Preacher – Gebete um eine gute Serie wurden erhört!

Einen Serientipp hab ich noch vor meiner Sommerpause: Preacher.

Auch hier war ich erst skeptisch, weil Comic-Verfilmungen häufig nicht mein Ding sind – aber seit Jessica Jones bin ich in der Richtung deutlich aufgeschlossener, auch wenn vieles von dem ganzen Marvelzeugs weiterhin keine große Begeisterung bei mir auslöst. Andererseits habe ich ja durchaus was für schräge Fantasy-Serien übrig, True Blood beispielsweise fand ich ganz fantastisch.

Preacher - das Ensemble Bild: amc.com

Preacher – das Ensemble Bild: amc.com

Um ein ähnliches Kaliber handelt es sich bei Preacher – damit hat AMC doch mal wieder einen echten Knaller produziert. Es geht ziemlich zur Sache, man hat den Eindruck, dass Quentin Tarantino, David Lynch und die Jungs von Monty Python sich zusammengesetzt hätten, um gemeinsam eine Serie zu machen – tatsächlich stecken aber Evan Goldberg, Seth Rogen und Sam Catlin dahinter, die eine Comic-Geschichte von Garth Ennis und Steve Dillon verfilmt haben. Es geht – wie der Titel schon vermuten lässt – um einen eher mäßig begabten Prediger, der in einem gottverlassenen Nest im ländlichen Texas versucht, ein besserer Mensch zu werden.

Jesse Custer (Dominic Cooper) Bild: amc.com

Jesse Custer (Dominic Cooper) Bild: amc.com

Jesse Custer (Dominic Cooper) tut mit seinem neuen Job Buße für seine dunkle Vergangenheit. Die ihn in Form seiner Ex Tulip O’Hare (Ruth Negga) aber immer wieder einholt. Tulip ist eine extrem begabte Verbrecherin, die will, dass Jesse ihr bei einem Job hilft, den sie alleine nicht durchziehen kann. Aber Jesse hat dem Verbrechen abgeschworen und will nun zu den Guten gehören. Was ihm nicht leicht gemacht wird. Erst recht nicht, das Cassidy (Joseph Gilgun) auftaucht, ein irischer Vampir, der nach einer ausschweifenden Party an Bord eines Privatjets aus dem Flugzeug gesprungen ist, das er samt der dazugehörenden Mannschaft komplett verwüstet hat.

Cassidy hat keine Ahnung, wo er sich befindet, findet aber Gefallen an Jesse, der ausgerechnet heute Abend beschlossen hat, dass es manchmal auch nachhaltiger Gewaltanwendung bedarf, um etwas Gutes zu bewirken – er verprügelt einen gewalttätigen Ehemann, nachdem dessen Sohn ihn schon mehrfach um Hilfe gebeten hat. Zusammen landen sie im Knast, wo sie mal in Ruhe reden können.

Cassidy (Joseph Gilgun) Bild: amc.com

Cassidy (Joseph Gilgun) Bild: amc.com

Eins ist klar, diese Serie ist nichts für zartbesaitete, gleich am Anfang explodiert ein von einem geheimnisvollen außerirdischen Wesen heimgesuchter afrikanischer Prediger vor seiner Gemeinde, nachdem er sich für den Propheten hält. Überhaupt explodieren immer wieder falsche Propheten, so erfährt man nebenbei auf einem Fernsehschirm, dass Tom Cruise gerade explodiert ist. Das ist zwar nicht besonders subtil, aber Spaß macht es trotzdem. Genau wie es Spaß macht, Tulip zuzuschauen, wie sie ein paar böse Jungs erledigt, die es auf sie abgesehen hatten.

Nach einer rasanten Crashfahrt durch ein Maisfeld stopft sie dem Oberbösewicht noch mit einem finalen Maiskolben das Maul. Den beiden Kindern, die zufällig dabei zusehen, erklärt sie, dass das ein echt böser Mensch war. Und dann bringt sie ihnen bei, wie man aus den Hausmitteln, die sich auf der heruntergekommenen Ranch eines Schwarzbrenners so anfinden, eine Bazooka baut und dass man sich besser versteckt, wenn Erwachsene Verstecken spielen wollen. Die beiden vernachlässigten Gören – die Mutter ist tot, der Vater auf Arbeit – sind begeistert von der Show, die Tulip liefert – jede Wette, vor allem das Mädchen hat etwas fürs Leben gelernt: Frauen dürfen, können und müssen stark sein. Verdammt stark.

Tulip (Ruth Negga) Bild: amc.com

Tulip (Ruth Negga) Bild: amc.com

Auch sonst gibt es ein Sammelsurium an schrägen Gestalten, vom opportunistischen Sheriff über unkaputtbare Vampirjäger, die Cassidy immer wieder ausspüren, obwohl er sie immer wieder umbringt. Dann gibt es Eugene, den Sohn des Sheriffs, der versucht hat, sich umzubringen, in dem er sich mit einer Schrotflinte in den Mund geschossen hat und nun wie ein Arschloch aussieht, die masochistische Frau des bösen Mannes, dem Jesse den Arm brechen musste und so weiter und so fort. Und schließlich ist da auch noch die alleinerziehende Emily (Lucy Griffith), die sich als Kellnerin durchschlägt und ansonsten um die Organisation der Gemeinde kümmert – und irgendwie scheint sie eine Schwäche für Jesse zu haben. Vermute ich jetzt mal – ich habe erst zwei Folgen gesehen, bin auf den Rest aber sehr gespannt.

Emily Woodrow (Lucy Griffith) Bild: amc.com

Emily Woodrow (Lucy Griffith) Bild: amc.com

Allein die visuelle Aufbereitung ist das Ansehen wert – wer die Bildersprache von Breaking Bad mag, wird auch von der dieser Serie angetan sein – allein dieses marode Gotteshaus auf seinem kläglichen Hügel inmitten der texanischen Prärie ist so beklagenswert, wie die Menschen, die dort die sonntägliche Predigt ihres Predigers über sich ergehen lassen – der natürlich am besten ist, wenn er gerade nicht predigt. Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, wohin das alles führen soll – religiöse Menschen könnten sich möglicherweise in ihren Gefühlen verletzt fühlen. Was ich auf jeden Fall als Pluspunkt für Preacher werte. Mal sehen, wie es ausgeht.

