13 Reasons Why: Tod einer Schülerin

Eine Serie, um die man derzeit kaum herumkommt, ist die Netflix-Serie 13 Reasons Why – die in der deutschen Version schon mit dem typisch doofen deutschen Titel ist „Tote Mädchen lügen nicht“ abschreckt. (Gibt es eigentlich ein Gesetz, nachdem ausländische Produktionen mit möglichst dummen deutschen Titeln versehen werden müssen? Man könnte fast den Eindruck bekommen…) Nun ist eine Teenie-Serie auch sonst nicht unbedingt meine erste Wahl, zumal meine eigenen Kinder schon wieder aus dem Teenie-Alter heraus sind. Und mit der überall gehypten Teenie-Retro-Serie Stranger Things konnte ich ja auch nichts anfangen.

13 Reasons Why - Bild: Netflix

Bild: Netflix

Deshalb hatte ich mir mit 13 Reasons Why Zeit gelassen – aber nachdem mich inzwischen etliche Leute mit einem ungläubigen „Was, das hast du noch nicht gesehen – aber du hast doch Netflix?!“ überraschten, musste ich dann doch mal reinschauen. Zumal weltweit Pädagogen- und Jugendschutzvereine vor dieser Serie gewarnt haben, was mich neugierig machte: Was kann an einer extra für Jugendliche produzierten Jugendserie denn so schlimm sein, dass Teenager sie sich nicht alleine ansehen sollten?

Nun ja, darüber kann man ganz offensichtlich geteilter Meinung sein. Ansehen kann man sie aber auf jeden Fall, denn die Serie ist alles in allem ziemlich gut – auch wenn ich sie nicht dermaßen verstörend finde. Aber klar, ich bin ja auch kein depressiver Teenager mehr. Das ist schon ziemlich lange her – aber an die Zumutungen, Übergriffe und Verletzungen, denen man als junger Mensch in dieser Welt ausgesetzt ist, erinnere ich mich noch immer sehr genau. Genau dieser Aspekt wird in der Serie auch sehr gut beschrieben, und ich finde genau deswegen sollten sich junge Menschen diese Serie ansehen: Hannahs Schicksal ist nämlich kein extremer Einzelfall, sondern grausame Realität für sehr viele, nur dass nicht alle zu dermaßen extremen Konsequenzen greifen, um den Zumutungen, die das Leben vor allem für die eher Stillen und Reflektierten unter uns bereithält, zu entkommen.

13 Reasons Why - Hannah Baker (Katherine Langford) Bild: Netflix

13 Reasons Why – Hannah Baker (Katherine Langford) Bild: Netflix

In den dreizehn Folgen der ersten Staffel (eine zweite wurde bereits in Auftrag gegeben) wird beschrieben, wie sich der Alltag der eigentlich recht hübschen und intelligenten siebzehnjährigen Hannah Baker innerhalb eines Schuljahres zu einem Alptraum entwickelt, aus dem Hannah schließlich keinen anderen Ausweg mehr findet, als diesem unerträglich gewordenen Leben ein Ende zu setzen, um wieder Souveränität über ihre Handlungen und sich selbst zu gewinnen.

Mein wichtigster Kritikpunkt vorab: Ein Mädchen, das so abgebrüht und raffiniert ist, posthum mit einem Karton voller selbstaufgenommener Kassetten das Leben sämtlicher Menschen in seinem Umfeld zu ruinieren, würde nie und nimmer Selbstmord begehen. Insofern ist ausgerechnet der Hauptcharakter der Serie genau betrachtet nicht besonders glaubwürdig. Eine solche Hannah Baker brächte sich höchstens aus Bosheit um, nicht aber aus Einsamkeit und Verzweiflung. Natürlich verstehe ich den dramaturgischen Kunstgriff des Autors – die Serie beruht auf einem in den USA wohl sehr erfolgreichen Jugendbuches von Jay Asher, das vor zehn Jahren erschienen ist. Hannah kommt eine Doppelrolle zu: Einerseits ist sie die allwissende Erzählerin im Hintergrund, die nach und nach die perfiden Mechanismen in ihrer Umgebung aufdeckt, mit denen die einen den anderen das Leben zur Hölle machen.

