Buster’s Mal Heart: Schicksal ist ein Arschloch

Ein Film, auf den ich lange gewartet habe, ist Buster’s Mal Heart – einer von diesen „kleinen“ US-Indipendet-Filmen, die hierzulande nie ins Kino kommen, auch wenn sie auf zahlreichen Indipentent-Festivals erfolgreich gelaufen sind. Erfreulicherweise erscheint der Film jetzt auf Amazon Video und iTunes – und ich habe keine Kosten und Mühen gescheut, den Film schon einmal vorab zu sichten. Und es gleich vorweg zu nehmen: Ein Publikumsrenner wird dieser Film vermutlich nicht, dazu ist der Plot viel zu verschroben.

Aber – schlecht finde ich ihn wirklich nicht, Buster’s Mal Heart erinnert mich sehr an die eigenartigen Filme von Herbert Achternbusch – es geht um Identität, kosmische Missgeschicke, Liebe, Schicksal, Pflichterfüllung, das Elend mit der Freiheit und der Frage, wie man denn leben soll, wenn man die meiste Zeit damit beschäftigt ist, einen blöden Job machen zu müssen, weshalb man das eigentliche Leben verpasst. Daraus lässt sich schon ein sehenswerter Film stricken – und die Autorin-Regisseurin Sarah Adina Smith macht aus einem vergleichsweise schmalen Budget und wenigen Drehtagen eine ganze Menge.

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Der eine oder die andere wird sich Buster’s Mal Heart ohnehin schon allein deshalb ansehen, weil Mr. Robot mitspielt – der fleißige Rami Malek war zwar schon in einer ganzen Reihe von zum Teil durchaus bekannten Filmen als Nebendarsteller zu sehen, aber hier hat er seine erste Hauptrolle in einem Spielfilm – und er ist auch fast in allen Szenen zu sehen.

Und erstaunlich viel erinnert dann doch an Mr. Robot – der Protagonist Jonah ist nämlich zwei Männer: Zum einen ein mexikanischer Seemann, der nach einem Sturm 1000 Tage in einem winzigen Rettungsboot auf dem Meer treibt, zum anderen ein junger Familienvater, der endlose Nachtschichten in einem Hotel am Arsch der Welt – der sich in diesem Fall in Montana befindet – schiebt, um seine Familie zu ernähren. Die da sind seine junge Frau Marty (Kate Lyn Shell) und ihre niedliche kleine Tochter Roxanne (Sukha Belle Potter).

Marty und Jonah lieben sich, soviel wird klar, und Roxanne ist ein wirklich süßes kleines Kind. Die drei leben bei Martys Eltern, die es mit dem Christentum haben – keine Ahnung, welche der unzähligen Spielarten amerikanischer christlicher Sekten das ist, aber die tatkräftigen Christen haben Marty geholfen, von ihrer Drogensucht wieder loszukommen, und sie haben irgendwie auch Jonah akzeptiert, diesen Latino, den ihre Tochter angeschleppt hat. Über dessen Herkunft erfahren wir nicht viel, außer, dass er Spanisch spricht, was er auch versucht, seiner Tochter beizubringen – was die Schwiegereltern gar nicht so gut finden, das Kind soll doch lieber erstmal richtig Englisch lernen.

Und auch Jonah scheint keine astreine Vergangenheit zu haben – als sein Kollege, der die Tagschicht machen darf, Jonah fragt, wie er denn an diesen Job gekommen sei, wenn er nicht mal einen Highschool-Abschluss habe, antwortet Jonah, dass er dem Chef (der natürlich auch zu dieser christlichen Gemeinde gehört) sein Vorstrafenregister gezeigt hätte.

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Wir erfahren nicht, was Jonah verbrochen hat, aber wir sehen dabei zu, wie er sich redlich bemüht, seinen Job zu machen und gleichzeitig auch noch ein liebender Familienvater zu sein. Und er wie er daran scheitert – mechanisch wie ein Roboter erledigt er seine Arbeit, um dann völlig übermüdet zu Frau und Kind heimzukehren. Jonah träumt von einem ganz anderen Leben, er will ein Stück Land kaufen, ein Haus bauen und dort das eigentliche, richtige Leben verwirklichen, von dem er träumt. Aber Marty holt ihn auf den Boden der Tatsachen zurück: „Du weißt doch überhaupt nicht, wie man ein Haus baut!“

Und es stellt sich im Lauf der Geschichte heraus, dass Jonah auch keine Ahnung davon hat, wie man in der Natur überlebt. Was ihm sein mexikanisches Alter Ego auf See voraus hat – der überlebt, er trinkt seinen eigenen Urin und fängt Fische, auch wenn er Gott verflucht und bittet, ihn jetzt endlich sterben zu lassen, weil man so ja auf Dauer nicht leben kann. Jonah hingegen überlebt, in dem er in luxuriöse Ferienhäuser einbricht, die reiche Leute in den Bergen von Montana haben. So richtig autark ist das nicht, immerhin er genießt den vorübergehenden Luxus sichtlich. In seinem jeweiligen Quartieren dreht er alle Familienbilder auf den Kopf und telefoniert mit Sex- und Radiohotlines, um seine Botschaft zu verkünden: Das Ende der Welt ist nah – also der Welt, die wir so kennen, wie sie ist. Die zweite Inversion steht bevor, bei der sich alles auf den Kopf stellt.

