Das Institut: Crashkurs Deutsch

Die Deutschen halten sich für eine Bildungsnation und sind auch sonst der Ansicht, dass am deutschen Wesen die Welt genesen könnte und sollte. Auch deshalb exportieren sie deutsche Qualitätsprodukte gern in alle Welt. International beliebt sind vor allem die Bestseller aus deutscher Waffenfabrikation, weniger beliebt sind deutsche Dichtung, deutsches Drama und die komplizierte deutsche Sprache. Damit diese Kulturgüter bei der Außendarstellung unseres schönen Landes nicht zu kurz kommen, gibt es in zahlreichen anderen Ländern der Erde Goethe-Institute, in denen interessierte Ausländer Deutsch lernen können, außerdem soll ganz allgemein deutsche Kultur vermittelt werden. Entsprechend werden dort Veranstaltungen zu deutscher Literatur, Theater, Film, Musik und so weiter angeboten. Doch erstaunlicherweise rennen die Ausländer diesen Instituten nicht an allen Standorten die Türen ein. Insbesondere, wenn sie in ihren jeweiligen Ländern ganz andere Probleme haben, etwa den Kampf um das tägliche Überleben in ihrer eigenen Kultur. Um ein solches Institut, auch wenn es in der Serie nicht ausdrücklich nach Goethe benannt wurde, dreht sich die Satire-Serie Das Institut – Oase des Scheiterns.

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Die Koproduktion von BR, NDR, WDR, BR-Plus und ARD-alpha ist mit Abstand die lustigste Serie, die der öffentlich-rechtliche Rundfunk im vergangenen Jahr auf die Beine gestellt hat. Was allerdings auch nicht so schwer ist, denn mir fällt auf Anhieb keine weitere Comedyserie aus deutscher ÖR-Produktion ein. Ja, gut, es gibt schon weitere deutsche Comedyserien, die gar nicht so schlecht sind, etwa die maxdome-Produktion jerks. Und bei angestrengtem weiteren Nachdenken fällt mir noch die Serie Blockbustaz ein, die auf ZDFneo lief. Aber die ist nicht annähernd so gut wie Das Institut.

Um so erfreulicher, dass es diese Serie gibt, in der fünf wackere deutsche Angestellte des titelgebenden Instituts gemeinsam mit ihrem einzigen einheimischen Mitarbeiter versuchen, den in einer fiktiven mittelöstlichen islamischen Volksrepublik ansässigen Kisbeken die deutsche Kultur nahezubringen. Dem Institut in der kisbekischen Hauptstadt Kallalabad geht es wie so vielen kulturellen Einrichtungen, die vom deutschen Staat oder genauer: Vom deutschen Steuerzahler finanziert werden (müssen): Angesichts anderer Prioritäten ist die Ausstattung des Instituts mit finanziellen und sonstigen Mitteln prekär, möglicherweise soll die Filiale sogar aufgegeben werden.

Man sollte annehmen, dass die gemeinsamen Anstrengungen, dieses Institut zu erhalten, schon um den eigenen Arbeitsplatz zu sichern, das Team zusammenschweißen würden. Doch unter den Angestellten des Instituts verteidigt jede und jeder eifersüchtig seine Pfründe: Die Institutsleiterin Dr. Eckart (Christina Große) ist eine Bilderbuchkarrieristin, die über Leichen geht (sie hat ja auch die besten Chancen auf eine Weiterbeschäftigung an einem anderen Ort), während ihr Vertreter Gmeiner (Rainer Reiners) eher ein gemütlicher Typ ist, der sich gern als Goethe verkleidet und unfreiwillig komische Kurzvorträge über deutsche Geschichte halten kann.

Ebenso naiv wie um die deutsche Sprache bemüht ist die Deutschlehrerin Jördis (Nadja Bobyleva), die so gern jeden ihrer Schützlinge durch die Prüfung bringen möchte, während der Theaterexperte Titus (Robert Stadlober) damit hadert, mit seinen revolutionären Inszenierungen deutscher Dramatiker an den Arsch der Welt verbannt worden zu sein. Die einzige ostdeutsche im Club ist die Bibliothekarin Margarete (Swetlana Schönfeld), die immer wieder günstige Gesamtausgaben von DDR-Schriftstellern einkauft und sich im Verlauf der Serie als die alltagstauglichste unter den abgehobenen Schöngeistern herausstellt. Egal, ob es um eine dringend nötige Wahlfälschung oder um die Verteidigung des Instituts gegen schwer bewaffnete islamistische Fundamentalisten geht, Margarete überrascht mit entsprechenden (einst in der DDR erworbenen) Kompetenzen.

Das Institut: Die komplette Belegschaft

Das Institut: Dr. Eckart (Christina Große), Gmeiner (Rainer Reiners), Haschim (Omar El-Saeidi), Jördis (Nadja Bobyleva), Titus (Robert Stadlober) und Margarete (Swetlana Schönfeld)

Haschim (Omar El-Saeidi), der einzige Kisbeke im Team, liebt seine Arbeit im Institut, obwohl er mehr oder weniger Mädchen für alles ist, weshalb die Praktikantin Swantje (Antonia Bill) ihm immer wieder zuredet, er solle sich nicht alles gefallen lassen. Bezeichnenderweise ist Swantje die einzige unter den Deutschen, die sich ernsthaft für die kisbekische Kultur interessiert. So aufgeschlossen und weltgewandt sich die anderen auch geben, sie interessieren sich nur für ihre eigene Kultur, die sie für die überlegene halten und sind entsprechend unsensibel unterwegs, was immer wieder zu komplizierten Situationen führt.

Aber es gibt ja nun auch eine Menge Herausforderungen, die zu bewältigen sind, ob es nun um die Gestaltung eines Tags der offenen Tür geht, für den leider nur belgische Dekofähnchen aufzutreiben sind, oder die bessere Blutspendebilanz des niederländischen Instituts, um eine Aufführung des deutschen Toleranz-Stücks schlechthin, Nathan der Weise, mit kisbekischen Laiendarstellern und Hakenkreuz-Umhang („Ich will verstören!“ bekräftigt Titus), ein Fußballturnier im Mienenfeld oder um das Ansinnen lokaler Warlords, einen Crashkurs in deutscher Kultur zu bekommen, weil man ja den Feind kennen muss, um ihn zu besiegen, die wackeren Institutsmitarbeiter*innen (wie ist mittlerweile eigentlich die korrekte Schreibweise, wenn man alle und jede*n einbeziehen möchte?) haben es nicht leicht. Und auch wenn sie irgendwie selbst schuld an ihrer Lage sind, so kann man doch den einen oder die andere mit der Zeit lieb gewinnen: Sie meinen es ja meistens gut. Bis auf Dr. Eckart, aber jede Serie braucht ihre Buhfrau.