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Mad Men: Gekonnt Schluss machen

Ergänzend zu meinen zehn oder elf Topserien 2015 gab es durchaus noch einige andere Highlights, die ich hier unbedingt erwähnen wollte. Und weil Jon Hamm den Golden Globe bekommen hat, den ich eigentlich Rami Malek gewünscht hätte, fange ich mit Mad Men an: Endlich bin ich dazu gekommen, mir die zweite Hälfte der 7. Staffel von Mad Men anzusehen – und diese sieben letzten Episoden sind natürlich so gut, wie man es vom Finale einer Serie erwarten kann, die in den Jahren zuvor mit Preisen überschüttet wurde. Die sie natürlich auch verdient hat. Inklusive dem aktuellen Golden Globe für Jon Hamm.

Screenshot Mad Men: Don Draper (Jon Hamm)

Screenshot Mad Men: Don Draper (Jon Hamm)

Gerade weil Mad Men nicht von einer Handlung getrieben wird, die auf einen absehbaren Endpunkt  zusteuert, sondern von der Entwicklung der Charaktere lebt, war ich gespannt, was jetzt noch kommen würde – und es gibt noch einige bemerkenswerte Entwicklungen. So ist es mit SC&P jetzt endgültig vorbei – die Agentur wird von einem viel größeren Konkurrenten geschluckt. Besonders übel ist das für die beiden Frauen, die sich bei SC&P über die Jahre in Spitzenpositionen hochgearbeitet haben, Joan und Peggy.

Insbesondere Joan bekommt das zu spüren – bei McCann Erickson sind Sexisten alter Schule am Steuer. Weil Joan nun einmal wie Joan aussieht, wird sie weder als Kundenbetreuerin noch als Anteilseignerin ernst genommen – ihr neuer Vorgesetzter ist einfach nur scharf darauf, sie ins Bett zu kriegen. Aber Joan macht das nicht mehr mit: Lieber akzeptiert sie zähneknirschend einen schlechten Deal, als sich in dem neuen Laden hoch zu schlafen.

Screenshot Mad Men: Joan Harris (Christina Hendricks)

Screenshot Mad Men: Joan Harris (Christina Hendricks)

Peggy hingegen klopft ihre Chancen bei einem Headhunter ab – der ihr dringend empfiehlt, für McCann Erickson zu arbeiten, wenn sie ernsthaft Karriere machen wolle: Hier und jetzt könne sie ihre bisherige Position als Cheftexterin geltend machen – wo anders müsse sie gegen Konkurrenten mit Universitätsabschlüssen antreten. Und sie habe nun mal keinen Abschluss, ihre bisherige Berufserfahrung zähle wo anders leider nicht. Insofern ist die Sache klar, auch wenn Peggy es schwer verwinden kann, dass sie von ihren neuen Arbeitgebern erstmal für eine Sekretärin gehalten wird.

Für Don hingegen alles weniger klar – er realisiert, dass er für McCann Erickson lediglich eine Trophäe ist, die seine neuen Chefs vom Markt geholt haben. Mitten in einem Meeting steht er auf und verlässt die Firma – er tut das, was er immer getan hat, er fährt einfach davon. Aber wie immer findet er keine Antworten für die Zukunft, sondern wird mit seiner Vergangenheit konfrontiert: Er ist wieder auf der Flucht vor sich selbst und findet am Ende – Don Draper. Zumindest legt der Coca-Cola-Werbespot das nahe, mit dem der letzte Teil zu Ende geht: Aus dem Selbstfindungstripp mit den kalifornischen Hippies wird am Ende eine ikonische Werbung für das amerikanischste Produkt schlechthin – das ist Ironie pur und gleichzeitig ein genialer Zirkelschluss.

Screenshot Mad Men: Peggy Olson (Elizabeth Moss) und Pete Campbell (Vincent Kartheiser)

Screenshot Mad Men: Peggy Olson (Elizabeth Moss) und Pete Campbell (Vincent Kartheiser)

Es gibt noch eine ganze Reihe mehr oder weniger glücklicher Enden – sogar der unheilbare Lungenkrebs von Dons Ex-Frau Betty ist in gewisser Weise ein Happyend: Betty ist endlich ganz bei sich, auch wenn es nun mit ihrem Psychologie-Studium nichts mehr wird. Sie bestimmt souverän, was sie mit ihren letzten Wochen und Monaten anfängt: Sie will keine qualvolle Behandlung, die ihr Leben verlängert, sondern trifft Vorbereitungen für einen würdigen Abschied. Und gibt das Rauchen nicht auf. Und auch als  passionierte Nichtraucherin ist mir klar, wie wichtig dieses Symbol der Selbstbestimmtheit nicht nur für diese Serie ist: Solange meine eigene Wohnung am nächsten Tag nicht nach kaltem Rauch stinkt, sehe ich anderen gern beim Rauchen zu.

Screenshot Mad Men: Betty Francis (January Jones) und Sally Draper (Kiernan Shipka)

Screenshot Mad Men: Betty Francis (January Jones) und Sally Draper (Kiernan Shipka)

Und Betty findet endlich einen Draht zu ihrer Tochter Sally, die nun schnell erwachsen werden muss: Sally kümmert sich um ihre kleinen Brüder und redet ihrem Vater aus, sich um das Sorgerecht zu streiten. Sowohl Betty als auch Sally wissen, dass Don einfach nicht dazu in der Lage ist, ein guter Vater zu sein.

Pete hingegen schafft es, seine Frau zurückzuerobern – er bekommt den super Job, auf den er schon lange gewartet hat, samt Privatjet, der ihm zur Verfügung steht, wann immer er das wünscht. Da macht auch der kümmerliche Abschied von seinen ehemaligen Kollegen nichts. Es ist nur konsequent, dass sich vor allem Peggy auf nichts mehr einlässt – sie hatte wegen Pete schließlich schon genug Probleme. Etwas schade finde ich, dass Peggy auch Joans Angebot ablehnt, als Partnerin in die Produktionsfirma einzusteigen, die Joan nun auf die Beine stellt. Aber okay, sie wird ihr Ding auch bei McCann Erickson machen, Peggy ist für alles stark genug. Es wäre schon interessant zu sehen, was die 70er Jahre bringen – aber man muss auch wissen, wann Schluss ist. Das ist am Ende, was eine wirklich gute Serie ausmacht.

Screenshot Mad Men: Don Draper (Jon Hamm)

Screenshot Mad Men: Don Draper (Jon Hamm)

Halt and Catch Fire: Die Zukunft ist online

Eine Serie aus dem Hause AMC, die meines Erachtens total unterschätzt wird, ist Halt and Catch Fire. Okay, die erste Staffel hat tatsächlich noch einige Schwächen – aber sie war schon ziemlich gut. In der zweiten Staffel gewinnt die Sache jedoch noch an Fahrt, so dass ich hier eine ausdrückliche Empfehlung aussprechen möchte: Halt and Catch Fire ist ein Muss, und zwar nicht nur für technologie- und internetaffine Freaks. Genau wie Mad Men ja auch nicht nur ein Geheimtipp für Werbefuzzis ist oder Breaking Bad eine ausführliche Anleitung für angehende Drogenköche und -dealer. Es geht um sehr viel mehr.