Das entspricht ziemlich genau der Hysterie, die vor der Jahrtausend-Wende grassierte, Y2K, das Jahr-2000-Problem. An das kann ich mit gut erinnern, schließlich war ich damals in meinen sehr frühen Dreißigern. Ich hatte das damals nicht dermaßen ernst genommen, schließlich stamme ich aus einer Generation, die in der Hochzeit des kalten Krieges mit der Angst aufgewachsen ist, dass ihre Welt innerhalb von Minuten von einem Atomkrieg pulverisiert wird.  Davor hatten wir die ganze Zeit Angst, und das war keineswegs unrealistisch. In Deutschland lebten wir schließlich auf dem wahrscheinlichst anzunehmenden Schlachtfeld einer solchen Auseinandersetzung. Da war Y2K ein Klacks gegen. Was ja auch zutraf.

Aber das hat in Buster’s Mal Heart eher eine anekdotische Funktion. Immerhin, die Geschichte spielt in den späten 90ern, also kurz vor Y2K, und während einer dieser quälend endlosen Nachtschichten im Hotel taucht ein rätselhafter Typ (DJ Qualls) auf, der Jonah seinen Namen nicht verraten will, aber behauptet, der letzte freie Mensch der Welt zu sein. Und nebenbei ist er ein Computer-Spezialist. Und als solcher habe er Sachen gesehen – CIA, FBI, Pentagon, da läuft eine ganz, ganz üble Scheiße und die Menschen werden alle verarscht. Immer.

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Jonah saugt die Worte dieses zweifelhaften Propheten auf, sei es, weil ihm einfach sterbenslangweilig ist, sei es, weil er tatsächlich an diesen Scheiß glauben will, weil er sich ein anderes Leben und eine andere Welt wünscht, auch wenn er nicht so richtig kapiert, was eigentlich falsch läuft – Jonah beschäftigt sich mit diesem ganzen Zeug und lässt es sich einleuchten. Und er versucht weiterhin ein guter Mensch zu sein, was sein Chef irgendwann auch honoriert, in dem er Jonah zwar nicht von der ungeliebten Nachtschicht befreit, aber ihm immerhin anbietet, dass seine Frau und Tochter eine Weile in dem ohnehin nicht besonders frequentierten Hotel wohnen können, damit Jonah sie ab und zu auch mal im wachen Zustand sehen kann.

Das ist erst einmal ganz nett – für Marty und Roxanne fühlt es sich wie ein Ferienaufenthalt an und Jonah ist auch ganz happy, die drei vergnügen sich (sittsam!!!) im Hotelpool, Jonah kann zumindest theoretisch endlich Job und Familie unter einen Hut bringen – doch dann taucht dieser Fremde wieder auf. Er sieht ziemlich ramponiert aus, und der gutmütige Jonah gibt ihm unerlaubterweise eine Schlüsselkarte, obwohl der Fremde nach wie vor keine ID vorweisen will. Klar, das hätte Jonah besser nicht getan.

Okay, für diesen Spoiler würden mich meine Kinder auch schon wieder killen, aber die lesen ja meinen Blog nicht. Vermutlich. Für Jonah geht die Sache nicht gut aus, auch wenn er tapfer gegen das Unausweichliche ankämpft und versucht, später selbst als gesuchter Schwerverbrecher und Outlaw noch ein netter Mensch zu sein. Aber das ganze Universum scheint sich gegen ihn verschworen zu haben – letztlich erweist sich seine Existenz als epischer Fehler im kosmischen System: Irgendwo ist irgendetwas kolossal schief gelaufen. Aber weder der verzweifelte, aber doch zäh an seinem Leben hängende Schiffbrüchige auf dem Meer, noch der zum verrückten Buster mutierte Jonah geben auf, sie kämpfen bis zum Schluss – und am Ende gibt es zumindest für einen von ihnen eine versöhnliche Wendung.

Wer auf Filme mit ausgefeilten Plots steht, in denen am Ende immer alles erklärt wird, wird mit diesem Film vermutlich nicht glücklich. Womit ich nicht sagen will, dass dieser Film keinen ausgefeilten Plot hätte – die Geschichte an sich gefällt mir ziemlich gut, allerdings gleicht der Film einem Puzzle, dessen Teile sich der Zuschauer beim Ansehen selbst zusammensetzen muss. Liebhaber von mehrdeutigen, diffusen Geschichten werden hier viel besser bedient – wobei ich das alles gar nicht dermaßen rätselhaft finde. Es gibt eine Menge Andeutungen und Querverweise, der Film verlangt allerdings eine gewisse Aufmerksamkeit. Was mir gefällt ist, dass es keine dieser abgefuckten Hollywoodgeschichten ist, in denen mit viel Ironie und noch mehr Zynismus eine klassische Heldengeschichte auf den Kopf gestellt wird – das ist ja dieses ganze nervige Antihelden-Helden-Kino, das in den aktuellen Blockbustern abgefeiert wird.

Jonah ist einfach ein Mensch, der versucht, das Beste aus einer Situation zu machen, in die man besser nicht geraten will – die man aber doch wieder erkennt: Die allermeisten von uns müssen mit einem Job klar kommen, den sie eigentlich gar nicht machen wollen, aber machen müssen, weil auf allem, was man zum Leben braucht, ein verdammtes Preisschild klebt. Und das ist ja noch die freundliche Variante, die das Arschloch von Schicksal bereit hält – Jonahs Alter Ego auf hoher See würde wahrscheinlich nur zu gern mit Jonah und seinen Nachtschichten tauschen, wenn er nur die Gelegenheit dazu hätte.

