Deutsche Serie kommt auf den Hund

Netflix produziert weiterhin Serien, und zwar zu viele davon. Überhaupt gibt es inzwischen viel zu viele Serien. Als Serienjunkie fühle ich mich von der schieren Masse des Angebots total überfordert – es ist überhaupt nicht mehr möglich, alles anzusehen, was gerade irgendwie in ist, selbst wenn man den ganzen Tag Zeit dafür hätte. Und wer auf andere Art und Weise Geld verdienen muss, hat sowieso verloren. Trotzdem kann ich es nicht lassen und schaue immer wieder in Serien hinein – aber ich bleibe nur noch dabei, wenn mich die ersten 10, 15 Minuten wirklich überzeugen. Deshalb habe ich vor Jahren bereits den Tatort aufgeben, obwohl ich da jahrzehntelang so etwas wie ein Gewohnheitsfan war. Dieser alte Zopf ist ab, in der Zeit kann man wirklich Besseres kucken.

Dennoch muss ich zugeben, dass es natürlich Serien gibt, die gewisse Vorschusslorbeeren mitbringen, weshalb ich beim Reingucken großzügiger bin als bei solchen, von denen ich noch nie gehört habe. Etwa bei Netflixserien, die von exotischen Ländern außerhalb des anglo-amerikanischen Serienkontin(g)ets produziert werden. So gibt es nach Dark eine weitere deutsche Netflixserie, die bereits seit einiger Zeit auf Netflix zu sehen ist: Dogs of Berlin. Zwar war schon Dark nicht der große Wurf, auf den ich gehofft hatte, aber doch ganz okay: Eine interessante Geschichte mit verschiedenen Zeitebenen, aber einem leider total überambitionierten Soundtrack, der mich zunehmend genervt hat. Ich muss nicht mit viel zu lauten Geräuschen darauf hingewiesen werden, dass jetzt etwas Merkwürdiges passiert. Subtilität ist eine Tugend. Aber nicht die der deutschen Serie. Und Dogs of Berlin ist insofern eine total deutsche Serie, weil, etwas Unsubtileres habe ich selten gesehen. Außer in Amiserien versteht sich. Aber da regt sich keiner drüber auf. Die Amis dürfen das. Die wählen ja auch Typen wie Donald Trump als Präsident.

Dogs of Berlin - die deutsche Serie ist auf den Hund gekommen. Aber ich finde das gar nicht schlimm.

Dogs of Berlin – die deutsche Serie ist auf den Hund gekommen. Aber ich finde das gar nicht schlimm. Bild via Filmstarts.de

Also: Dogs of Berlin. Das ist definitiv etwas ganz anderes. Kann man so nicht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk bringen, wobei, eigentlich wurde total auf Proporz geachtet: Es gibt einen aufrechten schwulen türkischen Ermittler, einen spielsüchtigen deutschen LKA-Typ mit Neonazivergangenheit, eine deutsche Hartz-4-Mutti, die ihren Kindern zerbröselte Kekse mit Kakao als Frühstück improvisiert und ihre Nächte lieber mit zweifelhaften Liebhabern, Computerspielen und einem illegalen Nebenverdienst an der Sexhotline verbringt, als gleich früh morgens in ihr trostloses Loserleben in Marzahn-Hellersdorf durchzustarten. Außerdem gibt eine politisch-korrekte, lesbische Polizeipräsidentin, die mindestens so streng ist wie Mutti Merkel, und schließlich noch einen toten türkischen Nationalspieler, den die deutsche Fußballmannschaft ganz dringend brauchen würde, wenn sie nicht gleich wieder aus der Vorrunde von was auch immer fliegen will. Und alle anderen Figuren sind genauso schon Karikaturen ihrer selbst wie die bereits genannten.

Aber genau das ist dann auch wieder cool, weil es konsequent durchgezogen wird. Katrin Sass als Neonazi-Oma, die ihren Enkeln auf dem Spielplatz beibringt, dass sie sich gegen „diese Kuffnutten“ durchzusetzen hätten und im Zoo doziert, dass gewisse Arten halt verdienen, auszusterben, ist gruselig, bringt aber diese ekelhafte Einstellung genau auf den Punkt. Okay, der Rest der Neonazi-Kameradschaft ist irgendwie viel zu 90er, das Problem derzeit sind ja viel eher die Nazis in den feinen Anzügen der Neoliberalen, die sich in der AfD organisieren, als die tätowierten Prolls, die ein sehr eingeschränktes Weltbild, reichlich kriminelle Energie und einen Faible für mittelalterliche Bestrafungsrituale haben und damit ihren Kollegen von den türkischen Rockergangs ziemlich ähnlich sind. Deshalb kann die Ehefrau von LKA-Ermittler Grimmer dann sogar mit einem von den türkischen Rockern, die auch ihren feinen Laden mit überflüssigen Dingen in Prenzlauer Berg zwecks Schutzgelderpressung heimsuchen, etwas anfangen. Sie glaubt, dass man mit totaler Ehrlichkeit jeden retten kann.

Und das war längst nicht alles, natürlich gibt es noch die Osteuropa-Connection mit Mišel Matičević und einen fiesen arabischen Clanchef samt Clan und dann natürlich noch die abgedrehten Luxusfußballer der Nationalmannschaft, die inzwischen einen eigenen Dienstleister haben, der hinter ihnen her räumt. Oder hinter ihnen her räumen lässt, deshalb gibt es ja eine Figur wie Trinity Sommer (Hannah Herzsprung), eine Mischung aus Modesty Blaise und Jessica Jones, aus der man gelegentlich mehr machen könnte. In dem Zusammenhang ist sie eher unglaubwürdig, aber im Prinzip finde ich, dass es viel zu wenig solcher Superheldinnen gibt.

Der Tenor vieler Kritiken, die ich dazu gelesen habe, ist: Dogs of Berlin sei der schlechtere Abklatsch von 4 Blocks. Da ist etwa dran, gleichzeitig finde ich das aber auch ungerecht, denn der Stoff, aus dem Dogs of Berlin gemacht sein soll, sei deutlich älter als 4 Blocks, las ich zumindest, und das würde einiges erklären. 4 Blocks ist ja tatsächlich eine gute Serie, obgleich ich sagen muss, dass die zweite Staffel gegenüber der ersten deutlich zurück fällt, Vince fehlt einfach.

