The Killing 4: Der letzte Fall für Linden und Holder

Jetzt ist es schon wieder vorbei, das Wochenende, auf das alle Killies seit Monaten sehnsüchtig gewartet haben: Auf Netflix ist am Freitag die vierte und letzte Staffel von The Killing erschienen. Einerseits liebe ich das Netflix-Modell, eine Staffel komplett verfügbar zu machen, weil man dann mehrere Teile oder gar die komplette Staffel am Stück sehen kann – Binge Watching ist schon mein Ding. Und ich bin ja gerade mit den ganz harten Brocken eingestiegen: Kommissarin Lund – Das Verbrechen war mein erster Binge Watch – da habe ich vor einigen Jahren, als ich über Weihnachten krank war, sämtliche DVDs innerhalb weniger Tage angesehen – und das waren zehn Teile mit jeweils zwei Stunden. Aber ich konnte einfach nicht aufhören. Vielleicht hat diese Serie deshalb so einen Sog bei mir entwickelt.

Denn The Killing Season 4 beruht ja letztlich auch auf dieser Serie, auf die auch immer brav im Vorspann verwiesen wird. Wobei die vierte Staffel von The Killing ja nur aus sechs jeweils knapp einstündige Teile besteht – für einen geübten Binge Watcher ist das ein Klacks. Und obwohl draußen tolles Sommerwetter war und ich auch andere Sachen am Wochenende tun wollte und getan habe – jetzt ist es schon wieder vorbei. Da haben wir auch gleich das Andererseits – das klassische Modell mit jede Woche ein Teil finde ich zwar irgendwie ärgerlich, weil man immer so lange warte muss, bis man erfährt, wie es weiter geht. Aber man hat auch länger was davon.

Screenshot The Killing 4, Sarah Linden (Mireille Enos)

Screenshot The Killing 4, Sarah Linden (Mireille Enos)

The Killing ist jetzt schon wieder vorbei, und zwar für immer. Das ist einerseits schade, weil die Detectives Sarah Linden und Stephen Holder ein gutes Serien-Gespann waren, das von Mireille Enos und Joel Kinnaman auch fantastisch ausgespielt wurde. Andererseits muss man auch wissen, wann Schluss ist. Man kann eine wirklich gute Serie auch killen, in dem man immer noch einen drauf setzt, obwohl die Geschichte längst erzählt ist, wie es bei den letzten beiden Staffeln von Dexter war oder bei den letzten ich weiß nicht wie vielen Staffeln von Emergency Room. Bei beiden Serien waren jeweils die ersten fünf Staffeln großartig und dann ging der Krampf los.

Screenshot The Killing 4, Stephen Holder (Joel Kinnaman)

Screenshot The Killing 4, Stephen Holder (Joel Kinnaman)

The Killing macht diesen Fehler (hoffentlich) nicht. Sowohl das dänische Original, das mit der dritten Staffel beendet wurde, als auch das US-Remake sind jetzt zu Ende – und es wird ja künftig wohl hoffentlich auch weitere tolle Krimi-Serien geben. Wobei Joel Kinnaman ja leider schon verkündet hat, dass er in den nächsten Jahren ganz bestimmt kein Serien-Projekt mehr machen wird, weil man sich damit einfach für sehr lange Zeit auf etwas einlässt, bei dem man nicht weiß, wie es ausgeht.

Eins vorweg: Ich finde die vierte Staffel alles in allem wieder gelungen und mir gefällt, dass The Killing seinem Stil treu geblieben ist: Es gibt immer wieder Bilder von der nebligen, kalten Wald- und Wasserlandschaft im Nordwesten der USA – es könnte auch Skandinavien sein, Meer, Seen und Wald. Natürlich wird auch immer wieder die Skyline von Seattle gezeigt, damit wir nicht vergessen, wo das alles stattfindet. Und auch wenn die Handlung in diesen sechs Teilen sehr dicht ist, gibt es immer wieder ruhige Sequenzen, eine gewisse Langsamkeit, die ich durchaus schätze, weil mir viele neue Serien oft zu hektisch geschnitten sind. Also nichts gegen schnelle Sequenzen, Zeitraffer und Zusammenfassungen aller Art – finde ich super. Da, wo es angebracht ist. Aber man muss auch mal eine längere Einstellung aushalten können, wenn es wichtig ist. In The Killing gibt es immer wieder viel Action, dazwischen eben aber auch Atempausen – gerade, wenn die Ermittler nicht weiter kommen und sich wieder und wieder und wieder mit den selben Details beschäftigen müssen, weil sie vielleicht etwas über sehen haben und natürlich mit sich selbst – das ist ja das andere große Thema dieser Serie.