Die Serie kommt zwar nicht an die beiden eben genannten AMC-Flaggschiffe heran – aber man muss sie keineswegs verstecken. Und um Halt and Catch Fire ist es erstaunlich still, deshalb muss ich jetzt hier ein bisschen Werbung machen. In meinem Artikel zur ersten Staffel von HCF habe ich mich noch darüber gewundert, wie wenige Filme und Serien es gibt, die sich mit der Computerisierung und Digitalisierung von Alltag und Arbeitswelt und den damit verbundenen Auswirkungen auf Menschen und Gesellschaft beschäftigen. Aber hier ist mit Mr. Robot ja inzwischen eine wirklich gute Serie zu diesen Thema hinzugekommen.

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Und in diesem Zusammenhang fand ich vor allem die zweite Staffel von Halt and Catch Fire besonders interessant, die den Fokus nun weniger auf die Hardware legt, deren Entwicklung in der ersten Staffel im Mittelpunkt stand, sondern zu dem, was man mit Computern außer Datenerfassung und -auswertung noch anfangen kann. Und da geht eine ganze Menge, wie der geniale, aber vergleichsweise erfolglose Computeringenieur Gordon Clark (Scort McNairy) in einem wegweisenden Aufsatz geschrieben hat, der Joe MacMillan (Lee Pace) am Anfang der ersten Staffel dermaßen begeisterte, dass die ganze Sache überhaupt ins Laufen gekommen ist.

Aber wir sind ja nun eine Staffel weiter. An der mir sehr gut gefällt, dass mit Cameron (Mackenzie Davis) und Donna (Kerry Bishé) nun zwei starke Frauen im Mittelpunkt stehen – das Alphatier Joe muss in der neuen Staffel erstmal ziemlich zurückstecken, genau wie auch Gordon, der sich nun mit dem Geld von Cardiff Electric nun ja, nicht zur Ruhe setzen, aber doch immerhin seiner Frau Donna den Rücken frei halten kann, weil sie jetzt mal dran ist, beruflich durchzustarten. Jedenfalls war das der Plan. Eigentlich.

Cameron macht gemeinsam mit Donna nun endlich ihr Ding und das ist Mutiny: In einem mit Computern vollgestellten Haus entwickelt sie gemeinsam mit einem Team aus verspielten Nerds neue Spiele, die die Mitglieder der neuen Community über das Telefonnetz miteinander spielen können. Ein paar der Typen waren vorher schon Entwickler bei Cardiff, andere stoßen neu hinzu. Sie sind damit beschäftigt, Camerons Online-Spiel Parallax weiter zu entwickeln. Dabei muss Cameron, die eigentlich gar keine Lust hat, Führungsverantwortung zu übernehmen, immer wieder Feuerwehr spielen: Die Community wächst, die Hardware und das Netzwerk sind damit völlig überlastet. Aber Donna will auf keinen Fall die Firmen-Mutter sein, das macht sie Cameron nachdrücklich klar.

 

halt-and-catch-fire-episode-201-pre-joe-pace-gordon-mcnairy-800x600Joe MacMillan (Lee Pace) und Gordon (Scoot McNairy)

Donna hat eine andere Vision: Sie entdeckt, dass die Chat-Funktion, mit der sich Spieler online unterhalten können, im Grunde viel interessanter für das Entstehen von Online-Communities ist, als die Spiele, die Cameron entwickelt. Die Menschen unterhalten sich online über alles mögliche – sogar über Dinge, über die man mit Freunden im echten Leben eher nicht redet. Und je mehr Zeit sie online verbringen, desto mehr kann man daran verdienen.

Klar, dass es zwischen Cameron und Donna weiterhin zu Reibereien kommt, denn Cameron will von Donnas Idee erstmal nichts wissen: Sie besteht darauf, dass es vor allem um die Spiele gehen muss, der Online-Chat ist eine in ihren Augen überflüssige Spielerei. Hier legt sie nun eine ähnliche Arroganz an den Tag wie ihr Ex-Lover und Ex-Chef Joe, auf den Cameron dauerhaft schlecht zu sprechen ist, weil er in der Staffel zuvor ihr neuentwickeltes Betriebssystem für den von Gordon entwickelten tragbaren PC Giant nicht eingesetzt hat.

Cameron und Donna haben aber erst einmal ganz andere Probleme: Sie brauchen bessere Computer für ihr Netzwerk und dann fangen gerade die guten Spieler an, ihre Spiele zu kopieren und ihnen Konkurrenz zu machen. Klar ist: Mutiny braucht einen erfahrenen Manager – Cameron setzt auf John Bosworth (Toby Huss), der in der Staffel zuvor in den Knast musste, weil er Firmengelder von Cardiff veruntreut hat, um dem Giant-Projekt zu helfen. Bosworth ergreift die Möglichkeit, die Cameron ihm anbietet und bringt Mutiny in einigen Dingen wirklich voran.

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Sara (Alkes Palladino) und Joe – Bild: amc.com

Das wiederum sorgt dafür, dass Donna kaum noch Zeit mit ihrer Familie verbringt – sie hat gar nicht mitbekommen, dass Gordon in der Zeit mit dem Giant-Projekt regelmäßig Kokain genommen hat, um den ganzen Stress auszuhalten. Jetzt hat Gordon zwar weniger Stress, aber ein Tüftler-Typ wie er kann nicht einfach so zuhause herum sitzen. Er zieht sich weiterhin immer mal eine Nase Koks rein und fängt an, auf eigene Faust eine Software zu entwickeln, mit der Mutiny die Aktivitäten seiner User im Netzwerk überwachen kann. Genau wie Donna ihm mit ihren Hardware-Kenntnissen bei Cardiff immer wieder den Arsch gerettet hat, will er nun etwas für Donna tun. Blöd nur, dass die Sache mit Sonaris am Ende nach hinten losgeht.

Überhaupt läuft es nicht so gut mit den beiden – nur dass es jetzt nicht Gordon ist, der vor lauter Arbeit nicht mehr mitbekommt, was zuhause los ist. Donna entwickelt genau den Tunnelblick, den Menschen nun einmal bekommen, wenn sie sich ganz und gar auf eine Sache konzentrieren müssen. Cameron ist da geschickter – sie lebt einfach in ihrem Projekt und holt sogar den nervigen Hacker Tom Rendon ins Team, der ihre Spielidee geklaut hat. Es dauert natürlich nicht lange, bis es zwischen den beiden funkt.

