Fatale Rückkehr: Homecoming

Von Homecoming ist inzwischen eine zweite Staffel verfügbar, die auf den ersten Blick ganz anders zu sein scheint als die erste. Bei der ersten Sequenz stand die Psychologin Heidi Bergmann (Julia Roberts) im Mittelpunkt, die in einer Einrichtung für heimkehrende US-Soldaten tätig war. Als die Handlung einsetzt, ist sie allerdings Kellnerin und kann sich nicht an ihre Arbeit im Homecoming-Programm erinnern. Der vom US-Verteidigungsministerium abgestellte Beamte (Shea Whigham als Thomas Carrasco), der einer Beschwerde des ehemaligen Soldaten Walter Cruz (Stephan James) über seine Behandlung in diesem Programm nachgeht, findet diesen Umstand extrem merkwürdig. Also fängt er an, umfassende Nachforschungen anzustellen und deckt nach und nach auf, dass bei Homecoming einiges nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann.

Serienposter Homecoming: Julia Roberts als Heidi Bergmann. Bild: Amazon.com

Serienposter Homecoming: Julia Roberts als Heidi Bergmann. Bild: Amazon.com

Die Serie beruht auf einem gleichnamigen Podcast von Eli Horowitz and Micah Bloomberg, die Regie bei der ersten Staffel führte Sam Esmail. Die Erzählweise gleicht einem Puzzle, die Zuschauer müssen sich die Handlung nach und nach erschließen, genau wie die Protagonisten. Da sind die Soldaten, die das Gefühl haben, das irgendetwas nicht stimmt, aber sich aber keinen Reim darauf machen können, was man mit ihnen während der Teilnahme am Homecoming-Programm tatsächlich angestellt hat. Da ist Heidi, die sich an entscheidende Dinge in ihrer Vergangenheit einfach nicht erinnern kann. Und natürlich Carrasco, der herausfindet, dass der ehemalige Vorgesetzte von Heidi, Colin Belfast (Bobby Cannavale), ihm offensichtlich wichtige Details verheimlichen will. Der stoische Beamte, der trotz zahlreicher Widerstände an seinen Recherchen festhält und sich hartnäckig durch die Archive arbeitet, gefiel mir im ersten Teil besonders, eine Erwähnung verdient aus Sissy Spacek als Heidis Mutter Ellen Bergmann.

Dazu kommt die eigenwillige Inszenierung durch Sam Esmail mit langen Kamerafahrten, ungewohnten Perspektiven und Bildausschnitten sowie skurrilen Details, die Fans schon aus Mr. Robot kennen. Ich muss zugeben, dass ich eine Weile gebraucht habe, um mit Homecoming warm zu werden, ich fand die Geschichte am Anfang zu verworren und habe eigentlich nur weiter gescheut, weil ich sie optisch so interessant fand. Aber je mehr Puzzleteile man zusammensetzen kann, desto besser wird die Geschichte.

Homecoming 2. Staffel: Janelle Monáe als Jackie/Alex Bild: Amazon.com

Homecoming 2. Staffel: Janelle Monáe als Jackie/Alex Bild: Amazon.com

Die zweite Staffel mit Janelle Monáe in der Hauptrolle gefiel mir ebenfalls sehr gut; hier ist die Geschichte alles in allem übersichtlicher, auch wenn sie auf den ersten Blick ähnlich rätselhaft erscheint wie die der ersten Staffel. Aber inzwischen wissen wir ja, was es mit der nun gar nicht mehr so geheimnisvollen Firma Geist auf sich hat. Außerdem hat die neue Staffel statt zehn nur sieben Teile, was eine weniger mäandernde Erzählweise zur Folge hat. Die Regie führte statt Sam Esmail Kyle Patrick Alvarez.

Auch hier haben wir es mit einem rätselhaften Gedächtnisverlust zu tun, Alex bzw. Jackie (Janelle Monáe) wacht ziemlich angeschlagen in einem Boot auf, das sich mitten auf einem See befindet. Vor Schreck lässt sie ihr Handy los, das auf Nimmerwiedersehen im Wasser versinkt. Nachdem sie sich mühsam ans Ufer gerettet hat, findet sie einen Autoschlüssel, allerdings nicht das dazu gehörende Auto. Sie wird von einer hilfsbereiten Polizistin aufgegriffen, die die offensichtlich verwirrte und orientierungslose Frau ins nächste Krankenhaus bringt. Als Jackie begreift, dass sie vom behandelten Arzt als Junkie eingestuft und vermutlich im Knast landen wird, haut sie ab. Danach beginnt sie anhand der wenigen Anhaltspunkte, die sie ausfindig machen kann, zu rekonstruieren, wer sie ist und was vorgefallen sein muss. Dabei begegnen wir Walter Cruz wieder, dem Veteran aus der ersten Staffel.

Obwohl die neue Staffel erzählerisch und optisch nicht ganz an die erste herankommt, wird doch wieder eine spannende Mystery-Geschichte erzählt, in der es um die Frage geht, wie weit man mit der Zwangsbeglückung von traumatisierten Menschen gehen darf. Oder eben nicht. Natürlich ist das US-Verteidigungsministerium da ganz anderer Auffassung als der Entwickler der gar nicht so glücklich machenden Droge, die Menschen schlimme Erlebnisse (und leider auch vieles andere) einfach vergessen lässt. Lohnt sich auf jeden Fall.

Pandemie: Der nächste Ausbruch kommt bestimmt

Derzeit kann man der Covid-19-Pandemie kaum entgehen, auch wenn seit Anfang dieser Woche wieder ein bisschen Normalität eingekehrt ist: Viele kleine Läden haben wieder auf, die Straßen sind nicht mehr so leer, dass man befürchtet, die längst überfällige Zombie-Apokalypse verschlafen zu haben. Das Leben fühlt zwar noch nicht wieder normal an, wie sollte es auch, denn wir stecken alle noch mittendrin in der Pandemie.  Aber die Schockstarre lässt langsam nach. Was gar nicht gut ist, denn besiegt ist das Virus noch lange nicht.

Ehrlich gesagt, habe ich den Lockdown genossen: Man braucht erstaunlich vieles nicht. Man muss nicht die ganze Zeit arbeiten und einkaufen. Stattdessen kann man einfach auf dem Balkon in der Sonne sitzen und lesen. Oder den ganzen Tag fernsehen. Oder beides abwechselnd, zwischendurch was Leckeres zu essen kochen, aufräumen, umräumen, die Wohnung optimieren, so lange man noch allein raus darf, um eine Runde mit dem Fahrrad zu drehen… ich könnte das noch monate-, ach was, jahrelang durchhalten. Gern bis zur Rente.

Damit sind wir beim eigentlichen Problem: blöd, dass man zum Leben weiterhin Geld braucht. Und ich sehe ein, dass der aktuelle Zustand für Menschen mit Kindern, die nicht in die Kita oder in die Schule können, alles andere als ideal ist. Bin ich froh, dass meine Kinder inzwischen erwachsen sind und sich selbst um ihren Scheiß kümmern müssen. Und dann die bedauernswerten Leute in den sogenannten systemrelevanten Berufen, die richtig ran müssen, und das oft für wirklich wenig Geld. Das wird in den Medien derzeit durchaus gewürdigt. Wobei ich eine grundsätzliche Diskussion, was warum systemrelevant ist und was nicht, viel dringender fände, als den ganzen wohlfeilen Beifall, von dem sich die Kassiererin in Supermarkt, die Altenpflegerin oder die Erzieherin in der Notbetreuung auch nichts kaufen können. Währenddessen schütten Konzerne, die nach Staatshilfen rufen, noch Dividenden aus und zahlen absurde Managergehälter, Boni und Abfindungen. So viel zur Systemrelevanz.

pandemie serienposter netflix

pandemie Serienposter netflix.com

Ich möchte an dieser Stelle keine umfassende Medienkritik über die Berichterstattung zur Coronakrise abgeben. Ich fühle mich alles in allem umfassend zur Sache informiert. Ich finde nicht, dass zu viel über die Coronakrise berichtet wird, wem es zu viel wird, der kann man ja einfach abschalten. Ich bin durchaus ein Corona–Berichterstattungsjunkie, ein bis zwei Sondersendungen pro Tag ziehe ich mir noch immer rein, dazu den Drosten-Podcast, natürlich auch den einen oder anderen Artikel aus dem Internet, wo es eine breite Palette kritischer und alternativer Berichterstattung rund um die Covid-19-Pandemie gibt, da weiß man kaum, ob Aluhut oder Stahlhelm besser schützt. Vermutlich doch die anfangs sträflich unterschätzte Gesichtsmaske.

Allerdings gäbe es durchaus andere Themen, über die mal wieder berichtet werden könnte, den Klimawandel beispielsweise, der ebenfalls in vollem Gange ist und unser Leben mittel- und langfristig noch vehementer beeinträchtigen wird, als das Covid-19-Virus es nun vergleichsweise kurzfristig geschafft hat. Was mir definitiv zu kurz kommt, ist eine ernsthafte gesellschaftliche Diskussion über echte Alternativen zum Satus quo.

