Berlin Station: Amerikaner in Berlin

Als ich vor ein paar Tagen nach Hause kam, standen hinter meinem Wohnblock mehrere Mietlaster. Hinter den Windschutzscheiben Schilder, die darauf schließen ließen, dass Anonymous Content just in meiner Gegend dreht – und weil das ja auch die Produktionsfirma hinter meiner Lieblingsserie Mr. Robot ist, musste ich gleich mal recherchieren, was die hier in Berlin gerade tun. Offenbar wird derzeit die zweite Staffel von Berlin Station hier gedreht – und so setzte ich alles daran, an die erste Staffel dieser Serie zu kommen, die leider noch gar nicht in Deutschland ausgestrahlt wurde. Aber wie ich inzwischen gesehen habe, kommt sie ab dem 18. Juli auch hierzulande auf Netflix. Insofern brandaktuell!

Screenshot Berlin Station: Reichstag in Berlin

Screenshot Berlin Station: Reichstag in Berlin

Berlin Station wurde vom US-Kabelsender Epix in Auftrag gegeben und im Herbst vergangenen Jahres in den USA ausgestrahlt. Von dem Sender hatte ich zuvor noch nie gehört, meinen Recherchen zufolge wurde er erst Ende 2009 gegründet, womit er der jüngste unter den Premium-Kabelsendern der USA sein dürfte. Epix gehört zum Metro-Goldwyn-Mayer-Imperium und hat sein Hauptquartier im Bertelsmann Building in New York. Nun sollte man wissen, dass Bertelsmann ein deutscher Medienkonzern ist, der in Gütersloh sitzt. Zu Bertelsmann gehören die RTL Gruppe, Penguin Random House, Gruner & Jahr, BMG, Arvato und diverse weitere Bertelsmann-Unternehmen. Soviel zur Medienmacht von Bertelsmann und den Verbindungen zu Deutschland – es ist ja schon interessant, dass eine von einem US-Network in Auftrag gegebene und offenbar für ein US-Fernsehpublikum konzipierte Serie komplett in Berlin spielt – und in Berlin bzw. Potsdam Babelsberg produziert wird.

Screenshot Berlin Station: U-Bahnhof Alexanderplatz

Screenshot Berlin Station: U-Bahnhof Alexanderplatz

Okay, wir hatten das schon einmal mit der fünften Staffel von Homeland – wobei Homeland ja nun eine durch und durch amerikanische Serie ist, auch wenn sie CIA-bedingt immer wieder außerhalb der USA spielen muss, schließlich ist die CIA nun einmal der Auslandsgeheimdienst der Staaten. Um die CIA geht es auch in Berlin Station – und Berlin ist ja nun auch ein cooler Ort, es muss nicht immer Teheran, Bagdad oder Abu Dhabi sein. Die Sprachbarriere ist in Berlin auch nicht wirklich ein Problem, zumindest die jüngeren Berliner sprechen sehr viel besser Englisch als ein Durchschnittsamerikaner Deutsch, selbst wenn der in Deutschland arbeitet – was für unsereins eigentlich ein Running Gag solcher Serien ist: Es ist einfach zu putzig, wenn Amerikaner versuchen, Deutsch zu reden. Ja, gewiss ist es auch putzig, wenn Deutsche Englisch reden, aber wir werden hierzulande ja wesentlich häufiger zum Gebrauch von Fremdsprachen gezwungen – zumindest wenn wir auf der Höhe der Zeit bleiben wollen. Schon weil es viel zu lange dauert, bis die interessanten US-Serien hierzulande offiziell verfügbar sind. Da ziehen wir uns das doch lieber gleich in der Originalsprache rein.

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) auf den Dächern von Berlin

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) auf den Dächern von Berlin

Damit zurück zur Serie – in Berlin Station wird tatsächlich viel Deutsch gesprochen, was durchaus für die Serie spricht. Denn warum sollten Deutsche untereinander nicht deutsch sprechen?! Deutsch mit englischen Untertiteln ist auch mal ganz lustig. Es sind entsprechend eine Reihe deutscher Schauspieler mit dabei, etwa Bernhard Schütz als Hans Richter, der ein hohes Tier beim deutschen Verfassungsschutz ist, Victoria Mayer als Ingrid Hollenbeck, einer Chefredakteurin der Berliner Zeitung, Claudia Michelsen als Patricia Schwarz, der deutschen Kusine von Agent Daniel Miller (Richard Armitage) oder Sabin Tambrea als – nun ja, einer sehr tragischen Figur mit vielen Facetten, die im Grunde der Auslöser der aufsehenserregenden Aktionen des geheimnisvollen Thomas Shaw ist.

Worum es geht: Der CIA-Analyst Daniel Miller entdeckt eine Verbindung zwischen scheinbar zusammenhangslosen Leaks, bei denen äußerst sensible Informationen über die Arbeit der CIA an die Öffentlichkeit gelangten. Es scheint sich dabei immer um den selben Whistleblower zu handeln. Das aktuellste Leck wird ausgerechnet von der Berliner Zeitung veröffentlicht. Also wird Miller nach Berlin geschickt, um den Whistleblower zu enttarnen. Die Ironie dabei: Daniel Miller ist ein geborener Berliner. Seine Mutter wurde brutal ermordet, als er acht Jahre alt war. Weil sein Vater Amerikaner war, wuchs er nach dem Tod der Mutter in den Staaten auf.

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) inside Berliner Zeitung

Screenshot Berlin Station: Daniel Miller (Richard Armitage) inside Berliner Zeitung

In Berlin trifft Miller (der übrigens nur noch schlecht Deutsch spricht) zwei sehr unterschiedliche Typen: Den Chef der titelgebenden Berlin Station Steven Frost (Richard Jenkins), der bereits zu Zeiten des Kalten Kriegs bei der CIA angefangen hat und auf Hector DeJean (Rhys Ifans), der ihn in seinen neuen Job einweisen soll. Auch Hector ist ein Veteran, und wie sich herausstellt, gibt es eine alte Geschichte zwischen Hector und Daniel – die dazu führte, dass Daniel sich aus dem Dienst im Feld zurückzog und fortan als Analyst seinen Dienst tat.

Ich will jetzt nicht den Fehler wiederholen, den ich viel zu oft mache – nämlich eine komplette Inhaltsangabe der Serie zu liefern. Nur so viel: Mir gefällt Berlin Station sehr gut – die Handlung ist nicht so hysterisch und an den Haaren herbeigezogen wie bei Homeland. Was ich auf jeden Fall als Plus werte: Hier gibt es keine manisch-depressiven Superagentinnen und auch keine Kriegshelden, die möglicherweise umgedrehte islamistische Selbstmord-Attentäter sind. Die Figuren in Berlin Station sind realistischer, was sie aber nicht weniger interessant macht. Denn alle haben für das, was sie tun, einen guten Grund. Und die Serienmacher nehmen sich die Zeit, um die Motive der jeweiligen Hauptfiguren nachvollziehbar zu erklären.

Screenshot Berlin Station: Der Mann im Hintergrund - Hector DeJean (Rhys Ifans)

Screenshot Berlin Station: Der Mann im Hintergrund – Hector DeJean (Rhys Ifans)

Dadurch wird die Handlung alles in allem ziemlich vorhersehbar – was von Adrenalinjunkies vielleicht als Minus gewertet werden kann. Aber in Berlin Station geht es eben nicht um möglichst abgefahrene Plottwists, sondern um eine vergleichsweise solide Story über den zu enttarnenden Whistleblower, der sich Thomas Shaw nennt (es wird am Ende auch gezeigt, wie er auf genau diesen Namen gekommen ist) und die oberen Chargen der CIA-Station in Berlin ganz schön in Bedrängnis bringt. Denn es werden nicht nur hässliche Details der die Methoden der CIA ausgeplaudert – die ja spätestens seit dem Abu-Ghraib-Folterskandal einer breiten Öffentlichkeit ohnehin bekannt sind – sondern auch über Verbindungen zu den deutschen Geheimdiensten, was die Deutschen ganz schön ärgert. Und die können ziemlich nerven, wenn sie verärgert sind. Wie diese Chefredakteurin der Berliner Zeitung, die sich aus Sicht der CIA in verantwortungslosester Weise von Thomas Shaw instrumentalisieren lässt und seine Leaks veröffentlicht. Doch auch die Leute vom Verfassungsschutz sind nicht glücklich darüber.

