Wonder Woman: Leider kein Wunder

Superheldenfilme – oder inzwischen ja auch Superheldinnenfilme – sind nicht gerade mein Lieblingsgenre, auch wenn ich mich gelegentlich dazu hinreißen lasse, mir so etwas anzusehen. Meistens bestätigt das, was ich sehe, meine Vorbehalte gegenüber diesem Genre. Genauso ist das auch bei Wonder Woman. Der Film ist entgegen vieler freundlicher Kritiken, die anderes erwarten ließen, leider auch wieder nur so ein Superheldinnenstreifen mit viel Krawumm und noch mehr Spezialeffekten, also genau das, was mich an diesem Blockbuster-Überwältigungs-Kino so nervt, weil es hauptsächlich um die Optik geht und die Geschichte, die erzählt wird, eigentlich fast keine Rolle mehr spielt. Wobei das jetzt ein bisschen unfair ist, gemessen an anderen Superheldenstreifen gibt es hier vergleichsweise viel Geschichte, wobei die griechische Antike aus der Sicht der Götter, die in den ersten zwanzig Minuten abgehandelt wird, noch der beste Teil ist. Dazu kommt, dass heutzutage jeder Actionfilm versucht, wie ein Computerspiel auszusehen, was mir zusätzlich auf den Keks geht. Nur dass dieses Mal eine Frau auf den Putz hauen darf, statt dem Held nur assistieren zu dürfen oder sich gar retten lassen zu müssen.

Filmplakat Wonder Woman Bild via kadacinemas.com

Filmplakat Wonder Woman Bild via kadacinemas.com

Aber macht das einen Film schon „feministisch“, wie einige der Kritiken behaupteten? Meiner Ansicht nach: nein. Und auch die Tatsache, dass eine Frau Regie geführt hat, hilft da nicht weiter, auch wenn Patty Jenkins hier beweist, dass eine Frau genauso  in der Lage ist, Blockbuster-Produktionen zu dirigieren wie ein Mann. Warum auch nicht. Klar gefällt mir das, und aus Prinzip auch, dass in Wonder Woman gleich reihenweise superstarke Frauen zu bewundern sind. Selbst die matronenhafte Sekretärin (bemerkenswert: Lucy Davis als Etta) in der „realen Welt“ entpuppt sich als extrem patent, auch wenn sie nicht über Superkräfte verfügt, sondern einfach nur so auf Zack ist. Interessant auch, dass Wonder Woman auf dem nordamerikanischen Markt kinokassenmäßig längst an den anderen Superheldenepen aus dem Hause DC vorbeigezogen ist. Aber andererseits auch wieder klar – Man of Steel, Suicide Squad oder Batman vs Superman sind halt eher für Jungs als für Mädchen gemacht.

Und jetzt wird das gleiche Spektakel zur Abwechslung mal so aufgezogen, dass auch die Mädels sich das ansehen wollen, und ihren Freund mit schleppen, der bei Wonder Woman gewiss auch auf seine Kosten kommt. Natürlich geht es wieder mal darum, dass die Welt gerettet werden muss und in diesem Fall wird sie halt von der Wunderfrau Diana/Diane Prince (Gal Gadot) gerettet. Und Diana ist nicht nur wahnsinnig stark und mutig, sondern erkennt schließlich auch, dass die Liebe die allerstärkste Kraft ist. Hach. Da kann am Ende auch der wahnsinnig mächtige Kriegsgott Ares nicht mehr viel ausrichten. Das reicht für satte 92 Prozent auf dem Tomatometer – Suicide Quad kommt nur auf 25 Prozent. Auf imdb erreicht Wonder Woman eine glatte 8, Suicide Squad immerhin eine 6,2.

Wonder Woman: Robin Wright als Generalin Antiope Bild: Warner Bros via moviepilot.de

Wonder Woman: Robin Wright als Generalin Antiope Bild: Warner Bros via moviepilot.de

Aber warum?! Okay, Gal Gadot ist als Wonder Woman ebenso sexy wie schlagkräftig – die Kostüme der Amazonen sind spektakulär und die ehemalige Miss Israel Gal war vor ihrer noch jungen Schauspielkarriere Kampftrainerin bei der israelischen Armee. Insofern sieht sie nicht nur gut aus, sondern ist als Kämpferin ähnlich überzeugend wie Lagertha aus Vikings, deren Darstellerin Kathryn Winnick ebenfalls als Trainerin für verschiedene Kampfsportarten angefangen hat, bevor sie zur Schauspielerei kam. Und mit Connie Nielsen (Königin Hippolyta, Dianas Mutter) und Robin Wright (Generalin Antiope) sind weitere starke Frauen an Bord, überhaupt diese ganzen Amazonen, die alle wahnsinnig gut aussehen, furchteinflößende Kriegerinnen sind und nebenbei auch sämtliche Sprachen sprechen – blöd nur, dass sich die Damen vom Rest der Welt so vollständig abgekapselt haben, dass sie überhaupt nicht mehr mitkriegen, was da eigentlich los ist.

Von den antiken Göttern ist nur noch einer übrig geblieben, ausgerechnet der Kriegsgott Ares (David Thewlis, herrlich perfide auch als Steves Geheimdienstchef Chef Sir Patrick Morgan). Und der flüstert den Menschen eine Menge übler Ideen ein, die sie dann gegeneinander verwenden – Menschen sind bekanntermaßen ziemlich blöd. Und manche dabei auch noch ziemlich böse, wie General Ludendorff (Danny Huston) und die Chemikerin Dr. Isabel Maru (Elena Anaya), die den ersten Weltkrieg mit dem Einsatz eines noch tödlicheren Giftgases, das auch Schutzmasken zerstört, noch für die Deutschen entscheiden wollen. In Wonder Woman ist also auch die Rolle des besessenen Genies, das für die dunklen Mächte schreckliche Waffen entwickelt, mit einer Frau besetzt. Toller Fortschritt, nicht wahr? Wobei es ja nun mal so ist, dass Frauen nicht unbedingt bessere Menschen sind, weil sie zwei X-Gene haben. Ich sag nur Maggie Thatcher, Hillary Clinton, Angela Merkel. Sie sind aber auch keine schlechteren Menschen als beliebige XY-Varianten.

Wonder Woman: Chris Pine als Steve Trevor Bild: Warner Bros via filmstarts.de

Wonder Woman: Chris Pine als Steve Trevor Bild: Warner Bros via filmstarts.de

Was in der Zeit, in der die Handlung des Films spielt, noch nicht öffentliche Meinung war. Damals kämpften die Frauen in Europa noch um Anerkennung als vollwertige Menschen, etwa beim Wahlrecht. Bei gleichem Lohn für gleiche Arbeit kämpfen wir noch immer darum, das nur nebenbei. Die eigentlich recht wenigen lustigen Szenen in dem Film ergeben sich aus dem Unverständnis der unter starken Frauen aufgewachsenen Diana gegenüber den Gepflogenheiten der britischen Gesellschaft, in der Frauen sich unpraktisch kleiden und offenbar nicht in den Kampf ziehen, sondern undankbare Hilfsarbeiten leisten müssen und sonst nichts zu sagen haben. Denn der Bruchpilot Steve Trevor (Chris Pine), der in der Nähe der paradisischen Insel Themyscira abgestürzt ist und von der Amazone Diana gerettet wurde, nimmt Diana mit nach London. Einen furchtbaren Ort, wie Diana findet.

Zuvor wurden zahlreiche Amazonen von den Deutschen getötet, die auf der Suche nach dem britischen Spion ebenfalls nach Themyscira gelangt sind – und moderne Waffen haben. Gegen Gewehre und Kanonen können auch die besten Kämpferinnen mit ihren antiken Schwertern, Lanzen und Bögen nicht viel ausrichten. Einzig Diana ist kugelsicher und somit für die nun anstehende Mission geeignet: Sie will in den Krieg ziehen, um dessen Verursacher Ares zu finden und zu töten, damit das weltweite Schlachten endlich ein Ende hat. So weit, so naiv – das kommt davon, wenn Mama ihr wertvolles Töchterchen der bösen Welt nicht gönnt. Aber immerhin hat Diana, die übrigens direkt von Zeus abstammt, die beste und härteste Ausbildung durchlaufen, die Amazonen zu bieten haben und eben auch das gewisse Etwas, mit dem sie Steve Trevor überzeugen kann, sie mitnehmen. Denn den Krieg beenden, das ist auch seine Mission. Nur hat die wenig mit dem Kriegsgott Ares zu tun, an den er sowieso nicht glaubt.