Es ist auch in unseren Breiten nicht länger zu übersehen, dass die neoliberal globalisierte Weltwirtschaft sehr schädlich für die allermeisten Menschen ist, und dazu noch extrem störanfällig. Also sollte man die Zeit nicht länger mit blödsinnigen Diskussionen verschwenden, etwa mit wie vielen Millionen (oder gar Milliarden?) Euro die Ressourcen verschlingende Autoindustrie dieses Mal gepampert wird, sondern wie man es hinkriegt, dass die Leute sich einigermaßen komfortabel von A nach B bewegen können. Ja, ja, es geht doch um Arbeitsplätze, Schlüsselindustrie, Technologiestandort, blablabla. Vielleicht ist dieses Konzept inzwischen auch mal überholt. Viel wichtiger wäre, zu überlegen, wie man die Menschheit langfristig ernähren kann, wenn immer mehr Ackerland durch menschliche Unvernunft unbenutzbar wird.

Derzeit gehen ohnehin jede Menge Arbeitsplätze verloren, im Einzelhandel, in der Gastronomie, im Tourismus, in Kultur und Kunst. Statt diese ganzen Branchen gegeneinander auszuspielen und so zu tun, als sei die eine wichtiger als die andere, wäre es an der Zeit zu überlegen, wie man es organisiert, dass alles, was Menschen zum Leben brauchen, von der Nahrungsmittelerzeugung über die Müllabfuhr bis hin zu Sport, Spiel, Spaß und Kultur, als systemrelevant erkannt wird und deshalb allen zur Verfügung gestellt werden muss. Geld sollte dabei keine Rolle mehr spielen. Sondern nur noch, ob Menschen bereit sind, alles, was nötig ist, zu tun. Ich bin mir sicher, dass alles Notwendige und noch sehr viel mehr getan wird, wenn Menschen keine Zeit mehr mit ungeliebter Lohnarbeit verschwenden müssen.

Denkt einfach mal drüber nach.

Pandemie: Epidemiologin bei der Arbeit. Bild: Netflix

Pandemie: Epidemiologin bei der Arbeit. Bild: Netflix

Nun zu dem, was ich eigentlich schreiben wollte: Kurz bevor die Covid-19-Welle akut wurde, entdeckte ich auf Netflix die sechsteilige Dokuserie Pandemie. Sie stellt Menschen vor, deren Job es ist, den Ausbruch von Infektionskrankheiten weltweit zu verhindern bzw. einzudämmen. Denn, so heißt es in der Serie eindringlich: Die Frage sei nicht, ob ein Ausbruch kommt. Sondern lediglich, wann er kommt. Die Antwort kam bekanntlich schneller als erwartet.

Insofern erschien Pandemie erschreckend prophetisch – doch wenn man die zum Teil etwas reißerisch aufgemachten Informationen nüchtern verarbeitet, wird klar, dass die Weltbevölkerung bei den durchaus vorhandenen Pandemien der vergangenen Jahrzehnten immer wieder mit einem blauen Auge davon gekommen ist. Seit dem Wüten der so genannten Spanischen Grippe, die ihren Ursprung eigentlich in den USA hatte und durch US-Soldaten Ende des ersten Weltkriegs in die Welt getragen wurde, gab es keine vergleichbare Katastrophe mehr. A/H1N1 brachte zwischen 1918 und 1920 schätzungsweise 50 Millionen Menschen um. Soviel zu allen, die noch immer behaupten, das neue Coronavirus sei nicht schlimmer als eine „kleine Grippe.“

In Pandemie wird unter anderem die Ärztin Syra Madad vorgestellt, die in New York als Direktorin des Centers for Global Healthcare Special Pathogens Preparedness dafür zuständig ist, die New Yorker Krankenhäuser auf einen Ausbruch vorzubereiten.  Weitere Serienhelden sind ein Chefarzt in Rajasthan, ein Ebola-Spezialist der WHO, Forscher in Ägypten, Vietnam und dem Libanon und eine Ärztin, die auf dem flachen Land in den USA im einzigen Krankenhaus weit und breit so ziemlich alles zuständig ist. Auch eine Tierärztin wird begleitet, die Enten auf Influenzaviren untersucht, denn gerade Vögel tragen zur Ausbreitung dieser Erreger bei.

Ich hätte mir eine etwas systematischere Aufbereitung der vielen Informationen gewünscht, aber immerhin wird klar, wie komplex die Herausforderungen sind. Denn, wie die aktuelle Corona-Pandemie bestätigt, ist die Globalisierung ein Riesenproblem: Ein potenziell tödlicher Erreger wird heute binnen weniger Tage rund um den Erball verbreitet. Früher hat das Monate, manchmal Jahre, gedauert. Vom Zusammenbruch globaler Lieferketten, etwa mit Schutzausrüstung und Medikamenten, gar nicht zu reden. Und natürlich können mit dem beständigen Wachstum der Weltbevölkerung auch viel mehr Menschen sterben.

Dass immer mehr Menschen auf der Welt leben, führt noch zu weiteren Problemen, denn mehr Menschen brauchen mehr Nahrung, also gibt es viel mehr Nutzvieh. Mehr Tiere auf engem Raum wiederum erhöhen das Risiko, dass sich Erreger schneller verbreiten und mutieren. Dazu kommt das Problem der Antibiotikaresistenzen, die durch deren massenhaften Einsatz in der industriellen Tierhaltung verschärft werden. Okay, Antibiotika helfen ohnehin nicht gegen Viren, aber es gibt ja auch bakterielle Infektionen, an denen Menschen und Tiere sterben. Und dann gibt es außerdem noch immer mehr Erreger, die vom Tier auf den Mensch überspringen, weil es die Rückzugsorte für Wildtiere immer kleiner werden. Die Tiere unterschiedlicher Arten haben keine Möglichkeit mehr, sich gegenseitig aus dem Weg zu gehen und tragen immer mehr Erreger in sich, die sie schließlich an uns Menschen weiter geben.

Lehrreich könnte die Serie also auch für Anhänger von Verschwörungstheorien sein, denn sie zeigt, dass es überhaupt keine künstlich im Labor hergestellten Killerviren braucht, um eine anständige Pandemie zu produzieren. Solche Viren sind schon lange in der Welt. Sie wechseln ihre Wirte und mutieren vor sich hin, bis es wieder eine Variante gibt, für die Menschen besonders empfänglich sind. Und weil Menschen gern alles mögliche ausprobieren, um die Welt reisen und soziale Wesen sind, verteilen sie diese Erreger ausgerechnet in ihrem engsten Umfeld. Der Rest ist bekannt.

Pandemie ist die passende Serie dieser Zeit. Und so frustrierend es sein mag, da Covid-19 uns noch eine Weile beschäftigen wird: Die nächste Pandemie kommt bestimmt. Wir wissen nur noch nicht, wann. Wie schön wäre es, wenn man das Leben auf dieser Erde bis dahin so organisiert hätte, dass die Mehrheit der Menschen dann nicht mehr ihr Leben aufs Spiel setzen müsste, um irgendwelche beschissenen Jobs für das Glück der anderen zu machen. Sondern wenn die Menschheit sich darauf konzentrieren könnte, ein möglichst angenehmes Überleben für alle zu erreichen und zu sichern.

Unorthodox: Wenn Gott zu viel verlangt

Die vierteilige deutsche Miniserie Unorthodox wird durchaus kontrovers diskutiert. Die Ansammlung schlimmster Klischees über (ultraorthodoxe!) Juden in der Serie zeichne ein Zerrbild des Judentums und befördere den in der Gesellschaft ohnehin vorhandenen Antisemistismus. Nun ja. Wer antisemitisch unterwegs ist, wird gewiss nicht auf diese Serie gewartet haben, um seinen irrationalen Rassenhass zu bestätigen. Mir hat die Serie über die junge Esther („Esty“) Shapiro so gut gefallen, dass ich sie mir wenig später noch ein zweites Mal angesehen habe, und ich finde den Vorwurf idiotisch. Klar, die ultraorthodoxe Gemeinschaft der Satmarer Chassiden, die sich im New Yorker Stadtteil Williamsburg angesiedelt haben, kommen nicht gut weg.

Serienposter Unorthodox mit Shira Haas als Esty. Bild: Netflix (via Serienjunkies.de)

Serienposter Unorthodox mit Shira Haas als Esty. Bild: Netflix (via Serienjunkies.de)

Aber ein aufgeklärter Mensch weiß, dass Orthodoxie keine Spezialität des Judentums ist. Orthodoxe Moslems, orthodoxe Hindus, orthodoxe Christen sind genauso durchgeknallt. Orthodoxe Leninisten oder Neoliberale übrigens auch. Sie alle wähnen sich im Besitz des einzig wahren Glaubens oder der wirklich wahren Wahrheit  (was angesichts der Fülle einziger Glaubensrichtungen und Wahrheiten schon absurd genug ist) und erwarten, dass ihre Gesetze unbedingt befolgt werden müssen und alles andere dahinter zurückzustehen hat. Das Individuum hat sein Glück gefälligst im Dienst an der großen, guten, gerechten Sache zu finden. Wer damit nicht klar kommt, wird mit Zuckerbrot und Peitsche „überzeugt“. Doch wenn das schief läuft, bleibt nur noch die Flucht.