Dogs of Berlin ist allerdings etwas ganz anderes, diese Serie ist im Grunde bereits ihre eigene Satire, ähnlich wie das bei Homeland oder House of Cards oder Designated Surviver der Fall ist. Diese Serien suhlen sich in Klischees und tragen extrem dick auf, und genau das macht ja auch den Spaß daran aus: Natürlich ist das nur ein Zerrbild unserer Realität, aber eben ein unterhaltsames. Wenn man sich darauf einlässt, einfach mal eine deutsche Krawumm-Serie zu sehen, dann ist Dogs of Berlin keine schlechte Wahl. Eine soziologisch relevante Studie unserer Gesellschaft ist sie nicht. Und ein politisch korrekter oder lieber nicht korrekter, aber intellektuell ernstzunehmender Kommentar zum Zeitgeschehen erst recht nicht. Und auch wenn ich sehr intensiv nachdenke, fallen mir kaum Serien ein, die solche Kriterien bedienen könnten. The Wire vielleicht, um im Genre zu bleiben. Die früheren Tatorte zum Teil. Ansatzweise KDD – Kriminaldauerdienst.

Wie auch immer, die deutschen Kritiker sollten sich mal keinen Kopf machen von wegen „oh Gott, das kann man jetzt mit Netflixabo auf der ganzen Welt sehen, was sollen die Leute nur von uns denken!“ Genau so geht deutsche Serie. Also wenn man es nicht jedem im öffentlich-rechtlichen Rundfunk recht machen muss, was in der Regel dazu führt, dass noch stereotypere Klischees bedient werden müssen und es noch weniger lustig ist. Bin ich jetzt nicht besonders stolz drauf, aber trifft den Kern der Sache. Natürlich wünsche ich mir, dass es demnächst endlich mal wieder etwas richtig Gutes gibt. Übung macht den Meister. 

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Sex, Drugs and Techno

Amazon hat inzwischen eine zweite deutsche Eigenproduktion im Angebot: Beat. Und Beat ist zum Glück nicht so schlecht wie You are Wanted, aber das heißt nicht sehr viel, denn der erste Serienversuch von Matthias Schweighöfer war wirklich nicht gut. Beat gefällt mir schon deutlich besser: Allein dass der Protagonist Robert Schlag (Jannis Niewöhner), der von allen nur Beat genannt wird, seit mindestens zehn Jahren täglich gegen das Betäubungsmittelgesetz verstößt, gibt der Serie den entscheidenden Kick, den Beat sich damit selbst verpasst: Er bringt die Welt in die Ordnung, in der er sie erträgt. Und der Tag ist voller Arschlöcher.

Amazons neue Serie: Beat mit Jannis Niewöhner Bild: Amazon

Amazons neue Serie: Beat mit Jannis Niewöhner Bild: Amazon

Damit Beat nicht allzu vielen Arschlöchern begegnen muss, macht er die Nacht zum Tag. Er feiert seine Nächte im coolsten Club Berlins durch und versorgt seine Gemeinde der Techno- und Tanzwütigen mit allem, was sie zum Feiern brauchen. Den Club hat er vor Jahren zusammen mit seinem besten Freund Paul (Hanno Koffler) gegründet. Im Gegensatz zu Beat hat Paul inzwischen aber Frau und Kind, er sorgt sich um seine bürgerliche Existenz, was Beat irgendwie als Verrat empfindet, auch wenn er seinen Freunden natürlich immer ein guter Freund ist. Richtig sauer wird Beat, als er erfährt, dass Paul aus finanziellen Gründen einen weiteren Geschäftspartner am Club beteiligt hat. Es handelt sich ausgerechnet um Philipp Vossberg (Alexander Fehling), der ein hohes Tier in einem internationalen Konzern ist, der mit zweifelhaften Geschäften Milliarden umsetzt.

Dass Vossberg der Kopf eines kriminellen Netzwerks von Waffen-, Drogen- und Menschenhändlern ist, vermutet auch der europäische Geheimdienst ESI. Deshalb wird die ESI-Agentin Emilia (Karoline Herfurth) auf Beat angesetzt: Sie soll den in der Berliner Subkultur gut vernetzten Beat dazu bringen, als Informant für ESI zu arbeiten und Vossberg und dessen Umfeld ausspähen. Dazu hat Beat allerdings wenig Lust, auch wenn er Vossberg nicht leiden kann. Aber Emilia und ihr Vorgesetzter Richard Diemer (Christian Berkel) verfügen als Geheimdienstler über allerhand Möglichkeiten, die auch den eigenwilligen Beat nicht unbeeindruckt lassen, so dass er schließlich, wenn auch widerwillig, mitmacht. Leider rutscht die Geschichte damit dann komplett in eine ziemlich krude Krimihandlung ab, was ich schade finde, denn es wäre ja theoretisch durchaus denkbar, ausnahmsweise mal eine Serie zu machen, die keine Krimiserie ist.

Beat (Jannis Niewöhner) in seinem Element Bild: Amazon

Beat (Jannis Niewöhner) in seinem Element Bild: Amazon

Warum nicht mal einfach eine Serie über schräge Vögel in der Berliner Clubszene? Da gäbe es doch Stoff genug, und man muss es ja nicht so bombastisch aufziehen wie es HBO mit The Get Down versucht hat. Es zeigt sich immer wieder, dass weniger mehr sein kann. Und melancholische Bilder von Zerfall und Niedergang gibt das Berliner Umland auch ohne die schrecklichen Dinge her, die sich die Serienmacher extra ausgedacht haben.

Klar gibt es viel Böses in der Welt, aber der Alltag ist doch auch so schon beschwerlich genug. Insbesondere, wenn man als Mensch, der nicht scharf auf eine bürgerliche Karriere mit anstrengendem Arbeitstag und Familienleben ist, damit klar kommen muss, dass man sich heutzutage in Berlin längst nicht mehr so gut durchschlauchen kann wie vor zehn oder zwanzig Jahren. Das wäre meiner Ansicht nach ein geradezu unerschöpfliches Thema, das eine ganze Reihe Serien füllen könnte, wenn man nur kreative Menschen mit Tiefgang und Humor einfach mal machen lassen würde. Oder meinetwegen auch ohne Tiefgang aber mit Humor, wie das Team hinter Gutes Wedding Schlechtes Wedding.

Diemer (Christian Berkel) und Emilia (Karoline Herfurth) wollen Beat als Informant anwerben. Bild: Amazon

Diemer (Christian Berkel) und Emilia (Karoline Herfurth) wollen Beat als Informant anwerben. Bild: Amazon

Nun ist Beat nach einem vielversprechenden Auftakt aber leider doch wieder nur eine Krimiserie geworden, deren Handlung es so ähnlich schon mal in einem NDR-Tatort mit Cenk Batu (Mehmet Kurtuluş) gegeben hat, damals allerdings ohne Techno und Drogen. Und ohne RAF-Bezug. An sich finde ich es auch keine schlechte Idee, die letzten der RAF zugeschriebenen Morde, die allesamt nicht aufgeklärt wurden, für eine Serie aufzugreifen. Oder die Frage nach dem Verbleib der mutmaßlichen RAF-Mitglieder zu stellen, die nicht gefasst werden konnten. Aber in Beat wirkt das ziemlich an den Haaren herbeigezogen und das nervt. Nicht alle Eltern, die plötzlich verschwinden, müssen Terroristen sein. Ein Verkehrsunfall ist viel realistischer, das passiert gar nicht so selten.