13 Reasons Why - Clay Jensen (Dylan Minette) Bild: Netflix

13 Reasons Why – Clay Jensen (Dylan Minette) Bild: Netflix

In ihrer anderen, eigentlichen, Rolle ist Hannah das Opfer von leider ziemlich alltäglichen Mobbingroutinen, die durch das ungünstige Aufeinandertreffen von dummen Spielchen und blöden Zufällen allmählich aus dem Ruder laufen. Hannah will in ihrer neuen Schule einfach dazugehören, Spaß mit Freundinnen haben, die große Liebe ihres Lebens finden und irgendwie diese blöde Schulzeit hinter sich bringen – und um dazuzugehören, muss man immer wieder Dinge tun, die man eigentlich gar nicht tun will. Aber da ist dieser ätzende Gruppenzwang. Und es ergeht den anderen ja nicht besser: Sie alle stehen unter dem Druck, ihren jeweiligen Rollen gerecht werden zu müssen. Und das sind ganz unterschiedliche – die Eltern wollen dieses, die Lehrer jenes, die Freunde noch etwas anderes und das kleine, zarte Ich bleibt irgendwie auf der Strecke, sofern es nicht in der Lage ist, die Ziele der anderen zu den eigenen zu machen.

Beim Ansehen dieser Serie fragte ich mich einmal mehr, wie ich eigentlich meine Schulzeit überlebt habe. Die ist zwar mehr als dreißig Jahre her, aber dermaßen viel hat sich offenbar nicht geändert, klar geht es an einer US-Highschool heutzutage ein bisschen anders zu als an einer deutschen Gesamtschule Anfang der 80er Jahre – vor allem sind durch die allgegenwärtigen Smartphones noch ganz neue und sehr effektive Mobbingmethoden dazugekommen. Aber andererseits ist es dann doch nicht so viel anders: Es gibt die coolen Leute, die auf dem Schulhof das Sagen haben und bestimmen, wer dazu gehört und wer nicht, es gibt die Schläger, denen man besser aus dem Weg geht, es gibt die schüchternen und die trotzigen Verlierer, genau wie es die Streber gibt, die in Ruhe gelassen werden, weil sie die Lieblinge der Lehrer sind, und die Opportunisten, die sich geschickt durchwurschteln, gern auch auf Kosten anderer. Und dann gibt es noch die Mauerblümchen, die in Ruhe gelassen werden, weil sie kaum jemand wahrnimmt.

13  Reasons Why - Hannah und die blöden Jungs

Eins zeigt die Serie jedenfalls ziemlich drastisch: Das Leben eines Teenagers kann eine verwirrende und blutige Hölle sein. Da mussten sich die Serienmacher gar nicht viel ausdenken, sondern einfach nur draufhalten. Auch wenn die Handlung insgesamt zuweilen doch etwas überkonstruiert ist – Hannah hat eigentlich nur Pech mit der Auswahl ihrer Freunde und der einzige Junge an der ganzen Schule, der kein komplettes Arschloch ist, kapiert leider erst zu spät, das er Hannah hätte helfen können. Wobei Clay natürlich selbst auch nur ein verwirrter Teenager ist, der mit seinen widersprüchlichen Gefühlen ebensowenig umgehen kann, wie Hannah das konnte. Und Hannah ist manchmal aber auch ganz schon blöd – ab und zu will man sie einfach an den Schultern packen und zusammenstauchen: Liebe Hannah, jetzt krieg dich mal ein, es geht halt nicht immer nur um dich. Du bist nicht am kompletten Unglück der Welt schuld, manchen Dinge passieren eben. Klar hast du das alles nicht verdient, aber es geht nun mal nicht gerecht in der Welt zu. Das ist beschissen und es ist schwer, damit klar zu kommen, aber genau das musst du lernen. Reg dich auf, okay, aber komm wieder runter und mach weiter. Andern geht es genau schlecht so wie dir. Und die erwarten auch nicht, dass die Welt für sie still steht. Die stehen wieder auf und machen weiter.