Die New Yorker Jüdin Esty (Shira Haas) ist in einer durch religiöse Vorschriften sehr beengten Welt aufgewachsen, sie kennt nichts anderes. Sie wurde von ihrer Großmutter aufgezogen, die den Holocaust überlebt hat. Die Ehe ihrer Mutter Lea Mandelbaum, die aus England nach New York kam, scheiterte, die Mutter floh ausgerechnet nach Berlin. Damit ist sie für die Familie erledigt. Die Gemeinschaft beanspruchte das Kind und zog Esty im Glauben auf, dass ihre Mutter sie verlassen habe. Mit 17 wird Esty verheiratet, eine reguläre Ausbildung oder gar eine eigene Entscheidung über ihre künftige Lebensführung wird Frauen in dieser strengen Religionsgemeinschaft verwehrt, sie sollen Kinder gebären und aufziehen und ihre Männer umsorgen, damit diese sich dem Tagesgeschäft und dem Thorastudium widmen können.

Estys Glück über die Hochzeit mit Yanki Shapiro, dem Sohn einer angesehenen Diamantenhändlerfamilie, ist von kurzer Dauer, die unerfahrene Esty kommt mit den Bedürfnissen ihres ebenso unerfahrenen Gatten nicht klar. Die sexuellen Probleme der beiden führen zu einer harten Belastungsprobe, weil Esty nach einem Ehejahr noch immer nicht schwanger ist. Yanki denkt über eine Scheidung nach, da passiert es doch: Esty wird schwanger. Doch bevor Yanki davon erfährt, entschließt Esty sich zur Flucht. Ihre Mutter hat ihr anlässlich ihrer Hochzeit einen Umschlag mit Papieren zukommen lassen, mit denen Esty die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen kann. Mit der Unterstützung ihrer welterfahrenen Klavierlehrerin, die Esty für erlassene Mietzahlungen entgegen aller chassidischen Regeln Unterricht erteilt hat, besorgt Esty die nötigen Dokumente, etwas Geld und ein Flugticket nach Berlin.

In Berlin kann sich Esty mit einer Mischung aus haarsträubender Naivität und knallhartem Überlebensinstinkt durchschlagen, weil sie auf eine Gruppe aufgeschlossener MusikstudentInnen aus aller Welt trifft. Ja, das ist schon eine Menge Multi-Kulti-Kitsch dabei, aber andererseits ist genau das eine der Qualitäten des Lebens in Berlin, deswegen wollen so viele junge Menschen in die deutsche Bundeshauptstadt. Während ihr Ehemann und sein windiger Cousin mit krimineller Vergangenheit in Berlin nach Esty suchen, um sie zurück zu holen, versucht Esty, sich eine Grundlage für eine unabhängige Existenz aufzubauen. Ihr ist klar, dass sie ohne Ausbildung und Beruf keine Chance auf ein selbstständiges Leben hat.

Estys Kampf um ihr eigenes, selbstbestimmtes Leben ist absolut sehenswert. Die Serie beruht auf einem Roman von Deborah Feldmann, die ihre eigenen Erlebnisse darin verarbeitete. Das Drehbuch stammt von Anna Winger und Alexa Karolinski, die Unorthodox auch produziert haben, Regie führte Maria Schrader. Hier ist also eine Menge Frauenpower am Start, was dringend nötig ist, denn noch immer dominiert auch im Serienbereich die männliche Sicht auf die Welt.

Um so wichtiger, dass sich das endlich ändert. Dass Berlin in dieser Serie ein bisschen besser und schöner wirkt, als es eigentlich ist: geschenkt. Wie wäre es mit einer Fortsetzung, in der die absurde Bürokratie und der nervenzehrende Alltag einer alleinerziehenden Mutter in Berlin thematisiert werden?

Haus des Geldes: Fast perfektes Verbrechen

Nachdem ich eine längere Zeit nicht dazu gekommen bin, mich meinem Lieblingshobby zu widmen, sorgt die Corona-Krise für eine Art Neuanfang: Es gibt, sofern man in der glücklichen Lage ist, über Freizeit zu verfügen, ja nicht viel anderes zu tun, als fernzusehen. Und in Sachen Serien ist einiges passiert, so dass ich noch eine Weile damit beschäftigt sein werde, die wichtigsten Versäumnisse aufzuholen.

Der Professor und seine Gang: Nairobi, Stockholm, Palermo, Denver, Helsinki, Lissabon, Bogota, Marseille, Rio, Tokio Bild: Netflix via serienjunkies.de

Der Professor und seine Gang: Nairobi, Stockholm, Palermo, Denver, Helsinki, Lissabon, Bogota, Marseille, Rio, Tokio Bild: Netflix via serienjunkies.de

Heute möchte ich mit einem echten Serienknaller beginnen, auch wenn die Serie nicht ganz neu ist: Haus des Geldes oder Casa del Papel, eine spanische Serie über einen spektakulären Raub. Gestern startete eine neue Staffel auf Netflix – Netflix behauptet, es sei die vierte Staffel, streng genommen handelt es aber um den zweiten Teil der zweiten Staffel. Wie dem auch sei, es geht um einen perfekt durchgeplanten Coup. Das Verbrechen des Jahrhunderts, zumindest in Spanien.

Eine hochprofessionelle Bande krimineller Spezialisten dringt in die Spanische Münze ein und druckt dort nach akribischer Vorbereitung fast eine Milliarde Euro. Ein Teil des Geldes wird im Zuge der Flucht der Gangster ans Volk verteilt, denn der geniale Kopf hinter dem Coup, der Professor (Álvaro Morte), hat von Anfang an eingeplant, dass seine Aktion als eine Art Widerstandshandlung gegen die brutale Staatsgewalt gesehen wird. Obwohl die Verbrecher Geiseln nehmen und nicht alles nach Plan verläuft, werden die Kriminellen von vielen Menschen als Helden gefeiert. Denn die Staatsmacht spielt auch nicht nach fairen Regeln. Vor allem die auf Krisensituationen trainierte Verhandlerin der Polizei und der Geheimdienst geraten aneinander, wobei allerlei privater Dreck aufgerührt wird.

Auch auf der Seite der Kriminellen spielen unmögliche Beziehungen und unkontrollierbare Emotionen eine verhängnisvolle Rolle. Obwohl der Professor sich bei der Vorbereitung größte Mühe gegeben hat, private Beziehungen zwischen den Mitgliedern der Gang zu unterbinden, um den Coup nicht durch persönliche Gefühle oder Befindlichkeiten zu gefährden, bleibt nicht aus, dass sich einige der Gangmitglieder näher kommen und Loyalitätskonflikte und Rivalitäten die Folge sind. Verhindert werden sollte derartige Komplikationen eigentlich durch die konsequent genutzte Tarnidentitäten, die Verbrecher werden nach Großstädten benannt, Tokio, Berlin, Moskau, Nairobi, Rio, Helsinki, Oslo und Denver. Es stellt sich heraus, dass sich der persönliche Hintergrund der Gangmitglieder nicht dauerhaft ausblenden lässt, je mehr Zeit sie miteinander verbringen, desto mehr erfahren sie übereinander, ob sie wollen oder nicht. 

Dazu kommt, dass selbst der Professor seine Emotionen nicht unter Kontrolle hat, er verliebt sich ausgerechnet in die Polizistin, die ihn zur Aufgabe bringen soll, während sich eine der Geiseln ausgerechnet zu dem hitzköpfigen Denver hingezogen fühlt. So kommen noch Stockholm und Lissabon ins Team. In den weiteren Staffeln stoßen weitere Schwergewichte wie Palermo, Bogota oder Marseille dazu, dafür gibt es auch herzzerreißende Verluste zu beklagen. Okay, so beim Aufschreiben klingt das alles reichlich klischeegeladen und überkonstruiert, aber die Serie ist so intensiv und spannend gemacht, dass man einfach dabei bleiben muss. Für mich ist Haus des Geldes eine der besten Verbrechensserien, die es derzeit auf Netflix gibt. 

Wir sind keine Welle

Inzwischen gibt es neue deutsche Serien auf Netflix, aber ich muss leider feststellen, dass ich mit diesen Serien genau die Probleme habe, die ich prinzipiell mit deutschen Serien im „normalen“ deutschen Fernsehen habe. Das bedeutet, dass es offenbar doch nicht am übermäßig Proporz-orientierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk liegt, der es immer möglichst allen recht machen will, und auch nicht an den immer auf die Quote schielenden Privatsendern, die mit reißerischen Projekten auf bestimmte Zielgruppen aus sind. Und es ist ja nicht so, dass es überhaupt keine guten deutschen Serien gibt, spontan fallen mir 4 Blocks und Das Institut ein, aber das ist sehr wenig, gemessen am sonstigen Output von leider nicht besonders guten Serien.

