The Last Kingdom: Vikings aus Sicht der Engländer

Um das Warten auf Staffel 5 der Nordland-Saga Vikings zu überbrücken, habe ich über das Osterwochenende The Last Kingdom angesehen – auch in dieser BBC-Serie geht es um die Eroberung der angelsächsischen Königreiche durch die Wikinger, nur eben aus der weniger erfreulichen Perspektive der Engländer. Insofern steht hier nicht Ragnar Lothbrok im Mittelpunkt, sondern ein gewisser Uhtred von Bebbanburg, der Sohn eines englischen Lords, der nach einer verlorenen Schlacht, in der sein Vater von den Wikingern getötet wird, in die Hände der Dänen fällt. Wobei der große Eroberer Ragnar auch hier im Grunde ein ganz netter Kerl ist, denn er findet Gefallen an dem Jungen, der zwar noch recht klein, aber dafür mutig und kämpferisch ist, fast wie ein Wikinger halt.

The Last Kingdom © Carnival Film & Television Ltd Photographer: Joss Barratt Alexander Dreymon (as Uhtred)

The Last Kingdom © Carnival Film & Television Ltd Photographer: Joss Barratt Alexander Dreymon (as Uhtred)

Als Ragnar mitbekommt, dass die Engländer Uhtred nur frei kaufen wollen, um ihn dann zu töten, weil er der nächste Lord von Bebbanburg wäre – diesen Posten hat sich aber der Onkel des Jungen nach dem Tod seines Bruders schon gesichert – beschließt der weise Nordmann, den jungen Angelsachsen als seinen eigenen Sohn großzuziehen. Er nimmt auch die ebenfalls entführte Brida in seine Familie auf. Die beiden angelsächsischen Kinder sollen ihm etwas über die Leute und das Land beibringen, in dem sich die Wikinger nun niederlassen wollen – denn die britischen Inseln sind viel angenehmer und furchtbarer als das Land, aus dem sie kommen.

Uhtred und Brida finden mit der Zeit Gefallen an der wikingischen Lebensweise – natürlich müssen die Menschen ebenfalls hart arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber die Götter der Wikinger sind nicht so elende Spaßbremsen, wie dieser eine strenge Gott, an den die Angelsachsen glauben. Die Wikinger feiern gern und sind auch sonst nicht so verklemmt wie die christlichen Angelsachsen.

The Last Kingdom © Carnival Film & Television Ltd

The Last Kingdom: Zuhause bei den Wikingern © Carnival Film & Television Ltd

Aber es gibt auch Stress und Rivalitäten unter den Wikingern – und so fällt Ragnars Familie einem perfiden Racheplan zum Opfer, nur der älteste Sohn Ragnar Ragnarsson, der sich im Norden ein eigenes Reich aufgebaut hat, überlebt – sowie Uhtred und Brida, die ein Schäferstündchen im Wald hatten. Natürlich sieht das nicht gut aus. Es bietet sich förmlich an, die ganze Sache diesem angelsächsischen Bastard in die Schuhe zu schieben.

Uhtred (gespielt von dem deutschen Schauspieler Alexander Dreymon) ist über den Tod seines Ziehvaters verzweifelt, aber er begreift, dass er für die Wikinger als Verräter dasteht. Er fasst nun einen anderen Plan: Er will sich sein Erbe zurückholen und als angelsächsischer Ealdorman anerkannt werden. Also sucht er gemeinsam mit Brida das letzte der britischen Königreiche auf, das noch nicht von den Dänen unterworfen wurde: Wessex.

The Last Kingdom: Ragnar Lothbrok (Peter Gantzler) © Carnival Film & Television Ltd

The Last Kingdom: Ragnar Lothbrok (Peter Gantzler) © Carnival Film & Television Ltd

Uhtred hat Glück: Weil der Mönch Beocca, der einst Berater von Uhtreds Vater war, inzwischen Berater an König Aethelreds Hof ist, ihn nach all den Jahren wieder erkennt, schafft er es sogar, beim König vorgelassen zu werden, obwohl er für einen Dänen gehalten wird. Uhtred versucht, das Vertrauen des Königs zu erlangen, in dem er ihn über die Schlachtpläne der dänischen Häuptlinge Ubba und Guthrum aufklärt, die er anhand von wikingischen Zeichen, die sie hinterlassen, deuten kann.

Aber warum sollte ein englischer König einem dänischen Bastard vertrauen? Aethelred konsultiert seinen Bruder Alfred, der gesundheitlich nicht auf der Höhe und auch sonst etwas verschroben ist. Aber Alfred ist ein schlauer Kerl, er vertraut nicht nur auf Gott, sondern auch auf Verstand. Und der sagt ihm, das Uhtred sehr nützlich sein kann – aber auch, dass er gefährlich werden könnte. Also empfiehlt er seinem Bruder, auf Uhtred zu hören, ihn und Brida aber sicherheitshalber einzusperren – falls irgendetwas schief läuft.

The Last Kingdom | Episode Two © Carnival Film & Television Ltd Photographer: Joss Barratt David Dawson (as Alfred) with Alexander Dreymon (as Uhtred)

The Last Kingdom | Episode Two © Carnival Film & Television Ltd Photographer: Joss Barratt David Dawson (as Alfred) with Alexander Dreymon (as Uhtred)

Es stellt sich schließlich heraus, das Uhtred recht hatte – die Engländer können Wessex gegen die Dänen verteidigen, allerdings wird König Aethelred in der Schlacht tödlich verwundet und setzt Alfred als seinen Nachfolger ein, weil er weiß, dass sein nichtsnutziger Sohn nicht zum König taugt. Damit gibt es jede Menge Konfliktpotenzial, das locker für die acht Folgen der ersten Staffel ausreicht – am Ende dreht sich die Serie darum, wie Alfred nicht nur sein Königreich verteidigt, sondern auch den Grundstein für ein vereintes englisches Königreich legt, britische Geschichte also, Alfred ist der einzige britische König, der den Beinamen „der Große“ erhalten hat.

Uhtred hingegen ist keine historische Person im eigentlichen Sinne, aber dennoch eine interessante Figur, die zwischen den Welten pendelt – er ist weder Wikinger, noch Angelsachse, und sowohl die Wikinger als auch die Angelsachsen sehen in ihm jeweils einen Fremdling, dem man nicht trauen kann. Nützlich ist, dass er sowohl englisch als auch dänisch spricht und die Lebensweise dieser gefährlichen Heiden kennt – außerdem ist er ein guter Kämpfer. König Alfred gibt Uhtred also eine Chance: Wenn er eine englische Lady heiratet, die Land besitzt, kann er ein Ealdorman werden und sich sein Erbe zurückholen. Das ist natürlich bitter für seine Freundin Brida – trotzdem willigt Uhtred ein.

The Last Kingdom © Carnival Film & Television Ltd Photographer: Joss Barratt Emily Cox as Brida

The Last Kingdom © Carnival Film & Television Ltd Photographer: Joss Barratt Emily Cox as Brida

Brida (Emily Cox) verlässt daraufhin Uhtred und Wessex, um sich den Wikingern um den jungen Ragnar anzuschließen – für sie als Frau hat die angelsächsische Lebensweise nur Nachteile, denn Anpassung und Unterordnung sind nicht ihr Ding. Uhtred hingegen ist von seiner neuen Frau Mildrith sehr angetan, sie ist sittsam, jung und eine Augenweide – dass sie hochverschuldet ist, hat Alfred ihm wohlweislich verschwiegen: Durch Missernten ist sie mehrere Jahre im Rückstand, was die Abgaben an die Kirche angeht. Und die denkt natürlich nicht daran, diese Bürde vom Rücken ihrer armen Tochter zu nehmen. Trotzdem ist die Ehe glücklich, Mildrith wird schwanger.

Währenddessen gehen die Kämpfe im Land weiter – Ragnar Jr. und Guthrum erobern Wareham, neue Friedensverhandlungen werden nötig. Um eine Waffenruhe zu gewährleisten, gibt es einen Austausch von Geiseln: Jeweils zehn Männer gehen ins feindliche Lager. Uhtred gehört zur englischen Delegation. Unter den Dänen trifft er seinen Ziehbruder Ragnar und Brida wieder, die nun mit Ragnar zusammen ist. Als der grausame Ubba von einem Irland-Trip zurückkehrt, lässt der die englischen Geiseln töten – bis auf Uhtred, für den Ragnar ein gutes Wort einlegt. Uhtred kann entkommen und entzündet ein Leuchtfeuer, das Wessex vor einer neuen Invasion warnt: Guthrum ist mit zahlreichen Schiffen im Anmarsch.

The Last Kingdom: Bereit zum Kampf © Carnival Film & Television Ltd

The Last Kingdom: Bereit zum Kampf © Carnival Film & Television Ltd

Allerdings haben die Angelsachsen wieder Glück: Ein Sturm vernichtet einen großen Teil der dänischen Schiffe. Außerdem schleicht Uhtred sich in das Lager der Dänen und steckt weitere der übrig gebliebenen Schiffe in Brand. Durch das entstehende Chaos sind die Engländer siegreich. Als Uhtred erfährt, dass er einen Sohn bekommen hat, beschließt er allerdings, erst zuhause vorbei zu schauen, anstatt sich gleich auf den Weg zu Alfred zu machen. Also staubt der junge Odda den Ruhm ab, der eigentlich Uhtred gebührt, während auf den tapferen, aber diplomatisch ungeschickt agierenden Uhtred wieder nur jede Menge Ärger wartet.

Mir gefällt The Last Kingdom fast besser als Vikings, weil es noch weniger an Game of Thrones erinnert – Vikings hat zwar eine historische Grundlage, ist aber oft wie ein Fantasy-Spektakel anzusehen, die Kostüme sind spektakulär – und die Frisuren und Tätowierungen erst! Es gibt immer wieder Traumsequenzen und eine Menge meist schwarzer Magie, auch die Umwelt, insbesondere in Kattegat, ist immer wieder sehr kulissenhaft inszeniert, es liegt dort eigentlich zu jeder Jahreszeit Schnee – wobei genau dieser düstere Schwarzweiß-Look ja auch wieder den Stil dieser Serie ausmacht, den ich im Prinzip sehr mag – optisch und stilistisch gibt es mehr Parallelen zu Taboo als zu The Last Kingdom.

The Last Kingdom: Jonas Malmsjö as Skorpa © Carnival Film & Television Ltd

The Last Kingdom: Jonas Malmsjö as Skorpa © Carnival Film & Television Ltd

The Last Kingdom hingegen versucht, möglichst realistisch auszusehen, obwohl es auch es hier erstaunlich viel altenglischen Schnee gibt: die Jahreszeiten passen auch im letzten Königreich nicht immer zusammen. Einige der Vikinger haben ebenfalls coole Tattoos, Guthrum trägt eine Rippe seiner Mutter in sein Haar geflochten, und  natürlich machen sich viele der Szenen in kahlen Wäldern tatsächlich besser – aber wenn die Bäume nur einen Schnitt später plötzlich voll belaubt sind, dann ist das irgendwie nicht besonders glaubwürdig. Wir sind hier ja eben nicht in Game of Thrones, wo es Fantasy-Reiche mit langen Wintern und ewigen Sommern gibt, auch wenn das ja mittlerweile die Referenz-Serie für fast alles ist, obwohl eben „bloß“ Fantasy.

