Was man besser nicht googeln sollte

Netflix hat eine weitere deutsche Serie produziert, und dieses Mal ist es tatsächlich gut gegangen – bekanntlich sind alle guten Dinge drei: Nach der ambitionierten, aber irgendwie dann doch enttäuschenden Mysterieserie Dark und dem gründlich misslungenen Versuch, mit Dogs of Berlin eine coole Verbrecherserie im Gang-Milieu von Berlin abzuliefern, die tatsächlich einfach nur eine manchmal alberne, oft aber ärgerliche Aneinanderreihung dämlicher Klischees war, ist How to Sell Drugs Online (Fast) eine erstaunlich unterhaltsame Teenager-Serie, an der auch Erwachsene Spaß haben können.

Die Serienidee beruht auf der wahren Geschichte eines Schülers, der unter dem Alias Shiny Flakes aus seinem Kinderzimmer heraus einen illegalen Drogenhandel im Darknet betrieb, der mehrere Millionen Euro Umsatz machte. Die Serienmacher haben die Handlung von Leipzig in die fiktive Kleinstadt Rinseln im Umland von Köln verlegt, deren beeindruckende Trostlosigkeit es locker mit Niederkaltenkirchen aufnehmen kann, der hässlichsten (ebenfalls fiktiven) Stadt in Niederbayern, bekannt aus den Eberhofer-Krimis. Für die Serie verantwortlich zeichnet übrigens die bildundtonfabrik aus Köln-Ehrenfeld, die unter anderem auch das Neo Magazin Royale produziert. How to Sell Drugs Online (Fast) ist die erste fiktionale Serie der Ehrenfelder.

How To Sell Drugs Online (Fast): Serienposter Bild: Netflix

How To Sell Drugs Online (Fast): Serienposter Bild: Netflix

Es geht um den siebzehnjährigen Moritz (Maximilian Mundt), der sehnsüchtig darauf wartet, dass seine Freundin Lisa (Lena Klenke) wieder nach Hause kommt. Sie war für ein Austauschjahr in den USA und es kommt, wie es kommen muss, sie interessiert sich nun für andere Dinge und Menschen. Sie macht zwar nicht gleich komplett mit Moritz Schluss, aber will erstmal auf die Pausetaste drücken. Wie man das heute so nennt, wenn man eigentlich nicht mehr will, aber keine Lust auf den Stress einer richtigen Trennung hat.

Natürlich kapiert Moritz das und leidet fortan unter unerträglichem Liebeskummer, sein Lebenssinn ist nun dahin und darunter wiederum leiden in der Folge andere. Lenny (Danilo Kamperidis) zum Beispiel, der beste (und offenbar einzige) Freund von Moritz, der aufgrund einer schweren Erkrankung im Rollstuhl sitzt. Er teilt Moritz Begeisterung für Computerspiele und alles, was sonst mit Computern zu tun hat. Die beiden Nerds planen, ein Start-Up für virtuelle Computerspielausrüstung aufzuziehen, die man für echtes Geld kaufen kann. Doch der Pitch für MyTems geht gründlich schief, weil Moritz nicht bei der Sache ist.

Dafür entwickelt er eine andere Idee: Als er mitbekommt, dass der gut aussehende Dan (Damian Hardung) epische Parties im Haus seiner Eltern schmeißt, auf denen es Ecstasy-Pillen gibt, beschließt er, selbst ins Dealergewerbe einzusteigen, damit er endlich auch cool ist und Einladungen zu den wichtigen Events bekommt, mit denen er Lisa beeindrucken kann, die er um so ziemlich jeden Preis zurück gewinnen will.

Dabei verstrickt er sich in allerlei Schwierigkeiten, natürlich klappt alles nicht so wie geplant, vor allem ist mit Buba (Bjarne Mädel) nicht zu spaßen, dem brutalen Teilzeit-Dealer, der hauptamtlich einen Pferdehof betreibt. Doch Nerd Moritz, ein bekennender Steve-Jobs-Fan, denkt inzwischen in größeren Kategorien und  knüpft internationale Kontakte mit Drogenherstellern. Und er benutzt die hauptsächlich von Lenny entwickelte Verkaufsplattform für Gaming-Zubehör als Onlineshop für seine illegalen Geschäfte. Businessmäßig ist er auf dem Erfolgstrip, zwischenmenschlich entpuppt er sich immer wieder als selbstbezogenes Arschloch, das andere ausnutzt, um dann aber doch im richtigen Moment wieder sein Gewissen und sein Herz zu entdecken. Wie sonst ist denn ein Typ gestrickt, der seiner Angebeteten eine Gehirnzelle als Kuschelltier schenkt?!

How To Sell Drugs Online (Fast): Buba (Bjarne Mädel), Lenny (Danilo Kamperidis) und Moritz (Maximilian Mundt) Bild: Netflix

How To Sell Drugs Online (Fast): Buba (Bjarne Mädel), Lenny (Danilo Kamperidis) und Moritz (Maximilian Mundt) Bild: Netflix

Die Serie mag inhaltlich vielleicht nicht super originell sein, aber sie ist flott und verspielt gemacht. Es gibt eine Menge eingeblendeter Chats inklusive albernster Emojis, aber so kommunizieren die jungen Menschen heutzutage nun einmal. Und nebenbei gibt Moritz immer wieder Tipps, was man besser nicht online stellen sollte. How to Sell Drugs Online (Fast) spielt mit dem Selbstinszenierungszwang der Generation Social Media, dem leider nicht nur bei BWLern äußerst beliebten Bullshit-Bingo aus Motivations- und Coaching-Seminaren und der abgefuckten Business-Denke aktueller und bereits verblichener Silicon-Valley-Ikonen.

Zusätzlich gibt es unzählige Zitate und Querverweise aus anderen Filmen und Serien und eine ganze Reihe illustrer  Gastauftritte, etwa Ulrike Folkerts als Mutter von Lenny, Olli Schulz als Onkel einer Freundin oder Florentin Will als Polizist. Selbst die 90er-Ikone Jonathan Frakes ist dabei, der im besten X-Factor-Stil auftritt – alles in allem ein Riesenspaß, der leider schon allzu bald vorbei ist, denn HTSDO(F) besteht nur aus sechs halbstündigen Teilen.

Aber klar, besser eine gute Serie, die schnell weg gebinged ist, als ein zäher Brocken mit gefühlt unendlicher Laufzeit. Liebes Netflix, bitte mehr davon! Da sind doch noch ein paar weitere Staffeln drin! Und liebes deutsches Fernsehen, schau dir das mal an: So geht Serie Made in Germany. Man kann sich an die Sehgewohnheiten junger Menschen auch heranwanzen, ohne die intellektuellen Bedürfnisse der etwas älteren und nicht völlig ungebildeten Zuschauer komplett zu vernachlässigen. Ich meine jetzt die, die nicht der Hauptzielgruppe des ZDF entsprechen. Wobei, die ARD hat auch ihre Schwächen und ZDFneo ist manchmal sogar ganz hipp. Aber Netflix ist hipper. Leider. Denn den bekloppten Rundfunkbetrag muss ich ja trotzdem zahlen. Netflix zahl ich freiwillig.

