GOT: Schwache Staffel, versöhnliches Ende

So, vorbei. Immerhin hat der letzte Teil diese letzte, insgesamt tatsächlich eher schwachen Staffel von Game of Thrones zu einem aus meiner Sicht durchaus befriedigenden Ende geführt. Dass die großen Aufregerthemen, die durch die Medien gegangen sind, ein vergessener Kaffeebecher und schlecht versteckte Wasserflaschen aus Plastik waren, zeigt, wie es um die inhaltliche Qualität der letzten Staffel bestellt war. Dabei gehöre ich noch nicht mal zu den enttäuschten Fans, die vor Frust schier Amok gelaufen sind und eine Petition für eine Neuverfilmung der achten Staffeln „mit kompetenten Schreibern“ gestartet haben, die bereits von fast 1,5 Millionen Unterstützern unterschrieben wurde.

Game of Thrones: Daenerys im Angesicht ihres verheerenden Sieges Bild: hbo.com

Game of Thrones: Daenerys im Angesicht ihres verheerenden Sieges Bild: hbo.com

Aber ja, es stimmt schon: Aus dem gigantischen Budget, das für die letzte Staffel verbraten wurde, hätte man durchaus mehr machen können. Laut Variety hat jede der sechs Folgen 15 Millionen Dollar verschlungen – üblicherweise kostet eine Highend-Drama-Serie etwa 2 Millionen Dollar pro Folge. Da wäre es schon gut gewesen, mehr in die konsequente Entwicklung der Charaktere und damit in eine bessere Handlung zu investieren, statt in überbordende Spezialeffekte. Klar sind riesige feuerspeiende Drachen cool, und es ist teuer, mal eben eine komplette Stadt kulissenmäßig in Schutt und Asche zu legen. Aber nach dem es eine besondere Qualität der ersten Staffeln war, die Handlung auf verschlungenen Wegen vor sich hin mäandern zu lassen und statt dessen die Entwicklung von interessanten und eigenwilligen Charakteren und ihren komplizierten Beziehungen untereinander in Fokus zu stellen, zeichnete sich bereits vor der siebten Staffel ein Paradigmenwechsel ab: Jetzt ging es nicht mehr um subtile Charakterzeichnung, sondern um visuelle Überwältigung. Genau das also, was mir am aktuellen Blockbuster-Kino ohnehin schon auf die Nerven geht.

Wobei jeder der sechs Teile durchaus seine Höhepunkte hatte. Dass Arya sich Gendry ausgesucht hat, um herauszufinden, wie das mit dem Sex so geht, beispielsweise. Oder der hoch verdiente Ritterschlag für Brienne, ausgeführt von Jaime Lannister, der sie ganz offenbar zu schätzen (und vielleicht sogar zu lieben?) gelernt hat. Aber alle diese hoffnungsfrohen Momente, die letztlich auch zu sentimental für die sonst so brutale Handlung sind, führen nur wieder zu neuen Enttäuschungen. Was einerseits konsequent für die bisherige Grundlinie der Serie ist.

Andererseits teile ich insgesamt den Eindruck, dass es den Autoren in erster Linie nur noch darum zu gehen schien, mit der Geschichte endlich abzuschließen. Insofern klaffen zum Teil ganz erhebliche Logiklöcher weit offen, da werden im dritten Teil die Dothraki weitgehend ausgelöscht, zum Schluss sehen wir aber wieder eine beeindruckende Reiterarmee, bereit die ganze Welt für ihre Königin zu erobern. Was auch für die Unbefleckten gilt. Oder wir sehen, wie der Drache Rhaegal von Euron Greyjoy spektakulär vom Himmel geschossen wird, während die Skorpion-Speere Drogon nur eine Folge später schon nichts mehr anhaben können. Oder dass sich Arya, die seit langer Zeit das Ziel verfolgt, Cersei zu töten, sich in letzter Minute ausgerechnet vom Hound wie ein kleines Mädchen nach Hause schicken lässt, wo sie doch zuvor schon den den viel gefährlicheren und mächtigen Nachtkönig getötet hat – eine unglaubwürdigere Wendung kann man sich kaum ausdenken.

Dass Cersei und Jaime ganz unspektakulär unter den Trümmern der Roten Feste begraben werden, geht für mich in Ordnung, allerdings ist es völlig unwahrscheinlich, dass Tyrion später ausgerechnet über die goldene Hand seines Bruders stolpert und seine Geschwister tot auffindet, nachdem er ein paar Brocken beiseite geräumt hat. Die Burg ist im Teil zuvor mit dermaßen beeindruckenden Effekten (Drachenfeuer!) und entsprechendem Sachschaden zerstört worden, so dass eigentlich unvorstellbar ist, dass man von den Leichen überhaupt noch erkennbare Teile finden kann, selbst wenn man mit viel Aufwand danach suchen würde. Noch unbefriedigender finde ich allerdings den Umstand, dass die Gefahr des ewigen Winters mit dem Tod des Nachtkönigs mal eben komplett und für immer gebannt ist, insofern bräuchte es ja tatsächlich keine Nachtwache mehr, zu der Jon für den Rest seines Lebens verbannt werden könnte. Aber wie Tyrion erklärt, man braucht sie eben doch als Zufluchtsstätte für gescheiterte Existenzen. Nun ja. Immerhin kann Jon am Ende genau das tun, was er sein Leben lang tun wollte: Mann der Nachtwache sein und das Reich beschützen, vor was auch immer.

Den Job hat er bisher schon immer wieder ganz gut erledigt, auch wenn nicht auf die Art und Weise, die er selbst oder das Publikum erhofft hat: Oft genug stolpert er in der letzten Staffel mit dem Schwert in der Hand durch die Gegend, ohne wirklich etwas ausrichten zu können. Die größte Tat begeht er ausgerechnet mit dem Verrat an seiner geliebten Königin, nachdem Jon erkennen musste, dass Daenerys nicht die gerechte und gütige Herrscherin sein wird, die sie werden wollte. Es hatte sich allerdings schon in den vergangenen Staffeln abgezeichnet, dass Daenerys berechnend und grausam sein kann. Wer immer sich ihr in den Weg stellte, wurde niedergemetzelt oder verbrannt, nur traf es am Anfang immer die Bösen. Inzwischen ist Daenerys dermaßen davon überzeugt, dass der Zweck die Mittel heiligt, dass sie wahl- und zahllos Unschuldige tötet, weil sie damit ja ihr gutes Ziel verfolgt: Die ganze Welt von Fremdherrschaft zu befreien und ihre eigene, ihrer Ansicht nach ideale, Herrschaft zu zementieren. Natürlich musste sie sterben und es konnte nur Jon sein, weil er der einzige war, der bis zum Schluss ihr Vertrauen besaß und dicht genug an sie heran kam.