Wonder Woman: Das historische Foto aus dem ersten Weltkrieg Bild via slashfilm.com

Wonder Woman: Das historische Foto der Chaostruppe aus dem ersten Weltkrieg                        Bild via slashfilm.com

Diana hat immer wieder die Gelegenheit, Steve und seinen Kumpanen das Leben zu retten – und sie ist empört über diese Kriegsführung, die einfach nicht mit ihren altertümlichen Vorstellungen von Ehre und Gerechtigkeit in Übereinstimmung zu bringen ist. So versucht sie, die Bewohner des belgischen Dorfes Veld im Niemandsland zwischen deutschen und französischen Truppen zu retten – was ihr entgegen aller Erwartung tatsächlich gelingt. Allerdings fällt genau dieses Dorf später dann den Giftgasgranaten von Ludendorff und Dr. Maru zum Opfer. Diana glaubt deshalb, Ludendorff sei Ares und will ihn töten. Das tut sie auch, doch dann gibt sich der wahre Kriegsgott zu erkennen, nämlich Sir Morgan. Der will Diana überzeugen, dass die Menschheit schwach und korrupt ist, und dass es sich nicht lohnt, für die Menschen zu kämpfen. Derweil opfert Steve sein Leben, um einen Giftgasangriff auf London zu verhindern. Diana und Steve waren sich nach der Befreiung von Veld näher gekommen, und aus Liebe zum jetzt leider toten Steve wächst Diana über sich hinaus und schafft es schließlich, den mächtigen Ares zu vernichten.

Nun ja, man weiß ja, dass es mit dem Ende des ersten Weltkriegs eigentlich erst richtig angefangen hat – der zweite Weltkrieg war noch grausamer und derzeit sieht es auch nicht gerade toll auf der Welt aus. Ares ist definitiv noch am Ruder und Wonder Woman wäre jetzt eigentlich nötiger denn je. Aber die sortiert ja nun Fotos im Louvre.  Ist das jetzt die feministische Antwort auf Krieg und Konflikt? In sentimentalen Erinnerungen an vergangene Siege und verlorene Liebe schwelgen, während die Welt um einen herum in Stücke fällt? Also ich weiß nicht.

Wonder Woman mag zwar weniger hirnlos als andere Blockbuster aus dem Hause DC sein, aber ich finde nicht, dass man diesen Film unbedingt gesehen haben muss. Aber wenn man sich schon einen Krawumm-Streifen reinziehen will – warum dann nicht diesen. Schlechter als andere Comic-Verfilmungen ist Wonder Woman auf keinen Fall. Aber leider auch nicht besser.

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Designated Survivor: Plötzlich Präsident

Es ist gewiss kein Zufall, dass ausgerechnet jetzt eine Serie wie Designated Survivor auf die Bildschirme kommt: Angesichts der absurden US-Wahlkampf-Parodie mit den wenig überzeugenden Scripted-Reality-Darstellern Hillary Clinton und Donald Trump wünscht man sich tatsächlich, dass noch irgendetwas total Unvorhersehbares passiert, das einen vergleichsweise vernünftigen Kandidaten ins weiße Haus bringen könnte. (Auch wenn ich theoretisch gut fände, wenn eine Frau US-Präsidentin würde, finde ich ausgerechnet Hillary problematisch – was sie als Politikerin in Libyen oder der Ukraine angerichtet hat, ist himmelschreiend. Aber Trump ist natürlich in so ziemlich jeder Beziehung total indiskutabel. Kein Wunder, dass sich viele Amis lieber einen Weltuntergang wünschen als die Wahl eines dieser beiden KanditatInnen)

In Designated Survivor ist es ein Anschlag auf das Kapitol, in dem gerade die Ansprache des Präsidenten zur Lage der Nation stattfindet – sämtliche Politiker von Rang und Namen sind dort versammelt und werden praktischerweise alle auf einen Schlag getötet. Nur eben der für diesen Abend bestimmte Designated Survivor, der wenig einflussreiche Minister für Stadtentwicklung und Wohnungsbau Tom Kirkman (Kiefer Sutherland), der ohnehin auf der Abschlussliste war und demnächst aus dem Kabinett fliegen sollte, überlebt planmäßig.

Designated Survivor: Tom Kirkman (Kiefer Sutherland) Bild: abc.com

Designated Survivor: Tom Kirkman (Kiefer Sutherland) Bild: abc.com

Und genau wie es das Protokoll für diesen extrem unwahrscheinlichen Fall vorsieht, wird er umgehend an einen noch sicheren Ort verfrachtet, vereidigt und in die Amtsgeschäfte eingeführt: Das mächtigste Land der Welt braucht jetzt einen starken Führer, der die Zügel in die Hand nehmen kann. Doch ob der freundliche Brillenträger im grauen Kapuzenpulli der richtige für diesen Job ist?

Das bezweifeln die meisten. Doch die haben jetzt keine Wahl: Die USA erleben ein neues 9/11 und brauchen jemanden, der bereit ist, jetzt Stärke und Entschlossenheit zu demonstrieren. Kirkman, der pflichtbewusste Familienvater übernimmt die Verantwortung – nicht ohne sich mit seiner Frau Alex (Natascha McElhone) zu beraten, die praktischerweise Anwältin ist. Und eine gewisses Geschick im Umgang mit Menschen scheint Tom Kirkman schon zu haben – er schafft es, seine Tochter telefonisch zu überreden, jetzt endlich ins Bett zu gehen – auch wenn seine Frau ihn rügt, dass er Penny keine Versprechungen machen solle, der er nicht halten könne. „Hey, wir sind in Washington – hier macht man nur Versprechen, die man nicht halten kann!“ erwidert Tom grinsend. Aber da weiß er noch nicht, dass gleich Schluss mit lustig sein wird.

Außerdem stellt sich heraus, dass Tom eine persönliche Assistentin hat, die ziemlich gut in ihrem Job ist und er schafft es auch, Seth Wright (Kal Penn) einen professionellen Redenschreiber des Weißen Hauses auf seine Seite zu ziehen, der zwar erst große Bedenken hat, sich dann aber als Glücksgriff für Tom erweist. Seth weiß nicht nur, wie man die gierige Pressemeute bändigt, sondern ist auch noch durch Herkunft und Aussehen der ideale Vermittler zwischen dem aufgebrachten weißen Establishment und der muslimischen Minderheit, die nach dem Anschlag sofort unter Generalverdacht gestellt wird. Denn es gibt Hinweise auf einen islamistischen Hintergrund für die verheerende Attacke.

Designated Survivor: Tom Kirkman (Kiefer Sutherland) Bild: abc.com

Designated Survivor: Tom Kirkman (Kiefer Sutherland) Bild: abc.com

Allerdings gibt es an dieser Version auch Zweifel: Die FBI-Agentin Hannah Wells (Maggie Q), die selbst einen Freund bei dem Anschlag verloren hat, bleibt trotz scheinbar deutlicher Hinweise auf einen islamitischen Hintergrund des Anschlags skeptisch – die Spuren sind zu eindeutig, sie hat das Gefühl, manipuliert zu werden. Und es wird ein Überlebender gefunden – Peter MacLeish (Ashley Zukerman), ein junger Kongress-Abgeordneter aus Oregon. Natürlich stellt sich gleich die Frage: Warum hat ausgerechnet er überlebt?

Und dann gab es noch einen weiteren Designated Survivor, nämlich die republikanische Kongressabgeordnete Kimble Hookstraten (Virginia Madsen), die Tom erstmal unterstützt, aber selbstverständlich eine eigene Agenda verfolgt. Aber Tom ist jetzt nunmal Präsident der USA und trotz aller Unsicherheit ist er gewillt, diese Aufgabe, so gut er kann, hinzukriegen. Kirkman mag bisher ein eher farbloser Typ gewesen sein – aber er ist kein Mann der voreiligen Schlüsse und er lässt sich auch nicht von den Militärs überrumpeln, die jetzt gern nach außen Stärke demonstrieren wollen.