 

halt-and-catch-fire-episode-204-post-cameron-davis-800x600Cameron in Aktion

Und natürlich kann auch nicht ausbleiben, dass Cameron und Joe sich wieder über den Weg laufen. Joe ist solide geworden und hat Sara geheiratet – die Tochter eines Öl-Barons. Joe, der nach seiner Amok-Tat am Ende der ersten Staffel keinen Anteil aus dem Cardiff-Verkauf bekommen hat, muss nun kleine Brötchen backen. Er bekommt einen Job in der Datenverarbeitung in der Firma seines Schwiegervaters. Aber weil Joe ja Joe MacMillan ist, bleibt es nicht lange dabei – er kommt auf die Idee, dass man die Rechner, die nur zu den üblichen Arbeitszeiten mit Daten gefüttert werden, in der übrigen Zeit ja an andere Unternehmen vermieten könnte, die entsprechende Rechnerkapazitäten brauchen, sich aber keine eigenen Großrechner leisten können. Und überhaupt könnte man daraus ja gleich ein eigenes Geschäft machen…

halt-and-catch-fire-episode-210-post-gordon-mcnairy-joe-pace-800x600Gordon und Joe – Bild: amc.com

Doch, es ist einiges los in dieser Staffel und ich freue mich sehr, dass AMC beschlossen hat, der Serie auch noch eine dritte Chance zu geben, nachdem es mit den Zuschauerzahlen bisher ja nicht so geklappt hat. Aber hey, die ersten Staffeln von Breaking Bad sind auch weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit gelaufen – es hat halt ein bisschen gedauert, bis sich herumgesprochen hatte, das da etwas wirklich Großes läuft.

Nun ist Joe MacMillan kein Walter White, aber dafür gibt es ja auch noch Donna, Cameron und Gordon, die auch Ecken und Kanten haben und interessante Dinge erleben. Okay, vielleicht sind die 80er nicht jedermanns Sache, schon weil sie nicht so cool und elegant waren wie die 60er, die man in Mad Men bewundern kann. Aber für alle, die sich fragen, wie wir denn ins Internet gekommen sind, als es noch keine Smartphones gab, ist Halt and Catch Fire gewiss auch unterhaltsamer Geschichtsunterricht.

Deutschland 83: DDR-Held erobert die USA

Deutsche Serien – das ist ein schwieriges, in der Regel frustrierendes Thema, wenn man sich an richtig gute internationale Serienkost gewöhnt hat. Und aktuelle deutsche Serien über deutsche Geschichte – deutsch-deutsche noch dazu – ist quasi hoffnungslos: Mehrteiler wie Weissensee oder Tannbach mögen vielleicht als noch Spitzenprodukte des schlechten Geschmacks in die deutsch-deutsche Serien-Geschichte eingehen, werden ansonsten aber hoffentlich schnell vergessen.

Entsprechend erstaunt war ich also, als ich hörte, das die ersten beiden Teile der deutsch-deutschen Serie Deutschland 83 mit erstaunlich positiver internationaler Resonanz auf der Berlinale gelaufen sind und derzeit in den USA im Original mit englischen Untertiteln gezeigt werden – zwar nur auf dem Spartensender Sundance, der zu AMC gehört – aber eben AMC, genau, das sind die, die Mad Men gemacht haben, Breaking Bad und Better Call Saul. Also Experten für richtig gute, innovative Serien.

Also wurde ich neugierig und habe jetzt doch in Deutschland 83 reingesehen. Ja, und obwohl die Serie in Deutschland demnächst auf RTL gezeigt werden soll, ist sie eben keine dieser typischen RTL-Serien. Sondern erstaunlich gut. Aber warum sollte RTL seinem Publikum nicht auch ab und zu zwischen Castingsshows und Kakerlaken etwas richtig Gutes bieten, verdient haben die Zuschauer das allemal. Abzuwarten bleibt, wie sie Deutschland 83 dann tatsächlich finden.

Screenshot Deutschland 83 - Martin (Jonas Nay): Telefonieren in der Vor-Handy-Ära  via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 – Martin (Jonas Nay) Spionage ist ein gefährliches Geschäft via sundance.tv

Man kann natürlich auch auf Sat1 The Americans anschauen, dass ist auch eine 80er-Jahre-Retro-Spionage-Serie, die gar nicht schlecht, aber meiner Ansicht nach leider auch nicht so richtig gut ist: Das Politische an sich spielt in The Americans eine erstaunlich geringe Rolle, dabei könnte man auch am Kapitalismus und am Gesellschaftssystem in den USA nun wirklich einiges kritisieren. Das tun die russischen Top-Spione aber erstaunlicherweise so gut wie gar nicht – sie ziehen zwar mit vollem Einsatz ihren Mission durch, als Motivation werden aber nur irgendwelche Klischees angedeutet, was mir die Serie schon verleidet, obwohl sie gut gemacht ist.

Aber nach dem, was ich gesehen habe, ist Deutschland 83 in diesem Punkt besser – für mich persönlich, die 1983 als Teenie in der Mittelstufe erlebt und durchlitten hat, ist Deutschland 83 emotional natürlich auch viel näher: Der Stern publizierte im Jahr 83 die Hitler-Tagebücher, die sich später als dreiste Fälschung entpuppten, die rätselhafte Seuche AIDS tauchte in Titelgeschichten auf und Friedensbewegung konnte Millionen Menschen mobilisieren, die gegen die Nachrüstung im Zuge des Nato-Doppelbeschlusses von 1979 demonstrierten.

Screenshot Deutschland 83 - Martin (Jonas Nay) und Annett (Sonja Gerhardt) via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 – Martin (Jonas Nay) und Annett (Sonja Gerhardt)
via sundance.tv

Ich erkenne so ziemlich jede Einblendung echter Nachrichten-Sendungen in der Serie wieder – damals gab es ja ohnehin nicht mehr als drei Fernsehprogramme, heute und Tagesschau waren Pflicht, darüber redete man am nächsten Tag in der Frühstückspause.