Game of Thrones: Die Stark-Geschwister Arya, Bran und Sansa. Bild: hbo.com

Game of Thrones: Die Stark-Geschwister Arya, Bran und Sansa. Bild: hbo.com

Als idealere Herrschaft wird danach eine Art aufgeklärte Monarchie mit Wahlkönigtum eingeführt, Sam sorgt noch für ein paar Lacher, als er vorschlägt, dass alle Menschen in Westeros eine Wahl haben sollten. Doch für dermaßen radikale Vorstellungen von Basisdemokratie sind die anderen noch nicht reif. Stattdessen sollen Vertreter der bisherigen sieben Königreiche und sonst durch verdienstvolle Taten aufgefallene Edelleute den neuen König wählen. Auch hier wird nicht erklärt, wie das Sammelsurium mehr oder weniger bekannter Figuren zustande kommt, das offenbar auf die Initiative von Grauer Wurm zusammengerufen wurde, um die künftigen Herrschaftsverhältnisse in Westeros zu klären.

Die Verräter Jon Snow und Tyrion Lannister gehören aus naheliegenden Gründen nicht dazu. Um so erstaunlicher, dass der in Ketten vorgeführte Zwerg überhaupt angehört wird. Und der macht natürlich von seinem Talent, alle anderen an die Wand zu quatschen, gebrauch und überrascht mit dem Vorschlag, ausgerechnet den Krüppel Bran zum König zu wählen. Wobei natürlich auch vieles dafür spricht, den Dreiäugigen Raben zu wählen, denn er weiß ja tatsächlich mehr als alle anderen.

Und der frisch gekürte König Bran, erster seines Namens, macht in seiner Weisheit Tyrion zu seiner Hand, damit der den Rest seines Lebens seine Fehler wieder gut machen kann. Doch, das geht okay. Und auch, dass Sansa durchsetzt, dass der Norden unabhängig bleibt, mit ihr als Königin des Nordens. Wobei man sich dann natürlich schon fragen könnte, warum die anderen dann nicht auf die Idee kommen, dass auch Dorne oder die Eiseninseln oder was auch immer unabhängige Reiche bleiben könnten. Aber egal, wir müssen ja irgendwie mal zum Ende kommen.

Als eine Winter habe ich überhaupt nichts gegen den Mehrfach-Triumph der Starks, mit Sansa als Königin des Nordens, Jon jenseits der Mauer und Bran auf dem Thron kann nichts mehr schief gegen, und wer weiß, was Abenteuerin Arya im Westen noch entdecken mag. Das ist ein versöhnliches Ende nach so viel Blutvergießen, Hass und Zerstörung. Ich kann gut damit leben und freue mich auf neue Serien. Gern auch ohne Drachen.

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Seven Seconds: Kein Handy am Steuer

Für Fans der leider nicht mehr auf Netflix verfügbaren Krimiserie The Killing hat die Plattform einen würdigen Ersatz im Programm: Den Zehnteiler Seven Seconds. Auch hier war Veena Sud für Drehbuch und Produktion verantwortlich. Wie schon bei The Killing  (und der großartigen dänischen Vorlage Forbrydelsen) geht es in der Krimi-Handlung nicht nur darum, einen Schuldigen zu finden, sondern auch zu zeigen, was der gewaltsame Tod eines geliebten Menschen für Auswirkungen auf die Überlebenden hat. Auf die Familie des Opfers, aber auch auf den Täter und sein Umfeld, und nicht zuletzt auf die Menschen, die ein solches Verbrechen als Angehörige von Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden aufzuklären und zu ahnden haben.

Serienposter seven seconds Bild: Netflix

Serienposter seven seconds Bild: Netflix

Genau wie bei The Killing es handelt es sich um ein Remake – in diesem Fall war es allerdings keine komplette Serie, deren Handlung in die USA verlegt wurde. Als Inspiration diente der russische Film Майор, der im Jahr 2013 sowohl in Cannes als auch auf den Filmfestival in Toronto vorgestellt wurde. In dem Film von Yuri Bykow überfährt der russische Polizist Sergei Sobolev versehentlich ein Kind, als er auf dem Weg zu seiner Frau ist, bei der die Wehen eingesetzt haben. Aus Korpsgeist vertuschen die Kollegen das Verbrechen, in dem sie die einzige Zeugin des Vorfalls, die Mutter des Jungen, in Misskredit bringen. Im Laufe der Zeit bereut Sobolev seine Entscheidung und beschließt, zu gestehen und die Strafe dafür in Kauf zu nehmen, doch seine Kollegen sind damit nicht einverstanden, denn jetzt hängen sie ja alle mit drin. Alles in allem handelt es sich um einen ziemlich brutalen Film über Korruption innerhalb der russischen Polizei, den ich mir schon deshalb angesehen habe, weil es auffallend wenig Filme aus Russland überhaupt auf westliche Filmfestivals schaffen.

Es ist kein schöner, sondern ein alles in allem sehr unangenehmer Film, der aber genau deshalb wieder gut ist, weil er genau das Übel, das sein Thema ist, schonungslos offenlegt. Ich kann mir vorstellen, dass die offiziellen russischen Behörden, um die es unter anderem geht, Probleme damit haben. Was wiederum auch erklärt, warum dieser Film im Westen gelaufen ist: Hier wird ja gern gezeigt, was in Russland nicht funktioniert und einfach nur schlimm ist.

Insofern ist es ein besonderes Verdienst von Veena Sud und ihrer Serie, dass sie dieses Übel überaus glaubwürdig in den US-Polizeiapparat verlegt hat: In den USA ist die Korruption im System nicht weniger schlimm. Ich persönlich fände ja auch mal eine Serie gut, in der die Korruption und der Korpsgeist innerhalb der deutschen Polizei einmal kritisch aufgearbeitet würde, die Mordserie des NSU beispielsweise wäre da ein schier unerschöpfliches Thema. Dafür könnte man gern ein paar Millionen aus dem Rundfunkbeitrag abzweigen, den ich jeden Monat zahlen muss, obwohl ich inzwischen lieber Netflix und Amazon kucke. Die ja letztlich auch nur böse Konzerne sind, die Geld scheffeln wollen.

Seven Seconds: Peter Jablonski (Beau Knapp), Felix Osorio (Raúl Castillo) und Mike DiAngelo (David Lyons) Bild: Netflix

Seven Seconds: Peter Jablonski (Beau Knapp), Felix Osorio (Raúl Castillo) und Mike DiAngelo (David Lyons) Bild: Netflix

Zurück zu Seven Seconds: Anders als in The Killing steht hier nicht eine Ermittlerin der Polizei im Vordergrund, die für die Aufklärung des titelgebenden Verbrechens nicht nur ihr Privatleben, sondern auch ihre berufliche Karriere ruiniert, sondern eine Schicksalsgemeinschaft aus sehr unterschiedlichen Menschen, deren Lebenswege sich durch einen tragischen Unfall kreuzen: Als der junge Drogenfahnder Peter Jablonski (Beau Knapp)  an einem kalten Wintermorgen auf dem Weg zu seiner schwangeren Frau ist, die wegen Blutungen ins Krankenhaus musste, telefoniert er mit dem Handy und achtet ein paar Sekunden nicht auf die Straße. Er kollidiert plötzlich mit etwas, was sich wenig später als ein Radfahrer herausstellt – unter dem Fahrzeug ragt der Hinterreifen eines teueren BMX-Rads hervor, in dem eine Pappmaché-Möwe steckt.