Das ist einerseits sympathisch, und Tom kann erstmal damit punkten, dass er nicht als der Präsident in die Geschichte eingehen will, der als erste Amtshandlung einen neuen Krieg vom Zaun gebrochen hat. Doch Tom verspielt diese Sympathie allerdings auch ziemlich schnell wieder, in dem er dann doch auf Härte und Konsequenz setzt: Als Gouverneur James Royce (Michael Gaston) in Michigan damit anfängt, einen Polizeistaat zu etablieren, der systematisch gegen Moslems vorgeht, will Tom das unterbinden, in dem er die Nationalgarde wegen Rebellion einsetzt. Nur verweigert die Nationalgarde dem nichtgewählten Präsidenten Kirkman genauso den Gehorsam wie der starrsinnige Gouverneur. Kirkman ist Politiker genug um zu kapieren, dass er jetzt ein Exempel statuieren muss: Wenn er sich jetzt nicht durchsetzt, werden ihm alle anderen auch auf der Nase herumtanzen. Und man muss nicht 24 gesehen haben, um zu wissen, dass Tom Kirkman sich durchsetzen wird, denn sonst wäre die Serie jetzt schnell vorbei: Natürlich setzt Kirkman sich durch, auch wenn seine persönliche Assistentin Emily Rhodes (Italia Ricci) ziemlich entsetzt darüber ist, dass Kirkman etwas anderes tut, als er ihr gesagt hat.

Aber er tut dann auch noch ganz andere Dinge, die er anfangs auf keinen Fall tun wollte – ich habe jetzt die ersten fünf Episoden gesehen und muss sagen, dass ich mit den letzen beiden, „The Enemy“ und  „The Mission“ nicht zufrieden war, während ich den Auftakt ziemlich stark fand. Aber es kommt ja noch einiges auf uns zu – ABC ist von einer ersten Bestellung von 13 später auf 22 Teile für die erste Staffel gegangen. Ich weiß nicht, ob das eine gute Nachricht ist.

Designated Survivor: Die Crew Bild: abc.com

Designated Survivor: Die Crew Bild: abc.com

Ich persönlich bin ja eher ein Fan des gepflegten 10-Teilers. Okay, es dürften auch 12 oder 13 Teile sein, wenns gut genug ist. Aber die 10-Teiler sind in der Regel deutlich besser als die Serien mit 22 bis 23 Folgen: Bei so vielen Episoden gibt es zwangsläufig immer Füllepisoden, denen man einfach anmerkt, dass sie eigentlich überflüssig sind und die eigentliche Geschichte nicht voran bringen – das ist genau die Art Fernsehen, die ich nicht mehr sehen will.

Das ist auch ein Grund, warum ich 24 nie komplett ansehen werde – das kostet einfach zu viel Zeit und ich finde die Serie dafür einfach nicht gut genug – ich habe mir ungefähr die Hälfte der ersten Staffel angesehen – die für ihre Zeit ja tatsächlich innovativ war, aber damals total an mir vorbei gegangen ist. Vermutlich, weil es die Streaming-Portale noch nicht gab und ich prinzipiell nichts mit Werbeunterbrechung ansehe. Damit weiß ich jetzt aber trotzdem genug, um zu wissen, wer Jack Bauer ist. Und dann habe ich natürlich auch die erste Hälfte der 8. Staffel gesehen, mit Jürgen Prochnow als Sergei Bazhaev und Rami Malek als Marcos Al-Zakar.

Insofern überrascht nicht, dass die für den Anschlag verdächtige Terror-Gruppe Al-Sakar genannt wird – wie der Selbstmord-Attentäter aus 24. Ich hoffe aber sehr, dass der von Skrupeln geplagte Politiker Tom Kirkman dem Super-Agenten Jack Bauer nicht allzu ähnlich wird, wobei, von vielerlei Sorgen geplagte Familienväter sind sie ja beide. Es kann also noch sehr viel schief gehen.

In Deutschland startet Designated Surviver am 6. November auf Netflix.

Blindspot – im toten Winkel

Nachdem Blindspot ja einen ziemlich starken Start auf Sat.1 hingelegt hatte, habe ich auch einmal reingesehen – es muss ja nicht alles schlecht sein, was im Privatfernsehen läuft. Wobei das meiste schon katastrophal ist, es ist einfach unfassbar, was sich die Leute so reinziehen, auch wenn ich gar nicht so arrogant sein will, wie ich jetzt wahrscheinlich wirke: Ich will mich ja auch nach einem anstrengenden Tag einfach mal beim Glotzen entspannen. Aber bitte ohne mir dafür komplett das Hirn wegschießen zu müssen.

Und dafür ist Blindspot gar nicht so schlecht. Obwohl ich die Serie gar nicht dermaßen gut finde, habe ich mir jetzt doch schon erstaunlich viele Folgen davon angesehen – denn mit jedem Teil wird es spannender, weil die Geschichte hinter den Geschichtchen eine ganz, ganz üble sein muss. Während mich die ersten Folgen eher an The Blacklist erinnert haben – eine Serie, die ich für ein paar Folgen ziemlich unterhaltsam fand, dann aber aufgegeben hatte, weil es einfach immer mehr vom Gleichen war – fühlte sich Blindspot nach einigen Folgen eher nach Person of Interest an, was auch nicht gerade die Champions-League unter den Fernsehserien repräsentiert, aber schon deutlich besser als viele andere Serien ist- noch so eine Serie, die bei den Emmys komplett bisher leer ausgegangen ist, fällt mir dabei auf – obwohl (oder am Ende vielleicht gerade weil?) Person of Interest mit ihrer Vision einer kompletten Überwachung von allem und jedem gesellschaftlich nun wirklich relevant ist. Vielleicht hat die NSA entsprechende Nominierungen kassiert. Würde mich nicht wundern.

Blindspot: Ukweli Roach (Dr. Borden), Ashley Johnson (Patterson), Kurt Weller (Sullivan Stapleton), Jane Doe (Jamie Alexander), Tasha Zapata (Audrey Esperanza), Edgar Reade (Rob Brown) und Bethany Mayfair (Marianne Jean-Baptiste)

Blindspot: Ukweli Roach (Dr. Borden), Ashley Johnson (Patterson), Kurt Weller (Sullivan Stapleton), Jane Doe (Jamie Alexander), Tasha Zapata (Audrey Esperanza), Edgar Reade (Rob Brown) und Bethany Mayfair (Marianne Jean-Baptiste)

Es gibt in Blindspot zwar keine allgegenwärtige Maschine, keinen Harold Finch und keinen Mr. Reese, dafür aber eine Art Mrs. Reese, nämlich jene tätowierte, weibliche Kampfmaschine, die unter anderem fließend Chinesisch, Russisch und Bulgarisch spricht und sich leider nicht daran erinnern kann, wer oder was sie eigentlich ist und deshalb erstmal Jane Doe genannt wird, wie alle nicht identifizierbaren weiblichen Personen in den USA. Eines Tages kriecht Jane auf dem belebten Times Square mitten in New York aus einer Reisetasche – sie ist völlig unbekleidet und hat auch sonst nichts bei sich, nur ihr Körper ist mit frischen Tattoos übersät, die, wie sich bald herausstellen soll, allesamt Hinweise auf schwere Verbrechen enthalten, wenn man sie nur richtig entschlüsselt. Wobei das auffälligste Tattoo das einfachste ist: Kurt Weller, FBI.

Special Agent Weller (Sullivan Stapleton) kann sich zwar auch erstmal keinen Reim drauf machen, warum ausgerechnet sein Name auf den Rücken jener unbekannten Schönheit (Jaimie Alexander) tätowiert wurde, aber er übernimmt mit seinem Team die Ermittlungen. Das Team besteht aus Special Agent Edgar Reade (Rob Brown, fand ich in Treme schon toll), der Jane gegenüber extrem misstrauisch ist und bleibt, Special Agent Tasha Zapata (Audrey Esperanza), die sich von den falschen Leuten Geld geliehen hat, um ihre Spielschulden zu begleichen und Special Agent Patterson (Ashley Johnson), einer unglaublich begabten Forensikerin, die leider zu oft Arbeit mit nach Hause nimmt, was natürlich total verboten ist, auch wenn ihren Chefin Bethany Mayfair (Marianne Jean-Baptiste) sie deckt.

Mayfair ist die stellvertretende Direktorin des New Yorker FBI-Büros und somit die direkte Vorgesetzte von Kurt und seinem Team. Und, wie sich im Laufe der Staffel herausstellen wird, eine von vier Personen, die von Operation Daylight wissen, einem gigantischen, illegalen Überwachungsprogramm, mit dessen Hilfe bereits zahlreiche Kapitalverbrechen aufgeklärt werden konnten. Die dafür nötigen Informationen wurden erfundenen Informanten zugeschrieben – und nur Myfair, der CIA-Direktor Tom Carter und Sofia Varma, eine hochrangige Vertreterin des Weißen Hauses, hatten Kenntnis davon.