Das muss ich nun leider auch für Netflix konstatieren, Netflix haut eine Menge neuer Serien raus, leider sind viele davon ziemlich mittelmäßig, und das gilt leider auch für die Netflix-Neuheiten aus Deutschland. Klar kommt es auch bei Netflix am Ende darauf an, wie gut die Serien ankommen, sprich, wie viele Abrufe es gibt – und ein bisschen auch, wie die Kritiken ausfallen. Aber ich hätte schon erwartet, dass es auf dieser vom deutschen Fernsehen und vom deutschen Mainstream unabhängigen Plattform mehr künstlerische Experimente und weniger deutsch-typischen Serien-Holzhammer gibt.

Wir sind die Welle: Tristan (Ludwig Simon),Zazie (Michelle Barthel), Hagen (Daniel Friedl), Lea (Luise Befort) und Rahim (Mohamed Issa). Bild: Netflix

Wir sind die Welle: Tristan (Ludwig Simon),Zazie (Michelle Barthel), Hagen (Daniel Friedl), Lea (Luise Befort) und Rahim (Mohamed Issa). Bild: Netflix

Immerhin gibt es auch hier (sehr wenige) Ausnahmen, Dark und How To Sell Drugs Online (Fast) fand ich durchaus okay, HTSDOF ist sogar ziemlich witzig. Dark hingegen bietet für meinen Geschmack viel zu viel Mindfuck, aber offenbar kommt genau diese Art von metaphysischer Feinmechanik im Ausland gut an, gerade weil das so herrlich deutsch ist. Dogs of Berlin ist einfach Trash-TV, aber als solches schon wieder gut. Skylines ist so ähnlich, aber mit Musik statt Fußball und statt einem dunklen, bösen Berlin gibt es ein dunkles, böses Frankfurt. Hat mir alles in allem aber besser gefallen als Dogs of Berlin, weil nicht ganz so klischeehaft überzeichnet.

Nun also Wir sind die Welle, ein sehr deutscher Sechsteiler über eine Handvoll Außenseiter, die ihre Mitmenschen mit zunehmend spektakulären Aktionen zum Nachdenken bringen wollen. Mit dem Roman Die Welle von Morton Rhue hat die Serie eigentlich nicht mehr viel zu tun, hier geht es im Gegenteil eher darum, wie Jugendliche gegen gesellschaftliche Missstände, aber auch gegen ihre Fascho-Mitschüler, rebellieren. Für mich sieht Wir sind die Welle wie ein nicht so richtig gelungenes Remake des Films The East aus. In The East geht eine geheimbündlerisch organisierte Gruppe von Ökoterroristen gegen Pharmakonzerne vor, um deren Chefs für die von ihnen verursachten Gesundheits- und Ökoschäden zu bestrafen.

Ähnliches treibt auch den harten Kern der Welle um, vor allem Hagen (Daniel Friedl), der Sohn von Ökobauern, deren Betrieb durch einen der großen Arbeitgeber vor Ort ruiniert wurde, will ein Zeichen setzen. Hilfe bekommt der dickliche Außenseiter von anderen Außenseitern, etwa Rahim (Mohamed Issa), der als Ausländer gemobbt wird und dem Mauerblümchen Zazie (Michelle Barthel). Der ebenso angstfreie wie charismatische neue Mitschüler Tristan (Ludwig Simon) sammelt ganz gezielt die Loser um sich, die mit seiner Hilfe plötzlich über sich hinaus wachsen und zur Welle werden. Nur Lea (Louise Beford), die tennisspielende höhere Tochter fällt aus dem Rahmen, bei ihr ist es eher der Überdruss am Überfluss, der in ihr die Lust am Protest als Lifestyle weckt. Was ja auch keine neue Sache ist, von den Mitgliedern der RAF kamen ja auch viele aus dem Bildungsbürgertum und nicht aus der Arbeiterschicht. Wobei nein, linke Gewalt oder gar Linksextremismus wird hier keinesfalls verherrlicht. Dafür sind die jungen Leute bei der Welle viel zu unpolitisch. Höchstens Tristan, der Diplomatensohn, der arabisch spricht und offenbar viel gelesen hat, sympathisiert (ich würde eher sagen kokettiert) mit extremen Ideen aus dem linken Spektrum. Bei den anderen geht es um ihre persönliche Betroffenheit, auch bei Lea, die von ihrer Mutter ordentlich den Kopf gewaschen kriegt, als sie ihre Luxusklamotten aus einer Laune heraus spenden will.

Denn so sehr ich mich darüber gefreut habe, dass es jetzt quasi eine Serie zum FridaysForFuture-Feeling gibt, so enttäuscht war ich, dass die Serie eben keine „erfrischend politische Mainstream-Produktion“ ist, wie der Deutschlandfunk fand. Also Mainstream-Produktion schon, aber nicht erfrischend politisch. Und leider sind die Charaktere durchgehend wandelnde Klischees, von denen einige eine nicht weniger klischeehafte Entwicklung erfahren. Hier hätten mehr Tiefgang und weniger didaktisch gutgemeinter Holzhammer sicher viel bewirken können.

Was die Politik angeht und die persönlichen Konsequenzen, bleibt alles reiner Aktionismus. Während die Aktivisten in The East sich auch in ihrem Alltag in radikalem Verzicht üben, sie leben spartanisch auf einer verlassenen Farm, containern Lebensmittel und benutzen moderne Technik nur für ihre Aktionen, ändern die Jugendlichen in der neuen Serie auch, nachdem die Welle sie erfasst hat, keineswegs ihren Lebensstil. Ja, sie kritisieren Umweltverschmutzung, ja, ihre Aktionen werden radikaler, und es werden immer neue Grenzen überschritten, den Aspekt fand ich gut. Und ich gönne Hagen, Zazie und Rahim, dass sie dank ihrer Selbstermächtigung zumindest eine Weile mehr Spaß am Leben haben. Wobei das FFF ganz gut abbildet, so traurig das auch ist: Die Jugend sagt den Alten mal, wie frustrierend dieses ganze Scheißleben in dieser Scheißwelt ist, die andere für uns eingerichtet haben. Und der ganze Protest wird dann auch mal im Fernsehen gezeigt und gut is‘.

Denn um wirklich etwas zu ändern, braucht es eben mehr als verständlichen, aber wohlfeilen Protest. Selbst wenn der in einzelnen Aktionen auch mal total radikal wird. Denn es ist ja nicht so, dass die Leute nur unter einem Mangel an Information leiden. Jeder und jede, die es wissen will, weiß, dass Industrieabfälle die Umwelt vergiften, Plastikmüll das Leben erstickt, die Überproduktion von allem Ressourcen verschleudert, die eigentlich für das Überleben der Menschheit gebraucht würden, deutsche (und anderer Herstellerländer) Waffen in aller Welt nicht unbedingt Frieden schaffen, Rassisten Arschlöcher sind und Neonazis dumm. Dafür haben wir keine weitere Serie gebraucht.

Denn um eine Idee zu entwickeln, was nach dem Protest kommen könnte, bräuchte es wirklich mal erfrischend politische Diskussionen, in denen über den Tellerrand des Mainstreams hinaus geschaut wird. Mir ist klar, dass keine Serie der Welt das leisten kann. Aber ich würde mich sehr freuen, wenn es wenigstens mal versucht würde: Angenommen, wir hören auf euch, liebe jugendliche Protestierer, wie sähe denn eure Welt aus? Verzichtet ihr auf das neue Handy, fahrt ihr mit dem Rad, statt euch von Mama mit dem Auto abholen zu lassen, bringt ihr Papa veganen Lebensstil bei?

Okay, das könnte jetzt als Jugendbashing missverstanden werden. Ich meine es aber ernst: Ich bin durchaus der Meinung, dass man gegen so ziemlich alles, was in dieser Welt gerade stattfindet, ganz entschieden protestieren muss. Weil es so nicht weiter gehen kann. Und jetzt wünsche ich mir eine Serie, die eine Utopie entwickelt. Ist doch egal, ob realistisch oder nicht. In einem fiktionalem Medium sollte man doch noch träumen dürfen. Aber das ist vielleicht ein Symptom dieser Zeit: Es gibt keine Zukunft mehr. Und schon gar keine bessere.

Ein großer Schritt für Apple?

Apple macht jetzt auch auf Netflix und wirbt auf seinen Geräten mit einem kostenlosen Probemonat um Kunden für seinen neuen Streaming-Dienst. Weil der Konzern dank seiner teuren iPhones auf einem Haufen Geld sitzt, kann er sich vergleichsweise kostspielige Produktionen leisten und bietet mit For All Mankind ein interessantes Projekt für den Einstieg an. Treue Leserinnen meines Blog wissen, dass ich Joel Kinnaman sehr schätze, insofern ist es keine Überraschung, dass ich mir die ersten drei Folgen der Apple-Serie angesehen habe. Der inzwischen auch in den USA etablierte Schauspieler aus Schweden verkörpert den Astronauten Ed Baldwin, der um ein Haar der erste Mensch auf dem Mond gewesen wäre.

