Buster’s Mal Heart: Schicksal ist ein Arschloch

Ein Film, auf den ich lange gewartet habe, ist Buster’s Mal Heart – einer von diesen „kleinen“ US-Indipendet-Filmen, die hierzulande nie ins Kino kommen, auch wenn sie auf zahlreichen Indipentent-Festivals erfolgreich gelaufen sind. Erfreulicherweise erscheint der Film jetzt auf Amazon Video und iTunes – und ich habe keine Kosten und Mühen gescheut, den Film schon einmal vorab zu sichten. Und es gleich vorweg zu nehmen: Ein Publikumsrenner wird dieser Film vermutlich nicht, dazu ist der Plot viel zu verschroben.

Aber – schlecht finde ich ihn wirklich nicht, Buster’s Mal Heart erinnert mich sehr an die eigenartigen Filme von Herbert Achternbusch – es geht um Identität, kosmische Missgeschicke, Liebe, Schicksal, Pflichterfüllung, das Elend mit der Freiheit und der Frage, wie man denn leben soll, wenn man die meiste Zeit damit beschäftigt ist, einen blöden Job machen zu müssen, weshalb man das eigentliche Leben verpasst. Daraus lässt sich schon ein sehenswerter Film stricken – und die Autorin-Regisseurin Sarah Adina Smith macht aus einem vergleichsweise schmalen Budget und wenigen Drehtagen eine ganze Menge.

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Der eine oder die andere wird sich Buster’s Mal Heart ohnehin schon allein deshalb ansehen, weil Mr. Robot mitspielt – der fleißige Rami Malek war zwar schon in einer ganzen Reihe von zum Teil durchaus bekannten Filmen als Nebendarsteller zu sehen, aber hier hat er seine erste Hauptrolle in einem Spielfilm – und er ist auch fast in allen Szenen zu sehen.

Und erstaunlich viel erinnert dann doch an Mr. Robot – der Protagonist Jonah ist nämlich zwei Männer: Zum einen ein mexikanischer Seemann, der nach einem Sturm 1000 Tage in einem winzigen Rettungsboot auf dem Meer treibt, zum anderen ein junger Familienvater, der endlose Nachtschichten in einem Hotel am Arsch der Welt – der sich in diesem Fall in Montana befindet – schiebt, um seine Familie zu ernähren. Die da sind seine junge Frau Marty (Kate Lyn Shell) und ihre niedliche kleine Tochter Roxanne (Sukha Belle Potter).

Marty und Jonah lieben sich, soviel wird klar, und Roxanne ist ein wirklich süßes kleines Kind. Die drei leben bei Martys Eltern, die es mit dem Christentum haben – keine Ahnung, welche der unzähligen Spielarten amerikanischer christlicher Sekten das ist, aber die tatkräftigen Christen haben Marty geholfen, von ihrer Drogensucht wieder loszukommen, und sie haben irgendwie auch Jonah akzeptiert, diesen Latino, den ihre Tochter angeschleppt hat. Über dessen Herkunft erfahren wir nicht viel, außer, dass er Spanisch spricht, was er auch versucht, seiner Tochter beizubringen – was die Schwiegereltern gar nicht so gut finden, das Kind soll doch lieber erstmal richtig Englisch lernen.

Und auch Jonah scheint keine astreine Vergangenheit zu haben – als sein Kollege, der die Tagschicht machen darf, Jonah fragt, wie er denn an diesen Job gekommen sei, wenn er nicht mal einen Highschool-Abschluss habe, antwortet Jonah, dass er dem Chef (der natürlich auch zu dieser christlichen Gemeinde gehört) sein Vorstrafenregister gezeigt hätte.

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Wir erfahren nicht, was Jonah verbrochen hat, aber wir sehen dabei zu, wie er sich redlich bemüht, seinen Job zu machen und gleichzeitig auch noch ein liebender Familienvater zu sein. Und er wie er daran scheitert – mechanisch wie ein Roboter erledigt er seine Arbeit, um dann völlig übermüdet zu Frau und Kind heimzukehren. Jonah träumt von einem ganz anderen Leben, er will ein Stück Land kaufen, ein Haus bauen und dort das eigentliche, richtige Leben verwirklichen, von dem er träumt. Aber Marty holt ihn auf den Boden der Tatsachen zurück: „Du weißt doch überhaupt nicht, wie man ein Haus baut!“

Und es stellt sich im Lauf der Geschichte heraus, dass Jonah auch keine Ahnung davon hat, wie man in der Natur überlebt. Was ihm sein mexikanisches Alter Ego auf See voraus hat – der überlebt, er trinkt seinen eigenen Urin und fängt Fische, auch wenn er Gott verflucht und bittet, ihn jetzt endlich sterben zu lassen, weil man so ja auf Dauer nicht leben kann. Jonah hingegen überlebt, in dem er in luxuriöse Ferienhäuser einbricht, die reiche Leute in den Bergen von Montana haben. So richtig autark ist das nicht, immerhin er genießt den vorübergehenden Luxus sichtlich. In seinem jeweiligen Quartieren dreht er alle Familienbilder auf den Kopf und telefoniert mit Sex- und Radiohotlines, um seine Botschaft zu verkünden: Das Ende der Welt ist nah – also der Welt, die wir so kennen, wie sie ist. Die zweite Inversion steht bevor, bei der sich alles auf den Kopf stellt.

Das entspricht ziemlich genau der Hysterie, die vor der Jahrtausend-Wende grassierte, Y2K, das Jahr-2000-Problem. An das kann ich mit gut erinnern, schließlich war ich damals in meinen sehr frühen Dreißigern. Ich hatte das damals nicht dermaßen ernst genommen, schließlich stamme ich aus einer Generation, die in der Hochzeit des kalten Krieges mit der Angst aufgewachsen ist, dass ihre Welt innerhalb von Minuten von einem Atomkrieg pulverisiert wird.  Davor hatten wir die ganze Zeit Angst, und das war keineswegs unrealistisch. In Deutschland lebten wir schließlich auf dem wahrscheinlichst anzunehmenden Schlachtfeld einer solchen Auseinandersetzung. Da war Y2K ein Klacks gegen. Was ja auch zutraf.

Aber das hat in Buster’s Mal Heart eher eine anekdotische Funktion. Immerhin, die Geschichte spielt in den späten 90ern, also kurz vor Y2K, und während einer dieser quälend endlosen Nachtschichten im Hotel taucht ein rätselhafter Typ (DJ Qualls) auf, der Jonah seinen Namen nicht verraten will, aber behauptet, der letzte freie Mensch der Welt zu sein. Und nebenbei ist er ein Computer-Spezialist. Und als solcher habe er Sachen gesehen – CIA, FBI, Pentagon, da läuft eine ganz, ganz üble Scheiße und die Menschen werden alle verarscht. Immer.

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Jonah saugt die Worte dieses zweifelhaften Propheten auf, sei es, weil ihm einfach sterbenslangweilig ist, sei es, weil er tatsächlich an diesen Scheiß glauben will, weil er sich ein anderes Leben und eine andere Welt wünscht, auch wenn er nicht so richtig kapiert, was eigentlich falsch läuft – Jonah beschäftigt sich mit diesem ganzen Zeug und lässt es sich einleuchten. Und er versucht weiterhin ein guter Mensch zu sein, was sein Chef irgendwann auch honoriert, in dem er Jonah zwar nicht von der ungeliebten Nachtschicht befreit, aber ihm immerhin anbietet, dass seine Frau und Tochter eine Weile in dem ohnehin nicht besonders frequentierten Hotel wohnen können, damit Jonah sie ab und zu auch mal im wachen Zustand sehen kann.