Screenshot Berlin Station: Ingrid Hollenbeck (Victoria Mayer), heimlich überwachte Chefredakteurin der Berliner Zeitung

Screenshot Berlin Station: Ingrid Hollenbeck (Victoria Mayer), heimlich überwachte Chefredakteurin der Berliner Zeitung

Und dann sind da noch die Israelis, die dem Chef der Berliner CIA-Station Robert Kirsch (Leland Orser) behilflich sind, weil er doch als Jude einer von ihnen sein sollte, woran sie ihn mehr oder weniger sanft erinnern müssen: Eine Hand wäscht die andere und sowohl gegen die Deutschen, als auch gegen die Islamisten müssen sie doch zusammen halten. Dass es mit den jeweiligen Fronten und Loyalitäten nicht so einfach ist, wird immer wieder und an vielen Stellen gezeigt – insofern ist Berlin Station dann doch wieder komplex genug, um einen fortgeschrittenen Serienjunkie wie mich zufrieden zu stellen. Natürlich geraten hier auch Zivilisten zwischen die Fronten, die eigentlich nur Gutes tun wollten, es gibt eine ganze Reihe bedauerlicher Kollateralschäden.

Steven Frost (Richard Jenkins), Chef der Berlin Station

Steven Frost (Richard Jenkins), Chef der Berlin Station

Wie im wahren Leben ist alles ziemlich komplex – so hat der Islamistische Terror auch in Deutschland mitunter ein weibliches Gesicht und die Haltung Deutschlands in der Flüchtlingsfrage wird natürlich nicht nur von deutschen Rechten und Konservativen instrumentalisiert, um Stimmung gegen die Fremden zu machen, sondern auch findige Terrorunterstützer nutzen Institutionen, die angeblich Flüchtlingen helfen sollen, um Unterstützer des IS-Terrors zu rekrutieren. Gute Absichten werden eben auch von genau den Leuten ausgenutzt, die man eigentlich überhaupt nicht unterstützen wollte. Und umgekehrt: Der von den USA ausgerufene Krieg gegen den Terror mit seinem gnadenlosen Repressionssystem von Blacksites außerhalb der USA führt eben auch dazu, dass aus eigentlich harmlosen Verdächtigen, die zufällig in die Folter-Maschinerie geraten sind, am Ende wirklich Täter werden.

Berlin Station: Immer wieder historische Bilder der Mauer

Berlin Station: Immer wieder historische Bilder der Mauer

Insofern ist Berlin Station trotz kleinerer Schwächen in der Story eine der besseren Spionage-Serien – natürlich gibt es von mir auch einen gewissen Berlin-Bonus. Wobei man wirklich einiges von Berlin sieht, die Stadt ist auch nicht so absurd zusammengeschnitten wie man das von anderen Produktionen kennt, und zwar auch von deutschen Serien und Filmen, in denen die Leute in der U-Bahn am Alexanderplatz aussteigen und dann am Potsdamer Platz oder am Ku’damm rauskommen. Obwohl schon interessant ist, dass die geheimen Wohnungen der CIA durchweg schon Jahrzehnte vor der Wende nicht mehr renoviert wurden. Liebe Amerikaner – es stimmt nicht, dass Berliner Wohnungen alle noch im 70er-Jahre-Stil (oder älter) eingerichtet sind, auch wenn das unter Hipstern vielleicht gerade wieder angesagt ist. Und auch noch ein Tipp für Thomas Shaw: Die Berliner Zeitung kennt außerhalb Berlins kaum jemand – vielleicht beim nächsten Mal doch ganz professionell bei Wikileaks leaken? Oder ein Fake-Account bei Facebook einrichten?

Screenshot Berlin Station: Potsdamer Platz

Screenshot Berlin Station: Potsdamer Platz

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Bridge of Spies

Das Beste an Steven-Spielberg-Filmen ist in der Regel der Anfang – und das gilt auch für Bridge of Spies, zu deutsch Der Unterhändler. Der sowjetische Meisterspion Rudolf Abel (Mark Rylance), der demnächst verhaftet werden muss, damit die Handlung ihren durch die Geschichtsschreibung vorgezeichneten Verlauf nehmen kann, wird als etwas pedantischer Maler eingeführt, der um den Zustand seiner Palette besorgter zu sein scheint als um seine eigene Zukunft. Womit auch ein Running Gag des Films etabliert ist: Der Versicherungsanwalt James Donovan (Tom Hanks) wird Abel künftig immer wieder fragen, ob er nicht besorgt sei. Und der stoische Abel wird jedes Mal zurückfragen, ob das denn helfen würde. Was selbstverständlich nicht der Fall ist.

Und, das kann schon mal verraten werden, weil der Fall im Film nicht anders ausgehen kann, als er vor Jahrzehnten tatsächlich ausgegangen ist: James Donovan schafft es als inoffizieller Unterhändler in Ostberlin tatsächlich, einen Gefangenenaustausch einzufädeln, bei dem Abel gegen den US-Piloten und CIA-Agenten Francis Gary Powers ausgetauscht wird. Der geschickte Donovan erreicht gleichzeitig auch, dass der von der Stasi als angeblicher Republikflüchtling verhaftete Wirtschaftsstudent Frederic Pryor ebenfalls freigelassen wird. Doch bis dahin gibt es ein nervenzermürbendes Tauziehen zwischen den beiden Supermächten, in das sich die um internationale Anerkennung ringende DDR auch immer wieder einmischen will.

Bridge of Spies - Bild: fox.de

Bridge of Spies – Bild: fox.de

Es ist nicht ganz einfach, den Film einem Genre zuzuordnen, er ist Gerichtsdrama (auch ein Verräter verdient einen fairen Prozess), Spionagethriller (Agentenaustausch in Ostberlin), Historienschinken (Kalter Krieg) und Charakterstudie (der standhafte Mr. Donovan) zugleich. Was in meinen Augen nicht unbedingt ein Vorteil ist – wobei natürlich auch extrem schwierig wäre, aus einer Geschichte, deren Ende bekannt ist, einen spannenden Thriller zu machen. Insofern ist halt ein typischer Spielberg dabei herausgekommen: Eine Hommage an den standhaften Mann, der auch unter widrigsten Umständen seinen edlen Prinzipien treu bleibt und damit am Ende einen Sieg erringen kann – auch wenn nicht ganz klar ist, ob das wirklich für alle gut ausgeht.

Das ist natürlich eine weitere Paraderolle für Tom Hanks, der zweifelsohne wahnsinnig gut darin ist, diese bodenständigen Allerweltshelden zu spielen. Nichts wird dem Anwalt Donovan leicht gemacht, für die öffentliche Meinung ist er gestorben, schon weil er sich überhaupt bereit erklärt, den Vaterlandsverräter Abel zu verteidigen. Aber Donovan macht immer alles so gut wie er eben kann – und weil er ein guter Anwalt ist, schafft er es, seinen Mandanten vor der fast sicheren Todesstrafe zu bewahren. Er kann den Richter überzeugen, dass ein lebender Spitzenspion der Feindseite unter Umständen hilfreich sein kann, falls ein US-Spion einmal in eine ähnliche Situation geraten sollte. Schon bald stellt sich heraus, dass Donovan damit recht behalten wird.

Bridge of Spies - Rudolf Abel (Mark Rylance, Mitte) und James Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Bridge of Spies – Rudolf Abel (Mark Rylance, Mitte) und James Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Nachdem der Pilot Gary Powers mit seinem Super-Spionage-Flugzeug über der Sowjetunion abgeschossen wurde, wird Donovan von CIA-Chef Allan Dulles mit einem Geheimauftrag nach Ostberlin geschickt, um den Austausch Abel gegen Powers zu verhandeln. Natürlich nicht als offizieller Vertreter der Vereinigen Staaten, sondern total inoffiziell. Denn offiziell würden beide Supermächte niemals über solche Dinge reden. Und schon gar nicht miteinander.

Donovans Reise ins Herz der Finsternis, durch das gerade eine Mauer gebaut wird, gleitet daraufhin stark in Richtung Farce ab: Im vom Krieg noch immer schwer gezeichneten Berlin erlebt Donovan allerlei haarsträubende Absurditäten. Das beginnt damit, dass er von der CIA in einem ungeheizten, heruntergekommenen, aber total geheimen Loch in Westberlin einquartiert wird, das man eher in Ostberlin erwarten würde, um dann mit einem Stadtplan in den Osten geschickt zu werden: „Sie sind auf sich gestellt. Von uns geht keiner mehr in den Osten. Viel zu gefährlich!“ erklären die wackeren CIA-Leute.

Bridge of Spies - James Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Bridge of Spies – James Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Aber Donovan tut natürlich, was er tun muss. Er macht sich im Schneegestöber auf dem Weg in den Osten, zur sowjetischen Botschaft, bei der er schließlich auch ankommt, nachdem ihn ein paar Berliner Jungs abgezogen haben, wie man das heute nennen würde: Sie waren scharf auf seinen schönen warmen Mantel. In der Botschaft wartet schon Abels deutsche Familie auf den Anwalt aus Amerika – irritierend genug: War Abel nicht mit einer Musikerin aus Moskau verheiratet?