Aber dann schlägt diese Bitch von Schicksal Jonah doch wieder dermaßen, dass vielleicht der mexikanische Seemann doch noch besser dran ist – mir fällt da spontan die Geschichte von diesem Rabbi ein, der über Land wanderte und bei einem freundlichen Bauern-Pärchen einkehrte. Die Bauersleute bewirteten ihn gut, aber am nächsten morgen lag ihre beste Kuh tot im Stall. Und als der Bauer fragte, womit er das verdient hätte, wo er doch die Regeln der Gastfreundschaft so vorbildlich eingehalten hätte, gab ihm der Rebbe die Antwort, dass eigentlich beschieden war, dass seine Frau hätte sterben sollen. Aber weil sie so gut zu dem Fremden gewesen waren, hätte es nur die Kuh getroffen. busters-mal-heart-movie-trailer-images-stills-rami-malek4

Diese Geschichte habe ich immer gehasst, genau wie das Buch Hiob und alle diese anderen üblen Geschichten aus der Bibel, in denen es darum geht, wie Gott uns Menschen prüft. Was für ein grausames, zynisches Arschloch. Das Leben ist unendlich beschissen. Aber wir haben nur dieses eine, beschissene Leben, insofern lohnt es sich daran festzuhalten und zu versuchen, auf dieser Erde das Beste draus zu machen. Auch wenn man keine Ahnung hat, wie man das anstellen soll.

Unbedingt ansehen: Short Term 12

Ein überraschend guter Film ist Short Term 12, vor allem, wenn man mal wieder etwas über das wahre Leben sehen will. Es handelt sich um ein Low-Budget-Sozialdrama, das beinahe schon dokumentarische Züge hat: Es geht um ein Heim für gefährdete Jugendliche, die bis zu einem Jahr dort bleiben dürfen – bis sie entweder volljährig werden oder an eine andere Einrichtung weitergereicht werden.

Screenshot Short Term 12

Screenshot Short Term 12

Die Mittzwanzigerin Grace (Brie Larson) leitet Short Term 12 mit einer für ihr Alter erstaunlichen Abgeklärtheit und Professionalität – aber eben auch mit einer Menge Leidenschaft, die noch nicht durch jahrzehntelange Routine verbraucht ist. Im Laufe des Films erfahren wir, warum sie sie so gut mit den Problemen der Jugendlichen, die zu ihr kommen, auskennt: Sie hat selbst durchlitten, was ihre Schutzbefohlenen durchmachen müssen. Und als die trotzige, unleidliche Jayden (Kaitlyn Dever) als Neuzugang nach Short Term 12 kommt, droht alles zu eskalieren, weil Grace sich aufgrund ihrer eigenen Leidensgeschichte mit der Zeit viel zu sehr mit dieser 15jährigen identifiziert, die von ihrem Vater misshandelt und missbraucht wird.

Das war jetzt die zugespitzte Kurzfassung, aber natürlich gibt es noch viel mehr: Der Film beginnt mit dem ersten Tag des neuen Betreuers Nate (Rami Malek), der sich eine Auszeit von seinem Studium genommen hat, um Lebenserfahrung zu sammeln, wie er selbst erklärt. Die bekommt er schneller als ihm lieb ist – schon bei der Vorstellungsrunde mit den Kids springt er mit Anlauf in das erste Fettnäpfchen, als er sagt, dass er schon immer etwas für unterprivilegierte Kinder tun wollte.

Screenshot Short Term 12: Mason (John Gallagher Jr.), Sammy und Grace (Brie Larson)

Screenshot Short Term 12: Mason (John Gallagher Jr.), Sammy und Grace (Brie Larson)

Der Heimveteran Marcus (Keith Stanfield), ein großer, schwarzer Junge, der verstörende Rapsongs schreibt und einen schwarzen Fisch als einzigen Freund hat (woran erinnert uns das nur…?) fragt Nate, was zum Teufel er damit meinen würde. Natürlich erkennt Nate seinen Fehler sofort, aber das macht die Sache nicht besser – weil er sich gleich ausdrücklich entschuldigt, gerät er total in die Defensive. Ganz schlecht für eine Autoritätsperson, die er als Betreuer ja sein soll.

Die anderen aus dem Team erklären ihm später: „Die werden dich jetzt ausprobieren. Egal, was sie wollen, sag immer nein. Du musst erst der Arsch sein, damit sie dich später lieben!“ Nate macht natürlich die üblichen Anfängerfehler, beißt sich aber tapfer durch. Offenbar hat er einen anderen sozialen Hintergrund als die anderen Betreuer dieser Einrichtung. Denn auch Mason (John Gallagher Jr.), der nicht nur der erfahrene Kollege und die unerschütterliche Stütze von Grace im Heim ist, sondern auch ganz privat ihr Lebenspartner, ist in einer Pflegefamilie aufgewachsen. Und weil das fürsorgliche Latinos waren, spricht Mason auch Spanisch – Short Term 12 spielt im Großraum Los Angeles, da ist das nützlich.

Screenhot Short Term 12: Grace stellt den Neuen vor

Screenhot Short Term 12: Grace stellt den Neuen vor

Aus der Erfahrung heraus, wie schrecklich es ist, niemanden auf der Welt zu haben, der einem helfen kann und dann plötzlich doch auf mitfühlende und hilfreiche Menschen zu treffen, haben Grace und Mason ihre Entscheidung getroffen, ebenfalls für andere da zu sein. Und die beiden machen das wirklich gut, auch wenn dieser Job sie immer wieder an ihre Grenzen bringt.