Das ist erst einmal ganz nett – für Marty und Roxanne fühlt es sich wie ein Ferienaufenthalt an und Jonah ist auch ganz happy, die drei vergnügen sich (sittsam!!!) im Hotelpool, Jonah kann zumindest theoretisch endlich Job und Familie unter einen Hut bringen – doch dann taucht dieser Fremde wieder auf. Er sieht ziemlich ramponiert aus, und der gutmütige Jonah gibt ihm unerlaubterweise eine Schlüsselkarte, obwohl der Fremde nach wie vor keine ID vorweisen will. Klar, das hätte Jonah besser nicht getan.

Okay, für diesen Spoiler würden mich meine Kinder auch schon wieder killen, aber die lesen ja meinen Blog nicht. Vermutlich. Für Jonah geht die Sache nicht gut aus, auch wenn er tapfer gegen das Unausweichliche ankämpft und versucht, später selbst als gesuchter Schwerverbrecher und Outlaw noch ein netter Mensch zu sein. Aber das ganze Universum scheint sich gegen ihn verschworen zu haben – letztlich erweist sich seine Existenz als epischer Fehler im kosmischen System: Irgendwo ist irgendetwas kolossal schief gelaufen. Aber weder der verzweifelte, aber doch zäh an seinem Leben hängende Schiffbrüchige auf dem Meer, noch der zum verrückten Buster mutierte Jonah geben auf, sie kämpfen bis zum Schluss – und am Ende gibt es zumindest für einen von ihnen eine versöhnliche Wendung.

Wer auf Filme mit ausgefeilten Plots steht, in denen am Ende immer alles erklärt wird, wird mit diesem Film vermutlich nicht glücklich. Womit ich nicht sagen will, dass dieser Film keinen ausgefeilten Plot hätte – die Geschichte an sich gefällt mir ziemlich gut, allerdings gleicht der Film einem Puzzle, dessen Teile sich der Zuschauer beim Ansehen selbst zusammensetzen muss. Liebhaber von mehrdeutigen, diffusen Geschichten werden hier viel besser bedient – wobei ich das alles gar nicht dermaßen rätselhaft finde. Es gibt eine Menge Andeutungen und Querverweise, der Film verlangt allerdings eine gewisse Aufmerksamkeit. Was mir gefällt ist, dass es keine dieser abgefuckten Hollywoodgeschichten ist, in denen mit viel Ironie und noch mehr Zynismus eine klassische Heldengeschichte auf den Kopf gestellt wird – das ist ja dieses ganze nervige Antihelden-Helden-Kino, das in den aktuellen Blockbustern abgefeiert wird.

Jonah ist einfach ein Mensch, der versucht, das Beste aus einer Situation zu machen, in die man besser nicht geraten will – die man aber doch wieder erkennt: Die allermeisten von uns müssen mit einem Job klar kommen, den sie eigentlich gar nicht machen wollen, aber machen müssen, weil auf allem, was man zum Leben braucht, ein verdammtes Preisschild klebt. Und das ist ja noch die freundliche Variante, die das Arschloch von Schicksal bereit hält – Jonahs Alter Ego auf hoher See würde wahrscheinlich nur zu gern mit Jonah und seinen Nachtschichten tauschen, wenn er nur die Gelegenheit dazu hätte.

Aber dann schlägt diese Bitch von Schicksal Jonah doch wieder dermaßen, dass vielleicht der mexikanische Seemann doch noch besser dran ist – mir fällt da spontan die Geschichte von diesem Rabbi ein, der über Land wanderte und bei einem freundlichen Bauern-Pärchen einkehrte. Die Bauersleute bewirteten ihn gut, aber am nächsten morgen lag ihre beste Kuh tot im Stall. Und als der Bauer fragte, womit er das verdient hätte, wo er doch die Regeln der Gastfreundschaft so vorbildlich eingehalten hätte, gab ihm der Rebbe die Antwort, dass eigentlich beschieden war, dass seine Frau hätte sterben sollen. Aber weil sie so gut zu dem Fremden gewesen waren, hätte es nur die Kuh getroffen. busters-mal-heart-movie-trailer-images-stills-rami-malek4

Diese Geschichte habe ich immer gehasst, genau wie das Buch Hiob und alle diese anderen üblen Geschichten aus der Bibel, in denen es darum geht, wie Gott uns Menschen prüft. Was für ein grausames, zynisches Arschloch. Das Leben ist unendlich beschissen. Aber wir haben nur dieses eine, beschissene Leben, insofern lohnt es sich daran festzuhalten und zu versuchen, auf dieser Erde das Beste draus zu machen. Auch wenn man keine Ahnung hat, wie man das anstellen soll.

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13 Reasons Why: Tod einer Schülerin

Eine Serie, um die man derzeit kaum herumkommt, ist die Netflix-Serie 13 Reasons Why – die in der deutschen Version schon mit dem typisch doofen deutschen Titel ist „Tote Mädchen lügen nicht“ abschreckt. (Gibt es eigentlich ein Gesetz, nachdem ausländische Produktionen mit möglichst dummen deutschen Titeln versehen werden müssen? Man könnte fast den Eindruck bekommen…) Nun ist eine Teenie-Serie auch sonst nicht unbedingt meine erste Wahl, zumal meine eigenen Kinder schon wieder aus dem Teenie-Alter heraus sind. Und mit der überall gehypten Teenie-Retro-Serie Stranger Things konnte ich ja auch nichts anfangen.

13 Reasons Why - Bild: Netflix

Bild: Netflix

Deshalb hatte ich mir mit 13 Reasons Why Zeit gelassen – aber nachdem mich inzwischen etliche Leute mit einem ungläubigen „Was, das hast du noch nicht gesehen – aber du hast doch Netflix?!“ überraschten, musste ich dann doch mal reinschauen. Zumal weltweit Pädagogen- und Jugendschutzvereine vor dieser Serie gewarnt haben, was mich neugierig machte: Was kann an einer extra für Jugendliche produzierten Jugendserie denn so schlimm sein, dass Teenager sie sich nicht alleine ansehen sollten?

Nun ja, darüber kann man ganz offensichtlich geteilter Meinung sein. Ansehen kann man sie aber auf jeden Fall, denn die Serie ist alles in allem ziemlich gut – auch wenn ich sie nicht dermaßen verstörend finde. Aber klar, ich bin ja auch kein depressiver Teenager mehr. Das ist schon ziemlich lange her – aber an die Zumutungen, Übergriffe und Verletzungen, denen man als junger Mensch in dieser Welt ausgesetzt ist, erinnere ich mich noch immer sehr genau. Genau dieser Aspekt wird in der Serie auch sehr gut beschrieben, und ich finde genau deswegen sollten sich junge Menschen diese Serie ansehen: Hannahs Schicksal ist nämlich kein extremer Einzelfall, sondern grausame Realität für sehr viele, nur dass nicht alle zu dermaßen extremen Konsequenzen greifen, um den Zumutungen, die das Leben vor allem für die eher Stillen und Reflektierten unter uns bereithält, zu entkommen.