Und was mir sonst noch gefällt: Die Serie wurde hauptsächlich in einem ehemaligen Gefängnis in Berlin Moabit gedreht, was das gesamte Ambiente etwas klaustrophobisch wirken lässt. Wobei das die Situation in einem von islamischen Warlords beherrschten Mittelostland vermutlich gut einfängt. Hoffentlich gibt es noch eine weitere Staffel. Oder besser noch mehrere.

Babylon Berlin: Geld allein genügt nicht

Laut Bambi ist Babylon Berlin die deutsche Serie des Jahres. Das geht irgendwie in Ordnung, denn eine bessere deutsche Serie fällt mir derzeit leider auch nicht ein. Vor allem keine, die zur besten Sendezeit im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Es ist ja nicht so, dass es gar nichts Neues aus deutscher Produktion zu sehen gäbe, erfrischend unkorrekt, geistreich und dabei total lustig fand ich in diesem Jahr beispielsweise Das Institut – Oase des Scheiterns. Diese Serie beweist, dass man mit vergleichsweise wenig Aufwand richtig gute Unterhaltung machen kann. Und damit komme ich auch gleich zu meinem größten Kritikpunkt an der ausgezeichneten deutschen Megaserie. Im Fußball würde man es so formulieren: „Geld schießt keine Tore“. Um endlich mal eine Serie zu produzieren, die im internationalen Seriengeschäft mithalten kann, haben die Macher richtig viel Kohle in die Hand genommen, die ersten zwei Staffeln mit 16 Folgen à 45 Minuten, die in acht Doppelfolgen ausgestrahlt wurden, sollen 40 Millionen Euro gekostet haben. Damit ist Babylon Berlin ist die bisher teuerste nicht englischsprachige Serie überhaupt.

Babylon Berlin: Gereon Rath (Volker Bruch) und Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries)

Babylon Berlin: Gereon Rath (Volker Bruch) und Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries)

Und das sieht man auch, großartige Kulissen und Kostüme, optisch ist alles vom Feinsten. Babylon Berlin sei „ein opulentes Meisterwerk mit Suchtpotenzial“ las ich als Begründung für die Bambi-Auszeichnung, und ja, opulent ist die Serie zweifellos, und wenn man sich drauf einlässt, kann sie einen gewissen Sog entwickeln.

Das liegt unter anderem an den tollen Darstellern, insbesondere  Volker Bruch als Gereon Rath und Liv Lisa Fries als Charlotte Ritter. Und dann sind mit Peter Kurt, Matthias Brand, Lars Eidinger, Misel Maticevic, Leonie Benesch, Fritzi Haberlandt, Hanna Herzsprung, Marie Gruber, Benno Führmann und so weiter eine Menge Schauspieler aus der ersten Riege des deutschen Fernsehens vertreten, die ihre Sache allesamt so gut machen, wie es man von entsprechend ausgebildeten Profis erwarten kann. Und dann ist da noch Severija Janusauskaite, die mich als mysteriöse russische Gräfin Sorokina bzw. als androgyner Nachtclubsänger Nikoros begeistert hat.

Babylon Berlin: Die Sorokina (

Die Sorokina in Aktion (Severija Janusauskaite)

In Potsdam Babelsberg wurde für die Serie ein kompletter 20er-Jahre-Kiez aus Berlin nachgebaut, je nach Bedarf mit schäbigen oder prunkvollen Gründerzeitfassaden und damals modernen Gebäuden, zusätzlich gibt es beeindruckende  Computeranimationen, in denen der Alexanderplatz mitsamt den bestehenden Bauten in die späten 20er zurückversetzt wurde, auch wenn die beiden markanten Gebäude, das Alexanderhaus und das Berolinahaus von Peter Behrens, die dem Platz heute noch dieses 20er-Jahre-Flair verleihen, im Jahr 1929 noch gar nicht fertig gestellt waren – egal. Das rote Rathaus kann sich gut als Rote Burg verkleiden, wie das Polizeipräsidium bezeichnet wurde, das sich ungefähr dort befand, wo heute das Einkaufszentrum Alexa ist. Auch die Fahrzeuge, die Kleidung, die zahlreichen Statisten, das ist alles glaubwürdig und mit viel Liebe zum Detail ausgestaltet. Und selbst dort, wo die Serienmacher keine historischen Vorlagen benutzen, sondern sich einfach von den Möglichkeiten der damaligen Zeit inspirieren lassen, etwa beim extrem coolen Interieur des Moka Efti, das tatsächlich ein eher plüschiges Café mit orientalisch-inspirierter Pracht war, in der Serie aber ein ultramoderner Art-Deko-Tempel mit klaren Linien und viel Neolicht ist, oder bei dem Tanzschuppen, in dem die Sorokina als Nikoros auftritt, wird der Geist der damaligen Zeit gut eingefangen und in die heutigen Sehgewohnheiten übersetzt.

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So hätte der Alexanderplatz in den 20er Jahren aussehen können

Was mich nervt, ist, dass die eigentlich ziemlich gute Handlung des Romans Der nasse Fisch von Volker Kutscher, auf dem die Serie beruht, weitgehend umgeschrieben wurde. Das ist zum Teil der Seriendynamik geschuldet, wofür ich als Serienjunkie nun wirklich Verständnis habe. Allerdings wird die Geschichte dadurch zumindest teilweise schwach, weil gleichzeitig viele Nebenhandlungen ausgebaut wurden, wodurch der eigentliche Fall, den Gereon Rath aufklären soll, in den Hintergrund rückt. Oder waren das gleich mehrere Fälle? Da geht es Babylon Berlin dann wie einem Münsteraner Tatort, in dem der eigentliche Fall ja auch nur dazu dient, Thiel und Dr. Boerne eine Grundlage für ihren mehr oder weniger lustigen Kleinkrieg zu liefern.