Voller Panik informiert der junge Polizist seinen Vorgesetzten Mike DiAngelo (David Lyons), der sich mit seinen Team sofort an den Unfallort begibt. Dem abgebrühten Cop ist gleich klar, dass das nicht gut aussehen wird – ein weißer Bulle überfährt ein schwarzes Kind. Und weil das teure Fahrrad darauf hinweist, dass der Junge zu einer in Jersey City berüchtigten Gang gehört, trifft Captain DiAngelo die folgenschwere Entscheidung, die Sache zu vertuschen. Eigentlich will der ehrliche Cop Jablonski sich stellen, doch DiAngelo überredet ihn, ins Krankenhaus zu seiner Frau zu fahren und ihm und den beiden Kollegen den Rest zu überlassen. Damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf.

Wie in der russischen Vorlage Майор sind die handelnden Personen gezwungen, im Verlauf der Handlung immer schlimmere Dinge zu tun, um ihre Story glaubwürdig erscheinen zu lassen. Und weil eine Serie sehr viel mehr Zeit für Nebenhandlungen hat, gibt es in Seven Seconds noch zwei bemerkenswerte Antagonisten: Die ermittelnde Staatsanwältin KJ Harper (Claire-Hope Ashitey) und den skeptischen Bullen Joe „Fish“ Rinaldi (Michael Mosley).

Das schwarze Waisenkind KJ wurde von weißen Eltern in einem komfortablen Vorort von New York aufgezogen, konnte von einer erstklassigen Ausbildung profitieren und ist doch ein Wrack, sie hat eine verhängnisvolle Beziehung zu Gin und zu Karaoke-Bars. Im Verlauf der Handlung kommt ihre verstörende Geschichte ans Licht; in ihrer Funktion als Vollstreckerin der Staatsgewalt muss sie Dinge anordnen, die mitunter fatale Auswirkungen auf Unbeteiligte haben. Das musste KJ auf die harte Tour lernen und sie ist daran zerbrochen.

Insofern ist es nicht unbedingt ein Glück für die Eltern von Brenton Butler, dass ihr Fall ausgerechnet bei KJ landet. Aber – wie wir als ausgebufftes Serienpublikum ahnen – KJ wird diesen Fall zu ihrer persönlichen Definition von Sieg oder Niederlage machen und damit dann entweder mit wehenden Fahnen untergehen, oder einen unerwarteten Sieg einfahren. Oder auch keins von beiden, denn das Justizsystem der USA ist, nun ja, kompliziert.

Seven Seconds: Die Eltern Latrice Butler (Regina King) und Isaiah Butler (Russell Hornsby) Bild: Netflix

Seven Seconds: Die Eltern Isaiah Butler (Russell Hornsby) und Latrice (Regina King) Bild: Netflix

 

Der Fall erweist sich für alle Beteiligten als harte Nuss. Das Umfeld von Brenton Butler ist nicht unbedingt ideal: Auch wenn seine Mutter eine Mittelschullehrerin ist und sein Vater ein hart arbeitender Mann, der immer seine Schulden bezahlt und beide Eltern in ihrer Kirchengemeinde gut integriert sind: Der kleine Bruder des Vaters ist Mitglied einer berüchtigten Gang in New Jersey, und dieses teure Fahrrad, mit dem Brenton zum Zeitpunkt des Unfalls unterwegs war, unterstützt die These seiner Gangzugehörigkeit. Und klar, das ist rassistisch, aber dennoch ein Umstand, der gegen ihn spricht: Mitglieder von kriminellen Gangs kommen nun mal schneller unter ungeklärten Umständen zu Tode als unbescholtene Bürger. Angesichts der Faktenlage ist es also naheliegend, Brenton Butler als Opfer eines Konfliktes unter rivalisierenden Gangs zu deklarieren.

Natürlich sind Brentons Eltern mit dieser Erklärung nicht zufrieden. Ihr Junge war ein guter Junge, und sie bekommen starken Rückhalt in der Black-Lives-Matter-Bewegung. Mit der hat Detective Rinaldi zwar nichts am Hut, aber auch ihm fällt auf, dass hier irgendwas nicht stimmen kann. Er gehört nicht zur eingeschworenen Bruderschaft in seinem Polizeirevier, er ist ein streitbarer Außenseiter, der seinen Job ernst nimmt. Entsprechend hartnäckig ermittelt er in diesem unbefriedigenden Fall, den seine Vorgesetzten nur zu gern zu den Akten legen würden.

Seven Seconds: KJ Harper (Claire-Hope Ashitey) und Joe "Fish" Rinaldi (Michael Mosley) Bild: Netflix

Seven Seconds: KJ Harper (Claire-Hope Ashitey) und Joe „Fish“ Rinaldi (Michael Mosley) Bild: Netflix

Wie in der Vorlage führt der Ermittlungsdruck dazu, dass die Polizisten zu immer extremeren Maßnahmen greifen müssen, um ihre Version des Vorfalls zu stützen. Natürlich bleibt es auch Jablonskis Frau Marie nicht verborgen, dass etwas passiert sein muss: Ihr Peter ist nicht mehr derselbe. Nach und nach gerät das Leben sämtlicher Beteiligten aus den Fugen.

Insgesamt handelt es sich also um eine reichlich düstere Geschichte, in der am Ende alle verlieren. Aber genau das macht die Qualität dieser Serie aus: Die handelnden Personen haben alle vermeintlich gute Gründe, für das, was sie tun. Oder lassen. Ihren persönlichen Maßstäben nach wollen sie einfach das Richtige tun, was sich dann aber als falsch herausstellt. Und auch die Eltern des Opfers Brendon Butler müssen erkennen, dass sie ihren Sohn nicht wirklich gekannt haben. Seven Seconds ist eine mutige und wichtige Serie über soziale und rassistische Vorurteile und gleichzeitig eine Reflexion über Schuld und Sühne. 

Green Book: Gut, aber zu spät

Ich mag Musikfilme und ich mag Roadmovies, insofern ist Green Book schon ein besonderer Leckerbissen. Das fand offensichtlich auch die ehrwürdige Academy, die den Film am Sonntagabend mit dem Oscar für den besten Film bedachte. Und Mahershala Ali mit dem Oscar für den besten Darsteller in einer Nebenrolle. Wobei ich nach dem nochmaligen Ansehen von Green Book doch ein bisschen enttäuscht bin, vermutlich weil der Film meine Erwartungen einfach anstandslos erfüllt hat: Ein bisschen rauer, eckiger, weniger gefällig hätte die Geschichte schon sein können.

Es geht um den schwarzen Klaviervirtuosen Don Shirley, eine historische Person, der in den frühen 60er Jahren eine Tournee durch die Südstaaten der USA unternahm, und seinen Fahrer, der im Film Tony Vallelonga, kurz Tony Lip heißt. Kleiner Witz am Rande: Der echte Tony Lip hat in der legendären Serie Die Sopranos den Mafia-Boss Carmine Lupertazzi gespielt. Insofern ist der Mafia-Bezug dieser Figur quasi naturgegeben.