Aber es ist nicht nur meine persönliche Erinnerung an jene Zeit, die mit dieser Serie wieder herauf beschworen wird – das war ja auch keine schöne Zeit: Es war die Hochzeit des kalten Kriegs und wir hatten damals völlig zu recht Angst, dass es jederzeit mit uns vorbei sein konnte: Die Supermächte USA und UdSSR richteten die Sprengköpfe ihrer Mittelstreckenraketen ja eben auf deutsche Ziele aus – wäre der kalte Krieg heiß geworden, wäre Deutschland das atomare Schlachtfeld gewesen. Hier wäre kein Stein auf dem anderen geblieben und vermutlich nicht nur Europa auf lange Zeit unbewohnbar. Einer der Hits von 1983 war Two Minute Warning von Depeche Mode – zwei Minuten Vorwarnzeit, bevor das atomare Inferno unser aller Leben auslöscht. Das traf das Lebensgefühl vieler. Wir kritzelten No Future auf unsere Jeansjacken – und wir wussten warum.

Screenshot Deutschland 83 - Martin (Jonas Nay) und Annett (Sonja Gerhardt) via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 – Martin (Jonas Nay) und Lenora (Maria Schrader)
via sundance.tv

Aber Deutschland 83 beschwört eben nicht nur diese Weltuntergangsstimmung, sondern ist streckenweise sogar ziemlich witzig. Martin Rauch (Jonas Nay) ist eben nicht der top ausgebildete Superspion, sondern eher eine Verlegenheitslösung: Weil sich gerade eine günstige Gelegenheit ergibt, wird er als MfS-Spion in den Westen einschleust – worauf er eigentlich gar keine Lust hat. Er will nicht in den Westen. Er will zuhause bleiben, bei seiner kranken Mutter und seiner schönen blonden Freundin Annett (Sonja Gerhardt).

Martin ist NVA-Soldat und guter Sozialist, der westdeutschen Studenten an der Grenze die billig im Osten eingekauften Bücher abnimmt, weil sie ihr Geld nicht zum vorschriftsmäßigen Kurs umgetauscht haben: Wer gegen die Gesetze der DDR verstößt, schadet dem Sozialismus. Aber als die Studenten auf die Frage, wer am Ende gewinnen wird – die Kapitalisten, die nur an sich selbst denken, oder die Sozialisten, die an einem Strang ziehen, damit es allen Menschen besser geht, die richtige Antwort geben, lässt Martin die Wessis laufen. „Aber der Shakespeare bleibt hier! Den Marx könnt ihr mitnehmen, da lernt ihr vielleicht noch was!“

Screenshot Deutschland 83 Alex Edel (Ludwig Trepte) und Martin/Moritz (Jonas Nay)  via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 Alex Edel (Ludwig Trepte) und Martin/Moritz (Jonas Nay) via sundance.tv

Natürlich wird auch bei Deutschland 83 tief in die Klischee-Kiste gegriffen. Aber es trifft in diesem Fall eben nicht nur die DDR, sondern auch die Wests und ihre Verbündeten. Natürlich sind die Zonis skrupellos und gemein, insbesondere die Stasi-Kader Lenora Rauch (grandios: Maria Schrader) und Walter Schweppenstette (Sylvester Groth), die den jungen Martin brutal ins kalte Wasser werfen – nicht ohne ihm vorher die Finger zu brechen, weil das ist einzige Detail, das nicht mit dem Profil des jungen Wessie-Offiziers Moritz Stamm übereinstimmt, als der Martin in die Bundeswehr eingeschleust wird: Er kann nicht Klavier spielen.

Screenshot Deutschland 83 – Martin (Jonas Nay): Telefonieren in der Vor-Handy-Ära via sundance.tv

Er kann auch sonst einiges nicht, aber er bemüht sich – und es gibt immer ein paar echte Stasi-Topagenten in seiner Nähe, die aufpassen, dass er nicht allzu viel falsch macht. Und wenn doch etwas schiefläuft, Schadensbegrenzung betreiben. Natürlich tauchen reichlich Probleme auf – so befinden sich die geheimen NATO-Unterlagen, die Martin aus dem Safe von General Jackson klaut, nicht in einem herkömlichen Ordner, dessen Inhalt Martin wie inzwischen geübt heimlich abfotografieren könnte, sondern auf so einem viereckigen Plaste-Dings, einem, wie heißt das doch gleich? Floppy-Disk. Es für muss also erstmal ein IBM-Rechner beschafft werden, damit die Kollegen in der Analyse das Teil überhaupt lesen und auswerten können. Auch für die Stasi keine triviale Aufgabe.

Screenshot Deutschland 83 - das Floppy-Problem Schweppenstette (Sylvester Groth, Mitte) und Lenora (Maria Schrader) via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 – das Floppy-Problem Schweppenstette (Sylvester Groth, Mitte) und Lenora (Maria Schrader)
via sundance.tv

Und dann hat General Wolfgang Edel (Ulrich Noethen) eine Sohn, der zwar die für ihn vorgesehene Pflichtkarriere als Offizier durchzieht, sich aber eigentlich zur Friedensbewegung gezogen fühlt. Alex Edel nervt es, dass dieser Moritz Stamm sich genauso anhört wie sein Vater. Moritz ist eindeutig der bessere Soldat – aber wenn Alex wüsste, warum! Denn wenn es darum geht, die Welt, oder doch zumindest die DDR zu retten, wächst Martin immer wieder über sich hinaus und schafft Dinge, die er sich selbst zuvor kaum zugetraut hätte.

Bisher sind drei der insgesamt acht Teile gelaufen, die große Lust darauf machen, weiter zu sehen, auch wenn ich von Deutschland 83 nicht so hin und weg gerissen bin wie von Mr. Robot. Aber mal sehen, was die kommenden Teile jeweils bringen – UFA Fiction hat hier jedenfalls eine erstaunlich moderne und clever konstruierte Serie abgeliefert – genau das, was ich sonst im deutschen Fernsehen so vermisse.

Screenshot Deutschland 83 Auch die Generäle Jackson (Errol T. Harewood ) und Edel (Ulrich Noethen) haben in Brüssel eine eigene Agenda...  via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 Auch die Generäle Jackson (Errol T. Harewood ) und Edel (Ulrich Noethen) haben in Brüssel eine eigene Agenda… via sundance.tv

Halt and Catch Fire – Goldrausch in Texas

Gemessen daran, wie sehr die Computerisierung samt der dann folgenden Vernetzung der plötzlich überall vorhandenen Computer die Arbeitswelt, die Gesellschaft und das Leben der Menschen verändert hat, gibt es erstaunlich wenig Filme und Serien, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Allmächtige Computer, die im Laufe der Zeit ein für die Menschen in ihrer Umgebung gefährliches Eigenleben entwickeln, kennt man vor allem aus Science-Fiction-Klassikern der 1960er und 70er Jahre, etwa HAL 9000 aus 2001 – Odyssee im Weltraum (1968). Oder die intelligente Bombe aus Dark Star (1974), die von den zuvor extrem gelangweilten Astronauten mit Gesprächen über philosophische Spitzfindigkeiten daran gehindert werden muss, das ganze Schiff zu sprengen. Was am Ende nicht gelingt. Und Matrix (1999) soll ja irgendwie auch etwas mit Computern zu tun haben – schließlich findet der ganze Film in der Matrix statt, die von einem Großrechner erzeugt wird, der die ganze Menschheit versklavt hat.