Und nicht alle, die eine schwere Kindheit hatten, müssen als Psychopathen enden. Hier nervt die Serie mit einem weiteren, schon viel zu oft bemühten, Klischee, zumal die Figur des unheimlichen Jasper Hoff (intensiv und verstörend gespielt von Kostja Ullmann), nachdem sie mühevoll aufgebaut wurde, plötzlich fallengelassen wird. Vielleicht sollte man auch hierzulande mal versuchen, nicht einfach einen Drehbuchautor vor sich hinschreiben zu lassen, sondern ein Team von Autoren auf eine Serie anzusetzen, die gegenseitig auf sich aufpassen, dass sie sich nicht in immer weiteren Einfällen verheddern, sondern statt dessen vielschichtige und trotzdem plausible Charaktere entwickeln und für diese dann spannende und komplexe Handlungsbögen konstruieren, in denen nicht immer willkürlich neue Fässer aufgemacht, sondern auch mal etwas genauer analysiert und nachvollziehbar motiviert und, ja, der eine oder andere Handlungsstrang vernünftig zu Ende gebracht wird.

Der Serienspychopath Jasper (Kostja Ullmann) Bild: Amazon

Der Serienspychopath Jasper (Kostja Ullmann) Bild: Amazon

Alles in allem ist Beat aber trotzdem nicht schlecht, allein die Besetzung ist top, Jannis Niewöhner überzeugt als idealistischer Realitätsverweigerer, der immer mehr Drogen braucht, um die Grausamkeit des Alltags und der Welt zu ertragen. Bleibt zu hoffen, dass eine nächste deutsche Serie für den internationalen Markt noch besser wird.

Kämpfen lohnt sich: The Good Fight

Zufällig habe ich kürzlich eine Pressemitteilung entdeckt, dass die Fox Networks Group sich die Rechte an The Good Fight für Deutschland gesichert hat. Die erste Staffel der Anwaltserie wird ab dem 7. November dienstags um 21.00 Uhr ausgestrahlt. The Good Fight ist ein Spin-off der Anwaltserie The Good Wife, die zumindest in den USA vor ein paar Jahren ziemlich populär war und entsprechend reichlich Fernsehpreise abgeräumt hat.

Ich habe The Good Wife vor einiger Zeit auf Netflix entdeckt und als „Kann man sich ansehen, muss man aber nicht“-Serie eingestuft, wobei ich einräumen muss, dass ich sie mit der Zeit immer besser fand. Mit sieben Staffeln und 156 Episoden, die zwischen 40 und 45 Minuten dauern, ist The Good Wife durchaus ein Serienschwergewicht, und zwar eins, das sich von Staffel zu Staffel gesteigert hat, was man von den meisten Serien nicht behaupten kann.

The Good Fight: Marissa Gold (Sarah Steele), Maia Rondell (Leslie Rose), Lucca Quinn (Cush Jumbo), Barbara Kolstad (Erica Tazel), Adrian Boseman (Delroy Lindo) und Diane Lockhart (Christine Baranski)

The Good Fight: Marissa Gold (Sarah Steele), Maia Rondell (Leslie Rose), Lucca Quinn (Cush Jumbo), Barbara Kolstad (Erica Tazel), Adrian Boseman (Delroy Lindo) und Diane Lockhart (Christine Baranski)

Allerdings muss ich auch zugeben, dass ich The Good Wife vor allem dann habe laufen lassen, wenn ich mit Küchenarbeit beschäftigt war – als perfektes Begleitprogramm zum Gemüseschnibbeln. Irgendwie ist es halt doch eine Hausfrauenserie, auch wenn Alicia Florrick im Job durchaus ihren Mann gestanden hat, auf atemberaubend hohen Stilettos und immer 1A frisiert. Das ist überhaupt etwas, das mich an US-Serien fasziniert und gleichzeitig ungläubig den Kopf schütteln lässt: Laufen die Frauen da tatsächlich den ganzen Tag in solchen Schuhen rum? Immer perfekt gestylt und nicht eine Sitzfalte im Kostüm, das auf den wohlgeformten Körper maßgeschneidert ist?! Dass sich da noch kein Anwalt gefunden hat, der eine milliardenschwere Schadensersatzklage wegen gesundheitlicher Schäden durch unzumutbare Business-Gaderobe für Frauen durchsetzen will, wundert mich sehr. Aber ich verstehe die Amis ja so oder so nicht. Also mental und politisch.

Trotzdem gab es aber tatsächlich ab und zu besonders spannende Epsioden mit kniffligen oder auch politisch heiklen Fällen, die ich mir dann später in Ruhe noch einmal angesehen habe. Und mit der Zeit sind mir die Charaktere irgendwie ans Herz gewachsen, auch wenn sie zum Teil doch ziemlich klischeehaft waren.

Außerdem spielt die Serie in Chicago, was für mich ein Pluspunkt ist, weil das die einzige Stadt in den USA ist, die ich zumindest als Touristin kenne. Was wiederum auch ein Grund war, warum ich mir früher ER angesehen habe, wodurch ich auf Julianna Margoulies aufmerksam wurde. Die Rolle der Krankenschwester Carol Hathaway brachte Margoulies ihre ersten Emmy Award ein, als Anwältin Alicia Florrick in The Good Wife gewann sie noch zwei weitere (und diverse andere Awards).

Zu Anwaltsserien habe ich ein etwas gespaltenes Verhältnis: Es gibt einige, die ich wirklich sehr gut finde, insbesondere die Briten leisten hier einiges, etwa mit Criminal Justice, Silk oder Injustice. Und es gibt natürlich auch jede Menge Anwaltsserien in den USA, die mit Abstand beste ist ja wohl Better Call Saul. Aber es gibt halt auch viele, die mir auf die Nerven gehen.

The Good Wife ist eine der besseren, so viel ist klar – vor allem durch die Rahmenhandlung, denn Alicia muss sich ja nicht nur in ihrer Kanzlei und vor Gericht durchsetzen, sondern sie auch privat viel auszuhalten, da sind die Kinder, denen sie eine gute Mutter sein will und ihr Mann, den sie trotz allem immer wieder unterstützt – zwar hat er sich tatsächlich zweifelhaft  bis unkorrekt verhalten. Aber die Veruntreuung öffentlicher Gelder, die ihm sein Amt als Oberstaatsanwalt von Cook County gekostet und eine langjährige Gefängnisstrafe eingebracht hat, die hat man ihm angehängt. Und Alicia ist auf der Seite des Gesetzes und im Zweifel für den Angeklagten. Auch wenn der sich mit Edelnutten amüsiert hat, während sie sich zuhause um die Kinder kümmern musste.