Insofern finde ich gut, dass The Last Kingdom dann doch nicht zu sehr auf Game of Thrones getrimmt ist, sondern im englischen Mittelalter bleibt, die Kostüme und sonstige Ausstattung sind vergleichsweise schlicht, viele der Figuren haben historische Vorbilder und die Auseinandersetzung zwischen den nordischen Heiden und den angelsächsischen Christen liefert spannenden Stoff genug – ich werde bestimmt bald in die zweite Staffel einsteigen.

The Last Kingdom: Uhtred (Alexander Dreymon) und Brida (Emily Cox) © Carnival Film & Television Ltd

The Last Kingdom: Uhtred (Alexander Dreymon) und Brida (Emily Cox) © Carnival Film & Television Ltd

Rückblick Homeland Staffel 6

So, die sechste Staffel von Homeland ist auch schon wieder durch – und ich fand sie gar nicht so schlecht. Ich fand sie sogar besser als die meisten Staffeln zuvor – wobei das ja nicht so schwer ist. In dieser Staffel war es endlich wieder so spannend und vertrackt wie am Anfang der Serie, als ja auch nicht klar war, ob der einst vermisste, nach langer Gefangenschaft im Nahen Osten befreite US-Soldat Nicolas Brody ein endlich heimgekehrter Kriegsheld ist oder nicht vielleicht doch ein gefährlicher Terrorist.

Dieses Mal ging es um eine Verschwörung innerhalb des auch durch den massiven Ausbau in den Jahren nach 9/11 ziemlich unübersichtlich Geheimdienstapparates der USA, ein Thema, das durch Serien wie Quantico oder Designated Survivor derzeit ziemlich überstrapaziert wird, aber ich muss sagen, dass mir die Homeland-Variante dann doch deutlich besser gefallen hat. Schon weil diese Serie die derzeit coolste Titelmusik hat und auch sonst der Soundtrack viel weniger nervt als eben bei den anderen genannten Beispielen, wo eben alles fürchterlich brachial ist, leider vor allem die Musik.

Homeland: Carrie Mathison (Claire Danes) und Mrs President-elect Elizabeth Keane (Elizabeth Marvel)

Homeland: Carrie Mathison (Claire Danes) und Mrs President-elect Elizabeth Keane (Elizabeth Marvel) Bild: JoJo Whilden/SHOWTIME

Nun glänzt auch Homeland sonst nicht gerade mit Subtilität, aber immerhin trauen sich die Macher was, mir hat das fiese Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Geheimdienst-Veteranen Saul Berenson und Dar Adal gut gefallen, und auch, dass das Team um den Produzenten Alex Gansa genau wie so ziemlich alle anderen Kreativen in den USA bei den Präsidentschaftswahlen aufs falsche Pferd gesetzt hat – eine Mrs. President-elect war nun mal für das, was in der Staffel passiert, in jeder Hinsicht passender als eine Trump-Variante, die ohnehin nie so knallchargenhaft darstellbar wäre, wie der echte Trump agiert.

Homeland: Peter Quinn (Rupert Friend), Frannie (Claire McKenna) und Carrie Mathison (Claire Danes) Bild: Showtime

Homeland: Peter Quinn (Rupert Friend), Frannie (Claire McKenna) und Carrie Mathison (Claire Danes) Bild: Showtime

Elizabeth Keane als eine Präsidentin der vereinigten Minderheiten hingegen, die angetreten ist, um die Bürgerrechte zu stärken und Kriege zu beenden und deshalb ja auch mit knapper Mehrheit gewählt wurde, ist da für erfahrene Polit-Serien-Zuschauer doch viel glaubwürdiger, wenn sie sich am Ende als eiserne Lady entpuppt, die genau das Gegenteil von dem tut, was sie versprochen hat – hier gibt es eine Menge Parallelen zu Präsident Obama. Es ist ja nicht so, dass Keane sich nicht gegen die ihr vorgesetzten Lösungen des Staatsapparates auflehnen würde – sie versucht durchaus, eigene Akzente zu setzen. Mir hat vor allem die Folge nach dem Attentat gefallen, das Carries Schützling Sekou in die Schuhe geschoben wurde, in der sie mithilfe einer Haushälterin aus dem supersicheren Versteck entflieht, in das sie nach dem Anschlag routinemäßig gebracht wird, und nach New York zurückkehrt, um der Öffentlichkeit zu zeigen, dass sie sich eben nicht verstecken will.

Homeland: Saul Berenson (Mandy Patinkin), Bild: Showtime

Homeland: Saul Berenson (Mandy Patinkin), Bild: Showtime

Hier wird klar, dass es gewiss US-Kräfte sein müssen, die Keane unglaubwürdig machen und demontieren wollen, weil ihnen diese Präsidentin nicht passt. Natürlich wird auch hier dick aufgetragen, aber wie wir inzwischen aus dem wahren Leben wissen – manchmal ist die Realität noch schlimmer. Und dieser Brett O’Keefe (Jake Weber), ein selbsternannter Wahrheitsfanatiker, der eine provokante TV-Show betreibt, in der er „Lügen der Regierung“ aufdeckt, womit er natürlich nichts anderes als alternative Fakten produziert, die die Realität ebensowenig abbilden, wie andere fake news auch, ist leider eine Figur, die geradezu ekelhaft realistisch ist. Insofern ist es wirklich bitter, dass er am Ende dann auch noch irgendwie recht behält, weil die von ihm kritisierte Präsidentin Keane sich einmauert und knallhart ihr Ding durchzieht – natürlich bekommt sie nun von keiner Seite Lob, auch nicht von denen, die ihr unterstellt haben, dass sie genau dazu nicht fähig wäre.

Homeland: Elizabeth Keane (Elizabeth Marvel), Dar Adal (F. Murray Abraham) und Rob Emmons (Hill Harper) Bild: JoJo Whilden/SHOWTIME

Homeland: Elizabeth Keane (Elizabeth Marvel), Dar Adal (F. Murray Abraham) und Rob Emmons (Hill Harper) Bild: JoJo Whilden/SHOWTIME

Für Carries langjährigen Vertrauten Peter Quinn geht die Staffel auch nicht besser aus – er hat dank Carrie die fünfte Staffel ja ohnehin nur knapp überlebt und hadert nun mit seinen körperlichen Einschränkungen nach seiner Beinahe-Exekution als Versuchskaninchen für einen Giftgas-Anschlag des IS. Dass Carrie sich schuldig fühlt und ihn nach einigen Eskapaden bei sich zuhause aufnimmt, wird natürlich von Dar Adal auch ausgenutzt – aber eigentlich wollte ich auf etwas anderes hinaus: Peter Quinn ist natürlich trotz allem noch Peter Quinn, der erfahrene und selbst mit seinen Einschränkungen noch handlungsfähige, hochtrainierte CIA-Agent. Er kriegt heraus, was Carrie nur ahnt: Sekou war kein Attentäter, sondern nur ein Werkzeug.

Homeland: Astrid  (Nina Hoss) Bild: JoJo Whilden/SHOWTIME

Homeland: Astrid (Nina Hoss) Bild: JoJo Whilden/SHOWTIME

Peter setzt Carrie auf die richtige Spur, allerdings gerät er damit auch ins Fadenkreuz der Ermittler: Kann nicht auch ein verbitterter Veteran, dem übel mitgespielt wurde, hinter dem Attentat auf die US-Präsidentin stecken? Ironischerweise ist aber auch Peter nur ein Werkzeug in diesem bösen Ränkespiel, was Peter leider erst klar wird, als seine Freundin Astrid umgebracht wird, jene BND-Agentin, die er von früher kennt und die ihn jetzt eigentlich sanft aus dem Verkehr ziehen sollte, damit er den Keane-Gegnern nicht in die Quere kommt. Aber Quinn war ja schon immer die tragische Figur der Serie , daran ändert sich auch nichts.

Und Mrs Cry-Face Carrie? Die darf endlich einmal die richtigen Prioritäten setzen: Sich für ihre Tochter entscheiden und gegen den Job. Das wird ihr naturgemäß schwer gemacht, am Ende knickt sie aber ein, weil sie kapiert, dass Dar Adal hinter der Jugendamt-Sache steckt, mit der ihr ihre Tochter weggenommen wurde. Und weil Carrie irgendwie doch etwas gelernt hat, will sie nicht gegen Dar Adal gewinnen, sondern einfach ihr Kind wieder haben. Was am Ende sogar belohnt wird, denn Dar Adal erkennt schließlich auch, dass ihm die Sache, die er angezettelt hat, aus dem Ruder läuft und gibt Carrie den entscheidenden Tipp, der das Leben von Präsidentin Keane rettet.

Alles in allem also eine typische Homeland-Staffel, die sich auch meiner Sicht dieses Mal wirklich gelohnt hat. Und die siebte Staffel kommt – ich freu mich schon fast ein bisschen drauf.

Homeland: Brett O'Keefe (Jack Weber) Bild: SHOWTIME

Homeland: Brett O’Keefe (Jack Weber) Bild: SHOWTIME

Taboo: Definitiv keine Familienserie

Bei all den überraschend guten neuen US-Familien-Dramen wie This Is US oder Big Little Lies brauchte ich zur Abwechslung mal wieder härtere Kost, und was wäre da besser geeignet als eine britische Grusel-Serie in historischem Ambiente? Genau, die Rede ist von Taboo, jener überaus düsteren BBC-Serie, die hierzulande jetzt bei Amazon zu sehen ist.

Im Grunde ist Taboo eine weitere Version von Joseph Conrads Roman Das Herz der Finsternis – der wahnsinnige Halbgott Kurtz ist dieses Mal der Afrika-Heimkehrer James Keziah Delaney (Tom Hardy), der ganz offensichtlich ein paar Schrauben locker hat. Aber das ist auch kein Wunder – schließlich wurde er zehn Jahre lang für tot gehalten. Dass er entgegen aller Erwartungen erst ein Schiffsunglück und dann den schwarzen Kontinent überlebt hat, lässt darauf schließen, dass James, nun ja, sagen wir: höchst ungewöhnliche Erfahrungen gemacht hat. Sein muskulöser Körper ist mit großflächigen Tätowierungen gezeichnet, er redet mitunter in einer unverständlichen Sprache und vollzieht merkwürdige Rituale. Die Londoner bezeichnen ihm abschätzig als wahnsinnigen Wilden.

