Awake: Traum oder Realität?

Während es einige Serien gibt, um die ein Wahnsinnshype gemacht wird, ohne dass sie deshalb besonders gut sein müssten, existieren auch erstaunlich viele Serien, von denen man noch nie gehört hat, die aber trotzdem gar nicht so schlecht sind. Eins dieser kleineren Projekte ist Awake, eine Serie um den Polizisten Michael Britten (Jason Isaacs), der nach einem schweren Unfall in zwei verschiedenen Realitäten aufwacht.

Awake: Michael Britten (Jason Isaacs) Bild via serienjunkies.de

Awake: Michael Britten (Jason Isaacs) Bild via serienjunkies.de

In der einen, der „roten Realität“ ist seine Frau (Laura Allen als Hannah) noch am Leben, aber sein Sohn ist tot. In der anderen, der „grünen“ hat sein Sohn (Dylan Minnette als Rex) den Unfall überlebt, aber seine Frau nicht. In beiden Realitäten geht er zur Therapie, in der roten zu Dr. Jonathan Lee (wie immer großartig: BD Wong), in der grünen zu Dr. Judith Evans (Cherry Jones), was sehr amüsant ist, da beide Psychiater immer sehr gute Erklärungen dafür haben, warum „ihre“ Realität die jeweils echte und die andere ein Traum ist. In beiden Realitäten geht Britten seinem alten Job als Detective beim LAPD nach, wobei er zwar die gleiche Chefin, nämlich Captain Tricia Harper (Laura Innes), aber unterschiedliche Partner hat, in der „roten“ ist das der junge Elfrem Vega (Wilmer Valderrama), den Britten nicht für voll nimmt, in der „grünen“ ist es Isaiah „Bird“ Freeman (Steve Harris), mit dem er bereits seit Jahren zusammen arbeitet. Mit der Zeit stellt sich heraus, dass die völlig unterschiedlichen Fälle, an denen Britten in den jeweiligen Realitäten arbeitet, stets irgendwie zusammenhängen und er kommt nach und nach einem Mordkomplott auf die Spur, dem eigentlich er zum Opfer fallen sollte.

Awake: Dr. Jonatha Lee (BD Wong) Bild via imdb.com

Awake: Dr. Jonathan Lee (BD Wong) Bild via imdb.com

Awake war einer der vielen vergeblichen Versuche des altehrwürdigen US-Senders NBC an alte Serienerfolge anzuknüpfen – NBC ist unter anderem bekannt für Klassiker wie ALF, Seinfeld, Friends oder Golden Girls. Aber die Konkurrenz, vor allem durch Bezahlsender wie HBO, Showtime oder AMC, die von den vergleichsweise strengen Zensurvorschriften im frei empfangsbaren US-Fernsehen weniger betroffen sind und auch dank Sex, Gewalt und offenen Worten eine ganze Menge erfolgreicher Serien produzieren, macht es den etablierten Networks zunehmen schwer – wobei ich das gar nicht schlimm finde. Und dann gibt es neuerdings ja auch noch Hulu, Netflix und Amazon, die eine Qualitätsserie nach der anderen raushauen – da muss man sich schon etwas anderes einfallen lassen als nur immer mehr vom Bewährten. Wobei NBC mit This Is Us im vergangenen Jahr offenbar mal wieder einen Treffer gelandet hat – muss ich mir gelegentlich ansehen.

Doch zurück zu Awake – zwar wurde die Serie 2012 nach nur einer Staffel wegen schlechter Einschaltquoten eingestellt, was aber in diesem Fall eher gegen das Publikum als gegen die Serie spricht – denn so halbmittelgute Serien wie The Blacklist oder Blindspot sehen sich die Leute auf NBC ja auch an. Awake finde ich zumindest nicht schlechter.

Awake: Dr. Judtith Evans (Cherry Jones) Bild via imdb.com

Awake: Dr. Judtith Evans (Cherry Jones) Bild via imdb.com

Wobei ich zugeben muss, dass Awake für alle, die auf klassische Krimiserien stehen, vermutlich zu viel Psychokram und Familiendrama enthält, und für alle, die auf Familiendrama sehen, dann wieder zu viel Krimi drin ist. Man muss schon sich schon auf den ganzen Mindfuck einlassen – dann kann Awake aber wirklich Spaß machen. Über die 13 Folgen entspinnt sich eine durchaus komplexe Handlung, die sich gegen Ende rasant zuspitzt, und, weil sich offenbar abzeichnete, dass das Projekt nicht fortgesetzt werden soll, auch abgeschlossen wird. Wobei ich von dem Ende nicht wirklich zufrieden bin, auch wenn es irgenwie einleuchtet.