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Matrjoschka: Sterben ist einfach, leben ist hart

Nachdem es inzwischen eine ganze Reihe von Netflix-Serien gibt, die ich gar nicht so gut finde, habe ich jetzt eine entdeckt, die mir wirklich Spaß gemacht hat: Matrjoschka. Obwohl ich auch hier anhand der Kurzbeschreibung erst einmal vermutet hatte, dass sie ebenfalls nichts für mich sein würde: Eine Serie über eine New-Yorkerin, die ihren 36. Geburtstag immer wieder feiern muss, in dessen Verlauf sie jedes Mal stirbt?! Nee, nicht mein Ding. Deshalb habe ich den Zwangsvorspann, den Netflix mir aufdrängte, einige Male abgebrochen.

Nadia Vulvokov (Natasha Lyonne) Bild: Netflix

Nadia Vulvokov (Natasha Lyonne) Bild: Netflix

Aber dann las ich einen Tweet von Mr.-Robot-Schöpfer Sam Esmail, der Russian Doll als „funny, creative and moving“ sowie „deliciously batshit weird“ anpries. Und wenn der Erfinder einer meiner absoluten Lieblingsserien das findet, dann lohnt sich möglicherweise doch ein Versuch. Also habe ich beim nächsten Mal auf Netflix einfach auf „Play“ gedrückt. Und siehe da, die launige Spiele-Programmiererin Nadia Vulvokov (Natasha Lyonne) gefiel mir so gut, dass ich mir die Serie gleich komplett reinziehen musste, was für geübte Bingewatcher auch keine besondere Herausforderung ist, da sie leider nur aus acht etwa halbstündigen Teilen besteht.

Nadia weiß nicht so recht, was sie mit ihrem Leben anfangen soll, auch wenn sie es immerhin geschafft hat, 36 zu werden. Sie hat offenbar alles, was man zum Leben braucht, also einen Job, von dem sie existieren kann und Freunde, die ihr eine Party ausrichten. Gleichzeitig macht sich aber auch ein gewisser Überdruss bemerkbar: Nadia raucht zu viel, trinkt zu viel, zieht sich unterschiedlichste Drogen rein und schleppt Männer ab – sie sinniert darüber, ob sie möglicherweise schon in einer frühen Midlife Crisis steckt, falls auch Frauen so etwas haben sollten.

Nadias Freundinnen Lizzy (Rebecca Henderson) und Maxine (Greta Lee)

Nadias Freundinnen Lizzy (Rebecca Henderson) und Maxine (Greta Lee)

Aber wer kennt das nicht? Einerseits ist das Leben okay und man versucht, es entsprechend zu feiern und gleichzeitig weiß man nicht so recht, was das alles eigentlich soll. Mir geht es seit Jahrzehnten so und ich hoffte, dass es irgendwann wieder aufhören würde. Aber das tut es nicht, im Gegenteil: Es wird schlimmer und schlimmer. Also das mit den Parties wird weniger, aber dieses Gefühl, dass ich irgendwie im falschen Leben stecke, geht nicht weg. Und genau darum geht es in Matrjoschka.

Nun bin ich ja eine notorische Spielverderberin, weil ich immer zu viel spoilere. Aber im Fall dieser Serie verdirbt es wirklich den Spaß und die Spannung. Deshalb verrate ich jetzt nichts weiter zur Handlung, die alles in allem auch relativ übersichtlich ist, weil wir Nadias Geburtstag ja immer wieder erleben, allerdings in immer neuen Varianten. Es gibt allerdings Hinweise darauf, das die Zeit trotzdem immer weiter fortschreitet – es ist einfach spannend, dabei zuzusehen, wie Nadia versucht, ihr Schicksal zu überlisten, das ihr immer und immer wieder ein Bein stellt.

Gefangen in parallelen Zeitschleifen: Alan Zaveri (Charlie Barnett) und Nadia (Natasha Lyonne)

Gefangen in parallelen Zeitschleifen: Alan Zaveri (Charlie Barnett) und Nadia (Natasha Lyonne)

Und ich muss auch sagen, dass ich den Tenor einiger Kritiken, die ich zur Serie gelesen habe, nicht nachvollziehen kann: Die Auflösung des Plots sei letztlich irgendwie zu moralisch. Ja meine Fresse, wie soll man denn so etwas auflösen?! Es mag zwar naiv sein, an das Gute im Menschen zu glauben. Verwerflich finde ich das nicht. Und warum sollte sich nicht auch eine raubeinige, sarkastische und in jeder Beziehung schlagfertige Egozentrikerin wie Nadia nicht ab und zu auch um menschliche Wesen Sorgen machen anstatt immer nur um den meistens abwesenden Kater Oatmeal?

Netflix-Serie Matrjoschka: Hier ist irgendwas faul... x

Netflix-Serie Matrjoschka: Hier ist irgendwas faul…

So viel muss ich dann doch verraten: Nadia trifft irgendwann auf Alan (Charlie Barnett), der im wahrsten Sinne ihr Alter Ego ist. Also einerseits ihr Doppelgänger, der genau das durchmachen muss, was sie durchmacht, der aber gleichzeitig so ganz anders drauf ist. Nadia ist impulsiv, Alan ist beherrscht, Nadia liebt den Exzess, Alan die Kontrolle, Nadia ist eigentlich alles scheißegal und Alan hat einen strikten moralischen Kompass. Klar, das ist alles Klischee hoch zehn, aber ich finde, dass es in diesem Fall unterhaltsam und ansprechend aufbereitet wurde. Und das, obwohl ich inzwischen ziemlich abgefressen bin, was Zeitschleifen-Geschichten betrifft, wie heißt es so schön in Ijon Tichy: Raumpilot (bitte mit pseudo-polnischem Akzent): „aber das ist Science Fiction, da alles geht!“

Nein, da geht eben nicht alles. Insofern ich rechne den Matrjoschka-Autorinnen hoch an, dass sie konsequent in ihrem konkreten New Yorker Zeitschleifenuniversum bleiben und da eben kein kosmisches Ding draus machen. Das mag einigen dann am Ende zu profan sein. Aber so profan ist das Leben halt.