Screenshot Halt and Catch Fire - USA 2014

Screenshot Halt and Catch Fire – USA 2014

Okay, dann es gibt noch ein paar Filme, in denen Hacker eine Rolle spielen, etwa in War Games (1983), wo ein Schüler aus Versehen fast den dritten Weltkrieg auslöst – was der Computer am Ende zu Glück verhindern kann, in dem er das atomare Kriegsspiel abschaltet. Dann gibt es Das Netz (1995), in dem Sandra Bullock den Nerd gibt, ständig auf der Suche nach einer Möglichkeit, in dieses Internet zu kommen, mit dem man schreckliche Dinge anstellen kann. (By the way: Ich fand Sandra Bullock auch in Gravity sehr gut. Wobei ich mir noch nicht sicher bin, was ich von Gravity halte. Das ist nämlich kein Nerdfilm im eigentlichen Sinne). Oder 23 – nichts ist wie es scheint (1998) über den Hannoveraner Hacker Karl Koch, der nach der Lektüre des Buches Illuminatus! (von Robert Shea und Robert Anton Wilson) so paranoid wird, wie andere, die dieses Buch gelesen haben, auch – nur dass Karl sich nicht nur für Literatur, sondern auch für Computer interessiert und sich schon im Internet herumtreibt, als das noch aus Mailboxen besteht, die mit dem Akkustik-Koppler angesteuert werden. Nachdem er entdeckt, die Großrechner von Unternehmen und Atomkraftwerken kaum geschützt werden, nimmt die Sache einen verhängnisvollen Verlauf. Karl verschwindet am 23.5.1989, seine verkohlte Leiche wird wenig später gefunden. 23 ist also quasi ein Dokudrama, auch wenn einiges im wahren Leben vielleicht doch etwas anders gewesen ist.

Screenshot Halt and Catch Fire - Gordon Clark (Scoot MacNairy), gescheiterter Computer-Pionier

Screenshot Halt and Catch Fire – Gordon Clark (Scoot MacNairy), gescheiterter Computer-Pionier

Ähnlich verhält es sich auch mit der von AMC produzierten Serie Halt and Catch Fire, die im vergangenen Sommer auf AMC zu sehen war, in Deutschland ist sie seit März auf Amazon Instant Video verfügbar. Eine zweite Staffel soll ab dem 31. Mai auf AMC laufen. Halt and Catch Fire handelt von den Anfängen des Computer-Booms durch die zunehmende Verbreitung von PCs – jene Kisten, die von den etablierten Herstellern von Großrechnern lange Zeit nicht für voll genommen wurden, weil sie sich nicht vorstellen konnten, wozu die Menschen sich Personal Computer auf ihre Schreibtische und dann auch noch in ihre Wohnungen stellen sollten. Ehrlich gesagt hätte ich das auch nicht gewusst, aber die Generation Smartphone hat mit der Frage „Wie seid ihr eigentlich damals, als es noch keine Smartphones gab, ins Internet gekommen?“ zumindest eine der möglichen Antworten gefunden.

Screenshot Halt and Catch Fire - Donna Clark (Kerry Bishé), bescheidene Heldin.

Screenshot Halt and Catch Fire – Donna Clark (Kerry Bishé), bescheidene Heldin.

Ans Internet habe ich damals nun wirklich nicht gedacht, als ich mir 1988 meinen ersten Computer gekauft habe – einen AT 2-86 mit 1 MB Arbeitsspeicher, 40 MB Festplatte und 15-Zoll-Röhrenmonitor (monochrom). Das war damals für den Preis, den ich zahlen konnte, ein gutes Angebot. Denn mehr als 2000 DM wollte bzw. konnte ich nicht ausgeben. Aber nachdem ich eine erste Hausarbeit auf der mechanischen Schreibmaschine meines Vater getippt hatte und darüber fast verrückt geworden war, war die Anschaffung einfach unvermeidlich: Schreibmaschine war echt vorsintflutliche Technik und wenn man auch nur ein Wort ändern wollte, musste man die ganze Seite noch einmal tippen und dann die Berechnungen für den Platz, den die Fußnoten beanspruchen – der Wahnsinn! Nie wieder!!! Mir war klar: Ich brauche eine Schreibmaschine, auf der ich viele Seiten Text produzieren, dann in Ruhe verbessern und schließlich alles in ansprechendem Layout ausdrucken kann.

Screenshot Halt and Catch Fire - Gordon und Joe (Lee Pace) bei der Arbeit.

Screenshot Halt and Catch Fire – Gordon und Joe (Lee Pace) bei der Arbeit.

Dass diese Schreibmaschine auch noch andere Dinge konnte – es gab auch eine Tabellenkalkulation, Kalender, ein Geografieprogramm mit Daten über sämtliche Länder auf der Welt, Spiele (die mich damals schon nicht sonderlich interessierten) und vieles mehr, aber das war nur ein angenehmer Nebeneffekt. Ein Nerd in dem Sinne bin ich also nie gewesen, auch wenn ich mir 1993 eine erste E-Mail-Adresse zugelegt habe und sehr begeistert über den ersten iMac war, mit dem ich 1998 dann tatsächlich ins Internetzeitalter eingestiegen bin – per 56k-Modem, was in den iMac eingebaut war.

Screenshot Halt and Catch Fire - Gordon und Joe (Lee Pace) bei der Arbeit (mit Dioden)

Screenshot Halt and Catch Fire – Gordon und Joe (Lee Pace) bei der Arbeit (mit Dioden)

Doch Halt and Catch Fire spielt in der Zeit davor: Anfang der 80er Jahre. Das ehrgeizige Verkaufsgenie Joe MacMillan (Lee Pace) wechselt von IBM zu der etwas provinziellen texanischen Firma Cardiff Electric, um einen Coup zu landen: Einen Personal Computer auf den Markt zu bringen, der die gängigen IBM-Produkte schlagen kann. Bei Cardiff werkelt der nicht weniger geniale Ingenieur Gordon Clark (Scoot MacNairy) in einem ungeliebten Brotjob vor sich hin. Gordon hatte den Traum, ein wirklich revolutionäres Produkt auf den Markt zu bringen und ist mit dieser Vision schmerzhaft gescheitert – jetzt muss er die Füße still halten und Geld für den Unterhalt seiner Familie verdienen. Er hat nämlich eine tolle Frau und zwei Töchter. Und wie sich herausstellen wird, ist Gordons Frau Donna (Kerry Bishé), die für einen Hungerlohn bei Texas Instruments als bessere Sekretärin arbeitet, in Sachen Computer auch schwer auf Zack. Auch wenn ihr Licht immer ständig den Scheffel gestellt wird – sie rettet ihrem Gordon immer wieder den Arsch, während Cameron Howe (Mackenzie Davis) als junge, unkonventionelle Superprogrammiererin natürlich auch gute Arbeit leistet, aber dank ihrer erfrischenden Unverschämtheit auch entsprechend bezahlt wird.