Blindspot: Jane Doe (Jamie Alexander)

Blindspot: Jane Doe (Jamie Alexander)

Aber leider weisen einige der Tattoos von Jane auf Operation Daylight hin – irgendwer muss also noch davon wissen. Deshalb ist CIA-Mann Carter dafür, die Sache CIA-mäßig zu regeln – er will, dass Jane verschwindet. Aber wie man sich denken kann, geht die Sache anders aus, denn sonst gäbe es noch reichlich Folgen ohne die markante Hauptfigur, die sich nach und nach an immer mehr Details aus ihrem Vorleben erinnert und sich sozusagen allmählich selbst auf die Spur kommt – das genau ist der Umstand, der diese Serie für mich spannender macht, als The Blacklist es war – hier war ja von Anfang an klar, dass Raymond Reddigton das überlegene Mastermind hinter allem ist und den ganzen FBI-Apparat für seine persönliche Rache benutzt. Wofür das FBI in Blindspot benutzt werden soll, ist weniger klar – aber immerhin gibt es hier etwas, dem man erstmal auf die Spur kommen muss.

Wobei Blindspot schon deutliche Schwächen hat – ich finde die Figuren zwar alle recht interessant, aber von subtiler Charakterzeichnung halten die Macher dieser Serie leider wenig, hier wird eher zum Holzschnittmuster gegriffen: Der wortkarge Weller, der seinem Vater nicht verzeihen kann, dass er ein schlechter Vater war, und sich selbst nicht, dass er nichts tun konnte, als seine Kindheitsfreundin Taylor Shaw verschwand, die geniale Patterson, die sich in ihre Arbeit vergräbt, erst recht, nachdem ihr Freund umgebracht wird, mit dem sie gerade erst Schluss gemacht hatte, weil sie sich eben für ihre Arbeit und gegen ihn entschieden hatte, die aufrechte FBI-Chefin Mayfair, die eigentlich gegen die illegale Überwachung war, nun aber die Ergebnisse ihrer Arbeit schützen will: Wenn bekannt wird, dass mit Daylight illegal Beweise beschafft wurden, dann müssen sämtliche dingfest gemachten Verbrecher wieder entlassen und die Verfahren neu aufgerollt werden. Und ist da natürlich Jane, die vielleicht Taylor Shaw, vermutlich aber Alice Kruger ist, deren Gedächtnis mit einer experimentellen Droge ausradiert wurde. Ist sie eine russische Superspionin, eine hyperintelligente Terroristin oder am Ende noch etwas ganz anderes?

Überhaupt wird ziemlich dick aufgetragen, wobei das durchaus Spaß machen kann: Es gibt eine Menge Sachschaden, sehr viel Geballer und es werden jede Menge Verschwörungstheorien bedient, wobei wir inzwischen ja auch wissen, dass vieles davon tatsächlich Verschwörung und keineswegs Theorie ist – dass wir alle von Regierungen, Unternehmen und mehr oder weniger geheimen Diensten ausführlichst ausgeforscht werden, ist eine Tatsache, die wir im Alltag zwar gern verdrängen – ein bisschen mehr Paranoia bei der Nutzung von Smartphone, Computer und vor allem Social Media wäre durchaus angebracht. Wobei hier natürlich die richtige Eingebung zur rechten Zeit und der vorhersehbare Zufall deutlich zu oft strapaziert werden – wirklich geniale Serien wie Breaking Bad oder Mr. Robot leben ja davon, dass bestimmte Dinge, die sich die schlauen Protagonisten ausgedacht haben, im entscheidenden Moment eben nicht funktionieren, und sie dann zu noch viel verwegeneren Alternativen greifen müssen, damit sie die Sache irgendwie überleben, obwohl alles gerade grandios schief geht. So subtil ist Blindspot nicht – hier ist klar, dass eine unmögliche Mission dank der unglaublichen Fähigkeiten der jeweiligen Protagonisten irgendwie noch glimpflich ausgehen muss, damit es überhaupt noch eine weitere Folge geben kann.

Hat nicht einmal einen Vornamen und ist doch meine Lieblingsfigur: Patterson (Ashley Johnson)

Hat nicht einmal einen Vornamen und ist doch meine Lieblingsfigur: Patterson (Ashley Johnson)

Und es kommen dann auch verschwundene Passagierflugzeuge vor, die an unerwarteten Orten wieder auftauchen – und dann von Terroristen benutzt werden sollen, um das GPS-Satellitensystem der USA zu zerstören, was Team Weller knapp verhindern kann. Hier wächst Patterson einmal mehr über sich hinaus, in dem sie aus der Ferne Anweisungen gibt, wie Weller und Jane, denen es gelungen ist, an Bord einer einstmals entführten und jetzt als Abschussrampe für Raketen zu missbrauchenden Maschine zu gelangen, das Flugzeug erst übernehmen und schließlich auch wieder landen können. Und natürlich gibt es auch illegale Medizin-Experimente, um aus Soldaten willenlose Kampfmaschinen zu machen und Ärger mit dem OPR in Person von Chief Inspector Jonas Fisher, der es auf Mayfair abgesehen hat und ihr nachweisen will, dass sie ihr Büro nicht im Griff und sie selbst Dreck am Stecken hat.

Bemerkenswert finde ich vor allem, dass die weiblichen Protagonisten in Blindspot interessanter und komplexer sind als die männlichen – was andererseits auch wieder ein bisschen schade ist, denn sowohl Sullivan Stapleton als Kurt Weller als auch Rob Brown als Edgar Reade hätten als Schauspieler gewiss mehr zu bieten als die ziemlich eindimensionalen spröden FBI-Typen, die sie abliefern müssen. Aber so haben vor allem Jane, Patterson und Mayfair ihr Show – und das ist auch gut so. Insofern bleibt mein Fazit zu Blindspot durchwachsen: Kann man sich durchaus ansehen, wenn man auf Actionserien steht, in denen die Probleme der Gegenwart zumindest angesprochen werden, aber es gibt durchaus Serien, die besser sind.

Dead Man Down: Europäer in New York

Beim Stöbern durch die Netflix-Highlights für den kommenden Monat entdeckte ich für den 4. Mai Dead Man Down. Der Thriller des dänischen Regisseurs Niels Arden Oplev hat bei seinem Kino-Start im Jahr 2013 zwar eher durchwachsene Kritiken bekommen, trotzdem ist Dead Man Down meiner Ansicht nach ein echter Geheimtipp. Dank Netflix wird er demnächst wohl auch nicht mehr dermaßen geheim sein.

Was mir an dem Film gefällt: Auch wenn der Film in New York spielt, komplett den USA produziert wurde und das Drehbuch von dem Kanadier J. H. Wyman kommt, fühlt er sich irgendwie skandinavisch an. Die Skandinavier sind nun mal sehr gut in düsteren Thrillern mit schonungslos brutalen Szenen – aber es gibt immer auch den Blick auf das Innenleben der Protagonisten, es geht immer um Beziehungen und darum, warum die Leute tun, was sie tun.

Screenshot: Dead Man Down - Beatrice (Noomi Rapace)

Screenshot: Dead Man Down – Beatrice (Noomi Rapace)

Wobei hier dann eher die Soziologie und nicht so sehr die Psychologie eine Rolle spielt. Gute skandinavische Krimis sind immer auch soziologische Analysen, es geht eben nicht nur um das Verbrechen und dessen Aufklärung, sondern auch um die Frage, wo die Gesellschaft versagt hat, wenn Menschen Täter oder Opfer werden.

US-Thriller gehen in der Regel vom Individuum aus, es gibt die berüchtigten Psychopathen, es gibt gebrochene Charaktere ohne Ende – aber hier geht es immer die individuelle Geschichte des jeweiligen Charakters, die als Erklärung für alles, was folgt, hergenommen wird. Schließlich bietet die glorreiche US-Gesellschaft jedem Tellerwäscher die Chance, zum Millionär aufzusteigen. Versagen tun immer nur einzelne, aber nie das System. Deshalb ist der Psycho(pathen)-Thriller ein typisch US-amerikanisches Genre.