Aber Donovan behält die Nerven, auch wenn er sich eine solide Erkältung geholt hat. Mit den Sowjets ist er vergleichsweise schnell einig. Aber da ist ja noch das Problem mit diesem Studenten – für das er mit einem  Vertreter der DDR verhandeln muss. Und diesem Anwalt Vogel (Sebastian Koch) ist mehr an der Anerkennung für seine Deutsche Demokratische Republik gelegen als an irgendwelchen humanitären Lösungen für dumme Jungs, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Außerdem hat Donovan ein Problem mit der korrekten, aber viel zu langen Bezeichnung für die UdSSR. Ständig „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“ wiederholen zu müssen ist ihm zu kompliziert: „Können wir nicht einfach die Russen sagen?“ Ab und an schillert tatsächlich die Beteiligung der Coen-Brüder durch – für meinen Geschmack aber viel zu selten.

Bridge of Spies - James Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Bridge of Spies – James Donovan und die neu gebaute Mauer (Tom Hanks) Bild: fox.de

Dafür wurden keine Mühen gescheut, das Berlin der frühen 60er Jahre so trostlos aussehen zu lassen, wie es gewiss auch ausgesehen hat – zwar sieht die echte Sowjetbotschaft ganz anders aus, aber geschenkt, es gibt genügend echte S-Bahnbögen, alte S-Bahnwaggons und so weiter, auch der hässliche Mauerstreifen ist leider kein bisschen übertrieben und die herzzerreißenden Szenen, wie die Menschen aus den Fenstern in den Westen springen, bevor diese vermauert werden, gab es damals tatsächlich.

Von der S-Bahn aus sieht Donovan auch, wie Menschen bei dem Versuch, den Todesstreifen zu überwinden, erschossen werden – natürlich ist er angemessen entsetzt. Später wird diese Szene spielberg-typisch noch einmal wiederholt – aber die Jugendlichen, die im sonnigen Brooklyn über die Zäune klettern, werden natürlich nicht erschossen, denn man befindet sich ja im goldenen Westen, in dem Freiheit, Freiheit und Doppelfreiheit über alles geht.

Bridge of Spies: Berlin Tempelhof Bild: fox.de

Bridge of Spies: Berlin Tempelhof Bild: fox.de

Das ist einer dieser Missgriffe, die mich mittlerweile wirklich ärgern – mag sein, dass weiße Jugendliche in den 60er Jahren so etwas unbehelligt tun durften. Aber mittlerweile sollte auch ein Spielberg wissen, dass man in seinem Land durchaus erschossen werden kann, wenn man sich als Teenager in Nachbars Garage am Bier vergreift. Denn bedeutet Freiheit nämlich eigentlich: Dass jeder mit seinem Hab und Gut machen kann, was er will und dass die Menschenwürde eines jeden dabei scheißegal ist.

Aber darum geht es in dem Film gar nicht, hier geht es um Prinzipientreue und Aufrichtigkeit, was, das muss der Fairness halber gesagt werden, auch für den Antihelden Rudolf Abel gilt. Abel bleibt ebenfalls seinen Prinzipien treu und lässt sich trotz harter Verhöre und verlockender Angebote nicht dazu verleiten, sein Land zu verraten, nämlich die Sowjetunion. Insofern wird es Donovan trotz aller nachvollziehbaren Professionalität auch zu einem persönlichen Anliegen, diesen aufrechten Kerl Rudolf Abel zu retten. Ihm imponiert die Unerschütterlichkeit, mit der Abel sein Schicksal trägt – letztlich sind die beiden sich ziemlich ähnlich. Aber auch das ist typisch Spielberg: Das Lob des bescheidenen Helden, dessen Größe sich gerade darin zeigt, dass seine heroische Grundhaltung von jeweiligen Umfeld nicht gewürdigt (oder ihm gar zum Verhängnis) wird.

Bridge of Spies: Abel (Mark Rylance) und Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Bridge of Spies: Abel (Mark Rylance) und Donovan (Tom Hanks) Bild: fox.de

Und das gleich auf verschiedenen Ebenen – als Donovan am Ende zu Frau und Kind zurückkehrt, hat er sogar die versprochene Marmelade dabei: Er hat seiner Frau nämlich gesagt, er sei zu einem Angelausflug in England, damit sie sich keine Sorgen macht. Aber so spielverderberisch wie Ehefrauen nun mal sind, sieht sie am Preisschild, dass die Marmelade aus dem Laden an der Ecke und nicht aus London kommt. Aber dank der Nachrichten, die bald darauf im Fernsehen zu sehen sind, erahnt sie, was ihr Mann tatsächlich getan hat, der oben vollständig angezogen aufs Bett gesunken ist. Natürlich verzeiht sie nun und ist, wie der Rest der Nation, die Donovan zuvor zu gern als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt hätte, nun mächtig stolz auf ihren Helden.

Wenn man auf so etwas steht, ist Bridge of Spies ein sehr gelungener Film.

Fun Fact: In diesem Film darf die Glienicker Brücke tatsächlich sich selbst spielen und wird nicht etwa von der Swinemünder Brücke dargestellt, wie das sonst oft der Fall ist. Aber für Steven Spielberg kann man das schon mal machen – kommt ja auch besser mit dem echten Wasser unter der echten Brücke statt der Bahngleise, die unter der Swinemünder verlaufen.

Terror und Paranoia in Berlin

Inzwischen schaue ich mir Homeland wirklich nur noch an, weil ich es interessant finde, Berlin in einer US-Serie zu sehen. Und in The Litvinov Ruse gab es wieder eine ganze Menge Berlin samt Umland zu sehen. Aber seit der Folge Better Call Saul ging es bergab, wobei natürlich nicht alles schlecht ist. Aber leider ist auch sehr wenig richtig gut – doch das ist ja ein altbekanntes Homeland-Problem.

In Parabiosis fängt Saul an, ziemlich paranoid zu werden – und das völlig zu recht, wie sich später noch herausstellen wird. Und es bestätigt sich auch, dass Quinn nicht wirklich zufällig in jene islamistische Terrorzelle geraten ist, die in einem typischen Berliner Altbauloft ihr Unwesen treibt. Lustig finde ich, dass die Islamisten miteinander deutsch und nicht arabisch sprechen, aber das macht die Sache natürlich erheblich leichter, weil man beim pflichtgemäßen Weiterkucken nebenbei Gemüse schnippeln kann und keine Untertitel lesen muss.

Screenshot Homeland: Herr Adler (Martin Wuttke), Astrid (Nina Hoss), Allison Carr (Miranda Otto) und Dar Adal (F. Murry Abraham)

Screenshot Homeland: Herr Adler (Martin Wuttke), Astrid (Nina Hoss), Allison Carr (Miranda Otto) und Dar Adal (F. Murry Abraham)

In Oriole wird weitergesponnen, was sich in Parabiosis anbahnt – Carrie bekommt von Saul über Otto Düring tatsächlich jene hochbrisanten Dokumente, die Hacker Numan vom CIA-Server geklaut, aber blöderweise wieder verloren hat. Und auf denen möglicherweise Hinweise darauf zu finden sind, wer für den Anschlag auf den syrischen Hoffnungsträger der Amis verantwortlich ist.

Auch wenn Carrie gar nicht weiß, wonach sie überhaupt suchen soll, stellt sich schließlich heraus, dass Allison Carr eine Doppelagentin ist, die mit den Russen unter einer Decke steckt und Carrie tot sehen will. Insofern ist dann aber etwas uneinsichtig, dass sich Carrie ausgerechnet bei Allison meldet, als sie mit ihren Recherchen etwas Unerwartetes herausfindet: Ein irakischer Informant aus Bagdad, der laut CIA eigentlich als tot gilt, erfreut sich in Amsterdam noch bester Gesundheit.

Screenshot Homeland:  Allison (Miranda Otto) und Saul (Mandy Patinkin)

Screenshot Homeland: Allison (Miranda Otto) und Saul (Mandy Patinkin)

Warum geht sie damit zu Allison, von der Carrie doch inzwischen eigentlich weiß, dass die ihr nach dem Leben trachtet?! Nun ja, vermutlich hat Carrie etwas vor. Quinn hingegen wird in eine Operation der Islamisten hineingezogen, für die er wegen seines Spezialwissens über Syrien – schließlich war er lange genug vor Ort – offenbar interessant ist.