Doch eigentlich wollte ich ja über The Good Fight schreiben. Auch die Fortsetzung stammt aus der Feder von Robert und Michelle King. In einer Hauptrolle ist wieder Christine Baranski dabei, die als Diane Lockhart bereits in The Good Wife erst die Chefin und später Mentorin und Geschäftspartnerin von Alicia war. Auch die Britin Cush Jumbo ist wieder an Bord, ihren Character Lucca Quinn mochte ich in The Good Wife besonders, weshalb mich das sehr gefreut hat. Die eigentliche Hauptrolle spielt allerdings Game-of-Thrones-Star Rose Leslie als Maia Rindell.

Maia ist die Patentochter von Diane und hat gerade ihr Examen als Anwältin bestanden. Genau wie Lucca Quinn bekommt Maia die Chance, sich in der Kanzlei von Diane zu bewähren, die wegen der ganzen neuen Partner inzwischen einen absurd langen Namen hat. Der erste Teil von The Good Fight setzt mit der Wahl von Donald Trump zum Präsident der USA ein, was die eingefleischte Demokratin Diane so entsetzt, dass sie beschließt, sich auf einem Weingut in Südfrankreich zur Ruhe zu setzen. Europa als letzte Zuflucht für ebenso betuchte wie enttäuschte US-Intellektuelle ist natürlich eine nette Sache, aber wir ahnen schon, das alles anders kommen wird.

Denn ein verheerender Finanzskandal, der durch Maias Eltern Lenore (Bernadette Peters, bekannt als Gloria aus Mozart in The Jungle) und Henry Rindell (Paul Guilfoyle) ausgelöst wurde, zerstört Dianes Pläne: Ihre Ersparnisse für den Ruhestand sind plötzlich futsch. Und die Partner in ihrer ehemaligen Kanzlei zeigen ihr die kalte Schulter. Die einzige Hoffnung für Diane ist ausgerechnet ihr Langzeit-Rivale Adrian Boseman (Delroy Lindo), der eigentlich genau das längst macht, was Diane schon in der letzten Staffel von The Good Wife vor hatte: Diane wollte eine schlagkräftige Kanzlei gründen, die ausschließlich von Frauen geführt werden sollte.

Nun bekommt sie die Gelegenheit, als erste Weiße in die Kanzlei Reddick, Boseman & Kolstad einzusteigen. Hier handelt es sich allerdings um eine prominente Chicagoer Kanzlei, die bislang ausschließlich Afro-AmerikanerInnen als Partner akzeptiert hat. Aber Diane hat letztlich keine andere Wahl – und sie nimmt Maia mit, weil sie der Ansicht ist, dass Maia nichts für die Taten ihrer Eltern kann und außerdem verspricht, eine gute Anwältin zu werden. Trotz der Skepsis seiner Geschäftspartnerin Barabara Kolstad (Erica Tazel) ist Adrian damit einverstanden.

Bei Reddick, Bosemann & Kolstad sind auch Alicia Florricks ehemalige Partnerin Lucca Quinn oder Marissa Gold (Sarah Steele) gelandet, die bereits in The Good Wife dabei waren. In The Good Fight spitzen sich die Dinge zu, Diane und Maia müssen hier wirklich kämpfen, und zwar nicht nur um ihre Jobs und um Anerkennung, sondern um ihre Existenzen. The Good Wife war zu weiten Teilen noch eher eine klassische Familienserie, mit Ehe- und Beziehungskonflikten, Teenagerproblemen und nervigen Müttern oder Schwiegermüttern. Familienprobleme gibt es auch in The Good Fight, aber die sind ganz anderer Natur, der Zehnteiler ist böser, härter und letztlich viel spannender als die Vorgängerserie.

The Good Fight ist ähnlich perfide wie Damages, jene wirklich fiese Serie um die skrupellose Anwältin Patty Hewes (Glenn Close), nur dass es eben kein abgefeimtes Mastermind wie Patty Hewes gibt, sondern eine ganze Reihe brillanter Anwälte, die aufgrund von Ereignissen, die der aktuellen Weltlage entnommen sind, in unkonventionellen Allianzen mit- und gegeneinander antreten.

Und dann gibt es eben auch noch all die anderen interessanten Figuren, etwa Marissa Gold, die ihr Leben nicht als persönliche Assistentin von irgendwem verbringen, sondern private Ermittlerin für die Kanzlei werden will –  mir  persönlich gefällt The Good Fight deutlich besser als Damages – die Figuren sind nicht so kalt und durchtrieben, sondern menschlicher und dadurch sympathischer.

Ich kann nicht einschätzen, wie gut die Serie funktioniert, wenn man den The Good Wife nicht kennt, weil ein Teil des Vergnügens ist, zu sehen, was aus den Leuten aus der Vorgängerserie jeweils geworden ist. Aber 100 Prozent auf dem Tomatometer (bei allerdings bislang nur 40 Reviews) sprechen dafür, dass nicht nur ich meinen Spaß hatte. Insofern: Vormerken! Die Serie lohnt sich

Ozark: Geldwäsche statt Drogen

Nachdem mich die neueren Netflix-Produktionen nicht mehr dermaßen vom Hocker gerissen haben (Berlin Station läuft zwar auf Netflix, ist aber von Epik), gibt es jetzt doch wieder ein Serienhighlight nach meinem Geschmack: Ozark. Leider war ich in den vergangenen Wochen brotjobtechnisch dermaßen ausgelastet, dass ich nicht dazu gekommen bin, zeitnah zum Erscheinen der Serie etwas zu schreiben, aber das hole ich hiermit nach.

Kurzes Fazit: Echt nicht schlecht. Aber eben auch nicht so nervenzerfetzend gut wie der weiterhin gültige Goldstandard in Sachen Verbrechen und Gesellschaft, Breaking Bad. Doch es wäre natürlich unbezahlbar, jede Serie mit einer dermaßen ausgefeilten Optik und Dramaturgie auszustatten – vor allem, so lange nicht klar ist, ob das Publikum auch mitzieht. Mit aufwendigen Projekten wie Sense8 oder The Get Down, die ich beide ziemlich gut fand, hat Netflix ja leider nicht so die Publikumshits gelandet, weshalb sie kurzerhand abgesägt wurden. Wobei ich mir sicher bin, das beide Projekte durchaus ihr Publikum gefunden haben – und noch finden werden, denn diese Serien sind inhaltlich und handwerklich sehr ambitioniert, weshalb sie als Klassiker ihrer jeweiligen Genres noch lange Zeit sehenswert sein werden, obwohl die Plots zum Teil etwas unausgegoren sind.