Screenshot: Dead Man Down - Beatrice (Noomi Rapace)

Screenshot: Dead Man Down – Beatrice (Noomi Rapace)

Zurück zu Dead Man Down: Niels Arden Oplev hat Noomi Rapace mit der Verfilmung des Stieg-Larson-Bestsellers Män som hatar kvinnor (hierzulande als „Verblendung“ bekannt, was ich einen ziemlich doofen Titel finde) zum Durchbruch als inzwischen auch international anerkannte Schauspielerin verholfen. Rapace ist auch in Dead Man Down wieder mit von der Partie – gemeinsam mit Colin Farrell, der den aus Ungarn stammenden Ingenieur Victor spielt, der aber eigentlich Lazlo Kerec heißt. (Victor Lazlo, hat da etwa einer zu oft Casablanca gesehen?!) Denn Lazlo Kerec ist eigentlich tot – sein Grabstein steht auf einem New Yorker Friedhof, auf dem viele ungarische Einwanderer ihre letzte Ruhe gefunden haben.

Victor arbeitet für eine kriminelle Gruppe innerhalb der New Yorker Immobilien-Mafia, deren Spezialität es ist, Mieter mit Terror und Gewalt aus ihren Wohnungen zu vertreiben, damit die entmieteten Objekte dann erst günstig auf- und dann teuer weiterverkauft werden können. Was die Sache interessant macht: Victor ist selbst ein Opfer dieser Mafia geworden, er und seine Familie wurden aus ihrer Wohnung vertrieben. Und weil die Kerecs nicht freiwillig gehen wollen, wurde Victors Tochter bei einer Schießerei durch eine verirrte Kugel getötet. Auch Victors Frau kam ums Leben – Victor selbst überlebte nur, weil die Gangster ihn für tot hielten.

Screenshot: Dead Man Down - Niels Arden Oplevs Blick auf New York

Screenshot: Dead Man Down – Niels Arden Oplevs Blick auf New York

Jetzt will er sich rächen. Doch einer der Leute aus der Gang um seinen Boss Alphonse Hoyt (Terence Howard, bekannt als Lucious Lyon aus Empire)  ist ihm auf die Schliche gekommen – er sucht Victor in seiner Wohnung in einem tristen News Yorker Wohnblock auf und stellt ihn. Victor bringt den Mann um – was seine Nachbarin im Hochhaus gegenüber zufällig mitbekommt und prompt mit ihrem Handy filmt. Mit Beatrice (Noomi Rapace) hat es das Leben ebenfalls nicht gut gemeint – die hübsche Kosmetikerin wurde bei einem Autounfall entstellt, eine Hälfte ihres Gesichtes ist nun durch Narben gezeichnet. Beatrice lebt noch bei ihrer französischen Mutter (Mama Louzon, la plus admirable Isabelle Huppert), die sehr gut kochen und backen kann. Die wiederum hofft, dass ihre geliebte Tochter trotz ihrer Narben noch einen netten Mann fürs Leben finden wird.

Auch Beatrice sinnt auf Rache – sie will den Kerl zur Verantwortung ziehen, der den Unfall verursacht hat, weil er betrunken gefahren und mit einer in ihren Augen viel zu geringen Strafe davon gekommen ist. Warum kann der Mann einfach sein Leben weiterleben wie bisher, während sie den Rest ihres Lebens mit den Folgen seiner Tat zu kämpfen haben wird?

Screenshot: Dead Man Down - Victor (Colin Farrell)

Screenshot: Dead Man Down – Victor (Colin Farrell)

Beatrice bandelt mit ihrem Nachbarn Victor an, der Beatrice tatsächlich zur Freude ihrer Mutter zum Essen ausführt. Doch das romantische Stelldichein kippt, als Beatrice Victor schließlich mit ihrer Beobachtung und dem Video auf ihrem Handy konfrontiert. Beatrice verlangt von Victor, dass er den Mann tötet, der ihr Leben ruiniert hat. Andernfalls werde sie das Video, das Victor als Mörder entlarvt, der Polizei übergeben. Natürlich ist das nicht das, was Victor erwartet hatte. Aber er willigt erstmal ein, Beatrice zu helfen – er braucht jetzt einfach keinen Stress, schon gar nicht mit der Polizei. Tatsächlich unternimmt er natürlich nichts – er hat nun wirklich andere Probleme und will sich dieses hier schnell vom Hals schaffen.

Victor hat endlich das große Ziel im Visier: Lon Gordon, den Oberboß der Immobilien-Mafia. Doch ausgerechnet bei dem Meeting von Lon mit Alphonse Hoyt, für das Victor nicht nur das nötige Scharfschützengewehr, sondern auch den idealen Standort für den tödlichen Schuss gefunden hat, wird er von einem Anruf des einzigen Freundes aus seinem Mafia-Umfeld abgelenkt. Er verpasst seine langerwartete Chance und kann nur mit der Hilfe von Beatrice entkommen, die ihn wiederum beobachtet hat und ihm nun durch ihren beherzten Einsatz ein Alibi verschafft.

Screenshot: Dead Man Down - Beatrice (Noomi Rapace)

Screenshot: Dead Man Down – Beatrice (Noomi Rapace)

Beatrice ist schwer auf Zack, sie rettet Victor nicht nur durch eine abenteuerliche Flucht in ihrem Kleinwagen, sondern gibt ihm auch noch seine Waffe wieder. Blöd nur, dass Victors einziger Freund Darcy der wahren Identität von Victor immer näher kommt. Victor hingegen fühlt sich Beatrice nun endgültig verpflichtet und tut, was sie von ihm verlangt hat – er bringt den Unfallverursacher um. Zumindest behauptet er das. Außerdem hat er vorgesorgt: Er hat den Bruder des Chefs der albanischen Mördertruppe, die an dem Überfall auf seine Familie beteiligt war, entführt und hält ihm in einem verlassenen Lagerhaus gefangen.

Victor hat ihn dazu gebracht, aussagen, dass er von Alphonse Hoyt gefangen halten würde, der ihn aber auf jeden Fall töten wird, selbst, wenn die Albaner das verlangte Lösegeld zahlen. Damit will Victor einen Streit zwischen Hoyt und den Albanern provozieren. Die Speicherkarte mit der Aufnahme übergibt Victor Beatrice, ohne ihr zu sagen, worum es geht. Sie soll den Umschlag bei der Post abgeben. Victor hat das Lagerhaus mit Sprengfallen versehen und will die Albaner töten, wenn sie versuchen, ihren Mann zu befreien.

Screenshot: Dead Man Down - Victor (Colin Farrell) und Beatrice (Noomi Rapace)

Screenshot: Dead Man Down – Victor (Colin Farrell) und Beatrice (Noomi Rapace)

Beatrice wiederum hat den Brief nicht abgegeben, sondern ihn geöffnet und statt der Speicherkarte ihren Glücksbringer hineingelegt, eine grüne Hasenpfote. Sie hat sich in Victor verliebt und will ihn retten, weil sie ahnt, was er vorhat. Aber sie will nicht, dass er selbst dabei drauf geht.

Jetzt habe ich natürlich schon wieder viel zu viel verraten, aber es kommt dann noch zu einem dramatischen Finale, das ziemlich dick aufgetragen ist, aber am Ende doch okay geht – wobei gerade der Genremix aus Milieustudie, Actionthriller, Rachefilm und Melodram bei vielen Kritikern nicht so gut angekommen ist. Mir gefällt gerade das. Und natürlich mag ich auch den Oplev-Stil – diese visuelle Coolness, mit der eigentlich total überstrapazierte Klischees wieder neu ins Bild gesetzt werden. Natürlich kann ich mir an dieser Stelle den Verweis auf die geniale Pilot-Folge von Mr. Robot nicht verkneifen, die eben auch von dieser speziellen Oplev-Optik profitiert.

Screenshot: Dead Man Down - Victor (Colin Farrell) und Beatrice (Noomi Rapace)

Screenshot: Dead Man Down – Victor (Colin Farrell) und Beatrice (Noomi Rapace)

Und mir gefallen Victor und Beatrice, beide als Einwanderer vom alten Kontinent noch nicht richtig angekommen in dieser brutalen Gesellschaft, in der Menschen für ihr Weiterkommen über notfalls eben auch Leichen gehen müssen, gebrochene Gestalten, aber trotzdem überdurchschnittlich überlebenstüchtig. Sie sind jeweils Opfer geworden, wollen sich aber mit dieser Rolle nicht abfinden und nehmen den Kampf auf, wenn auch mit fragwürdigen Zielen und Mitteln. Und dabei realisieren sie allmählich, dass es vielleicht doch noch andere Dinge als Rache gibt, für die sich ein Weiterleben lohnen könnte.