Und irgendwas läuft da auch mit den Israelis. In All About Allison erfahren wir, dass Allison eigentlich mit jener mysteriösen iraksischen Quelle Ahmed Nazari in die Karibik abtauchen wollte – was übrigens nicht auch besonders plausibel motiviert ist, aber egal. Sie hat immerhin einen richtig guten Satz in dieser Folge: „You can’t shove democracy down people’s throats.“ Und natürlich ist richtig, dass die Leute in Bagdad oder vielmehr im ganzen Irak nun wirklich ganz andere Dinge dringender brauchen als jene zweifelhafte Demokratie, die die Amis ihnen beibringen wollen. Was übrigens für alle Länder gilt, denen die USA und ihre mehr oder weniger willigen Verbündeten in Europa Freiheit und Marktwirtschaft beibringen wollten – die Libyer hatten vielleicht keine demokratischen Wahlen, aber ein sehr gut funktionierendes Gesundheits- und Bildungssystem und den höchsten Lebensstandard in ganz Afrika – und jetzt  haben sie davon nichts mehr, sondern einen failed state.

Screenshot Homeland: Allison (Miranda Otto)

Screenshot Homeland: Allison (Miranda Otto)

Und ich will nicht behaupten, dass Saddam Hussein ein netter Kerl gewesen wäre – aber den Leuten im Irak ging es vor 2003 garantiert besser als heute. Und man kann die Prognose wagen, dass Syrien seine besten Zeiten für die nähere Zukunft auch hinter sich hat – vermutlich ist Assad tatsächlich ein Arschloch, genau wie jeder Staatschef. Aber wie schlau es war, irgendwelche Islamisten hoch zu rüsten, um ihn abzuservieren, sieht man ja daran, was sonst noch so in der Welt passiert. Eine totale Scheißidee war das – wobei Homeland die ja nicht mal infrage stellt. Es wird nur einmal mehr festgestellt, dass es halt nicht so funktioniert wie gedacht.

Screenshot Homeland:  Allison (Miranda Otto) wird beobachtet

Screenshot Homeland: Allison (Miranda Otto) wird beobachtet

Okay, zurück zu Allison, die während einer Rückblende ihrer Ablösung in Bagdad eben erklärt, wie es läuft und wie nicht. Und, Überraschung – es handelt sich dabei um niemand anderes als die hoffnungsvolle CIA-Superagentin Carrie Mathison. Aber dermaßen super kann Carrie ja nicht sein, wenn sie noch nicht kapiert hat, was jetzt in Berlin läuft. Wobei ihr es da nicht anders geht als Saul. Aber der spielt mit seinem Kumpel Etai vom Mossad Schach und handelt für seine ungenannte Agentin Carrie noch ein paar Stunden aus, um zu beweisen, dass die Russen hinter allem stecken. Oder wer auch immer.

Das genau ist ist der Punkt – vermutlich soll das alles super spannend sein, aber irgendwie finde ich es ziemlich ermüdend: Jeder macht sein Ding und irgendwie fühlt sich alles beliebig an. Ist mir doch egal, wer hinter welcher Schandtat steckt – es ist ohnehin schon lange nicht mehr klar, wer was warum tut. Das genau ist das Problem von Homeland überhaupt: Es ist einfach nicht mehr nachvollziehbar, warum die jeweiligen Figuren tun, was sie tun. Sie empfinden ja alle selbst, dass es letztlich für nichts gut ist. Außer um die eigene Haut zu retten – das immerhin ist zu verstehen.

Screenshot Homeland: Geheimdienstler bei der Arbeit

Screenshot Homeland: Geheimdienstler bei der Arbeit

Und die neue Folge The Litvinov Ruse treibt das auf die Spitze – immerhin gibt es wieder ein rekordverdächtiges Carrie-Cry-Face zu sehen, als Carrie ihren Ersatzvater Saul wieder trifft. Der nicht so richtig glauben will, dass seine ehemalige Geliebte Allison eine Doppelagentin ist. Andererseits weiß er auch, dass Carrie quasi übernatürliche Instinkte hat – wenn sie das sagt, dann muss da etwas dran sein. Also wird eine Operation mit dem BND organisiert – Herr Adler und Agentin Astrid sind zwar nicht begeistert, aber weil es auch ziemlich unangehm für den BND würde, wenn die Berliner CIA-Chefin tatsächlich mit den Russen ins Bett geht, machen sie mit. Saul ist schließlich sogar bereit, sich mit Allison zu treffen, um ihr Handy und ihre Handtasche zu verwanzen, was ihm als erfahrenen Spion alter Schule natürlich auch gelingt.

Und die BND-Agentin Astrid hat schließlich auch eine Idee, wie sie die abgebrühte Allison aus der Reserve locken kann – sie teilt ihr mit, dass es einen russischen Überläufer im Berliner CIA-Hauptquartier gibt. Der Mann wolle auspacken, nur eben nicht in Berlin. Allison geht tatsächlich in den Fluchtmodus über – sie lässt über ihr verwanztes Handy ein Zugticket erster Klasse nach Kopenhagen buchen, veranstaltet allerlei Umsteigereien mit der S-Bahn, entledigt sich schließlich ihrer SIM-Karte und ihres Handys und sucht ein Safe House der Russen auf.

Screenshot Homeland: Allison nutzt die S-Bahn als Fluchtfahrzeug

Screenshot Homeland: Allison nutzt die S-Bahn als Fluchtfahrzeug

Diese S-Bahn-Fahrerei war der Teil, der mir am besten gefallen hat: Wie haben die bloß diese Szenen am Hauptbahnhof gedreht? Es wirkt alles so normal und ungestellt, die vielen Menschen auf den Rolltreppen, auf den Bahnsteigen, in der S-Bahn selbst – das ist schon ziemlich gut. Ein bekanntes Alltagsbild für mich, ein Lebensgefühl: Man wartet auf die S-Bahn, steigt ein, steigt aus – und jetzt wissen wir auch, wie gut das alles überwacht wird. Homeland ist ein gefundenes Fressen für Paranoiker – Kameras und Drohnen überall.

By the way: In Mr. Robot  wird auch viel Bahn gefahren und in der synchronisierten Fassung von Mr. Robot haben sie sich richtig Mühe gegeben; die Durchsagen auf den Bahnsteigen hören sich original so an, als ob man in einem deutschen Bahnhof stünde und auf die Bahn wartet, die natürlich Verspätung hat. Insbesondere in der Folge 9 eps1.8_m1rr0r1ng.qt  wartet Elliot mit unterschiedlicher Begleitung ja ständig auf irgendeine Bahn. Und immer kommen Ansagen „Ihre Bahn hat fünf Minuten Verspätung – wir bitten um Entschuldigung“ oder „Ihre Bahn hat 30 Minuten Verspätung – wir bitten um ihr Verständnis“ – einfach, aber gut: So hat man auch an der synchronisierten Fassung noch Spaß, wenn man das Original schon gesehen hat.

Screenshot Homeland: Quinn (Rupert Friend) in der Hand der Islamisten

Screenshot Homeland: Quinn (Rupert Friend) in der Hand der Islamisten

Zurück zu Homeland – hier bin ich mir nicht sicher, ob ich mir das alles noch einmal ansehen möchte, insbesondere diese letzte Szene, in der die fiesen Terroristen ihr Sarin an Quinn ausprobieren. Man kann zwar ahnen, dass Quinn das überleben wird, weil sein Retter ein Islamist mit so etwas wie einem Gewissen ist, aber man weiß gar nicht, ob man ihm das wünschen soll. Dann wird es demnächst wohl darum gehen, einen Giftgasanschlag in Berlin zu verhindern. Denn wie Quinn schon sagte, die USA und deren Verbündete werden sich gewiss nicht dazu bringen lassen, den Islamischen Staat in irgendeiner Form anzuerkennen. Ja, irgendwie ist Homeland trotz aller Schwächen dann doch wieder ärgerlich realistisch.

Homeland – Better Call Saul

Nun ja, eigentlich finde ich den Witz wirklich zu plump, aber weil die Handlung mit der vorherigen Folge deutlich an Fahrt aufgenommen hat, habe ich natürlich auch mit Homeland weiter gemacht. Und weil Saul Berenson ja nun wirklich Saul heißt und Carrie tatsächlich besser daran getan hat, ihn nicht direkt anzurufen, denn so etwas tut man in CIA-Agentenkreisen besser nicht, siehe das Dilemma mit dem unerwarteten Anruf auf Allisons Handy – man lässt sich also Profi auf subtilere Weise Nachrichten zukommen und genau das hat sie getan – geht der Episoden-Titel letztlich schon in Ordnung.