Ozark: Wendy (Laura Linney) und Marty (Jason Bateman) Bild: Netflix

OzarkOzark: Wendy (Laura Linney) und Marty (Jason Bateman) Bild: Netflix

Ozark ist im Vergleich dazu einige Nummern kleiner, aber durchaus mit Netflix-Klassiker-Potenzial, denn die Geschichte hat es in sich: Der Vermögensberater Marty Byrde (Jason Bateman) ist offenbar dermaßen gut in seinem Job, dass er, während er in Kundengesprächen eben diese berät, nebenbei noch Pornos schauen kann. Doch schnell stellt sich heraus, dass es sich um etwas ganz anderes handelt: Martys Frau Wendy (Laura Linney) geht fremd, wofür der Marty beauftragte Privatdetektiv gerade den Beweis geliefert hat. Wendy langweilt sich offenbar als Hausfrau und Mutter von zwei Teenager-Kindern – wobei sie selbstverständlich eine gute Mutter ist. Aber eben nicht ausgelastet, denn Marty arbeitet zu viel. Aber wie soll man sich sonst auch ein nettes Haus in einem angenehmen Vorort von Chicago und die Privatschulen für die Kinder leisten.

Marty und Wendy spielen abends vor den Kindern heile Familie, aber dann taucht jeder in seine Welt ab – oder vor seinen Bildschirm. Immerhin fragen sich die beiden gegenseitig noch, ob der jeweils andere das, was auf dem großen Bildschirm gerade läuft, noch weiter sehen will. Doch alle sind mit ihren eigenen kleinen Bildschirmen beschäftigt.

Genau dieses scheinbar friedliche, aber ach so öde Familienleben wird auf den Kopf gestellt, weil die Mafia unzufrieden mit den Geschäften von Martys Partner Bruce ist, der offenbar Geld für ein mexikanisches Drogenkartell gewaschen und bei der Gelegenheit für sich selbst ein paar Millionen abgezweigt hat. Der mexikanische Boss Del (Esai Morales) versteht keinen Spaß (das weiß man ja spätestens seit Breaking Bad) und tötet erst die Geliebte von Bruce und dann Bruce selbst. Marty kann sich nur retten, in dem er Del ein absurdes Geschäft anbietet: Er wird für ihn noch viel mehr Geld waschen, weil er da eine geniale Idee hat: Die Ozarks.

Genau davon hatte ihm Bruce vor wenigen Stunden noch erzählt: Eine durch Staudämme erschaffene Seenlandschaft in Missouri, eigentlich voll das Hinterwäldlergebiet, aber wegen der vielen attraktiven Seegrundstücke und unendlicher Möglichkeiten für Angler und Jäger im Sommer ein Touristenhotspot – so eine Art uramerikanisches Naherholungsgebiet. Weil Marty ein begnadeter Verkäufer ist, gibt Del ihm tatsächlich eine Chance. Aber nur, wenn er innerhalb von 48 Stunden die acht Millionen Dollar beschafft, die Bruce abgezweigt hat.

Und jetzt geht es erst richtig los – die Beschaffung von acht Millionen Dollar Bargeld stellt auch einen ausgebufften Vermögensberater vor erhebliche Probleme – aber Marty schafft es immerhin, sieben Millionen und ein paar zerquetschte aufzutreiben. Dumm nur, dass ihm dann seine Frau und ihr Lover in die Quere kommen. Aber Del regelt auch das – es handelt sich schließlich um SEIN Geld. Es gibt also im ersten Teil schon reichlich Leichen.

Damit hatte Ozark mich allerdings am Haken – der Feind vom meinen Feind ist mein, naja, vielleicht nicht Freund, aber doch ein Alliierter. Das versprach interessant und kompliziert zu werden. Und so kam es auch – Marty ist der beschissenste Familienvater seit Walter White, aber genau das spricht ja auch für ihn: Er will seine Familie wirklich retten – gerade weil ihm bewusst ist, dass er daran schuld ist, dass nun alles den Bach herunter geht. Denn die Flucht in die Ozarks gelingt zwar, aber die Hinterwälder dort sind gar nicht so doof, wie Marty sie bräuchte.

Diese misstrauischen weißen Verlierer kapieren sehr wohl, wenn man ihnen ein Geschäft aufschwatzen will, in dem sie niemals die Gewinner sein können. Denn sie wissen, dass an allem, was Marty ihnen verspricht, ein Haken sein muss: Kein Mensch würde Geld investieren, damit es ihnen gut geht, da sind sie zu zu recht skeptisch. Und krumme Geschäfte, die machen sie alle schon selbst, da brauchen sie keinen Schlipsträger aus Chicago, der bei ihnen Geld waschen will.

Insofern fährt Marty mit seinem Plan erstmal grandios vor die Wand – immerhin gibt es noch vier Wände, weil die untreue Wendy sich als geschickte Verhandlerin entpuppt, ihr gelingt es, mit wenig Geld ein brauchbares Familiendomizil aufzutreiben: Ein ganz hübsches 70er-Jahre-Haus mit Seeblick und Bootsschuppen. Total billig, weil der Eigenümer, der schwer krank ist, noch lebenslanges Wohnrecht verlangt, er hat noch ein Jahr, Maximal 18 Monate. Er zieht auch bescheiden in die Kellerwohnung. Da verzeiht man ihm auch, dass er gern nackt im See baden geht (eh erstaunlich, dass die Amis damit so ein Problem haben…).

Natürlich ist auch der Nachwuchs mit der Situation nicht glücklich – beide Kinder entwickeln ein ärgerliches Eigenleben und dann sind da auch noch die Kinder der Einheimischen, die nicht weniger kriminell sind als ihre Eltern. Insbesondere die für ihre 18 Jahre erstaunlich abgebrühte Ruth Langmore (Julia Garner), deren Vater im Knast sitzt, sie aber für den intelligentesten Menschen weit und breit hält – was weitgehend zutrifft. Und so kommt das bewährte Rezept zum Tragen, dass Marty mit jeder vermeintlichen Lösung eines Problems ein noch viel größeres schafft – zum Glück haben die anderen aber auch Probleme und sind nicht besonders gut darin, sie nachhaltig zu lösen. Insofern ist Ozark dann doch eine ziemlich gute Serie, auch wenn sie an Hochqualitätsproduktionen aus den Häusern HBO oder AMC nicht herankommt.

House of Cards: Endlich wieder US-Politik ohne Trump

Inzwischen ist die fünfte Staffel von House of Cards auch in Deutschland angelaufen – und ich musste mir die neuen Folgen auch schon wieder komplett reinziehen, denn huijuijui, es geht ziemlich zur Sache. Wir sind ja von den Underwoods schon einiges gewöhnt, aber seit Frank und Claire sich privat wieder angenähert haben und jetzt auch politisch als Präsident und Vizepräsidentin ein Spitzenteam sind, geht es richtig zur Sache. Das Autoren-Team hat jetzt noch mal eine Schippe drauf gelegt – Kevin Spacey witzelte bei Stephen Colbert neulich, dass House of Cards ja wohl viel bessere Autoren hätte als Donald Trump.