13 Reasons Why - Hannah Baker (Katherine Langford) Bild: Netflix

13 Reasons Why – Hannah Baker (Katherine Langford) Bild: Netflix

In den dreizehn Folgen der ersten Staffel (eine zweite wurde bereits in Auftrag gegeben) wird beschrieben, wie sich der Alltag der eigentlich recht hübschen und intelligenten siebzehnjährigen Hannah Baker innerhalb eines Schuljahres zu einem Alptraum entwickelt, aus dem Hannah schließlich keinen anderen Ausweg mehr findet, als diesem unerträglich gewordenen Leben ein Ende zu setzen, um wieder Souveränität über ihre Handlungen und sich selbst zu gewinnen.

Mein wichtigster Kritikpunkt vorab: Ein Mädchen, das so abgebrüht und raffiniert ist, posthum mit einem Karton voller selbstaufgenommener Kassetten das Leben sämtlicher Menschen in seinem Umfeld zu ruinieren, würde nie und nimmer Selbstmord begehen. Insofern ist ausgerechnet der Hauptcharakter der Serie genau betrachtet nicht besonders glaubwürdig. Eine solche Hannah Baker brächte sich höchstens aus Bosheit um, nicht aber aus Einsamkeit und Verzweiflung. Natürlich verstehe ich den dramaturgischen Kunstgriff des Autors – die Serie beruht auf einem in den USA wohl sehr erfolgreichen Jugendbuches von Jay Asher, das vor zehn Jahren erschienen ist. Hannah kommt eine Doppelrolle zu: Einerseits ist sie die allwissende Erzählerin im Hintergrund, die nach und nach die perfiden Mechanismen in ihrer Umgebung aufdeckt, mit denen die einen den anderen das Leben zur Hölle machen.

13 Reasons Why - Clay Jensen (Dylan Minette) Bild: Netflix

13 Reasons Why – Clay Jensen (Dylan Minette) Bild: Netflix

In ihrer anderen, eigentlichen, Rolle ist Hannah das Opfer von leider ziemlich alltäglichen Mobbingroutinen, die durch das ungünstige Aufeinandertreffen von dummen Spielchen und blöden Zufällen allmählich aus dem Ruder laufen. Hannah will in ihrer neuen Schule einfach dazugehören, Spaß mit Freundinnen haben, die große Liebe ihres Lebens finden und irgendwie diese blöde Schulzeit hinter sich bringen – und um dazuzugehören, muss man immer wieder Dinge tun, die man eigentlich gar nicht tun will. Aber da ist dieser ätzende Gruppenzwang. Und es ergeht den anderen ja nicht besser: Sie alle stehen unter dem Druck, ihren jeweiligen Rollen gerecht werden zu müssen. Und das sind ganz unterschiedliche – die Eltern wollen dieses, die Lehrer jenes, die Freunde noch etwas anderes und das kleine, zarte Ich bleibt irgendwie auf der Strecke, sofern es nicht in der Lage ist, die Ziele der anderen zu den eigenen zu machen.

Beim Ansehen dieser Serie fragte ich mich einmal mehr, wie ich eigentlich meine Schulzeit überlebt habe. Die ist zwar mehr als dreißig Jahre her, aber dermaßen viel hat sich offenbar nicht geändert, klar geht es an einer US-Highschool heutzutage ein bisschen anders zu als an einer deutschen Gesamtschule Anfang der 80er Jahre – vor allem sind durch die allgegenwärtigen Smartphones noch ganz neue und sehr effektive Mobbingmethoden dazugekommen. Aber andererseits ist es dann doch nicht so viel anders: Es gibt die coolen Leute, die auf dem Schulhof das Sagen haben und bestimmen, wer dazu gehört und wer nicht, es gibt die Schläger, denen man besser aus dem Weg geht, es gibt die schüchternen und die trotzigen Verlierer, genau wie es die Streber gibt, die in Ruhe gelassen werden, weil sie die Lieblinge der Lehrer sind, und die Opportunisten, die sich geschickt durchwurschteln, gern auch auf Kosten anderer. Und dann gibt es noch die Mauerblümchen, die in Ruhe gelassen werden, weil sie kaum jemand wahrnimmt.

13  Reasons Why - Hannah und die blöden Jungs

Eins zeigt die Serie jedenfalls ziemlich drastisch: Das Leben eines Teenagers kann eine verwirrende und blutige Hölle sein. Da mussten sich die Serienmacher gar nicht viel ausdenken, sondern einfach nur draufhalten. Auch wenn die Handlung insgesamt zuweilen doch etwas überkonstruiert ist – Hannah hat eigentlich nur Pech mit der Auswahl ihrer Freunde und der einzige Junge an der ganzen Schule, der kein komplettes Arschloch ist, kapiert leider erst zu spät, das er Hannah hätte helfen können. Wobei Clay natürlich selbst auch nur ein verwirrter Teenager ist, der mit seinen widersprüchlichen Gefühlen ebensowenig umgehen kann, wie Hannah das konnte. Und Hannah ist manchmal aber auch ganz schon blöd – ab und zu will man sie einfach an den Schultern packen und zusammenstauchen: Liebe Hannah, jetzt krieg dich mal ein, es geht halt nicht immer nur um dich. Du bist nicht am kompletten Unglück der Welt schuld, manchen Dinge passieren eben. Klar hast du das alles nicht verdient, aber es geht nun mal nicht gerecht in der Welt zu. Das ist beschissen und es ist schwer, damit klar zu kommen, aber genau das musst du lernen. Reg dich auf, okay, aber komm wieder runter und mach weiter. Andern geht es genau schlecht so wie dir. Und die erwarten auch nicht, dass die Welt für sie still steht. Die stehen wieder auf und machen weiter.

13  Reasons Why - Jessica Davis (Alisha Boe) Bild: Netflix

Andererseits ist Hannah aber auch nicht nicht dumm, im Gegenteil,  sie beobachtet sehr genau, was um sie herum vor geht und kann das gut in Worte fassen, etwa beim Info-Tag an ihrer Highschool, bei dem verschiedene Institutionen über all die tollen Möglichkeiten informieren, die den Absolventen nach dem Schulabschluss zur Verfügung stehen: „Nachdem uns jetzt jahrelang gesagt wurde, was wir zu denken haben, wann wir aufs Klo dürfen und wie wir uns benehmen sollen, müssen wir plötzlich total wichtige Entscheidungen ganz allein treffen – woher soll ich denn wissen, was ich später einmal machen will?!“ Zumal Hannah auch schnell realisiert, dass die schier unendliche Anzahl der Möglichkeiten schnell dramatisch eingeschränkt wird, wenn man nicht so die superguten Schulnoten und keine reichen Eltern hat.

Hannahs Eltern kämpfen mit ihrem Drugstore ums Überleben – der übermächtigen Walplex mit längeren Öffnungszeiten und niedrigeren Preisen bedroht ihre Existenz, und die feinfühlige Hannah begreift sich als Teil des Problems und nicht der Lösung: Sie will ihren Eltern nicht auf der Tasche liegen. Und Hannah hat eigentlich ganz liebe Eltern, die zwar ihre Probleme haben, aber vieles für ihre Tochter tun würden, wenn sie nur wüssten, was. Das wiederum ist ein Punkt, den ich gut finde: Hier sind es eben nicht die zu ehrgeizigen oder zu gefühlskalten Eltern, die ihr Kind in den Tod treiben, was ja ein gern bemühtes Klischee ist, wenn Kinder nicht so funktionieren, wie die Gesellschaft das gern hätte. Sondern Hannahs eigentlich sehr wohlmeinende Eltern müssen realisieren, dass ihre Tochter trotz aller Elternliebe ein ganz anderes Leben erlebt und erlitten hat, als sie ihr gewünscht hätten.

