job bei einer mysteriösen, aber offenbar wichtigen Institution nach. Er weiß zwar nicht, welchen Sinn das, was er jeden Tag tut, eigentlich hat, aber er tut es sehr gewissenhaft. Insofern geht es ihm nicht sehr viel anders als sehr, sehr vielen Berufstätigen in unserer Welt. Auch sonst ist das Leben von Howard Silk extrem übersichtlich. Er trifft sich zweimal pro Woche mit einem Freund, mit dem er das Brettspiel Go spielt. Und jeden Abend besucht er seine Frau, die im Krankenhaus liegt.

Seit 26 Jahren ist Howard mit Emily (Olivia Williams) verheiratet. Und er liebt sie offenbar sehr. Seit sie vor einigen Wochen überfahren wurde, liegt sie im Koma. Aber Howard glaubt fest dran, dass sie aufwachen wird. Er liest ihr aus ihren Lieblingesbüchern vor und bringt jeden Abend frische Blumen mit. Weil er ein freundlicher Mensch ist, bekommt die jeweils diensthabende Schwester am Empfang immer eine Blume aus seinem Strauß ab.

Die beschauliche Routine von Howard Silk wird aus den Angeln gehoben, als sein alternatives Selbst in seine Welt kommt. Plötzlich ist die Agentur, für die er schon so lange einfach nur ein Rädchen im Getriebe ist, an ihm interessiert: Ein Grenzgänger aus der alternativen Realität hat ihn ausdrücklich angefordert. Er soll dabei helfen, einen Auftrag abzuwickeln, bei dem die gut behütete Grenze zwischen Realitäten überschritten wurde: Eine Auftragskillerin von der anderen Seite mischt sich ein, ein Tabubuch ohnegleichen. Die diplomatischen Drähte zwischen beiden Seiten laufen heiß.

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Das mysteriöse andere Berlin. Bild: Starz

Howard, der überhaupt nicht kapiert, worum es eigentlich geht, soll nur gute Miene zum bösen Spiel machen und einfach nur wie der andere aussehen. Aber weil er eben ein guter Mensch ist und dazu noch, wie der alternative Howard sagt, immerhin ein Gehirn hat, benutzt er die Gelegenheit, möglichst viel über sein alternatives Leben herauszufinden. Das ist natürlich nicht unbedingt schön. Aber genau das macht auch den Reiz der Serie aus: Was wäre denn, wenn alles anders gekommen wäre?

Der Howard aus der anderen Welt, in der es die Bar im Café Moskau noch für den Publikumsverkehr gibt, ist sehr viel cooler als der „echte“ Howard. Er ist ein echter Agent, der Leute umbringt, Spiele gewinnt und einfach sein Ding macht. Der „echte“ Howard fliegt relativ schnell auf, weil die alternative Emily weiß, dass ihr Ex sie niemals im Krankenhaus besucht hätte und auch die Tochter schöpft Verdacht: Noch nie hat sich ihr echter Vater für sie interessiert. Insofern ist Counterpart kein klassischer Spionagethriller. Es ist eher ein Familiendrama, in dem es um mehrere Familien geht, deren Wege sich mehr oder weniger zufällig gekreuzt haben. Und es geht um die Interaktion verschiedener Realitäten.

Was ich aber absolut als Vorteil werten möchte: Klassische Spionagethriller gibt es nun wirklich mehr als genug. Aber dieses Spiel mit dem Was-wäre-wenn, das ist schon ziemlich gut. Und dieser eigenwillige Technik- und Designmix auch, Counterpart ist gewissermaßen ein Retro-Science-Fiction. Insofern ein glattes „Muss man sich unbedingt ansehen“. Auch als Nicht-Berliner.

Berlin Station: Amerikaner in Berlin

Als ich vor ein paar Tagen nach Hause kam, standen hinter meinem Wohnblock mehrere Mietlaster. Hinter den Windschutzscheiben Schilder, die darauf schließen ließen, dass Anonymous Content just in meiner Gegend dreht – und weil das ja auch die Produktionsfirma hinter meiner Lieblingsserie Mr. Robot ist, musste ich gleich mal recherchieren, was die hier in Berlin gerade tun. Offenbar wird derzeit die zweite Staffel von Berlin Station hier gedreht – und so setzte ich alles daran, an die erste Staffel dieser Serie zu kommen, die leider noch gar nicht in Deutschland ausgestrahlt wurde. Aber wie ich inzwischen gesehen habe, kommt sie ab dem 18. Juli auch hierzulande auf Netflix. Insofern brandaktuell!

Screenshot Berlin Station: Reichstag in Berlin

Screenshot Berlin Station: Reichstag in Berlin

Berlin Station wurde vom US-Kabelsender Epix in Auftrag gegeben und im Herbst vergangenen Jahres in den USA ausgestrahlt. Von dem Sender hatte ich zuvor noch nie gehört, meinen Recherchen zufolge wurde er erst Ende 2009 gegründet, womit er der jüngste unter den Premium-Kabelsendern der USA sein dürfte. Epix gehört zum Metro-Goldwyn-Mayer-Imperium und hat sein Hauptquartier im Bertelsmann Building in New York. Nun sollte man wissen, dass Bertelsmann ein deutscher Medienkonzern ist, der in Gütersloh sitzt. Zu Bertelsmann gehören die RTL Gruppe, Penguin Random House, Gruner & Jahr, BMG, Arvato und diverse weitere Bertelsmann-Unternehmen. Soviel zur Medienmacht von Bertelsmann und den Verbindungen zu Deutschland – es ist ja schon interessant, dass eine von einem US-Network in Auftrag gegebene und offenbar für ein US-Fernsehpublikum konzipierte Serie komplett in Berlin spielt – und in Berlin bzw. Potsdam Babelsberg produziert wird.