For All Mankind: Joel Kinnaman als Ed Baldwin Bild: Apple

For All Mankind: Joel Kinnaman als Ed Baldwin Bild: Apple

Doch in For All Mankind waren die Sowjets die ersten, die auf dem Mond gelandet sind und der Kosmonaut Alexej Leonow tat den großen Schritt für die Menschheit im Namen der Marxistisch-Leninistischen Lebensweise, mit der die  gesamte Menschheit in eine bessere Zukunft geführt werden soll. Die Schmach für die USA und speziell für die Leute im ambitionierten Apollo-Programm ist schwer zu ertragen. Doch als echte Amis geben sie nicht auf, sondern krempeln die Ärmel hoch, um mit ihrem Weltraumprogramm die UdSSR am Ende doch noch zu übertreffen. Denn selbstverständlich geht es in dieser US-Serie nicht um eine mögliche Überlegenheit eines alternativen Systems, sondern darum, was man alles noch hätte machen können, wenn die US-Regierung nicht irgendwann das Interesse an der (überaus teuren) bemannten Raumfahrt verloren hätte.

Wobei ich ehrlich gesagt noch nicht ergründen konnte, worum es in dieser Serie tatsächlich geht. Die Idee einer alternativen Erzählung historischer Ereignisse finde ich sehr reizvoll, das hat mir beispielsweise an The Man in the High Castle gefallen. Aber diese Serie hat mich nach der beeindruckenden ersten Staffel nicht wirklich gepackt, weil auch hier nicht klar wurde, worauf die Geschichte eigentlich hinaus will. Ein ähnliches Problem zeichnet sich bei For All Mankind ab: Der Wettlauf zwischen den beiden großen Supermächten im All war und ist auch aus heutiger Perspektive spannend, ich habe mir anlässlich des 50. Jahrestags der Mondlandung in diesem Sommer stundenlang entsprechende Dokus angesehen.

For All Mankind: Margo Madison (Wrenn Schmidt) Bild: Apple

For All Mankind: Margo Madison (Wrenn Schmidt) Bild: Apple

Aber es geht hier nicht um eine Doku, sondern um eine Drama-Serie, und die stehen und fallen mit ihren Protagonisten. Und davon gibt es eine ganze Menge, der unglückliche Ed Baldwin hat Frau und Kinder, wie auch die meisten seiner Kollegen und Vorgesetzten, hier zeichnet sich eine Menge Familiendrama ab. Dann gibt es die junge NASA-Angestellte Margo Madison (Wrenn Schmidt), die erste und einzige Frau bei Mission Control, die in der dritten Folge eine Reihe neuer Kolleginnen bekommt, weil plötzlich unbedingt eine Frau mit ins All geschickt werden soll. Also werden ernsthafte Bewerberinnen gesucht, die natürlich einen entsprechenden Hintergrund brauchen und so springt die Geschichte von hier nach dort und spannt eine ganze Reihe unterschiedlichster Handlungs- und Spannungssbögen auf, bei denen noch nicht absehbar ist, wie gut oder schlecht sie sich ins große Ganze einfügen werden. Sexismus, Rassismus, #metoo, Flüchtlinge, die aus Mexiko nachts über die US-Grenze schleichen und gleichzeitig eine Art Make America Great Again, das ist ein reichlich überambitioniertes Serienrezept, das viele Geschmäcker bedienen will und am Ende keinem so richtig schmecken wird.

Apple-Serie For All Mankind: Ed Baldwin und die künftigen Astronautinnen

Apple-Serie For All Mankind: Ed Baldwin und die künftigen Astronautinnen Bild: Apple

Die Faszination anlässlich der ersten Mondlandung wird in der Serie allerdings ziemlich gut rübergebracht, die ganze Welt schaut zu. Und überhaupt die 1960er, For All Mankind sieht so aus wie Mad Men, nur halt mit NASA. Ob die Serie allerdings den Sog entwickeln kann, den Mad Men entwickelt hat, weil sich die Serie ganz klar auf Don Draper und sein ziemlich spezielles Umfeld im New Yorker Werbebusiness der frühen 1960er Jahre konzentriert hat, bleibt abzuwarten. Es gibt viel Potenzial, es kann aber auch viel schief gehen. Ich bin gespannt, was die Serienmacher im Haus Apple noch daraus machen.

Seven Seconds: Kein Handy am Steuer

Für Fans der leider nicht mehr auf Netflix verfügbaren Krimiserie The Killing hat die Plattform einen würdigen Ersatz im Programm: Den Zehnteiler Seven Seconds. Auch hier war Veena Sud für Drehbuch und Produktion verantwortlich. Wie schon bei The Killing  (und der großartigen dänischen Vorlage Forbrydelsen) geht es in der Krimi-Handlung nicht nur darum, einen Schuldigen zu finden, sondern auch zu zeigen, was der gewaltsame Tod eines geliebten Menschen für Auswirkungen auf die Überlebenden hat. Auf die Familie des Opfers, aber auch auf den Täter und sein Umfeld, und nicht zuletzt auf die Menschen, die ein solches Verbrechen als Angehörige von Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden aufzuklären und zu ahnden haben.

Serienposter seven seconds Bild: Netflix

Serienposter seven seconds Bild: Netflix

Genau wie bei The Killing es handelt es sich um ein Remake – in diesem Fall war es allerdings keine komplette Serie, deren Handlung in die USA verlegt wurde. Als Inspiration diente der russische Film Майор, der im Jahr 2013 sowohl in Cannes als auch auf den Filmfestival in Toronto vorgestellt wurde. In dem Film von Yuri Bykow überfährt der russische Polizist Sergei Sobolev versehentlich ein Kind, als er auf dem Weg zu seiner Frau ist, bei der die Wehen eingesetzt haben. Aus Korpsgeist vertuschen die Kollegen das Verbrechen, in dem sie die einzige Zeugin des Vorfalls, die Mutter des Jungen, in Misskredit bringen. Im Laufe der Zeit bereut Sobolev seine Entscheidung und beschließt, zu gestehen und die Strafe dafür in Kauf zu nehmen, doch seine Kollegen sind damit nicht einverstanden, denn jetzt hängen sie ja alle mit drin. Alles in allem handelt es sich um einen ziemlich brutalen Film über Korruption innerhalb der russischen Polizei, den ich mir schon deshalb angesehen habe, weil es auffallend wenig Filme aus Russland überhaupt auf westliche Filmfestivals schaffen.

Es ist kein schöner, sondern ein alles in allem sehr unangenehmer Film, der aber genau deshalb wieder gut ist, weil er genau das Übel, das sein Thema ist, schonungslos offenlegt. Ich kann mir vorstellen, dass die offiziellen russischen Behörden, um die es unter anderem geht, Probleme damit haben. Was wiederum auch erklärt, warum dieser Film im Westen gelaufen ist: Hier wird ja gern gezeigt, was in Russland nicht funktioniert und einfach nur schlimm ist.

Insofern ist es ein besonderes Verdienst von Veena Sud und ihrer Serie, dass sie dieses Übel überaus glaubwürdig in den US-Polizeiapparat verlegt hat: In den USA ist die Korruption im System nicht weniger schlimm. Ich persönlich fände ja auch mal eine Serie gut, in der die Korruption und der Korpsgeist innerhalb der deutschen Polizei einmal kritisch aufgearbeitet würde, die Mordserie des NSU beispielsweise wäre da ein schier unerschöpfliches Thema. Dafür könnte man gern ein paar Millionen aus dem Rundfunkbeitrag abzweigen, den ich jeden Monat zahlen muss, obwohl ich inzwischen lieber Netflix und Amazon kucke. Die ja letztlich auch nur böse Konzerne sind, die Geld scheffeln wollen.

Seven Seconds: Peter Jablonski (Beau Knapp), Felix Osorio (Raúl Castillo) und Mike DiAngelo (David Lyons) Bild: Netflix

Seven Seconds: Peter Jablonski (Beau Knapp), Felix Osorio (Raúl Castillo) und Mike DiAngelo (David Lyons) Bild: Netflix

Zurück zu Seven Seconds: Anders als in The Killing steht hier nicht eine Ermittlerin der Polizei im Vordergrund, die für die Aufklärung des titelgebenden Verbrechens nicht nur ihr Privatleben, sondern auch ihre berufliche Karriere ruiniert, sondern eine Schicksalsgemeinschaft aus sehr unterschiedlichen Menschen, deren Lebenswege sich durch einen tragischen Unfall kreuzen: Als der junge Drogenfahnder Peter Jablonski (Beau Knapp)  an einem kalten Wintermorgen auf dem Weg zu seiner schwangeren Frau ist, die wegen Blutungen ins Krankenhaus musste, telefoniert er mit dem Handy und achtet ein paar Sekunden nicht auf die Straße. Er kollidiert plötzlich mit etwas, was sich wenig später als ein Radfahrer herausstellt – unter dem Fahrzeug ragt der Hinterreifen eines teueren BMX-Rads hervor, in dem eine Pappmaché-Möwe steckt.

