The Death of Politsatire

Auf der Liste der übelsten Diktatoren aller Zeiten dürfte sich nach der herrschenden Geschichtsschreibung Josef Stalin auf einem soliden zweiten Platz befinden – nach dem Herrscher über das Tausendjährige Großdeutsche Reich Adolf Hitler. Nun gibt es inzwischen quasi ein eigenes Genre von Hitler-Satiren (die konservative Welt hat hier eine ganz brauchbare Zusammenstellung gebracht. Mein persönlicher Lieblingshitler ist Helge Schneider in Mein Führer.)

Bei Stalin-Satiren scheint das etwas anders zu sein, vor allem da im potenziellen Heimatland der Stalin-Satire Russland noch immer nicht über Stalin gelacht werden darf. Jedenfalls wurde die Aufführung von The Death of Stalin in russischen Kinos verboten, weil der Film historische Symbole Russlands beleidige und absichtlich Streit in der Russischen Gesellschaft anfache.  Vermutlich hat die Humorlosigkeit der Duma das Interesse für diesen Film beim russischen Publikum jetzt erst recht geweckt. Dank Internet gibt es ja auch andere Möglichkeiten, an Inhalte zu kommen, die von Regierungen als nicht so wünschenswert angesehen werden.

The Death of Stalin Filmplakat

The Death of Stalin Filmplakat

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich bin absolut nicht der Ansicht, dass man die Sowjetunion und Hitler-Deutschland vergleichen kann. In der Sowjetunion wurde nach der Oktoberrevolution etwas noch nie da gewesenes und leider bis heute noch immer nicht so richtig gut Umgesetztes ausprobiert: Ein Staat, der wirklich für die Belange des gemeinen Volkes veranstaltet wird. Die arbeitenden Menschen sollten im Mittelpunkt stehen, ihre Bedürfnisse sollten ernst genommen und bedient werden. Die Früchte ihrer Arbeit sollten nicht mehr die Besitzer der dafür benutzen Produktionsmittel (also die Kapitalisten) reich machen, sondern die Arbeiter selbst.

Das ist eine sehr sympathische Idee, auch wenn sie heute gerade mit dem Hinweis auf den stalinischen Terror als fataler Irrweg denunziert wird. Das erklärt auch, warum ich kein Stalin-Fan bin. Trotzdem hat die UdSSR es geschafft, Millionen von Menschen, die im rückständigen Zarenreich keine Chance auf ein gutes und eigenständiges Leben gehabt hätten, auszubilden und damit zu Fachkräften zu machen, die nach der Oktoberrevolution eine atemberaubende industrielle Entwicklung auf die Beine gestellt haben. Mit kapitalistischen Mitteln hätte es niemals funktioniert, ein riesiges Land binnen weniger Generationen vom rückständigen Agrarstaat zu einer führenden Industriemacht auszubauen.

Und ob man das jetzt sinnvoll findet oder nicht, die Versorgung der ISS kann seit längerem nur dank der inzwischen zwar veralteten, aber noch immer zuverlässigen russischen Raketentechnik aufrecht erhalten werden. Okay, mit der Kollektivierung der Landwirtschaft ist es weniger gut gelaufen, da hätten die kommunistischen Kommissare daran denken sollen, dass, wenn man das Saatgut konfisziert, auch die nächste Ernte ausfällt. Es gab, wie überall, wenn man etwas Neues ausprobiert, schmerzliche Rückschläge und furchtbare Fehlentwicklungen. Und eine der gräßlichsten und schmerzlichsten Fehlentwicklungen des neuen Staatswesens dürften die Stalinistischen Säuberungen gewesen sein, denen zwischen 1936 und 1940 Millionen Menschen zum Opfer fielen, die, aus welchen Gründen auch immer, unter Verdacht gerieten, gegen das angeblich kommunistische Regime zu konspirieren. In der Zeit kamen auch zahlreiche überzeugte Kommunisten zu Tode.