Wobei das ja nicht immer schlecht sein muss und im Grunde finde ich sogar gut, dass einige der Nebenfiguren aus dem Roman in der Serie eine eigene Geschichte bekommen. Aber eine komplexe Serienhandlung ist keine Nummernrevue, in der man nach 90 Minuten wieder abschalten kann, und die Autoren machen es dem Publikum nicht gerade leicht, über mehrere solcher langen Teile hinweg dabei zu bleiben. Es gibt zwar einen großen, sämtliche Teile übergreifenden Handlungsbogen, aber angesichts der vielen Nebenhandlungen verliert die Serie immer wieder den Faden, was angesichts des veranstalteten Aufwands besonders schade ist.

Da ist beispielsweise Charlottes Freundin Greta Overbeck (Leonie Benesch), die in der Serie mittellos aus Usedom nach Berlin kommt und dort eine Anstellung als Hausmädchen beim Regierungsrat August Benda (Matthias Brand) findet, dem Chef der Politischen Polizei. Auch diese Figur wurde eigens für die Serie aufgebaut, sie ist vom Juristen Bernhard Weiß inspiriert, der in der Weimarer Republik Polizeivizepräsident in Berlin war. Der aus einer liberalen jüdischen Familie stammende Weiß war einer der wenigen republikanisch gesinnten höheren Beamten im Polizeiapparat. Weiß ging konsequent gegen Übergriffe der NSDAP vor und war deshalb immer wieder Diffamierungskampagnen ausgesetzt, 1933 wurde er aus dem Amt gejagt und floh über Prag nach London. Das ist eigentlich schlimm genug, doch in der Serie wird ihm ein noch grausameres Schicksal zuteil, an dem auch Greta beteiligt ist, die sich in ihrer Naivität von einem falschen Freund ausnutzen lässt.

Babylon Berlin: Das Moka Efti als Art-Deko-Tempel

Babylon Berlin: Das Moka Efti als Art-Deko-Tempel

In den Hintergrund rückt dafür der „Buddha“, wie der damalige Chef der Berliner Kriminalpolizei Ernst Gennat genannt wurde. Im Buch ist der Begründer der modernen Mordermittlung in Deutschland eine zentrale Figur, die Gereon Rath zu recht bewundert und fürchtet, in der Serie taucht Gennat erst in der zweiten Staffel auf, und da eher am Rande. Keine Ahnung, was die Serienmacher dazu bewogen hat, ausgerechnet diese interessante historische Figur in den Hintergrund zu rücken, denn Gennat liefert doch wirklich jede Menge Stoff für seriöse Krimihandlungen. Er entwickelte in den 20er Jahren die zentrale Mordinspektion und führte fortschrittliche Ermittlungstechniken wie eine systematische Spurensicherung am Tatort ein. Außerdem erfand er das Profiling schon Jahrzehnte bevor dieser Begriff überhaupt aufkam: Er baute ein Archiv auf, in dem sämtliche Fälle der Mordinspektion unter bestimmten Kriterien erfasst wurden. Auf diese Weise war es den Kriminalbeamten möglich, für jeden neuen Fall schnell vergleichbare Mordfälle und damit potenzielle Täter zu finden, wodurch die Aufklärungsrate für Mordfälle deutlich stieg. Unter Gennat lag die Aufklärungsquote bei knapp 95 Prozent, mehr schaffen auch die heutigen Kriminalisten mit modernster Technik nicht.

Auch die Figur der Charlotte Ritter wurde stark verändert, im Buch ist sie eine höhere Bürgertochter, die Jura studiert und, um Geld zu verdienen, als Stenotypistin bei der Polizei arbeitet. Denn in jenen Zeiten war noch undenkbar, dass eine Frau Kriminaloberrat werden könnte. Aber die für ihre Zeit moderne und emanzipierte Charlotte hat sich in den Kopf gesetzt, dass sich genau dieser Umstand ändern muss. Das ist in der Serie zwar auch so, hier stammt sie aber aus der Proletarierschicht, weshalb sie mit noch viel fragwürdigeren Jobs Geld verdienen muss, um über die Runden zu kommen. Wobei ich das für die Serie nicht schlecht finde, das gibt dieser Figur einen noch ganz anderen Dreh: Diese Charlotte ist eine typische Berliner Pflanze, die sich mit totalem Einsatz und viel Chuzpe aus ihrer deprimierenden Hinterhof-Herkunft erst in die Liga der gebildeten Bürgertöchter hoch kämpfen muss.

Babylon Berlin: Charlottes Zuhause. Eine typische Arbeiterwohnung jener Zeit

Babylon Berlin: Charlottes Zuhause. Eine typische Arbeiterwohnung jener Zeit

Auf diese Weise können die Serienmacher auch die dreckige, dunkle Kehrseite der aufstrebenden Metropole Berlin zeigen, denn die Mehrheit der Bewohner der deutschen Reichshauptstadt lebte in engen, überfüllten Arbeiterwohnungen und nicht wie Gereon Rath in möblierten Zimmern im Vorderhaus oder gar wie Regierungsrat Benda einer großzügigen Villa. Aber damit ist die Solidarität mit der Arbeiterklasse auch schon wieder erschöpft: Zwar wird den Umtrieben der aufstrebenden Nazis in der Serie eine Menge Raum gegeben, im Polizeiapparat gibt es viele Rechte, die mehr oder weniger offen mit den Nazis sympathisieren, die illegalen Aktivitäten der schwarzen Reichswehr und die Kumpanei mit den Rüstungskonzernen, die aus eigenen Motiven an der heimlichen Aufrüstung Deutschlands interessiert sind, spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Die Auseinandersetzungen mit den eher links organisierten Arbeitern kommen auch vor, vor allem die Unruhen vom 1. Mai 1929, der als Blutmai in die Geschichte eingegangen ist. 

Hier zeigen die Serienmacher zwar, was die spätere Auswertung der historischen Ereignisse zweifelsfrei ergeben hat, nämlich, dass die schwer bewaffnete Polizei unbewaffnete Arbeiter zusammengeschossen hatte, die entgegen des von Polizeipräsident Karl Zörgiebel verhängten Demonstrationsverbots den Aufrufen der KPD gefolgt und auf die Straße gegangen waren. Die Polizei beschoss auch Wohngebäude, an denen rote Fahnen aufgehängt worden waren. Es wurden 33 Zivilisten getötet und 198 verletzt, während kein einziger Polizist verwundet wurde – der einzige Polizist, der als angebliches Opfer der linken Gewalt präsentiert wurde, hatte sich die Schussverletzung versehentlich selbst beigebracht. Natürlich wurden diese Unruhen damals benutzt, um Stimmung gegen die Kommunisten zu machen, auch die SPD rechtfertigte die Polizeigewalt („Wer hat uns verraten – Sozialdemokraten“, immer wieder aktuell).