Das Institut: Crashkurs Deutsch

Die Deutschen halten sich für eine Bildungsnation und sind auch sonst der Ansicht, dass am deutschen Wesen die Welt genesen könnte und sollte. Auch deshalb exportieren sie deutsche Qualitätsprodukte gern in alle Welt. International beliebt sind vor allem die Bestseller aus deutscher Waffenfabrikation, weniger beliebt sind deutsche Dichtung, deutsches Drama und die komplizierte deutsche Sprache. Damit diese Kulturgüter bei der Außendarstellung unseres schönen Landes nicht zu kurz kommen, gibt es in zahlreichen anderen Ländern der Erde Goethe-Institute, in denen interessierte Ausländer Deutsch lernen können, außerdem soll ganz allgemein deutsche Kultur vermittelt werden. Entsprechend werden dort Veranstaltungen zu deutscher Literatur, Theater, Film, Musik und so weiter angeboten. Doch erstaunlicherweise rennen die Ausländer diesen Instituten nicht an allen Standorten die Türen ein. Insbesondere, wenn sie in ihren jeweiligen Ländern ganz andere Probleme haben, etwa den Kampf um das tägliche Überleben in ihrer eigenen Kultur. Um ein solches Institut, auch wenn es in der Serie nicht ausdrücklich nach Goethe benannt wurde, dreht sich die Satire-Serie Das Institut – Oase des Scheiterns.

insitut

Die Koproduktion von BR, NDR, WDR, BR-Plus und ARD-alpha ist mit Abstand die lustigste Serie, die der öffentlich-rechtliche Rundfunk im vergangenen Jahr auf die Beine gestellt hat. Was allerdings auch nicht so schwer ist, denn mir fällt auf Anhieb keine weitere Comedyserie aus deutscher ÖR-Produktion ein. Ja, gut, es gibt schon weitere deutsche Comedyserien, die gar nicht so schlecht sind, etwa die maxdome-Produktion jerks. Und bei angestrengtem weiteren Nachdenken fällt mir noch die Serie Blockbustaz ein, die auf ZDFneo lief. Aber die ist nicht annähernd so gut wie Das Institut.

Um so erfreulicher, dass es diese Serie gibt, in der fünf wackere deutsche Angestellte des titelgebenden Instituts gemeinsam mit ihrem einzigen einheimischen Mitarbeiter versuchen, den in einer fiktiven mittelöstlichen islamischen Volksrepublik ansässigen Kisbeken die deutsche Kultur nahezubringen. Dem Institut in der kisbekischen Hauptstadt Kallalabad geht es wie so vielen kulturellen Einrichtungen, die vom deutschen Staat oder genauer: Vom deutschen Steuerzahler finanziert werden (müssen): Angesichts anderer Prioritäten ist die Ausstattung des Instituts mit finanziellen und sonstigen Mitteln prekär, möglicherweise soll die Filiale sogar aufgegeben werden.

Man sollte annehmen, dass die gemeinsamen Anstrengungen, dieses Institut zu erhalten, schon um den eigenen Arbeitsplatz zu sichern, das Team zusammenschweißen würden. Doch unter den Angestellten des Instituts verteidigt jede und jeder eifersüchtig seine Pfründe: Die Institutsleiterin Dr. Eckart (Christina Große) ist eine Bilderbuchkarrieristin, die über Leichen geht (sie hat ja auch die besten Chancen auf eine Weiterbeschäftigung an einem anderen Ort), während ihr Vertreter Gmeiner (Rainer Reiners) eher ein gemütlicher Typ ist, der sich gern als Goethe verkleidet und unfreiwillig komische Kurzvorträge über deutsche Geschichte halten kann.

Ebenso naiv wie um die deutsche Sprache bemüht ist die Deutschlehrerin Jördis (Nadja Bobyleva), die so gern jeden ihrer Schützlinge durch die Prüfung bringen möchte, während der Theaterexperte Titus (Robert Stadlober) damit hadert, mit seinen revolutionären Inszenierungen deutscher Dramatiker an den Arsch der Welt verbannt worden zu sein. Die einzige ostdeutsche im Club ist die Bibliothekarin Margarete (Swetlana Schönfeld), die immer wieder günstige Gesamtausgaben von DDR-Schriftstellern einkauft und sich im Verlauf der Serie als die alltagstauglichste unter den abgehobenen Schöngeistern herausstellt. Egal, ob es um eine dringend nötige Wahlfälschung oder um die Verteidigung des Instituts gegen schwer bewaffnete islamistische Fundamentalisten geht, Margarete überrascht mit entsprechenden (einst in der DDR erworbenen) Kompetenzen.

Das Institut: Die komplette Belegschaft

Das Institut: Dr. Eckart (Christina Große), Gmeiner (Rainer Reiners), Haschim (Omar El-Saeidi), Jördis (Nadja Bobyleva), Titus (Robert Stadlober) und Margarete (Swetlana Schönfeld)

Haschim (Omar El-Saeidi), der einzige Kisbeke im Team, liebt seine Arbeit im Institut, obwohl er mehr oder weniger Mädchen für alles ist, weshalb die Praktikantin Swantje (Antonia Bill) ihm immer wieder zuredet, er solle sich nicht alles gefallen lassen. Bezeichnenderweise ist Swantje die einzige unter den Deutschen, die sich ernsthaft für die kisbekische Kultur interessiert. So aufgeschlossen und weltgewandt sich die anderen auch geben, sie interessieren sich nur für ihre eigene Kultur, die sie für die überlegene halten und sind entsprechend unsensibel unterwegs, was immer wieder zu komplizierten Situationen führt.

Aber es gibt ja nun auch eine Menge Herausforderungen, die zu bewältigen sind, ob es nun um die Gestaltung eines Tags der offenen Tür geht, für den leider nur belgische Dekofähnchen aufzutreiben sind, oder die bessere Blutspendebilanz des niederländischen Instituts, um eine Aufführung des deutschen Toleranz-Stücks schlechthin, Nathan der Weise, mit kisbekischen Laiendarstellern und Hakenkreuz-Umhang („Ich will verstören!“ bekräftigt Titus), ein Fußballturnier im Mienenfeld oder um das Ansinnen lokaler Warlords, einen Crashkurs in deutscher Kultur zu bekommen, weil man ja den Feind kennen muss, um ihn zu besiegen, die wackeren Institutsmitarbeiter*innen (wie ist mittlerweile eigentlich die korrekte Schreibweise, wenn man alle und jede*n einbeziehen möchte?) haben es nicht leicht. Und auch wenn sie irgendwie selbst schuld an ihrer Lage sind, so kann man doch den einen oder die andere mit der Zeit lieb gewinnen: Sie meinen es ja meistens gut. Bis auf Dr. Eckart, aber jede Serie braucht ihre Buhfrau.

Und was mir sonst noch gefällt: Die Serie wurde hauptsächlich in einem ehemaligen Gefängnis in Berlin Moabit gedreht, was das gesamte Ambiente etwas klaustrophobisch wirken lässt. Wobei das die Situation in einem von islamischen Warlords beherrschten Mittelostland vermutlich gut einfängt. Hoffentlich gibt es noch eine weitere Staffel. Oder besser noch mehrere.

Brooklyn Nine-Nine: The Law. Without The Order.