13  Reasons Why - Hannahs Eltern (Bryan D'Arcy James als Andy Baker und Kate Walsh als Olivia Baker) Bild: Netflix

Und es werden durchaus auch Versager-Eltern gezeigt, etwa die von Justin Foley, dessen unfähige und labile Mutter unter der Fuchtel ihres neuen Freundes steht, der Justin immer wieder bedroht und schikaniert. Der wiederum deshalb auf seinen reichen Freund und Gönner Bryce Walker angewiesen ist, der Justin zwar mit allem versorgt, was er für den Schulalltag so braucht, sich aber nach und nach als das führende Oberarschloch entpuppt, das Hannah in den Tod getrieben hat. Bryce ist eines von diesen Reichen-Kindern, die denken, dass die ganze Welt nur dazu da ist, ihnen den Hintern abzuputzen. Er nimmt sich einfach, was ihm seiner Ansicht nach zusteht und kommt gar nicht auf die Idee, zu fragen, ob das auch okay ist.

Insgesamt werden eine Menge Klischees bemüht, aber letztlich gibt es diese Typen ja alle wirklich, den verständnisvollen schwulen besten Freund Tony, die ehrgeizige Cheerleader-Tussi Sheri, das rebellische Mädchen Skye, das anders als Hannah zu ihrem Anderssein steht, aber auch die heimliche Lesbe Courtney, die lieber Hannah vor den Bus schubst, als zugeben, dass sie nicht der Norm entspricht, von der sie so viel hält, dass sie quasi über Leichen geht, um sie zu erfüllen. Nicht der Norm zu entsprechen, ist eben ein Makel und der haftet so einigen an, etwa dem schüchternen Stalker Tyler, der seine Unfähigkeit, Anschluss zu finden, damit kompensiert, die anderen zu heimlich beobachten, oder dem Polizistensohn Alex, der gern ein Rebell wäre, sich aber nicht traut, einer zu sein – wobei Alex noch einer von denen ist, die zumindest gelegentlich sagen, was sie wirklich denken. Und dann gibt noch die genau wie Hannah am Leben und an den Jungs verzweifelte Jessica, die anders als Hannah zur Flasche statt zur Rasierklinge greift, weil sie nicht damit klar kommt, dass sie auf einer Party missbraucht wurde. Natürlich ist trinken auch keine Lösung, aber immerhin stirbt sie nicht gleich daran, sondern sie (und ihr Freund) bekommen die Chance, diese Sache zu verarbeiten und zu überwinden. Diese Chance hat sich Hannah genommen, in dem sie sich umgebracht hat.

13  Reasons Why -Tony Padilla (Christian Navarro) und Hannah im Ballkleid Bild: Netflix

Selbstmord wird hier keineswegs glorifiziert, es ist halt keine schöne Sache, jemanden umzubringen, auch wenn der Mörder selbst das Opfer ist. Es wird sehr nüchtern gezeigt, wie Hannah das durchzieht – sie zieht sich sogar extra alte Klamotten an, mit denen sie in die Wanne steigt, weil sie offenbar nicht nackt gefunden werden will. Und es tut weh, als sie sich die Unterarme aufschlitzt, sie macht das aber richtig, nicht quer schneiden, sondern längs, und zwar mehrfach, das ist auch mit den Klingen aus dem Drugstore ihrer Eltern nicht so einfach. Bei der Menge an sehr viel blutigeren Morden, die durchschnittliche Teenager in anderen Serien, Filmen oder Videospielen ohnehin bereits gesehen haben, finde ich es ziemlich heuchlerisch, dass gewisse Menschen nun vor Sorge außer sich sind, dass ausgerechnet diese prosaische Szene dazu führen soll, dass sich reihenweise junge Menschen umbringen – klar, es gibt den Werther-Effekt, aber wer sich umbringen will, findet auch ohne diese Serie Anregungen genug. Ich erinnere mich, dass es zu meiner Schulzeit eine ähnliche Diskussion um die ZDF-Serie Tod eines Schülers gab. Der Sechsteiler zeigte die Geschichte eines vielversprechenden Abiturienten, der sich politisch engagiert und damit seine vorgezeichnete Karriere als Mediziner aufs Spiel setzt – und sich am Ende vor einen Zug wirft, weil sein Leben komplett entgleist ist. Für damalige Verhältnisse revolutionär wird die Handlung immer wieder neu aus einer anderen Perspektive erzählt, aus Sicht der Eltern, der Mitschüler, der Lehrer, der Freundin usw. Ich kann mich erinnern, dass ich damals ziemlich beeindruckt war, aber keineswegs den Impuls hatte, mich vor den nächsten Zug zu werfen.

 

13  Reasons Why - Alex Stendall (Miles Heizer) Bild: Netflix

Aber zurück zu 13 Reasons Why: Immerhin zeigt diese Serie, und vor allem der Teil nach Hannahs Selbstmord, nämlich auch, dass es zahlreiche und sehr einfache Möglichkeiten gibt, es gar nicht so weit kommen zu lassen – in dem man anderen anvertraut, dass es einem gerade nicht gut geht. In dem man genauer hinhört, wenn jemand um Hilfe bittet. In dem man mal nachdenkt, was man da eigentlich tut, wenn man sich über jemand lustig macht. In dem man eingreift, wenn man das Gefühl hat, dass irgendwas nicht stimmt. Hannah wäre vermutlich zu helfen gewesen, wenn irgendwer in ihrem Umfeld ein bisschen aufmerksamer, ein bisschen hartnäckiger gewesen wäre. So ziemlich jeder hätte etwas tun können, hat es aber aus unterschiedlichsten Gründen unterlassen.

Aber letztlich war es eben doch Hannahs Entscheidung, ihr Ding durchzuziehen. Und es wird keineswegs gesagt, dass eine gute Entscheidung oder gar die einzige Lösung gewesen wäre. Sondern es wird ziemlich gut beschrieben, wie ein Mensch überhaupt in eine ausweglos scheinende Sackgasse gerät: Leben ist scheiße. Aber man hat halt kein anderes – also bleibt nur zu versuchen, das beste draus zu machen.

This Is Us: Familienserie neu gedacht

Das, was gemeinhin unter „Familienserie“ rubriziert wird, findet meistens im Comedybereich statt, was für mich oft schon Grund genug ist, um gar nicht erst einzuschalten. Und im Bereich Drama ist die letzte wirklich gute Familienserie, an die ich mich erinnern kann, Six Feet Under gewesen, und die lief 2001 bis 2005. Okay, eigentlich sind genau besehen auch Breaking Bad, Homeland oder House of Cards irgendwie Familienserien, in denen es auch um Verbrechen, Terror und Politik geht und das gilt auch für Vikings oder Downton Abbey, nur hier halt mit historischem Hintergrund. Oder The Good Wife mit juristischem.