Screenshot Berlin Station: U-Bahnhof Alexanderplatz

Screenshot Berlin Station: U-Bahnhof Alexanderplatz

Okay, wir hatten das schon einmal mit der fünften Staffel von Homeland – wobei Homeland ja nun eine durch und durch amerikanische Serie ist, auch wenn sie CIA-bedingt immer wieder außerhalb der USA spielen muss, schließlich ist die CIA nun einmal der Auslandsgeheimdienst der Staaten. Um die CIA geht es auch in Berlin Station – und Berlin ist ja nun auch ein cooler Ort, es muss nicht immer Teheran, Bagdad oder Abu Dhabi sein. Die Sprachbarriere ist in Berlin auch nicht wirklich ein Problem, zumindest die jüngeren Berliner sprechen sehr viel besser Englisch als ein Durchschnittsamerikaner Deutsch, selbst wenn der in Deutschland arbeitet – was für unsereins eigentlich ein Running Gag solcher Serien ist: Es ist einfach zu putzig, wenn Amerikaner versuchen, Deutsch zu reden. Ja, gewiss ist es auch putzig, wenn Deutsche Englisch reden, aber wir werden hierzulande ja wesentlich häufiger zum Gebrauch von Fremdsprachen gezwungen – zumindest wenn wir auf der Höhe der Zeit bleiben wollen. Schon weil es viel zu lange dauert, bis die interessanten US-Serien hierzulande offiziell verfügbar sind. Da ziehen wir uns das doch lieber gleich in der Originalsprache rein.

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) auf den Dächern von Berlin

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) auf den Dächern von Berlin

Damit zurück zur Serie – in Berlin Station wird tatsächlich viel Deutsch gesprochen, was durchaus für die Serie spricht. Denn warum sollten Deutsche untereinander nicht deutsch sprechen?! Deutsch mit englischen Untertiteln ist auch mal ganz lustig. Es sind entsprechend eine Reihe deutscher Schauspieler mit dabei, etwa Bernhard Schütz als Hans Richter, der ein hohes Tier beim deutschen Verfassungsschutz ist, Victoria Mayer als Ingrid Hollenbeck, einer Chefredakteurin der Berliner Zeitung, Claudia Michelsen als Patricia Schwarz, der deutschen Kusine von Agent Daniel Miller (Richard Armitage) oder Sabin Tambrea als – nun ja, einer sehr tragischen Figur mit vielen Facetten, die im Grunde der Auslöser der aufsehenserregenden Aktionen des geheimnisvollen Thomas Shaw ist.

Worum es geht: Der CIA-Analyst Daniel Miller entdeckt eine Verbindung zwischen scheinbar zusammenhangslosen Leaks, bei denen äußerst sensible Informationen über die Arbeit der CIA an die Öffentlichkeit gelangten. Es scheint sich dabei immer um den selben Whistleblower zu handeln. Das aktuellste Leck wird ausgerechnet von der Berliner Zeitung veröffentlicht. Also wird Miller nach Berlin geschickt, um den Whistleblower zu enttarnen. Die Ironie dabei: Daniel Miller ist ein geborener Berliner. Seine Mutter wurde brutal ermordet, als er acht Jahre alt war. Weil sein Vater Amerikaner war, wuchs er nach dem Tod der Mutter in den Staaten auf.

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) inside Berliner Zeitung

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) inside Berliner Zeitung

In Berlin trifft Miller (der übrigens nur noch schlecht Deutsch spricht) zwei sehr unterschiedliche Typen: Den Chef der titelgebenden Berlin Station Steven Frost (Richard Jenkins), der bereits zu Zeiten des Kalten Kriegs bei der CIA angefangen hat und auf Hector DeJean (Rhys Ifans), der ihn in seinen neuen Job einweisen soll. Auch Hector ist ein Veteran, und wie sich herausstellt, gibt es eine alte Geschichte zwischen Hector und Daniel – die dazu führte, dass Daniel sich aus dem Dienst im Feld zurückzog und fortan als Analyst seinen Dienst tat.

Ich will jetzt nicht den Fehler wiederholen, den ich viel zu oft mache – nämlich eine komplette Inhaltsangabe der Serie zu liefern. Nur so viel: Mir gefällt Berlin Station sehr gut – die Handlung ist nicht so hysterisch und an den Haaren herbeigezogen wie bei Homeland. Was ich auf jeden Fall als Plus werte: Hier gibt es keine manisch-depressiven Superagentinnen und auch keine Kriegshelden, die möglicherweise umgedrehte islamistische Selbstmord-Attentäter sind. Die Figuren in Berlin Station sind realistischer, was sie aber nicht weniger interessant macht. Denn alle haben für das, was sie tun, einen guten Grund. Und die Serienmacher nehmen sich die Zeit, um die Motive der jeweiligen Hauptfiguren nachvollziehbar zu erklären.