Aber das ist ja oft so: Je drastischer die Dinge am Ende eskaliert werden, desto schwieriger wird es, einen überzeugenden Schluss zu finden. Awake ist jedenfalls mein Tipp für Freunde von Mystery-Serien, die ein überschaubares Projekt für zwischendurch suchen, während man auf die Fortsetzungen von Better Call Saul, Mr. Robot oder Westworld wartet.

Awake: Hannah (Laura Allen), Rex (Dylan Minette) und Michael (Jason Isaacs)

Awake: Hannah (Laura Allen), Rex (Dylan Minette) und Michael (Jason Isaacs) Bild via imdv.com

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Ein toter Fisch im Darkroom

Nachdem ich mich von meinem Nervenzusammenbruch erholt habe, weil es in dieser Woche nur den ersten Teil der letzten Doppelfolge gegeben hat und ich noch eine weitere Woche auf das große Finale der zweiten Staffel von Mr. Robot warten muss, bin ich jetzt langsam in der Lage, eine Review zu eps2.9_pyth0n-pt1.p7z zu schreiben.

Es wird immer spannender – auch wenn dieser Teil fast ausschließlich aus Dialog bestand, und zu weiten Teilen aus ziemlich absurden Dialogen. So muss Angela in einem Dark Room, der mit einem auslaufenden Aquarium und einem C64 samt historischem Zubehör ausgerüstet ist, eigenartige Fragen beantworten, die ein kleines Mädchen stellt, das eine exakte Kopie ihres jüngeren Selbst sein könnte. Agent DiPierro hat ein deprimierendes Gespräch mit ihrer virtuellen Assistentin Alexa, das nahelegt, dass sie wirklich sehr, sehr einsam ist und Elliot redet nicht nur mit sich selbst und mit seinem unsichtbaren Freund, sondern auch mit einem Taxifahrer, der nur Arabisch spricht und einfach nicht kapiert, was Elliot von ihm will.

Screenshot Mr. Robot: Elliot Alderson (Rami Malek)

Screenshot Mr. Robot: Elliot Alderson (Rami Malek)

Aber okay, die komplette zweite Staffel war ja bisher vor allem deshalb interessant, weil jede Folge so anders und eigen war – was man ja auch von anderen guten Serien kennt, nur ist hier oft die Erklärung, dass die Autoren und die Regisseure auch von Folge zu Folge wechseln. Das Neue an Mr. Robot ist nun aber, dass es einen Autor gibt, der alle Folgen im Kopf hat – auch wenn es dieses Mal durchaus Episoden gibt, die nicht Sam Esmail geschrieben hat – und dass Sam Esmail auch in sämtlichen Teilen die Regie übernommen hat.

Sein Erzählweise und sein Blick sind schon sehr speziell, was ich meistens mag – er hält sich in der Regel an die unterkühlte skandinavische Farbpalette im Anthrazit- bzw. Grau-Blau-Bereich, und wählt sehr spezielle Perspektiven. Für meinen Geschmack gibt es aber zu viele gewollte Unschärfen – das ist für Screenshots und Gifs immer blöd, genau wie diese Gegenschnitte, bei denen die Protagonisten immer ganz außen oder innen am jeweils konträren Bildrand zu sehen sind – das ist natürlich wahnsinnig aussagekräftig, wenn man die Serie auf dem großen Bildschirm kuckt, aber halt schlecht für tumblr und Co.

Screenshot Mr. Robot: Dominique DiPierro (Grace Gummer)

Screenshot Mr. Robot: Dominique DiPierro (Grace Gummer)

Über die gesamte Staffel war der Zweikampf zwischen Elliot und Mr. Robot wichtig – meiner Ansicht nach zu wichtig – und auch wenn Elliot sich nun mit der Existenz von Mr. Robot als alternativem Ich abgefunden hat, so ist ihm noch immer nicht klar, was das eigentlich für ihn bedeutet. Ehrlich gesagt, hatte ich ja gehofft, dass es an dieser Front nun etwas ruhiger und übersichtlicher würde, aber das ist leider nicht der Fall – stattdessen kommt Elliot auf die Idee, dass er jetzt einfach mal der stille Beobachter sein möchte, der sich anschaut, was Mr. Robot so macht, wenn er glaubt, dass er allein ist. Und Elliot schafft es auch, sich in einen solchen Zustand zu versetzen – Mr Robot übernimmt und Elliot darf einfach zuschauen. Und am Ende klappt genau das, was Elliot sich davon erhofft hatte – Mr. Robot führt ihn nach einiger Knobelei – hier taucht auch wieder eine rote Schubkarre auf, wenn auch nur als Name eines Restaurants, dessen Karte als Grundlage für allerlei Zahlenspiele dient – tatsächlich zu Tyrell Wellick. Aber natürlich ist nicht klar, ob das alles jetzt in Elliots Kopf stattfindet, oder ob Tyrell real ist, denn Elliot weiß ja, dass weder sich selbst, noch Mr. Robot trauen kann. Das geht mir inzwischen doch ziemlich auf die Nerven.