Screenshot Halt and Catch Fire - Gordon, Cameron  (Mackenzie Davis) und Joe.

Screenshot Halt and Catch Fire – Gordon, Cameron (Mackenzie Davis) und Joe.

Cameron ist eine dieser typischen 80er-Jahre-Figuren – ein Punk, dem eigentlich alles egal ist, aber wenn es drauf ankommt, ist sie sehr geschäftstüchtig. Cameron hat sich bisher durchs Leben getrickst und weil sie nicht blöd ist, trifft sie auf MacMillan. Oder er auf sie, als er an der lokalen Uni nach Programmier-Talenten sucht. Eine der spannenden Sachen an Halt and Catch Fire ist, dass es keine wirklich sympathischen Hauptpersonen gibt. Ja, das ist nicht wirklich neu, denn genau so funktionieren auch die großartige Serien Mad Man oder Breaking Bad, die beide aus dem Hause AMC kommen. MacMillan erinnert doch sehr an Don Draper – und Cameron ist die deutlich abgebrühtere 80er-Jahre-Ausgabe von Peggy Olson. Die übrigens meine Lieblingsfigur aus Mad Men ist – ein braves Vorstadt-Mädchen erkämpft sich unter beträchtlichen Opfern ihren Weg nach oben. (Nein, ich identifiziere mich weder mit Peggy, noch mit Cameron – die Trennung von Arbeit und Privatleben ist mir dafür zu wichtig.)

Screenshot Halt and Catch Fire - Gordon und Joe haben es geschafft.

Screenshot Halt and Catch Fire – Gordon und Joe haben es geschafft.

Und dann gibt es natürlich noch den Senior VP für Finanzen, John Bosworth. Der ist ein Geschäftsmann der alten Schule, der mit den Ideen von MacMillan gar nicht klar kommt. Auch dieses Thema kennt man ja auch Mad Men, das ist der Part von Bert Cooper, dem Teilhaber von Sterling Cooper, der Freund japanischer Lebensart ist, bei dem man also die Schuhe ausziehen sollte, wenn man sein Büro betritt. Aber genau wie ich in den ersten zwei, drei Teilen von Mad Men unschlüssig war, ob das nun eine wirklich tolle Serie ist, die man unbedingt gesehen haben muss, oder ein überschätztes Medien-Event, war ich mir auch bei Halt and Catch Fire nicht sicher. Inzwischen bin ich es aber: Mad Men ist wirklich großartig – und Halt and Catch Fire ist es auch!

Screenshot Halt and Catch Fire - Gordon, Cameron und Joe bekommen Schwierigkeiten.

Screenshot Halt and Catch Fire – Gordon, Cameron und Joe bekommen Schwierigkeiten.

Wenn auch auf eine andere Art und Weise – wer also mit dem 60er-Jahre-Chic von Mad Men nichts anfangen konnte, ist vielleicht mit dem gelungenen 80er-Ambiente von Halt and Catch Fire glücklich. Oder umgekehrt: Wer auf liebevoll ausgestattete History-Serien steht, kann mit Halt and Catch Fire durchaus glücklich werden. Denn genau wie Mad Men einen in die 60er zieht, zieht einen Halt and Catch Fire in die 80er. Und was Mad Men über das Werbebusiness verrät – und das ist durchaus interessant und aufschlussreich – offenbart Halt and Catch Fire über die Computerindustrie. Natürlich darf man das, was in der Serie gezeigt wird, nicht allzu wörtlich nehmen. Aber von dem Geist, der dahinter steht – und der sehr gut beschreibt, wie Geschäfte nun einmal laufen, verrät es doch eine Menge. Man muss nur bereit sein, das alles nicht als Fiktion abzutun.

Better Call Jimmy – zurück im Breaking-Bad-Universum

Inzwischen geht mir die penetrante Werbung auf die Nerven, mit der Netflix für Better Call Saul wirbt – man hat das Gefühl, dass nicht nur ganz Berlin, sondern auch das ganze Internet damit zugekleistert ist. Wobei die Kampagne natürlich gut ist: „Dein One-Night-Stand war hässlich? Verklag die Brauerei!“, „Das Wetter nervt? Verklag deine Wetter-App!“ oder „Kriminelle sind Menschen wie du und ich!“ – das ist Saul Goodman.

Dabei ist Better Call Saul gar keine Netflix-Serie, auch wenn Netflix so tut – aber immerhin wird sie hierzulande zuerst auf Netflix gezeigt, wenn auch nicht im üblichen Netflix-Modell für Binge-Watcher. Nach der Doppelfolge, die am 11. Februar veröffentlicht wurde, darf auch Netflix nur eine Folge pro Woche zeigen – genau wie AMC das tut. Denn genau wie das geniale Breaking Bad ist Better Call Saul natürlich eine AMC-Serie.

Better Call Saul - Noch heit Saul Jimmy McGill (Bob Odenkirk)

Better Call Saul – Noch heißt Saul Jimmy McGill (Bob Odenkirk) – Bild: amctv.com

Ich war schon skeptisch, ob das funktionieren kann: Aus einer Kultserie, bei der ein Ensemble sehr markanter, eigenwilliger Figuren eine wendungsreiche, aber gnadenlos auf ein böses Ende zugespitzte Handlung durchexerziert, eine wichtige Nebenfigur zu nehmen, und einfach eine weitere Serie daraus zu machen. Aber genau das ist erstaunlich gut gelungen – und mir fällt jetzt erst richtig auf, was diesen einzigartigen Breaking-Bad-Stil ausmacht: Diese unglaubliche Detailverliebtheit! Jedes noch so kleine Ding ist wichtig. Jede Einstellung wird wie ein Gemälde durchkomponiert, jedes Geräusch mit Bedeutung aufgeladen – und jede noch so nachvollziehbare, vielleicht sogar liebenswerte Marotte kann verhängnisvoll werden.