Taboo: James Delaney (Tom Hardy) an der Themse. Bild: FX/BBC

Taboo: James Delaney (Tom Hardy) an der Themse. Bild: FX/BBC

Ansonsten erweist er sich aber zum Leidwesen der Britischen Ostindien-Kompanie als enervierend clever und verfügt offenbar über ungeahnte Ressourcen, um der alt-ehrwürdigen Company ernsthaft Schwierigkeiten zu bereiten. James Delaney erinnert mich ein bisschen an Ragnar Lothbrock aus der Serie Vikings – genau wie Ragnar laviert er zwischen den alten Göttern seiner Vorfahren und dem einen neuen Gott derer, die er unterwerfen will. Im Zweifel macht er sich aber weder von irgendwelchen Göttern noch sonstigen Konventionen abhängig, sondern zieht einfach sein Ding durch, wobei er grausam gegen seine Feinde und großzügig mit seinen Freunden ist. James Delaney ist ein sehr ähnlicher Typ, nur dass er noch weniger Freunde hat und noch weniger redet.

Delaney bewegt sich zwischen den Göttern seiner Mutter, einer Indianerin aus dem Stamm der Nootka, deren strategisch wichtiges Stück Land vor Vancouver Island James nach dem Tod seines Vaters geerbt hat, und den Voodoo-Göttern Afrikas, die ihn offenbar gerettet haben. Ein bisschen Angel Heart is also auch dabei. Und eine Menge Deadwood, auch wenn London im Jahr 1814 natürlich längst eine alt-ehrwürdige Großstadt mit Palästen und beeindruckenden Bürgerhäusern ist. Das dreckige London der Armen und Verfemten, in dem Delaney sich herumtreibt, wirkt mit seinen schäbigen Bretterbuden nämlich eher wie eine Westernstadt. Und auch hier gilt das Recht des Stärkeren.

Taboo: Zilpha Geary (Oona Chaplin) Bild: BBC

Taboo: Zilpha Geary (Oona Chaplin) Bild: BBC

Das ist hier in der Regel der, der Geld hat – damit kommen wir zu dem ganz neuen Gott, dem nicht nur die East India Company huldigt: dem Profit. Auch James Delaney ist vor allem ein Geschäftsmann, der sich ein eigenes Handelsimperium aufbauen will. Vom Nootka Sound aus will er Tee aus Kanton holen und ein Monopol auf Tee etablieren. Sagt er den Engländern. Den Amerikanern sagt er, er wolle mit Otterfellen handeln. Er weiß, dass beide Parteien an seinem Stück Land interessiert sind, weil es ihnen jeweils einen strategischen Vorteil verschaffen würde – zwischen Großbritannien und Amerika herrscht Krieg, den Delaney geschickt für seine eigenen Pläne nutzt.

Und dann hat er noch eine Rechnung mit der East India Company offen – nachdem das Schiff, auf dem er als junger Kadett im Dienst der Company stand, vor einer afrikanischen Küste auf Land lief und sank, wurde er für tot erklärt. Es durfte keine Überlebenden geben, das Schiff hatte nämlich Sklaven an Bord – und die ehrwürdige Britische Ostindien-Kompanie wollte laut einem vor ihr selbst unterzeichneten Kodex keine Sklaven mehr auf ihren Schiffen transportieren. Doch auch der Vorsitzende der Company, Sir Stuart Strange (Jonathan Pryce), verehrt vor allem die kapitalistischen Götter, und Sklaven bringen mehr Profit als alles andere.

Taboo: Lorna Bow (Jessie Buckley) Bild: BBC

Taboo: Lorna Bow (Jessie Buckley) Bild: BBC

Irgendwie findet James Delaney das dann aber doch nicht gut – er hat der ehrwürdige Company den Krieg erklärt. Wobei lange Zeit nicht so richtig klar wird, warum – Delaney ist ein gerissener Geschäftsmann, soviel ist sicher, aber gleichzeitig schert er sich einen Dreck um Ruhm und Anerkennung. Er macht sich auch nicht viel aus dem christlichen Glauben – er lebt nach seinen eigenen Regeln. Und die sind zum Teil sehr krude: Es wird bezeugt, dass Delaney seinen Feinden das Herz aus der Brust reißt und verzehrt. Und er liebt seine schöne Halbschwerster Zilpha (Oona Chaplin) – durchaus nicht in der Weise, wie ein treu sorgender Bruder das tun sollte.

Und skandalöser noch: Zilpha liebt James auch auf diese gefährliche, eben nicht geschwisterliche Weise. Sie begehrt ihren Bruder genauso wie er sie. Allerdings sucht sie im christlichen Glauben Zuflucht, auch wenn das eher wenig hilft. Und sie redet sich ein, dass ihre Ehe mit dem wohlhabenden, aber sonst eher unterbelichteten Thorne Geary (Jefferson Hall) glücklich ist. Oder genauer, sie bestraft sich selbst mit ihrem eifersüchtigen Ehemann für ihre unzüchtige Sehnsucht nach ihrem Bruder.

Taboo: Sir Stuart Strange (Jonathan Pryce) Bild: BBC

Taboo: Sir Stuart Strange (Jonathan Pryce) Bild: BBC

Der wiederum an seinem Plan arbeitet, in der neuen Welt gemeinsam mit ihr neu anzufangen – in Amerika kennt sie schließlich keiner, dort können sie sein, wer immer sie sein wollen. Aber dazu muss er eine Menge Probleme lösen – so hat sein Vater kurz vor seinem Tod noch eine Schauspielerin geheiratet, die nun ebenfalls Anspruch auf das Erbe erhebt. Und er muss eine Menge Schießpulver für die Amerikaner beschaffen, was ein sehr kniffliges Unterfangen wird. Und dann hat er auch noch Stress mit einer alten Bekannten, der Hure Helga (Franka Potente), die ihn beschuldigt, ihre Tochter Winter getötet zu haben.

Zusätzlich hat er ja weiterhin die äußerst einflussreiche Company am Hacken, die weder eine erneute Untersuchung jenes Schiffsunglücks wünscht, das Delaney ärgerlicherweise überlebt hat, noch das Entstehen einer neuen Konkurrenz zulassen will – sondern stattdessen alles daran setzt, den Kampf um die Pole-Position für die beste Handelsroute im Pazifik für sich zu entscheiden. Es ist also ganz schön was los in den acht Folgen der ersten Staffel, auch wenn es eine Weile dauert, bis die Geschichte ihren Sog entwickelt.

Taboo: Helga (Franka Potente) Bild: BBC

Taboo: Helga (Franka Potente) Bild: BBC

Obwohl Taboo optisch oft sehr roh und drastisch daher kommt, ist die Handlung erstaunlich vielschichtig – genau sich hinter der massigen Gestalt von James Delaney ein erstaunlich feinsinniger Mensch verbirgt, der zwar alle menschlichen Abgründe kennt, aber den Blick für das Gute, das in manchen Menschen noch vorhanden ist, nicht verloren hat. So verhält er sich gerade denen gegenüber, die es nicht so gut getroffen haben, immer sehr korrekt, genau wie er Frauen mit Respekt behandelt, selbst wenn sie ihm Schwierigkeiten bereiten. Wobei ich „roh und drastisch“ auch relativieren muss – das London dieser Serie ist ein sehr düsterer und dreckiger Ort – was es zu jener Zeit gewiss auch gewesen ist.

Die Bilder an sich sind allerdings wohlkomponiert und in ihrer Düsternis sehr ästhetisch – mit Kristoffer Nyholm und Anders Engström, die bei jeweils vier Folgen Regie geführt haben, sind zwei Skandivian-Noir-Experten an Bord, Nyholm ist unter anderem für Kommissarin Lund bekannt, Engström hat einige Wallander-Filme gemacht. Im Taboo trifft also britisches Historiendrama auf skandinavischen Psychokrimi – das ist eine gewagte, aber sehr interessante Mischung, zumindest für Serienfans mit etwas Geduld und guten Nerven. Die können sich auf eine ganze Reihe grandioser Schauspieler freuen – neben Tom Hardy und Oona Chaplin sind unter anderem auch Jonathan Pryce als Sir Stuart Strange, Mark Gatiss als Prinzregent, Franka Potente als Helga und Michael Kelly als Dr. Edgar Dumbarton dabei.

Taboo: Moderner Held mit archaischen Instinkten

Taboo: Moderner Held mit archaischen Instinkten

Big Little Lies: Kleine und große Lebenslügen

Am Sonntag lief die letzte Folge von Big Little Lies, einer neuen Mini-Serie von HBO – und ab dem 6. April ist sie auf Sky On Demand, Sky Go und Sky Ticket verfügbar. Wer immer die Möglichkeit hat, sollte sich den Siebenteiler ansehen, es lohnt sich. Inhaltlich und handwerklich ist Big Little Lies absolut auf der Höhe der Zeit, was man von einer HBO-Serie durchaus erwarten kann, auch wenn sich HBO in der letzten Zeit ja auch ein paar spektakuläre Fehlgriffe wie Vinyl geleistet hat. Und auch die zweite Staffel von True Detective war nicht so richtig gut.

Auch wenn ich mich ernsthaft frage, warum diese Serie als Dark Comedy beziehungsweise als Comedy-Drama einsortiert wird. Denn lustig ist daran überhaupt nichts, obwohl ich sie wirklich gut fand. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie gut die Amerikaner darin sind, Beziehungsdramen zu schildern. Denn darum geht es vor allem: Um Beziehungen, und wie verzweifelt die Menschen versuchen, das, was sie für eine gute Beziehung halten, irgendwie hinzukriegen, auch wenn alle Evidenz dagegen spricht, dass genau diese Beziehung, an der sie so verzweifelt festhalten, gut für sie ist.

Celeste, Madeline und Jane Bild: HBO

Celeste, Madeline und Jane Bild: HBO

Und dann geht es natürlich auch um Freundschaft, Eifersucht und Konkurrenz – im Grunde sind die hier erzählten Geschichten universell, auch wenn hier in erster Linie das Leben der gut verdienende Menschen am oberen Ende der weißen Mittelschicht gezeigt wird. Im  kleinen, aber feinen Monterey, das etwa 200 Kilometer südlich des Hightech-Mekkas San Francisco an der Pazifikküste liegt, lassen sich vor allem Familien nieder, die zu Geld gekommen sind und nun ihre Kinder in großzügigen Häusern mit Meerblick aufziehen wollen. Und solche, die nicht ganz so viel Knete haben, um ihre Kinder in San Francisco auf teure Privatschulen schicken zu können – denn die öffentlichen Schulen in Monterey haben ebenfalls einen sehr guten Ruf. Kein Wunder, es gibt ja auch genug finanzstarke Eltern, die für alle möglichen Belange spenden.