Und klar haben die Underwoods mehr drauf als dieser kindische Cholerik-Milliardär, der noch immer glaubt, dass Politik ein Hobby für verzogene Oberschichtgören wäre. Obwohl – das ist sie ja auch. Aber nur in real-existierenden Bonzokratien im Mittleren Osten und Mittleren Westen. Wobei die aktuellen Videos mit Trump als Präsidentendarsteller ja auch nicht schlecht sind – diese erste Kabinettssitzung, die im Grunde nur aus Lobhudeleien der anwesenden Speichellecker bestand, deren Qualifikation für ihre jeweiligen Ministerposten ganz offensichtlich nicht über unbedingte Loyalität zur größten Knallcharge aller Zeiten hinausreichte, ist dermaßen skurril, dass man fast meinen könnte, James Franco und Seth Rogen hätten eine neue Nordkorea-Satire gedreht. Nur dieses Mal eine gute.

Aber zurück zu House of Cards: In dieser Serie gibt es noch immer eine USA, in der wahnsinnig schlaue, gut vernetzte und abgebrühte Vollblutpolitiker die Fäden ziehen, was in der Konsequenz aber auch nicht besser ist – denn beide Underwoods haben bereits Ende der vierten Staffel erkannt, dass Terror ein hervorragendes Mittel sein kann, um Wahlen zu gewinnen, auch wenn es nicht ganz so gut funktioniert, wie sie sich das vorgestellt hatten.

In Anbetracht der Tatsache, dass es für Normalseher jede Woche nur einen Teil gibt und ich einfach keine Zeit habe, für jeden Teil eine Einzelkritik zu schreiben, obwohl sich das durchaus lohnen würde, versuche ich, meine Staffelreview zur Abwechslung mal etwas spoilerfreier als bei mir sonst üblich zu gestalten.

In den vergangen fünf Jahren haben sich sowohl Frank als auch Claire Underwood weiter entwickelt, sie hatten Krisen und Zerwürfnisse, und sie haben sich gegenseitig nichts geschenkt, sondern einander zum Teil sehr heftig bekämpft, bis sie in der vierten Staffel auf die geniale Idee gekommen sind, als Team anzutreten – statt wie bisher gegeneinander. Nur als Team können sie den charismatischen jungen Hoffnungsträger der Republikaner schlagen – doch auch das erweist sich als wesentlich schwieriger als gedacht. Will Conway ist ein republikanischer John F. Kennedy, der all das hat, was Frank und Claire nicht haben – eine blütenweiße Weste nämlich und eine fotogene Familie, einen Freund im Suchmaschinen-Business und eine Affinität zu Social Media, die sich eben auch nur Leute leisten können, die nicht bis zum Hals in allen möglichen Skandalen stecken.

House of Cards: Claire und Frank Underwood Bild: Netflix

House of Cards: Claire und Frank Underwood Bild: Netflix

Dafür ist Frank Underwood bereits der Präsident der USA und er denkt nicht daran, auch nur ein Quentchen seiner Macht aufzugeben. Und so zieht sich der Wahlkampf noch bis tief in die fünfte Staffel hinein – und natürlich bleibt nicht aus, dass Frank und Claire weiterhin ihre Differenzen haben. Trotzdem wissen sie, dass sie einander brauchen – und irgendwann hat Frank eine Erleuchtung. Die dazu führt, dass Claire endlich ans Ruder kommt – ich denke, dass das jetzt keine allzu große Überraschung sein sollte, denn diese Figur wurde ja über die vergangenen Staffeln sorgfältig aufgebaut. Claire hat immer wieder ein überraschendes Eigenleben entwickelt und in dieser Staffel wächst sie tatsächlich über sich hinaus – oder doch eher über Frank, dem sie eine ebenbürtige Partnerin ist. Mit allen Konsequenzen.

Es tauchen auch interessante und zum Teil recht rätselhafte neue Figuren auf – etwa Jane Davis, die stellvertretende Untersekretärin für den Internationalen Handel, die außergewöhnlich gut vernetzt und die den Underwoods, insbesondere Claire, bei der einen oder anderen Sache erstaunlich hilfreich ist. Dafür werden andere verdiente Hauptfiguren wie Doug Stamper überraschend kaltschnäuzig abserviert – selbst wenn sie es am Ende doch irgendwie verdient haben. Das schlimmste an der fünften Staffel ist, dass sie zum Finale hin so viel Spannung auf die nächste Staffel aufbaut – und wir jetzt wieder ewig auf die Fortsetzung warten müssen. Noch gibt es keine offizielle Verlängerung – aber Netflix kann ja nicht alle Serien absetzen. Liebes Netflix – lass uns nicht mit Trump allein!

4 Blocks: Spannende Reportage aus der Parallelgesellschaft

Nachdem ich in der letzten Zeit viel darüber gejammert habe, dass es seit Jahren keine gute deutsche Serie mehr gegeben hat, kann ich jetzt berichten, dass es in diesem Jahr endlich wieder etwas Sehenswertes gibt: TNT Serie hat mit dem Gangster-Drama
4 Blocks tatsächlich etwas hingekriegt, an dem ZDFneo mit seiner Produktion Tempel ja leider kläglich gescheitert ist: Einen spannenden Mehrteiler nämlich, der ästhetisch und inhaltlich auf der Höhe der Zeit ist und tatsächlich etwas Neues über die Berliner Unterwelt erzählt, statt zum x-ten Male ausgelatschte Klischees neu zu bebildern. Hier geht es um den Aufstieg arabischer Klans, die inzwischen in einigen Berliner Bezirken das Sagen haben.

Der Libanese Ali Hamadi (Kida Khodr Ramadan), genannt „Toni“ – ob da wohl jemand an Tony Soprano gedacht hat? – lebt seit 26 Jahren in Berlin. Eigentlich wollen er und noch viel mehr seine treue und gläubige Frau Kalila (Maryam Zaree) nur gute deutsche Staatsbürger werden: Bald sollen sie endlich deutsche Pässe bekommen, und damit auch die entsprechenden Möglichkeiten, legal Geschäfte zu machen. Toni macht offiziell in Immobilien und liebt seine Frau und seine achtjährige Tochter, die er durchaus ermutigt, sich gegen die fiesen Jungs im Kiez zu behaupten. Die zum Beispiel der Ansicht sind, dass arabische Mädchen nicht Fahrrad fahren sollten. Und schon gar nicht unbegleitet.