Insofern war einerseits überfällig, andererseits aber nicht unbedingt zu erwarten, dass eine klassische Familien-Serie noch einen Quotenhit landen kann. Doch genau das ist NBC mit This Is Us gerade gelungen. Und obwohl ich ehrlich gesagt nicht davon ausgegangen bin, dass sie mir gefallen würde – es gibt eine ganze Reihe angesagter Serien, mit denen ich einfach nicht warm werde – bin ich auf Anhieb gern in die Geschichte der Familie Pearson eingetaucht, weil sie lebensnah ist und schön erzählt wird.

This Is Us Bild: nbc.com

This Is Us Bild: nbc.com

Die Pearsons sind nämlich eine im Vergleich zu den Fishers aus Six Feet Under eine unspektakuläre Familie aus Pittsburg, sie haben kein Bestattungsunternehmen, niemandem erscheint ein toter Vater und auch vom Gender- und Queerstandpunkt aus ist sie völlig unauffällig. Familienvater Jack (Milo Ventimiglia) ist ein hart arbeitender Handwerker – wenn auch in leitender Funktion, und Rebecca (Mandy Moore) hat ihre Ambitionen (sie war, wie sich im Laufe der Handlung herausstellt, eine ziemlich gute Sängerin) für ihre drei Kinder zurückgestellt. Jack und Rebecca sind sich darin einig, dass sie ihren Kindern ein liebevolles Zuhause und einen guten Start ins eigene Leben bieten wollen – und sie lieben sich wirklich. Natürlich ist der Alltag nicht immer leicht zu bewältigen, aber Rebecca und Jack sind erstaunlich vernünftige Menschen, die versuchen, aus jeder Situation das Beste zu machen, auch wenn sie natürlich nicht immer alles richtig machen können.

Und, das ist schon besonders an den Pearson-Kindern, sie kamen im Jahr 1980 am gleichen Tag auf die Welt, der auch noch der Geburtstag ihres Vaters ist. Kevin und Kate sind die beiden Überlebenden einer Drillingsgeburt, bei der das dritte Kind verstarb. Der kleine Randall hingegen wurde von seinem Junkie-Vater vor einer Feuerwache abgelegt und ein mitleidiger Feuerwehrmann brachte den Säugling in eben jener Klinik, in der die jungen Pearson-Eltern gerade damit umgehen müssen, dass eins ihrer drei erwarteten Kinder tot zur Welt kam.

Rebecca (Mandy Moore) und Jack (Milo Ventimiglia) und ihre Drillinge Kate, Kevin und Randall. Bild: nbc.com

Rebecca (Mandy Moore) und Jack (Milo Ventimiglia) und ihre Drillinge Kate, Kevin und Randall. Bild: nbc.com

Jack und Rebecca beschließen, das fremde Baby zu adoptieren. Dadurch sind, so gut sie es meinen, gewisse Komplikationen vorprogrammiert, denn der kleine Randall ist afroamerikanischer Herkunft, während die vier anderen Pearsons weiß sind.

Die Handlung setzt am 36. Geburtstag der Geschwister ein, die inzwischen sehr unterschiedliche Leben führen: Der gut gebaute Kevin (Justin Hartley) lebt in Los Angeles und ist Hauptdarsteller in der albernen, aber erfolgreichen Familien-Sitcom „Der Manny“, in der es um eine männliche Nanny geht. Zwar kann er von der Rolle und seiner damit verbundenen Bekanntheit gut leben, aber er hat einfach keine Lust mehr auf diesen blöden Job. Seine Schwester Kate (Chrissy Metz) hingegen kämpft in einer Selbsthilfegruppe gegen ihr gewaltiges Übergewicht. Sie ist ihrem Bruder, zum dem sie eine enge Beziehung hat, offenbar nach LA gefolgt, wo sie mit verschiedenen Assistenzjobs beruflich recht erfolgreich ist.

This Is Us: William (Ron Cephas Jones) und Randall (Sterling K. Brown) Bild: nbc.com

This Is Us: William (Ron Cephas Jones) und Randall (Sterling K. Brown) Bild: nbc.com

Der dritte im Bunde, Randall (Sterling K. Brown), der immer gut mit Zahlen war, lebt in New York und ist  sowohl ein erfolgreicher Manager, als auch ein liebender Familienvater, der seiner Frau und den beiden süßen Töchtern ein weitgehend sorgenfreies Leben ermöglicht. Aber natürlich ist das nur die glänzende Fassade, denn Randall wird zwischen seinem Ehrgeiz, im Job Karriere zu machen und gleichzeitig für Frau und Kinder da zu sein, völlig aufgerieben. Er hatte von klein auf den Anspruch an sich, perfekt zu sein und die anderen nie zu enttäuschen. Was vermutlich daran liegt, dass ihm durchaus bewusst ist, was er mit seinen Adoptiveltern für ein Glück hatte. Und trotzdem hat er auch noch dieses andere Projekt, nämlich endlich seinen leiblichen Vater zu finden. Die Frage, woher er wirklich kommt, hat Randall seine ganze Kindheit umgetrieben und bis heute nie losgelassen.

Randall macht William (Ron Cephas Jones) tatsächlich ausfindig und findet einen einsamen und kranken alten Mann vor. Der Sohn sagt seinem Vater die Meinung – genau wie er sich das immer wieder vorgenommen hat. Und der findet, dass sein von ihm aufgegebener Sohn absolut das Recht dazu hat. Offenbar hat auch er sein ganzes Leben auf diesen Tag gewartet – nach der Standpauke bittet er seinen Sohn auf einen Kaffee in seine bescheidene Wohnung und erklärt ihm, wie es um ihn steht. In der Erkenntnis, dass ihm und seinem Vater nicht mehr viel Zeit bleibt, holt der perfekte Randall seinen Vater nach Hause – was für erhebliche Irritationen bei seiner Frau Beth (Susan Kelechi Watson) führt. Beth kennt ihren gutherzigen Ehemann nämlich sehr gut und befürchtet, dass William ihn ausnutzen wird.

This Is Us: Kate (Chrissy Metz) Bild: nbc.com

This Is Us: Kate (Chrissy Metz) Bild: nbc.com

Und das ist nur der Anfang – über die weiteren Folgen der ersten Staffel (15 habe ich gesehen, insgesamt soll es 18 geben) wird sowohl die Geschichte der drei Geschwister, als auch die ihrer jeweiligen Eltern und wichtiger Bezugspersonen erzählt und dann gibt es natürlich noch all das, was jeweiligen Erwachsenenleben der drei Protagonisten passiert – etwa was Jack mit seinem Arbeitskollegen und Freund Miguel (Jon Huertas) erlebt oder die Geschichte von Kate und Toby.

Kate, die in ihrer Diätgruppe endlich jemanden gefunden hat, der sie tatsächlich so liebt, wie sie ist, könnte nun doch einfach mal glücklich sein. Aber sie hat sich so lange Zeit in den Kopf gesetzt, dass sie viel glücklicher sein könnte, wenn sie nur nicht so fett wäre, weshalb sie weiterhin abnehmen will und damit möglicherweise sogar die Liebe ihres Lebens gefährdet. Denn der lebenslustige Toby hat auf diesen ganzen Diätwahn keine Lust mehr. Inzwischen ist Kate so verzweifelt, dass sie über eine Magenverkleinerung nachdenkt, obwohl das ein ebenso radikaler wie gefährlicher Schritt ist.