Dazu kommt, dass das staatliche Sozialsystem als System eben gnadenlos exekutiert wird: Grace und Mason sind trotz ihrer offensichtlichen praktischen Kompetenz eben nur Betreuer – ihr zermürbender Job ist es, für traumarisierte und psychisch total aus dem Ruder laufende Kinder und Jugendliche eine Art sicheres Zuhause zu schaffen und einen Alltag zu organisieren. Die wichtigen Entscheidungen, was mit den einzelnen Kindern passiert, treffen irgendwelche höherrangigen Therapeuten. Oder andere Vorgesetzte auf den Sozialbehörden, die sich eben an die Gesetze halten müssen – wie absurd und sinnlos das im Einzelfall auch sein mag.

Screenhot Short Term 12: Mason (John Gallagher Jr.) und Nate (Ramit Malek

Screenhot Short Term 12: Mason (John Gallagher Jr.) und Nate (Ramit Malek)

Screenshot Short Term 12: Marcus (Keith Stanfield)

Screenshot Short Term 12: Marcus (Keith Stanfield)

So haben Grace und Mason es mit viel Einsatz und Trickserei geschafft, ihren Schützling Marcus für drei Jahre in ihrer Einrichtung zu behalten: Der sensible und wie sich noch heraus stellen wird, auch sehr intelligente Marcus kam als fünfzehnjähriger, aber bald wird er 18. Dann muss er gehen. Und davor hat er dermaßen Angst, dass er sich mit den Scherben des Aquariums für seinen Fisch die Pulsadern aufschneidet. Zum Glück findet Grace ihn gerade noch rechtzeitig. Für Marcus gibt es später tatsächlich dann noch eine Art Happyend.

Dann gibt es den unglücklichen kleinen Sammy, der immer wieder wegläuft. Die Regel lautet nämlich: Außerhalb der Einrichtung dürfen die Betreuer ihre Schützlinge nicht anfassen. Wenn es also jemanden gelingt, das Grundstück zu verlassen, können die Betreuer nicht mehr viel tun. Wobei sie natürlich auch in diesen Fällen alle Register ziehen – ihren Schützlingen folgen dürfen sie, und sie auch (ohne Anfassen) wieder einsammeln, wenn es dunkel wird und für die Ausreißer die Optionen schwinden, wohin sie jetzt noch gehen könnten. Besser ist es selbstverständlich, sie abzufangen, bevor sie das Tor erreichen, weshalb es eine Torwache gibt.

Screenshot Short Term 12: Jayden (Kaitlyn Dever)

Screenshot Short Term 12: Jayden (Kaitlyn Dever)

Sammy hat eine Art Sport daraus gemacht, dieses Tor erreichen zu wollen. Er will nicht wirklich weg, aber er hat sonst kein Ziel in seinem traurigen Leben. Man erfährt sonst nicht so viel über Sammy, nur, dass die merkwürdigen kleinen Figuren, mit denen er sich umgibt, einmal seiner Schwester gehört haben – die es offenbar nicht mehr gibt. Irgendwann will sein Therapeut ihm eine Lektion im „Loslassen“ erteilen und nimmt ihm seine kleinen Figuren weg. Grace ist empört darüber, aber sie kann nichts dagegen tun.

Genauso wie Grace nichts dagegen tun kann, dass der für Jayden zuständige Sozialarbeiter es erlaubt, dass Jayden übers Wochenende zu ihrem Vater kann. Oder muss, wie auch immer. Denn Grace hat inzwischen einen Draht zu diesem schwierigen Mädchen – und sie ist ganz sicher, dass Jayden von ihrem Vater missbraucht wird. Aber solange es keine eindeutigen Beweise dafür gibt oder das Mädchen es selbst sagt, gibt es keinen Grund, dem Vater zu verwehren seine Tochter zu sehen.

Screenshot Short Term 12: Nate und Mason mit der tobenden Jayden

Screenshot Short Term 12: Nate und Mason mit der tobenden Jayden

Aber Grace hat noch ein ganz anderes Problem: Sie ist schwanger. Und nach dem x-ten Schwangerschaftstest, den sie dieses Mal im Krankenhaus machen lässt, macht sie auch gleich einen Termin für die Abtreibung – sie scheint sich ganz sicher zu sein. Andererseits ist sie es auch nicht – ihr Freund Mason hat es derzeit jedenfalls nicht leicht mit ihr. Er liebt Grace wirklich, daran gibt es keinen Zweifel, und er ist ja auch wirklich ein Ausbund an Geduld und Verständnis – aber Grace lässt ihn nicht wirklich an sich heran, so dass Mason ihr schließlich genervt und verzweifelt empfiehlt, dass sie selbst doch endlich mal auf das hören solle, was sie ungefähr alle fünf Minuten zu den Kindern sagen würde: Sie soll doch endlich über das, was mit ihr los ist, reden.

Grace redet schließlich, aber nicht über das, was EIGENTLICH mit ihr los ist. Sie teilt Mason mit, dass sie ein Kind bekommen würden. Mason ist völlig von der Rolle, fasst sich aber wieder und ist schließlich bereit, ein guter Vater zu werden. Dass Grace einen schon Termin für die Abtreibung hat, weiß er ja nicht. Dafür weiß er, dass der Vater von Grace demnächst aus dem Gefängnis kommt. Die Nachricht darüber erfüllt Grace mit Angst und Schrecken: Sie hat ihren Vater vor 10 Jahren hinter Schloss und Riegel gebracht, weil sie gegen ihn ausgesagt hat.