Keine Frage, mit diesen meist schon älteren Alphaeltern ist nicht zu spaßen – das wird auch schon am Anfang klar, als es am ersten Schultag der neuen Erstklässler gleich zu einem handfesten Eklat kommt: Amabella, die Tochter der ebenso wohlhabenden wie erfolgreichen Unternehmerin Renata Klein (Laura Dern), wurde von einem Jungen angegriffen. Amabella will aber nicht sagen, wer es gewesen ist. Erst nach massivem guten Zureden zeigt sie zögerlich auf Ziggy. Ausgerechnet – Ziggy ist der Sohn der alleinerziehenden Mutter Jane Chapman (Shailene Woodley), einer frisch zugezogenen Außenseiterin, die weder über die Beziehungen, noch über das Geld verfügt, mit denen die anderen hier in der Community die Dinge regeln. Ein denkbar schlechter Start.

Jane (Shaylene Woodley), Madeline (Reese Witherspoon) und Celeste (Nicole Kidman) Bild: HBO

Jane (Shaylene Woodley), Madeline (Reese Witherspoon) und Celeste (Nicole Kidman) Bild: HBO

Aber Jane hat kurz zuvor die resolute Madeline (Reese Witherspoon) kennengelernt, und Madeline läuft zur Hochform auf, wenn sie für die Zukurzgekommenen und Unterdrückten kämpfen kann. Denn ehemals alternativ und politisch korrekt sind sie hier ja auch. Madeline demonstriert jetzt erst recht Solidarität. Und die kann Jane wirklich gebrauchen. Die dritte im Bunde der sich neu formierenden Freundinnenrunde ist Celeste (Nicole Kidman), die Mutter von zwei niedlichen Zwillingsjungs, mit der Madeline schon länger befreundet ist.

Madeline und Celeste leben genau wie Renata Klein mit ihren Familien in Haus gewordenen Träumen mit Seeblick – auf den ersten Blick haben sie ein perfektes Leben. Doch natürlich knirscht es unter der schönen Oberfläche, insbesondere bei Celeste, deren jüngerer eifersüchtiger Ehemann Perry (Alexander Skarsgård) immer wieder gewaltätig wird. Aber Celeste ist schon so geübt im Übelschminken der blauen Flecken, dass sie sich selbst immer wieder einredet, dass es keinen anderen als Perry für sie geben kann – schließlich hat sie für ihn ihre Karriere als Anwältin aufgegeben und er hat mit ihr so viel durchgestanden, bis sie endlich, endlich die Zwillinge bekommen hat. Denn Nicole Kidman ist ja nicht mehr die Jüngste, wie ich hier anmerken muss – und darf, denn ich bin genauso alt. Aber sie hat sich geradezu verstörend gut gehalten, auch wenn gar nicht gesagt wird, wie alt Celeste eigentlich sein soll.

Ziggy (Iain Armitage) und Jane (Shaylene Woodley) Bild: HBO

Ziggy (Iain Armitage) und Jane (Shaylene Woodley) Bild: HBO

Im Grunde wirkt sie fast jünger als Madeline, auch wenn deren Darstellerin Reese Witherspoon tatsächlich fast zehn Jahre jünger ist. Wobei die auch gut aussieht – aber eher ihrem tatsächlichen Alter entsprechend. Genau wie Renata Klein, deren Darstellerin Laura Dern nur wenige Monate älter als Nicole Kidman ist.

Das ist schon bemerkenswert: Eine Serie mit insgesamt fünf interessanten und mehrdimensionalen weiblichen Hautpfiguren, von denen drei über vierzig sind – eine echte Ausnahme in der schönen Fernsehwelt. Aber Big Little Lies zeigt, dass das Leben von Frauen durchaus spannend genug ist, um eine Serie draus zum machen. Letztlich werden so ziemlich alle Frauen zwischen dem Anspruch, eine gute Mutter zu sein, und eine gute Partnerin für jeweils vorhandene Väter ihrer Kinder, und dem Anspruch, im Leben auch noch für sich selbst etwas zu erreichen, aufgerieben. Und irgendwie scheitern sie alle daran.

Celeste (Nicole Kidman) und Perry (Alexander Skarsgård) Bild: HBO

Celeste (Nicole Kidman) und Perry (Alexander Skarsgård) Bild: HBO

Etwa Celeste: Als Vater ist Perry allerliebst, zumindest, wenn er mal zuhause ist. Denn weil Perry geschäftlich viel unterwegs ist, plagt ihn die Eifersucht ganz besonders – was macht seine Frau eigentlich den ganzen Tag? Er weiß ja, dass sie wunderschön ist, und das sie es total drauf hat – sie könnte selbst Karriere machen, vermutlich war sie in ihrem Job früher sogar besser als er jetzt in seinem ist. Und als sie hilfsweise für ihre Freundin Madeline einspringt, als sie für ihr Theaterprojekt juristischen Beistand braucht, genießt sie das. Und ist natürlich brillant. Was Perry erst recht auf die Palme bringt.

Madeline hingegen arbeitet sich noch immer daran ab, dass ihr erster Ehemann sie für eine deutlich jüngere (Zoë Kravitz als Bonnie) verlassen hat – sie ist ein bisschen eifersüchtig, dass ihr Ex Nathan (Jeffrey Nordling) sich jetzt viel mehr um seine neue Tochter kümmert, die genau wie Madelines zweite Tochter, die sie mit ihrem neuen Mann Ed (Adam Scott) hat, gerade eingeschult wird. Nathan will jetzt alles richtig machen und genau das nimmt Madeline ihm übel – obwohl sie das alles eigentlich gar nichts mehr angeht. Sie hat ja auch einen neuen Partner gefunden – und Ed ist wirklich ein ganz lieber. Er verehrt Madeline und kümmert sich um alles, auch um Madelines älter Tochter Abigail (Kathryn Newton), die inzwischen fortgeschrittener Teenager ist und, wie Madeline feststellen muss, ein ziemlich vertrautes Verhältnis zu Bonnie entwickelt, die für sie eben keine Stiefmutter, sondern eher eine ältere Freundin ist. Die für Abigails Teenager-Probleme deutlich mehr Verständnis aufbringt, als ihre perfektionistische Mutter.

Kindergeburtstag: In der Mitte Amabella (Ivy George), links Bonnie (Zoë Kravitz), daneben Renata (Laura Dern) Bild: HBO

Kindergeburtstag: In der Mitte Amabella (Ivy George), links Bonnie (Zoë Kravitz), daneben Renata (Laura Dern) Bild: HBO

Doch dafür kann Madeline selbst die ältere Freundin für Jane sein, die Madeline mit der Zeit auch ein dunkles Geheimnis anvertraut. Als die Kinder für die Schule ihren Familienstammbaum gestalten sollen, weigert sich Jane hartnäckig, den Namen von Ziggys Vater zu nennen. Und wie sich heraus stellt, weiß sie ihn auch gar nicht. Denn wer weiß schon, ob der Kerl, der erst so charmant und nett war, dass sie sich von ihm hat abschleppen lassen, wirklich so heißt, wie er behauptet hat.

Jane liebt ihre Sohn, auch wenn er nicht das Produkt von erwachsener Liebe ist, sondern die Folge einer Vergewaltigung. Aber sie befürchtet, dass er den Rest seines Lebens unter diesem Stigma leiden wird – und es sieht ja erstmal auch so aus. Auch wenn Ziggy eigentlich ein sehr freundliches und mitfühlendes Kind ist, wie Jane weiß und auch die Psychologin bestätigt, die hinzugezogen wird. Die Therapeutin vermutet eher, dass Ziggy auch ein Opfer und nicht  der Täter ist, was sich später noch bestätigen wird.

Die Frage nach Opfer und Täter zieht sich ohnehin durch die ganze Serie: Von Anfang an wird in zwischengeschnittenen Szenen darauf angespielt, dass auf einer schicken Foundrainsing-Veranstaltung für die lokale  Schule ein schreckliches Verbrechen geschehen ist – aber wer Opfer und wer Täter ist, wird nicht verraten. Dafür gibt es allerlei Klatsch und Tratsch zu hören, den die Leute bei den Befragungen durch die Polizei absondern. Damit wird klar: Monterey ist ein Schlangennest. Und jeder verdächtigt jeden, Dreck am Stecken zu haben. Und die meisten haben das wohl auch, auf die eine oder andere Weise. Was auch kein Wunder ist an einem Ort, an dem schon eine ausgebliebene Einladung zum Kindergeburtstag eine Krise im Maßstab eines NATO-Bündnisfalls auslösen kann.

Ed (Adam Scott) und Madeleine (Reese Witherspoon) Bild: HBO

Ed (Adam Scott) und Madeleine (Reese Witherspoon) Bild: HBO

Der Kriminalfall an sich ist allerdings nicht so wichtig und spielt keine große Rolle, wichtiger ist die Dynamik der Beziehungen, in denen die Protagonisten mehr oder weniger festhängen – ein wichtiges Thema ist natürlich häusliche Gewalt, die auch in Familien anzutreffen ist, in denen die materielle Existenz mehr als gesichert ist und nach außen hin geordnete Verhältnisse herrschen – Ordnung kann eben auch Terror sein. Aber Celeste will ihren goldenen Käfig gar nicht verlassen – was sind schon ein paar blaue Flecke, wenn ansonsten alles ganz prima aussieht?

Aber je verzweifelter sie darum kämpft, den schönen Schein zu waren, desto brutaler werden ihre Auseinandersetzungen mit Perry, der schließlich einwilligt, gemeinsam mit ihr zur Therapie zu gehen, weil er selbst natürlich auch merkt, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Was die Therapeutin natürlich auch bemerkt, vor allem aber, wie sehr Celeste damit ringt, ihr gegenüber – und damit erstmal auch sich selbst – einzugestehen, wie schlimm es wirklich um ihre Beziehung und ihr Verhältnis zu Perry steht. Auch hier bleibt sie in ihrer selbst gewählten Rolle als loyale Ehefrau gefangen: Celeste entschuldigt Perry und gibt sich selbst die Schuld, erst die behutsamen, aber bestimmten Nachfragen der erfahrenden Psychologin machen ihr nach und nach klar, dass von Perry eine Gefahr ausgeht, vor der sie sich selbst und die Kinder schützen muss. Diese Szenen sind die beklemmensten und besten Momente der Serie.

Celeste (Nicole Kidman) in ihrem Element Bild: HBO

Celeste (Nicole Kidman) in ihrem Element Bild: HBO

Schlimm steht es auch um Jane, die sich im Gegensatz zu den anderen allein durchschlagen muss – auch wenn sie sich mit ihrem Leben als alleinstehende Mutter arrangiert hat und gut für ihren Sohn Ziggy sorgt. Sie schreckt immer wieder aus Albträumen von jenem Unbekannten auf, der sie erst brutal benutzt und dann allein gelassen hat. Jane hat sich eine Waffe besorgt und geht immer wieder zum Schießtraining – sie fühlt sich dann mächtiger, erklärt sie ihren entsetzten neuen Freundinnen, die Waffengewalt selbstverständlich ablehnen. Jane träumt davon, sich irgendwann an jenem Mann zu rächen.