Screenhot The Killing 4 Landschaft

Screenshot The Killing 4: Die Landschaft zur Serie

So, und jetzt geht es los mit den Spoilern, das ist aber nicht zu vermeiden. Das Unerträgliche an der dritten Staffel war ja, dass es kein Ende im eigentlich Sinne gab: Sarah Linden findet heraus, das ausgerechnet ihr Vorgesetzter Lieutenant Skinner, mit dem sie gerade auch noch eine alte Affäre aufgefrischt hat, der Mädchenmörder ist, nach dem sie und ihr Partner Holder gesucht haben. Holder kriegt das ebenfalls heraus und versucht, Sarah zu finden, die mit Skinner unterwegs ist, weil sie hofft, damit ein weiteres Kind, das vor Jahren zufällig Zeuge eines Mordfalls geworden ist, zu retten. Holder findet die beiden, kann aber nicht verhindern, dass Sarah, wütend und verletzt, Skinner abknallt. Wir hören ihn nur aus dem Off: „No no no no no.“ Und dann ist Schluss.

Zu Beginn der vierten Staffel erfahren wir, dass Holder Sarah geholfen hat, die Leiche zu beseitigen. Er hat sich also entschieden, Sarah zu decken. Keine gute Entscheidung für jemand, der sich auch dafür entschieden hat, ein guter Cop werden zu wollen. Denn wie wir aus den Staffeln zuvor wissen, hat auch Holder eine Vergangenheit: Als Undercover-Ermittler für das Drogendezernat ist er auf Meth hängen geblieben und nur weil sich sein damaliger Lieutenant sehr für ihn eingesetzt hat und Holder brav zu seinen NA-Treffen gegangen und weitgehend clean geblieben ist, hat er überhaupt eine Chance bei der Mordkommission bekommen. Holder kapiert durchaus, dass das eine ziemlich einmalige Chance ist, und hängt sich entsprechend rein – und er ist der einzige, der noch mit dieser verschrobenen Linden klar kommt. Die beiden Außenseiter im Polizeidienst werden letztlich ziemlich beste Freunde, die sich aufeinander verlassen können – davon lebt die dritte Staffel.

Screenhot The Killing 4: Holden und Linden bei der Arbeit

Screenhot The Killing 4: Holden und Linden bei der Arbeit

In der vierten Staffel wird genau das auf die Probe gestellt – jetzt müssen die beiden zusammenhalten, wenn sie irgendeine Chance haben wollen. Nur sie wissen, was mit Skinner passiert ist. Was insbesondere Holder vor Konflikte stellt: Er hat Linden ja nur geholfen, Skinner zu beseitigen, er hat ihn nicht getötet. Aber er schätzt Linden und er findet, dass Skinner bekommen hat, was er verdient hat. Und er will einfach nur ein guter Mensch sein – genau das, was ihm niemand zugetraut. Außer Linden und seiner Freundin Caroline, die jetzt auch noch schwanger ist. Und das selbst auch gar nicht so gut findet. Ausgerechnet Holder beschließt dann aber, endlich bürgerlich und ein guter Vater werden zu wollen. Was Caroline natürlich gefällt, Holder aber noch tiefer in die Zwickmühle bringt: Jetzt darf er sich auf gar keinen Fall erwischen lassen. Und entsprechend muss er Linden zusammenscheißen, die langsam die Nerven verliert.

Screenhot The Killing 4: Sarah Linden und ein besonders schöner Strickpulli.

Screenhot The Killing 4: Sarah Linden und ein besonders schöner Strickpulli.