Daraus folgt für mich, dass Stalin kein Kommunist gewesen sein kann. Ein Kommunist hätte niemals Menschen umgebracht, die anderer Ansicht waren als er selbst. Ein Kommunist hätte mit ihnen diskutiert. Auch die Vorstellung einer „Diktatur der Arbeiterklasse“ ist letztlich nicht kommunistisch, denn Kommunisten lehnen Diktatur ab. Der Witz am Kommunismus ist ja, dass die Leute, die all die Arbeit machen müssen, um ein System am Laufen zu halten, darüber bestimmen können, auf welche Art und Weise sie das tun. Rein objektiv ist schließlich völlig klar, dass jede und jeder etwas dafür tun muss, Essen auf dem Tisch und ein Dach über dem Kopf zu haben. Und was man sonst noch für ein anständiges Leben braucht.

Aber da geht es auch schon los: Ein durchschnittlicher Multimillionär meint vielleicht, dass ein Privatflugzeug einfach dazu gehört, um seine auf der ganzen Welt verteilten Besitztümer in Schuss zu halten. Andere Zeitgenossen sind vielleicht mit fließend Wasser, einem funktionierenden Internetanschluss oder ein paar Quadratmetern Gemüsebeet zufrieden. Insofern ist es schon ein Problem, alle Interessen unter einen Hut zu bringen. Ich sehe allerdings nicht ein, warum die Welt ausgerechnet am Interesse der Leute ausgerichtet sein sollte, die ein Privatflugzeug als Lebensmittel benötigen. Ich halte es mit denen, die einfach nur genug zu essen und ein Dach über dem Kopf für alle wichtiger finden. Und die UdSSR hat das zumindest ein paar Jahrzehnte lang versucht. Trotz Stalin.

Jetzt habe ich nach der langen Vorrede den Faden verloren, denn eigentlich sollte es ja um den Film The Death of Stalin gehen. Den habe ich neulich gesehen und ich musste tatsächlich ein paar Mal lachen, was keine Überraschung sein sollte, schließlich wurde The Death of Stalin mit dem Europäischen Filmpreis 2018 in der Kategorie Komödie ausgezeichnet.

Aber so richtig lustig fand ich den Film letztlich nicht. Vieles von dem, was dort gezeigt wird, hat tatsächlich statt gefunden, und das ist überaus traurig. Aber andererseits ist genau das auch wieder ein Grund dafür, eine tief schwarze Komödie daraus zu machen. Aber für mich funktionierte das in diesem Fall nicht, kann sein, dass man erst ein paar hundert Gramm Wodka kippen muss, damit die entsprechende Stimmung aufkommt.

Denn die Zutaten sind ansonsten vielversprechend, es sind eine ganze Reihe toller Schauspieler an Bord und für Regie und Drehbuch (mit Ian Martin und David Schneider) ist Armando Iannucci zuständig, der durch The Thick Of It bekannt ist. Oder als Inspirator hinter der US-Comedy Veep, von der ich zugeben muss, dass sich mir der Humor dieser Serie auch nicht wirklich erschlossen hat. Ich habe mehrfach versucht, mir Veep anzusehen, aber irgendwie hat es nicht gezündet. Vielleicht verstehe ich dann doch zu wenig von US-Politik. Trump kapiere ich ja auch nicht, warum ist der eigentlich US-Präsident und nicht Hauptfigur einer Polit-Satire? Oder bin ich einfach in der falschen Realität?

The Death of Stalin: Filmplakat Rupert Friend, Michael Palin, Jeffrey Tambor, Steve Buscemi, Jason Isaacs

The Death of Stalin: Filmplakat Rupert Friend, Michael Palin, Jeffrey Tambor, Steve Buscemi, Jason Isaacs

Damit endlich zum Film: Wir sind in Moskau, im März 1953. Radio Moskau überträgt ein Mozart-Konzert mit der Klaviervirtuosin Maria Yudina. Genosse Stalin ist sehr angetan und hätte gern eine Aufzeichnung. Nur leider existiert keine, das Konzert wurde live gesendet. Jetzt muss schnell eine Kopie her, und dafür muss das Konzert noch einmal aufgeführt werden, koste es, was es wolle. Die für die richtige Akustik nötigen Zuschauer im Sendesaal lassen sich leicht ersetzen, mit Leuten, die man einfach von der Straße holt. Aber der Dirigent ist vor Angst in Ohnmacht gefallen, hier wird der Ersatz schon schwieriger. Und die Pianistin kann Stalin eh nicht leiden, sie findet, dass er ein Tyrann ist und lässt sich nur mit der diskreten Zahlung einer ziemlich großen Summe dazu bewegen, das Konzert noch einmal zu spielen. Puh.