Screenhot Short Term 12: Mason und Grace

Screenhot Short Term 12: Mason und Grace

Was völlig okay war, schließlich hatte das Arschloch seine damals fünfzehnjähre Tochter missbraucht und schließlich geschwängert – kein Wunder eigentlich, dass Grace total neben der Spur ist. Sie teilt Mason mit, dass sie „das alles einfach nicht kann“ und fährt auf ihrem geliebten Fahrrad los: Anstatt ihre eigenen Probleme zu lösen will sie erstmal das Problem von Jayden lösen. Also fährt sie zum Haus von Jaydens Vater und dringt dort ein – schließlich steht sie mit einem Baseballschläger in der Hand vor dem Mann, der betrunken vor dem Fernseher schläft. „Jetzt übertreibst du aber!“ stellt Jayden fest, die glücklicherweise auftaucht, bevor Grace zuschlägt.

Stattdessen demolieren sie das Auto von Jaydens Vater – Jayden verspricht Grace, diesen Teil wegzulassen, wenn sie gegen ihren Vater aussagt. Er hat Jayden wieder misshandelt – und Grace schafft es, Jayden zu überzeugen, dass sie mit ihren Sozialarbeitern darüber reden muss. Und damit hat sie sich selbst auch ein bisschen überzeugt, dass sie ebenfalls endlich reden sollte – jedenfalls sehen wir sie später im Gespräch mit einer Therapeutin.

Screenhot Short Term 12: Sammy stellt einen neuen Rekord auf

Screenhot Short Term 12: Sammy stellt einen neuen Rekord auf

Was mit an Short Term 12 besonders gefällt ist, dass der Film weder übertreibt, noch beschönigt – der Alltag in einem Wohnheim für gefährdete bzw. sozial auffällige Jugendliche ist aufreibend und anstrengend und es ist bestimmt nicht jedermanns Sache, einen solchen Job zu machen. Umso verdienstvoller ist es, dass hier einmal gezeigt wird, was es wirklich heißt, sich um diejenigen zu kümmern, die in der Gesellschaft sonst keinen Platz haben. Den Betreuern wird ein schier unerfüllbares Maß an Einfühlungsvermögen, Konsequenz, Umsicht, Stärke und Ausdauer abverlangt. Und bei all den schrecklichen Geschichten, die mit den Kindern zu ihnen kommen, bleiben sie doch freundliche, sympathische junge Menschen, die sich gegenseitig gern lustige Geschichten erzählen – auch Humor kommt nicht zu kurz, wenn auch eher von der derben Sorte. Insofern hat dieser Film von Destin Daniel Cretton es absolut verdient mit Indepentend-Awards überhäuft zu werden. Unbedingt ansehen.

Screenhot Short Term 12:

Screenhot Short Term 12: Mason und Grace auf dem 30. Hochzeitstag von Masons Pflegeeltern

Daybreakers: Fast ganz großes Kino

In Sachen Vampirfilm hat sich in den vergangenen Jahren eine Menge getan, und vieles davon ist einfach nicht gut – etwa die Twilight-Filme, die letztlich ja nur die bombastische Bebilderung einer sehr amerikanischen Teenie-Romanze sind (Sex ist nicht, zumindest nicht vor der Ehe). Wobei ich finde, dass Robert Pattinson (der den Vampir Edward Cullen spielt) eigentlich ein guter Schauspieler ist. In dem BBC-Grusel-Drama The Haunted Airman spielt der noch sehr junge Pattinson einen ebenfalls sehr jungen RAF-Kampfpiloten im 2. Weltkrieg, der den Abschuss seiner Maschine als Krüppel überlebt und sich während seiner Reha, wie man heute sagen würde, in seine schöne Tante verliebt. Die aber lieber was mit seinem Arzt anfängt. Was man ja auch verstehen kann – Toby Jugg sieht zwar aus wie Robert Pattinson und ist ein Kriegsheld, aber eben auch ein Krüppel. Und er ist viel zu jung für Julie – ich sehen schon, das wäre eine eigene Kritik wert. Kommt noch!

So viel vorab: The Haunted Airman ist ein echter Geheimtipp für alle Freunde des mysteriösen britischen Kammerspiels mit faszinierenden Schauspielern – wegen Robert Pattinson hab ich mir dann überhaupt Twilight angesehen, zumindest den ersten Teil davon. Das hat mir dann aber auch gleich wieder gereicht.

Screenhot Daybreakers

Screenhot Daybreakers, USA 2009

Screenshot Daybreakers, USA 2009

Screenshot Daybreakers, USA 2009

Doch jetzt zur Hauptsache: Einer der neueren Vampir-Filme, die sich meiner Ansicht nach durchaus zu sehen lohnen, ist der australisch-amerikanische Streifen Daybreakers. Drehbuch und Regie übernahmen die in Deutschland geborenen, aber in Australien aufgewachsenen Brüder Spierig. Peter und Michael Spierig verdienen ihr Geld in erster Linie als Werbefilmer, haben aber auch einen Faible für das Horror-Genre – und sie haben in dem Bereich schon einige Filme gedreht.