Screenshot Berlin Station: Der Mann im Hintergrund - Hector DeJean (Rhys Ifans)

Screenshot Berlin Station: Der Mann im Hintergrund – Hector DeJean (Rhys Ifans)

Dadurch wird die Handlung alles in allem ziemlich vorhersehbar – was von Adrenalinjunkies vielleicht als Minus gewertet werden kann. Aber in Berlin Station geht es eben nicht um möglichst abgefahrene Plottwists, sondern um eine vergleichsweise solide Story über den zu enttarnenden Whistleblower, der sich Thomas Shaw nennt (es wird am Ende auch gezeigt, wie er auf genau diesen Namen gekommen ist) und die oberen Chargen der CIA-Station in Berlin ganz schön in Bedrängnis bringt. Denn es werden nicht nur hässliche Details der die Methoden der CIA ausgeplaudert – die ja spätestens seit dem Abu-Ghraib-Folterskandal einer breiten Öffentlichkeit ohnehin bekannt sind – sondern auch über Verbindungen zu den deutschen Geheimdiensten, was die Deutschen ganz schön ärgert. Und die können ziemlich nerven, wenn sie verärgert sind. Wie diese Chefredakteurin der Berliner Zeitung, die sich aus Sicht der CIA in verantwortungslosester Weise von Thomas Shaw instrumentalisieren lässt und seine Leaks veröffentlicht. Doch auch die Leute vom Verfassungsschutz sind nicht glücklich darüber.

Screenshot Berlin Station: Ingrid Hollenbeck (Victoria Mayer), heimlich überwachte Chefredakteurin der Berliner Zeitung

Screenshot Berlin Station: Ingrid Hollenbeck (Victoria Mayer), heimlich überwachte Chefredakteurin der Berliner Zeitung

Und dann sind da noch die Israelis, die dem Chef der Berliner CIA-Station Robert Kirsch (Leland Orser) behilflich sind, weil er doch als Jude einer von ihnen sein sollte, woran sie ihn mehr oder weniger sanft erinnern müssen: Eine Hand wäscht die andere und sowohl gegen die Deutschen, als auch gegen die Islamisten müssen sie doch zusammen halten. Dass es mit den jeweiligen Fronten und Loyalitäten nicht so einfach ist, wird immer wieder und an vielen Stellen gezeigt – insofern ist Berlin Station dann doch wieder komplex genug, um einen fortgeschrittenen Serienjunkie wie mich zufrieden zu stellen. Natürlich geraten hier auch Zivilisten zwischen die Fronten, die eigentlich nur Gutes tun wollten, es gibt eine ganze Reihe bedauerlicher Kollateralschäden.

Steven Frost (Richard Jenkins), Chef der Berlin Station

Steven Frost (Richard Jenkins), Chef der Berlin Station

Wie im wahren Leben ist alles ziemlich komplex – so hat der Islamistische Terror auch in Deutschland mitunter ein weibliches Gesicht und die Haltung Deutschlands in der Flüchtlingsfrage wird natürlich nicht nur von deutschen Rechten und Konservativen instrumentalisiert, um Stimmung gegen die Fremden zu machen, sondern auch findige Terrorunterstützer nutzen Institutionen, die angeblich Flüchtlingen helfen sollen, um Unterstützer des IS-Terrors zu rekrutieren. Gute Absichten werden eben auch von genau den Leuten ausgenutzt, die man eigentlich überhaupt nicht unterstützen wollte. Und umgekehrt: Der von den USA ausgerufene Krieg gegen den Terror mit seinem gnadenlosen Repressionssystem von Blacksites außerhalb der USA führt eben auch dazu, dass aus eigentlich harmlosen Verdächtigen, die zufällig in die Folter-Maschinerie geraten sind, am Ende wirklich Täter werden.

Berlin Station: Immer wieder historische Bilder der Mauer

Berlin Station: Immer wieder historische Bilder der Mauer

Insofern ist Berlin Station trotz kleinerer Schwächen in der Story eine der besseren Spionage-Serien – natürlich gibt es von mir auch einen gewissen Berlin-Bonus. Wobei man wirklich einiges von Berlin sieht, die Stadt ist auch nicht so absurd zusammengeschnitten wie man das von anderen Produktionen kennt, und zwar auch von deutschen Serien und Filmen, in denen die Leute in der U-Bahn am Alexanderplatz aussteigen und dann am Potsdamer Platz oder am Ku’damm rauskommen. Obwohl schon interessant ist, dass die geheimen Wohnungen der CIA durchweg schon Jahrzehnte vor der Wende nicht mehr renoviert wurden. Liebe Amerikaner – es stimmt nicht, dass Berliner Wohnungen alle noch im 70er-Jahre-Stil (oder älter) eingerichtet sind, auch wenn das unter Hipstern vielleicht gerade wieder angesagt ist. Und auch noch ein Tipp für Thomas Shaw: Die Berliner Zeitung kennt außerhalb Berlins kaum jemand – vielleicht beim nächsten Mal doch ganz professionell bei Wikileaks leaken? Oder ein Fake-Account bei Facebook einrichten?

Screenshot Berlin Station: Potsdamer Platz

Screenshot Berlin Station: Potsdamer Platz

Alle Himmel sind gleich – aber manche sind gleicher

Das ZDF wollte mal wieder Geschichte schreiben – und weil die jüngere deutsche Geschichte vor allem eine Geschichte über die deutsche Teilung ist, geht es in dem ZDF-Dreiteiler Der gleiche Himmel um Stasispione und ihre ebenso weiblichen wie westlichen Zielpersonen, denen sie Geheimnisse über die militärische und politische Lage des feindlichen Lagers entlocken sollen. Und darum, dass es im Westen halt schöner, bunter und in jeder Beziehung besser war als im grauen, freudlosen Osten. In dem zwar keiner Not leiden, aber dafür alle den Mund halten mussten. Und um ein dunkle west-östliche Familiengeschichte, die ebenso gnadenlos überkonsturiert wie absurd ist. Doch eins nach dem anderen.