Denn der neue Fall hat es in sich: Eine Familie wurde komplett ausgelöscht, jedenfalls fast. Nur der Sohn überlebt das Massaker schwer verletzt. Ihm wurde in den Kopf geschossen. Aber vielleicht hat er es auch selbst getan und vorher seine Familie erschossen. Die Spurenlage ist nicht eindeutig, mehrere Szenarien sind denkbar. Und natürlich ist klar, dass da Leichen im Keller liegen müssen – eine unbescholtene, anerkannte, reiche Familie mit vorbildlichem Familienleben. So etwas gibt es einfach nicht. Oder wie Linden sagt: Anyone makes mistakes. Und natürlich werden die Fehler nach und nach sichtbar. Auch die, die Linden und Holder machen.

Screenhot The Killing 4: Holder

Screenhot The Killing 4: Holder

Linden, die Holder nicht mehr traut, ohne zu ahnen, was er ihretwegen durch macht, gerade weil er sie nicht verraten will. Linden spinnt in ihrer Sarah-gegen-den-Rest-der-Welt-Tour mal wieder vor sich hin und kriegt erst nach mehreren Winks mit dem ganzen Gartenzaun mit, dass es durchaus Menschen gibt, denen sie nicht egal ist, wobei sie gerade denen immer wieder vors Schienbein tritt – ihrem Sohn und eben Holder.

Screenhot The Killing 4: Ein Familienfoto der Opfer

Screenhot The Killing 4: Ein Familienfoto der Opfer

Holder, der rückfällig wird, weil er Caroline nicht sagen kann und will, warum er so neben der Spur ist, wo er doch eigentlich gerade entschieden hat, eben nicht mehr neben der Spur sein zu wollen. Natürlich ist es Linden, die als erste darauf kommt, dass er wieder Meth nimmt – sie kennt ihn inzwischen zu gut, auch wenn sie das Entscheidende nicht erkennt, nämlich, dass er sie nicht verraten hat. Und so lösen sie auch diesen wirklich fiesen Fall, auch wenn sie zum Schluss gegeneinander arbeiten. Denn Holder will den wahren Täter nicht in noch einen Fall vertuschen, während Linden sich in diesem Fall an ihre eigene Situation erinnert fühlt: Sowohl als Täterin, die selbst einen Mörder zur Strecke gebracht hat, als auch als Mutter, die ihren Sohn schützen will.

Screenshot The Killing 4, Stephen Holder (Joel Kinnaman) und Caroline (Jewel Staite)

Screenshot The Killing 4, Stephen Holder (Joel Kinnaman) und Caroline (Jewel Staite)

Wobei in dieser Rolle ja ihre Gegenspielerin versagt, Major Margaret Rayne, um deren Sohn es letztlich geht. Genau der vertraut sich Linden schließlich an – er muss einfach los werden, was ihm auf der Seele brennt. Und das bringt Linden dazu, sich ebenfalls zu stellen. Sie gesteht ausgerechnet ihrem verhassten Kollegen Carl Reddick, dass sie James Skinner erschossen hat. Aber so einfach kann es natürlich nicht sein: Die Nachricht, dass ein hochrangiger Police-Officer der lang gesuchte Mädchenmörder ist, ruft höchste politische Kreise auf den Plan. Und Seattles Bürgermeister Darren Richmond greift ein – Sarahs Geständnis wird ihrer in Staffel zwei zutage getretenen psychischen Labilität zugeschrieben. Natürlich kann James Skinner nicht der Mörder sein. Aber er hat sich laut dem offiziellem Obduktionsbericht selbst eine Kugel in den Kopf gejagt – familiäre Probleme. Und damit ist sie keine Mörderin und auch Holder ist aus der Sache raus. Als Mörder der Mädchen, die man in der Nähe von Skinners Leiche gefunden hat, wird ein ohnehin Verdächtiger präsentiert, der es zwar nicht war, aber Arschloch genug ist, um als Täter durchzugehen.

Screenshot The Killing 4: Mit Colonel Margaret Rayne legt man sich besser nicht an.

Screenshot The Killing 4: Mit Colonel Margaret Rayne legt man sich besser nicht an.