Erfreut nahm ich zur Kenntnis, dass Netflix jetzt unter anderem auch die zweite Staffel von Brooklyn Nine-Nine im Programm hat. Das ist zwar keine Serie, von der ich behaupten würde, dass man sie unbedingt gesehen haben müsste, aber ich gestehe, dass ich – nach anfänglicher Fassungslosigkeit darüber, dass dermaßen alberne Cop-Serien überhaupt existieren – irgendwie dann doch hängengeblieben bin. Und nicht nur das: Ich habe mir die restlichen Folgen mit zunehmenden Vergnügen fast am Stück reingezogen. Der Humor in Brooklyn Nine Nine ist auf den zweiten Blick deutlich subtiler, als er auf den ersten Blick daher kommt. Das erklärt vermutlich auch die erstaunlich vielen Preise, mit denen Brooklyn Nine-Nine überschüttet wurde – darunter ein Golden Globe als beste Comedy-Serie.

Eigentlich hatte ich reingeschaut, weil ich neugierig war, was Stephanie Beatriz sonst noch so macht, die mir aus Short Time 12 in Erinnerung geblieben war. Was wiederum ist ein Film ist, den es sich unbedingt anzusehen lohnt. In Brooklyn 99 spielt sie Detective Rosa Diaz, eine sehr abweisende und furchteinflößende Polizistin, die sowohl Verbrecher, als auch ihre Kollegen auf Distanz hält und zu beeindruckenden Wutausbrüchen neigt (für diese Rolle bekam sie einen Imagen Award als beste Nebendarstellerin). Nur Idioten haben keine Angst vor ihr.

Etwa Detective Jake Peralta (Andy Samberg), die unglaublich erfolgreiche, aber auch hoffnungslos alberne Hauptfigur der Serie: Für ihn ist sein Job ein Kinderspiel – und das im eigentlich Sinne. Er nimmt dieses Spiel wahnsinnig ernst und will der Beste darin sein. Um dieses Ziel zu erreichen, findet er immer wieder unkonventionelle, aber effektive Wege, seine Fälle zu lösen. Er hat eine sensationelle Aufklärungsquote, treibt aber Kollegen und Vorgesetzte regelmäßig in den Wahnsinn, weil er eben ein Kindskopf ist und zwanghaft Blödsinn macht.

Was für eine Comedy ja auch okay ist,  obwohl das genau der Punkt ist, der mich an diesem Genre nervt: Ich hasse es, wenn Leute ständig so tun, als ob sie blöd sind. Denn die meisten sind das sowieso, ohne dass es auch nur einen Funken lustig ist. Warum müssen sich also die Intelligenteren ständig zum Affen machen? Gut, in dem Punkt bin ich vermutlich genau so eine Spaßbremse wie Captain Ray Holt – aber dazu kommen wir gleich.

Denn irgendwie funktioniert Brooklyn Nine-Nine für mich – Peraltas Kollegin Amy Santiago (Melissa Fumero) ist das komplette Gegenteil ihres albernen Konkurrenten: Santiago ist eine ehrgeizige Musterschülerin, die ständig allen beweisen muss, dass sie die Beste ist und sich immer exakt an die Regeln hält – auf ihre Art ist sie also auch total albern. Als einziges Mädchen, das sich zuhause gegen eine ganze Reihe Brüder durchsetzen musste, neigt sie dazu, sich ständig als die Superharte darstellen zu müssen – was wirklich lächerlich ist, denn das ist in dieser Truppe eindeutig Rosa. Aber Rosa macht einfach ihren Job, sie muss niemandem etwas beweisen.

BROOKLYN NINE-NINE: From Emmy Award-winning writer/producers of "Parks and Recreation" and starring Emmy Award winners Andy Samberg (third from L) and Andre Braugher (C), BROOKLYN NINE-NINE is a new single-camera workplace comedy about what happens when a hotshot detective (Samberg) gets a new Captain (Braugher) with a lot to prove. The new single-camera workplace comedy BROOKLYN NINE-NINE premieres this fall on FOX. Also pictured L-R: Melissa Fumero, Terry Crews, Stephanie Beatriz, Joe Lo Truglio and Chelsea Peretti. ©2013 Fox Broadcasting Co. Cr: Beth Dubber/FOX

BROOKLYN NINE-NINE: From Emmy Award-winning writer/producers of „Parks and Recreation“ and starring Emmy Award winners Andy Samberg (third from L) and Andre Braugher (C), BROOKLYN NINE-NINE is a new single-camera workplace comedy about what happens when a hotshot detective (Samberg) gets a new Captain (Braugher) with a lot to prove. The new single-camera workplace comedy BROOKLYN NINE-NINE premieres this fall on FOX. Also pictured L-R: Melissa Fumero, Terry Crews, Stephanie Beatriz, Joe Lo Truglio and Chelsea Peretti. ©2013 Fox Broadcasting Co. Cr: Beth Dubber/FOX

Santiago und Peralta jedoch stehen im ständigen Wettstreit, wer mehr Fälle lösen kann, was ein Running Gag der Serie ist. Peraltas bester Freund ist Detective Charles Boyle (Joe Lo Truglio), ein wirklich lieber und fleißiger Bulle, der aber leider ziemlich tollpatschig ist – immer wieder geschehen ihm peinliche Missgeschicke, was besonders ärgerlich ist, da er heimlich in Rosa verliebt ist und wahnsinnig gern mal mit ihr ausgehen würde – wenn er nur nicht so eine Angst vor ihr hätte.

Ihr gemeinsamer  Vorgesetzter ist Sergeant Terry Jeffords (Terry Crews), ein hünenhafter Mann, der vor einiger Zeit bei einem Einsatz überreagiert hat und sich seit dem fürchtet, eine Waffe zu benutzen. Deshalb muss er derzeit im Innendienst arbeiten – was ihm auch ganz gelegen kommt. Denn seit er eine kleine Tochter hat, findet er die Polizeiarbeit eigentlich zu gefährlich für einen verantwortungsvollen Vater.

Und dann hat die Abteilung mit Captain Ray Holt (Andre Braugher) gerade einen neuen Chef bekommen. Trotz seiner ausgezeichneten Arbeit hat er lange auf eine Beförderung warten müssen – ein schwuler schwarzer Bulle ist auch heutzutage in New York für viele noch gewöhnungsbedürftig. Aber als die Knallchargentruppe von Brooklyn Nine-Nine einen neuen Chef braucht, bekommt er endlich seine überfällige Chance. Captain Holt ist zu Peraltas Entsetzen und Santiagos Entzücken absolut humorlos und ein Freund der strikten Befolgung von Vorschriften. Aber er ist auch sehr kultiviert und fair: Wer gute Arbeit macht, wird belohnt, wer Unsinn macht, bestraft. Captain Holt ist einer, der immer sein Wort hält.