Zu meiner eigenen Überraschung hatte ich nicht, wie sonst oft das Bedürfnis, nach zehn Minuten anzuschalten bzw. das Programm zu wechseln. Was aber nicht daran lag, dass das ZDF plötzlich die Kurve gekriegt hätte und auf einmal Mehrteiler produzieren würde, die tief, subtil und überraschend gut wären. Ich würde es eher mit Faszination des Grauens überschreiben, denn Der gleiche Himmel bietet genau die Holzhammer-Kost, die man von diesem Sender gewohnt ist. Natürlich konnte ich mir nicht alle drei Teile am Stück reinziehen, sondern immer nur einen pro Abend, aber das war ganz gut auszuhalten, schon weil sich das deutsche Fernsehen immer dermaßen viel Mühe mit der Ausstattung gibt – die 70er Jahre sahen tatsächlich ungefähr so aus wie jetzt im Fernsehen. Ich weiß das, denn 1974, dem Jahr, in dem die Agentenoper spielt, bin ich in die erste Klasse gekommen. In der BRD allerdings, also da, wo die Leute VW-Käfer, R4 oder Mercedes fuhren, nicht in Trabbi-Land.

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Friederike Echt), Lars Weber (Tom Schilling) Laure Faber (Sofia Helen) Ralf Müller (Ben Becker) Bild: zdf

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Friederike Becht), Lars Weber (Tom Schilling) Laure Faber (Sofia Helen) Ralf Müller (Ben Becker) Bild: zdf

Der Anfang der Handlung so holzhammermäßig, dass es schon fast Richtung Satire geht, und da bin ich ja gleich dabei. Leider ging es nicht so lustig weiter. Aber wenn der Stasiausbilder seinen Stasischülern, die alle brav wie Erstklässler an ihren hölzernen Pulten sitzen, erklärt, wie eine Frau tickt, präziser: Wie das weibliche Hirn funktioniert, dann weiß er, wovon er spricht. Denn die Frauen werden sich später netterweise genau an dieses Drehbuch halten, womit die Mission des aufstrebenden Stasischülers dann irgendwie auch erfolgreich ist, wobei mir gerade auffällt, dass für die Geschichte erstaunlich egal ist, was da an Informationen eigentlich abgeschöpft werden soll.

Aber zurück auf die Schulbank für angehende Ost-Spione. Gute Sozialisten wissen: Frauen haben durchaus ein Gehirn! Aber auch die bestausgebildetsten Datenanalystinnen der westlichen Welt sind eben Frauen. Und die werden, so ist das bei Frauen nun einmal,  von ihren Emotionen gesteuert, also rechte Hirnhälfte, die wiederum für das linke Auge zuständig ist. Über das linke Auge der jeweiligen Frau hat der findige Romeo-Agent quasi den direkten Zugriff auf das westliche Datencenter. Jetzt gilt es also nur noch die richtigen Passwörter zu finden, mit denen die jeweilige Alte zu knacken ist.

Das ist tatsächlich so schlecht, dass es schon wieder gut ist, nur ist dieser Scheiß kein Privileg sozialistischer Ideologie, auch die Westler befleißigen sich bis heute idiotischer Modelle aller Art, um die Welt zu erklären und zu beherrschen – aber ich schweife schon wieder ab. Tatsächlich habe ich mit das alles auch deshalb angesehen, weil ich Tom Schilling als Schauspieler wirklich gut finde, auch wenn ich ihn für diese Rolle inzwischen doch zu alt fand – aber, wie er als Agent erklärt: „Vielleicht bin ich eine alte Seele.“ Wie ein 25jähriger sieht er tatsächlich nicht mehr aus.

Der erste Schritt für Lars Weber (Tom Schilling) ist getan: Er hat seine

Der erste Schritt für Lars Weber (Tom Schilling) ist getan: Er hat seine „West-Wohnung“ bezogen. Wird er seinen Auftrag erfolgreich abschließen können? Bild: zdf

Und ich mag auch Sofia Helin, die seine Zielperson Lauren Faber spielt. Als leicht autistische Kommissarin hat sie mir in Die Brücke wirklich gut gefallen. Natürlich ist sie auch als Lauren Faber überzeugend – eine alleinerziehende Mutter eines 17jährigen, ziemlich missratenen Sohnes, die für den britischen Geheimdienst arbeitet. Der sie wiederum auf dem Teufelsberg einsetzt, einer US-Abhörstation in Westberlin, mit der die NSA nicht nur den Osten, sondern auch den Westen belauscht.

Für ihre Figur haben sich die Serienmacher wenigstens eine halbwegs glaubhafte Legende ausgedacht – Lauren ist schwedisch-britischer Herkunft und hat einen Deutschen geheiratet. Das erklärt, warum sie sowohl perfekt Englisch, als auch Deutsch spricht – Deutsch allerdings mit leichtem schwedischen Akzent. Ihr Mann hat sie aber mit dem Kind sitzen lassen und sich wieder nach Westdeutschland verdrückt, ihr Sohn pubertiert wüst vor sich hin.

Lauren macht ihren Job natürlich gut, sie ist erfahren, umsichtig und pflichtbewusst – genau deshalb fühlt sie sich als Mutter als Versagerin. Was ihr Sohn natürlich ausnutzt: Er beklaut sein Mutter und verkifft das Geld, hört gern laut Musik und sperrt sich in sein Zimmer ein, das mit RAF-Fahndungsplakaten geschmückt ist – ziemlich normaler 70er-Jahre-Teenie würd ich mal sagen, aber für eine Frau wie Lauren ist das alles wirklich schlimm. Zumal sie ziemlich einsam ist: Außer ihrer jungen Kollegin Sabine Cutter (Frederike Becht) hat sie eigentlich niemand, mit dem sie reden oder sonst irgendwas unternehmen kann. Ein ideales Opfer also für Romeo-Agenten Lars Weber.