Also sozusagen ein unfreiwilliges Happyend. Und weil das schon wieder zu viel ist, geht es auch noch noch ein paar Minuten weiter – wobei ich das dann erstrecht zu viel fand: Linden quittiert den Polizeidienst und geht nach Chicago, um ihrem Sohn näher zu sein. Plausibel, geht okay. Caroline und Holder bekommen eine Tochter, Holder wird liebevoller Wochenend-Vater, denn die Beziehung geht nicht gut – ebenfalls plausibel. Holder quittiert den Polizeidienst und wird Leiter einer Selbsthilfegruppe – total plausibel, was soll er auch sonst tun, wenn er gern Menschen hilft und Verständnis für deren Schwächen hat. Linden kommt nach ein paar Jahren nach Seattle zurück, um Holder endlich zu sagen, dass sie kapiert hat, dass er sie nicht verraten hat, sondern sie bloß blöd war. Geht auch okay. Holder hält Linden einen holderesken Vortrag, findet das alles aber irgendwie gut – erstrecht okay. Und dann fährt Linden weg, wie es halt ihre Art ist, als sture Einzelgängerin. Das wäre ein perfektes Ende gewesen.

Screenhot The Killing 4: Déjà vu - nur dieses Mal ist es Spinners Wagen

Screenhot The Killing 4: Déjà vu – nur dieses Mal ist es Skinners Wagen

Aber nein, sie dreht wieder um. Holder und Linden, echt jetzt? Einerseits logisch, denn die beiden gehören mit ihrem Drang, stets das Gute zu wollen und dann das Böse zu tun, wirklich zusammen. Aber der Zauber dieser Beziehung war ja, das es keine war. Also keine solche.

Also wenn man die letzten paar Minuten weglässt: Super Staffel. Super Serienende.

Ein echtes Highlight für alle, die entnervte Blicke von Joel Kinnaman lieben, denn davon gibt es viele. Das kann der. Auch verzweifelte, verliebte, anteilnehmende, verächtliche, wütende – kucken kann der, dass es eine Pracht ist. Bei Mireille Enos sind es eher die zweifelnden, fragenden Blicke – aber die kann das auch. Dieser ganze spröde, unnahbare Sarah-Linden-Charakter, der einerseits durchaus emphatisch ist, andererseits auch sehr anmaßend – es kommt nicht so häufig vor, dass eine weibliche Hauptfigur so drauf sein darf, das gibt schon mal Bonuspunkte.

The Killing 4 - Bittere Pointe: Der erste Fall von Holder und Linden fing mit einer Leiche in einem versenkten Auto an...

The Killing 4 – Bittere Pointe: Der erste Fall von Holder und Linden fing mit einer Leiche in einem versenkten Auto an…

Und dann natürlich die Ermittlung in einer Militär-Akademie, wo die Reichen ihre missratenen Sprösslinge abladen, damit sie wieder zurecht gedrillt werden – diese Welt aus Disziplin und Gehorsam ist sowohl für Linden als auch für Holder eine einzige Provokation, denn mit Autoritäten und mit Disziplin haben die beiden bekanntlich jeweils Probleme. Auch wenn sie als Ermittler dann doch wieder unglaublich viel Disziplin entwickeln und sich buchstäblich durch jede Scheiße wühlen, um den Fall aufzuklären – etwa in dem sie Waschräume und Toiletten von Tankstellen im Umkreis des Tatortes durchsuchen, weil sich der blutbespritzte Täter dort gesäubert haben muss. Doch, das war wieder richtig gut, da kann man ein paar Sentimentalitäten zu viel durchaus verzeihen.

The Killing: Die US-Version von Kommissarin Lund

Das Seriensehen ist ein harter Job, aber einer muss ihn ja machen. Die Weihnachts-Feiertage habe ich genutzt, um mir endlich die Neuverfilmung von „Das Verbrechen“ (im Original „Forbrydelsen“) anzuschauen. Die Serie um die dänische Kommissarin Sarah Lund ist die Mutter aller Ein-Fall-Mehrteiler. In Deutschland wurde die eigentlich als 22-Teiler konzipierte Serie als Zehnteiler mit jeweils fast zweistündigen Folgen ausgestrahlt.