Das wiederum verstehen Madeline und Celeste sehr gut, Madeline fängt sogar an, nach ihm zu suchen und meint irgendwann, ihn gefunden zu haben. Was, wie man sich denken kann, nicht die beste Idee war. Schon weil sich noch herausstellen wird, dass alles ganz anders war. Genau wie die Sache mit dem Mobbing in der Schule ganz anders war. Der Twist ist am Ende dann wieder naheliegend und erklärt letztlich auch das Verbrechen – aber zum Glück lebt Big Little Lies eben nicht von überraschenden Twists und der nervenzehrenden Spannung, wer denn nun der Mörder war, sondern von der schonungslosen Aufdeckung der ganzen Lebenslügen, an denen alle, die noch immer glauben wollen, dass ein wohl geordnetes Familienleben der Schlüssel zum Lebensglück wäre, scheitern müssen. Und genau das gefällt mir daran.

Alle Himmel sind gleich – aber manche sind gleicher

Das ZDF wollte mal wieder Geschichte schreiben – und weil die jüngere deutsche Geschichte vor allem eine Geschichte über die deutsche Teilung ist, geht es in dem ZDF-Dreiteiler Der gleiche Himmel um Stasispione und ihre ebenso weiblichen wie westlichen Zielpersonen, denen sie Geheimnisse über die militärische und politische Lage des feindlichen Lagers entlocken sollen. Und darum, dass es im Westen halt schöner, bunter und in jeder Beziehung besser war als im grauen, freudlosen Osten. In dem zwar keiner Not leiden, aber dafür alle den Mund halten mussten. Und um ein dunkle west-östliche Familiengeschichte, die ebenso gnadenlos überkonsturiert wie absurd ist. Doch eins nach dem anderen.

Zu meiner eigenen Überraschung hatte ich nicht, wie sonst oft das Bedürfnis, nach zehn Minuten anzuschalten bzw. das Programm zu wechseln. Was aber nicht daran lag, dass das ZDF plötzlich die Kurve gekriegt hätte und auf einmal Mehrteiler produzieren würde, die tief, subtil und überraschend gut wären. Ich würde es eher mit Faszination des Grauens überschreiben, denn Der gleiche Himmel bietet genau die Holzhammer-Kost, die man von diesem Sender gewohnt ist. Natürlich konnte ich mir nicht alle drei Teile am Stück reinziehen, sondern immer nur einen pro Abend, aber das war ganz gut auszuhalten, schon weil sich das deutsche Fernsehen immer dermaßen viel Mühe mit der Ausstattung gibt – die 70er Jahre sahen tatsächlich ungefähr so aus wie jetzt im Fernsehen. Ich weiß das, denn 1974, dem Jahr, in dem die Agentenoper spielt, bin ich in die erste Klasse gekommen. In der BRD allerdings, also da, wo die Leute VW-Käfer, R4 oder Mercedes fuhren, nicht in Trabbi-Land.

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Friederike Echt), Lars Weber (Tom Schilling) Laure Faber (Sofia Helen) Ralf Müller (Ben Becker) Bild: zdf

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Friederike Becht), Lars Weber (Tom Schilling) Laure Faber (Sofia Helen) Ralf Müller (Ben Becker) Bild: zdf

Der Anfang der Handlung so holzhammermäßig, dass es schon fast Richtung Satire geht, und da bin ich ja gleich dabei. Leider ging es nicht so lustig weiter. Aber wenn der Stasiausbilder seinen Stasischülern, die alle brav wie Erstklässler an ihren hölzernen Pulten sitzen, erklärt, wie eine Frau tickt, präziser: Wie das weibliche Hirn funktioniert, dann weiß er, wovon er spricht. Denn die Frauen werden sich später netterweise genau an dieses Drehbuch halten, womit die Mission des aufstrebenden Stasischülers dann irgendwie auch erfolgreich ist, wobei mir gerade auffällt, dass für die Geschichte erstaunlich egal ist, was da an Informationen eigentlich abgeschöpft werden soll.

Aber zurück auf die Schulbank für angehende Ost-Spione. Gute Sozialisten wissen: Frauen haben durchaus ein Gehirn! Aber auch die bestausgebildetsten Datenanalystinnen der westlichen Welt sind eben Frauen. Und die werden, so ist das bei Frauen nun einmal,  von ihren Emotionen gesteuert, also rechte Hirnhälfte, die wiederum für das linke Auge zuständig ist. Über das linke Auge der jeweiligen Frau hat der findige Romeo-Agent quasi den direkten Zugriff auf das westliche Datencenter. Jetzt gilt es also nur noch die richtigen Passwörter zu finden, mit denen die jeweilige Alte zu knacken ist.

Das ist tatsächlich so schlecht, dass es schon wieder gut ist, nur ist dieser Scheiß kein Privileg sozialistischer Ideologie, auch die Westler befleißigen sich bis heute idiotischer Modelle aller Art, um die Welt zu erklären und zu beherrschen – aber ich schweife schon wieder ab. Tatsächlich habe ich mit das alles auch deshalb angesehen, weil ich Tom Schilling als Schauspieler wirklich gut finde, auch wenn ich ihn für diese Rolle inzwischen doch zu alt fand – aber, wie er als Agent erklärt: „Vielleicht bin ich eine alte Seele.“ Wie ein 25jähriger sieht er tatsächlich nicht mehr aus.

Der erste Schritt für Lars Weber (Tom Schilling) ist getan: Er hat seine

Der erste Schritt für Lars Weber (Tom Schilling) ist getan: Er hat seine „West-Wohnung“ bezogen. Wird er seinen Auftrag erfolgreich abschließen können? Bild: zdf

Und ich mag auch Sofia Helin, die seine Zielperson Lauren Faber spielt. Als leicht autistische Kommissarin hat sie mir in Die Brücke wirklich gut gefallen. Natürlich ist sie auch als Lauren Faber überzeugend – eine alleinerziehende Mutter eines 17jährigen, ziemlich missratenen Sohnes, die für den britischen Geheimdienst arbeitet. Der sie wiederum auf dem Teufelsberg einsetzt, einer US-Abhörstation in Westberlin, mit der die NSA nicht nur den Osten, sondern auch den Westen belauscht.

Für ihre Figur haben sich die Serienmacher wenigstens eine halbwegs glaubhafte Legende ausgedacht – Lauren ist schwedisch-britischer Herkunft und hat einen Deutschen geheiratet. Das erklärt, warum sie sowohl perfekt Englisch, als auch Deutsch spricht – Deutsch allerdings mit leichtem schwedischen Akzent. Ihr Mann hat sie aber mit dem Kind sitzen lassen und sich wieder nach Westdeutschland verdrückt, ihr Sohn pubertiert wüst vor sich hin.

Lauren macht ihren Job natürlich gut, sie ist erfahren, umsichtig und pflichtbewusst – genau deshalb fühlt sie sich als Mutter als Versagerin. Was ihr Sohn natürlich ausnutzt: Er beklaut sein Mutter und verkifft das Geld, hört gern laut Musik und sperrt sich in sein Zimmer ein, das mit RAF-Fahndungsplakaten geschmückt ist – ziemlich normaler 70er-Jahre-Teenie würd ich mal sagen, aber für eine Frau wie Lauren ist das alles wirklich schlimm. Zumal sie ziemlich einsam ist: Außer ihrer jungen Kollegin Sabine Cutter (Frederike Becht) hat sie eigentlich niemand, mit dem sie reden oder sonst irgendwas unternehmen kann. Ein ideales Opfer also für Romeo-Agenten Lars Weber.

Der gleiche Himmel: Lauren (Sofia Helin) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Der gleiche Himmel: Lauren (Sofia Helin) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Aber die Sache läuft aus dem Ruder – Lauren überlebt die Mission nicht. Und Lars wird jetzt auf Sabine angesetzt, die ihm von Anfang an viel besser gefallen hat als die deutlich ältere und weniger attraktive Lauren, die aber genau deshalb ja auch das leichtere Opfer war. Aber Sabine ist praktischerweise die Adoptiv-Tochter eines ranghohen NSA-Offiziers, der mit einer Deutschen verheiratet ist – vermutlich ist das auch der Grund, warum die vergleichsweise junge Sabine schon so einen verantwortungsvollen Job hat. Sie ist das weibliche, westliche Gegenstück zum Erfolgsossi Lars Weber – ja, und es ist tatsächlich so, wie man jetzt ahnen soll, aber wünscht, dass es eine andere Erklärung geben möge:  Immer wieder wird ein Bild von einer Frau gezeigt, die zwei Säuglinge im Arm hält.

Sowohl in der Plattenbau-Wohnung, die Lars mit seinem Vater Gregor (Jörg Schüttauf) teilt, der ebenfalls bei der Stasi ist, aber sich damit begnügt die Nachbarschaft zu überwachen, als auch in der Villa der Familie Cutter gibt es dieses einen Abzug dieses Fotos. Dagmar Cutter (Claudia Michelsen) ist also Lars’ Mutter, die damals in den Westen abgehauen ist und von der Lars nichts weiß, genau wie er auch nichts von einer Zwillingsschwester weiß. Und Vater Gregor ist zwar der einzige, der von Lars geheimer Mission weiß, aber er weiß offensichtlich auch nicht viel mehr. Dafür ist Gregor der Prototyp des überzeugten Sozialisten, der an den Sieg der guten Sache glaubt und seinen Sohn zu einem guten Staatsbürger erzogen hat – deshalb macht er ja auch den Blockwart (dafür hängt er sich auch gut sichtbar einen großen Feldstecher um den Hals – die Leute sollen durchaus sehen, was er tut) und ermahnt die Menschen, sich nicht vom Westfernsehen verblenden zu lassen. Und er päppelt liebevoll ein Vögelchen auf, das sich den Flügel verletzt hat – schaut ihm aber doch recht nachdenklich hinterher, als es davon fliegt.

Der gleiche Himmel: Gregor Weber (Jörg Schütthauf) Bild: zdf

Der gleiche Himmel: Gregor Weber (Jörg Schütthauf) Bild: zdf

Einerseits ist die Geschichte nicht wirklich schlecht. Wobei die Komplexität dann doch wieder arg gekünstelt ist: Weil Der gleiche Himmel ja mehr sein soll als ein einfach nur weiterer Agententhriller, wird ein Panorama der Zeit aufgespannt – was eigentlich eine gute Idee ist, 1974 war ein interessantes Jahr. Schon wegen der Fußball-WM, in der die DDR die BRD zwar besiegte, die BRD aber trotzdem Weltmeister wurde.