Daybreakers ist der zweite ernsthafte Film der beiden, der mit einem Budget von 20 Millionen US-Dollar gedreht wurde und mehr als 65 Millionen eingespielt hat. Also durchaus ein kommerzieller Erfolg – wobei der Film in Deutschland erst gar nicht im Kino gelaufen ist. Warum auch immer. Vampirfilme für Erwachsene werden dem deutschen Publikum nicht mehr zugemutet, die sollen sich lieber den Teenie-Kram reinziehen.

Screenshot Daybreakers, USA 2009

Screenshot Daybreakers, USA 2009

Für Daybreakers haben die Spierigs nicht nur das Drehbuch geschrieben und Regie geführt – sie waren auch für einen Teil der Special Effects zuständig – von denen es eine Menge gibt, wie es sich für einen Vampirfilm gehört. Daybreakers ist also ein echter Autorenfilm, was ich ja prinzipiell auch oft gut finde.

Aber in diesem Fall ist es aber leider so, dass das dem Film nicht gut getan hat – denn das Drehbuch hat einfach eklatante Schwächen. Was die Spierig-Brüder offenbar auch gemerkt haben und diese Schwächen deshalb mit visueller Überwältigung ausbügeln wollten. Und das finde ich einfach nicht gut. Wobei ich ja durchaus eine Augenmensch bin, ich kann eine gekonnte ästhetische Umsetzung von was auch immer erkennen und als solche schätzen.

Screenhot Daybreakers, USA 2009

Screenhot Daybreakers, USA 2009

Aber das nützt den Filmemachern halt nicht so richtig, wenn sie nicht wissen, was sie sagen wollen. Und das ist schlimm. Oder wenn das, was sie zu sagen wollen, letztlich scheiße ist. Was schlimmer ist. Und dafür gibt es durchaus prominente Beispiele: Daybreakers hat mich sehr an Fritz Lang und seinen Klassiker Metropolis erinnert.

Screenhot Daybreakers, USA 2009

Screenhot Daybreakers, USA 2009

In Daybreakers gibt es eine ganze Reihe Bilder, die wirklich sehr an Metropolis erinnern, und genau wie schon in Metropolis sieht man den politischen Anspruch, der große und wichtige Fragen aufwirft – was ja eigentlich super ist. Die aber dann erstaunlich naiv und unbefriedigend beantwortet werden. Oder eigentlich gar nicht. In Metrolpolis wird die Entfremdung in der Arbeitswelt durchaus thematisiert. Und was die Arbeiter für eine Scheißleben haben. „Es muss immer ein Mensch an der Machine sein!“ Und wir sehen einen Arbeiter, der ganz Untertan der Maschine ist und sich ihr völlig unterwerfen muss, die Maschine gibt den Takt vor. Wir sehen auch uniforme Arbeiter-Züge, die im Gleichschritt zur Arbeit marschieren, wir sehen sogar ganze Züge von Arbeitern, die der Maschine und ihren Herren – was die Eigentümer der Maschine sind, die sich auf Kosten der Arbeiter ein schönes Leben machen können. Aber letztlich analysiert und kritisiert Fritz Lang mit seinem Film diese Verhältnisse nicht. Im Gegenteil: Letztlich sagt er, dass es schon okay geht, wenn die da oben die da unten ausbeuten – aber sie sollten halt ein bisschen netter zu den Arbeitern sein. Deshalb soll auch Freder, der Sohn des Kapitalisten Joh Fredersen, das Herz sein, das zwischen denen „da oben“ – dem Hirn – und denen „da unten“ – der Hand – vermittelt. Als ob alles irgendwie nur ein Kommunikationsproblem wäre – was nun absolut Unsinn ist. Auch wenn das heute noch genau so dargestellt wird: Alles nur ein Kommunikationsproblem, die Gesellschaft die ist eigentlich ganz prima eingerichtet. Wir sitzen doch alle im selben Boot. Schon klar. Aber nur „die da oben“ haben Rettungswesten.

Screenhot Daybreakers, USA 2009

Screenhot Daybreakers, USA 2009

Metropolis ist also ein reaktionärer und keineswegs revolutionärer Film, auch wenn das immer wieder behauptet wird. Aber die filmische Umsetzung ist grandios – was um so ärgerlicher macht, was da für ein Scheiß erzählt wird. Und genau wie ich mich über Metropolis ärgere, denn den Film finde ich von der Ästhetik her wirklich beeindruckend (für die damalige Zeit wohlgemerkt) – ärgere ich mich über Daybreakers. Wobei das jetzt auch schon wieder gemein ist, denn es geht hier nicht um reaktionären Scheiß, sondern schlicht darum, dass den Drehbuchschreibern bei entscheidenden Wendungen einfach die guten Ideen gefehlt haben.

Screenhot Daybreakers, USA 2009

Screenhot Daybreakers, USA 2009

Der Film ist so gut gemacht, dass er die schwache Story dahinter echt nicht verdient hat. Ausstattung, Stimmung, Bilder – großartig. Und mit Ethan Hawke, Willem Dafoe, Sam Neill, Claudia Karvan und Michael Dorman sind auch hochkarätige Schauspieler dabei. Im Prinzip ist die Story auch gar nicht schlecht: Im Jahr 2019 wird die Erde von Vampiren beherrscht. Die verbliebenen Menschen sind in dramatischer Unterzahl – das ist schlecht für die Vampire, weil sie sich ja von Menschenblut ernähren. Die meisten Menschen werden matrixmäßig in Farmen gehalten, wo sie künstlich ernährt werden und ihnen gleichzeitig Blut abzapft.