Und dann ist da noch die Sekretärin Gina Linetti, die zwar nicht mit überragenden Fähigkeiten, dafür aber mit einem robusten Selbstbewusstsein gesegnet ist. Sie ist eine, die sämtliche Fragen für das rosa Tortenstückchen bei Trivial Pursuit beantworten könnte und sie tanzt sehr gern. Sie ist so etwas wie die gute Seele des Reviers, allerdings eine, die gnadenlos auf ihren eigenen Vorteil optimiert. Aber ganz ehrlich: Wer tut das nicht? Gemeinsam löst die Crew von Brooklyn Nine-Nine nicht nur eine ganze Reihe kniffliger Fälle, sondern auch jede Menge anderer Probleme, mit denen sie zu kämpfen hat, teils durch idiotische Dienstvorschriften, teils durch idiotisches Verhalten bedingt. Und dann gibt es ja noch den öden Alltag, der irgendwie überlebt werden muss. Aber das wird mit dieser Serie bedeutend einfacher – ich freue mich auf die dritte Staffel. Und die vierte wird in den USA am 20. September starten.

Master of None: Die Banalitäten des modernen Lebens

Nachdem ich ein langes Wochenende hinter mir hatte, an dem ich aus Höflichkeit nur das herkömmliche Programm der öffentlich-rechtlichen Sender mitansehen konnte – das erschreckenderweise noch deutlich schlechter ist, als ich es in Erinnerung hatte – musste ich mir gestern eine Art Ausgleichstag gönnen. Zum Glück hat das Streaming-Portal meines Vertrauens eine neue Serie im Angebot, die ich auch gleich am Stück weggeglotzt habe: Master of None.

Ja, erstaunlich, denn es handelt sich um eine Comedy-Serie, bei denen ich normalerweise nach spätesten drei, vier Folgen aussteige, weil sie mir dann doch zu banal sind. Aber in Master of None werden die Banalitäten des modernen Lebens so treffend auf den Punkt gebracht, dass man davon nicht genug bekommen kann. Worum es geht: Der New Yorker Dev (Aziz Ansari, der die Serie auch geschrieben hat), Sohn indischer Einwanderer, der es einmal besser haben sollte, hat es definitiv deutlich besser als seine Eltern (die von Ansaris tatsächlichen Eltern gespielt werden). Auch wenn er mit dem Leben, das er lebt, keineswegs den Vorstellungen seiner ehrgeizigen Eltern entspricht. Während sich sein Vater in Indien dumm und dämlich gearbeitet hat, um sich erst ein Medizin-Studium zu verdienen und dann in den USA sein Glück zu machen, lebt Dev als mäßig erfolgreicher Schauspieler, der bisher eigentlich nur in Werbespots aufgetreten ist, das typische Leben amerikanischer Mittelschichtskinder, die zwar immer älter, aber nicht erwachsen werden.

Aziz Ansari ist Master of None

Aziz Ansari ist Master of None

Devs bester Freund ist Brian (Kelvin Yu), dessen Eltern aus Taiwan in die USA gekommen sind. Auch Brians Vater hatte eine entbehrungsreiche Kindheit, in einem Rückblick wird gezeigt, wie er sein Lieblingshuhn schlachten muss, damit seine Familie ein Abendessen hat. Jetzt hat Brians Vater ein gut gehendes China-Restaurant in New York. Trotzdem ist er weiterhin sehr genügsam und trinkt am liebsten Wasser. Auch Brian verhält sich keineswegs so, wie sein Vater sich das vorgestellt hat. Als sein Vater ihn um einen Gefallen bittet, reagiert Brian ähnlich wie Dev in der Szene zuvor seinem Vater gegenüber: Er will lieber ins Kino und die Quizfragen vor dem Film nicht verpassen, weshalb er jetzt gleich los muss. Mit einer vergleichbaren Antwort hat Dev seinen Vater sitzen lassen, der wollte, dass Dev ihm seinen neuen iPad einrichtet, damit er keine Termine mehr verpasst.

Dann gibt es in Devs Freundeskreis noch die afro-amerikanische Lesbe Denise (Lena Waithe) und den großen weißen Arnold (Eric Wareheim), der noch verspielter ist als Dev und Brian zusammen. Ja, und dann gibt es natürlich auch noch jene, die versuchen, ein Erwachsenen-Leben zu führen, mit ernsthaften Beziehungen und Kindern – Dev stellt sich das gelegentlich auch für sich selbst vor. Aber wie sich schnell herausstellt, haben seine romanischen Vorstellungen nichts mit der harten Realität zu tun: Als er für eine Freundin einige Stunden auf deren Kinder aufpasst, weil sie zu einem wichtigen Meeting muss, ist Dev nach wenigen Stunden mit seinen Nerven völlig am Ende. Obwohl er seine Sache gut gemacht hat: „Ich sehe kein Blut!“ sagt die Freundin anerkennend, als er die Kinder wieder bei ihr abliefert.

Und auch der Freund, der auf der Geburtstagsparty für seinen einjährigen Sohn noch von den Freuden der Vaterschaft geschwärmt hat, erzäht Dev wenig später, dass er sich scheiden lasse, weil alles so anstrengend geworden sei, seit das Kind da ist.

Master of None: Arnold (Eric Wareheim), Dev (Aziz Ansari) und Rachel (Noël Wells)

Master of None: Arnold (Eric Wareheim), Dev (Aziz Ansari) und Rachel (Noël Wells)

Insofern bestätigt sich Devs Panik aus der ersten Szene der Serie, als er mit der Musik-Managerin Rachel zur Sache kommt und das Kondom reißt – gut, das es einen günstigen Uber zum Drugstore gibt, wo die beiden die Pille danach kaufen und es damit für einige Folgen erstmal gut sein lassen – auch wenn sie sich später natürlich wieder begegnen. Bis dahin hat Dev noch einige heiße Dates – unter anderem mit der selbstbewussten blonden Nina (Claire Danes), der Frau des wahnsinnig reichen und wichtigen Geschäftsmannes Mark (Noah Emmerich). Dev hat ein Problem damit, dass Nina verheiratet ist – was sich aber ändert, als er Mark als arrogantes Arschloch kennengelernt hat. Ausgerechnet die Affäre mit Dev führt aber dann dazu, dass Nina und Mark sich wieder näher kommen.

Es geht aber nicht nur um Beziehungen, auch wenn das ein wichtiges Thema ist. Auch der alltägliche Rassismus und Sexismus wird immer wieder aufgegriffen – etwa beim Vorsprechen für eine Nebenrolle, bei der ein Taxifahrer mit einem indischen Akzent gesucht wird, und Dev sich weigert, dieses Klischee zu bedienen. Ironischerweise wird er später für die Rolle eines indischen Einwanderers gecastet, während der indische Freund, der ihm anfangs noch gesagt hat, Dev solle sich nicht so anstellen, die Rolle als bereits amerikanisierter Inder bekommt, weil er sich nun nach Devs Beispiel geweigert hat, einen indischen Akzent zu imitieren.