Der gleiche Himmel: Lauren (Sofia Helin) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Der gleiche Himmel: Lauren (Sofia Helin) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Aber die Sache läuft aus dem Ruder – Lauren überlebt die Mission nicht. Und Lars wird jetzt auf Sabine angesetzt, die ihm von Anfang an viel besser gefallen hat als die deutlich ältere und weniger attraktive Lauren, die aber genau deshalb ja auch das leichtere Opfer war. Aber Sabine ist praktischerweise die Adoptiv-Tochter eines ranghohen NSA-Offiziers, der mit einer Deutschen verheiratet ist – vermutlich ist das auch der Grund, warum die vergleichsweise junge Sabine schon so einen verantwortungsvollen Job hat. Sie ist das weibliche, westliche Gegenstück zum Erfolgsossi Lars Weber – ja, und es ist tatsächlich so, wie man jetzt ahnen soll, aber wünscht, dass es eine andere Erklärung geben möge:  Immer wieder wird ein Bild von einer Frau gezeigt, die zwei Säuglinge im Arm hält.

Sowohl in der Plattenbau-Wohnung, die Lars mit seinem Vater Gregor (Jörg Schüttauf) teilt, der ebenfalls bei der Stasi ist, aber sich damit begnügt die Nachbarschaft zu überwachen, als auch in der Villa der Familie Cutter gibt es dieses einen Abzug dieses Fotos. Dagmar Cutter (Claudia Michelsen) ist also Lars’ Mutter, die damals in den Westen abgehauen ist und von der Lars nichts weiß, genau wie er auch nichts von einer Zwillingsschwester weiß. Und Vater Gregor ist zwar der einzige, der von Lars geheimer Mission weiß, aber er weiß offensichtlich auch nicht viel mehr. Dafür ist Gregor der Prototyp des überzeugten Sozialisten, der an den Sieg der guten Sache glaubt und seinen Sohn zu einem guten Staatsbürger erzogen hat – deshalb macht er ja auch den Blockwart (dafür hängt er sich auch gut sichtbar einen großen Feldstecher um den Hals – die Leute sollen durchaus sehen, was er tut) und ermahnt die Menschen, sich nicht vom Westfernsehen verblenden zu lassen. Und er päppelt liebevoll ein Vögelchen auf, das sich den Flügel verletzt hat – schaut ihm aber doch recht nachdenklich hinterher, als es davon fliegt.

Der gleiche Himmel: Gregor Weber (Jörg Schütthauf) Bild: zdf

Der gleiche Himmel: Gregor Weber (Jörg Schütthauf) Bild: zdf

Einerseits ist die Geschichte nicht wirklich schlecht. Wobei die Komplexität dann doch wieder arg gekünstelt ist: Weil Der gleiche Himmel ja mehr sein soll als ein einfach nur weiterer Agententhriller, wird ein Panorama der Zeit aufgespannt – was eigentlich eine gute Idee ist, 1974 war ein interessantes Jahr. Schon wegen der Fußball-WM, in der die DDR die BRD zwar besiegte, die BRD aber trotzdem Weltmeister wurde.

Genau das ist ja das Thema:  Der Osten hat zwar ab und zu mit ach und krach einen Punkt gegen den Westen geholt – aber im Prinzip ist der Westen eben hoffnungslos überlegen, egal wie die Ossis sich abzappeln. Sie haben halt auf das falsche System gesetzt und das wird auch hier wieder ausgiebig in Filmform zelebriert. Einmal mehr wird all das gezeigt, was im Osten so richtig schlecht war: Die Bespitzelung der eigenen Bevölkerung  – was an der DDR zwar ununterbrochen kritisiert wird, im Westen aber, wenn man die Zeichen richtig deutet, ja endlich mal hoffähig werden soll, nur dass es jetzt nicht die Stasi oder der KBG ist, die alle unsere Daten sammeln und auswerten, sondern gute kapitalistische Großkonzerne wie Google, Facebook und Amazon. Deshalb gibt es in Der gleiche Himmel auch die ganzen anderen hässlichen Sachen, Romeo-Agenten für den Westen, Doping von Staats wegen, Fahnenappell und Fahnenflucht, in diesem Fall eine versuchte Republikflucht durch den Bau eines Tunnels vom Osten in den Westen.

Schon irre, was sich die Menschen einfallen lassen, um in den vermeintlich goldenen Westen zu gelangen. In dem aber auch nur mit Wasser gekocht wird – zumindest einer der Agenten sieht das so, der herrlich schmierige, kettenrauchende und Junk-Food fressende Macho Ralf Müller (Ben Becker), der zwar Westberliner ist, aber für die Stasi arbeitet. Weil er halt irgendwie so eine subversive Ader hat, wie er Lars erklärt, als der ihn danach fragt. Besonders nachvollziehbar ist das zwar nicht, aber einer muss den Job ja machen.

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Frederike Echt) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Frederike Becht) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Andere legen sich lieber krumm oder animieren ihre Kinder, das zu tun – etwa die ehrgeizige Gita Weber (Anja Kling), die Frau von Gregors Bruder Conrad (Godehard Giese), die im Plattenbau gleich nebenan wohnen. Mutter Gita ist so stolz auf ihre Töchter – die ältere soll Medizin studieren, die jüngere, Klara (Stefanie Amarell), schafft die Aufnahme in den Olympia-Kader der Schwimmerinnen. Dort bekommen die Mädchen von ihrem fiesen Trainer Doping-Medikamente, die sie zwar schneller machen, von denen ihnen aber auch Haare auf der Brust wachsen. Aber das Training ist Trainer-Sache, das wird den vielleicht dann doch besorgten Eltern eingetrichtert. Um die Überlegenheit des Sozialismus zu demonstrieren braucht es eben Opferbereitschaft und Goldmedallien.