Genau das ist ja das Thema:  Der Osten hat zwar ab und zu mit ach und krach einen Punkt gegen den Westen geholt – aber im Prinzip ist der Westen eben hoffnungslos überlegen, egal wie die Ossis sich abzappeln. Sie haben halt auf das falsche System gesetzt und das wird auch hier wieder ausgiebig in Filmform zelebriert. Einmal mehr wird all das gezeigt, was im Osten so richtig schlecht war: Die Bespitzelung der eigenen Bevölkerung  – was an der DDR zwar ununterbrochen kritisiert wird, im Westen aber, wenn man die Zeichen richtig deutet, ja endlich mal hoffähig werden soll, nur dass es jetzt nicht die Stasi oder der KBG ist, die alle unsere Daten sammeln und auswerten, sondern gute kapitalistische Großkonzerne wie Google, Facebook und Amazon. Deshalb gibt es in Der gleiche Himmel auch die ganzen anderen hässlichen Sachen, Romeo-Agenten für den Westen, Doping von Staats wegen, Fahnenappell und Fahnenflucht, in diesem Fall eine versuchte Republikflucht durch den Bau eines Tunnels vom Osten in den Westen.

Schon irre, was sich die Menschen einfallen lassen, um in den vermeintlich goldenen Westen zu gelangen. In dem aber auch nur mit Wasser gekocht wird – zumindest einer der Agenten sieht das so, der herrlich schmierige, kettenrauchende und Junk-Food fressende Macho Ralf Müller (Ben Becker), der zwar Westberliner ist, aber für die Stasi arbeitet. Weil er halt irgendwie so eine subversive Ader hat, wie er Lars erklärt, als der ihn danach fragt. Besonders nachvollziehbar ist das zwar nicht, aber einer muss den Job ja machen.

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Frederike Echt) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Frederike Becht) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Andere legen sich lieber krumm oder animieren ihre Kinder, das zu tun – etwa die ehrgeizige Gita Weber (Anja Kling), die Frau von Gregors Bruder Conrad (Godehard Giese), die im Plattenbau gleich nebenan wohnen. Mutter Gita ist so stolz auf ihre Töchter – die ältere soll Medizin studieren, die jüngere, Klara (Stefanie Amarell), schafft die Aufnahme in den Olympia-Kader der Schwimmerinnen. Dort bekommen die Mädchen von ihrem fiesen Trainer Doping-Medikamente, die sie zwar schneller machen, von denen ihnen aber auch Haare auf der Brust wachsen. Aber das Training ist Trainer-Sache, das wird den vielleicht dann doch besorgten Eltern eingetrichtert. Um die Überlegenheit des Sozialismus zu demonstrieren braucht es eben Opferbereitschaft und Goldmedallien.

Ich finde solche Methoden absolut nicht okay und total kritikwürdig – aber interessanterweise ist das Doping-Problem im Leistungssport mit dem Zerfall des Ostblocks nicht verschwunden, es dopen ja bekannterweise auch Athleten des freiheitlichen Westens, nur vermutlich nicht, weil der Trainer es empfiehlt, sondern aufgrund ihrer frei getroffenen Entscheidung, besser als die anderen sein zu wollen. Das ist natürlich etwas ganz anders. Obwohl, das kann und muss man der DDR ankreiden, sie war ja der Staat, der es doch eigentlich besser machen wollte als die auf Ausbeutung abzielenden Kapitalisten, um die Konkurrenz der Einzelnen untereinander zugunsten einer Orientierung auf das Gemeinwohl abzuschaffen. Epic Fail heißt ein solche Versagen heutzutage wohl – in dieser Hinsicht war die DDR tatsächlich ein Failed State. Und überhaupt: Wenn ein Staat glaubt, seine Bürger einsperren zu müssen, damit sie ihm nicht weglaufen und dann nicht selbstkritisch genug ist, zu analysieren warum das der Fall ist und wie man das abstellen kann, dann verdient er eben auch nichts anderes. Das blöde ist nur, dass wir heute keine überhaupt keine Alternative mehr haben.

Axel Lang (Hannes Wegener, r.) erklärt seinen Schülern im Physikunterricht die Auftriebskräfte. Bild: zdf

Axel Lang (Hannes Wegener, r.) erklärt seinen Schülern im Physikunterricht die Auftriebskräfte. Bild: zdf

Und das merkt man eben auch dieser Produktion an: Sie bebildert im Grunde dieses ganze alternativlose Weiter so!, das in Deutschland seit der Jahrtausendwende die Maxime deutscher Politik und damit irgendwie auch gesellschaftlich relevante Handlungsanweisung für uns alle ist. Durch die Demontage wichtiger sozialer Errungenschaften in Ost UND West wurde Deutschland für den Weltmarkt und die Weltpolitik zugerichtet, wir sind wieder wer, nicht nur Fußball- sondern auch Exportweltmeister, verlässlicher NATO-Partner und informelle Führungskraft der EU. Und es ist eigentlich egal, wie „wir“ das geschafft haben – Hauptsache, es geht irgendwie so weiter. Genau so funktioniert das Drehbuch dieser Geschichte hier.

Und da drängen sich Fragen auf, etwa: Wozu das alles, wenn es den meisten Menschen im Lande damit gar nicht gut geht? Der aktuelle Armutbericht der Bundesregierung war ja wieder so desillusionierend, dass er umfassend frisiert werden musste, damit die dafür zuständige SPD-Ministerin damit noch irgendwie leben kann. Interessant natürlich, dass genau dieses Gefühl wieder nur anhand der üblichen Klischees über die untergegangenen DDR gezeigt wird, während im Westen zwar nicht alles gut, aber doch vieles besser ist. Weil es hier Kapitalismus, also Freiheit und Demokratie gibt. Wobei, die DDR hat das „Demokratisch“ sogar in ihrem Namen. Aber das war die falsche Sorte Demokratie, die nämlich ohne Alternative. Oder habe ich da was verwechselt?

Immerhin wird angedeutet dass die NSA mit ihren schicken Lauschantennen auf dem Teufelsberg auch ihre westlichen Verbündeten abhört – auch die Amis verlassen sich auf ihren Lenin: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“

Da sind sich letztlich Stasi-Agent Lars und NSA-Vater Cutter gar nicht so unähnlich. Aber das ist eben auch wieder ein Beispiel für die allgemeine Beliebigkeit an der die ganze Sache krankt: Die Motivation der Charaktere ist jeweils mehr als schematisch. Wir haben den guten Sozialisten Gregor, die verzweifelt um Anerkennung ringende kleine Schwester einer erfolgreichen älteren Tochter und eine auf materielle Vergünstigungen geifernde Mama. Ach ja, einen schwulen Ossi-Lehrer und dessen ebenso schwulen, aber weniger coolen dicken Freund haben wir auch noch, dazu noch ein paar Verschwörer, die abhauen wollen und einen schwulen Ausländer, der irgendwie auf schwule Ossis steht und einfach nur helfen will, aber missverstanden wird.

Klara Weber (Stephanie Amarell, l.), Gita Weber (Anja Kling, M.) und Juliane Weber (Muriel Wimmer, r.) Bild: zdf

Klara Weber (Stephanie Amarell, l.), Gita Weber (Anja Kling, M.) und Juliane Weber (Muriel Wimmer, r.) Bild: zdf

Aber was ist mit den Hauptfiguren? Warum tut Lars das, was er tut? Einerseits wird in dem, was er vor sich hinfaselt, ja eine gewisse Tiefe angedeutet, aber dann entpuppt er sich doch immer wieder als gnadenloser Opportunist, der seine Erfolge genießt und erstaunlich wenig darunter leidet, dass seine erste Zielperson einen frühen und rätselhaften Tod stirbt. Aber dafür kriegt er ja dann auch die schnittige Sabine. Was noch irgendwie okay gehen würde, wenn sie nicht seine Schwester wäre.

Es ist ja nicht so, dass ich gewagte Plotwists prinzipiell ablehnen würde. Elliot Anderson kann sich in Mr. Robot ja auch nicht an seine Schwester Darlene erinnern – die sich aber schon an ihren verrückten Bruder, der halt immer mal wieder wichtige Dinge vergisst. Letztlich erklärt diese Sache ja auch, WIE verrückt Elliott ist und ist insofern wichtig für die Handlung an sich. Aber in Der gleiche Himmel sehe ich das nicht – Lars ist nicht verrückt, er ist einfach gut in seinem Job, und er könnte jede Frau rumkriegen. Warum dann also seine Schwester? Um auszudrücken wie pervers das alles mit der Mauer war? DAS wissen wir doch ohnehin.

Trotzdem liegt Mauerbau im Trend. Liebes ZDF, mach doch mal was Perverses über die USA. Mit Mauer, Sex und NSA. Sollte so schwierig nicht sein.

Billions – Pissing Contest in Serie

Ich fasses  nicht: Die Leute kriegen offenbar doch die Serien, die sie verdienen. Ich fand ja You Are Wanted nicht besonders, aber die Leute da draußen sind offenbar anderer Meinung. Heute verkündet Amazon, dass eine zweite Staffel der Schweighöfer-Serie in Auftrag gegeben wurde und gibt als Grund dafür den weltweit hohen Zuspruch am Startwochenende an: You Are Wanted habe in 70 Ländern zu den fünf meistgesehenen Sendungen von Amazon gehört, darunter Kanada, Mexiko, Brasilien, Frankreich, Italien und Spanien. In Deutschland habe die Produktion den stärksten Start einer Serie in der Amazon-Geschichte hingelegt und auch die Bewertungen seien so gut wie nie.

Meine Fresse – konkrete Abrufzahlen nennt das Unternehmen zwar nicht, aber warum sollte ich das nicht glauben. Seit die Amis einen komplett durchgeknallten und eher schlechten Reality-TV-Darsteller als US-Präsident gewählt haben, wundere ich mich über gar nichts mehr. Höchstens, wann Trumps Lebensgeschichte endlich verfilmt wird, hier würde ich Sacha Baron Cohen für Drehbuch, Produktion und Hauptrolle vorschlagen.

Doch nun zu etwas ganz anderem:

Vor Jahrzehnten war es ja schon mal in, Fernsehserien über das Leben von Superreichen zu machen, ich sag nur Dallas oder der Denver-Clan – hab ich übrigens beides nicht gesehen, denn damals machte ich mir noch nichts aus Fernsehserien.

Offenbar hatte ich Besseres zu tun. Mittlerweile ist aber das Leben weniger aufregend, dafür es gibt bessere Serien. Etwa Billions, eine Serie des US-Senders Showtime, in der es um den erbitterten Kampf des ehrgeizigen Staatsanwalts Chuck Rhodes (Paul Giamatti) gegen den obszön reichen Hegefonds-Milliardärs Boot „Axe“ Axelrod (Damian Lewis) geht.