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan)

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) Bild: 4-blocks.de

Aber Toni wird immer wieder in die kriminellen Geschäfte seines chaotischen Bruders Abbas gezogen, der findet, dass sein großer Bruder, seit er Frau und Kind hat, ein echter Waschlappen geworden ist. Toni hat zwar mit vielen dreckigen Geschäften Geld verdient, aber sein Geschäftsgrundsatz ist klar: „Wir sind keine Mörder!“ Und daran hält er sich. Vor allem bringt man keine Polizisten um, denn das bringt viel zu viel Ärger. Abbas hingegen hält sich nicht daran, er hat einfach zu viel von dem Stolz, den er an seinem großen Bruder vermisst und baut immer wieder scheiße, weshalb Toni sich nicht wie geplant ins legale Familiengeschäft zurückziehen kann. Zum Glück taucht Tonis alter Kumpel Vince auf, den er seit Ewigkeiten nicht gesehen hat.

Vince hat offensichtlich eine kriminelle Neuköllner Kiezvergangenheit – und kehrt nun nach längerer Abwesenheit in sein Heimatrevier zurück. Was Toni nicht weiß: Vince ist ein V-Mann, ein Informant, den die Polizei gezielt auf Toni angesetzt hat, damit er in den inneren Zirkel des abgeschotteten Araber-Klans eindringen kann – denn aus dieser Welt dringen kaum Informationen nach außen, so dass die Ermittlungsbehörden seit Jahren im Dunkeln tappen.

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) und sein Bruder Abbas (Veysel Gelin)

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) und sein Bruder Abbas (Veysel Gelin)eBild: 4-blocks.d

Und Vince ist ziemlich gut: Er hat einerseits den nötigen Stallgeruch, er kennt Toni und seine Familie von früher, andererseits hat er aber auch ein intaktes Unrechtsbewusstsein, viel Einfühlungsvermögen und gute Nerven – Toni führt Vince zu Abbas Ärger in die engeren Familienkreise ein und Vince bewährt sich, er übernimmt die dreckigen Jobs, die Toni seiner Familie wegen nicht mehr selbst machen will, für die Abbas aber ungeeignet ist. Denn Toni ist sehr daran gelegen, unter dem Radar zu bleiben, er weiß, dass er sich keinen Ärger leisten kann.

Mich erinnert das alles sehr an Undercover, jene bulgarische Serie, in der ein Informant in die bulgarische Mafia eingeschleust wird – diese Serie ist übrigens ebenfalls ein echter Geheimtipp. Aber es gibt auch Anklänge an die italienische Mafia-Serie Gomorrha, das israelische Undercover-Drama Fauda und nicht zuletzt einen Schuss Sons of Anarchy.

4 Blocks ist eine interessante Milieustudie einer gegen Fremde abgeschotteten Parallelgesellschaft, die sich in den bisher vernachlässigten Vierteln von Berlin (und anderen deutschen Großstädten) entwickelt hat und erzählt die Geschichte der Familie Hamady, eines jener berüchtigten arabischen Clans, von denen in letzter Zeit sehr viel die Rede ist: Wie bereits in den Herkunftsländern ist die Familie oft die einzige ökonomische und soziale Absicherung für ihre Mitglieder – und die sind zahlreich. Die Familie ist für diese Menschen die einzige Instanz, die zählt. Gut ist, was das Ansehen und den Reichtum der Familie mehrt, alles andere ist schlecht oder interessiert bestenfalls nicht. Was nicht heißt, dass es innerhalb der Familien keine Konflikte gibt – aber die werden untereinander geregelt. Und gegen alle anderen hält die Familie zusammen.

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan), Vince Kerner (Frederick Lau) und Abbas (Veysel Gelin)

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan), Vince Kerner (Frederick Lau) und Abbas (Veysel Gelin) Bild: 4-blocks.de

Diese Parallelgesellschaften sind auch ein Produkt verfehlter Politik im Umgang mit Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen und komplett misslungener, oder eigentlich eher gar nicht erst versuchter Integration dieser Menschen in das hiesige Gesellschaftssystem: Weil es für die oft nur geduldeten ehemaligen Flüchtlinge extrem schwierig war und ist, an legale Jobs zu kommen, haben sie sich eben mit den illegalen Möglichkeiten der Geldbeschaffung befasst und sind mittlerweile in so ziemlichen allen Bereichen der organisierten Kriminalität vertreten, vom Drogenhandel über Prostitution, Schutzgelderpressung, windige Immobiliengeschäfte, Versicherungsbetrug und dergleichen mehr.

Und so behalten sie oft auch die patriarchalisch geprägten Strukturen ihrer Herkunftsgesellschaften bei: Die Männer haben das Sagen, die Frauen unterstützen ihre Männer. Erstrecht, wenn sie Unterstützung brauchen – als Tonis nicht ganz so heller Schwager Latif ins Gefängnis kommt, ist seine Frau Amara natürlich erstmal sauer auf ihn – aber ihre Schwägerin Kalila überzeugt sie, dass sie nun erstrecht für ihren Mann da sein müsse. Und natürlich nimmt Abbas Amara und ihren Sohn bei sich zu Hause auf – es muss ja alles seine Ordnung haben. Amara ist von der Lösung wenig begeistert, denn Abbas nervt mit seinem Kontrollwahn – aber eine gute arabische Frau fügt sich in ihr Schicksal. Interessanterweise hat Abbas aber eine Frau aus einem anderen Kulturkreis auserwählt – er ist mit der ehemaligen Prostituierten Ewa zusammen, die aus Polen kommt. Und Ewa tut sich schwer damit, die Regeln der Familie Hamady zu akzeptieren – etwa, sich nicht einzumischen, wenn die Männer etwas untereinander zu bereden haben. Und das es beim Shoppen keinen Schampus, ja nicht mal Prosecco gibt.

4 Blocks: Amara (Almila Bagriacik) und Vince (Frederick Lau)  Bild: 4-blocks.de

4 Blocks: Amara (Almila Bagriacik) und Vince (Frederick Lau) Bild: 4-blocks.de

Auch die Welt der Hamadys ist in mehrere Sphären getrennt – nach innen gibt es spießiges Familienglück, nach außen hartes kriminelles Tagesgeschäft. Regisseur Marvin Kren und sein Kameramann Moritz Schultheiß finden dazu die passenden Bilder – allein der Auftakt in der High-Deck-Siedlung nahe der Sonnenallee in Neukölln ist grandios: In der einstmals als progressiven Sozialbau konzipierten Beton-Kulisse eines heruntergekommenen Berliner Slums (hier ist es fast so schön wie in der neapolitanischen Beton-Sünde, die in Gomorrha eine heimliche Hauptrolle spielt) verfolgen überforderte Polizeibeamte einen ausländischen Drogendealer, der einen Trainingsanzug mit den Insignien der deutschen Fußball-Nationalmannschaft trägt. Auf der oberen Ebene rotten sich Jugendliche zusammen – die Fronten sind klar: Alle gegen die Polizei. Die ihren Einsatz angesichts der eindeutigen Übermacht abbrechen muss – dieser Block ist eine NoGo-Area, soviel ist klar, zumindest für die Polizei.