This Is Us: Kevin

This Is Us: Kevin „The Manny“ (Justin Hartley) inmitten seiner Fans. Bild: nbc.com

Erstaunlich eigentlich, dass angesichts der Tatsache, dass Übergewicht und Fettsucht bei der heutigen Lebensweise der westlichen Gesellschaften ein eben so alltägliches wie gigantisches Problem darstellen, in der schönen Fernseh-Parallelwelt kaum übergewichtige Menschen vorkommen. Spontan fällt mir eigentlich nur die atemberaubend kurvige Joan Holloway (dargestellt von der nicht weniger atemberaubenden Christina Hendricks) aus Mad Men ein, die im Laufe der Staffeln zumindest zeitweise ziemlich aus der Form gerät. Wobei Joan Holloway vermutlich Kates Traumziel nach einer erfolgreichen Diät wäre. „Ich haben meinen Lebenstraum einfach aufgefressen!“ konstatiert sie, nachdem sie an ihrem Geburtstag von der Waage gefallen ist, weil sie solche Angst davor hatte, dass sie noch mehr Kilos anzeigen würde. Und Kate ist für normalgewichtige Menschen auch wirklich verstörend fett – aber angesichts der unglaublichen Darstellerin Chrissy Metz vergisst man das schnell: So verletzlich Kate auf der einen Seite ist, so souverän ist sie auf der anderen: Sie ist intelligent, witzig und vor allem lässt sie sich nicht alles bieten, sondern zeigt immer wieder, was sie drauf hat. Und das ist in jeder Beziehung eine ganze Menge.

Kevin hingegen schmeißt seinen Der-Manny-Job tatsächlich hin und geht nach New York, um wieder Theater zu spielen. Er bandelt dort mit der britischen Hauptdarstellerin eines neuen Stücks an, für das er die männliche Hauptrolle ergattern konnte. Die kühle Britin Olivia wird von Kate später treffend als She-Devil charakterisiert und verschwindet nach einem Eklat auf einem Ausflug der drei Geschwister zu der Hütte im Wald, die Rebecca inzwischen verkaufen will, weil sie niemand mehr nutzt. Es gab wohl einen Brexit, heißt es am nächsten Morgen, als Kevin Olivia und ihre Künstlerfreunde vermisst. Zurückgeblieben ist die Autorin des neuen Stücks, Sloane, mit der sich Kevin schnell tröstet.

This Is Us: Rebecca (Mandy Moore) und Jack (Milo Ventimiglia) Bild: nbc.com

This Is Us: Rebecca (Mandy Moore) und Jack (Milo Ventimiglia) Bild: nbc.com

Und natürlich stellt sich nach und nach vieles als ganz anders heraus, als es anfangs eigentlich schien – auch die scheinbar selbstlosesten und perfektesten Menschen machen fatale Fehler, dafür machen auch selbstbezogene Egoisten wie Kevin ab und zu etwas richtig. Was dann aber auch nicht unbedingt so ankommt, wie man es erwarten würde. Genau dieses Spiel mit den Erwartungen beherrschen die Macher von This Is Us ganz hervorragend, weshalb sie immer wieder überraschen können, ohne auf die überzogenen Knalleffekte zurückzugreifen, mit denen die üblichen Familiensoaps ihr Publikum bei der Stange halten müssen. Natürlich gibt es auch hier dramatische Zuspitzungen und überraschende Wendungen, es wird mitunter auch gehörig auf die Tränendrüse gedrückt, aber es fühlt sich nie konstruiert und erzwungen, sondern naheliegend und natürlich an.

Insofern kein Wunder, dass This Is Us ein Millionenpublikum erreicht. Die Leute mögen eben auch gute Serien, wenn sie denn welche bekommen. Und This Is Us bedient ja auch eine denkbar große Zielgruppe – alle Drama-Serienfans nämlich, denen die ganzen Ableger bekannter Krimi-, Forensik-, Anwalt- oder Superheldenserien längst aus den Ohren rauskommen und zur Abwechslung mal wieder normale Leute im Fernsehen sehen wollen, ohne sich dafür auf Lindenstraßen-Niveau begeben zu müssen.

This Is Us - Season 1

THIS IS US — „The Pool“ Episode 104 — Pictured: (l-r) Sterling K Brown as Randall, Eris Baker as Tess, Ron Cephas Jones as William, Faithe Herman as Annie, Susan Kelechi Watson as Beth — (Photo by: Vivian Zink/NBC)

This Is Us ist eine feinfühlige Serie über Beziehungen, Familie und das Leben an sich – da braucht es keine ausgeklügelten Komplotte, haarsträubende Verschwörungen oder fast perfekte Verbrechen. Der Alltag ist Drama genug: Menschen werden geboren, wachsen auf, versuchen, ihren Weg zu finden, haben Erfolg oder auch nicht, verlieben sich, verzetteln sich, werden ihren Ansprüchen an sich selbst nicht gerecht, erleiden Schicksalsschläge und resignieren – oder machen erst recht weiter. Und dann gibt es noch den ewigen Spielverderber Tod. Der spielt hier zwar keine so große Rolle wie in Six Feet Under, ist aber trotzdem von Anfang an gegenwärtig. Und es gibt, genau wie für die Liebe, keine universale Anleitung oder Bewältigungsstrategie. Wir müssen halt irgendwie damit klar kommen. This Is Us zeigt Menschen, die irgendwie klar kommen – oder eben auch nicht. In gewisser Weise ist This Is Us eine Serie über das Scheitern – und wie man damit weiterleben kann. Ganz ohne sozialpädagogischen Impetus.

Leider gibt es noch kein Ausstrahlungsdatum für Deutschland – aber es lohnt sich auf jeden Fall, sich diese Serie vorzumerken. NBC hat auch schon eine zweite und sogar eine dritte Staffel bestellt – die Pearsons werden uns also noch eine Weile erhalten bleiben.

Master of None: Die Banalitäten des modernen Lebens

Nachdem ich ein langes Wochenende hinter mir hatte, an dem ich aus Höflichkeit nur das herkömmliche Programm der öffentlich-rechtlichen Sender mitansehen konnte – das erschreckenderweise noch deutlich schlechter ist, als ich es in Erinnerung hatte – musste ich mir gestern eine Art Ausgleichstag gönnen. Zum Glück hat das Streaming-Portal meines Vertrauens eine neue Serie im Angebot, die ich auch gleich am Stück weggeglotzt habe: Master of None.

Ja, erstaunlich, denn es handelt sich um eine Comedy-Serie, bei denen ich normalerweise nach spätesten drei, vier Folgen aussteige, weil sie mir dann doch zu banal sind. Aber in Master of None werden die Banalitäten des modernen Lebens so treffend auf den Punkt gebracht, dass man davon nicht genug bekommen kann. Worum es geht: Der New Yorker Dev (Aziz Ansari, der die Serie auch geschrieben hat), Sohn indischer Einwanderer, der es einmal besser haben sollte, hat es definitiv deutlich besser als seine Eltern (die von Ansaris tatsächlichen Eltern gespielt werden). Auch wenn er mit dem Leben, das er lebt, keineswegs den Vorstellungen seiner ehrgeizigen Eltern entspricht. Während sich sein Vater in Indien dumm und dämlich gearbeitet hat, um sich erst ein Medizin-Studium zu verdienen und dann in den USA sein Glück zu machen, lebt Dev als mäßig erfolgreicher Schauspieler, der bisher eigentlich nur in Werbespots aufgetreten ist, das typische Leben amerikanischer Mittelschichtskinder, die zwar immer älter, aber nicht erwachsen werden.