Noch hat niemand von Belang sein Leben verloren. Aber das wird sich schnell ändern. Nachdem die Aufnahme unter großen Opfern stattgefunden hat, wird sie Stalin übermittelt. Maria Yudina hat eine handgeschriebene Nachricht in die Hülle geschmuggelt: Sie beschuldigt Stalin der Tyrannei und wünscht ihm den Tod. Stalin findet das so lustig, dass er einen Schlaganfall erleidet. Weil niemand es wagt, sein Zimmer unbefugt zu betreten, bleibt Stalin hilflos in seinem eigenen Urin am Boden liegen, wo er später von Mitgliedern des Zentralkomitees der KPdSU gefunden wird.

Und wie das mit Komitees und Protokollen so ist, erst einmal muss die Beschlussfähigkeit abgewartet werden und dann muss einstimmig beschlossen werden – der Genosse Stalin besteht nun einmal darauf, dass die Partei stets mit einer Stimme spricht. Als endlich beschlossen wird, dass nun ein Arzt zu rufen ist, stellt sich das Problem, dass alle fähigen Mediziner den Säuberungen zum Opfer gefallen sind. Also werden Ruheständler und Jungärzte ans Kranken- bzw. Sterbebett beordert, die allesamt nur feststellen können, dass jetzt nur noch ein Wunder helfen könnte, welches sich bekanntlich nicht eingestellt hat.

Doch längst bevor Genosse Stalin seinen letzten Atemzug aushaucht, geht der Kampf um die Nachfolge los: Formal wird der stellvertretende Generalsekretär des ZK Georgi Malenkow (Jeffrey Tambor) zum neuen Staatsoberhaupt. Allerdings sind alle anderen ZK-Mitglieder der Ansicht, dass Malenkow nicht der ideale Nachfolger ist. Insbesondere der intrigante Geheimdienstchef Lawrenti Beria (Simon Russell Beale) hat bereits Vorbereitungen für seine Machtübernahme getroffen. Den ehemaligen Außenminister Wjatscheslaw Molotov (Michael Palin), den Stalin auf eine seiner berüchtigten Todeslisten hat setzen lassen, begnadigt Beria spontan, weil er hofft, dass er ihm nützlich sein werde. Allerdings durchkreuzt ausgerechnet der bis dahin eher unauffällige Nikita Chruschtschow (Steve Buscemi) Berias Pläne, in dem er einen Konflikt zwischen Beria und dem Chef der Roten Armee, Georgi Schukow (Jason Isaacs), anheizt. Und dann gibt es noch Stalins Kinder Swetlana (Andrea Riseborough) und Wassili (Rupert Friend), die jeweils auf ihre Art ziemlich durchgeknallt sind, mit denen sich die jeweiligen Verschwörer aber gut stellen müssen. Sämtliche ZK-Mitglieder agieren extrem opportunistisch und eigennützig, insbesondere Beria schreckt vor keiner Grausamkeit zurück, um seine Interessen durchzusetzen. Es wird also weiterhin munter verhaftet, verhört, gefoltert und gemordet, auch wenn selbst Beria irgendwann auf die Idee kommt, dass die Aussetzung der Hinrichtungen und eine allgemeine Amnestie beim Sowjetvolk gewiss gut ankämen.

Es fiel mir wie gesagt ziemlich schwer, das alles so lustig zu finden, wie es offensichtlich gemeint war, vielleicht, weil der Film immer wieder zwischen alberner Klamotte und brutaler Trashsatire schwankt. Aber für das eine ist er zu blutig und für das andere nicht blutig genug. Insofern frage ich mich, was dieser Film eigentlich sein will: Eine Geschichtsstunde der anderen Art oder tatsächlich eine Politsatire? Auch wenn die Handlung von The Death of Stalin historisch nicht akkurat ist, so orientiert sie sich doch an Ereignissen, die in ähnlicher Form tatsächlich statt gefunden haben. Das tut schon weh. Insbesondere wenn man sich das heutige Politpersonal in der Weltspitze mal ansieht. Wer von denen würde denn nicht für den eigenen Vorteil über Leichen gehen? Wer von denen kriegt denn tatsächlich mit, wie die jeweiligen Untertanen so leben (müssen)!?

Das ist ja generell das Problem mit Politsatire: An drastischen Beispielen wird vorgeführt, wie „die da oben“ so drauf sind, da kann man dann drüber lachen und am Ende ändert sich – nichts. Wissen wir nicht längst, dass die Mächtigen böse sind, und sich aus ihrem Bedürfnis heraus, mächtig zu werden, zu sein und zu bleiben, bei jeder Gelegenheit zum Affen machen? Dass sie ohne mit der Wimper zum zucken, das Gegenteil von dem behaupten, was sie eben noch gesagt haben, nur weil sich der Wind gedreht hat?! Das hat George Orwell bereits im Jahr 1948 in seinem Roman 1984 besser auf den Punkt gebracht: „Frieden ist Krieg!“ „Sklaverei ist Freiheit!“ „Unwissenheit ist Stärke!“

Insofern: Man kann sich den Film schon ansehen, wenn man auf schwarze Komödien steht. Aber in dem Bereich habe ich schon Besseres gesehen.

Disconnect: Die dunklen Seiten des Internet

Das Internet ist nicht nur wahnsinnig praktisch und mittlerweile allgegenwärtig, sondern auch ein sehr gefährliches Ding, dessen Tentakel weit ins reale Leben reichen – und Disconnect ist ein ziemlich guter Film darüber. In mehreren locker verwobenen Handlungssträngen erzählt der Dokumentarfilmer Henry Alex Rubin seinen ersten Spielfilm, der durch Rubins nüchterne Erzählweise beklemmend realistisch daher kommt: Es geht um Minderjährige, die Internetnutzer per Webcam zum Sex und vor allem zum Geldausgeben verführen, um Cybermobbing, Identitätsdiebstahl und nicht zuletzt um die Schwierigkeit, die virtuelle und die echte Welt da draußen auseinander zu halten.

Die Fernsehjournalistin Nina Dunham (Andrea Riseborough) recherchiert im dunkelgrauen Bereich zwischen Cyberporno, Bezahlsex und Kindesmissbrauch – sie nimmt Kontakt mit dem noch minderjährigen Callboy Kyle (Max Thieriot) auf – sie wird daraus eine brisante Geschichte über Porno-Chatrooms stricken, mit der sie groß rauskommt. Aber als sie Kyle wie versprochen aus dieser Szene heraus holen will, wirft der Junge ihr nicht zu unrecht vor, dass sie diejenige sei, die ihn missbrauchen würde, und nicht der windige Chef des Pornohauses, in dem Kyle mit anderen Jugendlichen lebt, die sein Boss von der Straße geholt hat.

Screenshot Disconnect, USA 2013

Screenshot Disconnect, USA 2013 – Kyle (Max Thieriot)

Gleichzeitig wird der 15jährige Ben (Jonah Bobo) von zwei Mitschülern gemobbt – die beiden finden es witzig, dem introvertierten Musikfreak im Chat ein verliebtes Mädchen vorzugaukeln. Ben freut sich, dass es jemanden gibt, dem seine Musik gefällt, er beginnt mit „Jessica“ zu chatten und verliebt sich in seine virtuelle Chatpartnerin. Als sie Ben ein angebliches Nacktfoto von sich schickt, revanchiert er sich mit einem echten Nacktfoto von sich selbst – damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf.

Und natürlich kapiert Bens Vater – ein Anwalt (Jason Bateman), der sein Smartphone auch während der Mahlzeiten nicht aus der Hand legt, erst als es zu spät ist, dass er nichts über seinen Sohn weiß. Immerhin versucht er das nachzuholen, in dem er mit der Chatfreundin seines Sohnes Kontakt aufnimmt – und bekommt nach und nach heraus, was es mit dieser Freundin auf sich hat. Denn einer der Jungs hat ein schlechtes Gewissen und verrät sich – der Chat zwischen dem Vater und einem der Täter, der seinen Sohn in den Selbstmord getrieben hat, gehört für mich zu den stärksten Szenen im Film.

Screenshot Disconnect, USA 2013

Screenshot Disconnect, USA 2013 – Nina Dunham (Andrea Riseborough)

Im Chatroom beginnt auch der Alptraum der Hulls – Cindy (Paula Patton) und Derek (Alexander Skarsgård) haben ein Kind verloren. Während der Ex-Marine Derek sich in seine Arbeit vergräbt und im virtuellen Pokersalon das eine oder andere Spiel verliert, sucht und findet Cindy Trost in einem Selbsthilfeforum. Erst als die Konten leer sind und die Kreditkarten nicht mehr funktionieren, reden die beiden wieder miteinander und engagieren den Privatdetektiv Mike Dixon (Frank Grillo), der auf Computerkriminalität spezialisiert ist. Der wiederum ist alleinerziehender Vater von Jason, einem der beiden Cybermobber, die Ben auf dem Gewissen haben – auch Mike wird also noch Dinge heraus finden müssen, von denen er lieber nichts gewusst hätte.

Screenhot Disconnect, USA 2013 Nina Dunham (Andrea Riseborough)

Screenhot Disconnect, USA 2013 – Nina Dunham (Andrea Riseborough)

Erst ermittelt er allerdings, das der mitfühlende Chatter, dem sich Cindy im Onlineforum anvertraut hat, vermutlich der Datendieb ist. Derek beschließt, sich selbst um diesen Stephen Schumacher (Michael Nyqvist) zu kümmern, weil die Polizei ja eh nichts tut. Gemeinsam mit Cindy späht er Schumacher aus, um Rache zu nehmen – ganz nach alter Schule, in dem er ihm an den Arbeitsplatz folgt und in sein Haus einbricht. Aber am Ende entpuppt sich auch Schumacher als Opfer von Cyberkriminellen.

Man kann dem Film durchaus mangelnde Raffinesse des Plots und Vorhersehbarkeit der Handlung vorwerfen, denn es ist im Grunde bei allen Geschichten klar, worauf sie hinauslaufen – wobei ich das gerade gut finde. Denn es handelt sich nicht um einen klassischen Thriller, sondern um ein nachvollziehbar konstruiertes Psychodrama, das seine Spannung eher aus dem Offensichtlichen bezieht: Dass den meisten Menschen einfach nicht klar ist, dass man es im Internet eben nicht mit dem wahren Leben und realen Menschen, sondern mit virtuellen Identitäten zu tun hat, die vor allem die eigenen Erwartungen spiegeln – man weiß aber nie, wer oder was wirklich dahinter steckt. Und genau wegen dieser Erwartungen und der mangelnden Übereinstimmung mit der Realität schlägt man dann im wahren Leben so hart auf dem Boden der Tatsachen auf.

Screenhot Disconnect, USA 2013  Kyle (Max Thieriot)

Screenhot Disconnect, USA 2013 – Kyle (Max Thieriot)

Natürlich kann man auch im wahren Leben auf Trickbetrüger und Hochstapler hereinfallen – aber im Internet haben diese es sehr viel leichter, schon weil viele Menschen ja ganz wild darauf sind, die ganze Onlinewelt mit jeder Menge Information über sich selbst zu fluten. Insofern ist Disconnect durchaus die Aufforderung, sich mehr um die Kommunikation mit seinen realen Mitmenschen zu kümmern, als sich in virtuellen Welten herumzutreiben, in deren dunklen Ecken allerlei Gefahren lauern – allerdings bleibt die Moralkeule in der Schublade, was ich auch gut finde. Die Schuldfrage wird weder gestellt, noch beantwortet – es werden einfach Geschichten erzählt, die aus dem Leben bzw. aus dem Internet gegriffen sind.

Screenhot Disconnect, USA 2013 Nina Dunham (Andrea Riseborough)

Screenhot Disconnect, USA 2013 – Nina Dunham (Andrea Riseborough)

Es lohnt sich auf jeden Fall, sich diesen Film anzusehen, denn auch wenn man durch den NSA-Skandal und allerlei Datenschutzpannen bei sozialen Netzwerken und Online-Händlern theoretisch weiß, dass es im Internet keine Privatsphäre gibt, wird einem erst beim Ansehen solcher Geschichten wirklich klar, dass es wirklich jeden treffen kann. Dazu kommt, dass hier eine ganze Reihe wirklich guter Schauspieler aufgeboten werden, die ihre Rollen sehr glaubwürdig ausfüllen – mich als Skandinavien-Fan hat natürlich gefreut, dass auch in dieser US-Produktion mit Alexander Skarsgård und Michael Nyqvist eine ordentliche Schwedenquote erreicht wird.