Need for Speed – kann man wörtlich nehmen

Wenn man sich wegen Alexander Skarsgård einen Film wie Battleship ansehen kann, ist es natürlich auch möglich, sich wegen Aaron Paul und Rami Malek Need for Speed anzusehen. Wobei das ein wirklich grauenhafter Film ist, wenn man kein bisschen auf Autorennen steht – denn es geht tatsächlich um nichts anderes. Also im Gegensatz zum Alien-Streifen Battleship so überhaupt nicht mein Genre – ich spiele solche Spiele nicht und ich käme auch nie auf die Idee, mir Formel-1-Rennen oder ähnliches im Fernsehen anzusehen. Schon die wenigen Minuten Sport am Ende der Tagesschau finde ich schwer zu ertragen, wenn ich doch eigentlich nur die Wettervorhersage noch sehen will.

Wobei es natürlich schon Filme mit tollen Auto-Szenen gibt, die ich richtig gut finde, Klassiker wie Bullitt, American Graffiti, Blues Brothers und so weiter, auch Speed fand ich ziemlich beeindruckend, als ich den damals im Kino gesehen hatte. Zu Autos an sich habe ich auch ein eher kühles Verhältnis – ich hab halt kein Auto, weil man in Berlin keins braucht. Früher, als ich noch auf dem flachen Land gewohnt habe, war das anders. Außerdem verdiente ich mir eine zeitlang neben dem Studium etwas dazu, indem ich für eine Schrauberclique Gebrauchtwagen optisch aufgehübscht und verkauft habe.

Screenshot Need for Speed: Tobey (Aaron Paul)

Screenshot Need for Speed: Tobey (Aaron Paul)

Das ist inzwischen zwar Jahrzehnte her, aber zu der Zeit bin ich mit allen möglichen Autos herumgefahren und kannte mich damit ganz gut aus, wo eine Vergaser-Leerlaufdüse sitzt und wie man sie richtig einstellt, wusste ich durchaus. Natürlich haben wir auch ziemlich viel Unsinn gemacht, unverkäufliche Schrottschüsseln etwa, die auch mit erheblicher krimineller Energie nicht mehr durch den TÜV zu bringen waren, haben wir mutwillig total kaputt gefahren. Insofern hatte es dann doch wieder einen nostalgischen Touch, mir einen Film über Auto-Verrückte anzusehen.

Screenshot Need for Speed: Julia (Imogen Poots)

Screenshot Need for Speed: Julia (Imogen Poots)

Denn die Jungs in Need for Speed sind natürlich komplett meschugge – das ist auch das Konzept des ganzen Films : Sie machen eine Menge abgedrehter Sachen. Das macht dann doch irgendwie Spaß, wobei ähnlich wie in Blues Brothers der spannenste Teil der Geschichte ist, wie die Gang wieder zusammen gebracht wird. Eigentlich hat der Film alles, was ein ordentlicher Film braucht, nämlich einen tragischen Helden wie den Arbeitersohn Tobey Marshall (Aaron Paul), dem großes Unrecht angetan wird und der dann einen Rachefeldzug antritt, um Genugtuung zu verlangen, einen fiesen Schurken wie Dino Brewster (Dominic Cooper), der Tobey die Schuld am Tod eines Freundes zuschiebt, den er selbst auf dem Gewissen hat, eine schöne Blondine wie die Britin Julia Maddon (Imogen Poots), die auch mal ans Steuer darf (hier gab es ein gewisses Identifikationspotenzial für mich, nicht weil ich wie ein britisches Model aussehen würde, aber weil ich weiß, wie es ist, das Mädchen zu sein, dem alle Jungs erklären wollen, was ein Auto ist, obwohl es das besser weiß als die meisten von ihnen) es gibt einen geheimnisvollen Freak (Michael Keaton), der das sagenumwobene Deleon-Rennen ausrichtet, zu dem nur die besten der besten eingeladen werden, der Gewinner bekommt dann die Autos der anderen Teilnehmer.

Screenshot Need for Speed: Benny (Scott Mescudi)

Screenshot Need for Speed: Benny (Scott Mescudi)

Und dann gibt es natürlich noch die aufopferungsvolle Crew aus guten Freunden, die Tobey dabei helfen, es gegen alle Widrigkeiten überhaupt bis zu dem Rennen der Rennen zu schaffen, nämlich Benny (Scott Mescudi), Finn (Rami Malek) und Joe (Ramon Rodriguez). Ach ja, eine ordentliche Karre braucht es natürlich auch, günstigerweise haben die Jungs bevor Tobey in den Knast musste, einen legendären Ford Mustang aufgebaut, der unglaublich viele PS hat und wahnsinnig schnell ist. Den leiht sich Tobey kurzerhand aus und muss dann binnen 45 Stunden von New York nach Kalifornien fahren, wo das Deleon statt finden wird.

Screenshot Need for Speed: Finn (Rami Malek)

Screenshot Need for Speed: Finn (Rami Malek)

Das bietet Potenzial für allerlei Komplikationen, die von der engagierten Crew auch gelöst werden, trotzdem kommt die Sache nicht so richtig in Schwung. Für hartgesottene Actionfans ist vermutlich zu viel Drama dabei, für ein echtes Rennfahrer-Drama ist die Geschichte dann aber wieder zu simpel. Als Jesse Pinkman in Breaking Bad hatte Aaron Paul sehr viel bessere Gelegenheiten, sein Publikum zu beeindrucken. Den stärksten Auftritt des Films hat Rami Malek, als er sich von seinen Kumpels überzeugen lässt, dass er Tobey helfen muss, das Deleon zu gewinnen – er kündigt seinen Bürojob, in dem er sich auf dem Weg durch seine Firma komplett auszieht.

Screenshot Need for Speed

Screenshot Need for Speed

Mir fällt auch bei intensiven Nachdenken keine Szene aus einem anderen Film ein, bei der sich jemand auf so erfrischende Weise seiner Klamotten und sämtlicher Hemmungen entledigt. Wenn es einen Oscar für die beste Auszieh-Szene in einem Film gäbe, wäre hier zumindest eine Nominierung fällig. Das ist ein echtes Highlight, wobei das allein den Film auch nicht rettet – danach kann man dann auch abbrechen und sich etwas anderes ansehen. Es gibt natürlich noch ein paar interessante Stunts und eine Menge Sachschaden an wahnsinnig teuren Luxuskarossen, aber es ist einfach zu klar, wie die ganze Sache ausgeht. In sofern bin ich schon versucht, den Film in die „lohnt sich nicht“-Rubrik aufzunehmen, wären da nicht diese wenigen Minuten, die einfach großen Spaß machen. Also: Lohnt sich fast nicht. Den Titel Need for Speed kann man also wörtlich nehmen – ein bisschen mehr Speed hätte nicht geschadet, dann wären die zwei Stunden nicht so lang.

Crisis – wie weit würdest du gehen?

Eine der Serien, die man sich ansehen kann, wenn man Person oft Interest und Homeland schon durch hat, ist Crisis. Es handelt sich um einen aufwendig produzierten Verschwörungsthriller von Rand Ravich, der auch die NBC-Serie Life (mit Damian Lewis, der auch in Homeland eine Hauptrolle spielt) geschrieben hat. Es geht es um einen ungewöhnlichen Terroristen, der kein geringeres Ziel hat, als die Regierung der USA in die Knie zu zwingen. Sie soll die Existenz eines fragwürdigen und höchst illegalen Programms zugeben, bei dem Agenten der Special Forces mit einer Killerdroge zu Tötungsmaschinen gemacht werden.

Das klingt ziemlich martialisch und ist es auch – und nach all dem, was spätestens seit den Veröffentlichungen des Whistleblowers Edward Snowdon über geheime US-Programme bekannt geworden ist, wird es schwer, sich ein Drehbuch auszudenken, dass von der Realität nicht schon total überholt wurde. Wie dem auch sei, die Drehbuchschreiber denken sich weiterhin idealistische Menschen aus, die versuchen, im Falschen das Richtige zu tun. Oder umgekehrt…?

Crisis - Agent Marcus Finley (Lance Gross) Photo: NBC

Crisis – Agent Marcus Finley (Lance Gross) Photo: NBC

Der ehemalige CIA-Agent Francis Gibson (Dermont Mulroney) entführt die Kinder von den Reichen und Mächtigen in Washington während eines Schuldausflugs. Weil in diese besondere Schulklasse auch der Sohn des US-Präsidenten (Kyle Devore, Adam Scott Miller) geht, ist mit Marcus Finley (Lance Gross) auch ein Secret-Service-Agent involviert, der den Sohn des Präsidenten um jeden Preis zu beschützen hat. Und er bezahlt den Einsatz auch fast mit seinem Leben, als ausgerechnet der altgediente Kollege, der ihn für diesen Auftrag ausgewählt hat, zu erschießen versucht.