Green Book Filmposter

Green Book Filmposter

Mahershala Ali hat für seine Interpretation des Don Shirley bereits einen Golden Globe als bester Nebendarsteller gewonnen, absolut verdient natürlich, wobei ich die Kategorie „Nebendarsteller“ auch wieder diskussionswürdig fände. Viggo Mortensen als Hauptdarsteller finde ich schon okay, er spielt diesen Italo-Amerikaner Tony Lip, der gute Beziehungen zur New Yorker Mafia hat, aber auch sonst in jeder Beziehung ein Familienmensch ist, hinreißend ehrlich und schmierig zugleich.

Tony ist ein Kind der US-Einwanderer-Arbeiterklasse. Er macht seinen Job und scheut nicht davor zurück, sich die Finger schmutzig zu machen. Gleichzeitig versucht er, ein guter Ehemann und Vater zu sein. Familie ist wichtig, gerade in seinen Kreisen. Die Italiener hängen auch in der neuen Welt an ihren alten Werten. Aber genau das ist sympathisch: Sie schätzen gutes Essen und sie sind gastfreundlich und hilfsbereit. Insofern hat Tony kein Problem damit, für einen Farbigen zu arbeiten. Job ist Job und solange er sein Geld kriegt, macht er ihn, so gut er kann. Und natürlich macht er ihn ziemlich gut.

Für Don Shirley ist das alles komplizierter: Er ist ein ebenso hochgebildeter wie feinsinniger Künstler, der in den höchsten Kreisen verkehrt, er wohnt in einem Appartement über der Carnegie Hall und ist mit den Kennedys befreundet. Er hat eigentlich alles, was man im Leben erreichen kann. Aber offensichtlich hat er ein Problem damit, dass er aufgrund seiner afrikanischen Herkunft nicht überall in den Staaten gleichermaßen anerkannt wird. Oder vielleicht will er seinen unterdrückten schwarzen Brüdern und Schwestern im Süden einfach Mut machen – es ist jedenfalls sein Wunsch, eine Tournee durch den Süden der USA zu absolvieren, auch wenn das weniger Geld einbringt.

Und es liegt auf der Hand, dass das zu jener Zeit gewisse Schwierigkeiten provoziert. Insofern sucht Shirley mehr als einen Fahrer, der ihn einfach nur von Konzert zu Konzert chauffiert. Er braucht einen persönlichen Assistenten, der mögliche Probleme vor Ort möglichst geräuschlos regeln kann. Natürlich ist Tony Lip der ideale Kandidat für diesen Job – nur weiß Tony das noch nicht. Auch wenn er im Bewerbungsgespräch als besondere Qualifikation Public Relations nennt. Daher kommt sein Spitzname Lip: Er kann sich aus schwierigen Situationen einfach herausreden.

Don Shirley erkennt das, auch wenn er sonst mit dem ungeschliffenen Verhalten seines Angestellten immer wieder unzufrieden sein wird. Einen großen Teil des Amüsements zieht Green Book entsprechend aus der Gegenüberstellung des prolligen weißen Fahrers mit dem Herz auf dem rechten Fleck und dem distinguierten Intellektuellen, der für die Gegend, in der er sich gerade bewegt, leider die falsche Hautfarbe hat.

Der Filmtitel leitet sich übrigens von dem Reiseführer Negro Motorist Green Book  ab, nach dem Shirley seine Tournee planen muss.  Dass so etwas noch immer als Gegenstand für einen Film herhalten muss, ist traurig und beschämend. Vielleicht ist es das, was meine latente Unzufriedenheit mit diesem Film ausmacht und mich wünschen lässt, dass dieser Film nicht als bester Film ausgezeichnet worden wäre, obwohl es zweifelsohne ein guter Film ist, ein unterhaltsamer dazu, wenn auch kein besonders mutiger. Dafür kommt er ein paar Jahrzehnte zu spät. 

Es geht mir mit Green Book ähnlich wie mit Hidden Figures, jenem Film über einige afroamerikanischen Mathematikerinnen, die maßgelblich am Erfolg des Mondlandungsprojekts der NASA beteiligt waren, ohne dass ihre Leistung angemessen gewürdigt worden wäre. Ich finde gut, dass das mit dem Film endlich mal ansatzweise nachgeholt wird, gleichzeitig ärgert es mich, dass so ein wichtiger Film nett und unterhaltsam aufbebreitet wird, anstatt sich dermaßen über diese Ignoranz und Ungerechtigkeit aufzuregen, wie es mehr als angebracht wäre. Aber wer kuckt sich schon zwei Stunden Standpauke an. Natürlich will man lieber einen unterhaltsamen Film, bei dem man nebenbei noch etwas lernen kann. Aber der Sache, um die es geht, wird man damit nicht gerecht. Aber klar, lieber so einen leicht verlogenen Feel-Good-Film als ein noch verlogeneres Superheldenmovie. Insofern: Daumen hoch für Green Book.

True Detective 3: Vom Verschwinden

True Detective war eine der ganz großen Serien im Jahr 2014, die zweite Staffel im Jahr danach war eine ebenso epische Enttäuschung. Auch wenn das ein bisschen ungerecht ist, denn an sich war die Geschichte gar nicht schlecht. Sie war nur völlig so völlig anders.

Außerdem fehlte eben dieses spezielle True-Detecive-Feeling, dieses düstere Geheimnis hinter einen rätselhaften Fall, das die Protagonisten Rust und Hart so sehr in den Bann zog, das sie selbst ein Teil davon wurden. Und dann dieses schwüle, sehr ländliche Louisiana und natürlich die schwer philosophischen Gaga-Dialoge von Rust und Hart – was man so redet, wenn der Tag lang ist und man nicht weiter kommt und privat eigentlich auch ganz andere Sorgen hat, das aber keinesfalls zugeben will.

Detective Wayne Hays (Mahershala Ali) ist ein gute Spurenleser. Bild: HBO

Detective Wayne Hays (Mahershala Ali) ist ein gute Spurenleser. Bild: HBO

Das lange Warten auf die dritte Staffel hat sich definitiv gelohnt: Mit Wayne Hays (Mahershala Ali) und Roland West (Stephen Dorff) gibt es wieder ein echtes True-Detective-Team, das dieses Mal in den Ozarks ermittelt, einem gleichfalls sehr ländlichen Gebiet, das von einem wirtschaftlichen Niedergang gezeichnet ist. Jedenfalls sind viele Orte in Fortgang der Handlung verlassen und verfallen. 

Die Geschichte wird in drei Zeitebenen erzählt: Es gibt den eigentlichen Fall von 1980, die Wiederaufnahme der Ermittlungen zehn Jahre danach und schließlich eine Dokumentation durch eine investigative Journalistin im Jahr 2015, die in dieser Dokumentation über den noch immer nicht gelösten Fall nachweisen will, dass bei den Ermittlungen 1980 und 1990 nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein kann. Deshalb hat sie den alternden und inzwischen an Gedächtnisstörungen leidenden Hays aufgerieben, der damals auch unzufrieden mit dem Verlauf der Dinge war.