Master of None

Master of None

Wobei auch die Tatsache, dass zwei Inder in einer US-Serie Hauptrollen spielen dürfen, an sich schon ein Politikum ist – genau das hatte der überraschend verstorbene Produzent nämlich noch vehement abgelehnt: Die Gesellschaft sei noch nicht so weit. Immerhin ist sie weit genug, dass Dev in einer Katastrophen-Serie über eine Seuche einen Wissenschaftler spielen darf, der bald von der titelgebenden Seuche dahin gerafft wird. Und nebenbei wird auch noch thematisiert, dass der nette indische Wissenschaftler aus Nr. 5 lebt gar nicht von einem Inder, sondern von einem Weißen gespielt wurde – hier haben wir die Elliot-Alderson-Diskussion, nur umgekehrt.

In der Folge Ladies and Gentlemen hingegen geht es um den noch immer alltäglichen Sexismus – etwa, als ein Bekannter von Dev zwar die Zeit hat, den Männern am Tisch die Hand zu schütteln, aber die Frauen in der Runde komplett ignoriert. Als Dev nicht glauben will, dass derartige Diskriminierung alltäglich ist, zeigt Rachel ihm, dass alles noch viel schlimmer ist: Sie posten das gleiche Bild auf Instagram – Dev bekommt ein Kompliment dafür, Rachel einen bedrohlichen sexistischen Kommentar. Dev bemerkt, dass noch eine Menge für die Gleichberechtigung zu tun ist und verspricht, künftig aufmerksamer zu sein.

Master of None: Dev (Aziz Ansari) und Denise (Lena Waithe)

Master of None: Dev (Aziz Ansari) und Denise (Lena Waithe)

Anderen gegenüber aufmerksamer sein ist auch ein großes Thema dieser Serie, ob nun den Eltern, Freunden oder Frauen gegenüber – aber wie soll man das hinkriegen, wenn Menschen in erster Linie kleine Sprechblasen auf dem Bildschirm des allgegenwärtigen Smartphones sind? Überhaupt die ganze schöne Smartphone- und Social-Media-Welt: Es kann einen ja schon die Auswahl des wirklich allerbesten Taco-Ladens in der Gegend an den Rand des Nervenzusammenbruchs treiben – und erst recht die Auswahl des perfekten Dates für das zweite Ticket eines begehrten Geheim-Konzerts. Das Leben ist durch den ständigen Druck, aus den vorhandenen Möglichkeiten immer das Optimum herauszuholen, verdammt anstrengend geworden – und am Ende kommt ohnehin alles ganz anders.

Master of None greift typische Probleme der Gegenwart auf amüsante Weise auf und bleibt dabei wohltuend beiläufig. Ansehen lohnt sich auf jeden Fall.

Silicon Valley: Nerds unter sich

Das Silicon Valley ist der Nabel der digitalen Welt – insofern war eine Serie über dieses Tal südlich von San Francisco, von dem aus Apple, Google, Facebook und Co. um die Weltherrschaft streiten, mehr als überfällig. Hier findet der amerikanische Traum noch immer statt, und zwar in Reinkultur oder viel mehr: in seiner totalen Überspitzung – hier kann zwar nicht mehr der fleißige Tellerwäscher zum Millionär werden, aber der Nerd, der in der Garage seiner Eltern oder im total überteuerten WG-Zimmer eines bereits erfolgreichen Kumpels das nächste große Ding entwickelt.

Genau so eine Geschichte erzählt die HBO-Serie Silicon Valley: Richard Hendricks (Thomas Middleditch) arbeitet als Entwickler in der Software-Schmiede hooli. In seiner Freizeit bastelt er an einer eigenen Anwendung – wie eigentlich jeder hier. Ob es der Pizzabote oder der Angestellte im örtlichen Supermarkt ist, jeder hat hier schon eine mehr oder weniger geniale App in der Pipeline und wartet auf den großen Durchbruch. Die entscheidenden Frage dabei ist nur: „Bist du ein Jobs oder ein Wozniak?“

Silicon Valley: Richard (Thomas Middleditch) und Big Head (Josh Brener)

Silicon Valley: Richard (Thomas Middleditch) und Big Head (Josh Brener) – Bild: HBO

Richard ist ein Wozniak: Für seine Musik-App, die im Handumdrehen Songs auf urheberrechtlich problematisches Material untersuchen kann, hat Richard quasi nebenbei einen genialen Kompressions-Algorithmus entwickelt, der – im Gegensatz zur eigentlichen App – auf reges Interesse in der Szene stößt. Deshalb bietet Richards Chef, der Software-Milliardär Gavin Belson, mehrere Millionen Dollar dafür. Allerdings ist auch der nicht weniger legendäre Tech-Investor Peter Gregory inzwischen auf Richards Entwicklung aufmerksam geworden und macht ihm ein ganz anderes Angebot: Er bietet Richard einen Scheck über 200.000 Dollar und Hilfe bei der Start-up-Gründung an: Dann wäre Pied Piper Richards eigenes Ding, was immer später daraus würde. Richard ist mit einer solchen Entscheidung total überfordert, entscheidet sich schließlich sich aber, sein eigenes Ding zu machen („das ist es doch, das wollen wir hier doch alle!“) und schlägt zum Entsetzen seiner Mitbewohner in seiner Entwickler-WG die 10 Millionen aus, die Belson inzwischen bietet.

Allerdings sind die Jungs auch gleich wieder dabei, als es um die Firmengründung geht: Jeder hält sich für den unverzichtbarsten Bestandteil des künftigen Managements – nur Richards bester Freund Nelson „Big Head“ Bighetti (Josh Brener) nicht, der weder ein besonders guter Entwickler, noch sonst besonders begabt ist. Weil er aber so ein guter Freund von Richard ist, wirbt Belson ihn mit einem sehr guten Angebot zu hooli ab, weil er glaubt, dass Nelson hooli dabei helfen könne, Richards Algorithmus nachzubauen. Nelson hat allerdings keine Ahnung davon und somit bald nichts mehr zu tun, außer anwesend zu sein, um seinen Vertrag zu erfüllen, damit er in ein paar Jahren seine Optionen in hooli-Anteile umwandeln kann. Damit ist er im Grunde der Glückspilz der Serie – er hat ausgesorgt und wird nie mehr für sein Geld arbeiten müssen. Umgekehrt kann er aber seinen alten Freund Richard mit Interna aus dem hooli-Universum versorgen.

Silicon Valley: Jared (Zach Woods), Gilfoyle (Martin Starr), Dinesh (Kumail Nanjiani) und Richard (Thomas Middleditch)

Silicon Valley: Jared (Zach Woods), Gilfoyle (Martin Starr), Dinesh (Kumail Nanjiani) und Richard (Thomas Middleditch)- Bild: HBO

Richard hingegen muss endlich lernen, ein Arschloch zu sein, wie ihm Erlich Bachmann erklärt (T. J. Miller) erklärt, der schon erfolgreich ein Start-up gegründet und für eine Million verkauft hat – deshalb gehört ihm auch das schöne Haus, in dem die anderen Jungs mit ihm wohnen. Erlich bekommt als Gründer des „Incubator“ – wie er seine Techie-WG nennt, immer 10 Prozent an den Projekten, die seine Mieter unter seinem Dach gründen. Natürlich gehören ihm auch 10 Prozent von Pied Piper. Deshalb sieht Erlich sich automatisch als Mitgründer und künftiges Vorstandsmitglied an.