Die ehrgeizige Allison ist also eine Doppelagentin – sie trifft sich mit eben jenem Kontaktmann vom russischen Geheimdienst SWR, der sicherlich nicht nur für den Tod von Katja und Korzy verantwortlich ist. Dass die Russen ein Interesse daran haben, Assad im Amt zu behalten ist ja nun wirklich keine Erfindung der Homeland-Autoren – was die derzeitigen Entwicklungen bestätigen. Hier sind die Serien-Autoren durchaus auf der Höhe der Zeit, auch wenn man sich sonst natürlich fragen kann und muss, was sie eigentlich zeigen und letztlich aussagen wollen. Erstmal geht es hier nicht um einen aktuellen Kommentar zur Weltpolitik, sondern um eine gar nicht so schlechte Fernseh-Serie darüber.

Homeland - Astrid (Nina Hoss)

Homeland – Astrid (Nina Hoss)

Ich muss auch sagen, dass ich diese Rassismus-Kritik an Homeland ziemlich larmoyant finde – die Bösen sind ja eben nicht die Araber, unter denen es gewiss auch böse Typen gibt, sondern die Feinde in den eigenen Reihen der US-Geheimdienste und deren Verbündeten. Und der weiße, rothaarige US-Marine Nicholas Brody aus den ersten Staffeln entspricht ja nun wirklich nicht dem Klischeebild eines islamistischen Selbstmordterroristen.

Und Carrie ist ja auch nicht so angelegt, dass sie als Vorlage zu Identifikation für die guten blonden und auch weniger blonden Mädchen taugen würde – dazu ist sie viel zu gestört. Was ich gerade wieder gut finde – ich kann mich mit keiner von den Hauptfiguren in Homeland identifizieren. Genauso wenig wie bei den Sopranos, oder Breaking Bad oder Hand of God – wir haben hier Serien, in denen alle Hauptfiguren irgendwie unsympathisch sind, aber dann auch irgendwie menschlich, weshalb man sich trotzdem für sie interessiert. Ich denke, dass man hier eher die Kriterien der Kritiker kritisieren muss, als das Serien-Konzept: Seit wann sind denn Thriller-Serien ein Vorbild für das wahre Leben?!

Dem mündigen Fernseher ist doch hoffentlich klar, dass Serien eben nicht das wahre Leben abbilden, sondern eine wie auch immer idealisierte Form davon. Klar, gute Serien behandeln alle wichtigen Fragen des echten Lebens – aber sie sind keine Handlungsanweisung. Wer danach verlangt, soll hat Ratgebersendungen ansehen, von denen es mehr als genug gibt. Wobei ich ausdrücklich davor warnen möchte. Ich hasse Ratgeber-Sendungen.

Zurück zu Allison: Sie versucht, den Anschlag auf die Syrien-Hoffnung der USA, General Youssef, dem Mossad in die Schuhe zu schieben – halbwegs erfolgreich sogar, denn Saul macht sich gleich auf den Weg zu seinem Freund Etai, bei dem die beiden zum Seder-Abend eingeladen waren. Aber der versichert Saul, nichts damit zu tun zu haben, in dem er folgenden Kultsatz loslässt: „We didn’t murder the general you never met to discuss the coup you weren’t planning.“ Das hat tatsächlich schon Better-Call-Saul-Niveau.

Ansonsten zieht Carrie mal wieder alle Register, um zu bekommen, was sie will, auch wenn es wie so oft gar nicht für sie selbst, sondern in diesem Fall für Quinn ist: Sie behauptet Jonas gegenüber, dass sie verletzt sei und dass er ihr helfen soll. Carrie nutzt natürlich auch aus, dass Jonas Schwester Ärztin ist – sie soll Quinn Antibiotika und Verbandszeug beschaffen, denn Quinn sollte bekanntlich nach seinem Auftrag Carrie zu ermorden umgebracht werden und ist dem Anschlag nur knapp entgangen. Noch lebt er, während Carrie versucht, Laura Sutton zu finden, die, wie Carrie meint, im Besitz jener geheimen CIA-Dokumente ist, die Aufschluss über diese ganzen Verwicklungen geben können.

Homeland - Saul Berenson (Mandy Patinkin)

Homeland – Saul Berenson (Mandy Patinkin)

Aber Laura hat diese Dokumente nicht – für die sind Korzy und Katja vergeblich gestorben. Informant Numan hat auch bereits einen Plan B angestoßen, er fordert die Berliner Öffentlichkeit auf, vor der russischen Botschaft zu demonstrieren – das wiederum ist reichlich naiv, denn man sollte ja spätestens seit den arabischen Frühlingsdemos und Occupy mitbekommen haben, dass man zwar gern auf die Straße gehen kann, aber nie das bekommt, was dort gefordert wird: Wenn man mit Demonstrationen die Politik tatsächlich beeinflussen könnte, wären sie verboten.

Okay, manche Demos werden tatsächlich verboten – aber das nur, dass die Leute da oben noch nicht kapiert haben, wie man mit Demonstranten umgeht: Man lässt die Leute ein paar Stunden rumbrüllen und sich gut fühlen, dann räumt man auf und geht zum Tagesgeschäft über: Business as usual. Die Leute, die für oder gegen eine Sache auf die Straße gehen, sind ja eben nicht die gefährlichen, sondern vielmehr die naiven Menschen, die noch immer an das Gute in der Demokratie glauben. Dem Aufruf von Numan folgen auch viele und es gibt eine große Demo mit vielen Maskierten – was Carrie entgegen kommt, da fällt sie nicht auf, obwohl sie sich ja ohnehin mit ihrem Baader-Meinhof-Look schon ein Kompliment von BND-Astrid verdient hat, an die sie sich wendet, weil sie sonst niemanden mehr hat, an den sie sich noch wenden könnte: Sie ist ja eigentlich tot. Und natürlich hilft Astrid Carrie oder vielmehr Quinn – mit dem hatte Astrid ja mal was, wie wir aus Staffel 4 wissen.

Dieses Mal sind die Locations übrigens nicht so akkurat wie bei der vorherigen Folge, natürlich findet die Demo vor der russischen Botschaft nicht vor der russischen Botschaft statt – ehrlich gesagt, hab ich nicht so gut aufgepasst, ich würde Littenstraße vermuten, es kann aber auch ganz wo anders sein. Genau wie ich nicht sicher bin, wo sich Quinn versteckt, es gibt eine Menge alter Sakralgebäude, die bunten Fenster legen das nahe – bei den Außenaufnahmen vermute ich eher RAW-Gelände. Kann aber auch wo anders sein, alte Industrieanlagen mit Gleisen und an der Spree gibt es jede Menge in Berlin.

Carrie trifft Laura im Ostbahnhof, den erkenne ich wieder – was aber jetzt von der russischen Botschaft aus auch nicht naheliegend ist, das wäre eher Friedrichstraße oder Alexanderplatz. Aber egal, es geht ja um die Geschichte, nicht um Geografie. Und sowohl Carrie als auch Saul werden gerade massiv verladen – gut möglich, dass sie das jetzt trotz aller Differenzen wieder zusammen führt. Und dann ist auch sicher, dass der rettende Engel, der Quinn versucht, davon abzuhalten, sich zu Carries Schutz in der Spree zu versenken, nicht zufällig zur rechten Zeit am rechten Ort ist.

Tja, ich werde wohl auch die nächste Folge sehen müssen…

Homeland: Warum ist diese Nacht anders?

Why is this night different? Die vierte Folge von Homeland beantwortet diese Frage gleich mehrfach. Aber es liegt auf der Hand, dass mit dem Episoden-Titel eine bestimmte Passage aus der Pessach-Haggada gemeint ist. Das ist die Anleitung für den Seder am Erev Pessach, dem Vorabend des Festes, mit dem die Juden die Befreiung aus dem ägyptischen Joch feiern. Am Seder-Abend gibt es bestimmte Speisen mit einer symbolischen Bedeutung, nämlich Matzen (ungesäuertes Brot), Maror (bittere Kräuter, etwa Römersalat oder Meerrettich), die an die Bitterkeit der Skaverei erinnern, Seroa, eine Lammkeule, weil im Jerusalemer Tempel das Pessach-Lamm geopfert wurde, wobei es hier verschiedene Traditionen gibt, die aschkenasischen Juden – also die Juden, die früher in Ost- und Mitteleuropa und nun hauptsächlich in Brooklyn und Mea Sche’arim leben – nehmen eher eine Lammkeule mit wenig Fleisch, die eben als Symbol und nicht als Hauptgericht dient.