Dumm nur, dass er sich eben nicht mehr an alles erinnern kann. Aber eins wird klar: Dieser Fall hat ihn nicht mehr los gelassen. Und das gilt nicht nur ihn, sondern auch für seine Frau Amelia (Carmen Ejogo). Wayne hat Amelia im Zuge seiner Ermittlungen kennen und lieben gelernt. Amelia war die Englischlehrerin der verschwundenen Kinder. Auch Amelia beschäftigt sich intensiv mit dem Fall, erst hilft sie den beiden Detectives bei den Ermittlungen, später schreibt sie ein Buch darüber.

Wayne (Mahershala Ali) und Amelia (Carmen Ejogo)

Wayne (Mahershala Ali) und Amelia (Carmen Ejogo) Bild: HBO

Die zehn- und zwölfjährigen Geschwister Julie und Will Purcell verschwinden am 7. November 1980 im Wald in der Nähe ihres Wohnorts in den Ozarks. Ihr Vater Tom (Scoot McNairy) ging davon aus, dass sie bei einem Schulfreund zum Spielen verabredet gewesen wären, doch es stellt sich heraus, dass sie niemals dort angekommen sind. Einige Zeugen haben die Kinder am Nachmittag noch gesehen, wie sie auf ihren Fahrrädern unterwegs gewesen sind, doch dann verliert sich ihre Spur.

Die alarmierten Arkansas State Police Detectives Hays und West gehen erst einmal davon aus, dass es ein Routinefall wird, meistens finden sich verschwundene Kinder in wenigen Tagen wieder. Doch schnell wird klar, dass sie auch nicht bei der Mutter Lucy (Mamie Gummer) sind, die kurze Zeit später auftaucht und ihren Mann wüst beschimpft.

Wayne, genannt Purple Hays, hat seine Einsätze als Soldat in Vietnam überlebt, weil er ein hervorragender Spurenleser ist. Diese Fähigkeit nutzt er auch im Polizeidienst – und er findet schließlich die Leiche des Jungen. Seine Schwester Julie allerdings bleibt verschwunden. Hays und West gehen einer Menge Spuren nach, aber sie finden Julie nicht.

Wayne (Mahershala Ali), Roland West (Stephen Dorff) und Tom Purcell (Scott McNairy), der Vater der verschwundenen Kinder Bild HBO

Wayne (Mahershala Ali), Roland West (Stephen Dorff) und Tom Purcell (Scott McNairy), der Vater der verschwundenen Kinder Bild HBO

Und wie sich im Nachhinein herausstellt, wurde nicht so gut und sauber ermittelt, wie sich die damaligen Ermittler zu erinnern vermeinen – nach einer neuen Spur wird der Fall zehn Jahre später noch einmal aufgerollt, Roland, der inzwischen Lieutenant West ist, holt seinen alten Partner an Bord, der nach dem unbefriedigenden Abschluss der ersten Ermittlungen auf einen unattraktiven Schreibtischjob abgeschoben wurde. Doch auch im Zuge der Wiederaufnahme gelingt es Hays und West nicht, den Fall zu lösen. Allerdings erhärtet sich der Verdacht, dass möglicherweise eine größere Verschwörung dahinter steckt, denn es gibt im Umfeld der Ermittlungen eine ganze Reihe merkwürdiger Todesfälle.

Und im Jahr 2015 muss Wayne feststellen, dass die investigative Journalistin Eliza Montgomery tatsächlich einige Informationen hat, von denen er nichts wusste – wobei nicht ganz klar ist, ob er vielleicht doch inzwischen einfach nur viel mehr vergessen hat, als er wahrhaben wollte. Oder vielleicht wollte er manches auch vergessen, denn sowohl bei der ersten als auch bei der zweiten Ermittlung sind einige Dinge ziemlich aus dem Ruder gelaufen. Auf jeden Fall beschäftigt ihn die Sache so sehr, dass er beschließt, mit Roland Kontakt aufzunehmen, den er seit fast 25 Jahren nicht mehr gesehen hat. Er will jetzt endlich wissen, was damals wirklich passiert ist.

True Detectives: Roland West (Stephen Dorff) und Wayne Hays (Mahershala Ali) Bild: HBO

True Detectives: Roland West (Stephen Dorff) und Wayne Hays (Mahershala Ali) Bild: HBO

Die dritte Staffel bietet wieder alles, was True-Detective-Fans von ihrer Serie erwarten: Einen vertrackten Fall mit vielen Sackgassen und komplizierte Charaktere, die intensive, aber schwierige Beziehungen haben. Auch optisch und akustisch ist die Staffel wieder ganz großes Kino, ich habe jeden einzelnen Teil genossen, auch wegen des großartigen Mahershala Ali. Vor allem wie der alternde Wayne versucht, das Rätsel seines Lebens am Ende doch noch zu lösen, während er um sein entschwindendes Erinnerungsvermögen ringt, ist anrührend und beeindruckend.

 

Matrjoschka: Sterben ist einfach, leben ist hart

Nachdem es inzwischen eine ganze Reihe von Netflix-Serien gibt, die ich gar nicht so gut finde, habe ich jetzt eine entdeckt, die mir wirklich Spaß gemacht hat: Matrjoschka. Obwohl ich auch hier anhand der Kurzbeschreibung erst einmal vermutet hatte, dass sie ebenfalls nichts für mich sein würde: Eine Serie über eine New-Yorkerin, die ihren 36. Geburtstag immer wieder feiern muss, in dessen Verlauf sie jedes Mal stirbt?! Nee, nicht mein Ding. Deshalb habe ich den Zwangsvorspann, den Netflix mir aufdrängte, einige Male abgebrochen.

Nadia Vulvokov (Natasha Lyonne) Bild: Netflix

Nadia Vulvokov (Natasha Lyonne) Bild: Netflix

Aber dann las ich einen Tweet von Mr.-Robot-Schöpfer Sam Esmail, der Russian Doll als „funny, creative and moving“ sowie „deliciously batshit weird“ anpries. Und wenn der Erfinder einer meiner absoluten Lieblingsserien das findet, dann lohnt sich möglicherweise doch ein Versuch. Also habe ich beim nächsten Mal auf Netflix einfach auf „Play“ gedrückt. Und siehe da, die launige Spiele-Programmiererin Nadia Vulvokov (Natasha Lyonne) gefiel mir so gut, dass ich mir die Serie gleich komplett reinziehen musste, was für geübte Bingewatcher auch keine besondere Herausforderung ist, da sie leider nur aus acht etwa halbstündigen Teilen besteht.

Nadia weiß nicht so recht, was sie mit ihrem Leben anfangen soll, auch wenn sie es immerhin geschafft hat, 36 zu werden. Sie hat offenbar alles, was man zum Leben braucht, also einen Job, von dem sie existieren kann und Freunde, die ihr eine Party ausrichten. Gleichzeitig macht sich aber auch ein gewisser Überdruss bemerkbar: Nadia raucht zu viel, trinkt zu viel, zieht sich unterschiedlichste Drogen rein und schleppt Männer ab – sie sinniert darüber, ob sie möglicherweise schon in einer frühen Midlife Crisis steckt, falls auch Frauen so etwas haben sollten.