Ebenfalls mit von der Partie ist der Kanadier Bertram Gilfoyle (Martin Starr), der nicht nur ein wahnsinnig guter Programmierer und Netzwerkspezialist, sondern auch Satanist ist. Natürlich darf der Quoten-Inder Dinesh Chugtai (Kumail Nanjiani) nicht fehlen, auch wenn er in diesem Fall Pakistani ist und gelegentlich als Mexikaner herhalten muss, wenn es um den Geschäftserfolg geht. Und weil die Jungs alle echte Nerds sind, brauchen sie auch jemanden, der sich im wahren Geschäftsleben auskennt. Das ist Donald (Jared) Dunn (Zach Woods) , der erst Assistent von Gavin Belson ist, dann aber zu Pied Piper überläuft, um sich dort um den Papierkram zu kümmern. Jareds Schicksal ist es, ständig übersehen und vergessen zu werden, obwohl seine Arbeit für den Geschäftserfolg nicht weniger unverzichtbar ist, als die Arbeit der Entwickler. Und dann gibt es natürlich noch Monica (Amanda Crew), die geschickte und sehr hübsche Assistentin von Peter Gregory, die mit ihrer diplomatischen Art dafür sorgt, dass ihr überaus arschiger Chef immer bekommt, was er will.

Silicon Valley:  Richard (Thomas Middleditch) muss auf die Hilfe des minderjährigen Kevin zurückgreifen

Silicon Valley: Richard (Thomas Middleditch) muss auf die Hilfe des minderjährigen Kevin zurückgreifen – Bild: HBO

Überhaupt muss Richard mit der Zeit feststellen, dass es bei dem erbitterten Wettstreit zwischen den Milliardären Gavin Belson und Peter Gregory keineswegs um ihn oder sein Produkt geht, sondern darum, dass die beiden einfach einen Wahnsinnsspaß daran haben, sich gegenseitig zu demütigen – da kann man dem anderen ruhig mal für ein paar Millionen ein interessantes Start-up vor der Nase wegkaufen und dann einfach fallen lassen oder dem anderen für einen ähnlichen Betrag den Top-Mitarbeiter ausspannen, den der gerade für sein neues Hobby gebraucht hätte.

Aber Richard hat natürlich ganz andere Probleme, denn natürlich fällt es ihm schwer, Firmenchef und damit Arschloch zu sein und noch schwerer fällt es ihm, zu überblicken, auf was er sich da überhaupt eingelassen hat. Aber eins wird ihm binnen kürzester Zeit klar: Nämlich, wie bescheuert es war, die 10 Millionen von Belson auszuschlagen. Dennoch schlägt er sich weiterhin tapfer, auch wenn er vor allen wichtigen Terminen wie ein Reiher kotzt und auch sonst immer wieder völlig idiotisch agiert.

Weil er keine Ahnung hat, wie man eine Firma gründet, kann er nicht einmal den auf sein Unternehmen ausgestellten Scheck von Peter Gregory einlösen – Pied Piper ist im Grunde schon pleite, bevor es überhaupt gestartet ist, und weil das allein noch nicht schlimm genug ist, hat hooli inzwischen auch Richards Kompressionsalgorithmus nachgebaut und mit allerlei praktischen Erweiterungen versehen: Auf der kommenden TechCrunsh Disrupt will Gavin das Projekt „Nucleus“ ganz groß vorstellen. Damit ist Pied Piper ohnehin erledigt – denn was können die Jungs gegen eine solche Konkurrenz schon ausrichten? Aber Richard ist eben Richard und er bastelt besessen weiter – und seine Kumpels machen mit, ihre Existenz hängt an Richards Erfolg. Außerdem können sie eben gar nichts anderes.

Silicon Valley: Gilfoyle (Martin Starr)

Silicon Valley: Gilfoyle (Martin Starr) – Bild: HBO

Insbesondere in der letzten der acht Folgen der ersten Staffel wird das auf den Punkt gebracht: Durch einen blöden Zufall wurde Pied Piper für den Start-up-Wettbewerb auf der TechCrunsh Disrupt angemeldet, obwohl sie doch eigentlich schon eine Finanzierung haben – zumindest denken das alle. Aber die Jungs müssen das Ding jetzt gewinnen, sonst sind sie weg vom Fenster. Natürlich gibt es Komplikationen ohne Ende, aber durch einen weiteren (un)glücklichen Zufall wird die ohnehin nicht perfekte Präsentation des Pied-Piper-Teams durch ein eifersüchtiges Jurymitglied unterbrochen, so dass die Jungs als Entschädigung in die Endrunde durchgewirkt werden.

Obermotivator Erlich erklärt, dass ein Misserfolg ganz ausgeschlossen sei, und wenn er allen 800 Entwicklern im Saal persönlich einen runter holen müsste – woraufhin sich das ganze Team umgehend mit der brennenden Frage beschäftigt, in welcher Zeit mit welchen Optimierungen das zu machen sei – Nerds eben. Aber genau durch diese Schwachsinnseinlage kommt Richard auf den entscheidenden Gedanken zur Verbesserung seines Algorithmus: Nicht von oben nach unten oder von unten nach oben, sondern von der Mitte aus gleichzeitig in alle Richtungen soll er komprimieren. Richard arbeitet die ganze Nacht an seinem Code und wird gerade rechtzeitig zur Präsentation fertig – allerdings präsentiert Pied Piper ein ungetestetes Produkt und es wird noch einmal entsprechend spannend.

Silicon Valley: Jared  (Zach Woods), Gilfoyle (Martin Starr), Erlich (T. J. Miller, Dinesh (Kumail Nanjiani) und Richard (Thomas Middleditch)

Silicon Valley: Jared (Zach Woods), Gilfoyle (Martin Starr), Erlich (T. J. Miller, Dinesh (Kumail Nanjiani) und Richard (Thomas Middleditch) – Bild: HBO

Alles in allem eine nette Zwischendurch-Serie nicht nur für Nerds – ich würde Silicon Valley zwischen The IT Crowd und Big Bang Theorie einordnen, es ist eindeutig mehr Comedy als Tech. Eine Art spaßiger Zweitaufguß von Halt and Catch Fire, was ja doch eine durchaus ernstzunehmende Retro-Serie über die aufkeimende Goldgräberstimmung in der IT-Branche der frühen 80er Jahre ist. Keinesfalls handelt es sich um ein komplexes und tierschürfendes Gesellschaftsdrama wie Mr. Robot, das zum einen in oft sehr realistischen Szenarien demonstriert, was derzeit technisch möglich ist, und gleichzeitig hinterfragt, wie weit eine Gesellschaft denn wünschenswert ist, die eben so funktioniert, wie unsere Gesellschaft funktioniert.