Ich finde solche Methoden absolut nicht okay und total kritikwürdig – aber interessanterweise ist das Doping-Problem im Leistungssport mit dem Zerfall des Ostblocks nicht verschwunden, es dopen ja bekannterweise auch Athleten des freiheitlichen Westens, nur vermutlich nicht, weil der Trainer es empfiehlt, sondern aufgrund ihrer frei getroffenen Entscheidung, besser als die anderen sein zu wollen. Das ist natürlich etwas ganz anders. Obwohl, das kann und muss man der DDR ankreiden, sie war ja der Staat, der es doch eigentlich besser machen wollte als die auf Ausbeutung abzielenden Kapitalisten, um die Konkurrenz der Einzelnen untereinander zugunsten einer Orientierung auf das Gemeinwohl abzuschaffen. Epic Fail heißt ein solche Versagen heutzutage wohl – in dieser Hinsicht war die DDR tatsächlich ein Failed State. Und überhaupt: Wenn ein Staat glaubt, seine Bürger einsperren zu müssen, damit sie ihm nicht weglaufen und dann nicht selbstkritisch genug ist, zu analysieren warum das der Fall ist und wie man das abstellen kann, dann verdient er eben auch nichts anderes. Das blöde ist nur, dass wir heute keine überhaupt keine Alternative mehr haben.

Axel Lang (Hannes Wegener, r.) erklärt seinen Schülern im Physikunterricht die Auftriebskräfte. Bild: zdf

Axel Lang (Hannes Wegener, r.) erklärt seinen Schülern im Physikunterricht die Auftriebskräfte. Bild: zdf

Und das merkt man eben auch dieser Produktion an: Sie bebildert im Grunde dieses ganze alternativlose Weiter so!, das in Deutschland seit der Jahrtausendwende die Maxime deutscher Politik und damit irgendwie auch gesellschaftlich relevante Handlungsanweisung für uns alle ist. Durch die Demontage wichtiger sozialer Errungenschaften in Ost UND West wurde Deutschland für den Weltmarkt und die Weltpolitik zugerichtet, wir sind wieder wer, nicht nur Fußball- sondern auch Exportweltmeister, verlässlicher NATO-Partner und informelle Führungskraft der EU. Und es ist eigentlich egal, wie „wir“ das geschafft haben – Hauptsache, es geht irgendwie so weiter. Genau so funktioniert das Drehbuch dieser Geschichte hier.

Und da drängen sich Fragen auf, etwa: Wozu das alles, wenn es den meisten Menschen im Lande damit gar nicht gut geht? Der aktuelle Armutbericht der Bundesregierung war ja wieder so desillusionierend, dass er umfassend frisiert werden musste, damit die dafür zuständige SPD-Ministerin damit noch irgendwie leben kann. Interessant natürlich, dass genau dieses Gefühl wieder nur anhand der üblichen Klischees über die untergegangenen DDR gezeigt wird, während im Westen zwar nicht alles gut, aber doch vieles besser ist. Weil es hier Kapitalismus, also Freiheit und Demokratie gibt. Wobei, die DDR hat das „Demokratisch“ sogar in ihrem Namen. Aber das war die falsche Sorte Demokratie, die nämlich ohne Alternative. Oder habe ich da was verwechselt?

Immerhin wird angedeutet dass die NSA mit ihren schicken Lauschantennen auf dem Teufelsberg auch ihre westlichen Verbündeten abhört – auch die Amis verlassen sich auf ihren Lenin: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“

Da sind sich letztlich Stasi-Agent Lars und NSA-Vater Cutter gar nicht so unähnlich. Aber das ist eben auch wieder ein Beispiel für die allgemeine Beliebigkeit an der die ganze Sache krankt: Die Motivation der Charaktere ist jeweils mehr als schematisch. Wir haben den guten Sozialisten Gregor, die verzweifelt um Anerkennung ringende kleine Schwester einer erfolgreichen älteren Tochter und eine auf materielle Vergünstigungen geifernde Mama. Ach ja, einen schwulen Ossi-Lehrer und dessen ebenso schwulen, aber weniger coolen dicken Freund haben wir auch noch, dazu noch ein paar Verschwörer, die abhauen wollen und einen schwulen Ausländer, der irgendwie auf schwule Ossis steht und einfach nur helfen will, aber missverstanden wird.

Klara Weber (Stephanie Amarell, l.), Gita Weber (Anja Kling, M.) und Juliane Weber (Muriel Wimmer, r.) Bild: zdf

Klara Weber (Stephanie Amarell, l.), Gita Weber (Anja Kling, M.) und Juliane Weber (Muriel Wimmer, r.) Bild: zdf

Aber was ist mit den Hauptfiguren? Warum tut Lars das, was er tut? Einerseits wird in dem, was er vor sich hinfaselt, ja eine gewisse Tiefe angedeutet, aber dann entpuppt er sich doch immer wieder als gnadenloser Opportunist, der seine Erfolge genießt und erstaunlich wenig darunter leidet, dass seine erste Zielperson einen frühen und rätselhaften Tod stirbt. Aber dafür kriegt er ja dann auch die schnittige Sabine. Was noch irgendwie okay gehen würde, wenn sie nicht seine Schwester wäre.

Es ist ja nicht so, dass ich gewagte Plotwists prinzipiell ablehnen würde. Elliot Anderson kann sich in Mr. Robot ja auch nicht an seine Schwester Darlene erinnern – die sich aber schon an ihren verrückten Bruder, der halt immer mal wieder wichtige Dinge vergisst. Letztlich erklärt diese Sache ja auch, WIE verrückt Elliott ist und ist insofern wichtig für die Handlung an sich. Aber in Der gleiche Himmel sehe ich das nicht – Lars ist nicht verrückt, er ist einfach gut in seinem Job, und er könnte jede Frau rumkriegen. Warum dann also seine Schwester? Um auszudrücken wie pervers das alles mit der Mauer war? DAS wissen wir doch ohnehin.