Das kommt alles so ähnlich auch in der Serie vor, allerdings wird aus dem mit den Sozialisten sympathierenden Arzt, der die Polizeikugeln aus unbeteiligten Opfern holt, ein wirklich unsympathisches Flintenweib, das ihrerseits später mit Morddrohungen um sich schmeißt. Musste das wirklich sein? Man hat doch damals schon so lange auf den Kommunisten rumgehackt, bis endlich mehr Leute die Nationalsozialisten gewählt haben. Kann man nicht endlich auch mal zugeben, dass die Kritik der Kommunisten an den für die Arbeiter ja nun wirklich nicht rosigen Verhältnissen durchaus begründet war? Immerhin hat sich wenige Jahre später brutalstmöglich herausgestellt, dass die Nazis eben nicht die bessere Alternative waren. Auch wenn es heute erschreckend viele Menschen gibt, die das schon wieder vergessen haben.

Babylon Berlin: Szene vom Blutmai 1929

Babylon Berlin: Szene vom Blutmai 1929

Es ist auch bezeichnend, dass die sonst so aufgeweckte Charlotte erstaunlich unpolitisch ist, wo sie doch schon aufgrund ihrer Herkunft durchaus mit der KPD sympathisieren könnte. Das wäre auch ein guter Ausgleich dafür, dass Gereon Rath trotz seiner Vorbehalte gegenüber den Nazis ein guter deutscher Beamter ist, der zwar heimlich Negermusik hört und wegen seiner Kriegstraumata morphinsüchtig ist, aber keineswegs revolutionäre Anwandlungen hat. Aber nein, so politisch die Serie sonst auch daher kommen will, immerhin darf die Witwe von Gereons im Krieg gefallenen Bruder bei einer Veranstaltung des Rüstungsfabrikanten Alfred Nyssen feststellen, dass der ja genau mit den Waffen, die ihren Mann getötet haben, ein gutes Geschäft gemacht hat, so flach bleibt sie in dieser Hinsicht ausgerechnet bei den beiden Hauptcharakteren. Da hilft auch die überstrapazierte Spannung nicht, wenn die beiden jeweils in scheinbar ausweglose Situationen geraten. Statt im Wasser versinkender Oldtimer und explodierender Güterwaggons wären mir intelligente Dialoge lieber. Nun ja, bevor meine Wunschliste, was ich gern einmal in einer deutschen Serie sehen würde, noch länger wird, mache ich Schluss.

Mein Fazit zu Berlin Babylon: Teurer, aber nicht besonders gut gelungener Versuch, aus einem akribisch recherchierten historischen Kriminalroman eine deutsche Erfolgsserie zu machen. Lohnt sich wegen der tollen Ausstattung und Darsteller aber trotzdem.

Adieu Paris: Verpasste Chancen

Gestern Abend hatte ich spät noch zu tun und ich dachte mir, ich mache in der Zwischenzeit mal etwas ganz Verrücktes: Ich sehe einfach fern. Also blieb ich nach der Tagesschau beim Filmmittwoch im Ersten (oder wie immer sich das nennt) hängen; der Titel des Films hatte mich neugierig gemacht: Adieu Paris.

Und es ließ sich auch gar nicht so schlecht an – am Flughafen Düsseldorf treffen die Schriftstellerin Patrizia (Jessica Schwarz) und der Investmentbanker Frank (Hans-Werner Meyer) zufällig aufeinander. Patrizia ist ziemlich neben der Spur: Vor wenigen Augenblicken hat sie am Telefon gehört, dass ihr Geliebter einen Unfall hatte – ein häßlicher Ausgang eines Liebestelefonats. Patrizia will um jeden Preis einen Platz in der nächsten Maschine nach Paris, aber sie hat ihre Kreditkarten in der Wohnung liegen lassen und ihr Bargeld schon für das Taxi ausgegeben. Es müsse doch möglich sein, ihr eine Rechnung zu schicken! Aber die Dame am Schalter bleibt hart, sie hat entsprechende Vorschriften.

Frank ist ebenfalls auf dem Weg nach Paris, dort will er den Deal seines Lebens einfädeln. Ihn nervt die Verzögerung und so bietet er kurzerhand an, das Ticket zu bezahlen. Für ihn sind das Peanuts – Zeit ist Geld. Patrizia ärgert sich über den arroganten Kerl, andererseits will sie nach Paris, also nimmt sie das Angebot an und bittet Frank um seine Adresse, bleibt aber weiterhin abweisend. Frank gibt ihr seine Karte: „Ich sollte mich wohl bei Ihnen bedanken!“ Patrizia versteht den Wink und kontert: „Warum denn, Sie bekommen Ihr Geld doch zurück!“

Adieu Paris: Screenshot von http://adieuparis-film.de/

Adieu Paris: Screenshot von http://adieuparis-film.de/

Nach dem Auftakt folgen mehrere Geschichten, die einerseits nichts mit einander zu tun haben, aber natürlich doch zu immer neuen Begegnungen führen, die wiederum weitere Ereignisse nach sich ziehen – ein bisschen wie Cloud Atlas als zeitgenössisches Beziehungsdrama für das ARD-Hauptabendprogramm heruntergebrochen. Das finde ich vom Ansatz her ziemlich gut und streckenweise ist das in Adieu Paris auch ganz gut umgesetzt, insgesamt blieb bei mir trotzdem der Eindruck „viel gewollt, wenig erreicht“.

Dabei hat die Geschichte es in sich: Als Patrizia endlich das Krankenhauszimmer erreicht, in dem ihr Geliebter im Koma liegt, sitzt eine andere Frau bei ihm: Wie sich herausstellt handelt es sich um seine Ehefrau, die Zahnärztin Francoise (Sandrine Bonnaire). Nachvollziehbarerweise ist diese Begegnung für beide erst einmal ein Schock – aber schließlich überwiegt bei beiden die Neugierde auf die jeweils andere, die dem Mann, den sie jeweils geliebt haben, offenbar viel bedeutet haben muss. Außerdem stellt sich mit der Zeit heraus, dass die beiden eine schwierige Entscheidung zu treffen haben – sollen die Geräte, die Jean-Jacques noch am Leben erhalten, abgestellt werden?