Die Sephardim, also die Juden, die im Mittelmeerraum leben, bereiten die Lammkeule dagegen als Hauptgericht zu, was ich sehr sympathisch finde. Dann gibt es Charosset, ein Mus aus Äpfeln, Datteln und Gewürzen, das den Lehm symbolisiert, aus dem die Israeliten in Ägypten Ziegel herstellen mussten, dazu gibt es Chaseret, ein weiteres Bitterkraut, das zum Charosset gegessen wird, Karpas, Sellerie, Kartoffeln und Petersilie als Symbol für die Erde, was wiederum für die zermürbende Arbeit in Ägypten steht, wobei die Erdfrüchte vor dem Essen in Salzwasser (bei den Sephardim in Essigwasser) getaucht werden, Beitzah, ein gekochtes Ei, das alles mögliche symbolisiert und dann braucht es natürlich noch einen (oder mehrere) Becher Wein für den Propheten Elijah.

Homeland 5. Staffel: Carrie (Claire Danes) und Quinn (Rupert Friend) via slantmagazine.com

Homeland 5. Staffel: Carrie (Claire Danes) und Quinn (Rupert Friend) via slantmagazine.com

Und soweit ich mich erinnere, ist eine der Regeln auch, dass der Wein so großzügig eingeschenkt werden muss, dass der Becher oder das Glas überläuft – es soll halt richtig gefeiert werden. Der Jüngste am Tisch muss die entscheidende Frage stellen: Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten? Und dann wird, weil alles seine Ordnung hat (nichts anderes bedeutet der Begriff „Seder“) von den anderen erklärt, warum heute alles genauso sein muss.

Okay, diese Einleitung hat mich jetzt ein wenig aus der Kurve getragen – nein, ich bin nicht jüdischer Abstammung, aber das heißt nicht, dass ich mich nicht dafür interessieren kann, was die Generation meiner Groß- und Urgroßeltern in Deutschland auslöschen wollte. Wobei ich jetzt auch nicht Aktion-Sühnezeichen-mäßig unterwegs bin, ich habe kein schlechtes Gewissen wegen Dingen, die ich nicht getan habe. Ich glaube auch nicht an Kollektivschuld oder Erbsünde.

Menschen haben die Möglichkeit, sich zu entscheiden. Sie können sich dafür entscheiden, andere für ihre Fehler verantwortlich zu machen, oder halt eigene Entscheidungen zu fällen. Was sehr viel schwieriger ist. Sie können sich entweder im Kollektiv suhlen – wie diese Scheiß-Nazis, die gerne alle möglichen Freiheiten für sich reklamieren, ohne eine Ahnung davon zu haben, was Freiheit wirklich ist, oder individuell entscheiden, besser zu sein – wobei „besser“ in diesem Fall nur meint, weniger bescheuert. Das ist in diesen Zeiten echt nicht leicht. Wobei – andererseits ist es wirklich einfach, und es gibt Menschen, die das auch empfinden: Natürlich muss man als Mensch anderen Menschen helfen. Und viele helfen. Das finde ich gut. Andererseits darf man über all das auch die Gründe nicht vergessen, aus denen geholfen werden muss. Und das ist nun einmal, weil der Westen – und das sind nun mal auch „wir“ – also Deutschland – auf Kosten anderer gut dastehen will. Globaler Wettbewerb ist definitiv kein Ponyhof.

Ja, ich interessiere mich für vielerlei und habe vor langer Zeit entsprechende Kontakte geknüpft, weil es sich zufällig ergab, ein bisschen Hebräisch gelernt und wurde auch einmal Bestandteil eines Seder-Mahls – bei dem ich als Jüngste am Tisch eben jene Frage stellen musste (die noch jüngeren am Tisch konnten noch nicht gut genug sprechen dafür). Soviel zu meinem Bezug zu dem Episoden-Titel. (Und als fun fact ganz nebenbei – früher, in einem anderen Leben, war ich mal Co-Autorin von einem Reiseführer für Israel und Palästina, den gibt es gebraucht ab 31 Cent bei Amazon, ist aber hoffnungslos veraltet). Tatsächlich feiert Saul Berenson gemeinsam mit Allison – die noch immer CIA-Stationschefin in Berlin ist und, wie wir nun auch wissen, Sauls Geliebte, den Seder-Abend bei israelischen Freunden in Berlin.

Auch das ist durchaus realistisch: Inzwischen leben tatsächlich wieder erstaunlich viele Israelis in Berlin – mehr als 10.000 sollen in den vergangenen paar Jahren offiziell nach Berlin gezogen sein. Unter anderem auch, weil die Lebenshaltungskosten hier sehr viel günstiger sind als in Israel, wo es mittlerweile zu sozialen Unruhen kommt, weil sich der Durchschnittsisraeli ein Leben in Israel kaum mehr leisten kann. Jedenfalls passiert es mir immer wieder, dass ich in der Galeria Kaufhof oder im C&A am Alexanderplatz Iwrit höre – und dann gibt es in Mitte natürlich auch viele Reisegruppen, die sich unter anderem die Synagoge in der Oranienburger Straße ansehen.

Sicherlich spielt auch ein Rolle, dass viele Israelis auf den Spuren ihrer von den Nazis verfolgten Vorfahren wandeln – was der Gastgeber in Homeland, Etai, gegenüber Saul auch anspricht. Vor 70 Jahren hätten die Juden in Deutschland einer noch schlimmeren Bedrohung gegenübergestanden als derzeit. Aber sie hätten inzwischen gelernt, mit Bedrohungen umzugehen. Als Saul erwidert, dass er doch immer ein Freund Israels gewesen sei, sagt Etai: „Du warst aber schon mal ein besser Freund.“

Homeland 5. Staffel: General Youssef und Saul Berenson (Mandy Patinkin)

Homeland 5. Staffel: General Youssef und Saul Berenson (Mandy Patinkin) via variety.com

Möglicherweise ist hier ein Hinweis auf die mysteriöse Bedrohung, die Carrie aus der Welt schaffen will, die, wie sich noch herausstellen wird, auch Saul und seine Arbeit unterminiert. Natürlich hatte Carrie Glück, dass ausgerechnet Quinn derjenige ist, der den Auftrag bekommt, sie zu elemenieren. Wie zu erwarten war, bringt Quinn Carrie nicht um, sondern hilft ihr als noch immer treuer Freund, unter widrigsten Umständen unterzutauchen. Wobei es hier wieder sehr viel Carrie-Cry-Face-Potenzial gibt: Quinn macht Carrie nachdrücklich klar, dass ihre einzige Chance zu überleben ist, dass sein Autraggeber erstmal glaubt, dass sie tot sei. Und noch wichtiger: Dass ihre Tochter Frannie nur dann in Sicherheit ist.

Denn wenn heraus kommt, dass Carrie noch lebt, würde, wer immer sie tot sehen will, versuchen, übe ihre Tochter an sie heran zu kommen. Keine Frage: Quinn kennt das Geschäft. Und doch leistet er sich immer wieder, sein eigenes Ding zu machen. Genau das hat ihm, obwohl er doch eigentlich die gewissenlose und supereffiziente Killermaschine ist, die sein Arbeitgeber braucht, noch immer einen Rest an Menschlichkeit und Individualität bewahrt – genau, wie er sich sehr viel früher entschieden hat, Brody nicht zu töten, entscheidet er sich nun, Carrie nicht zu töten. Und das, obwohl es kein Quinn-Cry-Face-Meme gibt. Oder vielleicht gerade deswegen.

Carrie fällt natürlich schwer, das einzusehen. Aber ein rationales Superhirn wie sie analysiert eben auch gleich, dass es derzeit die einzige Lösung ist. Und so nimmt sie unter Tränen (ja, schlimm) ein Abschiedsvideo für ihre Tochter auf, in dem sie erklärt, dass sie Frannie nie verlassen wollte, aber leider gezwungen war, das trotzdem zu tun – und es leider nicht überlebt hat. Tja, ist halt nicht so einfach, einen Job als Ex-CIA-Spitzenkraft und als Mama unter einen Hut zu bekommen.

Saul und Allison arbeiten unterdessen daran, einen Ersatz für den syrischen Staatschef Baschar al-Assad zu finden. Nach all dem, was der Westen und der Federführung der USA angestellt hat, um diesen ach so bösen Diktator zu stürzen, wäre es jetzt ja wenig glaubhaft, ihn an der Macht zu lassen, damit der mit dem IS aufräumt, der inzwischen endlich als eine noch größere Gefahr wahrgenommen wird als Assad. Bei dem ich nebenbei ohnehin nicht kapiere, warum der schlimmer sein soll als beispielsweise der saudische Monarch Salman ibn Abd al-Aziz, in dessen Königreich Demokratie und Menschenrechte ja auch sehr, sehr klein geschrieben werden – aber die Saudis sind halt bessere Kapitalisten als die syrischen Herrscher und kaufen auch lieber im Westen ein – Kriegstechnik made in Germany beispielsweise.