Trotzdem liegt Mauerbau im Trend. Liebes ZDF, mach doch mal was Perverses über die USA. Mit Mauer, Sex und NSA. Sollte so schwierig nicht sein.

Homeland: Wieder zuhause

Es gibt so Serien, die sehe ich eher aus Gewohnheit – eine davon ist Homeland. Hier ist die mittlerweile sechste Staffel schon recht weit fortgeschritten und natürlich bin ich wieder dabei, auch wenn ich bisher noch keine Lust hatte, darüber zu schreiben. Homeland fand ich ja nie so richtig gut, aber eben auch nicht so richtig schlecht, vor allem die ersten beiden Staffeln, die noch auf der israelischen Vorlage Hatufim beruhten, waren ziemlich okay, wenn auch oft überspannt, aber das ist ja im Grunde das Merkmal dieser Serie: Einerseits erscheint alles ganz schön weit hergeholt. Aber dank engagierter Whistleblower und dem Trumpschen Knallchargenteam, das sich nun in Washington um einen Platz im Führerhäuschen der einzigen verbliebenen Weltmacht rangelt, wissen wir, dass alles noch viel schlimmer ist als Serienschreiber sich ausdenken könnten.

Homeland Staffel 6: Reda Hashem (Patrick Sabongui) und Carrie Mathison (Claire Danes)

Homeland Staffel 6: Reda Hashem (Patrick Sabongui) und Carrie Mathison (Claire Danes)

Nachdem ich die fünfte Staffel eigentlich nur gesehen habe, weil sie in Berlin spielt – und ich finde, das ist einen Bonus wert: die erste Staffel einer US-Mainstream-Serie, die fast komplett in Deutschland spielt, das hat doch was! Allein schon das putzige Deutsch, mit dem sich die US-Elite-Agenten zu verständigen suchen – wobei die deutschen Protagonisten, die konsequenterweise auch von bekannten deutschen Schauspielern dargestellt wurden, natürlich alle fließen Englisch sprachen, während die arabischen Terroristen, die es zu stoppen galt, interessanterweise hauptsächlich deutsch untereinander reden (also im Original, die Synchronfassung ist mal wieder total unlustig und lohnt sich nicht).

Auch wenn das Ende der fünften Staffel doch eher durchwachsen war – Carrie Mathison (Claire  Danes) kann gerade so einen verheerenden Anschlag im Berliner Hauptbahnhof verhindern, dafür wird ihr langjähriger Kollege und ja – was eigentlich? Seelenverwandter in Sachen Geheimdienst? – Peter Quinn (Rupert Friend) von den bösen Islamisten als Versuchstier für ihr Giftgas-Gemisch und als Warnung für die Amis hingerichtet. Jedenfalls fast, womit ich natürlich schon wieder überspoilert habe, aber ich schreibe ja kein Werbeblog für Serien, sondern eins über individuelle Nutzererfahrungen.

Homeland Staffel 6: Dar Adal (F. Murray Abrahams) und Saul Berenson (Mandy Patinkin)

Homeland Staffel 6: Dar Adal (F. Murray Abrahams) und Saul Berenson (Mandy Patinkin)

Zum Anfang der 6. Staffel, die wieder New York spielt, erfahren wir, dass Quinn dank des Gegenmittels, das ihm ein nicht ganz so überzeugtes Mitglied der deutsch-islamistischen Terrorzelle gespritzt hat, zwar überlebt, aber schwere Nervenschäden erlitten hat.

Entsprechend mies ist Quinn auch drauf – vor allem aber scheint ihm auf die Nerven zu gehen, dass Carrie sich ständig um ihn kümmern will. Als ob sie mit ihrem neuen Job bei einer NGO ihres deutschen Gönners Otto Düring (Sebstian Koch) und ihrer Tochter Frannie nicht ohnehin schon genug zu tun hätte! Carrie wohnt ganz solide in Brooklyn und hilft jetzt Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft Probleme mit dem US-Strafverfolgungsapparat haben. Was auch dringend nötig ist, denn inzwischen reicht ja der bloße Verdacht, irgendwas mit islamistischem Terror zu tun haben zu können, um den Rest des Lebens hinter Gittern zu verschwinden. Als einer von Carries Schützlingen, der muslimisch-nigerianisch-stämmige Sekou (J. Mallory McCree) in seinem Videoblog Videos veröffentlicht, die er an Orten historischer Attentate aufgenommen hat, gerät er ins Visier der Geheimdienste, die in dem Fall natürlich sehr gut funktionieren und den Blogger umgehend mit einer absurden Freiheitsstrafe in den Knast befördern. Carrie und ihr Mitstreiter Reda Hashem (Patrick Sabongui), ein muslimischer Jura-Professor, werden aktiv und schaffen es mit viel Mühe, Sekou wieder aus dem Knast zu holen und ihm einen Job als Fahrer für eine Firma zu verschaffen, die mit mediterranen Spezialitäten handelt. Doch ärgerlicherweise explodiert wenig später ausgerechnet der Transporter mitten in Manhattan, in dem Sekou sitzt. Die Aufregung ist natürlich gigantisch: Carrie und ihr Verein haben einen Terrorattentäter vom Knast wieder auf die Straße geholt!