Françoise geht das ganze wissenschaftlich-analytisch an, wie es so ihre Art ist, sie liest alles, was es an medizinischer Literatur über Schädel-Hirn-Traumata und Koma-Patienten gibt, Patrizia hingegen lotet die Situation und ihre Gefühle als ernste Schriftstellerin aus, allerdings hat sie derzeit eine Schreibblockade. Sie weiß nur, dass sie jetzt nicht schreiben kann, was von ihr erwartet wird, freche, spritzige, aber eben auch oberflächliche Geschichten für ein selbstverliebtes Szenenpublikum. Sie gibt ihrem Verleger schließlich sogar einen großzügigen Vorschuss zurück, mit der er sie dazu bringen will, wieder eins von diesen Büchern zu schreiben, mit denen sie beide richtig Geld verdienen können. Und sie tröstet sich mit dem unkomplizierten Mika, der behauptet, Architekt zu sein – genau wie Jean-Jacques.

Frank hingegen erleidet völligen Schiffbruch – der Deals seines Lebens hat sich in Luft aufgelöst – Frank ist einem sympathischen Betrüger aufgesessen und hat seiner Bank damit finanziellen Schaden zugefügt – schlimmer noch ist allerdings der Imageverlust. Doch weil ein Unglück selten allein kommt, gesteht ihm seine Frau, die ihm anfangs noch ständig Vorwürfe gemacht, dass er die Familie vernachlässigt und dann auch noch vermutet, dass Frank eine Affäre mit dieser Patrizia hat (was natürlich nicht der Fall war), dass es inzwischen einen anderen Mann in ihrem Leben gibt – sie zieht mit der gemeinsamen Tochter zu ihrem neuen Lover.

Frank sitzt nun allein in seinem schönen Haus und trinkt – Job weg, Frau weg, Geld weg – in Rückblenden wird erzählt, wie es dazu gekommen ist. Denn Monsieur Albert, der Betrüger, ist eigentlich ein knuffiger Typ, ein Bilderbuchfranzose, der nur seine Wurstfabrik retten wollte, die selbstverständlich die besten Würste der Welt herstellt. Diese Geschichte für sich ist an sich ja recht charmant, aber irgendwie passt sie mit ihren dick aufgetragenen französischen Landhausfarben nicht so richtig zum Farbton der restlichen Geschichte, wo es um Abschied, Loslassen und Trennungsschmerz geht. Auf diese Weise entsteht dieses „Ein-bisschen-von-Allem“-Gefühl, das mir die Sache letztlich doch verleidet – sowohl über die Annäherung von Patricia und Francoise, als auch über den Niedergang des Investmentbankers Frank könnte man jeweils einen eigenen Film machen. Und dann doch einen über die schwierige Frage, ob und wann man im Zeitalter moderner Intensivmedizin einen Schlussstrich zieht: Wann ist ein Leben gelebt? Und wer hat das Recht und die Pflicht zu entscheiden, wann es wirklich vorbei ist?

Das sind alles Fragen, denen man sich stellen muss, und so löblich ich es finde, dass es Filmemacher gibt, die sich dieser Sache annehmen, so sehr wünsche ich mir noch bessere Filme darüber – Adieu Paris ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, aber eben kein sehr großer, dazu gab es zu viel plakatives Allerlei, das am Ende zwar nett anzusehen, aber eben keine wirklich gute Geschichte war – hoffentlich ist das neue Buch von Patricia besser.

Was mich vor allem geärgert hat, war, dass die Fernsehfuzzis einem Hauptabendpublikum keine Untertitel zumuten wollen, weshalb auch die Franzosen selbstverständlich deutsch gesprochen haben – schon das allein macht die Sache viel weniger glaubwürdig. Das Pendeln der Hauptpersonen zwischen den Welten würde doch durch den Gebrauch unterschiedlicher Sprachen noch viel nachvollziehbarer. Wir leben nun einmal in einer vielsprachigen Welt – warum wird dann systematisch vermieden, gerade den Leute, die selbst keine Gelegenheit oder auch keine Lust haben, ins Ausland zu fahren, diese andere Welt wenigstens durch den Fernseher ein wenig näher zu bringen?!

Berlin Babylon: Gereon Rath wird Fernsehkommissar!

Wie schrieb ich doch gleich in meinem Beitrag vom ersten September?

Ich schlage hiermit vor, endlich mal die Krimis des leider viel zu früh verstorbenen Jakob Arjouni zu verfilmen – die Kayankaya-Romane hätten es wirklich verdient. Oder die Gereon-Rath-Romane von Volker Kutscher, die im Berlin der Weimarer Republik spielen. Gut, das ist ausstattungstechnisch natürlich wieder ein bisschen anspruchsvoller, aber für Schmozetten wie „Das Adlon“ hat das deutsche Fernsehen das ja auch hingekriegt. Wenns drauf ankommt, ist schon immer erstaunlich viel Geld da. Macht doch einfach mal was draus!

Manchmal werden Wünsche tatsächlich erfüllt, gestern machte die Meldung die Runde, dass die Gereon-Rath-Krimis von Volker Kutscher tatsächlich verfilmt werden sollen! Das Serienprojekt heißt „Babylon Berlin“, das Konzept haben Tom Tykwer, Hendrik Handloegten, Achim von Boris und Stefan Arndt entwickelt. Tom Tykwer wird auch Regie führen. Die deutschsprachige, international finanzierte TV-Serie soll ab ist für Mitte 2015 gedreht werden. Ist das aufregend!

Berlin, Stresemannstraße bei Nacht

Berlin, Stresemannstraße bei Nacht, Bild hab ich von der Seite http://www.gereonrath.de/

Das kann endlich mal wieder ein anständiges deutsches Serien-Projekt werden – Tom Tykwer hat ja schon richtig gute Filme gemacht, ich sage nur Winterschläfer oder Cloud Atlas. Lola rennt oder The International fand ich auch okay, aber eben nicht so dermaßen wahnsinnig supertoll. Hoffentlich geht das gut – das Berlin der 20er Jahre ist natürlich schon eine großartige Kulisse, wobei das ja auch schief gehen kann.

Aber Tom Tykwer verspricht ja, das es gut gehen wird:

‚Babylon Berlin‘ ist ein breit angelegter, facetten- und figurenreicher Polizeifilm in historischem Kontext, der auf verblüffende Weise die deutsche und europäische Gegenwart spiegelt. Genrekino, epischer Atem und politische Spurensuche finden in diesem detailliert recherchierten und packenden Stoff auf einzigartige Weise zusammen. Toll, dass wir die Chance bekommen, in dieser innovativen Erzählform ein so faszinierendes Projekt zu entwickeln. Ich hoffe auf viele spektakuläre Staffeln!

Ich auch!!!

Tatort: Die Bank gewinnt immer

Geht doch! Nach den letzte Tatorterfahrungen, die allesamt gar nicht so gut waren, habe ich gestern Abend ernsthaft überlegt, ob ich mir nicht lieber eine weitere Folge der Arne-Dahl-Reihe ansehe. Denn die letzten Flückinger-Tatorte haben mich jetzt auch nicht dermaßen vom Hocker gerissen. Ich bin aber froh, dass ich mich spontan doch entschieden habe, nach der Wettervorhersage im Ersten zu bleiben, denn dieser Tatort war überraschend gut. Die Schweizer haben sich mal was getraut und da muss ich ihnen glatt ein „Weiter so!“ zurufen.

Es geht gleich mit Paranoia los, eine Frau bringt ihr Kind zu Schule, und ganz offensichtlich fühlt sie sich verfolgt. Ein Mann hetzt durch Luzern, ganz offensichtlich versucht er ebenfalls, einen Verfolger abzuschütteln. Eine Frau liegt tot in ihrer Wohnung und wird vom Hund der Nachbarin gefunden – ganz grandios gemacht übrigens, der niedliche Schnuffi, der mit Blut an den Pfoten und herzbrechendem Hundeblick zu seinem Frauchen zurückkehrt. Frauchen ist eine pflichtbewusste ältere Dame mit klassischen Ressentiments – die machen halt alles lauter, diese Ausländer! Sie muss nicht mal hinschauen, um die tote Nachbarin zu identifizieren. Und so stellt sich bald heraus, dass die Tote eigentlich eine andere ist. Aber was hatte sie in der Wohnung zu suchen? Und was ihr Mörder? Warum wurde nicht die Wohnungstür aufgebrochen, aber dafür die Badezimmertür? Das Opfer aber liegt doch in der Küche? Ist am Ende das falsche Opfer ermordet worden? Fragen über Fragen, genauso muss es sein.

Und am Ende stellt sich das, was wie ein simples Eifersuchstdrama begonnen hat, als hochkomplexer Fall organisierter Wirtschaftskriminalität heraus: Am Ende gewinnt immer die Bank. Das muss auch das Ermittlerteam Reto Flückinger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) fressen. Dabei hatten sie sich so große Mühe gegeben. Aber an der Politik kommen sie nicht vorbei. „Machen Sie Ihre Arbeit – aber bitte diskret!“ verlangt der Chef. Der Chef hat nämlich eine spezielle Connection zum Direktor des Bankhauses, das einen Whistleblower ausbremsen will. Der hat nämlich Daten gestohlen und eine höchst brisante CD zusammengestellt, die er einem Steuerfahnder aus Wuppertal zukommen lassen will. Aber dazu kommt es nicht mehr. Und es wird auch nicht klar, ob eben jener Steuerfahnder in Deutschland tatsächlich existiert – am Ende ist dieser Thomas Behrens (Alexander Beyer) nur ein durchgeknallter Irrer, der einen Mord vertuschen will und eben kein Aufklärer, der seinem Gewissen folgt?

Genau diese Fragen sind es aber, die diesen Tatort meiner Ansicht nach so stark machen: Ist Ilka Behrens, die Angst um ihre eigene und die Sicherheitheit ihrer Tochter hat, einfach nur eine hysterische Oberschichten-Hausfrau mit Beziehungsproblemen – oder ist da wirklich was dran? Ist der arbeitslose Mann des vielleicht zufälligen Opfers selbst nur ein Opfer oder nicht doch der Täter? Gerade als Loser hat er um so mehr Gründe, eifersüchtig auf seine schöne, erfolgreiche Frau zu sein. Will er nur dem Liebhaber seiner Frau, der kein anderer ist als eben jener paranoide Thomas Behrens, eins auswischen? Und immer wieder diese Bank, wo sich der CEO („früher hieß das mal Bankdirektor“) noch selbst vorstellt, wenn die Polizei zur Frühstückspause vorbei kommt. Hier war der paranoide Thomas Behrens als für die Sicherheit der Computersysteme zuständig – und hatte natürlich Zugriff auf sensible und höchst sensible Daten.

Entsprechend reagiert die Bank: Sie engagiert nicht nur einen Privatdedektiv, um die Familie einzuschüchtern (die Ehefrau ist also keine Hysterikern, sondern sie wird gezielt terrorisiert), sie engagiert auch gleich einen Killer. Der letztendlich auch seinen Auftrag erfüllen kann – dank der (nicht ganz freiwilligen) Hilfe des Polizeichefs, der als Regionalpolitiker auch etwas für „seine“ Bank tun muss. Natürlich will der Chef Eugen Sattmann (Jean-Pierre Cornu) nicht, dass der Querulant stirbt. Aber er hat die Einweisung in die Psychiatrie veranlasst, wo Behrens prompt angeblich Selbstmord begeht. Natürlich hat er das nicht beabsichtigt. Aber die Regeln in diesem Spiel machen eh die anderen.

Insofern gefällt mir dieser Tatort besonders gut: Die Ermittler können den Fall letztlich nicht lösen. Die Politik lässt es nicht zu. Das ist doch fast wie im wahren Leben.

Fernsehen: Zuschauer werden zu Terroristen

Der Focus ist ja sozusagen das RTL unter den Nachrichten-Magazinen, nichts destotrotz muss man da immer mal wieder vorbei schauen. Denn es gibt ab und zu ja doch interessante Sachen, etwa diese Umfrage über die Zufriedenheit mit den deutschen Fernsehsendern. Natürlich ist die auch ziemlich aggressiv getitelt: „Einfach katastrophal: Zwei Drittel der ARD-Zuschauer sind unzufrieden“ und Kategorien wie „Fan“, „Sympathisant“, „Söldner“, „Gefangener“ oder „Terrorist“ sprechen für sich. Aber schön für mich, dann hab ich auch Stoff für einen reißerischen Titel – et voilà.

Als Söldner wird jemand bezeichnet, der sofort den Sender wechseln würde, wenn ihm denn ein besseres Programm geboten würde (das es aber offenbar wo anders auch nicht gibt), ein Gefangener ist einer, der das auch tun würde, aber nicht kann (auch interessant, gibt es so viele Leute, bei denen die Fernbedienung kaputt ist?) und Terroristen ärgern sich nicht nur über das schlechte Programm, sondern schimpfen auch noch laut darüber. Weitere Erklärungen in der Grafik:

Grafik: focus.de

Anteil der verschiednen Zuschauer-Gruppen.
Grafik: focus.de

arte ist übrigens der Sender mit den meisten Fans und den wenigsten Terroristen, die ARD hat die wenigsten Fans und die meisten Terroristen. Und nur bei arte und 3sat gibt es mehr Fans als Terroristen, sonst ist das Verhältnis umgekehrt. Auch wenn man nicht weiß, wie Fanfocus gefragt hat („Sind Sie etwa auch so unzufrieden mit dem aktuellen Fernsehprogramm?“ – „nee, eigentlich nicht, denn ich sehe arte!“ oder „Finden Sie nicht auch, dass sich die Rundfunkpauschale bei dem Programm gar nicht mehr lohnt?“ – „Stimmt, die Tagesschau ist inzwischen so schlecht wie der Tatort danach!“) müssen die Fernsehsender wohl mal über ihre künftige Programmgestaltung nachdenken. In Zeiten von Internet und immer zahlreicheren Video-on-Demand-Diensten, bei denen man sich sein Programm selbst gestalten kann, ist eigentlich niemand mehr gezwungen, sich schlechtes Fernsehen anzutun. Notfalls kann man auch sinnfreie Videoclips auf Youtube ansehen oder sich einfach vom Nachrichtenstrom in seinem asozialen Lieblingsnetzwerk davon tragen lassen – die Zeit kriegt man auch ohne Fernsehen rum.

Sofern man einen brauchbaren Breitbandanschluss an das Netz der Netze hat, versteht sich. Ich glaube ich kapiere doch, wie die Gefangenen zustande kommen…

Grafik: focus.de

Grafik: focus.de
Verteilung der Zuschauer-Gruppen nach Sendern.

Die FAZ fordert mehr Familien-Serien. Ich nicht.

Im Feuilleton der FAZ las ich ein Plädoyer für die Familienserie, welches mich sehr nachdenklich stimmte. Denn ganz ehrlich: Ich vermisse im deutschen Fernsehen so einiges, aber Familienserien ganz gewiss nicht.

Wobei ich durchaus zustimmen muss, dass auch ich eine Homogenisierung der Stoffe im erzählenden Fernsehen wahrnehme – es geht tatsächlich fast alles in Richtung Verbrechen – wobei andererseits ja viele der Serien, die im Verbrecher-Milieu spielen, Familienserien sind, und zwar im eigentlichen Sinne. Wenn man genau hinsieht, ist eigentlich die ganze neue Serienwelt voller Familienserien!

Bei den Sopranos geht es doch in allererster Linie um die Familie Soprano und ihr depressiv gestimmtes Familienoberhaupt Tony, der einen einträglichen, aber anstrengenden Job als Mafia-Boss hat. Und halt den ganzen anstrengenden Alltag eines Familienvaters, inklusive pubertierenden Kindern, einer zu recht eifersüchtigen Frau und heimlichen Besuchen bei seiner Psychiaterin, weil er mit allem nicht mehr allein klar kommt.

Auch Breaking Bad ist eine Familienserie, denn für was macht Walter White das denn alles? Doch nur, um seiner Familie ein anständiges Leben zu ermöglichen, nachdem er den Krebstod gestorben sein wird. Das redet Walt sich zumindest über mehrere Staffeln hinweg ein – bis ihm über seine ganzen kriminellen Handlungen und den Einsturz des darauf aufbauenden Lügengebäudes die Familie abhanden kommt. Dexter – Familienserie – zumal Dexters Familie gleichzeitig auch die Polizei ist. Boardwalk Empire – ebenfalls gleich mehrere Familien! Mad Men – dito! Es gibt durchaus viel mehr als Six Feet Under, eine wirklich ganz hervorragende Familien-Serie, die ausnahmsweise tatsächlich keine Verbrechens-Ebene hat, dafür aber in einem Bestatter-Haushalt spielt. Der Tod ist hier allgegenwärtig. Aber das ist auch wieder, was Six Feet Under so besonders macht. Eine absolut seriöse Familienserie, in der es nachvollziehbar um die ganz wichtigen Fragen in Sachen Leben und Tod geht und zwar nicht gezwungen und aufgesetzt, sondern ganz natürlich.

Nein, mir fällt nichts Vergleichbares an deutschen Serien ein, obwohl es auch einige gute deutsche Familienserien gibt – wobei ich da keineswegs an diese Drombuschs denke, wie Tobias Rüther in der FAZ. Und noch weniger an so gruselige Dauerbrenner wie die Lindenstraße oder was es sonst so im deutschen Vorabendprogramm gibt. Der Goldstandard der deutschen Familienserie ist ja wohl Heimat – Eine deutsche Chronik von Edgar Reitz.

Der Elfteiler wurde 1984 ausgestrahlt und war damals ein großer Publikumserfolg – was vermutlich in erster Linie daran lag, dass es damals noch kein Privatfernsehen gab und sich die Leute, wenn es keine billigeren Alternativen gab, wohl oder übel auch mal was Anspruchsvolleres reinzogen haben – wobei es ja um die einfache Landbevölkerung des Hunsrück in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geht. Da werden sich die Älteren an „früher“ erinnert haben und die Jüngeren haben darüber geschmunzelt, wie das mit dem technischen Fortschritt früher so war. 1992 gab es dann mit Die zweite Heimat – Chronik einer Jugend endlich eine Fortsetzung. Die zweite Heimat findet im München der frühen 60er Jahre statt, es ist eine Serie über die künstlerische Avantgarde jener Zeit und jeder der 13 Teile wird aus einer anderen Perspektive erzählt. Mir hat die Fortsetzung fast noch besser gefallen als die erste Heimat, aber leider waren die Einschaltquoten deutlich geringer als in den 80er Jahren. Das hat sich leider negativ auf Heimat 3 – Chronik einer Zeitwende ausgewirkt. Die hatte dann nur noch sechs Teile und bleibt weit hinter dem Niveau der ersten beiden Heimats zurück. Da merkt man ganz deutlich, woran es dem deutschen Fernsehen vor allem mangelt: am Mut, mal was zu wagen und nicht immer das breite Massenpublikum mit Einheitsbrei abzufüttern, was man seit der so genannten Wende gleich im Doppelsinn wörtlich nehmen kann.