Aziz Ansari ist Master of None

Aziz Ansari ist Master of None

Devs bester Freund ist Brian (Kelvin Yu), dessen Eltern aus Taiwan in die USA gekommen sind. Auch Brians Vater hatte eine entbehrungsreiche Kindheit, in einem Rückblick wird gezeigt, wie er sein Lieblingshuhn schlachten muss, damit seine Familie ein Abendessen hat. Jetzt hat Brians Vater ein gut gehendes China-Restaurant in New York. Trotzdem ist er weiterhin sehr genügsam und trinkt am liebsten Wasser. Auch Brian verhält sich keineswegs so, wie sein Vater sich das vorgestellt hat. Als sein Vater ihn um einen Gefallen bittet, reagiert Brian ähnlich wie Dev in der Szene zuvor seinem Vater gegenüber: Er will lieber ins Kino und die Quizfragen vor dem Film nicht verpassen, weshalb er jetzt gleich los muss. Mit einer vergleichbaren Antwort hat Dev seinen Vater sitzen lassen, der wollte, dass Dev ihm seinen neuen iPad einrichtet, damit er keine Termine mehr verpasst.

Dann gibt es in Devs Freundeskreis noch die afro-amerikanische Lesbe Denise (Lena Waithe) und den großen weißen Arnold (Eric Wareheim), der noch verspielter ist als Dev und Brian zusammen. Ja, und dann gibt es natürlich auch noch jene, die versuchen, ein Erwachsenen-Leben zu führen, mit ernsthaften Beziehungen und Kindern – Dev stellt sich das gelegentlich auch für sich selbst vor. Aber wie sich schnell herausstellt, haben seine romanischen Vorstellungen nichts mit der harten Realität zu tun: Als er für eine Freundin einige Stunden auf deren Kinder aufpasst, weil sie zu einem wichtigen Meeting muss, ist Dev nach wenigen Stunden mit seinen Nerven völlig am Ende. Obwohl er seine Sache gut gemacht hat: „Ich sehe kein Blut!“ sagt die Freundin anerkennend, als er die Kinder wieder bei ihr abliefert.

Und auch der Freund, der auf der Geburtstagsparty für seinen einjährigen Sohn noch von den Freuden der Vaterschaft geschwärmt hat, erzäht Dev wenig später, dass er sich scheiden lasse, weil alles so anstrengend geworden sei, seit das Kind da ist.

Master of None: Arnold (Eric Wareheim), Dev (Aziz Ansari) und Rachel (Noël Wells)

Master of None: Arnold (Eric Wareheim), Dev (Aziz Ansari) und Rachel (Noël Wells)

Insofern bestätigt sich Devs Panik aus der ersten Szene der Serie, als er mit der Musik-Managerin Rachel zur Sache kommt und das Kondom reißt – gut, das es einen günstigen Uber zum Drugstore gibt, wo die beiden die Pille danach kaufen und es damit für einige Folgen erstmal gut sein lassen – auch wenn sie sich später natürlich wieder begegnen. Bis dahin hat Dev noch einige heiße Dates – unter anderem mit der selbstbewussten blonden Nina (Claire Danes), der Frau des wahnsinnig reichen und wichtigen Geschäftsmannes Mark (Noah Emmerich). Dev hat ein Problem damit, dass Nina verheiratet ist – was sich aber ändert, als er Mark als arrogantes Arschloch kennengelernt hat. Ausgerechnet die Affäre mit Dev führt aber dann dazu, dass Nina und Mark sich wieder näher kommen.

Es geht aber nicht nur um Beziehungen, auch wenn das ein wichtiges Thema ist. Auch der alltägliche Rassismus und Sexismus wird immer wieder aufgegriffen – etwa beim Vorsprechen für eine Nebenrolle, bei der ein Taxifahrer mit einem indischen Akzent gesucht wird, und Dev sich weigert, dieses Klischee zu bedienen. Ironischerweise wird er später für die Rolle eines indischen Einwanderers gecastet, während der indische Freund, der ihm anfangs noch gesagt hat, Dev solle sich nicht so anstellen, die Rolle als bereits amerikanisierter Inder bekommt, weil er sich nun nach Devs Beispiel geweigert hat, einen indischen Akzent zu imitieren.

Master of None

Master of None

Wobei auch die Tatsache, dass zwei Inder in einer US-Serie Hauptrollen spielen dürfen, an sich schon ein Politikum ist – genau das hatte der überraschend verstorbene Produzent nämlich noch vehement abgelehnt: Die Gesellschaft sei noch nicht so weit. Immerhin ist sie weit genug, dass Dev in einer Katastrophen-Serie über eine Seuche einen Wissenschaftler spielen darf, der bald von der titelgebenden Seuche dahin gerafft wird. Und nebenbei wird auch noch thematisiert, dass der nette indische Wissenschaftler aus Nr. 5 lebt gar nicht von einem Inder, sondern von einem Weißen gespielt wurde – hier haben wir die Elliot-Alderson-Diskussion, nur umgekehrt.

In der Folge Ladies and Gentlemen hingegen geht es um den noch immer alltäglichen Sexismus – etwa, als ein Bekannter von Dev zwar die Zeit hat, den Männern am Tisch die Hand zu schütteln, aber die Frauen in der Runde komplett ignoriert. Als Dev nicht glauben will, dass derartige Diskriminierung alltäglich ist, zeigt Rachel ihm, dass alles noch viel schlimmer ist: Sie posten das gleiche Bild auf Instagram – Dev bekommt ein Kompliment dafür, Rachel einen bedrohlichen sexistischen Kommentar. Dev bemerkt, dass noch eine Menge für die Gleichberechtigung zu tun ist und verspricht, künftig aufmerksamer zu sein.

Master of None: Dev (Aziz Ansari) und Denise (Lena Waithe)

Master of None: Dev (Aziz Ansari) und Denise (Lena Waithe)

Anderen gegenüber aufmerksamer sein ist auch ein großes Thema dieser Serie, ob nun den Eltern, Freunden oder Frauen gegenüber – aber wie soll man das hinkriegen, wenn Menschen in erster Linie kleine Sprechblasen auf dem Bildschirm des allgegenwärtigen Smartphones sind? Überhaupt die ganze schöne Smartphone- und Social-Media-Welt: Es kann einen ja schon die Auswahl des wirklich allerbesten Taco-Ladens in der Gegend an den Rand des Nervenzusammenbruchs treiben – und erst recht die Auswahl des perfekten Dates für das zweite Ticket eines begehrten Geheim-Konzerts. Das Leben ist durch den ständigen Druck, aus den vorhandenen Möglichkeiten immer das Optimum herauszuholen, verdammt anstrengend geworden – und am Ende kommt ohnehin alles ganz anders.

Master of None greift typische Probleme der Gegenwart auf amüsante Weise auf und bleibt dabei wohltuend beiläufig. Ansehen lohnt sich auf jeden Fall.

In The Mood For Love

Die Filmauswahl bei Netflix lässt einiges zu wünschen übrig – aber es gibt durchaus Lichtblicke. So fand ich immerhin drei Filme des chinesischen Regisseurs Wong Kai Wai – darunter In The Mood For Love (Der Klang der Liebe), der zu meinen absoluten Lieblingsfilmen gehört. Ich las einmal eine Kritik, in der es hieß, dass dieser Film dem Zuschauer sehr viel biete, wenn er dabei nicht einschlafe – was ich schon ziemlich gemein finde, weil man definitiv nicht einschlafen wird, wenn man sich auf diesen Film einlässt. Aber der Satz bringt zum Ausdruck, was diesen Film ausmacht: Er ist total gegen die Sehgewohnheiten eines actionsüchtigen Publikums gemacht. Der Film ist langsam, ein behäbiger Strom aus unglaublich schönen Bildern, die einem hässlichen, anstrengenden Alltag abgerungen werden.

Screenshot: In The Mood For Love

Screenshot: In The Mood For Love – Herr Chow (Tony Leung) und Frau Su (Maggie Cheung)

Vor allem das ist es das, was mich fasziniert: Es werden ganz alltägliche Szene aus dem Leben normaler Menschen gezeigt, die im Hongkong der frühen 60er Jahre leben. Das klingt umspektakulär, ist es aber nicht: Allein dieses fantastische 60er-Jahre-Design, etwa in dem Büro, in dem Frau Su arbeitet! Und ihre atemberaubenden Kleider! Selbst der bröckelnde Putz und die abblätternde Farbe an den heruntergekommenen Häusern sind so schön fotografiert, dass man jedes einzelne Bild aus dem Film einrahmen und aufhängen könnte. Und dann die Musik… Natürlich ist allein schon der hongkonger Alltag an sich für mich ziemlich exotisch, wie eng die Menschen miteinander zusammen wohnen und wie sie damit umgehen – es ist eben eine andere Welt. Aber eine, in der die Menschen letztlich die gleichen Schwierigkeiten haben, wie in jeder anderen auch.

Screenshot: In The Mood For Love - Frau Su (Maggie Cheung)

Screenshot: In The Mood For Love – Frau Su (Maggie Cheung)

Obwohl – heute sind es zumindest zum Teil andere Probleme. Nicht geändert hat sich, dass die meisten Menschen lange arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen und dann kaum noch Energie haben, ihre Alltagsbedürfnisse zu befriedigen: Nach einem langen Tag Im Büro kocht man sich halt kein leckeres Essen mehr, sondern holt sich schnell was beim Imbiss. Aber in meiner Welt würde diese Geschichte so nicht mehr stattfinden – da wäre das Gerede der Nachbarn egal. Aber für Herrn Chow (Tony Leung) und Frau Su (Maggie Cheung) ist nun einmal existenziell, was die Leute sagen.

Und nicht nur das, die beiden wollen sich gegenseitig und sich selbst beweisen, dass sie eben nicht so wie die anderen sind. Sie sind es auch nicht. Und das macht eben die Tragik dieser Liebesgeschichte aus, die so berührend ist, weil eben keine Liebesgeschichte daraus wird – die beiden treffen sich irgendwann zwar heimlich in einem Hotelzimmer, aber nur, um gemeinsam Kung-Fu-Geschichten zu schreiben.

Screenshot: In The Mood For Love - Herr Chow (Tony Leung)

Screenshot: In The Mood For Love – Herr Chow (Tony Leung)

Frau Su und Herr Chow sind verheiratet, aber ihre jeweiligen Ehepartner gehen fremd. Sie alle haben sich kennengelernt, weil sie Nachbarn sind, sie sind am gleichen Tag ins Haus von Mrs. Suen eingezogen – die Ehepaare wohnen jeweils in einem Zimmer, sie teilen sich eine gemeinsame Küche und jeder bekommt so ziemlich alles mit, was im Haus passiert. Wobei da eigentlich recht wenig passiert, zumindest was Frau Su und Herrn Chow betrifft.

Frau Su ist Sekretärin und sie ist oft lange im Büro. Ihr Mann ist meistens auf Geschäftsreisen, sein Chef ist Japaner, also ist er meistens in Japan. Herr Chow ist Journalist, auch er arbeitet oft sehr lange in seiner Redaktion – und seine Frau ist auch ständig unterwegs.

Screenshot In The Mood For Love

Screenshot In The Mood For Love

Manchmal begegnen sich Frau Su und Herr Chow in der Suppenküche, wenn sie nach der Arbeit spät abends noch eine Nudelsuppe holen. Manchmal treffen sie sich im Hausflur. Von ihren jeweiligen Ehepartnern sieht man nichts, sie sind bloß Stimmen am Telefon. Frau Su bittet ihren Mann, aus Japan noch eine von diesen Taschen mitzubringen – für die Geliebte ihres Chefs. Für den sie am Telefon immer lügen muss, wenn seine Frau dran ist. Sie kann das gut, aber sie hasst es. Eines Tages hat Frau Chow auch eine solche Tasche.

Irgendwie liegt es also nahe, dass sich nun auch zwischen Frau Su und Herrn Chow – die offensichtlich ein ähnliches Schicksal erleiden und sich in gewisser Weise gegenseitig trösten, eine Romanze entwickelt. Aber vor allem Frau Su lässt das nicht zu – sie hält an der Rolle der treuen Ehefrau fest, obwohl sie unter ihrer Einsamkeit und der Untreue ihres Ehemanns leidet. So viel Charakterstärke beeindruckt Herrn Chow, der im Laufe der Zeit nicht verhindern kann, dass er sich ernsthaft in Frau Su verliebt.

Screenshot: In The Mood For Love

Screenshot: In The Mood For Love

Eigentlich könnte alles so einfach sein: Frau Su und Herr Chow sind Seelenverwandte, die ein ähnliches Schicksal und die gleichen Interessen teilen – es wäre im Grunde nur logisch, wenn sie ihre untreuen Partner verlassen würden, um ein vermutlich glücklicheres Paar zu werden. Aber sie hängen zu sehr in ihrem Alltag und ihren überkommenden Denkmustern fest – ganz offensichtlich glauben sie nicht an Liebe und Glück, sondern daran, einen schwer zu ertragenden Alltag einfach aushalten zu müssen. Sie halten sich an den Ehrenkodex aus ihren Kung-Fu-Geschichten, auch wenn beiden das zunehmend schwerer fällt.

Screenshot: In The Mood For Love

Screenshot: In The Mood For Love

Herr Chow gesteht Frau Su schließlich, dass er sich in sie verliebt habe und ergreift die Flucht: Er folgt dem Ruf eines Kollegen nach Singapur. Frau Su bleibt zurück, sie und ihr Mann bekommen endlich ein Kind. Ansonsten schreitet die Zeit fort – ohnehin sieht man immer wieder eine Uhr in diesem Film: Alles geht irgendwie immer weiter, aber das Grundgefühl bleibt – das Leben besteht letztlich aus unendlich vielen verpassten Gelegenheiten. Der ganze Film ist die Bebilderung einer bittersüßen Sehnsucht, die gerade deshalb so intensiv ausgekostet wird, weil klar ist, dass sie gar nicht erfüllt werden soll.

Wenn man das aushält, ist In The Mood For Love ein grandioser Film.

Screenshot: In The Mood For Love -Im Gefängnis der Konventionen

Screenshot: In The Mood For Love -Im Gefängnis der Konventionen