Nadias Freundinnen Lizzy (Rebecca Henderson) und Maxine (Greta Lee)

Nadias Freundinnen Lizzy (Rebecca Henderson) und Maxine (Greta Lee)

Aber wer kennt das nicht? Einerseits ist das Leben okay und man versucht, es entsprechend zu feiern und gleichzeitig weiß man nicht so recht, was das alles eigentlich soll. Mir geht es seit Jahrzehnten so und ich hoffte, dass es irgendwann wieder aufhören würde. Aber das tut es nicht, im Gegenteil: Es wird schlimmer und schlimmer. Also das mit den Parties wird weniger, aber dieses Gefühl, dass ich irgendwie im falschen Leben stecke, geht nicht weg. Und genau darum geht es in Matrjoschka.

Nun bin ich ja eine notorische Spielverderberin, weil ich immer zu viel spoilere. Aber im Fall dieser Serie verdirbt es wirklich den Spaß und die Spannung. Deshalb verrate ich jetzt nichts weiter zur Handlung, die alles in allem auch relativ übersichtlich ist, weil wir Nadias Geburtstag ja immer wieder erleben, allerdings in immer neuen Varianten. Es gibt allerdings Hinweise darauf, das die Zeit trotzdem immer weiter fortschreitet – es ist einfach spannend, dabei zuzusehen, wie Nadia versucht, ihr Schicksal zu überlisten, das ihr immer und immer wieder ein Bein stellt.

Gefangen in parallelen Zeitschleifen: Alan Zaveri (Charlie Barnett) und Nadia (Natasha Lyonne)

Gefangen in parallelen Zeitschleifen: Alan Zaveri (Charlie Barnett) und Nadia (Natasha Lyonne)

Und ich muss auch sagen, dass ich den Tenor einiger Kritiken, die ich zur Serie gelesen habe, nicht nachvollziehen kann: Die Auflösung des Plots sei letztlich irgendwie zu moralisch. Ja meine Fresse, wie soll man denn so etwas auflösen?! Es mag zwar naiv sein, an das Gute im Menschen zu glauben. Verwerflich finde ich das nicht. Und warum sollte sich nicht auch eine raubeinige, sarkastische und in jeder Beziehung schlagfertige Egozentrikerin wie Nadia nicht ab und zu auch um menschliche Wesen Sorgen machen anstatt immer nur um den meistens abwesenden Kater Oatmeal?

Netflix-Serie Matrjoschka: Hier ist irgendwas faul... x

Netflix-Serie Matrjoschka: Hier ist irgendwas faul…

So viel muss ich dann doch verraten: Nadia trifft irgendwann auf Alan (Charlie Barnett), der im wahrsten Sinne ihr Alter Ego ist. Also einerseits ihr Doppelgänger, der genau das durchmachen muss, was sie durchmacht, der aber gleichzeitig so ganz anders drauf ist. Nadia ist impulsiv, Alan ist beherrscht, Nadia liebt den Exzess, Alan die Kontrolle, Nadia ist eigentlich alles scheißegal und Alan hat einen strikten moralischen Kompass. Klar, das ist alles Klischee hoch zehn, aber ich finde, dass es in diesem Fall unterhaltsam und ansprechend aufbereitet wurde. Und das, obwohl ich inzwischen ziemlich abgefressen bin, was Zeitschleifen-Geschichten betrifft, wie heißt es so schön in Ijon Tichy: Raumpilot (bitte mit pseudo-polnischem Akzent): „aber das ist Science Fiction, da alles geht!“

Nein, da geht eben nicht alles. Insofern ich rechne den Matrjoschka-Autorinnen hoch an, dass sie konsequent in ihrem konkreten New Yorker Zeitschleifenuniversum bleiben und da eben kein kosmisches Ding draus machen. Das mag einigen dann am Ende zu profan sein. Aber so profan ist das Leben halt.

Sharp Objects: Traumafabrik Familie

Nachdem ich wieder ins Serien-Bloggen eingestiegen bin, ist es gar nicht so einfach, unter den vielen Serien, mit denen die Serienfans im vergangenen Jahr überschwemmt wurden, eine besondere Serie für den nächsten Artikel auszusuchen. Klar, es gab die üblichen Highlights, etwa die 4. Staffel von Better Call Saul, die natürlich wieder absolut sehenswert war. Es gab auch eine weitere Staffel von The Handmaid’s Tale, die noch schwerer zu ertragen war als die erste, aber meiner Ansicht nach unbedingt Pflichtprogramm. Denn sie zeigt, was den Menschen in einer Gesellschaft blüht, in der ideologisch motivierte Fundamentalisten das Sagen haben, die an Gott und eben nicht an Freiheit, Gleichheit, Solidarität glauben, ähnlich wie das in The State der Fall ist. In diesem Fall sind es allerdings patriotisch gesinnte weiße Christen in den USA – aber die sind eben auch nicht besser als die Kopfabschneider vom IS.

Meine Wahl fiel auf Sharp Objects, eine achtteilige HBO-Serie, die meines Erachtens zu Unrecht als Füllstoff für das Sommerloch versendet wurde. Auch wenn sie tatsächlich nicht an den hochgelobten Vorgänger Big Little Lies von Regisseur Jean-Marc Vallée herankommt, war sie doch eine der Serien, die ich in der vergangenen Saison bemerkenswert fand. Sharp Objects beruht auf einem Roman von Gillian Flynn.

Sharp Objects: Amma (Eliza Scanlen), Camille (May Adams) und Adora (Patricia Clarkson). Bild: hbo.com

Sharp Objects: Amma (Eliza Scanlen), Camille (May Adams) und Adora (Patricia Clarkson). Bild: hbo.com

Wie Big Little Lies ist Sharp Objects eine Frauenserie – hier geht es allerdings nicht um häuslichen Missbrauch einer eigentlich sehr intelligenten und erfolgreichen Familienmutter durch den liebenden, aber leider auch von Minderwertigkeitskomplexen zerfressenen Familienvater, sondern um etwas noch viel schwerer Fassbares: Es geht darum, was mit den Kindern passiert, wenn die liebende Mutter ihre Mutterrolle viel zu ernst nimmt. Adora Crellin (Patricia Clarkson) ist die Übermutter dieser ganzen beschissenen Kleinstadt Wind Gap. Im Verlauf der Serie stellt sich allerdings heraus, dass Adora auf eine extrem egoistische Weise nur für ihre Kinder da ist.

„It’s always the family“ sagt der Ermittler Detective Willis (Chris Messina), der von Anfang an den richtigen Instinkt hat, jedoch ohne zu ahnen, wie sehr er ins Schwarze trifft. Denn Richard Willis kommt von Außen, „Kansas City“ nennt ihn der örtliche Polizeichef Bill Vickery (Matt Craven), der sich nicht vorstellen kann oder will, dass in seiner kleinen, gut überschaubaren Stadt tatsächlich etwas unglaublich schief läuft.