Voller Panik informiert der junge Polizist seinen Vorgesetzten Mike DiAngelo (David Lyons), der sich mit seinen Team sofort an den Unfallort begibt. Dem abgebrühten Cop ist gleich klar, dass das nicht gut aussehen wird – ein weißer Bulle überfährt ein schwarzes Kind. Und weil das teure Fahrrad darauf hinweist, dass der Junge zu einer in Jersey City berüchtigten Gang gehört, trifft Captain DiAngelo die folgenschwere Entscheidung, die Sache zu vertuschen. Eigentlich will der ehrliche Cop Jablonski sich stellen, doch DiAngelo überredet ihn, ins Krankenhaus zu seiner Frau zu fahren und ihm und den beiden Kollegen den Rest zu überlassen. Damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf.

Wie in der russischen Vorlage Майор sind die handelnden Personen gezwungen, im Verlauf der Handlung immer schlimmere Dinge zu tun, um ihre Story glaubwürdig erscheinen zu lassen. Und weil eine Serie sehr viel mehr Zeit für Nebenhandlungen hat, gibt es in Seven Seconds noch zwei bemerkenswerte Antagonisten: Die ermittelnde Staatsanwältin KJ Harper (Claire-Hope Ashitey) und den skeptischen Bullen Joe „Fish“ Rinaldi (Michael Mosley).

Das schwarze Waisenkind KJ wurde von weißen Eltern in einem komfortablen Vorort von New York aufgezogen, konnte von einer erstklassigen Ausbildung profitieren und ist doch ein Wrack, sie hat eine verhängnisvolle Beziehung zu Gin und zu Karaoke-Bars. Im Verlauf der Handlung kommt ihre verstörende Geschichte ans Licht; in ihrer Funktion als Vollstreckerin der Staatsgewalt muss sie Dinge anordnen, die mitunter fatale Auswirkungen auf Unbeteiligte haben. Das musste KJ auf die harte Tour lernen und sie ist daran zerbrochen.

Insofern ist es nicht unbedingt ein Glück für die Eltern von Brenton Butler, dass ihr Fall ausgerechnet bei KJ landet. Aber – wie wir als ausgebufftes Serienpublikum ahnen – KJ wird diesen Fall zu ihrer persönlichen Definition von Sieg oder Niederlage machen und damit dann entweder mit wehenden Fahnen untergehen, oder einen unerwarteten Sieg einfahren. Oder auch keins von beiden, denn das Justizsystem der USA ist, nun ja, kompliziert.

Seven Seconds: Die Eltern Latrice Butler (Regina King) und Isaiah Butler (Russell Hornsby) Bild: Netflix

Seven Seconds: Die Eltern Isaiah Butler (Russell Hornsby) und Latrice (Regina King) Bild: Netflix

 

Der Fall erweist sich für alle Beteiligten als harte Nuss. Das Umfeld von Brenton Butler ist nicht unbedingt ideal: Auch wenn seine Mutter eine Mittelschullehrerin ist und sein Vater ein hart arbeitender Mann, der immer seine Schulden bezahlt und beide Eltern in ihrer Kirchengemeinde gut integriert sind: Der kleine Bruder des Vaters ist Mitglied einer berüchtigten Gang in New Jersey, und dieses teure Fahrrad, mit dem Brenton zum Zeitpunkt des Unfalls unterwegs war, unterstützt die These seiner Gangzugehörigkeit. Und klar, das ist rassistisch, aber dennoch ein Umstand, der gegen ihn spricht: Mitglieder von kriminellen Gangs kommen nun mal schneller unter ungeklärten Umständen zu Tode als unbescholtene Bürger. Angesichts der Faktenlage ist es also naheliegend, Brenton Butler als Opfer eines Konfliktes unter rivalisierenden Gangs zu deklarieren.

Natürlich sind Brentons Eltern mit dieser Erklärung nicht zufrieden. Ihr Junge war ein guter Junge, und sie bekommen starken Rückhalt in der Black-Lives-Matter-Bewegung. Mit der hat Detective Rinaldi zwar nichts am Hut, aber auch ihm fällt auf, dass hier irgendwas nicht stimmen kann. Er gehört nicht zur eingeschworenen Bruderschaft in seinem Polizeirevier, er ist ein streitbarer Außenseiter, der seinen Job ernst nimmt. Entsprechend hartnäckig ermittelt er in diesem unbefriedigenden Fall, den seine Vorgesetzten nur zu gern zu den Akten legen würden.

Seven Seconds: KJ Harper (Claire-Hope Ashitey) und Joe "Fish" Rinaldi (Michael Mosley) Bild: Netflix

Seven Seconds: KJ Harper (Claire-Hope Ashitey) und Joe „Fish“ Rinaldi (Michael Mosley) Bild: Netflix

Wie in der Vorlage führt der Ermittlungsdruck dazu, dass die Polizisten zu immer extremeren Maßnahmen greifen müssen, um ihre Version des Vorfalls zu stützen. Natürlich bleibt es auch Jablonskis Frau Marie nicht verborgen, dass etwas passiert sein muss: Ihr Peter ist nicht mehr derselbe. Nach und nach gerät das Leben sämtlicher Beteiligten aus den Fugen.

Insgesamt handelt es sich also um eine reichlich düstere Geschichte, in der am Ende alle verlieren. Aber genau das macht die Qualität dieser Serie aus: Die handelnden Personen haben alle vermeintlich gute Gründe, für das, was sie tun. Oder lassen. Ihren persönlichen Maßstäben nach wollen sie einfach das Richtige tun, was sich dann aber als falsch herausstellt. Und auch die Eltern des Opfers Brendon Butler müssen erkennen, dass sie ihren Sohn nicht wirklich gekannt haben. Seven Seconds ist eine mutige und wichtige Serie über soziale und rassistische Vorurteile und gleichzeitig eine Reflexion über Schuld und Sühne. 

Matrjoschka: Sterben ist einfach, leben ist hart

Nachdem es inzwischen eine ganze Reihe von Netflix-Serien gibt, die ich gar nicht so gut finde, habe ich jetzt eine entdeckt, die mir wirklich Spaß gemacht hat: Matrjoschka. Obwohl ich auch hier anhand der Kurzbeschreibung erst einmal vermutet hatte, dass sie ebenfalls nichts für mich sein würde: Eine Serie über eine New-Yorkerin, die ihren 36. Geburtstag immer wieder feiern muss, in dessen Verlauf sie jedes Mal stirbt?! Nee, nicht mein Ding. Deshalb habe ich den Zwangsvorspann, den Netflix mir aufdrängte, einige Male abgebrochen.

Nadia Vulvokov (Natasha Lyonne) Bild: Netflix

Nadia Vulvokov (Natasha Lyonne) Bild: Netflix

Aber dann las ich einen Tweet von Mr.-Robot-Schöpfer Sam Esmail, der Russian Doll als „funny, creative and moving“ sowie „deliciously batshit weird“ anpries. Und wenn der Erfinder einer meiner absoluten Lieblingsserien das findet, dann lohnt sich möglicherweise doch ein Versuch. Also habe ich beim nächsten Mal auf Netflix einfach auf „Play“ gedrückt. Und siehe da, die launige Spiele-Programmiererin Nadia Vulvokov (Natasha Lyonne) gefiel mir so gut, dass ich mir die Serie gleich komplett reinziehen musste, was für geübte Bingewatcher auch keine besondere Herausforderung ist, da sie leider nur aus acht etwa halbstündigen Teilen besteht.

Nadia weiß nicht so recht, was sie mit ihrem Leben anfangen soll, auch wenn sie es immerhin geschafft hat, 36 zu werden. Sie hat offenbar alles, was man zum Leben braucht, also einen Job, von dem sie existieren kann und Freunde, die ihr eine Party ausrichten. Gleichzeitig macht sich aber auch ein gewisser Überdruss bemerkbar: Nadia raucht zu viel, trinkt zu viel, zieht sich unterschiedlichste Drogen rein und schleppt Männer ab – sie sinniert darüber, ob sie möglicherweise schon in einer frühen Midlife Crisis steckt, falls auch Frauen so etwas haben sollten.

Nadias Freundinnen Lizzy (Rebecca Henderson) und Maxine (Greta Lee)

Nadias Freundinnen Lizzy (Rebecca Henderson) und Maxine (Greta Lee)

Aber wer kennt das nicht? Einerseits ist das Leben okay und man versucht, es entsprechend zu feiern und gleichzeitig weiß man nicht so recht, was das alles eigentlich soll. Mir geht es seit Jahrzehnten so und ich hoffte, dass es irgendwann wieder aufhören würde. Aber das tut es nicht, im Gegenteil: Es wird schlimmer und schlimmer. Also das mit den Parties wird weniger, aber dieses Gefühl, dass ich irgendwie im falschen Leben stecke, geht nicht weg. Und genau darum geht es in Matrjoschka.