13  Reasons Why - Jessica Davis (Alisha Boe) Bild: Netflix

Andererseits ist Hannah aber auch nicht nicht dumm, im Gegenteil,  sie beobachtet sehr genau, was um sie herum vor geht und kann das gut in Worte fassen, etwa beim Info-Tag an ihrer Highschool, bei dem verschiedene Institutionen über all die tollen Möglichkeiten informieren, die den Absolventen nach dem Schulabschluss zur Verfügung stehen: „Nachdem uns jetzt jahrelang gesagt wurde, was wir zu denken haben, wann wir aufs Klo dürfen und wie wir uns benehmen sollen, müssen wir plötzlich total wichtige Entscheidungen ganz allein treffen – woher soll ich denn wissen, was ich später einmal machen will?!“ Zumal Hannah auch schnell realisiert, dass die schier unendliche Anzahl der Möglichkeiten schnell dramatisch eingeschränkt wird, wenn man nicht so die superguten Schulnoten und keine reichen Eltern hat.

Hannahs Eltern kämpfen mit ihrem Drugstore ums Überleben – der übermächtigen Walplex mit längeren Öffnungszeiten und niedrigeren Preisen bedroht ihre Existenz, und die feinfühlige Hannah begreift sich als Teil des Problems und nicht der Lösung: Sie will ihren Eltern nicht auf der Tasche liegen. Und Hannah hat eigentlich ganz liebe Eltern, die zwar ihre Probleme haben, aber vieles für ihre Tochter tun würden, wenn sie nur wüssten, was. Das wiederum ist ein Punkt, den ich gut finde: Hier sind es eben nicht die zu ehrgeizigen oder zu gefühlskalten Eltern, die ihr Kind in den Tod treiben, was ja ein gern bemühtes Klischee ist, wenn Kinder nicht so funktionieren, wie die Gesellschaft das gern hätte. Sondern Hannahs eigentlich sehr wohlmeinende Eltern müssen realisieren, dass ihre Tochter trotz aller Elternliebe ein ganz anderes Leben erlebt und erlitten hat, als sie ihr gewünscht hätten.

13  Reasons Why - Hannahs Eltern (Bryan D'Arcy James als Andy Baker und Kate Walsh als Olivia Baker) Bild: Netflix

Und es werden durchaus auch Versager-Eltern gezeigt, etwa die von Justin Foley, dessen unfähige und labile Mutter unter der Fuchtel ihres neuen Freundes steht, der Justin immer wieder bedroht und schikaniert. Der wiederum deshalb auf seinen reichen Freund und Gönner Bryce Walker angewiesen ist, der Justin zwar mit allem versorgt, was er für den Schulalltag so braucht, sich aber nach und nach als das führende Oberarschloch entpuppt, das Hannah in den Tod getrieben hat. Bryce ist eines von diesen Reichen-Kindern, die denken, dass die ganze Welt nur dazu da ist, ihnen den Hintern abzuputzen. Er nimmt sich einfach, was ihm seiner Ansicht nach zusteht und kommt gar nicht auf die Idee, zu fragen, ob das auch okay ist.