Homeland Staffel 6: Sekou (J. Mallory McCree)

Homeland Staffel 6: Sekou (J. Mallory McCree)

Doch wir wären ja nicht bei Homeland, wenn die Sache so einfach wäre. Inzwischen hat nämlich auch Quinn, den Carrie bei sich aufgenommen hat, nachdem er wegen Fehlverhaltens aus seiner behandelnden Einrichtung geflogen ist, wieder fast zu alten Form gefunden – zwar nicht körperlich, worunter er nach wie vor sehr leidet, aber seine hochtrainierten Agenteninstinke haben ihn spüren lassen, dass Carries Haus überwacht wird. Die Frage ist nur, von wem. Obwohl Quinn nicht auf der Höhe ist, gelingt es ihm doch, einige Fotos zu machen, die Carrie später hoffentlich auf die richtige Spur bringen können. Doch zwischendurch überschlagen sich die Ereignisse – die andere Seite ist auch aktiv. Oder die anderen Seiten. Denn nicht mal mehr innerhalb der CIA gilt eine Linie – Dar Adal (F. Murray Abraham) spielt ein anderes Spiel als Saul Berenson (Mandy Patinkin), auch wenn sie gemeinsam dazu abgestellt wurden, die frisch gewählte Präsidentin Elizabeth Keane (Elizabeth Marvel) geheimdienstlich zu beraten.

Ich finds ganz witzig, dass Elizabeth Marvel jetzt doch als US-Präsidentin auftreten darf – in House of Cards wurde sie als Heather Dunbar und Gegenkandidatin von Frank Underwood ja auf fiese Weise ausmanövriert. Wobei hier bestätigt wird, dass auch die fantasiebegabten Schreiber von Homeland sich nicht vorstellen konnten, dass ein Donald Trump ernsthaft als US-Präsident gewählt würde. Wobei, die ganze Welt kann es ja bis heute nicht wirklich glauben, auch wenn es tatsächlich passiert ist.

Homeland Staffel 6: Elizabeth Marvel (rechts) als Elizabeth Keane, Mrs. President-elect.

Homeland Staffel 6: Elizabeth Marvel (rechts) als Elizabeth Keane, Mrs. President-elect.

Saul Berenson jedenfalls versucht jedenfalls weiterhin mit seinen sehr weit angelegten Geheim-Operationen die Weltlage im Griff zu behalten – konkret die notorisch störrischen Iraner dazu zu bewegen, der neuen Präsidentin zu versichern, dass es kein paralleles Atomprogramm in Kooperation mit Nordkorea gibt, während Dar hinter seinem Kollegen herschnüffelt, weil er offenbar eine ganz andere Agenda hat. Jedenfalls stellt sich heraus, dass Dar sowohl mit den Israelis als auch mit den Deutschen kungelt, weil er irgendwas im Schilde führt und ihm Sauls Aktionen nicht in den Kram passen. Und nicht nur das – er zieht auch Strippen, um Quinn und Carrie auszuschalten – wobei das ja nichts Neues ist. Aber es zeichnet sich ab, dass da im Hintergrund eine ganz, ganz üble Sache läuft, wenn auch noch nicht so richtig klar ist, wer gegen wen und was überhaupt. Aber wir haben ja noch ein paar Folgen.

Ich muss aber sagen, dass ich diese Staffel bisher tatsächlich wieder deutlich besser finde, als die letzten zwei, drei Staffeln zuvor – in den USA kennen sich die Amis eben besser aus als in Berlin oder Islamabad, auch wenn sie das ungern zugeben. Gut finde ich auch, dass diese Staffel vergleichsweise bedächtig erzählt wird und sich nicht von Knalleffekt zu Knalleffekt hangelt – wobei es an Überraschungen nicht mangelt, etwa als sich herausstellt, dass der mutmaßliche V-Mann, mit dem Sekou vor seinem Tod Kontakt hatte, offenbar nicht von einer staatlichen Institution eingeschleust wurde, sondern aus dem Privatsektor kommt, wie der FBI-Mann Conlin herausfindet, nachdem Carrie ihn dazu bringen konnte, entsprechende Recherchen anzustellen. Die beiden können sich nicht ausstehen, aber brauchen einander – und es stellt sich ja immer wieder heraus, dass Carrie gerade dann richtig liegt, wenn sie einen besonders absurd scheinenden Verdacht hat. Und dass sie auf der richtigen Spur sein muss, zeigt sich spätestens, als sie Conlin mit einem Loch im Kopf in seinem Haus vorfindet – wer immer hier der Feind ist, er ist gut organisiert und handelt schnell.

Homeland Staffel 6: Quinn (Rupert Friend) und Carrie

Homeland Staffel 6: Quinn (Rupert Friend) und Carrie

Und schafft es, die gefährliche Agentin Carrie in der Folge darauf komplett zu demontieren – hier wird – wie in jeder Staffel – die Carrie-ist-verrückt-Karte gespielt, dieses Mal in einer besonders perfiden Variante, nämlich in Form einer erstaunlich kompetenten und engagierten Jugendschutz-Mitarbeiterin, die Carrie ihre Tochter wegnimmt, weil diese Mutter offensichtlich eine Gefahr für das Kind darstellt – eine manisch-depressive Ex-Agentin mit einem ausgewachsen Verfolgungswahn und Zugriff auf scharfe Waffen, eine explosive Mischung, die keinem Kind zugemutet werden kann! Nicht ganz zu Unrecht, muss ich anmerken. Aber es ist ja gut zu wissen, dass Frannie in Sicherheit ist, während ihre Mutter in den kommenden Folgen sich selbst und die Welt retten muss. Oder doch wenigstens die USA. Noch fünf Folgen, dann wissen wir, wie sie es geschafft hat.