Wind Gap (was soviel heißt wie Scharte oder Spalt) ist eine Kleinstadt in Missouri, in der jeder jeden kennt, Teenager auf den fast immer leeren Straßen Rollschuh laufen und der einzige größere Arbeitgeber eine Schweinemastfarm ist, die natürlich Übermutter Adora gehört, die in jeder Beziehung die Seele dieses Ortes zu sein scheint. Aus dieser Enge ist ihre Tochter Camille (Amy Adams) einst geflohen.

Camille Preaker ist ebenso Alkoholikerin wie Reporterin (der kürzeste Journalistenwitz: „Gehen zwei Journalisten an einer Kneipe vorbei“) und wird von ihrem Chef nach Hause geschickt, weil der eine gute Story wittert: Vor einiger Zeit ist in Wind Gap ein dreizehnjähriges Mädchen getötet worden, ein zweites wird nun vermisst. Da könnte ein Serienkiller am Werk sein. Frank Curry (Miguel Sandoval) will eine auflagensteigernde Exklusivstory. Behauptet er zumindest. Vielleicht will er auch nur seine Ambitionen als Hobbytherapeut ausleben, er weiß schließlich, dass Camille aus Wind Gap kommt und erhebliche Probleme mit ihrer Herkunft und ihrer Familie hat.

Wie auch immer, Camille fügt sich der Anweisung ihres Chefs und fährt mit ihrem alten Volvo nach Hause. Dafür, dass sie von Schokoriegeln und Schnaps lebt, den sie in eine Evian-Flasche abfüllt, sieht sie noch erstaunlich gut aus. Aber sie war ja zur ihrer Zeit in Wind Gap auch die strahlende Cheerleaderin, auf die jeder Junge in Wind Gap scharf war. Aber Camille hat sich gegen Heirat, Familie und Wind Gap entschieden, stattdessen versucht sie, sich in St. Louis als Journalistin durchzuschlagen. Und ihr Chef meint, dass aus ihr noch was werden könnte, wenn sie denn endlich einmal eine richtig gute Geschichte liefern würde.

Und weil Camille Preaker die Tochter ihrer Mutter ist, werden ihr auch einige Türen geöffnet, die jeder anderen verschlossen geblieben wären. Damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Natürlich ist ihre Mutter alles andere als begeistert, dass ihre Tochter nun nach Hause kommt, um hier im Müll zu wühlen. Camille soll sie nur ja nicht wieder bloßstellen, so wie einst, als die Tochter noch ein rebellischer Teenager war.

Adora, die, wie ihr Name schon andeutet, von allen bewundert werden will, ist buchstäblich bereit, über Leichen zu gehen, um das Image aufrecht zu erhalten, dass sie über Jahrzehnte sorgfältig aufgebaut hat: Sie ist eine aufopferungsbereite Mutter, sie ist eine Stütze der Gesellschaft, sie kümmert sich um ihre Gemeinde, sie ist einfach perfekt.

Camille ist von Adoras grenzüberschreitender Mutterliebe gezeichnet – ihr Körper ist von Narben übersät, die sie sich selbst beigebracht hat: Camille hat sich selbst Botschaften geschrieben, schmerzhaft in die Haut geritzt, um irgendwie zu überleben. In Rückblenden erfahren wir, dass Camille eine Schwester verloren hat, offenbar fühlt sie sich schuldig, weil sie noch lebt – auch wenn sie für diesen Tod nicht verantwortlich ist. Außerdem gibt es da eine Missbrauchsgeschichte, für die sich der damaligen Star der Footballmannschaft sogar bei Camille entschuldigen will – aber Camille verweigert ihm die Absolution: Er müsse halt genauso damit leben wie sie damit leben musste.

Camille lernt nun auch ihre viel jüngere Halbschwester Amma (Eliza Scanlen) kennen, die zuhause alles tut, um Mamas Liebling zu sein, heimlich aber auf den Spuren ihrer großen Schwester wandelt. Insofern ist Amma schlauer als Camille, sie weiß, was Mama von ihr will und bedient das, während Camille sich daran abgekämpft hat und in Ungnade gefallen ist. Aber genau deshalb wird Camille auch in der Lage sein, ihre kleine Schwester der tödlichen Umarmung ihrer Mutter zu entreißen: Nein, alles in allem ist das keine schöne Geschichte.

Aber genau das macht den Reiz dieser in den Alltag einer verschlafenen Kleinstadt verkleideten Horrorstory aus: Gerade weil es hier nicht um immer noch brutalere Gewalt und immer noch raffiniertere Serienkiller geht, sondern darum, was Menschen überhaupt dazu treibt, anderen – und, das ist hier schon perfide – ausgerechnet denen, die ihnen doch auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind, Böses anzutun, geht Sharp Objects so unter die Haut.

Leider ist es gar nicht so, dass Unterdrückte gegen ihre Unterdrücker aufbegehren. Sonst sähe diese Welt ganz anders aus. Im Gegenteil ist es so, dass sich die Unterdrückten die Strategien ihrer Unterdrücker zueigen machen und gegen Schwächere, oder, in Ermangelung von noch Schwächeren, gegen sich selbst richten. Das ist ja das Credo unserer angeblich so freien und fairen Erfolgsgesellschaft: Jede und jeder kann alles erreichen, wenn sie oder er sich nur genug Mühe gibt. Wenn du es nicht schaffst, dann muss es ja an dir selbst liegen. Die meisten Menschen schaffen aber nicht, was von ihnen erwartet wird und bestrafen sich dann konsequenterweise selbst. Wie Camille Preaker, die sich selbst verletzt. Wäre es nicht so, hätten wir noch sehr viel mehr Terroranschläge. Oder aus dem Ruder laufende Übermütter wie Adora. 

Oder anders herum: Während es eine allgemeine Hysterie gibt, was Gewalt durch Terroristen oder Serienkiller angeht, sterben tatsächlich viel mehr Menschen an Gewalt, die sie in den eigenen vier Wänden erleiden. Durch Menschen, die sie kennen und lieben. Und ausgerechnet dort schaut die Gesellschaft lieber weg als hin – insofern finde ich gut, dass Sharp Objects da eine Ausnahme macht: Häusliche Gewalt hat viele Gesichter. Übertriebene Fürsorge ist mitunter nicht weniger verhängnisvoll als Vernachlässigung.

Weil allgemein die Vorstellung herrscht, dass die Familie alles ausgleichen und auffangen muss, was für die einzelnen Menschen in der Gesellschaft schief läuft, sind die Erwartungen an das, was Familie tatsächlich leisten kann, geradezu absurd: Mütter und Väter sollen Geld verdienen, ein trautes Heim schaffen, sich um ihre Kinder kümmern, wertvolle Mitglieder der Gesellschaft sein, ihre Eltern nicht vergessen und so weiter und so fort, und wenn es Probleme gibt, die es ja immer gibt, dann soll die eine für den anderen da sein und so weiter. Bei all den Risiken und Nebenwirkungen des modernen Lebens ist das ziemlich anstrengend. Und wenn dann die Kinder nicht wie erwartet geraten, es im Job nicht so läuft oder die mühsam aufgebaute Fassade des bürgerlichen Lebens auf andere Art und Weise Risse bekommt, greifen die Leute mitunter zu erstaunlichen Mitteln, um den Schein zu waren. Koste es, was es wolle.