Nun bin ich ja eine notorische Spielverderberin, weil ich immer zu viel spoilere. Aber im Fall dieser Serie verdirbt es wirklich den Spaß und die Spannung. Deshalb verrate ich jetzt nichts weiter zur Handlung, die alles in allem auch relativ übersichtlich ist, weil wir Nadias Geburtstag ja immer wieder erleben, allerdings in immer neuen Varianten. Es gibt allerdings Hinweise darauf, das die Zeit trotzdem immer weiter fortschreitet – es ist einfach spannend, dabei zuzusehen, wie Nadia versucht, ihr Schicksal zu überlisten, das ihr immer und immer wieder ein Bein stellt.

Gefangen in parallelen Zeitschleifen: Alan Zaveri (Charlie Barnett) und Nadia (Natasha Lyonne)

Gefangen in parallelen Zeitschleifen: Alan Zaveri (Charlie Barnett) und Nadia (Natasha Lyonne)

Und ich muss auch sagen, dass ich den Tenor einiger Kritiken, die ich zur Serie gelesen habe, nicht nachvollziehen kann: Die Auflösung des Plots sei letztlich irgendwie zu moralisch. Ja meine Fresse, wie soll man denn so etwas auflösen?! Es mag zwar naiv sein, an das Gute im Menschen zu glauben. Verwerflich finde ich das nicht. Und warum sollte sich nicht auch eine raubeinige, sarkastische und in jeder Beziehung schlagfertige Egozentrikerin wie Nadia nicht ab und zu auch um menschliche Wesen Sorgen machen anstatt immer nur um den meistens abwesenden Kater Oatmeal?

Netflix-Serie Matrjoschka: Hier ist irgendwas faul... x

Netflix-Serie Matrjoschka: Hier ist irgendwas faul…

So viel muss ich dann doch verraten: Nadia trifft irgendwann auf Alan (Charlie Barnett), der im wahrsten Sinne ihr Alter Ego ist. Also einerseits ihr Doppelgänger, der genau das durchmachen muss, was sie durchmacht, der aber gleichzeitig so ganz anders drauf ist. Nadia ist impulsiv, Alan ist beherrscht, Nadia liebt den Exzess, Alan die Kontrolle, Nadia ist eigentlich alles scheißegal und Alan hat einen strikten moralischen Kompass. Klar, das ist alles Klischee hoch zehn, aber ich finde, dass es in diesem Fall unterhaltsam und ansprechend aufbereitet wurde. Und das, obwohl ich inzwischen ziemlich abgefressen bin, was Zeitschleifen-Geschichten betrifft, wie heißt es so schön in Ijon Tichy: Raumpilot (bitte mit pseudo-polnischem Akzent): „aber das ist Science Fiction, da alles geht!“

Nein, da geht eben nicht alles. Insofern ich rechne den Matrjoschka-Autorinnen hoch an, dass sie konsequent in ihrem konkreten New Yorker Zeitschleifenuniversum bleiben und da eben kein kosmisches Ding draus machen. Das mag einigen dann am Ende zu profan sein. Aber so profan ist das Leben halt.

Deutsche Serie kommt auf den Hund

Netflix produziert weiterhin Serien, und zwar zu viele davon. Überhaupt gibt es inzwischen viel zu viele Serien. Als Serienjunkie fühle ich mich von der schieren Masse des Angebots total überfordert – es ist überhaupt nicht mehr möglich, alles anzusehen, was gerade irgendwie in ist, selbst wenn man den ganzen Tag Zeit dafür hätte. Und wer auf andere Art und Weise Geld verdienen muss, hat sowieso verloren. Trotzdem kann ich es nicht lassen und schaue immer wieder in Serien hinein – aber ich bleibe nur noch dabei, wenn mich die ersten 10, 15 Minuten wirklich überzeugen. Deshalb habe ich vor Jahren bereits den Tatort aufgeben, obwohl ich da jahrzehntelang so etwas wie ein Gewohnheitsfan war. Dieser alte Zopf ist ab, in der Zeit kann man wirklich Besseres kucken.

Dennoch muss ich zugeben, dass es natürlich Serien gibt, die gewisse Vorschusslorbeeren mitbringen, weshalb ich beim Reingucken großzügiger bin als bei solchen, von denen ich noch nie gehört habe. Etwa bei Netflixserien, die von exotischen Ländern außerhalb des anglo-amerikanischen Serienkontin(g)ets produziert werden. So gibt es nach Dark eine weitere deutsche Netflixserie, die bereits seit einiger Zeit auf Netflix zu sehen ist: Dogs of Berlin. Zwar war schon Dark nicht der große Wurf, auf den ich gehofft hatte, aber doch ganz okay: Eine interessante Geschichte mit verschiedenen Zeitebenen, aber einem leider total überambitionierten Soundtrack, der mich zunehmend genervt hat. Ich muss nicht mit viel zu lauten Geräuschen darauf hingewiesen werden, dass jetzt etwas Merkwürdiges passiert. Subtilität ist eine Tugend. Aber nicht die der deutschen Serie. Und Dogs of Berlin ist insofern eine total deutsche Serie, weil, etwas Unsubtileres habe ich selten gesehen. Außer in Amiserien versteht sich. Aber da regt sich keiner drüber auf. Die Amis dürfen das. Die wählen ja auch Typen wie Donald Trump als Präsident.

Dogs of Berlin - die deutsche Serie ist auf den Hund gekommen. Aber ich finde das gar nicht schlimm.

Dogs of Berlin – die deutsche Serie ist auf den Hund gekommen. Aber ich finde das gar nicht schlimm. Bild via Filmstarts.de

Also: Dogs of Berlin. Das ist definitiv etwas ganz anderes. Kann man so nicht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk bringen, wobei, eigentlich wurde total auf Proporz geachtet: Es gibt einen aufrechten schwulen türkischen Ermittler, einen spielsüchtigen deutschen LKA-Typ mit Neonazivergangenheit, eine deutsche Hartz-4-Mutti, die ihren Kindern zerbröselte Kekse mit Kakao als Frühstück improvisiert und ihre Nächte lieber mit zweifelhaften Liebhabern, Computerspielen und einem illegalen Nebenverdienst an der Sexhotline verbringt, als gleich früh morgens in ihr trostloses Loserleben in Marzahn-Hellersdorf durchzustarten. Außerdem gibt eine politisch-korrekte, lesbische Polizeipräsidentin, die mindestens so streng ist wie Mutti Merkel, und schließlich noch einen toten türkischen Nationalspieler, den die deutsche Fußballmannschaft ganz dringend brauchen würde, wenn sie nicht gleich wieder aus der Vorrunde von was auch immer fliegen will. Und alle anderen Figuren sind genauso schon Karikaturen ihrer selbst wie die bereits genannten.

Aber genau das ist dann auch wieder cool, weil es konsequent durchgezogen wird. Katrin Sass als Neonazi-Oma, die ihren Enkeln auf dem Spielplatz beibringt, dass sie sich gegen „diese Kuffnutten“ durchzusetzen hätten und im Zoo doziert, dass gewisse Arten halt verdienen, auszusterben, ist gruselig, bringt aber diese ekelhafte Einstellung genau auf den Punkt. Okay, der Rest der Neonazi-Kameradschaft ist irgendwie viel zu 90er, das Problem derzeit sind ja viel eher die Nazis in den feinen Anzügen der Neoliberalen, die sich in der AfD organisieren, als die tätowierten Prolls, die ein sehr eingeschränktes Weltbild, reichlich kriminelle Energie und einen Faible für mittelalterliche Bestrafungsrituale haben und damit ihren Kollegen von den türkischen Rockergangs ziemlich ähnlich sind. Deshalb kann die Ehefrau von LKA-Ermittler Grimmer dann sogar mit einem von den türkischen Rockern, die auch ihren feinen Laden mit überflüssigen Dingen in Prenzlauer Berg zwecks Schutzgelderpressung heimsuchen, etwas anfangen. Sie glaubt, dass man mit totaler Ehrlichkeit jeden retten kann.

Und das war längst nicht alles, natürlich gibt es noch die Osteuropa-Connection mit Mišel Matičević und einen fiesen arabischen Clanchef samt Clan und dann natürlich noch die abgedrehten Luxusfußballer der Nationalmannschaft, die inzwischen einen eigenen Dienstleister haben, der hinter ihnen her räumt. Oder hinter ihnen her räumen lässt, deshalb gibt es ja eine Figur wie Trinity Sommer (Hannah Herzsprung), eine Mischung aus Modesty Blaise und Jessica Jones, aus der man gelegentlich mehr machen könnte. In dem Zusammenhang ist sie eher unglaubwürdig, aber im Prinzip finde ich, dass es viel zu wenig solcher Superheldinnen gibt.

Der Tenor vieler Kritiken, die ich dazu gelesen habe, ist: Dogs of Berlin sei der schlechtere Abklatsch von 4 Blocks. Da ist etwa dran, gleichzeitig finde ich das aber auch ungerecht, denn der Stoff, aus dem Dogs of Berlin gemacht sein soll, sei deutlich älter als 4 Blocks, las ich zumindest, und das würde einiges erklären. 4 Blocks ist ja tatsächlich eine gute Serie, obgleich ich sagen muss, dass die zweite Staffel gegenüber der ersten deutlich zurück fällt, Vince fehlt einfach.