Dabei hat sogar das ZDF gelegentlich mal ziemlich gute Sachen gemacht, Ein Mann will nach oben beispielsweise, damals 1978, nach dem gleichnamigen Roman von Hans Fallada. Oder, noch unerwarteter, mit KDD – Kriminaldauerdienst sogar eine der wenigen wirklich zeitgemäßen neueren deutschen Krimiserien. Und ja, bei KDD geht es auch eher um die Geschichten und die Beziehungen der jeweiligen Serienfiguren als um die Lösung eines Falls. Hier gibt es nämlich kein Gut und kein Böse, die Leute dieser KDD-Einheit sind allesamt zwiespältige Typen und so richtig lieb haben kann man keinen von denen. Aber das macht andererseits auch wieder den Reiz aus: KDD ist ein über die einzelnen Teile hinaus fortschreitendes und sich zuspitzendes Drama in einem schnittigen Erzähltempo, was dem durchschnittlichen ZDF-Serienkucker dann offenbar schon wieder zu hoch gewesen ist. Weshalb die beknackte Quote dafür gesorgt hat, dass nicht mehr als 28 Teile in 3 Staffeln produziert wurden und es statt dessen wieder übersichtliche Kost mit einem Fall pro Folge gibt. Aber, um auf den Anfangsgedanken zurückzukommen – jede Menge Beziehungsdrama! Jede Menge Familie!

Genau wie in dieser anderen Familien-Verbrechens-Serie von der ARD, Im Angesicht des Verbrechens, die vom Erzählstil her wieder deutlich konventioneller ist und im Milieu der Russenmafia in Berlin spielt. Die Dramatik ergibt sich aus der Familiengeschichte: Die Schwester des Protagonisten Marek Gorsky, der Sohn lettisch-jüdischer Einwanderer und Polizist ist, hat den russischen Mafia-Boss Mischa geheiratet. Klar, dass sich aus dieser Konstellation Konflikte ergeben, die sich im Laufe der Handlung verschärfen. Ich muss zugeben, dass ich nach meiner Vorfreude „endlich wieder ein paar Abende richtig gutes Fernsehen!“ schon etwas enttäuscht war, weil ich von Regisseur Dominik Graf mehr erwartet hatte und vieles an der Serie dann doch zu klischeegetrieben fand – andererseits ist Im Angesicht des Verbrechens alles in allem sehr viel besser als das meiste, was das öffentlich-rechtliche Fernsehen seinen Zuschauern sonst zumutet.

Insofern möchte ich eigentlich gar nicht, dass es versucht, sich auf die gute alte Familien-Serie zu besinnen. Was dabei heraus kommt, konnte man an Weissensee ja sehen: Eine DDR-Familie, deren Mitglieder nicht nur mit den üblichen Familiendramen zu kämpfen haben – der weniger geliebte Sohn ringt verzweifelt um die Anerkennung seines Vaters, der eine Vernunftehe mit der Mutter seiner Söhne eingegangen ist, aber tief in seinem Herzen noch immer seiner eigentlichen Liebe nachtrauert, die nun aber leider eine kritische Künstlerin und kein Hausmütterchen ist und so weiter und so fort – aber die üblichen Lügen und Intrigen reichen heutzutage natürlich nicht. Und weil wir mit der Nazizeit langsam mal durch sind, muss man jetzt für eine ordentliche Familiengeschichte den Unrechtsstaat DDR bemühen samt der bösen Stasi in ihrer ganzen Perfidie. Das war so zum Kotzen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Nein, dann doch lieber herkömmliche Verbrechen.

Tatort: Der Eskimo. Nicht nur der Titel war schlecht.

Och nö, echt jetzt? Da hab ich mich überwunden, doch mal wieder einen Tatort zu kucken, aber der hat mich einmal mehr davon überzeugt, dass es sich einfach nicht mehr lohnt. Der ARD-Tatort war mal eine fast sichere Nummer für spannende Unterhaltung. Aber warum muss es gleich dermaßen schlecht sein?! Ein grantiger Joachim Król allein rettet halt auch nichts, schon gar nicht, wenn er als Chefermittler gleich am Anfang so viel säuft, dass er sich an den Täter nicht erinnern kann, obwohl er ihm ja buchstäblich über den Weg läuft. Denn dass die geheimnisvolle blonde Frau im roten Jogginganzug ein Mann war, war ja von Anfang an klar – ein so unweiblicher Mord, da muss man nicht mal über mehrere Jahrzehnte Tatorterfahrung verfügen.

Aber sonst war die Zutatenliste gar nicht so übel, ein Arschloch von Lehrer, der umgebracht wird, ein rätselhafter Selbstmord, ein japanisches Kurzschwert, ein japanische Inschrift in einen Unterarm tätowiert, ein Pathologe, der sich mit seiner Begeisterung für seinen Beruf einen Gemüseburger erschleicht, die Amis, Außerirdische, eine Ex mit einem hübschen, jungen Liebhaber, und natürlich die unvermeidlich engagierte neue Polizistin, die ständig schikaniert wird. Da könnte man was draus machen, aber nein, die Geschichte ist trotzdem so blöd, dass sie erst gar nicht erzählt werden will, was dieser Tatort auch vehement vermeidet. Stattdessen werden Bruchstücke von mehreren Geschichten angerissen, die am Ende irgendwie zusammen hängen sollen, Hauptsache man hat für das Finale eine coole Location, etwa einen verlassenen US-Luftwaffenstützpunkt.

Oder etwas, was so aussieht. Das mit der Außerirdischen-DNA hat dem Drehbuch jedenfalls nicht gut getan. Und es war kein bisschen witzig, obwohl Außerirdische mit einem möglichst absurden Raumschiff im Zweifel immer ziemlich komisch sind, wie man aus Das Leben des Brian weiß. Nur gab es ja nicht einmal ein Raumschiff und Außerirdische, sondern nur verstrahlte Autoren, die irgendwie versucht haben, witzig zu sein. Aber was zum Teufel ist denn witzig daran, dass Kriminalhauptkommissar Frank Steier zwar Quinn The Eskimo in der Version von Manfred Mann mitsingen und sogar tanzen kann, gleichzeitig aber fest davon überzeugt ist, das der schmalzige Restaurant-Italiener Luigi und nicht Angelo heißt?! Ein paar menschliche Regungen und stinknormale Rechthaberei machen halt auch noch keinen interessanten Charakter aus. Nein, früher war nicht alles besser. Aber der Tatort gelegentlich schon.