Billions: U.S. Attorney Chuck Rhoades (Paul Giamatti) gegen Bobby „Axe“ Axelrod (Damien Lewis)

Billions: U.S. Attorney Chuck Rhoades (Paul Giamatti) gegen Bobby „Axe“ Axelrod (Damien Lewis)

Interessant ist hier einmal mehr, dass beide Hauptfiguren sehr ambivalent sind: Axe kommt von ganz unten und hat sich mit seiner außergewöhnlichen Fähigkeit, schneller als jeder andere auf neue Situationen reagieren zu können, an der Wall Street nach ganz oben gearbeitet. Natürlich muss dabei auch mit harten Bandagen gekämpft werden und nicht alles, was er getan hat, um an sein sagenhaftes Vermögen zu kommen, war völlig legal – doch Axe ist ein Meister im Ausnutzen von Grauzonen. Und im Zweifelsfall hat er mittlerweile dermaßen viel Geld, dass er damit Probleme lösen kann, bevor sie ihm um die Ohren fliegen.

Genau das ist es, was Chuck Rhodes auf die Palme bringt: Er weiß, dass Axe auch mit illegalen Methoden Milliarden macht und er will, so behauptet er, Gerechtigkeit. Es ginge nicht an, dass man Kleinkriminelle wie Drogendealer jahrelang einsperrt und Typen wie Bobby Axelrod, nur weil sie einen Haufen Geld haben, davon kommen lässt, obwohl sie viel mehr Schaden anrichten. Die feine Ironie hierbei ist, dass Chuck aus einer alten, einflussreichen Familie kommt und niemals existenzielle Not gelitten hat – sein Vater ist unter den obersten Zehntausend bestens vernetzt, was Chuck auch immer wieder ausnutzt, obwohl das an seiner Eitelkeit kratzt, während Axe als Kind tatsächlich arm gewesen ist. Es ist ohne Vater aufgewachsen und er musste sich sein Taschengeld selbst verdienen. Auch seine Frau Lara (Malin Åkermann) kommt aus kleinen Verhältnissen, sie war Krankenschwester, ihre Brüder und Cousins sind Polizisten und Feuerwehrleute.

Und was Chuck noch mehr zu schaffen macht: Seine Frau Wendy (Maggie Siff), die promovierte Psychologin ist, arbeitet als Motivations-Trainerin für Axe Capital. Sie kannte Axe schon, bevor Chuck sie geheiratet hat und denkt nicht daran, ihren sehr gut bezahlten Job aufzugeben. Das ist natürlich ein Interessenkonflikt aus dem Bilderbuch – aber weil Chuck als Staatsanwalt nur einen Bruchteil von dem verdient, was Wendy nach Hause bringt, kann er seine Frau schlecht dazu animieren, sich einen anderen Job zu suchen: Wovon soll er denn das schöne Haus an der Uferpromenade in Brooklyn und die Privatschulen für die Kinder bezahlen? Chuck muss sich zähneknirschend damit abfinden, dass Wendy all das von dem Blutgeld finanziert, das er Axe gern abnehmen würde.

Insofern verwundert es auch nicht, dass sich Chuck für all das gern bestrafen lässt – privat liebt er es, Wendys Sex-Sklave zu sein. Genau das ist Wendys Talent: In ihrem Gegenüber die Schwachpunkte zu finden und dann die jeweils nötige Reaktion zu provozieren – bei ihr kann man Dampf ablassen oder sich den nötigen Kick holen. Auf diese Weise kitzelt sie bei Axe Capital immer die optimale Leistung aus den Leuten heraus. Deshalb bezahlt Axe ja auch so großzügig, er weiß, was er an Wendy hat.

Überhaupt ist Axe überaus großzügig, er schmeißt geradezu mit Spenden-Millionen um sich, schon um all jene zu demütigen, die ihn früher, als er noch ein Niemand war, schlecht behandelt haben. Etwa in dem er sich für einen Wahnsinnsbetrag die Namensrechte an der altehrwürdigen und dringend sarnierungsbedürftigen Konzerthalle kauft, nur sich an der Millionärsfamilie zu rächen, die ihn damals den bitter nötigen Ferienjob auf dem Golfplatz gekostet hat. Akribisch zieht Axe von der Summe die symbolischen 16 Dollar ab, die er damals als Caddie pro Runde verdient hat. Nur sind es nun 16 Millionen – und die Wichser haben keine Wahl, das nun deutlich unattraktivere Angebot anzunehmen, weil sie sonst ruiniert wären.

Natürlich kommt das nicht gut an – wie es allgemein nicht gut ankommt, wenn stinkreiche Leute mit ihrem Geld um sich schmeißen. Das provoziert Neid und Neiddebatten sind immer hässlich. Wobei ich persönlich finde, dass es viel zu wenig Neid und Neiddebatten auf der Welt gibt – wären die Leute tatsächlich so neidisch, wie immer wieder behauptet wird, wäre es gar nicht möglich, dass einige wenige Milliarden scheffeln, während Milliarden arme Schlucker es nicht mal schaffen, sich ein halbwegs erträgliches Leben zu erarbeiten. Wenn es tatsächlich stimmt, dass gerade mal acht Milliardäre so viel besitzen wie die Hälfte der Weltbevölkerung, heißt das doch eigentlich, dass man nur den richtigen acht Arschlöchern mal ordentlich auf die Fresse geben müsste, um das Leben der ärmeren Hälfte entscheidend zu verbessern.

Das passiert aber nicht, weil sich die allermeisten Leute damit abfinden, dass sie es nun mal nicht so gut getroffen haben, wie andere und sich in ihre beschissene Existenz fügen, weil man ihnen einredet, dass Geld fürs Glück nicht so wichtig sei. Was eine beschissene Lüge ist, weil Geld in dieser Welt nun mal die Grundlage für wirklich alles ist – ohne Geld kein Essen, keine Wohnung, keine Klamotten, kein Handy, kein Internet und genau besehen nicht mal genug saubere Luft zum Atmen. Aber die gängige Gehirnwäsche behauptet, es gehe im Leben um Selbstverwirklichung, denn mit der richtigen Einstellung kann man auch unter beschissensten Umständen glücklich werden. Klar, man kann durchaus lernen, mit wenig zufrieden zu sein. Aber gleichzeitig soll man ja auch Steuern zahlen und ein guter Konsument sein. Und nicht neidisch auf diejenigen, die ordentlich Kohle scheffeln, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. Zum Verrücktwerden ist das. Aber das ist gar nicht das Thema von Billions. Leider.

Billigen: Lara Axelrod (Malin Åkerman), Axe (Damian Lewis), Wendy Rhoades (Maggie Siff) und Chuck Roades (Paul Giamatti)

Billigen: Lara Axelrod (Malin Åkerman), Axe (Damian Lewis), Wendy Rhoades (Maggie Siff) und Chuck Roades (Paul Giamatti)

Das Thema von Billions ist die Ambivalenz seiner Protagonisten: Der gnadenlose Finanzprofi, der so genial und brillant ist, dass er zu recht als der Beste seines Fachs gilt und der nicht weniger knallharte Strafverfolger, der sich zwar einredet, dass er im Dienst der Allgemeinheit versucht, die kriminellen Geschäftsgebaren seines Gegenspielers zu unterbinden, aber dabei durchaus persönliche Ziele verfolgt und genau wie sein Gegner zunehmend auch auf illegale Methoden zurückgreift.

Und dann natürlich Wendy, die sich zwischen den Fronten bewegt, aber ihr Geld eben auch in jenem kriminellen Laden verdient. Einerseits ist bewundernswert, mit welcher Souveränität sie sowohl gegenüber Chuck als auch gegenüber Axe ihre Unabhängigkeit verteidigt, anderseits ist klar, was sie tut, wenn sie ihre Klienten fit für die tägliche Renditeschlacht macht und woher das Geld kommt, von dem auch ihr üppiges Gehalt bezahlt wird.

Wobei das moralische Dilemma hier noch auf einer anderen Ebene angesiedelt wird: Wendy und Chuck versuchen beide, loyal zu sein – aber sie verraten sowohl ihre Prinzipien, als auch sich gegenseitig. Wobei das nicht ganz korrekt ist, Wendy schafft die Gratwanderung, am Ende sowohl gegenüber ihrem Arbeitgeber Axe als auch ihrem Ehemann Chuck einigermaßen loyal zu bleiben, während Chuck Wendy hintergeht, um im Job sein Ziel zu erreichen – was natürlich grandios nach hinten losgeht.

Am Ende ist gerade der Verteidiger von Wahrheit und Gerechtigkeit das noch größere Arschloch. Und das will angesichts der vielen Arschlöcher, die in Billions auftauchen, wirklich etwas heißen. Auf jeden Fall ist das eine Serie, die es sich zu sehen lohnt. Bei You Are Wanted würde ich das noch immer nicht sagen, aber das können ja die Leute ansehen, denen Billions zu komplex ist.

Gar nicht mal so gut: You Are Wanted

Freitag kam mit You Are Wanted die erste deutsche Amazon-Serie heraus. Aber ich hatte wichtigeres zu tun, denn Depeche Mode stellten in Berlin ihr neues Album Spirits vor. Tolles Konzert, zumal ich schon immer mal das ehemalige DDR-Funkhaus in der Nalepastraße von Innen sehen wollte. Ganz großes Kino also, eine Kultband meiner Jugend an einem nicht weniger kultigen Ort in meiner Heimatstadt – besser geht es kaum.

Doch nun zurück zum kleinen Monitor: Inzwischen habe ich mir die sechs Teile von You Are Wanted aus Pflichtbewusstsein tatsächlich angesehen und muss konstatieren: Gar nicht mal so gut. Streckenweise sogar ziemlich schlecht. Und das, obwohl ich natürlich nichts erwartet hatte, was einer komplexen Hackerserie wie Mr. Robot ähnlich sein würde, obwohl Amazon mit Bosch, Hand of God oder Sneaky Pete ja auch schon wirklich gute Serien mit komplexer Handlung und interessanten Charakteren produziert hat.

You Are Wanted: Amazon

You Are Wanted: Amazon

Aber nichts davon ist in You Are Wanted zu finden – die Serie ist in jeder Hinsicht so himmelschreiend unterkomplex wie ein mittlerer Tatort, nur eben auf doppelt bis dreifache Länge gezogen. Nun muss ja nun wirklich nicht jeder Hack akribisch erklärt werden, wie das in Mr. Robot der Fall ist. Trotzdem fühle ich mich verarscht, wenn überhaupt nichts erklärt wird. Und das nicht nur in Sachen Computer, wo anfangs zumindest noch ein bisschen Social Engineering betrieben wird, um zu erklären, warum der eigentlich doch ziemlich smarte Hotelmanager Lukas Franke (Matthias Schweighöfer) die verhängnisvolle Nachricht auf seinem Smartphone akzeptiert, die ein angeblicher Hotelgast ihm sendet.

You Are Wanted: Der erfolgreiche Manager und Familienvater Lukas Franke (Matthias Schweighöfer)

You Are Wanted: Der erfolgreiche Manager und Familienvater Lukas Franke (Matthias Schweighöfer)

Warum aber mit dem Virus auf dem Smartphone plötzlich das ganze Leben des Lukas Franke auf den Kopf gestellt wird, weiß allein der Hacker – und der ist irritierender Weise schon tot, bevor die Serie so richtig anfängt. Das gibt dem Zuschauer dann immerhin ein Rätsel auf, das erst in den letzten beiden Teilen gelöst wird. Zwischendrin passiert dann aber gar nicht dermaßen viel, und das, was passiert, wird nicht besonders überzeugend erklärt.

Genau deshalb bleiben die Figuren auch so holzschnittartig, wie man das aus dem deutschen Fernsehen leider nur zu gut kennt, die interessanteste Figur ist die kettenrauchende Ermittlerin Sandra Jansen (Catrin Striebeck), die ihr tägliches Zigarettenpensum nur mit dem Einsatz von Asthmaspray schafft. Am Ende ist sie dann aber doch nicht so doof wie ihre Kollegen vom BND. Der offenbar von fast jedem ambitionierten Teenie-Hacker gehackt werden kann, was aber auch kein Wunder ist, wenn die Super-BND-IT-Experten hauptamtlich eigentlich Kinderspiele programmieren.

You Are Wanted: Jens Kaufmann (Aleksander Jovanovic)

You Are Wanted: Jens Kaufmann (Aleksander Jovanovic)

Dieser böse Marc Wessling (Tom Beck) ist auch wieder so eine typisch deutsche Fernsehfigur – ebenso unwahrscheinlich wie schlecht ausgedacht: Warum ist der Kerl zugleich der charmante Chef von Lukas erstaunlich naiver Ehefrau Hanna (Alexandra Maria Lara) und dann aber gleichzeitig der zwielichtige IT-Experte beim BND? Gibt es in ganz Deutschland nur einen einzigen ITler, so dass der dann auch noch als Experte für die Polizei abgestellt werden muss, weil die ja keine eigenen IT-Forensiker haben, um Hackern auf die Spur zu kommen?

Ist es denn dermaßen schwer, sich drei unterschiedliche ITler auszudenken, von denen einer Hannas Chef, einer der Finsterling vom BND und einer ein ehrlicher Ermittler sein kann, deren Wege sich im Zuge der Geschichte kreuzen? Das wäre dann wenigstens halbwegs realistisch. Klar, dann muss man sich drei Charaktere ausdenken und braucht auch drei Schauspieler, aber andererseits wäre die jeweilige Motivation viel leichter zu erklären. Denn warum Wessling tut, was er tut, wird nicht so richtig klar: Hat er jetzt nur so viel Stress, weil die bösen Amis (klar, am Ende steckt irgendwie die NSA dahinter, das weiß heute ja jeder) hinter ihm her sind und soviel Druck machen, dass er den NSA-Häuptling, der nach Berlin kommt, in die Luft jagen will – oder ist er am Ende nur eifersüchtig auf Lukas, weil er sich in Hanna verliebt hat – was übrigens auch eine brauchbare Motivation wäre, die ich sogar in Erwägung gezogen hätte: Wessling hängt Lukas eine Terror-Karriere an, um an seine Frau zu kommen. Aber klar, das wäre dann wieder zu einfach.

You Are Wanted: Anleihen von Mr. Robot

You Are Wanted: Anleihen von Mr. Robot

Wobei es sich die Drehbuchautoren an anderen Stellen erst recht viel zu einfach machen – etwa mit Lena Arandt (Karoline Herfurth), über die man letztlich auch enervierend wenig erfährt, außer, dass sie immer ohne Helm, dafür aber mit Sonnenbrille Motorrad fährt und zufällig immer zur Stelle ist, wenn Lukas dringend vor der Polizei gerettet werden muss. Warum hatten es der oder die Hacker ausgerechnet auf Lena abgesehen? Okay, weil sie Journalistin ist und irgendwas rausgefunden hat, und nun dazu benutzt werden soll, Lukas zu motivieren, zu tun, was der oder die Hacker von ihm wollen. Aus dieser Figur hätte man wirklich mehr machen können, aber sie bleibt dank des schlechten Drehbuchs genau das, was der Hacker aus ihr gemacht hat: Eine Marionette, die in sich zusammen sinkt, wenn keiner mehr an den Fäden zieht.

Ähnlich ist das bei Lukas Bruder Thomas (Jörg Pintsch), der wenig begeistert ist, als sein kleiner Bruder bei ihm auftaucht und ihn um Hilfe bittet – warum habe die beiden eigentlich ein so schwieriges Verhältnis? Klar, muss wohl so sein, weil Lukas erst so richtig fett in der Scheiße landen muss, damit sein Bruder ihm dann irgendwie doch noch hilft, weil sonst keiner mehr da ist, der helfen könnte. Und das fast mit seinem Leben bezahlt. Aber auch über ihn erfährt man letztlich nur das, was man unbedingt wissen muss, um zu kapieren, dass er offenbar tatsächlich irgendwie helfen kann.

You Are Wanted: Noch mehr Anleihen von Mr. Robot

You Are Wanted: Noch mehr Anleihen von Mr. Robot

Schlimmer ist es eigentlich noch bei Hanna – diese Figur besteht eigentlich nur aus gängigen Klischees über Ehefrauen, anfangs hält sie noch tapfer zu ihrem Ehemann, sie lässt sich dann aber schnell durch ein paar Tittenfotos auf dem Handy ihres Mannes irritieren. Wobei der Hacker dann doch noch etwas deutlicher werden muss – er schickt Lukas auf eine ziemlich undurchsichtige Mission nach Frankfurt, wo er auf Lena trifft und später festgenommen wird, so dass er die Einschulung seines Sohnes Leon verpasst. Was Hanna ihm ziemlich übel nimmt, insbesondere, weil stattdessen diese Julia (Katrin Bauernfeind) auftaucht.

Auch über Julia erfahren wir nur das allernötigste, auch sie wird offenbar auch erpresst, um die Beziehung von Lukas und Hanna zu erschüttern. Was ihr auch gelingt. Und, hier wird es kurzzeitig sogar interessant, Lukas und sie hatten offenbar tatsächlich mal eine flüchtige Affäre. Endlich eine Andeutung von Komplexität! Doch zu früh gefreut, Julia verschwindet wieder von der Bildfläche, ex und hopp, Zweck erfüllt.

You Are Wanted: Aber wir sind in Berlin

You Are Wanted: Aber wir sind in Berlin

Und so geht das im Grunde mit allen Figuren – auch der Kollege von der Jansen Thorsten Siebert (Edin Hasanovic) gefiel mir eigentlich ganz gut. Er war dann aber leider so doof, sich durch einen beschissenen Anfängerfehler ins Jenseits zu befördern. Auch über Jens Kaufmann (Aleksander Jovanovic), der die ganze Sache ins Rollen gebracht hat, hätte ich gern mehr gewusst, genau wie über das Hacker-Wunderkind Dalton (Louis Hofmann), das sich unter einem asiatischen Restaurant versteckt.

Über die sonstigen Hacker-Klischees, die in You Are Wanted bemüht werden, gar nicht zu reden – warum Lukas überhaupt Zutritt zu diesen doch eher exklusiven Zirkeln hat, wird überhaupt nicht erklärt, was aber auch wieder egal ist, weil es ohnehin nur aus der Form geratene Zombies sind, die in ihrer mit elektronischen Artefakten aller Art dekorierten Höhle vor den Bildschirmen sitzen und zocken statt coden. Und entsprechend wenig Interesse haben, Lukas zu helfen. Was wiederum total verständlich ist. Denn warum in aller Welt sollten die so einem bürgerlichen Manager-Arsch helfen  wollen?!

You Are Wanted: Leon, Lukas und Hanna

You Are Wanted: Leon, Lukas und Hanna

Andere Menschen haben auch Probleme – aber davon handelt diese Serie überhaupt nicht und das ist vielleicht die größte Schwäche der ganzen Sache: Der Protagonist ist ein Bilderbuch-Erfolgsmensch, dem übel mitgespielt wird. Ja und?! Lukas Franke wird aus seinem Luxusbüro mit Superaussicht über Berlin City-West herausgerissen, weil er vor Jahren mal Zivi in einer Klapsmühle war und dort auf eben jenen Jens Kaufmann traf, mit dem er sich – warum auch immer – irgendwie verstanden hat. Und Jens Kaufmann war irgendwie verrückt, jedenfalls verrückt genug, um als Verschwörungstheoretiker abgetan zu werden, dabei war er als begabter Hacker einer ganz, ganz großen Sache auf der Spur.

Von der wir seit spätestens seit Wikileaks, Chelsea Mannings und Edward Snowden wissen, dass sie existiert: Wir werden alle ständig überwacht und in der digitalen Welt können begabte und findige Leute Dinge tun, die einem ganz normalen Menschen das Leben zur Hölle machen. Um zu verhindern, dass diese ganz, ganz große, ganz, ganz üble Sache ans Licht kommt, wird nun eben Lukas Franke das Leben zur Hölle gemacht – weil er, aus noch immer nicht wirklich nachvollziehbaren Gründen, der einzige war, dem Kaufmann noch getraut hat. Denn er wusste, dass seine Tag gezählt sind und er irgendwem vertrauen muss, wenn nicht alles vergebens gewesen sein soll. Und ob Lukas es noch geschafft hat, das von Kaufmann zusammengetragene Wissen an Wikileaks zu schicken, oder ob die NSA schneller war, wissen wir nicht. Was vielleicht das Beste an dieser Serie ist.

You Are Wanted: Sandra Jansen (Catrin Striebeck)

You Are Wanted: Sandra Jansen (Catrin Striebeck)

Wobei ich hier zugeben muss, dass es in You Are Wanted schon eine Reihe netter Ansätze gibt – etwa Dilara Dogan (Lorna Ishema), eine sehr begabte Ermittlerin bei der Polizei, die sich aufgrund ihrer  Hautfarbe in Deutschland schlecht als verdeckte Ermittlerin eignet, aber sonst total auf Zack ist. Und ich mochte auch die französische Freundin (Lucie Aron) von Hanna. Aber was nützt ein interessantes Detail, wenn die Geschichte nicht gut ist?

Nee ganz ehrlich: Davon brauchen wir nicht noch mehr. Wobei You Are Wanted visuell schon ganz okay war – doch schöne Bilder sind nicht alles. Und obwohl ich seit 26 Jahren in Berlin lebe, freue ich mich noch immer zu sehen, wie viele coole Locations wir hier doch haben. Als Image-Film für Berlin ist diese Serie nicht schlecht. Aber als Werbung für Serien made in Germany taugt sie nicht. Da sollte Schweighöfer doch noch mal Rainer Werner Fassbinder oder Edgar Reitz studieren – oder bei Gideon Raff oder Sam Esmail anfragen, was heutzutage eine gute Geschichte ausmacht. Jedenfalls sehe ich mir lieber noch hundertmal den ersten Teil von Mr. Robot an, bevor ich darüber nachdenke, You Are Wanted eine zweite Chance zu geben.

You Are Wanted: Lena (Karoline Herfurth)

You Are Wanted: Lena (Karoline Herfurth)