Die entsprechenden Bilder erinnern auch sehr an Matrix – und an anklagende Bilder aus etwa aus Hühnerfarmen, wo fast kahle Hühner in zu kleinen Käfigen im Akkord Eier legen müssen, bis sie als Suppenhuhn im Kochtopf landen. Käfighaltung ist Menschenquälerei, das findet auch der Hämatologe Edward Dalton (Ethan Hawke) , der zwar ebenfalls Vampir ist, sich aber aus Überzeugung schon seit längerer Zeit vegan ernährt. Was fatale Nebenwirkungen hat: Wenn ein Vampir zu lange kein echtes Blut mehr konsumiert hat, wird er zum Subsider.

Screenhot Daybreakers, USA 2009

Screenhot Daybreakers, USA 2009

Das sind entartete Vampire, deren Aussehen immer mehr dem von Fledermäusen ähnelt und sie werden sehr aggressiv. Subsiders sind die Paria der Vampir-Socienty, es sind die Verlierer, die sich kein echtes Blut mehr leisten können und ihre adlige Vampir-Identität nach und nach verlieren. Auch hier haben wir wieder eine durchaus gelungene Analogie auf die menschliche Gesellschaft, die ihre Verlierer ebenfalls ausgrenzt und kriminalisiert, obwohl die Betroffenen ja eigentlich gar nichts dafür können.

Screenhot Daybreakers, USA 2009

Screenhot Daybreakers, USA 2009 – Edward (Ethan Hawke)

Edward stellt durch seinen Blutverzicht langsam erste Anzeichen von Subsiderismus an sich fest, seine Ohren verformen sich (das wird Spock nicht erfreuen). Seine große Hoffnung, endlich einen Blutersatzstoff gefunden zu haben, zerschlägt sich, als die Versuchsperson nach kurzer Zeit förmlich explodiert – das ist wie True Blood ohne True Blood. Durch einen Autounfall trifft Edward auf echte Menschen – die er vor der Verfolgung durch Vampir-Milizen rettet.

Screenshot Daybreakers, USA 2009 - Lionel Cormac (Willem Dafoe)

Screenshot Daybreakers, USA 2009 – Lionel Cormac (Willem Dafoe)

Mit Edwards Entschluss, den Menschen zu helfen, wird er zum Verräter an der Vampirgesellschaft. Aber Edward ist entschlossen, das durchzuziehen. Dumm nur, dass sein kleiner Bruder Frankie da ganz anderer Ansicht ist. Der ist nämlich stolz drauf, ein Vampir zu sein.

Die menschlichen Widerständler, allen voran ihre Anführerin Audrey Bennett (Claudia Karvan), machen Edward mit Lionel Cormac (Willem Dafoe) bekannt, der auch mal ein Vampir war, aber jetzt auf der Seite der Menschen kämpft, nachdem er zufällig entdeckt hat, wie ein Vampir wieder menschlich werden kann. Und da geht es schon los: Durch ein unfreiwilliges Sonnenbad, was den Vampir fest verbrannt hat, ist er wieder Mensch geworden – es ist halt alles eine Frage der richtigen Dosis. So richtig überzeugt mich dieses Heilmittel nicht – aber Edward probiert es in einem kontrollierten Experiment mit durch einen Spiegel umgeleitetes Sonnenlicht und stirbt dabei wie geplant fast – aber sein Herz beginnt wieder zu schlagen. Er wird wieder Mensch.

Screenshot Daybreakers, USA 2009 - Frankie Dalton (Michael Dorman) und Audrey (Claudia Karvan)

Screenshot Daybreakers, USA 2009 – Frankie Dalton (Michael Dorman) und Audrey (Claudia Karvan)

Tja, und dann geht es den Menschen auch gleich an den Kragen, denn die Vampire haben ihren geheimen Stützpunkt entdeckt und das große Schlachten beginnt – im Grunde erstaunlich, was ein Film mit einem vergleichsweise kleinen Budget dann doch an Leichenteilen und Blutströmen her gibt. Und es ist ja auch nicht so, dass ich was gegen Action und Gewalt hätte, das stört mich nicht, im Gegenteil. Aber irgendwie vergisst der Film über die ganze Action, was er eigentlich wollte – da war doch mal was, irgendwie, am Anfang.

Und irgendwann ist es halt vorbei – und das ist dann auch okay. Aber schade ist es doch – ein paar bessere Ideen hätten der Geschichte wirklich gut getan – dann wäre Daybreakers ein grandioser Vampir-Film geworden. So ist er halt nur fast ganz großes Kino. Aber immerhin.

Aus meiner Reihe Lieblingsfilme: Wir können auch anders…

Wir können auch anders…“ ist ein schräges Roadmovie von Detlef Buck, in dem zwei Brüder, die nicht lesen können, kurz nach der Wende durch die ostdeutsche Prärie stolpern und dabei eine bemerkenswerte Blutspur hinterlassen. Rudi und Moritz Kipp, wunderbar besetzt mit Joachim Król und Horst Krause, erben das Haus ihrer Großtante in der Nähe von Schwerin. Immerhin kann Moritz Auto fahren und so sind sie in seinem alten Hanomag unterwegs.

Kipp: „Der ist ja auch ziemlich alt geworden!“
Most: „Er hat vier Gänge vorwärts und einen Gang rückwärts – und er fährt.“
Kipp: „Aber nicht schnell!“

An einer Tankstelle läuft den beiden der fahnenflüchtige Sowjetsoldat Wiktor (Konstantin Kotljarov) über den Weg. Er überredet die Brüder mit Hilfe seiner Kalaschnikoff, ihn mitzunehmen.