Es geht um den Mord an der 19-jähringen Schülerin Nanna Birk Larsen, deren blutverschmierte Kleider ausgerechnet am letzten Arbeitstag von Sarah Lund gefunden werden. Zusammen mit ihrem Kollegen Jan Meyer, der Sarahs Nachfolger werden soll, nimmt Sarah die Ermittlungen auf. Auf Lunds Initiative hin wird Nannas Leiche im Kofferraum eines Wagens gefunden, der in einem Gewässer in der Nähe versenkt wurde. Damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf, denn der Fall ist kompliziert und treibt auch die erfahrene, hartnäckige Sarah Lund an ihre Grenzen. Sie setzt ihre neues Leben in Schweden, ihre Beziehung und ihre Karriere bei der Polizei aufs Spiel, um den Fall zu lösen.

Das Verbrechen: Kommissarin  Lund und ihr Kolleg Ja Meyer. Bild: zdf via arte.tv

Das Verbrechen: Kommissarin Lund und ihr Kollege Jan Meyer. Bild: zdf via arte.tv

Was mir an der Serie gut gefallen hat, war die Komplexität: es geht eben nicht nur um die Polizeiarbeit, obwohl die auch einen breiten Raum einnimmt. Außerdem hat Sarah es mit ihrer Art und ihren Methoden nicht gerade leicht mit Kollegen und Vorgesetzten. Sondern es wird auch gezeigt, wie die Familie des Opfers leidet – der Vater und ein Mitarbeiter seiner Umzugsfirma geraten zeitweise selbst in Verdacht, dann gibt es noch den Politiker, in dessen Wahlkampfwagen die Leiche gefunden wurde und entsprechend allerlei politische Verwicklungen, einen sehr wohlmeinenden Lehrer, verdächtige Mitschüler, einen Polizisten, der unter mysteriösen Umständen stirbt und schließlich stellt sich auch noch heraus, dass Nanna wohl einen älteren Freund gehabt hat – Spuren ohne Ende, aber wie gehört das alles zusammen? Kollege Jan überwindet seine anfängliche Abneigung gegen Sarah und findet heraus, dass Beweise manipuliert wurden wurden. Als die beiden eine neue Spur verfolgen, wird Meyer angeschossen und stirbt später an seinen Verletzungen. Gegen Lund wird nun ermittelt, ihr wird unterstellt, für den Tod ihres Kollegen verantwortlich zu sein. Nach dem sie mit der Hilfe ihres ehemaligen Freundes aus der Psychiatrie entkommen kann, wird im ganzen Land nach ihr gefahndet. Aber sie ist endlich auf der richtigen Spur und die Auflösung ist dann noch einmal richtig gemein.

Weil die Serie so vielschichtig ist, lohnt es sich auf jeden Fall, sich sie mehr als einmal anzusehen – allerdings kostet das Zeit. Insofern fand ich einen guten Kompromiss, mir einfach die US-Version anzuschauen – die Macher von The Killing haben sich relativ eng an die dänische Vorlage gehalten, auch wenn sie ihrer Kommissarin Linden eine größere Auswahl handgestrickter Wollpullover zugestanden haben. Das Seattle, das hier gezeigt wird, wirkt so düster und grau wie Kopenhagen im tiefsten Winter. Es regnet eigentlich immer. Mireille Enos ist als Sarah Linden genauso großartig wie Sofie Gråbøl als Sarah Lund. Sofie Gråbøl hat in The Killing übrigens einen kurzen Gastauftritt in der zweiten Folge der zweiten Staffel. Sie spielt die Staatsanwältin Nielsen, von der Linden einen Gefallen einfordert – natürlich ohne sich zu bedanken, ganz im muffeligen Lund-Stil. Die Handlung der ersten Staffel von Kommissarin Lund wurde in der US-Version über zwei Staffeln gestreckt, die Gesamtdauer ist vergleichbar.