Aber der extrem idealistische Finley überlebt und versucht zusammen mit der ebenfalls total überengagierten FBI-Agentin Susie Dunn (Rachael Taylor), die entführten Schüler zu befreien. Dabei gibt es allerhand Kompetenzgerangel zwischen Secret Service und FBI, außerdem gibt es ja noch Homeland Security und die lokalen Polizeibehörden – genau so etwas macht mir in US-Serien immer sehr viel Spaß: Verfeindete Apparate mit viel Hierarchie- und Kompetenzgerangel, wie man sie sich im düstersten Stalinismus kaum schlimmer hätte ausdenken können. Aber Finley und Dunn raufen sich zusammen und stellen sich, wie kaum anders zu erwarten, als sehr durchschlagkräftiges und erfolgreiches Team heraus, auch wenn ihnen ihr Job nicht leicht gemacht wird.

Crisis - Agent Susie Dunn (Rachael Taylor) Photo: NBC

Crisis – Agent Susie Dunn (Rachael Taylor) Photo: NBC

Dazu kommt, dass Susies Nichte Amber (Halston Sage) unter den Entführungsopfern ist – sie ist persönlich betroffen, was einerseits gut, andererseits auch wieder schlecht ist. Denn Susie hat mit ihrer Schwester Meg (Gillian Anderson) schon seit Jahren keinen Kontakt mehr. Meg ist nicht weniger durchgeknallt als ihre Schwester, aber hat sie beruflich bereits weit überflügelt, Meg ist die Vorstandsvorsitzende eines großen Pharmakonzerns, die im Dienst-Hubschrauber durch die Gegend fliegt und daran gewöhnt ist, dass die Leute einfach tun, was sie sagt. Natürlich kennt sie in Washington jede und jeden und alle kennen sie – Meg wäre der klassische Door Opener für die Ermittlungen ihrer Schwester, wenn sie es denn wollte. Und natürlich will sie – es geht immerhin um ihre einzigeTochter.

Genau damit hat der Entführer gerechnet: Er erpresst die Reichen und Mächtigen mit dem Leben ihrer Kinder. Und die verzweifelten Eltern, die daran gewöhnt sind, dass die Welt sich um ihre Interessen dreht, tun so allerhand, um ihren Lieblingen einen Vorteil zu verschaffen – in diesem Fall das Weiterleben und die Freiheit. Nur für US-Präsidnet Devore (John Allen Nelson), der auf die Verfassung geschworen hat, alles – und zwar wirklich alles – für sein Land zu geben ist klar: Er wird sich nicht erpressen lassen. Er KANN sich nicht erpressen lassen. Er wird nicht mit Terroristen verhandeln.

Crisis - Meg Fitch (Gillian Anderson) Photo: NBC

Crisis – Meg Fitch (Gillian Anderson) Photo: NBC

Und das ist auch seinem Sohn klar, der seinerseits versucht, sich so heldenhaft zu verhalten, wie seine Vater das von ihm erwarten würde. Aber glücklicherweise brauchen die Entführer erst einmal die Hilfe anderer Eltern, die bereit sind, alles zu tun, um das Leben ihrer Kinder zu retten. Und sie tun eine ganze Menge, denn sie sind nah am Zentrum der Macht und haben entsprechenden Einfluss. Sie können Dinge tun, von denen andere nicht einmal träumen würden und die Erpresser spielen genau damit.

Sie haben natürlich auch damit gerechnet, dass man ihnen auf die Schliche kommen wird – allerdings sind Finley und Dunn ärgerlich effizient und kommen ihnen schneller auf die Spur, als sie erwartet hätten. Es gibt natürlich eine Menge unerwartete Wendungen – man weiß nicht mehr so genau, wer jetzt einfach nur erpressbar, wer böse und wer richtig böse ist.

Crisis - Francis Gibson (Dermont Mulroney)  Photo: NBC

Crisis – Francis Gibson (Dermont Mulroney) Photo: NBC

Das ist vermutlich genau der Fehler, den die Produzenten dieser Serien gemacht haben: Dieses Immer-noch-einen-drauf-setzen-müssen in aktuellen Action- und Thriller-Serien geht inzwischen offenbar nicht nur mir Nerven, denn die Serie wurde aufgrund schwacher Quoten nach einer Staffel eingestellt. Dabei fand ich die Idee an sich gar nicht schlecht und es sind auch eine ganze Reihe guter Darsteller an Bord. Vielleicht hätten die Crisis-Macher einfach ein paar Nummern kleiner denken und dafür ihre Figuren interessanter gestalten sollen – durchgeknallte Psychopathen, die größenwahnsinnige Taten begehen, hat man nun wirklich genug gesehen, genau wie unkaputtbare Helden, die niemals aufgeben.

Interessant sind doch die normalen Menschen, die anfangen, Dinge zu tun, die irgendwann nicht mehr normal sind – aber wo ist die Grenze? Und was passiert, wenn sie überschritten wird? Das ist es, was die einsame Größe von Serien wie Breaking Bad oder Better Call Saul ausmacht: Hier haben wir ambivalente Figuren, die sich ständig weiter entwickeln und sowohl im Guten als auch im Bösen überraschen – vor allem auch sich selbst.

Hier ist Crisis halt doch ähnlich schwach wie The Following, The Blacklist, und ja, auch die späteren Staffeln Homeland, die zwar von der Handlung her dick auftragen und in vielerlei Hinsicht übertreiben, am Ende aber nicht wirklich überraschen können. Zumindest nicht positiv.

Crisis - Beth Ann Gibson (Stevie Lynn Jones)  und Kyle Devore (Adam Scott Miller) Photo: NBC

Crisis – Beth Ann Gibson (Stevie Lynn Jones) und Kyle Devore (Adam Scott Miller) Photo: NBC

Run All Night

Weil ich den Kinostart nicht erwarten konnte, musste ich mir unbedingt schon gestern Abend Run All Night ansehen. Dieser Zwitter aus Action-Reißer und Familiendrama ist nach Unknown Identity und Non-Stop der dritte Film von Jaume Collet-Serra mit Liam Neeson in der Hauptrolle. Ich kann nicht sagen, dass ich ein großer Fan von Action-Filmen mit (und auch ohne) Liam Neeson bin, obwohl ich den als Schauspieler in anderen Rollen meist ziemlich gut finde.

Unknown Identity habe ich damals in erster Linie angesehen, weil der Film in Berlin spielt. Aber wie so oft bei Berlin-Filmen gab es zwar eine Menge Berliner Sights zu sehen, aber natürlich waren die unterschiedlichsten Orte grotesk zusammengeschnitten, so dass jeder Ortskundige gleich weiß, dass es nur um die Kulisse, nicht um die Realität geht. Die Geschichte an sich war gar nicht so schlecht, Verschwörungsthriller mit ein paar überraschenden Wendungen, aber insgesamt hat mich der Film nicht vom Hocker gerissen. Deshalb habe ich mir Non-Stop dann gar nicht angesehen.

http://runallnightmovie.com/

Shawn Maguire (Ed Harris) und Jimmy Conlon (Liam Neeson) sind alte Freunde. Bild: http://runallnightmovie.com/

Run All Night ist auch kein Meisterwerk, um das gleich vorweg zu nehmen, aber das ist in diesem Fall egal, denn den Film habe ich mir angesehen, weil Joel Kinnaman den Sohn des Protagonisten spielt. Seit ich Kinnaman als Johan Westlund in Easy Money gesehen habe, bin ich bekennender Kinnaman-Fan – Joel ist einfach ein toller Schauspieler. Und er als Michael Conlon ist natürlich auch wieder sehr gut.

Die Geschichte ist ziemlich übersichtlich: Jimmy Conlon (Liam Neeson) ist ein alter Gangster, der sein Leben vergeigt hat – sein Sohn hasst ihn für das, was er ist, seine Freunde sind tot oder haben sich von ihm abgewendet, nur sein Chef und Weggefährte Shawn Maguire (Ed Harris) hält noch zu ihm. Das ist auch kein Wunder, denn Jimmy hat für Shawn ja auch immer die Dreckarbeit gemacht. Die unter anderem darin bestand, unliebsame Leute umzubringen.

Jimmy wird deshalb auch der Totengräber genannt. Und der aufrechte Bulle Detective Harding (Vincent D’Onofrio) will Jimmy zum Ende seiner langen Karriere unbedingt noch rankriegen, eben weil er so viele Menschen auf dem Gewissen hat und dank des einflussreichen Maguire dem Knast immer wieder entkommen konnte. Mike dagegen ist ein guter Bürger, Vater und Ehemann – er hat eine schöne und schwangere Frau, zwei hübsche kleine Töchter. Mike hätte gern eine Karriere als Profi-Boxer gemacht, aber er hatte eben nicht den nötigen Killerinstinkt und schlägt sich jetzt auch als Chauffeur durch, weil ein Mann halt tun muss, was er tun muss. Auch wenn der Job öde ist und nicht viel einbringt. Lieber sauber bleiben.

Mike Conlon (Joel Kinnaman) in Box-Club. Bild: https://postmediacanadadotcom.files.wordpress.com

Mike Conlon (Joel Kinnaman) in Box-Club. Bild: https://postmediacanadadotcom.files.wordpress.com

Das predigt Mike auch den Jungs im Box-Club für benachteiligte Jugendliche, wo er sich in seiner Freizeit engagiert. Was sich am Ende auch als seine Rettung erweist, denn sein spezieller Schützling war zu Beginn dieser einen, verhängnisvollen Nacht zufällig auch vor Ort. Und er ist der einzige, der Mike entlasten kann, nachdem alles von Maguires Leuten so hingedreht wurde, dass Mike und sein Vater Jimmy als eindeutige Täter eines Verbrechens dastehen, das eigentlich von Shawn Maguires Sohn Danny (Boyd Holbrook) verübt wurde.

Mit einem schief gegangenem Geschäft von Danny nimmt das Verhängnis seinen Lauf: Mike chauffiert zwei Albaner zu Dannys Wohnung, die ihr Geld wieder haben wollen. Natürlich geht das schlimm aus, Danny und sein Kumpel knallen die Typen ab – und weil Mike zufällig Zeuge geworden ist, wollen sie ihn auch beseitigen. Aber der gut trainierte Sportler kann knapp entkommen und wird schließlich von seinem verhassten Vater gerettet, indem der Danny abknallt.

Es geht also einerseits um einen klassischen Vater-Sohn-Konflikt, bei dem der verhasste Vater seinen störrischen Sohn dazu bringen muss, ihm jetzt, wo es um Leben und Tod geht, wenigstens eine Nacht lang zu vertrauen. Andererseits geht es um eine alte Freundschaft oder eher um bisher nie infrage gestellte Loyalität: Wie wir durch einen Kurzauftritt von Nick Nolte (als Onkel Eddie) erfahren, hat Jimmy sogar einen seiner Cousins getötet, weil Shawn es verlangt hat.

Jimmy (Liam Neeson) will seinen Sohn Mike (Joel Kinnaman) beschützen. Bild: http://runallnightmovie.com

Jimmy (Liam Neeson) will seinen Sohn Mike (Joel Kinnaman) beschützen.
Bild: http://runallnightmovie.com

Shawn und Jimmy waren zusammen im Krieg, sie waren zusammen in der Scheiße, sie haben sich ewige Treue geschworen. Und nun ist das Undenkbare geschehen: Jimmy musste Shawns Sohn erschießen, um seinen eigenen Sohn zu retten. Griechische Tragödie Hilfausdruck. Und da hilft auch alles Betteln und Zetern nicht: Shawn will seinen Sohn alttestamentarisch rächen: Sohn gegen Sohn. Dem ist total Wurscht, dass Mike eigentlich ein Unbeteiligter ist. Also muss der alte Säufer Jimmy ein letztes Mal zu Hochform auflaufen, um seinen Sohn zu retten – der weiterhin störrisch bleibt und nicht einsieht, warum er sich retten lassen sollte: Als guter Bürger setzt er auf die Polizei.

Und ist deshalb fassungslos, als er feststellen muss, dass die Bullen sich überhaupt nicht für seine Version der Geschichte interessieren, sondern ihn gleich als Verdächtigen behandeln: Er ist der Sohn eines notorischen Verbrechers, also muss er auch ein Verbrecher sein und sie gehen entsprechend mit ihm um. Mike kapiert erstmal nicht, dass dieses System korrupt ist. Zum Glück schafft Jimmy es, ihn auch da raus zu holen, aber jetzt sieht es erst recht schlecht für die beiden aus.

Und das setzt sich über weitere Eskalationsstufen fort – genau das aber ist, was mich an dieser Sorte Actionfilmen auch so nervt: Es wird alles überdreht. Es reicht ja nicht, dass die Maguire-Mafia und die Bullen hinter den Conlons her sind, Shawn musste natürlich auch noch einen psychopathischen Superkiller auf die beiden ansetzen.

Run All Night: Detective Harding (Vincent D'Onofrio) . Bild: http://runallnightmovie.com/

Run All Night: Detective Harding (Vincent D’Onofrio) .
Bild: http://runallnightmovie.com/

Sorry, aber diese Sorte Thrill finde ich richtig scheiße. Vermutlich finde ich deshalb doch die ökonomischen skandinavischen Krimis besser, in denen es zwar auch extrem schlimme Geschichten, aber einfach weniger teure Action gibt. Run All Night hat eine ganze Menge teuer Action, auch ein wenig subtile Action, aber mir persönlich ist das alles zu dick aufgetragen. Mir ist ein geringeres Budget bei mehr Originalität ohnehin immer lieber. Aber okay, es handelt sich hier nicht um das schwedische Easy Money, sondern um das US-amerikanische Run All Night.

Und somit geht es letztlich gut aus: Jimmy schafft es mit allerletzter Kraft und der letzten Patrone, seinen Sohn – und damit sich selbst – zu retten. Er darf vor Mike sterben. Und für Mike geht das Leben weiter: Er musste nicht zum Mörder werden, sondern darf nach dieser denkwürdigen Nacht in sein altes Leben zurück. Er begleitet seinen Box-Schützling zu einem ersten Sieg im Ring und zieht sich danach, wie schon am Anfang des Films, für seinen Job den dunklen Anzug und das weiße Hemd an. Normalität. Puh, alles noch einmal gut gegangen. Aber ganz ehrlich: Ist es das wirklich?!

Run All Night: Michael Conlon (Joel Kinnaman) Bild: http://runallnightmovie.com/

Run All Night: Michael Conlon (Joel Kinnaman)
Bild: http://runallnightmovie.com/

Bei dem Thema hätte es durchaus noch mehr Drama und weniger Action sein können. Und die derzeitige Mode, die Orte der Handlung in Google-Earth-Manier heranzuzoomen, geht mir auch zunehmend auf die Nerven. Es ist ja toll, was in Sachen Computer-Animation heutzutage alles möglich ist, aber ein guter Schnitt von einem Schauplatz zum nächsten ist mir lieber als dieses Herumbewege im dreidimensionalen Raum. Mag sein, dass das den Computerspielern gefällt, aber ein Film sollte meiner Meinung nach ein Film bleiben und kein Computerspiel sein wollen – insbesondere, wenn es sich nicht um die Verfilmung eines Computerspiels handelt. Das wäre dann natürlich etwas ganz anders.

Wobei ich die Kamerafahrt der ersten Einstellung des Films gut fand: Jimmy liegt auf dem Waldboden und kommt langsam zu sich, und der Zuschauer bekommt gleich eine Ahnung, wie er sich fühlt: alles um ihn herum dreht sich. Und dann erinnert sich Jimmy, wie er hierher gekommen ist – und der Film geht los. Ob man ihn mag oder nicht, ist Geschmacksache. Wer kein ausgesprochener Liam-Neeson- oder Joel-Kinnaman-Fan ist, wird vermutlich nicht so richtig zufrieden sein, den für echte Actionfans ist dann am Ende doch zu wenig Krawumm zu sehen. Wer ein Mafia-Drama à la The Drop erwartet hat, wird auch enttäuscht, und Freunde des düsteren Familien-Dramas werden die psychologische Raffinesse vermissen. Fazit: Kann man sich ansehen, muss man aber nicht.

Run All Night: Jimmy (Liam Neeson) und Mike (Joel Kinnaman) sind am Ende ihrer Weisheit... Bild: http://runallnightmovie.com/

Run All Night: Jimmy (Liam Neeson) und Mike (Joel Kinnaman) sind am Ende ihrer Weisheit…
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