Und nicht nur in der Bildsprache wird viel zitiert und auf anderes verwiesen. Mir gefällt die Art, in der das umgesetzt wird, sehr gut. Nichts ist mariniert, es ist eher augenzwinkerndes Understatement, das die Geschichte illustriert, zum Teil tatsächlich ziemlich komisch ist und mich schon deshalb nicht nervt. Wobei ich weiß, dass das Geschmacksache ist, aber ich hatte bei den drei Folgen, die ich bisher sehen konnte, viel Spaß daran. Die erste Staffel hat sechs Teile und die gute Nachricht ist, dass eine zweite Staffel bereits bestellt ist. Ich bin sehr gespannt.

Serien-Update: Better Call Saul und Fargo

Derzeit ist eigentlich eine total tolle Zeit für Serienfreaks wie mich. Es gibt so viele Serien wie noch nie – angeblich soll es 2017 allein bis zu 500 neue US-Serien geben. Und dann gibt es ja noch die Briten, die Skandinavier, die Italiener, Franzosen, Israelis und, ja auch die Bulgaren, die 5. Staffel von Undercover habe ich inzwischen angefangen. Andererseits hat der aktuelle Serienboom auch seine Schattenseiten: Erstens, wann soll ich das alles ansehen – und vor allem: Wann soll ich darüber bloggen?!

Als Mitglied der arbeitenden Bevölkerung ist das echt eine enorme Herausforderung – zumal es ja eigentlich auch wichtigere Dinge im Leben geben sollte als Serien zu glotzen. Und dann auch noch darüber zu schreiben. Neben der Arbeit gibt es ja noch allerhand andere Dinge zu regeln. Deshalb befinde ich mich derzeit extrem im Rückstand mit meinen Blogeinträgen – denn zwei meiner absoluten Lieblingsserien haben im April endlich wieder neu durchgestartet, zum einen Better Call Saul, zum anderen Fargo. Da kommt mir die Verschiebung der dritten Mr.-Robot-Staffel vom Sommer in den Herbst schon fast gelegen, damit ich bis dahin all das andere Zeug wegglotzen kann.

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Sowohl Better Call Saul als auch Fargo sind mittlerweile ebenfalls in die dritte Staffel gegangen und aufgrund der altmodischen Nur-einen-Teil-pro-Woche-Ausstrahlungs-Tratition muss man immer eine Woche warten, bis der nächste Teil kommt. Das ist schlimm, weil beide neuen Staffeln schon ab dem ersten Teil wieder dermaßen stark waren, dass ich es jeweils kaum aushalten kann, bis die Fortsetzung kommt. Aber das hat auch wieder etwas für sich, weil Vorfreude bekanntlich die schönste ist. Better Call Saul gibt es seit dem 10. April, Fargo ist seit dem 19. April wieder am Start.

Und natürlich sind beide Fortsetzungen wieder zum Niederknien gut gemacht – bei Better Call Saul geht es in der schon in den früheren Breaking-Bad-Staffeln eingeführten Manier weiter, die jeweiligen Hauptpersonen durch kultverdächtige Sequenzen zu charakterisieren, die in anderen Serien vermutlich in wenigen Sekunden abgehandelt werden würden, hier aber zunehmend akribisch und detailreich inszeniert werden, so dass man entweder komplett aussteigt oder sich vor Begeisterung in die Knöchel beißt: Wie Mike Ehrmantraut sein Auto in sämtliche Einzelteile zerlegt, weil er weiß, dass irgendwo eine Wanze versteckt sein muss, ist dermaßen fantastisch, dass die Konsequenz einfach zwingend ist, nachdem er sie endlich, endlich gefunden hat – natürlich benutzt der clevere alte Fuchs die Waffe seiner Gegner nun gegen sie selbst, indem er die Wanze genau da lässt, wo sie platziert wurde hat. Nur hat er sie nach entsprechender Recherche gegen seine eigene Wanze ausgetauscht: Jetzt überwacht er seine Verfolger.

Ich liebe diese Subtilität, das ist einfach großartig. Mich erinnert dieser Mut zur langen Einstellung, zum Lupen-Blick auf bestimmte Details ziemlich an Edgar Reitz, insbesondere an Die Zweiten Heimat, auch wenn das eine ganz andere Geschichte ist, die ganz anders erzählt wird – aber in einer sehr eigenwilligen Erzählweise, auf die sich der Betrachter einlassen muss, um das alles wirklich genießen zu können. Natürlich haben auch Jimmy, Chuck und vor allem auch Kim ihre großen Momente und ja, es taucht tatsächlich der legendäre Gus Frings auf, jener gewiefte Imbißkettenbesitzer und Drogen-Pate, an dem sich Walter White in Breaking Bad abgearbeitet hat. Also ein dreifaches Daumen-hoch für die dritte Staffel von Better Call Saul!

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Ähnlich geht es mir mit Fargo – wir sind wieder im verschneiten Minnesota, es gibt wieder eine engagierte Polizistin, deren Stiefvater gleich im ersten Teil einer tragischen Verwechslung zum Opfer fällt. Und dann gibt es Mal aber ein zerstrittenes Brüderpaar, von denen der eine der Parkplatz-König von Minnesota ist, der andere aber ein heruntergekommener Bewährungshelfer, der nebenbei mit einer seiner Klientinnen als Partnerin an Bridge-Tunieren teilnimmt. Der Parkplatzkönig hat sich von den falschen Leuten mit einem Überbrückungskredit über den Tisch ziehen lassen – die wollen nämlich gar nicht das Geld zurück, sondern seine Firma als Geldwaschmaschine benutzen. Der Bewährungshelfer hingegen hat einen seiner anderen Klienten engagiert, um seinem Bruder eine wertvolle Briefmarke zu stehlen, was gründlich schief geht. Damit ist der Grundstein für eine schreiend komische Serie gelegt, falls man auf diese Art Humor steht.

Fargo lebt ja von den ganzen Knalltüten, die aus verschiedenen Gründen versuchen, kriminell zu sein, aber einfach nicht schlau genug sind, um vom oder manchmal auch nur mit dem aus Versehen begangenen Verbrechen leben zu können. Und den richtig Kriminellen, die sich einen Spaß draus machen, die Dummen für sich arbeiten zu lassen. Das ist schon ein gemeinsames Thema von Better Call Saul und Fargo – wobei BCS mehr auf den gnadenlosen Zweikampf intelligenter Krimineller herausläuft, während Fargo eher eine Charakterstudie von Gelegenheitskriminellen ist, die, wenn es um die Lösung ihrer Probleme geht, erstaunlich abgebrüht und einfallsreich seinen können, da mit aber nicht besonders weit kommen, weil sie eben aus der Situation heraus handeln, und nicht, weil sie wirklich einen Plan hätten. Insofern ist Fargo auch in dieser Staffel wieder deutlich lustiger als Better Call Saul. Zumindest wenn man auf diese Art von Humor steht. Empfehlen kann ich beides.