Screenhot: Wir können auch anders

Screenhot: Wir können auch anders: Kipp und Most

Das stellt sich schon bald als sehr vorteilhaft heraus, als die drei von einer Wegelagerer-Gang angehalten und bedroht werden. Mit einer wunderschönen Western-Parodie und entsprechender Musik-Untermalung kommt es zu einem unerwarteten Showdown, denn die mit Baseball-Schlägern und Spring-Messern ausgerüsteten Rowdies haben nicht damit gerechnet, auf einen schwerbewaffneten Soldaten zu treffen. Dank Wiktor dreht sich das Blatt schnell zugunsten der drei im Hanomag und Kipp stellt in seiner sympathisch verstotterten Art fest: „Wir können auch – a- anders“. Sie zwingen die Gang-Mitglieder mit ihrem Auto rückwärts in den See zu fahren. Leider schaffen nur zwei, sich aus dem versinkenden Fahrzeug zu befreien. Das macht die Brüder und ihren bewaffneten Begleiter nun zu gesuchten Verbrechern.

Screenshot: Wir können auch anders - die Gang

Screenshot: Wir können auch anders – die Gang

Screenshot: Wir können auch anders - sie könnens tatsächlich!

Screenshot: Wir können auch anders – sie könnens tatsächlich!

Kipp und Most stolpern ab jetzt von einem Malheur ins nächste und fangen nicht nur an, ihren sowjetischen Begleiter zu mögen, sondern entwickeln auch ungenannte kriminelle Energie. Auf ihrer Flucht müssen sie die Dorfwirtin Nadine (Sophie Rois) als Geisel nehmen – was Nadine, die sich in den feschen Wiktor verguckt hat, durchaus gelegen kommt. Als die Neonazis in der Dorfkneipe zufällig im Fernsehen sehen, dass nach Kipp und Most wegen Mordes gefahndet wird, kneifen sie gemeinsam mit ihrem Schäferhund den Schwanz ein und verdrücken sich. Auch die mit der Situation völlig überforderten Dorfpolizisten geben schnell auf. Als die drei sich ein neues Fluchtfahrzeug besorgen müssen, erschießen sie versehentlich durch eine geschlossene Tür einen Angestellten im Autohaus, als sie den Chef dazu bringen wollen, ihnen die Schlüssel für sein schnellstes Auto auszuhändigen. „Das war jetzt noch Spaß, aber gleich wird es ernst!“ erklärt Kipp, der keine Ahnung hat, dass es längst mehr als ernst ist.

Screenshot: Wir können auch anders - die drei haben nochmal Schwein gehabt.

Screenshot: Wir können auch anders – die drei haben nochmal Schwein gehabt.

Danach gibt es kein Halten mehr, die Flucht wird schließlich zu Pferd und per Boot fortgesetzt – inzwischen werden die Flüchtigen von Hubschraubern und einem riesigen Polizei-Augebot verfolgt. Und doch können sie irgendwie entkommen – sie gelangen in Wiktors Heimatdorf irgendwo am stillen Don.

Umwerfend an diesem Film aus dem Jahr 1993 fand ich die Situationskomik – weil die beiden Helden der Geschichte oft gar nicht begreifen, was eigentlich gerade Sache ist, machen sie versehentlich viele Sachen richtig, die sie sonst garantiert versemmelt hätten. Auch die Dialoge sind voll subtilem Witz – nicht, weil hier einen virtuoser Schlagabtausch mit coolen Sprüchen vorgeführt würde, wie das sonst in Dialog-lastigen Filmen oft der Fall ist, sondern weil Kipp eben so beflissen wie unbeholfen ist, überhaupt Konversation zu betreiben: „Du sabbelst und sabbelst“ stellt Most missbilligend fest.

Screenshot: Wir können auch anders - Kipp mit Knarre.

Screenshot: Wir können auch anders – Kipp mit dieser praktischen „Pistole“.

Kipp redet tatsächlich gern, aber die Dinge, der er aufgeschnappt hat, bringt er nicht unbedingt in den richtigen Zusammenhängen unter. Und so redet er immer wieder artig gedrechselten Unsinn, der sich aber halbwegs vernünftig anhört. So ähnlich verhält es sich auch mit der Handlung des Films – weil Kipp und Most als Analphabeten in dieser Gesellschaft nicht wirklich überlebenstauglich sind, haben sie Strategien entwickelt, wie sie trotzdem klar kommen – und damit kommen sie mit etwas Glück auch immer wieder durch.

Screenshot: Wir können auch anders - Nadine nimmt die Parade ab.

Screenshot: Wir können auch anders – Nadine nimmt die Parade ab.

Sie meinen das alles gar nicht so, deshalb kann man ihnen auch nicht übel nehmen, dass sie eine ganze Reihe Leichen am Wegesrand zurück lassen. Wer auf feinsinnige Komik der makaberen Art steht, kann sich über diesen Film gewiss köstlich amüsieren. Zumal hier nicht so kilometerdick aufgetragen wird wie etwa bei Quentin Tarrantino. Detlev Buck setzt auf Understatement, nicht auf Specialeffects. Ich mag beides – aber in diesem Fall finde ich besonders gut, dass Buck auch anders kann.

Screenshot: Wir können auch anders - Nadine will auch mit.

Screenshot: Wir können auch anders – Nadine will auch mit.