Insgesamt werden eine Menge Klischees bemüht, aber letztlich gibt es diese Typen ja alle wirklich, den verständnisvollen schwulen besten Freund Tony, die ehrgeizige Cheerleader-Tussi Sheri, das rebellische Mädchen Skye, das anders als Hannah zu ihrem Anderssein steht, aber auch die heimliche Lesbe Courtney, die lieber Hannah vor den Bus schubst, als zugeben, dass sie nicht der Norm entspricht, von der sie so viel hält, dass sie quasi über Leichen geht, um sie zu erfüllen. Nicht der Norm zu entsprechen, ist eben ein Makel und der haftet so einigen an, etwa dem schüchternen Stalker Tyler, der seine Unfähigkeit, Anschluss zu finden, damit kompensiert, die anderen zu heimlich beobachten, oder dem Polizistensohn Alex, der gern ein Rebell wäre, sich aber nicht traut, einer zu sein – wobei Alex noch einer von denen ist, die zumindest gelegentlich sagen, was sie wirklich denken. Und dann gibt noch die genau wie Hannah am Leben und an den Jungs verzweifelte Jessica, die anders als Hannah zur Flasche statt zur Rasierklinge greift, weil sie nicht damit klar kommt, dass sie auf einer Party missbraucht wurde. Natürlich ist trinken auch keine Lösung, aber immerhin stirbt sie nicht gleich daran, sondern sie (und ihr Freund) bekommen die Chance, diese Sache zu verarbeiten und zu überwinden. Diese Chance hat sich Hannah genommen, in dem sie sich umgebracht hat.

13  Reasons Why -Tony Padilla (Christian Navarro) und Hannah im Ballkleid Bild: Netflix

Selbstmord wird hier keineswegs glorifiziert, es ist halt keine schöne Sache, jemanden umzubringen, auch wenn der Mörder selbst das Opfer ist. Es wird sehr nüchtern gezeigt, wie Hannah das durchzieht – sie zieht sich sogar extra alte Klamotten an, mit denen sie in die Wanne steigt, weil sie offenbar nicht nackt gefunden werden will. Und es tut weh, als sie sich die Unterarme aufschlitzt, sie macht das aber richtig, nicht quer schneiden, sondern längs, und zwar mehrfach, das ist auch mit den Klingen aus dem Drugstore ihrer Eltern nicht so einfach. Bei der Menge an sehr viel blutigeren Morden, die durchschnittliche Teenager in anderen Serien, Filmen oder Videospielen ohnehin bereits gesehen haben, finde ich es ziemlich heuchlerisch, dass gewisse Menschen nun vor Sorge außer sich sind, dass ausgerechnet diese prosaische Szene dazu führen soll, dass sich reihenweise junge Menschen umbringen – klar, es gibt den Werther-Effekt, aber wer sich umbringen will, findet auch ohne diese Serie Anregungen genug. Ich erinnere mich, dass es zu meiner Schulzeit eine ähnliche Diskussion um die ZDF-Serie Tod eines Schülers gab. Der Sechsteiler zeigte die Geschichte eines vielversprechenden Abiturienten, der sich politisch engagiert und damit seine vorgezeichnete Karriere als Mediziner aufs Spiel setzt – und sich am Ende vor einen Zug wirft, weil sein Leben komplett entgleist ist. Für damalige Verhältnisse revolutionär wird die Handlung immer wieder neu aus einer anderen Perspektive erzählt, aus Sicht der Eltern, der Mitschüler, der Lehrer, der Freundin usw. Ich kann mich erinnern, dass ich damals ziemlich beeindruckt war, aber keineswegs den Impuls hatte, mich vor den nächsten Zug zu werfen.

 

13  Reasons Why - Alex Stendall (Miles Heizer) Bild: Netflix

Aber zurück zu 13 Reasons Why: Immerhin zeigt diese Serie, und vor allem der Teil nach Hannahs Selbstmord, nämlich auch, dass es zahlreiche und sehr einfache Möglichkeiten gibt, es gar nicht so weit kommen zu lassen – in dem man anderen anvertraut, dass es einem gerade nicht gut geht. In dem man genauer hinhört, wenn jemand um Hilfe bittet. In dem man mal nachdenkt, was man da eigentlich tut, wenn man sich über jemand lustig macht. In dem man eingreift, wenn man das Gefühl hat, dass irgendwas nicht stimmt. Hannah wäre vermutlich zu helfen gewesen, wenn irgendwer in ihrem Umfeld ein bisschen aufmerksamer, ein bisschen hartnäckiger gewesen wäre. So ziemlich jeder hätte etwas tun können, hat es aber aus unterschiedlichsten Gründen unterlassen.