Screenshot Mr. Robot: Was geht hier vor?

Screenshot Mr. Robot: Was geht hier vor?

Aber es passieren ja auch andere Dinge – so hat Agent DiPierro einen weiteren frustrierenden Dialog mit ihrem Chef, der will, dass sie, nachdem sie einmal mehr in eine Schießerei mit Dark-Army-Beteiligung geraten ist, endlich mal Ruhe gibt und nach Hause geht. Aber natürlich will Dom jetzt erst recht dran bleiben: Sie weiß, dass sie auf der richtige Spur ist, der jüngste Vorfall ist ja die Bestätigung dafür – und sie betont, dass es möglicherweise kein Terrorangriff von fehlgeleiteten Radikalen mehr ist, sondern ein kriegerischer Akt gegen die USA: Die chinesische Regierung könnte beteiligt sein. Der Umstand, dass mehrere Zivilisten dabei umgekommen sind, spricht dafür, dass Cisco tot ist – möglicherweise auch Darlene. Dom jedenfalls ist einmal mehr davon gekommen. Und es scheint, als frage sie sich selbst, warum.

Screenshot Mr. Robot: Angela Moss (Portia Doubleday)

Screenshot Mr. Robot: Angela Moss (Portia Doubleday)

Interessant ist auch, dass die rätselhafte Partnerschaft zwischen Philip Price und Whiterose offenbar in eine Krise geraten ist – Whiterose widmet Angela immerhin 28 Minuten ihrer kostbaren Zeit, um herauszufinden, was so speziell an ihr sei, dass Philip Price sich von ihr offenbar dazu ermuntert fühle, auf seinen wie auch immer gearteten Deal mit Whiterose zu pfeifen und mit ihrer Hilfe sein eigenes Ding durchzuziehen: Er will E-Coin als offizielle Währung durchsetzen, wogegen sich die Fed sträubt – schließlich sei es die Aufgabe der US-Zentralbank, über die Währung zu wachen. Die E-Coin-Strategie von Price passt aber auch Whiterose nicht in den Kram. Sie versucht Angela davon zu überzeugen, dass der Tod ihrer Mutter und von Elliots Vater einer wichtigen Sache gedient hätte, um sie von ihren Racheplänen abzubringen. „Was hat Elliot mit all dem zu tun?“ fragt Angela, die keine Ahnung hat, wer oder was Whiterose eigentlich ist.

Screenshot Mr. Robot: Whiterose (BD Wong)

Screenshot Mr. Robot: Whiterose (BD Wong)

Und wer weiß, vielleicht war sie erfolgreich, zumindest sucht Angela ihre Anwältin Antara Nayar am Abend zuhause auf, um ihr zu sagen, dass sie den Kontakt nun für immer abbrechen wird. Aber die abgebrühte Nayar vermutet gleich, dass Angela bedroht wird – auch wenn Angela das erstaunlich ruhig und entschieden verneint. Aber bisher war so vieles anders als es zunächst schien, dass ich hier ein weiteres großes Fragezeichen sehe. Vermutlich wird in der letzten Folge vieles nicht aufgelöst, so dass wir auf die dritte Staffel warten müssen.

Und dann vermutlich auf eine vierte und gar fünfte, sofern es kein Quotendesaster geben sollte. Bei der zweiten Staffel gab es schon leichte Verluste bei den Zuschauerzahlen in den USA, was mich aber nicht wundert – diese Staffel ist düsterer und anstrengender als die erste, und es fehlt auch Elliots erfrischender Zynismus, der ja leider schon im Laufe der ersten Staffel auf der Strecke geblieben ist, weil Elliot zunehmend mit seiner kranken Psyche zu kämpfen hatte. Aber ein paar Antworten erwarte ich in der kommenden Woche doch.

Screenshot Mr. Robot: Er ist wieder da - Elliot und Tyrell Wellick (Martin Wallström)

Screenshot Mr. Robot: Er ist wieder da – Elliot und Tyrell Wellick (Martin Wallström)