Mit dem syrischen General Youssef meint die CIA, einen Kandidaten für die Ablösung von Asssad gefunden zu haben – er hat einen gewissen Rückhalt beim Militär und eine schwerkranke Tochter, was ihn angreifbar macht. Denn als Youssef seine Tochter für eine Organtransplantation in die Schweiz begleitet, ist die CIA schon da – offenbar ist diese Operation von allen Seiten seit längerer Zeit vorbereitet worden.

Saul und Allison bearbeiten den General, der schließlich einsieht, dass es für ihn und für Syrien vermutlich das Beste sein wird, wenn er tut, was die Amis von ihm wollen – zumal die sich das auch einiges kosten lassen und ihm umfangreiche Unterstützung zusichern. Doch Saul und Allison können sich nicht lange über ihren Erfolg freuen – als sich Youssef mit seiner Familie auf den Rückflug begibt, explodiert die Maschine kurz nach dem Start – und damit auch die Hoffnung von Saul, das Syrien-Problem endlich in den Griff zu bekommen.

Homeland 5. Staffel: Laura Sutton (Sarah Sokolovic)

Homeland 5. Staffel: Laura Sutton (Sarah Sokolovic) vis or-politics.com

Derweil ist auch in Berlin einiges passiert: Nachdem Laura festgestellt hat, dass sich auf dem Stick ihres Informanten Numan nicht die versprochenen Dokumente befinden, versucht sie, ihn mit Hilfe der deutschen Hackerin Sabine ausfindig zu machen. Numan hingegen hat inzwischen herausgefunden, dass sein Kumpel Korzenik versucht hat, die Informationen hinter seinem Rücken an die Russen zu verkaufen. Total blöde Idee – vor allem, weil Korzenik auch noch so naiv war, zu glauben, dass er, ein absoluter Anfänger im Spionagebusiness, die Russen verarschen könnte. Das bezahlen Korzi und seine Freundin Katja mit dem Leben.

Carrie und Quinn wiederum versuchen herauszufinden, ob bzw. wer Quinns Missionen kompromittiert – denn Carrie glaubt nicht, dass Saul sie umbringen lassen wollte. Und Quinn will natürlich auch wissen, was dahinter steckt – denn das nächste Ziel ist er selbst. Aber natürlich überlebt er, wenn auch schwer verletzt. Und im Handy des Auftragekillers ist eine einzige Nummer gespeichert: Die von Allison Carr, wie Carrie mit einem simplen Anruf herausfindet.

Langsam wird es richtig spannend…

Homeland: Manisch-depressive Supermächte

Homeland geht weiter und ich habe mir entsprechend die dritte Folge Super Powers angesehen: Und schon sind wir wieder mittendrin im alten Carrie-Dilemma. Weil sie nun unbedingt herausfinden will, wer ihr nach dem Leben trachtet, setzt sie ihre Medikamente ab. Denn, das wissen wir ja seit der ersten Staffel: So richtig genial ist Carrie nur, wenn ihre psychische Störung für sich arbeiten lassen kann – dann ist sie zwar völlig durchgeknallt und tritt alle Menschen in ihrem Umfeld mit Anlauf vors Schienbein, aber sie kriegt auch alles raus, was sie rauskriegen muss.

Manische Depression als Superkraft – ich habe ja schon in der ersten Staffel bezweifelt, dass jemand mit einer solchen Störung überhaupt von der CIA angeheuert würde und wenn doch dann garantiert nicht als Führungskraft, die für Leben und Tod einer Menge anderer Menschen verantwortlich ist, aber egal – Homeland ist Fiktion, auch wenn die Serie gern realistisch tut, in dem sie aktuelle politische Ereignisse aufgreift.

Apropos – die Sache mit den Graffitis in der letzten Folge fand ich ja sehr witzig. Hoffentlich stimmt das – leider kann ich kein Arabisch, schon gar nicht schriftlich – insofern kann ich das nicht überprüfen. Aber es scheint zu stimmen, dass die Street-Art-Künstler Heba Amin, Caram Kapp und Stone tatsächlich andere Botschaften an die Kulissen des libanesischen Flüchtlingslagers gesprüht haben, als die Serienmacher eigentlich beauftragt hatten. Ist schon scheiße, wenn keiner Arabisch kann – was dann doch wieder peinlich ist: Man sollte doch annehmen, dass irgendjemand, der an der Produktion einer Serie beteiligt ist, die zu weiten Teilen in arabisch-sprachigen Ländern spielt, lesen können sollte, was an den Wänden geschrieben steht…? Andererseits – wenn in den Berliner Sequenzen Graffitis auftauchen würden, auf denen ähnliches auf Deutsch steht, würde man es am Ende auch unter „Lokalkolorit“ verbuchen. Wobei mir gerade auffällt, dass der zeitweise beliebte Slogan „Ami go home!“ auf Berliner Hauswänden derzeit nicht besonders häufig zu finden ist.

Wie dem auch sei: Showrunner Alex Gansa sagte gegenüber Entertainment Weekly: “We wish we’d caught these images before they made it to air. However, as Homeland always strives to be subversive in its own right and a stimulus for conversation, we can’t help but admire this act of artistic sabotage.” („Wir wünschen uns, diese Bilder entdeckt zu haben, bevor sie ausgestrahlt wurden. Aber Homeland ist stets bestrebt, subversiv zu sein und somit Anlass für entsprechende Diskussionen zu liefern – deshalb können wir nicht umhin, diesen Akt der künstlerischen Sabotage zu bewundern.“)

Carrie Mathsion (DClaire Danes) in Homeland - Season 5 Super Powers

Carrie Mathsion (DClaire Danes) in Homeland – Season 5 Super Powers (via nydailynews.com/)

Aber zurück zu Carrie: Die ganze Geschichte hat von Anfang an nur funktioniert, weil Carrie komplett gestört und deshalb so gut in ihrem Job ist. Und weil Saul Berenson, der als einer der wenigen davon wusste, schützend ihre Hand über Carrie gehalten hat. Aber damit ist es nun endgültig vorbei. Saul ist inzwischen auch ein anderer. Doch eins nach dem anderen: Carrie setzt (unter Tränen) ihre Tochter zu Otto Düring ins Flugzeug – er glaubt ja, dass Carrie ihm das Leben gerettet hat und ist ein entsprechend dankbarer Arbeitgeber, der Carrie nicht nur von ihrer Arbeit frei stellt und ihre Tochter höchstpersönlich in die Staaten fliegen lässt (damit sich die bewährte Tante Maggie um sie kümmern kann) sondern er lügt sogar für sie, als Saul Berenson bei ihm auftaucht: Nein, natürlich hat er keine Ahnung, wo seine Sicherheitschefin ist.

Aber das ist für einen CIA-Agenten wie Quinn natürlich kein Problem – er benutzt den Sohn von Carries Lebensgefährten Jonas, um ihr Versteck zu finden. Ja, das ist alles wieder sehr, sehr homelandmäßig, insofern bin ich mit dem Fortgang der Folge ziemlich zufrieden – wobei das schon zu weiten Teilen daran liegt, dass es mir Spaß macht, meine Ecken in Berlin zu sehen. So dermaßen wahnsinnig gut ist die Geschichte eigentlich nicht, Carrie-Cry-Faces habe ich inzwischen eigentlich schon wieder mehr als genug gesehen.

Aber es gibt wieder schöne Szenen rund um den Litfaßplatz, der bei mir direkt um die Ecke liegt, es gibt sogar eine Szene, die in „meinem“ S-Bahnhof gedreht wurde, Hackischer Markt, und ich komme jeden Tag mehrfach an der Straßenbahnhaltestelle vorbei, die zu sehen ist, als der Informant Numan die Journalistin Laura Sutton von der Menge weglockt, die wegen eines Feueralarms draußen versammelt ist, um ihr im S-Bahnhof gegenüber einen Daten-Stick mit weiteren Dokumenten zu übergeben. Der Skateboard-Laden Titus, aus dem Quinn Jonas‘ Sohn entführt, ist unten in meinem Wohnblock – und auf der Rückseite ist jene Einfahrt, in der Quinn den Van geparkt hat, in den er den Jungen festhält: „Bis zum Abendbrot bist du zuhause!“ So richtig gut ist Quinns Deutsch ja nicht, aber es reicht offensichtlich.