Aber letztlich war es eben doch Hannahs Entscheidung, ihr Ding durchzuziehen. Und es wird keineswegs gesagt, dass eine gute Entscheidung oder gar die einzige Lösung gewesen wäre. Sondern es wird ziemlich gut beschrieben, wie ein Mensch überhaupt in eine ausweglos scheinende Sackgasse gerät: Leben ist scheiße. Aber man hat halt kein anderes – also bleibt nur zu versuchen, das beste draus zu machen.

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Disconnect: Die dunklen Seiten des Internet

Das Internet ist nicht nur wahnsinnig praktisch und mittlerweile allgegenwärtig, sondern auch ein sehr gefährliches Ding, dessen Tentakel weit ins reale Leben reichen – und Disconnect ist ein ziemlich guter Film darüber. In mehreren locker verwobenen Handlungssträngen erzählt der Dokumentarfilmer Henry Alex Rubin seinen ersten Spielfilm, der durch Rubins nüchterne Erzählweise beklemmend realistisch daher kommt: Es geht um Minderjährige, die Internetnutzer per Webcam zum Sex und vor allem zum Geldausgeben verführen, um Cybermobbing, Identitätsdiebstahl und nicht zuletzt um die Schwierigkeit, die virtuelle und die echte Welt da draußen auseinander zu halten.

Die Fernsehjournalistin Nina Dunham (Andrea Riseborough) recherchiert im dunkelgrauen Bereich zwischen Cyberporno, Bezahlsex und Kindesmissbrauch – sie nimmt Kontakt mit dem noch minderjährigen Callboy Kyle (Max Thieriot) auf – sie wird daraus eine brisante Geschichte über Porno-Chatrooms stricken, mit der sie groß rauskommt. Aber als sie Kyle wie versprochen aus dieser Szene heraus holen will, wirft der Junge ihr nicht zu unrecht vor, dass sie diejenige sei, die ihn missbrauchen würde, und nicht der windige Chef des Pornohauses, in dem Kyle mit anderen Jugendlichen lebt, die sein Boss von der Straße geholt hat.

Screenshot Disconnect, USA 2013

Screenshot Disconnect, USA 2013 – Kyle (Max Thieriot)

Gleichzeitig wird der 15jährige Ben (Jonah Bobo) von zwei Mitschülern gemobbt – die beiden finden es witzig, dem introvertierten Musikfreak im Chat ein verliebtes Mädchen vorzugaukeln. Ben freut sich, dass es jemanden gibt, dem seine Musik gefällt, er beginnt mit „Jessica“ zu chatten und verliebt sich in seine virtuelle Chatpartnerin. Als sie Ben ein angebliches Nacktfoto von sich schickt, revanchiert er sich mit einem echten Nacktfoto von sich selbst – damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf.

Und natürlich kapiert Bens Vater – ein Anwalt (Jason Bateman), der sein Smartphone auch während der Mahlzeiten nicht aus der Hand legt, erst als es zu spät ist, dass er nichts über seinen Sohn weiß. Immerhin versucht er das nachzuholen, in dem er mit der Chatfreundin seines Sohnes Kontakt aufnimmt – und bekommt nach und nach heraus, was es mit dieser Freundin auf sich hat. Denn einer der Jungs hat ein schlechtes Gewissen und verrät sich – der Chat zwischen dem Vater und einem der Täter, der seinen Sohn in den Selbstmord getrieben hat, gehört für mich zu den stärksten Szenen im Film.

Screenshot Disconnect, USA 2013

Screenshot Disconnect, USA 2013 – Nina Dunham (Andrea Riseborough)

Im Chatroom beginnt auch der Alptraum der Hulls – Cindy (Paula Patton) und Derek (Alexander Skarsgård) haben ein Kind verloren. Während der Ex-Marine Derek sich in seine Arbeit vergräbt und im virtuellen Pokersalon das eine oder andere Spiel verliert, sucht und findet Cindy Trost in einem Selbsthilfeforum. Erst als die Konten leer sind und die Kreditkarten nicht mehr funktionieren, reden die beiden wieder miteinander und engagieren den Privatdetektiv Mike Dixon (Frank Grillo), der auf Computerkriminalität spezialisiert ist. Der wiederum ist alleinerziehender Vater von Jason, einem der beiden Cybermobber, die Ben auf dem Gewissen haben – auch Mike wird also noch Dinge heraus finden müssen, von denen er lieber nichts gewusst hätte.