Für Fans von herkömmlichen Familienserien ist Sharp Objects vermutlich nichts. Aber genau die sollten sich das ansehen. Und alle anderen natürlich auch.

The Handmaid’s Tale: Erschreckend nah

Eine bei den aktuellen Emmys völlig zu recht mit Auszeichnungen überhäufte Serie ist The Handmaid’s Tale. Ende der 80er Jahre las ich den zugrunde liegenden Roman Der Report der Magd von Margarete Atwood. Kein schönes, dafür aber ein wirklich lesenswertes Buch, in dem das erschreckende Konzept einer totalitären US-Gesellschaft beschrieben wird, nachdem christliche Fundamentalisten die Macht im Staat übernommen haben. 1990 sah ich auch die Verfilmung des Romans von Volker Schlöndorff – aber soweit ich mich erinnere, fand ich die gar nicht so gut.

Die neue Verfilmung trifft die Sache sehr viel besser – gut, dass Hulu den Mumm hatte, eine solche Serie zu bestellen, denn genau solche Serien sind wichtig – schon um zu zeigen, wie fragil die bisher erkämpften Menschenrechte sind und wie schnell aus einer ach so freiheitlich-demokratischen Gesellschaft ein totaler Überwachungsstaat werden kann, in dem ein großer Teil der Menschen praktisch keinerlei Rechte mehr hat. Dazu braucht man weder Nazis, noch Kommunisten (die völlig zu unrecht immer wieder in einen Topf geworfen werden) – es braucht halt nur einer kritische Masse an Fanatikern, um ein unmenschliches System zu installieren, in dem die Interessen der meisten Menschen einfach keine Rolle mehr spielen.

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The Handmaid’s Tale: Elizabeth Moss als Offred

In The Handmaid’s Tale wird eine alternative Gegenwart beschrieben, der die meisten Menschen durch Umweltkatastrophen und Krankheiten unfruchtbar geworden sind. Weil die bisherige Politik keine Lösung für diese Probleme gefunden hat, haben konservative und christliche Gruppen Zulauf gefunden. Schließlich hat eine Gruppierung aus ultrakonservativen Christen im Zuge eines Militärputschs die Macht in den USA übernommen und den totalitären, christlich-fundamentalistischen Staat Gilead ausgerufen. Es gelten die Gesetze des alten Testaments, die Männer haben das Sagen und die Frauen dafür zu sorgen, dass es ihren Männern an nichts fehlt. Da ist nur das Problem mit dem Nachwuchs – schließlich ist es die natürlich Aufgabe der Frau, Kinder zu gebären und aufzuziehen. Blöd nur, wenn das mit dem Kinderkriegen nicht mehr funktioniert.

Also werden die wenigen, noch gebärfähigen Frauen zwangsverpflichtet, für die hochrangigen Würdenträger der neuen Gesellschaftsordnung als Mägde zu dienen, die keine andere Aufgabe haben, als bei einem ritualisiertem Geschlechtsakt, die jeweilige Ehefrau (die ebenfalls anwesend ist) zu vertreten, um schwanger zu werden und dann das Kind für das Paar auszutragen.

Keine Frage, den betroffenen Frauen passt das überhaupt nicht, deshalb gibt es ein extrem repressives Zwangssystem, um sie gefügig zu machen. Eine von den Mägden ist Offred (Elisabeth Moss), die in ihrem früheren Leben June Osborne hieß und eine Tochter mit Luke Bankole (O. T. Fagbenle) hatte, der eigentlich mit einer anderen Frau verheiratet war. Die beiden haben versucht, sich mit ihrem Kind nach Kanada abzusetzen, aber die Flucht misslang. June und ihre Tochter wurden aufgegriffen, Lukes Schicksal ist ungewiss.

June wird nun dem hochrangigen Commander Fred Waterford zugewiesen, weshalb ihr Name jetzt Offred ist. Die Mägde heißen immer nach ihrem jeweiligen Herrn, weshalb aus zum Beispiel  Ofwarren (Madeleine Brewer) im Laufe der Zeit Ofdaniel wird. Auch daran wird klar, dass es in Gilead nicht ums Individuum geht, sondern um die heilige große Sache einer christlich-fundamentalistichen Nation, die übrigens ziemliche Erfolge in Sachen Umweltschutz und Nachhaltigkeit vorweisen kann, weil knallhart neu definiert wird, was die Leute wirklich zum Leben brauchen und was nicht.

Das muss letztlich auch Serena Joy erfahren, die Frau des Commanders Fred, die zuvor noch in der freien US-Gesellschaft eins der Hauptwerke für eben diese neue Gesellschaft geschrieben hat – ich frage mich sowieso immer, was Frauen dazu motiviert, sich in konservativen und oder religiösen Gruppen zu engagieren – da sind doch genau die Typen unterwegs, die Frauen bisher schon das Leben schwer gemacht haben.

Serenas intellektuelle Fahäigkeiten werden nun ebenfalls auf Eis gelegt, weil Frauen ja nichts mehr zu sagen haben. Sie darf keine Reden mehr halten und keine Bücher mehr schreiben – es ist ihr im Laufe der ersten Staffel schon anzumerken, dass sie sich das alles etwas anders vorgestellt hat. Zwar hat sie als Hausherrin gegenüber den anderen Frauen noch eine privilegierte Stellung und kann die arme Offred schikanieren. Aber ansonsten hat sie nichts mehr zu melden – ihre einzige Opposition besteht darin, dünne Zigaretten zu rauchen.

Das Erschreckendste an The Handmaid’s Tale ist aber, dass dieses Horroszenario gar nicht so weit her geholt ist – es gibt schließlich Länder auf dieser Erde, in denen genau die Zustände herrschen, die uns in dieser Serie so verstören. Iran, Saudi Arabien und natürlich auch die Gebiete, die sich jene einstmals von den USA hochgerüsteten religiösen Fanatiker unter den Nagel gerissen haben, die jetzt als Taliban oder IS ihr Unwesen treiben. Am Rande will ich hier auch Israel und Palästina erwähnen, auch wenn hier die Lage eine andere ist. Worauf ich hinaus will: Es ist nie gut, wenn religiöse Dogmatiker das Sagen haben. Und auch nicht, wenn es sich um andere Dogmatiker handelt. Es ist nie gut, wenn eine bestimmte Gruppe von Menschen meint, die Interessen aller anderen zum Zwecke von welcher Sache auch immer unterbuttern zu dürfen.

Der trotzige Widerstand von Offred und ihren Leidensgenossinnen in The Handmaid’s Tale erinnert uns daran, dass es sich lohnt, gegen unaushaltbare Zustände anzukämpfen: Man muss nicht alles tun, was von einem verlangt wird, selbst wenn man eigentlich keine andere Wahl hat: Sie können uns nicht alle töten. Lieber ein schlechtes Leben mehr fürchten als den Tod.

Ab dem 4. Oktober gibt es bei Entertain Serien. Unbedingt ansehen