Insofern stimmt, zumindest was die Berliner Geografie angeht, vieles – ich hasse es ja immer sehr, wenn Berlin-Szenen zusammengeschnitten werden, die gar nicht stimmen können, wie das in anderen Filmen und Serien oft der Fall ist, wenn dann etwa der Protagonist aus dem Gebäude an der-und-der Ecke kommt, und dann an der nächsten Ecke ein Berliner Wahrzeichen zu sehen ist, von dem ich weiß, dass es tatsächlich ganz wo anders ist.

Wenigstens Berlin ist in der neuen Homeland-Staffel weitgehend authentisch. Und auch der Blick von der US-Botschaft aus über den Pariser Platz mit dem Brandenburger Tor Richtung Reichstag kommt hin – wobei ich da natürlich noch nicht drin war und schon gar nicht auf der Dachterrasse. Sonst weiß ich noch nicht so richtig, was ich vom Handlungsfortgang halten kann oder will: Carrie stellt eine ziemlich lange Liste mit Namen zusammen – 167 sind es, deren Angehörige sie nach dem Leben trachten könnten. Als der bis dahin sehr geduldige und verständnisvolle Jonas realisiert, dass Carrie diese 167 Menschen auf dem Gewissen hat, verliert er doch leicht die Fassung und muss einfach mal raus.

Natürlich wusste er, dass Carrie für die CIA gearbeitet hat – aber offenbar hat er sich nicht so richtig klar gemacht, was eigentlich ihr Job war. Als seine Ex ihn anruft, weil ihr gemeinsamer Sohn verhaftet wurde, weil der Junge angeblich in jenem Laden etwas geklaut hat, gerät der bisher erstaunlich unerschütterliche Jonas in Panik – aber aus anderen Gründen als Carrie, die schnell kapiert, dass es bei der ganzen Sache nur darum ging, heraus zu finden wo Jonas und damit auch Carrie sich gerade aufhalten.

Carrie will jetzt natürlich abhauen und versichert Jonas, dass seinem Jungen nichts passieren würde, weil er ja gar nicht das Ziel der ganzen Aktion sei, aber Jonas entscheidet sich natürlich im Zweifelsfall für seinen Sohn und fährt ziemlich planlos mit dem Auto weg. Carrie bleibt in dem Waldhaus zurück, in dem die beiden nach Carries Rückkehr aus Beirut abgetaucht sind. Carrie zieht sich mit einem Gewehr in den Wald zurück, ihr ist klar, dass wer immer hinter ihr her ist, demnächst hier auftauchen wird. Aber sie weiß ja nicht, dass Quinn hinter ihr her ist, der sich natürlich nicht so einfach von Carrie umlegen lässt.

Tja, was daraus wieder wird… Quinn hatte ja schon immer eine Schwäche für Carrie. Aber ist es damit nicht langsam mal gut?

Homeland: The Tradition of Hospitality

Jetzt hat es mich doch wieder gepackt: Mit der zweiten Folge der fünften Staffel hat das alten Homeland-Feeling wieder eingesetzt, das mir über die dritte Staffel abhanden gekommen ist – ich will jetzt wirklich wissen, wie es weiter geht. The Tradition of Hospitality ist zwar mitunter ziemlich unsubtil, dafür aber herrlich finster – es ist auf niemanden Verlass und so ziemlich jeder spielt ein dreckiges Spiel.

Nur Carrie nicht, interessanterweise, sie – wie immer – ist unfassbar loyal gegenüber ihrem Arbeitgeber. Sie zieht wirklich alle Register, um ihren Job gut zu machen, eben für die Sicherheit von Otto Düring zu garantieren – und lässt sich nicht darauf ein, auch guten alten Kollegen von der CIA irgendwelche Insider-Tipps zu geben. Was diese um so mehr dazu veranlasst, zu glauben, dass Carrie und Saul ihr bewährtes Spiel spielen – bestimmt hat Saul Carrie bei der Düring Foundation platziert, um irgendein ganz großes Rad zu drehen.

Screenshot Homeland Staffel 5 - Brandenburger Tor

Screenshot Homeland Staffel 5 – Brandenburger Tor

Aber wie wir wissen, ist es dieses Mal wirklich anders. Oder nicht…? Carrie hat jedenfalls wieder keinen einfachen Job: Sie hat es zwar geschafft, für Düring eine offizielle Einladung für seinen Besuch in dem Flüchtlingscamp im Libanon zu bekommen, aber vor Ort gibt es weitere Schwierigkeiten: Offenbar sind sich die Chefs der Milizen vor Ort untereinander nicht einig: Zwar hat der eine Hisbollah-Chef gegen ein Schutzgeld für Dürings Sicherheit garantiert, aber der andere weiß davon nichts – Carrie muss also wieder einiges regeln. Und sie ist auch nur halbwegs erfolgreich – eine Stunde bekommt sie für den Rucksack voll Geld. Aber eine Stunde ist besser als nichts.

Otto Düring kann sein Rede vor den Flüchtlingen und einen Scheck über 10 Millionen Euro in die Kamera halten – und er verspricht auch, weitere Geldgeber zu finden, damit aus diesem Camp ein gutes Beispiel für alle wird, die Kinder sollen zur Schule gehen, die Leute versorgt und die Kranken geheilt werden, junge Menschen eine Ausbildung bekommen und die Älteren weitergebildet werden – damit sie nach dem Krieg in Syrien ihr Land wieder aufbauen können. Ach ja, super Idee, wir brauchen einfach einen Otto Düring!

Aber natürlich geht etwas schief- oder fast, Carrie als Sicherheitsexpertin rettet Otto Düring natürlich vor dem Anschlag, der auf dem Rückweg auf ihn verübt wird. Derweil geht aber auch zuhause in Deutschland einiges schief: Durch jene Veröffentlichung eines geheimen Dokuments durch Laura Sutton ist die illegale Zusammenarbeit zwischen CIA und BND aufgeflogen – der BND übt nun Druck auf Laura aus, weil er die Quelle wissen will. Aber als gute Journalistin wird Laura eher sterben als ihre Quelle preiszugeben.

Der BND agiert, wie Geheimdienste das in der Regel tun – er setzt sich über geltendes Recht hinweg und tut, was er für richtig und angemessen hält. Wie das in der Öffentlichkeit ankommt, ist letztlich scheißegal – denn Geheimdienste machen eh, was sie wollen und letztlich spielt kaum eine Rolle, was die Medien darüber berichten: Wenns um die nationale Sicherheit geht, sind alle Mittel recht.

Das ist beim BND nicht anders als bei der CIA. Und wir wissen das – gelegentlich wird darüber ja ganz offiziell berichtet. Was aber nichts an der Praxis ändert. Insofern sehe ich Homeland auch eher als vergleichsweise ehrlichen Zustandsbericht, nicht aber als Kritik an diesen Zuständen: letztlich wirbt Homeland um Verständnis für alle Seiten – man kann die Protagonisten auf Seiten der Geheimdienste genauso verstehen, wie die auf der anderen Seite, die ja auch ihre Gründe haben. Immerhin das ist schon mal nicht schlecht: Es gibt kein „richtig“ oder „falsch“ mehr: Die Leute machen einfach ihren Job.

Und das ist auch wieder ekelhaft, wenn ich so darüber nachdenke. Immerhin machen die Leute in Homeland ihre Jobs jeweils gut – natürlich auch die dreckigen Jobs. So will sich die CIA-Chefin in Berlin nicht von Saul absägen lassen und intrigiert ihrerseits gegen ihn: sein Kopf sei doch viel wertvoller, wenn die Deutschen wegen dieser Geheimdienstäffäre denn unbedingt Köpfe rollen lassen wollen. Quinn hingegen geht weiterhin seinem Killerjob nach und killt eine Frau, die junge Mädchen für den IS anwirbt.

Carrie macht ihren Job, indem sie in Beirut bleibt, um herauszufinden, wer das Attentat auf Düring verübt hat. Und als sie in ihr Hotelzimmer zurück kommt, findet sie einen Hisbollah-Kämpfer vor, der ihr den Rucksack mit dem Geld zurück gibt – Araber-Ehre. Das mit dem Schutz hat nicht geklappt, daher gibt es das Schutzgeld zurück. Und Carrie bekommt noch eine entscheidende Information: Der Anschlag galt gar nicht Otto Düring. Er galt ihr.

Und als Sahnehäubchen obenauf bekommt Quinn am Ende einen neuen Auftrag: Der Name seines nächsten Opfers ist Mathison.

Und ja, es macht mir schon Spaß, dass so viel Deutsch gesprochen wird – und eben nicht dieses Deutsch, wie die Amis sich das vorstellen, sondern eben richtig, von echten deutschen Schauspielern gesprochen. Ich habe keine Ahnung, wie das dem US-Publikum gefällt, aber mir gefällt es. Und ich verstehe auch deren Englisch viel besser 🙂