Screenhot Disconnect, USA 2013 Nina Dunham (Andrea Riseborough)

Screenhot Disconnect, USA 2013 – Nina Dunham (Andrea Riseborough)

Erst ermittelt er allerdings, das der mitfühlende Chatter, dem sich Cindy im Onlineforum anvertraut hat, vermutlich der Datendieb ist. Derek beschließt, sich selbst um diesen Stephen Schumacher (Michael Nyqvist) zu kümmern, weil die Polizei ja eh nichts tut. Gemeinsam mit Cindy späht er Schumacher aus, um Rache zu nehmen – ganz nach alter Schule, in dem er ihm an den Arbeitsplatz folgt und in sein Haus einbricht. Aber am Ende entpuppt sich auch Schumacher als Opfer von Cyberkriminellen.

Man kann dem Film durchaus mangelnde Raffinesse des Plots und Vorhersehbarkeit der Handlung vorwerfen, denn es ist im Grunde bei allen Geschichten klar, worauf sie hinauslaufen – wobei ich das gerade gut finde. Denn es handelt sich nicht um einen klassischen Thriller, sondern um ein nachvollziehbar konstruiertes Psychodrama, das seine Spannung eher aus dem Offensichtlichen bezieht: Dass den meisten Menschen einfach nicht klar ist, dass man es im Internet eben nicht mit dem wahren Leben und realen Menschen, sondern mit virtuellen Identitäten zu tun hat, die vor allem die eigenen Erwartungen spiegeln – man weiß aber nie, wer oder was wirklich dahinter steckt. Und genau wegen dieser Erwartungen und der mangelnden Übereinstimmung mit der Realität schlägt man dann im wahren Leben so hart auf dem Boden der Tatsachen auf.

Screenhot Disconnect, USA 2013  Kyle (Max Thieriot)

Screenhot Disconnect, USA 2013 – Kyle (Max Thieriot)

Natürlich kann man auch im wahren Leben auf Trickbetrüger und Hochstapler hereinfallen – aber im Internet haben diese es sehr viel leichter, schon weil viele Menschen ja ganz wild darauf sind, die ganze Onlinewelt mit jeder Menge Information über sich selbst zu fluten. Insofern ist Disconnect durchaus die Aufforderung, sich mehr um die Kommunikation mit seinen realen Mitmenschen zu kümmern, als sich in virtuellen Welten herumzutreiben, in deren dunklen Ecken allerlei Gefahren lauern – allerdings bleibt die Moralkeule in der Schublade, was ich auch gut finde. Die Schuldfrage wird weder gestellt, noch beantwortet – es werden einfach Geschichten erzählt, die aus dem Leben bzw. aus dem Internet gegriffen sind.

Screenhot Disconnect, USA 2013 Nina Dunham (Andrea Riseborough)

Screenhot Disconnect, USA 2013 – Nina Dunham (Andrea Riseborough)

Es lohnt sich auf jeden Fall, sich diesen Film anzusehen, denn auch wenn man durch den NSA-Skandal und allerlei Datenschutzpannen bei sozialen Netzwerken und Online-Händlern theoretisch weiß, dass es im Internet keine Privatsphäre gibt, wird einem erst beim Ansehen solcher Geschichten wirklich klar, dass es wirklich jeden treffen kann. Dazu kommt, dass hier eine ganze Reihe wirklich guter Schauspieler aufgeboten werden, die ihre Rollen sehr glaubwürdig ausfüllen – mich als Skandinavien-Fan hat natürlich gefreut, dass auch in dieser US-Produktion mit Alexander Skarsgård und Michael Nyqvist eine ordentliche Schwedenquote erreicht wird.