Dogs of Berlin ist allerdings etwas ganz anderes, diese Serie ist im Grunde bereits ihre eigene Satire, ähnlich wie das bei Homeland oder House of Cards oder Designated Surviver der Fall ist. Diese Serien suhlen sich in Klischees und tragen extrem dick auf, und genau das macht ja auch den Spaß daran aus: Natürlich ist das nur ein Zerrbild unserer Realität, aber eben ein unterhaltsames. Wenn man sich darauf einlässt, einfach mal eine deutsche Krawumm-Serie zu sehen, dann ist Dogs of Berlin keine schlechte Wahl. Eine soziologisch relevante Studie unserer Gesellschaft ist sie nicht. Und ein politisch korrekter oder lieber nicht korrekter, aber intellektuell ernstzunehmender Kommentar zum Zeitgeschehen erst recht nicht. Und auch wenn ich sehr intensiv nachdenke, fallen mir kaum Serien ein, die solche Kriterien bedienen könnten. The Wire vielleicht, um im Genre zu bleiben. Die früheren Tatorte zum Teil. Ansatzweise KDD – Kriminaldauerdienst.

Wie auch immer, die deutschen Kritiker sollten sich mal keinen Kopf machen von wegen „oh Gott, das kann man jetzt mit Netflixabo auf der ganzen Welt sehen, was sollen die Leute nur von uns denken!“ Genau so geht deutsche Serie. Also wenn man es nicht jedem im öffentlich-rechtlichen Rundfunk recht machen muss, was in der Regel dazu führt, dass noch stereotypere Klischees bedient werden müssen und es noch weniger lustig ist. Bin ich jetzt nicht besonders stolz drauf, aber trifft den Kern der Sache. Natürlich wünsche ich mir, dass es demnächst endlich mal wieder etwas richtig Gutes gibt. Übung macht den Meister. 

Sex, Drugs and Techno

Amazon hat inzwischen eine zweite deutsche Eigenproduktion im Angebot: Beat. Und Beat ist zum Glück nicht so schlecht wie You are Wanted, aber das heißt nicht sehr viel, denn der erste Serienversuch von Matthias Schweighöfer war wirklich nicht gut. Beat gefällt mir schon deutlich besser: Allein dass der Protagonist Robert Schlag (Jannis Niewöhner), der von allen nur Beat genannt wird, seit mindestens zehn Jahren täglich gegen das Betäubungsmittelgesetz verstößt, gibt der Serie den entscheidenden Kick, den Beat sich damit selbst verpasst: Er bringt die Welt in die Ordnung, in der er sie erträgt. Und der Tag ist voller Arschlöcher.

Amazons neue Serie: Beat mit Jannis Niewöhner Bild: Amazon

Amazons neue Serie: Beat mit Jannis Niewöhner Bild: Amazon

Damit Beat nicht allzu vielen Arschlöchern begegnen muss, macht er die Nacht zum Tag. Er feiert seine Nächte im coolsten Club Berlins durch und versorgt seine Gemeinde der Techno- und Tanzwütigen mit allem, was sie zum Feiern brauchen. Den Club hat er vor Jahren zusammen mit seinem besten Freund Paul (Hanno Koffler) gegründet. Im Gegensatz zu Beat hat Paul inzwischen aber Frau und Kind, er sorgt sich um seine bürgerliche Existenz, was Beat irgendwie als Verrat empfindet, auch wenn er seinen Freunden natürlich immer ein guter Freund ist. Richtig sauer wird Beat, als er erfährt, dass Paul aus finanziellen Gründen einen weiteren Geschäftspartner am Club beteiligt hat. Es handelt sich ausgerechnet um Philipp Vossberg (Alexander Fehling), der ein hohes Tier in einem internationalen Konzern ist, der mit zweifelhaften Geschäften Milliarden umsetzt.

Dass Vossberg der Kopf eines kriminellen Netzwerks von Waffen-, Drogen- und Menschenhändlern ist, vermutet auch der europäische Geheimdienst ESI. Deshalb wird die ESI-Agentin Emilia (Karoline Herfurth) auf Beat angesetzt: Sie soll den in der Berliner Subkultur gut vernetzten Beat dazu bringen, als Informant für ESI zu arbeiten und Vossberg und dessen Umfeld ausspähen. Dazu hat Beat allerdings wenig Lust, auch wenn er Vossberg nicht leiden kann. Aber Emilia und ihr Vorgesetzter Richard Diemer (Christian Berkel) verfügen als Geheimdienstler über allerhand Möglichkeiten, die auch den eigenwilligen Beat nicht unbeeindruckt lassen, so dass er schließlich, wenn auch widerwillig, mitmacht. Leider rutscht die Geschichte damit dann komplett in eine ziemlich krude Krimihandlung ab, was ich schade finde, denn es wäre ja theoretisch durchaus denkbar, ausnahmsweise mal eine Serie zu machen, die keine Krimiserie ist.

Beat (Jannis Niewöhner) in seinem Element Bild: Amazon

Beat (Jannis Niewöhner) in seinem Element Bild: Amazon

Warum nicht mal einfach eine Serie über schräge Vögel in der Berliner Clubszene? Da gäbe es doch Stoff genug, und man muss es ja nicht so bombastisch aufziehen wie es HBO mit The Get Down versucht hat. Es zeigt sich immer wieder, dass weniger mehr sein kann. Und melancholische Bilder von Zerfall und Niedergang gibt das Berliner Umland auch ohne die schrecklichen Dinge her, die sich die Serienmacher extra ausgedacht haben.

Klar gibt es viel Böses in der Welt, aber der Alltag ist doch auch so schon beschwerlich genug. Insbesondere, wenn man als Mensch, der nicht scharf auf eine bürgerliche Karriere mit anstrengendem Arbeitstag und Familienleben ist, damit klar kommen muss, dass man sich heutzutage in Berlin längst nicht mehr so gut durchschlauchen kann wie vor zehn oder zwanzig Jahren. Das wäre meiner Ansicht nach ein geradezu unerschöpfliches Thema, das eine ganze Reihe Serien füllen könnte, wenn man nur kreative Menschen mit Tiefgang und Humor einfach mal machen lassen würde. Oder meinetwegen auch ohne Tiefgang aber mit Humor, wie das Team hinter Gutes Wedding Schlechtes Wedding.

Diemer (Christian Berkel) und Emilia (Karoline Herfurth) wollen Beat als Informant anwerben. Bild: Amazon

Diemer (Christian Berkel) und Emilia (Karoline Herfurth) wollen Beat als Informant anwerben. Bild: Amazon

Nun ist Beat nach einem vielversprechenden Auftakt aber leider doch wieder nur eine Krimiserie geworden, deren Handlung es so ähnlich schon mal in einem NDR-Tatort mit Cenk Batu (Mehmet Kurtuluş) gegeben hat, damals allerdings ohne Techno und Drogen. Und ohne RAF-Bezug. An sich finde ich es auch keine schlechte Idee, die letzten der RAF zugeschriebenen Morde, die allesamt nicht aufgeklärt wurden, für eine Serie aufzugreifen. Oder die Frage nach dem Verbleib der mutmaßlichen RAF-Mitglieder zu stellen, die nicht gefasst werden konnten. Aber in Beat wirkt das ziemlich an den Haaren herbeigezogen und das nervt. Nicht alle Eltern, die plötzlich verschwinden, müssen Terroristen sein. Ein Verkehrsunfall ist viel realistischer, das passiert gar nicht so selten.

Und nicht alle, die eine schwere Kindheit hatten, müssen als Psychopathen enden. Hier nervt die Serie mit einem weiteren, schon viel zu oft bemühten, Klischee, zumal die Figur des unheimlichen Jasper Hoff (intensiv und verstörend gespielt von Kostja Ullmann), nachdem sie mühevoll aufgebaut wurde, plötzlich fallengelassen wird. Vielleicht sollte man auch hierzulande mal versuchen, nicht einfach einen Drehbuchautor vor sich hinschreiben zu lassen, sondern ein Team von Autoren auf eine Serie anzusetzen, die gegenseitig auf sich aufpassen, dass sie sich nicht in immer weiteren Einfällen verheddern, sondern statt dessen vielschichtige und trotzdem plausible Charaktere entwickeln und für diese dann spannende und komplexe Handlungsbögen konstruieren, in denen nicht immer willkürlich neue Fässer aufgemacht, sondern auch mal etwas genauer analysiert und nachvollziehbar motiviert und, ja, der eine oder andere Handlungsstrang vernünftig zu Ende gebracht wird.

Der Serienspychopath Jasper (Kostja Ullmann) Bild: Amazon

Der Serienspychopath Jasper (Kostja Ullmann) Bild: Amazon

Alles in allem ist Beat aber trotzdem nicht schlecht, allein die Besetzung ist top, Jannis Niewöhner überzeugt als idealistischer Realitätsverweigerer, der immer mehr Drogen braucht, um die Grausamkeit des Alltags und der Welt zu ertragen. Bleibt zu hoffen, dass eine nächste deutsche Serie für den internationalen Markt noch besser wird.