Das war es, was das Besondere an Breaking Bad war und Vince Gilligan und Peter Gould schaffen es tatsächlich, eben dieses Breaking-Bad-Universum gleich mit der ersten Folge wieder zu erschaffen. Das fängt schon mit der nur wenige Minuten langen Vorspann-Sequenz an, die erst einmal nichts mit der danach einsetzenden Handlung zu tun haben scheint – aber irgendwann später einen Sinn bekommen wird.

Und dann sehen wir Saul Goodman (Bob Odenkirk), der allerdings noch Jimmy McGill heißt und als schlecht bezahlter Pflichtverteidiger dumme Jungs aus dummen Situationen herausholen muss, in die sie sich selbst gebracht haben. Obwohl er sich auf dem Klo auch auf diesen Auftritt so vorbereitet, als wäre es der große Auftritt eines Staranwaltes. Erstaunlicherweise vergisst man so fort, dass man Saul Goodman als gerissenen Winkeladvokaten und skrupellosen Geldwäscher kennengelernt hat – Jesse hat ihn in Breaking Bad entsprechend eingeführt: „Wir brauchen keinen Anwalt, wir brauchen einen Kriminellen!“

Better Call Saul

Better Call Saul – Jimmy McGills Büro ist überall – Bild: amctv.com

Und ein bisschen kriminell war Jimmy McGill schon immer – ob er nun als „Slipping Jim“ in seiner kalten Heimatstadt Cicero darauf gelauert hat, dass sich Menschen auf Glatteis die Knochen brechen, um an Schadensersatzklagen zu verdienen oder jetzt zwei nicht allzu intelligent erscheinende Skateborder für ähnliche Zwecke rekrutiert, nachdem sie versucht haben, eben jene Masche bei Jimmy abzuziehen. Dumm nur, dass seine neuen Partner ihre Skateboard-Nummer ausgerechnet mit dem falschen Wagen ausprobieren: Darin sitzt nämlich nicht die besorgte Familienmama, die Jimmy eigentlich als potenzielles Opfer auserkoren hatte, sondern die Abuelita von einem alten Bekannten aus Breaking Bad – dieser Cliffhanger funktioniert natürlich nur für Breaking-Bad-Kenner. Ich fand es jedenfalls großartig, dass Jimmy so schnell von seiner Zukunft eingeholt wird.

Jetzt muss Jimmy nämlich sein ganzes Verhandlungstalent aufbieten, um sich selbst und den beiden Skaterjungs, die er in eine dermaßen prekäre Situation gebracht hat, den Kopf zu retten. Natürlich will der Totalpsychopath Tuco die beiden umbringen, weil sie seine Abuelita beleidigt haben. Und Jimmy, der Anwalt, soll die angemessene Strafe bestimmen – und schon haben wir wieder eine Breaking-Bad-Standardsituation: Eine ausweglos scheinende Konfrontation in der Wüste um Albuquerque, bei der McGill zu Hochform auflaufen muss und das auch tut – über Erschießen, Blenden und den Verlust von Gliedmaßen handelt er die Strafe schließlich aufs Beinbrechen herunter: Eine beträchtliche Leistung, auch wenn die beiden Jungs das natürlich anders sehen.

Better Call Saul: Zurück im Breaking-Bad-Universum - Bild amc.com

Better Call Saul: Zurück im Breaking-Bad-Universum – Bild amctv.com

Jimmy ist tatsächlich meilenweit entfernt von seiner späteren Form – allein schon sein fensterloses Büro im Hinterzimmer eines asiatischen Kosmetik-Salons, in dem er auf der Couch schlafen muss, die tagsüber zum Empfang der Mandanten dient, ist so deprimierend, wie seine ganze erbärmliche Existenz. Um Mandanten von sich zu überzeugen, muss er ganz tief in die Trickkiste greifen. Gleichzeitig zeigt er aber noch Skrupel – die ihm dann aber auch wieder zum Verhängnis werden. Abseits dessen bahnt sich in der dritten Folge so etwas wie eine Annäherung von Jimmy und Mike (Jonathan Banks) an.

Ausgerechnet der mürrische Mike, der in den ersten beiden Folgen nichts anderes getan hat, als Jimmy immer wieder wegen der nicht korrekten Anzahl von Parkmarken auflaufen zu lassen, glaubt Jimmy in einem scheinbar abstrusen Fall über das Verschwinden einer Familie, der für die ermittelnden Polizisten eine klare, aber falsche Lösung hat. Und wir erfahren, dass Mike auch einmal Polizist war, gleichzeitig ist deutlich zu spüren, dass Mike für den ganzen Polizeiapparat nur noch Verachtung übrig hat. Hier wird es gewiss noch spannend, auch wenn es in der vierten Folge erst einmal um ganz andere Dinge geht.

Hier legt sich Jimmy nämlich mit der übermächtigen Konkurrenz an, die er nicht nur mit Frisur und Kleidungsstil, sondern auch dem kompletten Logo frech kopiert – was zu einem David-gegen-Goliath-Prozess führt, für den sich die Medien aber leider gar nicht interessieren wollen. Das ändert sich erst, als er sich auf schmierigste Weise als Retter in höchster Not inszeniert – mich würde sehr wundern, wenn ihm dieser Stunt später nicht wieder auf die Füße fällt.

Wir treffen uns im Waschsalon - Bild:  http://www.kolle-rebbe.de

Wir treffen uns im Waschsalon – Bild: http://www.kolle-rebbe.de

Tucos Kumpel Nacho Varga ist mit Jimmys Performance jedenfalls noch nicht so richtig zufrieden, obwohl der ihn dank der wiedergefundenen Familie Kettleman aus dem Knast geholt hat. Und die Kettlemans selbst wollen nicht Jimmys Klienten werden, weil er ja so ein Anwalt ist, den sich die Leute nehmen, die schuldig sind. Und sie wollen nicht schuldig aussehen. Lieber nötigen die Kettlemans Jimmy ein Schweigegeld auf, das er in seinen Feldzug gegen die Kanzlei Hamlin investiert.

Und die Frage, auf welche Weise Jimmys Bruder Chuck (Michael McKean) eigentlich zu dem neurotischen Wrack geworden ist, das sich nun nur noch einer abschirmenden Rettungsfolie aus dem Haus traut und ansonsten Elektrizität und alles, was damit zusammenhängt hysterisch vermeidet, ist auch noch nicht geklärt… es lohnt sich also, dran zu bleiben. Eigentlich ist es doch ganz schön, jetzt wieder ein paar Wochen dieses alte Serien-Gefühl zu genießen, bis man endlich, endlich den nächsten Teil sehen kann…