In Silicon Valley wird nichts hinterfragt, hier wird, ein wenig überspitzt, einfach gezeigt, was Sache ist. Und wenn auch „wir wollen die Welt mit unserem Produkt zu einem besseren Ort machen!“ als Mantra für jedes verdammte Produkt wiederholt wird, das in dieser Serie entwickelt und vorgestellt wird, so absurd es im Detail jeweils sein mag, so ist es letztlich doch total okay, Geld damit zu verdienen. Denn das ist das Ziel von allem – und in dieser Sache ist Silicon Valley absolut realistisch und deshalb dann leider doch gar nicht dermaßen witzig.

Emmy-Inflation: Was trotzdem fehlte

Ach ja, Anfang der Woche gab es einmal mehr die Emmy-Awards. Und wieder keine Überraschungen. Und obwohl ich absolut der Meinung bin, dass Breaking Bad die derzeit beste Serie überhaupt ist – und die einzige, die ihr Niveau über sämtliche fünf Staffeln nicht nur gehalten, sondern zum Finale hin noch gesteigert hat – wird es langsam doch ein bisschen langweilig, dass es immer noch und noch und noch einen Emmy für Breaking Bad gibt. Wobei natürlich alle hochverdient – Bryan Cranston war als Walter White absolut grandios, genau wie Aaron Paul als Jesse Pinkman und Anna Gunn als Skyler White. Wobei ich Anna Gunn auch schon in Deadwood super fand.

Ich kapiere allerdings immer weniger, warum welche Serie für welchen Emmy nominiert wird – nicht nur, weil es eine verwirrende Vielzahl an Preisen gibt, sondern auch, weil die Abgrenzung der Genres doch ziemlich willkürlich erscheint: Wann ist eine Serie eine Mini-Serie? Die Unterscheidung Drama/Comedy kann ich ja irgendwie noch nachvollziehen, aber warum gibt es nicht auch eine Rubrik Crime? Dann müssten sich nicht so viele Serien unter „Drama“ drängeln, dass man die dann Richtung Mini-Serie schieben muss, denn Mini-Serie wird ja eh von Crime dominiert (Sherlock, Luther, Fargo…). Wobei ich True Detective in der Logik ja auch eher in der Mini-Serien-Abteilung gesehen hätte, wo ja auch Fargo vertreten ist, die sogar noch zwei Teile mehr hat als True Detective – statt dessen ging diese auch ganz großartige Serie angesichts der übermächtigen Drama-Konkurrenz leider unter. Aber wie gesagt, ich durchschaue das ohnehin nicht – und warum wird bei den herausragenden Schauspielern Film und Mini-Serie zusammengefasst – da gäbe es doch auch genug Stoff für zwei Preise? Auf noch einen mehr käme es doch wirklich nicht an!

Dafür könnte man meinetwegen bei Comedy ein bisschen aufräumen – dass insgesamt doch ziemlich mittelmäßige Serien wie Big Bang Theory oder House of Lies genauso für Emmys antreten (und gewinnen können) wie Breaking Bad, Mad Men, True Detektive oder House of Cards erschließt sich mir nicht. Wobei Comedy-Serien auch nicht mein Ding sind – ich mag Humor lieber anspruchsvoll verpackt. Auch die Sopranos, Breaking Bad oder Mad Men sind streckenweise wirklich witzig, aber dank ihrer interessanten Handlung sehr viel weniger langweilig.

Ja, ich habe Game of Thrones außen vor gelassen, irgendwie ist das mal eine der angeblich ganz tollen Serien, mit der ich einfach nicht warm werde – vielleicht sollte man einfach noch eine Fantasy-Rubik einführen, da hätte dann vielleicht auch True Blood eine Chance, was ja weder Drama noch Comedy ist, sondern irgendwie beides. Und so sehr mich gefreut hat, dass dieses mal neben Downton Abbey auch die britische Serie Luther dabei ist, die ich ebenfalls richtig gut finde, so sehr frage ich mich, warum andere Serien, die auch sehr gut sind, völlig außen vor bleiben?

Da wäre ja nicht nur True Blood, sondern beispielsweise noch The Bridge America – und wenn schon nicht die ganze Serie, dann hätten doch wenigstens Demian Bichir als Marco Ruiz und Diane Kruger als Sonya Cross eine Nominierung verdient. Das gilt natürlich auch für Mireille Enos als Sarah Linden und Joel Kinnaman als Stephen Holder in The Killing – die vierte Staffel mit ihren sechs Teilen hätte doch auch gut in die Mini-Serien gepasst. Und nicht nur ich bin der Meinung, dass diese Staffel so ziemlich das beste ist, was Netflix bisher produziert hat. Denn meiner Ansicht nach ist House of Cards zwar schon gut gemacht, aber am Ende doch ziemlich eindimensional, die Charaktere sind zu glatt, zu eindeutig, zu vorhersehbar. Klar, Kevin Spacey ist ein toller Schauspieler und sein Frank Underwood ein überzeugend brillantes Arschloch, wobei mir Robin Wright als Claire Underwood besser gefällt: Sie verfolgt ihre Interessen ebenfalls knallhart und letztlich fast noch raffinierter als ihr Mann. Aber sie ist – im Gegensatz zu ihm – trotzdem gelegentlich zu menschlichen Regungen fähig. Sie bricht auch mal in Tränen aus, nachdem sie einer Freundin telefonisch eine Falle gestellt hat, weil sie keineswegs gern tut, was sie tun muss, um ihre Ziele zu erreichen. Insofern gibt es wenigstens hier ein bisschen Spannung. Bei Frank ist ja immer völlig klar, dass er tut, was getan werden muss – und dass er am Ende kriegt, was er will.

Dass Homeland oder The Newsroom dieses Mal nicht so richtig zum Zug gekommen sind, finde ich nicht unberechtigt, die waren schon gut, aber halt auch nicht so richtig super. Fargo als beste Mini-Serie dagegen geht klar – ich muss zugeben, dass ich gerade erst angefangen habe, mir Fargo anzusehen, aber schon die ersten beiden Teile versprechen eine richtig gute Serie, die ich unbedingt weiter sehen muss – und nach all den Serien, die im schwülen oder auch wüstenartigen Süden der USA spielen ist so eine Handlung im tiefverschneiten Minnesota mal was anderes. Und nicht nur Martin Freeman als Lester Nygaard ist sehenswert, sondern vor allem Billy Bob Thornton als Auftragskiller Lorne Malvo. Bob Odenkrik aus Breaking Bad spielt übrigens auch mit, allerdings nicht als krimineller Anwalt, sondern als Polizist.

Insofern kann man sich vielleicht schon ein bisschen auf die nächsten Emmys vorfreuen – da gibt es hoffentlich auch mal was anderes.