The Killing: Stephen Holder und Sarah Linden

The Killing: Stephen Holder und Sarah Linden – Screenshot von amctv.com

Die eigentliche Überraschung der US-Version ist Detective Stephen Holder. Hier haben die Amis für den skandinavischen Touch extra den schwedischen Schaupieler Joel Kinnaman verpflichtet – der allerdings viel weniger skandinavisch wirkt aus die rotblonde Hauptdarstellerin. Vizekommissar Jan Meyer, gespielt von Søren Malling, ist schon im Original eine durchaus interessante Figur, ständig hin-und-her-gerissen zwischen dem Frust über diese dickköpfige Sarah Lund, die einfach die Zügel nicht aus der Hand gibt, und der zunehmenden Hochachtung vor ihrem Talent. Er selbst ist ja auch nicht der korrekteste aller Bullen, aber halt ein guter Spürhund mit einem gewissen Gerechtigkeits-fimmel. Leider muss er das mit seinem Leben bezahlen.

Für Stephen Holder sieht es am Anfang noch schlechter aus, Linden lässt keinen Zweifel daran, dass sie diesen Typ nicht für voll nimmt. („You dress like Justin Bieber and you eat pork rinds for dinner.“) Holder sieht allerdings auch über die ersten beiden Staffeln hinweg in jeder Folge so aus, als hätte er nachts unter einer Brücke gepennt. Als sein Lieutenant ihn auffordert, endlich mal korrekt gekleidet zum Dienst zu erscheinen, wirken Anzug und Krawatte an diesem Typ so lächerlich, dass man froh ist, als er wieder im gewohnten Kapuzenpulli und der in den Kniekehlen hängenden Jeans auftaucht. Aber so sehr Linden Holder auch schikaniert, er ist nicht klein zu kriegen. Im Gegenteil lässt er Linden an seinen auf der Straße und vom Discovery-Channel erworbenen Weisheiten teilhaben.

Holder darf auch in der dritten Staffel von The Killing gemeinsam mit Sarah Linden ermitteln.

Holder darf auch in der dritten Staffel von The Killing gemeinsam mit Sarah Linden ermitteln. Screenshot von amctv.com

Holder ist ein Straßenkind, ein ehemaliger Junkie, der Zeuginnen zum Reden bringt, in dem er sie an seinem Joint ziehen lässt („Relax Mom, it’s narcscent“ erklärt er Linden später) aber wie sich heraus stellt, genau wie Linden ein hartnäckiger Ermittler mit einem Gespür für Details. Er ist letztlich auch der einzige, der Lindens Kaputtheit erträgt. Anders als die dänische Sarah Lund, die ja immerhin eine besorgte Mutter hat, bei der sie ihren halbwüchsigen Sohn parken kann, wurde Sarah Linden von einer Pflegefamilie an die nächste weitergereicht, was ihre seltsam mangelhafte Sozialkompetenz erklärt. Dieses ganze Familien-Ding fällt ihr schwer – was Holder immer wieder ironisch, aber verständnisvoll kommentiert, schließlich hatte auch er eine kaputte Kindheit. Holder hat auch ein Herz für Jack, den Sohn, um den Sarah Linden zwar wie eine Löwin kämpft, den sie aber gleichzeitig immer wieder wegen ihres Jobs vernachlässigt. Insofern ist es mehr als okay, dass Holder mehr Glück als sein dänischer Kollege Meyer hat. Er muss im Laufe der Ermittlungen zwar auch ziemlich was einstecken, aber er überlebt das Schlamassel, in das er wegen seiner inoffiziellen Ermittlungen mit der vom Dienst suspendierten Linden geraten ist. Das ist auch gut so, denn die dritte Staffel für ohne Detective Holder definitiv keinen Spaß machen.

Fazit: Warum sollte man sich eine neue Serie ausdenken, wenn es doch schon ein sehr gutes Drehbuch gibt, das bereits einmal funktioniert hat? Insofern schreibt The Killing anders als Das Verbrechen kein neues Kapitel in der Serien-Geschichte, bietet aber solide Unterhaltung für Krimi-Freunde, die sowohl den kühlen skandinavischen Blick auf schrecklichste Verbrechen, als auch die amerikanische (Selbst)-Ironie schätzen, mit der dieses Remake angereichert wurde.

Eine kleine Kostprobe typischer Holderismen gibt es auf youtube: