Deutschland 83 – ein Zwischenbericht

Von Deutschland 83 habe ich mittlerweile den 5. Teil Cold Fire gesehen – und die Dinge spitzen sich weiter zu. Martin musste bereits in Northern Wedding seine erste Leiche im Wald begraben – und auch wenn er die NATO-Sekretärin Linda nicht selbst umgebracht hat, so hat er sie doch, genau wie ihm aufgetragen wurde, in seine Mission verwickelt. Als Linda dann entdeckt hat, dass ihr Geliebter ostdeutscher Spion ist, blieb gar keine andere Wahl – Genosse Tischbier, der in Bonn eine Tarnidentität als Politikprofessor hat, musste Martin vor der Enttarnung retten, in dem er Linda überfuhr.

Screenshot  Deutschland 83

Screenshot Deutschland 83

Screenshot  Deutschland 83

Screenshot Deutschland 83

Martin hat jetzt eigentlich die Schnauze voll – aber so wie sich die Dinge entwickeln, bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als weiterhin zu funktionieren, obwohl er eigentlich nur noch aussteigen will. Seine kranke Mutter ist kollabiert, und Martin ist der einzige infrage kommende Spender für die Niere, die Ingrid gend drinbraucht. Also muss er schleunigst nach Ostberlin geschmuggelt werden.

Screenshot  Deutschland 83

Screenshot Deutschland 83

Natürlich sind die Ossis pragmatisch und geben ihm auch noch eine Tasche mit wichtigen Utensilien mit, die er unterwegs übergeben soll: Guten Bohnenkaffee für die Chefs ganz oben und zwei rote Dosen mit entkoffeiniertem Kaffee. „Wie – Kaffee ohne Kaffee?“ fragt Martin – „Genau, damit man gut schlafen kann!“

Screenshot  Deutschland 83

Screenshot Deutschland 83

Es liegt auf der Hand, dass es sich nicht um Kaffee handeln kann – nachdem Martin die Dosen wie angewiesen in Westberlin am Ku’damm übergeben hat, gibt es eine gewaltige Detonation: Der Anschlag auf das Kulturinstitut Maison de France, der Westberlin am 25. August 1983 erschütterte. Geplant von dem deutschen Terroristen Johannes Weinrich, der als rechte Hand des legendären Terroristen Carlos der Schakal galt. Auf das Konto des venezolanischen Terroristen Ilich Ramírez Sánchez gehen zahlreiche weitere Anschläge, die insgesamt mehr als 20 Todesopfer forderten.

Screenshot  Deutschland 83

Screenshot Deutschland 83

Screenshot  Deutschland 83

Screenshot Deutschland 83

Aber das weiß Martin jetzt alles nicht, er sieht nur, wie Verletzte um Hilfe rufen und ist entsprechend entsetzt. Er erkennt den Mann wieder, dem er die roten Dosen übergeben hat und verfolgt den Attentäter – hier gibt es eine sehr schön gefilmte Hatz durch die Berliner U-Bahn. In einem Tunnel auf einem Nebengleis stellt er ihn schließlich. Bei der folgenden Prügelei muss Martin ziemlich was einstecken, aber er schafft es, seinen Gegner zu überwältigen. Und er geht noch einen entscheidenden Schritt weiter: Er lässt den ohnmächtigen Verletzten auf den U-Bahn-Gleisen liegen.

Screenshot  Deutschland 83

Screenshot Deutschland 83

So richtig gut in den Kram passt den ostdeutschen Genossen dieser Anschlag allerdings nicht – was, wenn die Amerikaner das als Kriegserklärung auffassen, falls eine Beteiligung der Stasi an dem Anschlag nachgewiesen werden kann? Sie versuchen sich gegenseitig zu beruhigen – die armenische Terrorgruppe Asala stecke dahinter, und wenn die Amis jetzt unruhig würden, machten sie vielleicht Fehler, was wiederum gut für die Aufklärung sei – denn die Amerikaner planen einen Angriff, soviel sei klar. Jetzt gelte es herauszufinden, wann.

Screenshot  Deutschland 83

Screenshot Deutschland 83

Aber auch Alex Edel, der Sohn des Generals, macht eine interessante Entwicklung durch – zum einen outet er sich als schwul und verbringt eine Nacht mit Tischbier, zum anderen lässt er sich von Tischbier politisch agitieren. Aber während Tischbier ihm empfiehlt, dass er auf seinem Posten bei der Bundeswehr zurückkehren soll, um das System von innen zu verändern, haut Alex lieber ab und taucht in der Sanyassin-Kommune seiner Schwester unter. Hier eckt er allerdings gleich wieder an, weil er das ganze Liebe-ist-der-Schlüssel-Geschwafel nicht ertragen kann.

Screenshot  Deutschland 83

Screenshot Deutschland 83


„Hass ist ein viel stärkeres Gefühl!“ schleudert er den anderen entgegen und erklärt, dass man nichts erreichen könne, wenn man nicht bereit sei, für sein Ziele zu kämpfen – am Ende der Folge sehen wir, dass er sich in der Botschaft der DDR bereit erklärt, künftig für die andere Seite zu arbeiten – hiermit sind also interessante Konflikte für die verbleibenden Teile vorprogrammiert. Bislang kann Deutschland 83 also einlösen, was ich mir nach den ersten beiden Teilen davon versprochen habe.

Screenshot  Deutschland 83

Screenshot Deutschland 83

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Das Spiel mit dem, was sein könnte

Es tut mir ja leid, dass mein Blog derzeit etwas monothematisch und somit eher ein Mr-Robot-Promo-Blog ist, aber das liegt vor allem daran, dass ich erstens momentan gar nicht so viel Zeit zum Seriensehen und -kritisieren habe. Zum anderen ist es natürlich schon so, dass es derzeit außer Mr. Robot auch nichts gibt, was mich wirklich vom Hocker reißt. Zu True Detective muss ich wohl gelegentlich etwas Prinzipielles schreiben, aber diese zweite Staffel zündet bei mir einfach nicht: Auch der vierte Teil war wieder nicht schlecht, aber eben auch nicht so hypnotisch-genial wie die erste Staffel. Obwohl, jetzt wo ich darüber nachdenke, Deutschland 83 gibt es natürlich auch noch.

Elliot (Rami Malek)  und die versprochen letzte, allerletzte Line Morphi

Elliot (Rami Malek) und die versprochen letzte, allerletzte Line Morphin

Doch jetzt erstmal das Wichtigste: Auch in dieser Woche war das lange öde Warten irgendwann endlich vorbei und es gab eine neue neue Folge von meiner neuen Lieblingsserie. Und eps_1.3 da3m0ns.mp4.mp4 war wieder ganz besonders gut. Sie beginnt damit, dass Elliot sich eine letzte, versprochen, allerletzte Line Morphin reinzieht. Schließlich hat er seine Gründe dafür: „Ich habe eine klinische Depression, Sozialphobie, einen Tagjob, einen Nachtjob – und verwirrende Beziehungen. Und ich habe mir das alles so ausgesucht.“

Der arme Kerl hat es nun wirklich nicht leicht – aber er kämpft.

Elliot will über einen Rasberry Pi Steel Moutain hackenElliot will über einen Rasberry Pi Steel Moutain hackenElliot will über einen Rasberry Pi Steel Moutain hackenElliot will über einen Rasberry Pi Steel Moutain hacken

Elliot will über einen Raspberry Pi Steel Moutain hacken

Und dann erklärt er seinen Mitstreitern von der fsociety seinen Plan: Anstatt die Gas-Anlage in der Nähe des Rechenzentrums in Steel Mountain zu sprengen, will Elliot die Klima-Anlage hacken und eine Überhitzung herbeiführen, die sämtliche Datenträger zerstört. Die anderen sind skeptisch, aber die Zeit wird knapp: Aus Sicherheitsgründen will Evil Corps seine Backup-Daten in den nächsten Tagen auf fünf hochsichere Rechenzentren verteilen – völlig ausgeschlossen, sie alle gleichzeitig zu hacken.

Der Steel-Mountain-Hack muss also in den kommenden zwei Tagen statt finden – danach wird eine komplette Zerstörung der Evil-Corp-Daten unmöglich. Insofern sehen alle ein, dass dringender Handlungsbedarf besteht. Elliot schlägt vor, einen Rasberry Pi in der Anlage zu installieren, über den fsociety Zugriff auf das nicht so gut geschützte Netzwerk für die Steuerung der Klimaanlage bekommen könnte. Doch wie bekommt man den Minicomputer in eine solche Festung wie Steel Mountain?

Darlene (Carly Chairkin)  und Trenton (Sunita Mani) von fsociety

Darlene (Carly Chairkin) und Trenton (Sunita Mani) von fsociety

Elliot meint, dass er selbst sich dort einschmuggeln könnte. Jetzt sind die anderen erst echt skeptisch – dass Elliot nicht gerade in Hochform ist, ist ihm deutlich anzusehen. „Ich erkenne einen Junkie, wenn ich einen sehe!“ erklärt Romero, der eigentlich fürs Social Engineering zuständige Hacker. Doch Mr. Robot gibt Elliot freie Hand: Er hat Elliot als zentralen Bestandteil des Plans, Evil Corp zu zerstören, in die fsociety eingeführt, also soll Elliot bestimmen, wie er ausgeführt wird.

Romero (Ron C. Jones) ist von Elliots Plan nicht überzeugt

Romero (Ron C. Jones) ist von Elliots Plan nicht überzeugt

Aber Elliot ist derzeit gar nicht in der Lage dazu, er wird von seine Dämonen verfolgt und gequält. Spätestens jetzt wird klar, wie sehr seine Sucht ihn schon im Griff hat – eps_1.3 da3m0ns.mp4.mp4 ist zu weiten Teilen ein surrealer Drogentrip, was ich ganz großartig finde. Elliot, der seine innere Welt bisher so sorgfältig gegen die äußere Welt abgeschirmt und immer Kontrolle über alles gehabt hat, verliert im entscheidenden Moment die Kontrolle über sich selbst: Er ist einfach nur noch ein zitterndes, schwitzendes Wrack, dem die ganze Zeit schreckliche Dinge zustoßen. Schon ärgerlich, dass er den einzigen Dealer, der sein Entzugsmittel Suboxone dealt, hinter Gitter gebracht hat. Elliot ist jetzt wirklich am Arsch.

Elliot (Rami Malek) wird mit allen seinen Dämonen konfrontiert.

Elliot (Rami Malek) wird mit seinen Dämonen konfrontiert.

Er leidet unter schrecklichen Halluzinationen, sein Fisch QWERTY erklärt ihm, wie beschissen sein kleiner Weltausschnitt in Elliots Zimmer doch ist – später darauf liegt er gebraten in einem Nobelrestaurant auf dem Teller und Angela erklärt, dass er ganz delikat schmecke – Angela erlebt, wie wir wissen derzeit ja einen ganz realen Höllentrip, doch dazu später. Denn Elliots Halluzinationen nehmen einen großen Teil der vierten Folge ein – aber sie sind nur auf den ersten Blick verwirrend, sondern insgesamt sehr assoziativ und aufschlussreich – ganz große Literatur, wenn es denn ein Roman wäre.

Elliot auf Entzug - das Haus seiner Eltern existiert nicht

Elliot auf Entzug – das Haus seiner Eltern existiert nicht

Bezeichnend auch, dass er auf der Suche nach seinem Elternhaus nur eine grasbewachsene Baulücke findet und einen Zettel, der an einen Mast gepinnt ist: 404-Fehler. Auch im wörtlichen Sinne hat Elliot einige Schlüsselerlebnisse – ein kleiner Schlüssel taucht in seinen Traumbildern immer wieder auf, er bekommt ihn, bevor er seine fsociety-Maske aufsetzt. Dann wird ihm ein Stück Rasberry Pie – Pop’s famous Raspberry Pie – ein Gruß von seinem verstorbenen Vater – serviert. Elliot probiert ein Stück, er hat plötzlich wieder diesen Schlüssel im Mund, spukt ihn aus und schaut ihn an – Angela fällt ihm um den Hals und sagt ja, als ob er um ihre Hand angehalten hätte. Sie sagt ihm später, als sie sich in Hochzeitsklamotten in der fsociety-Spielhalle wieder sehen, aber auch, dass sie nur gesagt hätte, was sie Leute von ihr hören wollten. Und dass sie nicht daran glaubt, das er die Welt verändern würde. Er sei ja erst vor einem Monat auf die Welt gekommen.

Mr Robot - ohne Worte

Mr Robot – ohne Worte

Dann gibt sie ihm den Schlüssel zurück und sagt, dass er nicht passt. Also Elliot verwirrt fragt, warum das so sei, erklärt Angela, dass das doch offensichtlich ist: Er sei gar nicht Elliot. Dafür ist aber das Nobelrestaurant, wenn man genau hinsieht, eigentlich das Büro von Allsafe, mit seinen Arbeitsplätzen und dem Serverschrank, in dem die Server im Hintergrund vor sich hin blinken.

Elliot wacht in der Dunkelheit auf und glaubt, dass er ganz allein sei, aber Mr. Robot versichert ihm, dass er bei ihm bleiben wird, sie gingen zusammen durch das alles bis zum Ende. Und jetzt frage ich mich plötzlich, ob Mr. Robot überhaupt real ist…

Elliot bekommt die Lieblingsspeise seines Vaters - Raspberry Pie

Elliot bekommt die Lieblingsspeise seines Vaters – Raspberry Pie

Während Elliot sich in irgendeinem Hotelzimmer durch den Entzug leidet und wir eine ganze Menge über seine verstörende innere Welt erfahren, ohne dabei unterscheiden zu können, was real ist und was nicht, versucht Angela verzweifelt, ihn zu finden. Sie bzw. ihr Freund Ollie werden von unbekannten Hackern gezwungen, das System von Allsafe mit eben jener CD zu infizieren, die auch schon ihren Computer zuhause verseucht hat – ansonsten drohen die Unbekannten, sämtliche persönliche Daten inklusive Konto- und Kreditkartendaten der beiden an den Höchstbietenden zu verkaufen. Aber weil Angela genauso wie Elliot jetzt weiß, dass Evil Corp von der Gesundheitsgefährdung, der ihre Eltern ausgesetzt gewesen sind, gewusst und also ihre Erkrankung und ihren Tod bewusst in Kauf genommen hat, setzen ihre Skrupel aus.

Schlüsselerlebnisse mit Angela (Portia Doubleday)

Schlüsselerlebnisse mit Angela (Portia Doubleday)

Zudem Angela auf ihrer Suche statt Elliot nur Shayla angetroffen und die Angela erstmal zur Beruhigung eine ihrer guten Pillen gegeben hat. Am Ende einer mit Shayla durchgefeierten Nacht geht Angela in die Firma und installiert den Trojaner in System von Allsafe. Dabei beweist sie echte badass-Qualitäten: Angela benutzt dafür nämlich nicht ihre, sondern Ollies Dienstausweis. Den sie schon am Morgen eingesteckt haben muss – offensichtlich hatte sie die ganze Zeit schon vor, zu tun, was die unbekannten Erpresser verlangen.

Wie sich inzwischen auch durch eine andere Sequenz, in der die beiden fsociety-Hackerinnnen Darlene und Trenton auf der Suche nach Darlenes Dark-Army-Kontakt sind, heraus gestellt hat, ist Darlenes (Ex-?)Freund Cisco nicht nur ihr Mann bei der Dark Army, sondern niemand anders der nervige Straßenmusiker, der Angela und Ollie die CD mit dem Trojaner aufgeschwatzt hat. Damit ist Angela also längst ein Teil des Plans – und es drängt sich die Frage auf, ob das am Ende nicht von Anfang an so gewesen ist: War sie es nicht, die Elliot einen Job bei Allsafe verschafft hat..?

Angela sucht Elliot und findet Shayla (Frankie Shaw)

Angela sucht Elliot und findet Shayla (Frankie Shaw)

Man kann natürlich auch unzufrieden sein, dass die eigentliche Handlung – der große Steel-Mountain-Hack – in dieser Folge kaum vorangetrieben wurde. Aber das macht meiner Ansicht nach ja gerade den Unterschied zwischen Mr. Robot und so vielen anderen Serien aus, in denen jede Menge Action abgespult wird, um immer noch einen drauf zu setzen. Diese andere Erzählweise ist gerade das, was mir so gut gefällt: Sind die Dinge wirklich so, wie Elliot sie sieht?

Angela (Portia Doubleday) und Shaykla (Frankie Shaw) kommen sich näher

Angela (Portia Doubleday) und Shaykla (Frankie Shaw) kommen sich näher

Einerseits ist er nun wirklich ein Superchecker, der viel über die Welt und die Menschen weiß, und damit tatsächlich vielen überlegen ist. Aber andererseits ist er ein depressiver Junkie, der furchtbar an der Welt und am Leben leidet, und sich deshalb ständig mit seinen Drogen betäuben muss. Was ich durchaus verstehen kann – es ist unglaublich schwer auszuhalten, dass alles in dieser Welt so schlecht eingerichtet ist und irgendwie keinen Sinn hat. Die Frage ist, was man bzw. Mr. Robot am Ende draus macht. Welchen Sinn wird Elliots Leiden in dieser Episode am Ende haben? Es bleibt mir ja jetzt wieder eine Woche Zeit, um darüber nachzudenken…

Angela ist Teil des Plans...

Angela ist Teil des Plans…

Deutschland 83: DDR-Held erobert die USA

Deutsche Serien – das ist ein schwieriges, in der Regel frustrierendes Thema, wenn man sich an richtig gute internationale Serienkost gewöhnt hat. Und aktuelle deutsche Serien über deutsche Geschichte – deutsch-deutsche noch dazu – ist quasi hoffnungslos: Mehrteiler wie Weissensee oder Tannbach mögen vielleicht als noch Spitzenprodukte des schlechten Geschmacks in die deutsch-deutsche Serien-Geschichte eingehen, werden ansonsten aber hoffentlich schnell vergessen.

Entsprechend erstaunt war ich also, als ich hörte, das die ersten beiden Teile der deutsch-deutschen Serie Deutschland 83 mit erstaunlich positiver internationaler Resonanz auf der Berlinale gelaufen sind und derzeit in den USA im Original mit englischen Untertiteln gezeigt werden – zwar nur auf dem Spartensender Sundance, der zu AMC gehört – aber eben AMC, genau, das sind die, die Mad Men gemacht haben, Breaking Bad und Better Call Saul. Also Experten für richtig gute, innovative Serien.

Also wurde ich neugierig und habe jetzt doch in Deutschland 83 reingesehen. Ja, und obwohl die Serie in Deutschland demnächst auf RTL gezeigt werden soll, ist sie eben keine dieser typischen RTL-Serien. Sondern erstaunlich gut. Aber warum sollte RTL seinem Publikum nicht auch ab und zu zwischen Castingsshows und Kakerlaken etwas richtig Gutes bieten, verdient haben die Zuschauer das allemal. Abzuwarten bleibt, wie sie Deutschland 83 dann tatsächlich finden.

Screenshot Deutschland 83 - Martin (Jonas Nay): Telefonieren in der Vor-Handy-Ära  via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 – Martin (Jonas Nay) Spionage ist ein gefährliches Geschäft via sundance.tv

Man kann natürlich auch auf Sat1 The Americans anschauen, dass ist auch eine 80er-Jahre-Retro-Spionage-Serie, die gar nicht schlecht, aber meiner Ansicht nach leider auch nicht so richtig gut ist: Das Politische an sich spielt in The Americans eine erstaunlich geringe Rolle, dabei könnte man auch am Kapitalismus und am Gesellschaftssystem in den USA nun wirklich einiges kritisieren. Das tun die russischen Top-Spione aber erstaunlicherweise so gut wie gar nicht – sie ziehen zwar mit vollem Einsatz ihren Mission durch, als Motivation werden aber nur irgendwelche Klischees angedeutet, was mir die Serie schon verleidet, obwohl sie gut gemacht ist.

Aber nach dem, was ich gesehen habe, ist Deutschland 83 in diesem Punkt besser – für mich persönlich, die 1983 als Teenie in der Mittelstufe erlebt und durchlitten hat, ist Deutschland 83 emotional natürlich auch viel näher: Der Stern publizierte im Jahr 83 die Hitler-Tagebücher, die sich später als dreiste Fälschung entpuppten, die rätselhafte Seuche AIDS tauchte in Titelgeschichten auf und Friedensbewegung konnte Millionen Menschen mobilisieren, die gegen die Nachrüstung im Zuge des Nato-Doppelbeschlusses von 1979 demonstrierten.

Screenshot Deutschland 83 - Martin (Jonas Nay) und Annett (Sonja Gerhardt) via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 – Martin (Jonas Nay) und Annett (Sonja Gerhardt)
via sundance.tv

Ich erkenne so ziemlich jede Einblendung echter Nachrichten-Sendungen in der Serie wieder – damals gab es ja ohnehin nicht mehr als drei Fernsehprogramme, heute und Tagesschau waren Pflicht, darüber redete man am nächsten Tag in der Frühstückspause.

Aber es ist nicht nur meine persönliche Erinnerung an jene Zeit, die mit dieser Serie wieder herauf beschworen wird – das war ja auch keine schöne Zeit: Es war die Hochzeit des kalten Kriegs und wir hatten damals völlig zu recht Angst, dass es jederzeit mit uns vorbei sein konnte: Die Supermächte USA und UdSSR richteten die Sprengköpfe ihrer Mittelstreckenraketen ja eben auf deutsche Ziele aus – wäre der kalte Krieg heiß geworden, wäre Deutschland das atomare Schlachtfeld gewesen. Hier wäre kein Stein auf dem anderen geblieben und vermutlich nicht nur Europa auf lange Zeit unbewohnbar. Einer der Hits von 1983 war Two Minute Warning von Depeche Mode – zwei Minuten Vorwarnzeit, bevor das atomare Inferno unser aller Leben auslöscht. Das traf das Lebensgefühl vieler. Wir kritzelten No Future auf unsere Jeansjacken – und wir wussten warum.

Screenshot Deutschland 83 - Martin (Jonas Nay) und Annett (Sonja Gerhardt) via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 – Martin (Jonas Nay) und Lenora (Maria Schrader)
via sundance.tv

Aber Deutschland 83 beschwört eben nicht nur diese Weltuntergangsstimmung, sondern ist streckenweise sogar ziemlich witzig. Martin Rauch (Jonas Nay) ist eben nicht der top ausgebildete Superspion, sondern eher eine Verlegenheitslösung: Weil sich gerade eine günstige Gelegenheit ergibt, wird er als MfS-Spion in den Westen einschleust – worauf er eigentlich gar keine Lust hat. Er will nicht in den Westen. Er will zuhause bleiben, bei seiner kranken Mutter und seiner schönen blonden Freundin Annett (Sonja Gerhardt).

Martin ist NVA-Soldat und guter Sozialist, der westdeutschen Studenten an der Grenze die billig im Osten eingekauften Bücher abnimmt, weil sie ihr Geld nicht zum vorschriftsmäßigen Kurs umgetauscht haben: Wer gegen die Gesetze der DDR verstößt, schadet dem Sozialismus. Aber als die Studenten auf die Frage, wer am Ende gewinnen wird – die Kapitalisten, die nur an sich selbst denken, oder die Sozialisten, die an einem Strang ziehen, damit es allen Menschen besser geht, die richtige Antwort geben, lässt Martin die Wessis laufen. „Aber der Shakespeare bleibt hier! Den Marx könnt ihr mitnehmen, da lernt ihr vielleicht noch was!“

Screenshot Deutschland 83 Alex Edel (Ludwig Trepte) und Martin/Moritz (Jonas Nay)  via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 Alex Edel (Ludwig Trepte) und Martin/Moritz (Jonas Nay) via sundance.tv

Natürlich wird auch bei Deutschland 83 tief in die Klischee-Kiste gegriffen. Aber es trifft in diesem Fall eben nicht nur die DDR, sondern auch die Wests und ihre Verbündeten. Natürlich sind die Zonis skrupellos und gemein, insbesondere die Stasi-Kader Lenora Rauch (grandios: Maria Schrader) und Walter Schweppenstette (Sylvester Groth), die den jungen Martin brutal ins kalte Wasser werfen – nicht ohne ihm vorher die Finger zu brechen, weil das ist einzige Detail, das nicht mit dem Profil des jungen Wessie-Offiziers Moritz Stamm übereinstimmt, als der Martin in die Bundeswehr eingeschleust wird: Er kann nicht Klavier spielen.

Screenshot Deutschland 83 – Martin (Jonas Nay): Telefonieren in der Vor-Handy-Ära via sundance.tv

Er kann auch sonst einiges nicht, aber er bemüht sich – und es gibt immer ein paar echte Stasi-Topagenten in seiner Nähe, die aufpassen, dass er nicht allzu viel falsch macht. Und wenn doch etwas schiefläuft, Schadensbegrenzung betreiben. Natürlich tauchen reichlich Probleme auf – so befinden sich die geheimen NATO-Unterlagen, die Martin aus dem Safe von General Jackson klaut, nicht in einem herkömlichen Ordner, dessen Inhalt Martin wie inzwischen geübt heimlich abfotografieren könnte, sondern auf so einem viereckigen Plaste-Dings, einem, wie heißt das doch gleich? Floppy-Disk. Es für muss also erstmal ein IBM-Rechner beschafft werden, damit die Kollegen in der Analyse das Teil überhaupt lesen und auswerten können. Auch für die Stasi keine triviale Aufgabe.

Screenshot Deutschland 83 - das Floppy-Problem Schweppenstette (Sylvester Groth, Mitte) und Lenora (Maria Schrader) via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 – das Floppy-Problem Schweppenstette (Sylvester Groth, Mitte) und Lenora (Maria Schrader)
via sundance.tv

Und dann hat General Wolfgang Edel (Ulrich Noethen) eine Sohn, der zwar die für ihn vorgesehene Pflichtkarriere als Offizier durchzieht, sich aber eigentlich zur Friedensbewegung gezogen fühlt. Alex Edel nervt es, dass dieser Moritz Stamm sich genauso anhört wie sein Vater. Moritz ist eindeutig der bessere Soldat – aber wenn Alex wüsste, warum! Denn wenn es darum geht, die Welt, oder doch zumindest die DDR zu retten, wächst Martin immer wieder über sich hinaus und schafft Dinge, die er sich selbst zuvor kaum zugetraut hätte.

Bisher sind drei der insgesamt acht Teile gelaufen, die große Lust darauf machen, weiter zu sehen, auch wenn ich von Deutschland 83 nicht so hin und weg gerissen bin wie von Mr. Robot. Aber mal sehen, was die kommenden Teile jeweils bringen – UFA Fiction hat hier jedenfalls eine erstaunlich moderne und clever konstruierte Serie abgeliefert – genau das, was ich sonst im deutschen Fernsehen so vermisse.

Screenshot Deutschland 83 Auch die Generäle Jackson (Errol T. Harewood ) und Edel (Ulrich Noethen) haben in Brüssel eine eigene Agenda...  via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 Auch die Generäle Jackson (Errol T. Harewood ) und Edel (Ulrich Noethen) haben in Brüssel eine eigene Agenda… via sundance.tv

Halt and Catch Fire – Goldrausch in Texas

Gemessen daran, wie sehr die Computerisierung samt der dann folgenden Vernetzung der plötzlich überall vorhandenen Computer die Arbeitswelt, die Gesellschaft und das Leben der Menschen verändert hat, gibt es erstaunlich wenig Filme und Serien, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Allmächtige Computer, die im Laufe der Zeit ein für die Menschen in ihrer Umgebung gefährliches Eigenleben entwickeln, kennt man vor allem aus Science-Fiction-Klassikern der 1960er und 70er Jahre, etwa HAL 9000 aus 2001 – Odyssee im Weltraum (1968). Oder die intelligente Bombe aus Dark Star (1974), die von den zuvor extrem gelangweilten Astronauten mit Gesprächen über philosophische Spitzfindigkeiten daran gehindert werden muss, das ganze Schiff zu sprengen. Was am Ende nicht gelingt. Und Matrix (1999) soll ja irgendwie auch etwas mit Computern zu tun haben – schließlich findet der ganze Film in der Matrix statt, die von einem Großrechner erzeugt wird, der die ganze Menschheit versklavt hat.

Screenshot Halt and Catch Fire - USA 2014

Screenshot Halt and Catch Fire – USA 2014

Okay, dann es gibt noch ein paar Filme, in denen Hacker eine Rolle spielen, etwa in War Games (1983), wo ein Schüler aus Versehen fast den dritten Weltkrieg auslöst – was der Computer am Ende zu Glück verhindern kann, in dem er das atomare Kriegsspiel abschaltet. Dann gibt es Das Netz (1995), in dem Sandra Bullock den Nerd gibt, ständig auf der Suche nach einer Möglichkeit, in dieses Internet zu kommen, mit dem man schreckliche Dinge anstellen kann. (By the way: Ich fand Sandra Bullock auch in Gravity sehr gut. Wobei ich mir noch nicht sicher bin, was ich von Gravity halte. Das ist nämlich kein Nerdfilm im eigentlichen Sinne). Oder 23 – nichts ist wie es scheint (1998) über den Hannoveraner Hacker Karl Koch, der nach der Lektüre des Buches Illuminatus! (von Robert Shea und Robert Anton Wilson) so paranoid wird, wie andere, die dieses Buch gelesen haben, auch – nur dass Karl sich nicht nur für Literatur, sondern auch für Computer interessiert und sich schon im Internet herumtreibt, als das noch aus Mailboxen besteht, die mit dem Akkustik-Koppler angesteuert werden. Nachdem er entdeckt, die Großrechner von Unternehmen und Atomkraftwerken kaum geschützt werden, nimmt die Sache einen verhängnisvollen Verlauf. Karl verschwindet am 23.5.1989, seine verkohlte Leiche wird wenig später gefunden. 23 ist also quasi ein Dokudrama, auch wenn einiges im wahren Leben vielleicht doch etwas anders gewesen ist.

Screenshot Halt and Catch Fire - Gordon Clark (Scoot MacNairy), gescheiterter Computer-Pionier

Screenshot Halt and Catch Fire – Gordon Clark (Scoot MacNairy), gescheiterter Computer-Pionier

Ähnlich verhält es sich auch mit der von AMC produzierten Serie Halt and Catch Fire, die im vergangenen Sommer auf AMC zu sehen war, in Deutschland ist sie seit März auf Amazon Instant Video verfügbar. Eine zweite Staffel soll ab dem 31. Mai auf AMC laufen. Halt and Catch Fire handelt von den Anfängen des Computer-Booms durch die zunehmende Verbreitung von PCs – jene Kisten, die von den etablierten Herstellern von Großrechnern lange Zeit nicht für voll genommen wurden, weil sie sich nicht vorstellen konnten, wozu die Menschen sich Personal Computer auf ihre Schreibtische und dann auch noch in ihre Wohnungen stellen sollten. Ehrlich gesagt hätte ich das auch nicht gewusst, aber die Generation Smartphone hat mit der Frage „Wie seid ihr eigentlich damals, als es noch keine Smartphones gab, ins Internet gekommen?“ zumindest eine der möglichen Antworten gefunden.

Screenshot Halt and Catch Fire - Donna Clark (Kerry Bishé), bescheidene Heldin.

Screenshot Halt and Catch Fire – Donna Clark (Kerry Bishé), bescheidene Heldin.

Ans Internet habe ich damals nun wirklich nicht gedacht, als ich mir 1988 meinen ersten Computer gekauft habe – einen AT 2-86 mit 1 MB Arbeitsspeicher, 40 MB Festplatte und 15-Zoll-Röhrenmonitor (monochrom). Das war damals für den Preis, den ich zahlen konnte, ein gutes Angebot. Denn mehr als 2000 DM wollte bzw. konnte ich nicht ausgeben. Aber nachdem ich eine erste Hausarbeit auf der mechanischen Schreibmaschine meines Vater getippt hatte und darüber fast verrückt geworden war, war die Anschaffung einfach unvermeidlich: Schreibmaschine war echt vorsintflutliche Technik und wenn man auch nur ein Wort ändern wollte, musste man die ganze Seite noch einmal tippen und dann die Berechnungen für den Platz, den die Fußnoten beanspruchen – der Wahnsinn! Nie wieder!!! Mir war klar: Ich brauche eine Schreibmaschine, auf der ich viele Seiten Text produzieren, dann in Ruhe verbessern und schließlich alles in ansprechendem Layout ausdrucken kann.

Screenshot Halt and Catch Fire - Gordon und Joe (Lee Pace) bei der Arbeit.

Screenshot Halt and Catch Fire – Gordon und Joe (Lee Pace) bei der Arbeit.

Dass diese Schreibmaschine auch noch andere Dinge konnte – es gab auch eine Tabellenkalkulation, Kalender, ein Geografieprogramm mit Daten über sämtliche Länder auf der Welt, Spiele (die mich damals schon nicht sonderlich interessierten) und vieles mehr, aber das war nur ein angenehmer Nebeneffekt. Ein Nerd in dem Sinne bin ich also nie gewesen, auch wenn ich mir 1993 eine erste E-Mail-Adresse zugelegt habe und sehr begeistert über den ersten iMac war, mit dem ich 1998 dann tatsächlich ins Internetzeitalter eingestiegen bin – per 56k-Modem, was in den iMac eingebaut war.

Screenshot Halt and Catch Fire - Gordon und Joe (Lee Pace) bei der Arbeit (mit Dioden)

Screenshot Halt and Catch Fire – Gordon und Joe (Lee Pace) bei der Arbeit (mit Dioden)

Doch Halt and Catch Fire spielt in der Zeit davor: Anfang der 80er Jahre. Das ehrgeizige Verkaufsgenie Joe MacMillan (Lee Pace) wechselt von IBM zu der etwas provinziellen texanischen Firma Cardiff Electric, um einen Coup zu landen: Einen Personal Computer auf den Markt zu bringen, der die gängigen IBM-Produkte schlagen kann. Bei Cardiff werkelt der nicht weniger geniale Ingenieur Gordon Clark (Scoot MacNairy) in einem ungeliebten Brotjob vor sich hin. Gordon hatte den Traum, ein wirklich revolutionäres Produkt auf den Markt zu bringen und ist mit dieser Vision schmerzhaft gescheitert – jetzt muss er die Füße still halten und Geld für den Unterhalt seiner Familie verdienen. Er hat nämlich eine tolle Frau und zwei Töchter. Und wie sich herausstellen wird, ist Gordons Frau Donna (Kerry Bishé), die für einen Hungerlohn bei Texas Instruments als bessere Sekretärin arbeitet, in Sachen Computer auch schwer auf Zack. Auch wenn ihr Licht immer ständig den Scheffel gestellt wird – sie rettet ihrem Gordon immer wieder den Arsch, während Cameron Howe (Mackenzie Davis) als junge, unkonventionelle Superprogrammiererin natürlich auch gute Arbeit leistet, aber dank ihrer erfrischenden Unverschämtheit auch entsprechend bezahlt wird.

Screenshot Halt and Catch Fire - Gordon, Cameron  (Mackenzie Davis) und Joe.

Screenshot Halt and Catch Fire – Gordon, Cameron (Mackenzie Davis) und Joe.

Cameron ist eine dieser typischen 80er-Jahre-Figuren – ein Punk, dem eigentlich alles egal ist, aber wenn es drauf ankommt, ist sie sehr geschäftstüchtig. Cameron hat sich bisher durchs Leben getrickst und weil sie nicht blöd ist, trifft sie auf MacMillan. Oder er auf sie, als er an der lokalen Uni nach Programmier-Talenten sucht. Eine der spannenden Sachen an Halt and Catch Fire ist, dass es keine wirklich sympathischen Hauptpersonen gibt. Ja, das ist nicht wirklich neu, denn genau so funktionieren auch die großartige Serien Mad Man oder Breaking Bad, die beide aus dem Hause AMC kommen. MacMillan erinnert doch sehr an Don Draper – und Cameron ist die deutlich abgebrühtere 80er-Jahre-Ausgabe von Peggy Olson. Die übrigens meine Lieblingsfigur aus Mad Men ist – ein braves Vorstadt-Mädchen erkämpft sich unter beträchtlichen Opfern ihren Weg nach oben. (Nein, ich identifiziere mich weder mit Peggy, noch mit Cameron – die Trennung von Arbeit und Privatleben ist mir dafür zu wichtig.)

Screenshot Halt and Catch Fire - Gordon und Joe haben es geschafft.

Screenshot Halt and Catch Fire – Gordon und Joe haben es geschafft.

Und dann gibt es natürlich noch den Senior VP für Finanzen, John Bosworth. Der ist ein Geschäftsmann der alten Schule, der mit den Ideen von MacMillan gar nicht klar kommt. Auch dieses Thema kennt man ja auch Mad Men, das ist der Part von Bert Cooper, dem Teilhaber von Sterling Cooper, der Freund japanischer Lebensart ist, bei dem man also die Schuhe ausziehen sollte, wenn man sein Büro betritt. Aber genau wie ich in den ersten zwei, drei Teilen von Mad Men unschlüssig war, ob das nun eine wirklich tolle Serie ist, die man unbedingt gesehen haben muss, oder ein überschätztes Medien-Event, war ich mir auch bei Halt and Catch Fire nicht sicher. Inzwischen bin ich es aber: Mad Men ist wirklich großartig – und Halt and Catch Fire ist es auch!

Screenshot Halt and Catch Fire - Gordon, Cameron und Joe bekommen Schwierigkeiten.

Screenshot Halt and Catch Fire – Gordon, Cameron und Joe bekommen Schwierigkeiten.

Wenn auch auf eine andere Art und Weise – wer also mit dem 60er-Jahre-Chic von Mad Men nichts anfangen konnte, ist vielleicht mit dem gelungenen 80er-Ambiente von Halt and Catch Fire glücklich. Oder umgekehrt: Wer auf liebevoll ausgestattete History-Serien steht, kann mit Halt and Catch Fire durchaus glücklich werden. Denn genau wie Mad Men einen in die 60er zieht, zieht einen Halt and Catch Fire in die 80er. Und was Mad Men über das Werbebusiness verrät – und das ist durchaus interessant und aufschlussreich – offenbart Halt and Catch Fire über die Computerindustrie. Natürlich darf man das, was in der Serie gezeigt wird, nicht allzu wörtlich nehmen. Aber von dem Geist, der dahinter steht – und der sehr gut beschreibt, wie Geschäfte nun einmal laufen, verrät es doch eine Menge. Man muss nur bereit sein, das alles nicht als Fiktion abzutun.

Retro-Kritik: Robocop – die Zukunft der Verbrechens-Bekämpfung

Was ist eigentlich aus der guten, alten Zukunft geworden? Es ist immer wieder komisch bis erschütternd, die Zukunftsvisionen aus anderen Zeiten anzusehen – angefangen bei Klassikern wie die Frau im Mond oder Metropolis über Raumschiff Enterprise, 2001 Odyssee im Weltraum, Dark Star und so weiter bis zu aktuellen Sci-Fi-Schinken wie Avatar. Interessant ist, dass keiner davon handelt, dass das Leben auf der Erde in der Zukunft irgendwie schöner ist. Im Gegenteil, die meisten Science-Fiction-Filme handeln entweder in einer Zeit, in der die Erde völlig abgewirtschaftet ist und die Menschen deshalb nichts anderes übrig bleibt, als in den Weltraum fliehen (die Firefly-Serie, Wall-E, Elysium…) oder sie handeln von einer Bedrohung, der die Erde ausgesetzt ist und die abgewendet werden muss (Independence Day, Armageddon, Mars Attacks…). Oder die Menschen müssen sich irgendwie damit arrangieren, dass die Erde zugrunde gerichtet ist und sie den technologischen Fortschritt nicht so richtig in den Griff kriegen (Blade Runner, Brasil, Matrix, Defiance, …). Ein besseres oder schöneres Leben auf der Erde gibt es jedenfalls nie – insofern handelt es sich um ein ziemlich pessimistisches Genre, was vermutlich das ist, was mir daran gefällt.

Auf einer Liste der besten Science-Fiction-Filme – wobei man sich sicherlich darüber streiten kann und muss, was denn nun die besten sind, entdeckte ich neben lauter alten Bekannten wie den oben bereits erwähnten und natürlich dem ganzen Alien- und Star-Wars und Terminator-Zeug auch Robocop von 1987, den ich gar nicht kannte, weshalb ich mir den aus wissenschaftlichem Interesse gleich einmal angesehen habe.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Überwachungsskandale, Cyberwar-Szenarien und der Kampfdrohnen-Debatte ist es echt gruselig, sich diesen Film anzusehen – und zwar nicht unbedingt deshalb, weil Paul Verhoeven seinem Hang zu ausufernden Gewaltdarstellungen freien Lauf gelassen hat, was gewiss nicht jedermanns Sache ist. Gewalt ist da, wo sie nötig ist, schon in Ordung, etwa bei der verhängnisvollen Fehlfunktion des Polizeiroboters ED-209 bei der Präsentation der Neuentwicklung. Das macht tatsächlich schon wieder Spaß: Die ganzen wichtigen Entscheider sitzen in ihren schicken Anzügen im Konferenzraum und das blöde Ding schießt halt stumpfsinnig vor sich hin, egal, wen es dabei trifft. Damals war es ja noch durchaus üblich, dass Computersysteme regelmäßig abstürzten. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie verzweifelt man war, wenn man gerade ein wichtiges Kapitel seiner Hausarbeit geschafft hatte, und dann der Computer abstürzte, bevor man daran gedacht hatte, regelmäßig alles auf Diskette zu speichern.

Wenig überraschend erhält der Entwickler dieser Maschine den Zuschlag nicht. Dafür kommt der Konkurrent zum Zug, der einen Roboter mit menschlichen Komponenten bauen will, den Robocop eben, der sich zwar nicht an seine Vergangenheit als Mensch erinnern kann, aber irgendwie sympathischer wirkt als die andere Kampfmaschine.

Themen wie Privatisierung, Automation, Korruption und Konkurrenzkämpfe zwischen ehrgeizigen Managern, die innerhalb von Rüstungskonzernen um Macht und Einfluss kämpfen und darauf aus sind, dass ihr jeweiliges Lieblings-Projekt den Zuschlag erhält, sind ja nach wie vor aktuell. Die Idee, das mühsame und gefährliche Geschäft der Verbrechensbekämpfung künftig Maschinen zu überlassen, die nicht müde werden und immer im Einsatz sein können, die präziser schießen als die Bösewichte, selbst aber nahezu unverwundbar sind und so programmiert werden, dass sie quasi unbestechlich das Gesetz befolgen und vollstrecken, ist heute nicht weniger naheliegend und absurd zugleich wie vor gut 25 Jahren. Inzwischen werden bewaffnete Kampfdrohnen im Dreischicht-Betrieb um die Welt geflogen und können nahezu jedes beliebige Ziel treffen und vernichten – während die Besatzungen irgendwo sicher im Bunker oder im Büro sitzen. Noch drücken Menschen auf den Auslöser – und treffen dabei auch immer wieder mal den Falschen. Der Robocop dagegen trifft niemals die Falschen, er ist so programmiert, dass er nur die Verbrecher erschießt. Und die Direktive 4 verhindert, dass Robocop Angehörige des Konzern OCP (Omni Consumer Products) erledigt – was sich noch als verhängnisvoll erweist, kungelt doch einer der Vorstandsmitglieder mit der brutalsten Verbrecherbande in Delta-City.

Überhaupt geht in dem Film mit der tollen neuen Technik immer wieder etwas schief, so werden etwa bei einer bedauerlichen Fehlfunktion des in den 80er Jahren heiß diskutieren Raketen-Abwehr-Projekts SDI, das aus Laser-Kanonen im All bestehen sollte, unter anderem mehrere Alt-Präsidenten der Vereinigten Staaten getötet, weil versehentlich ein Wohngebiet in Santa Barbara beschossen wird und in Flammen aufgeht. Und dann dieses ganze Retro-Feeling – diese Computerschränke! Diese altmodischen Röhrenbildschirme! Diese 80er-Jahre Klamotten und Frisuren!

The Future of Law Enforcement ist keine schöne Sache. Noch immer nicht.

Heute mal Musik

Heute mal was über Musik. Konkreter: Meine Alltime-Favorits:

The Doors. Die beste Band der Rockgeschichte, ganz klar und immer wieder. Ja, es gibt auch ein paar ganz anständige Songs von den Beatles oder von den Stones. Aber von den Doors ist jeder Song gut. Und nicht nur wegen der sexy Stimme von Jim Morrison. Ray Manzareks Orgel – der mit der linken Hand den fehlenden Bassisten ersetzte – die Gitarre von Robby Krieger und nicht zuletzt die Schlagzeugkünste von John Densmore – die Jungs haben einfach tolle Musik gemacht. Schade, dass die Doors heute in erster Linie dafür bekannt sind, dass ihr Sänger sich im zarten Alter von 27 Jahren zu Tode gesoffen hat. Wo wir schon beim 27er-Club sind – ja, ich höre gelegentlich auch Amy Winehouse oder Nirvana. Mit Jimi Hendrix und Janis Joplin konnte ich dagegen nie so richtig was anfangen.

Aber ich habe nicht nur alten Kram gehört. Sondern auch durchaus zeitgenössische, also 80er-Jahren Musik. The Cure. The Smith. The Sisters of Mercy. Also The Trees. Depeche Mode. Some Great Reward war einfach der Kracher, das ganze Album. Black Celebration war auch noch ziemlich gut, auch Musik for the Masses. Aber dann… ja, die machen immer noch mal wieder ein Album und erstaunlicherweise klingt es jedes Mal wieder wie ein Depeche-Mode-Album. Aber mit denen ist es inzwischen genau so, wie ich vor einiger Zeit über die Red Rot Chili Peppers las: Sie sind noch immer gut, aber inzwischen hören sie sich an wie eine ambitionierte Red-Hot-Chili-Coverband. Das gilt leider auch für Depeche Mode.

Insofern ist es gar nicht schlecht, dass es manche Bands nicht mehr gibt, etwa Noir Désir, die ich auch ganz großartig finde. Eine andere großartige Band, die es allerdings noch gibt und die erstaunlicherweise total verlässlich immer wieder gute Alben herausbringt, sind die Aeronauten. In dem Zusammenhang kann natürlich das Soloprojekt Guz des Aeronauten-Sängers Olifr nicht unerwähnt bleiben. Aber das ist für einen ersten Artikel schon ganz schön viel Stoff.