4 Blocks: Spannende Reportage aus der Parallelgesellschaft

Nachdem ich in der letzten Zeit viel darüber gejammert habe, dass es seit Jahren keine gute deutsche Serie mehr gegeben hat, kann ich jetzt berichten, dass es in diesem Jahr endlich wieder etwas Sehenswertes gibt: TNT Serie hat mit dem Gangster-Drama
4 Blocks tatsächlich etwas hingekriegt, an dem ZDFneo mit seiner Produktion Tempel ja leider kläglich gescheitert ist: Einen spannenden Mehrteiler nämlich, der ästhetisch und inhaltlich auf der Höhe der Zeit ist und tatsächlich etwas Neues über die Berliner Unterwelt erzählt, statt zum x-ten Male ausgelatschte Klischees neu zu bebildern. Hier geht es um den Aufstieg arabischer Klans, die inzwischen in einigen Berliner Bezirken das Sagen haben.

Der Libanese Ali Hamadi (Kida Khodr Ramadan), genannt „Toni“ – ob da wohl jemand an Tony Soprano gedacht hat? – lebt seit 26 Jahren in Berlin. Eigentlich wollen er und noch viel mehr seine treue und gläubige Frau Kalila (Maryam Zaree) nur gute deutsche Staatsbürger werden: Bald sollen sie endlich deutsche Pässe bekommen, und damit auch die entsprechenden Möglichkeiten, legal Geschäfte zu machen. Toni macht offiziell in Immobilien und liebt seine Frau und seine achtjährige Tochter, die er durchaus ermutigt, sich gegen die fiesen Jungs im Kiez zu behaupten. Die zum Beispiel der Ansicht sind, dass arabische Mädchen nicht Fahrrad fahren sollten. Und schon gar nicht unbegleitet.

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan)

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) Bild: 4-blocks.de

Aber Toni wird immer wieder in die kriminellen Geschäfte seines chaotischen Bruders Abbas gezogen, der findet, dass sein großer Bruder, seit er Frau und Kind hat, ein echter Waschlappen geworden ist. Toni hat zwar mit vielen dreckigen Geschäften Geld verdient, aber sein Geschäftsgrundsatz ist klar: „Wir sind keine Mörder!“ Und daran hält er sich. Vor allem bringt man keine Polizisten um, denn das bringt viel zu viel Ärger. Abbas hingegen hält sich nicht daran, er hat einfach zu viel von dem Stolz, den er an seinem großen Bruder vermisst und baut immer wieder scheiße, weshalb Toni sich nicht wie geplant ins legale Familiengeschäft zurückziehen kann. Zum Glück taucht Tonis alter Kumpel Vince auf, den er seit Ewigkeiten nicht gesehen hat.

Vince hat offensichtlich eine kriminelle Neuköllner Kiezvergangenheit – und kehrt nun nach längerer Abwesenheit in sein Heimatrevier zurück. Was Toni nicht weiß: Vince ist ein V-Mann, ein Informant, den die Polizei gezielt auf Toni angesetzt hat, damit er in den inneren Zirkel des abgeschotteten Araber-Klans eindringen kann – denn aus dieser Welt dringen kaum Informationen nach außen, so dass die Ermittlungsbehörden seit Jahren im Dunkeln tappen.

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) und sein Bruder Abbas (Veysel Gelin)

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) und sein Bruder Abbas (Veysel Gelin)eBild: 4-blocks.d

Und Vince ist ziemlich gut: Er hat einerseits den nötigen Stallgeruch, er kennt Toni und seine Familie von früher, andererseits hat er aber auch ein intaktes Unrechtsbewusstsein, viel Einfühlungsvermögen und gute Nerven – Toni führt Vince zu Abbas Ärger in die engeren Familienkreise ein und Vince bewährt sich, er übernimmt die dreckigen Jobs, die Toni seiner Familie wegen nicht mehr selbst machen will, für die Abbas aber ungeeignet ist. Denn Toni ist sehr daran gelegen, unter dem Radar zu bleiben, er weiß, dass er sich keinen Ärger leisten kann.

Mich erinnert das alles sehr an Undercover, jene bulgarische Serie, in der ein Informant in die bulgarische Mafia eingeschleust wird – diese Serie ist übrigens ebenfalls ein echter Geheimtipp. Aber es gibt auch Anklänge an die italienische Mafia-Serie Gomorrha, das israelische Undercover-Drama Fauda und nicht zuletzt einen Schuss Sons of Anarchy.

4 Blocks ist eine interessante Milieustudie einer gegen Fremde abgeschotteten Parallelgesellschaft, die sich in den bisher vernachlässigten Vierteln von Berlin (und anderen deutschen Großstädten) entwickelt hat und erzählt die Geschichte der Familie Hamady, eines jener berüchtigten arabischen Clans, von denen in letzter Zeit sehr viel die Rede ist: Wie bereits in den Herkunftsländern ist die Familie oft die einzige ökonomische und soziale Absicherung für ihre Mitglieder – und die sind zahlreich. Die Familie ist für diese Menschen die einzige Instanz, die zählt. Gut ist, was das Ansehen und den Reichtum der Familie mehrt, alles andere ist schlecht oder interessiert bestenfalls nicht. Was nicht heißt, dass es innerhalb der Familien keine Konflikte gibt – aber die werden untereinander geregelt. Und gegen alle anderen hält die Familie zusammen.

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan), Vince Kerner (Frederick Lau) und Abbas (Veysel Gelin)

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan), Vince Kerner (Frederick Lau) und Abbas (Veysel Gelin) Bild: 4-blocks.de

Diese Parallelgesellschaften sind auch ein Produkt verfehlter Politik im Umgang mit Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen und komplett misslungener, oder eigentlich eher gar nicht erst versuchter Integration dieser Menschen in das hiesige Gesellschaftssystem: Weil es für die oft nur geduldeten ehemaligen Flüchtlinge extrem schwierig war und ist, an legale Jobs zu kommen, haben sie sich eben mit den illegalen Möglichkeiten der Geldbeschaffung befasst und sind mittlerweile in so ziemlichen allen Bereichen der organisierten Kriminalität vertreten, vom Drogenhandel über Prostitution, Schutzgelderpressung, windige Immobiliengeschäfte, Versicherungsbetrug und dergleichen mehr.

Und so behalten sie oft auch die patriarchalisch geprägten Strukturen ihrer Herkunftsgesellschaften bei: Die Männer haben das Sagen, die Frauen unterstützen ihre Männer. Erstrecht, wenn sie Unterstützung brauchen – als Tonis nicht ganz so heller Schwager Latif ins Gefängnis kommt, ist seine Frau Amara natürlich erstmal sauer auf ihn – aber ihre Schwägerin Kalila überzeugt sie, dass sie nun erstrecht für ihren Mann da sein müsse. Und natürlich nimmt Abbas Amara und ihren Sohn bei sich zu Hause auf – es muss ja alles seine Ordnung haben. Amara ist von der Lösung wenig begeistert, denn Abbas nervt mit seinem Kontrollwahn – aber eine gute arabische Frau fügt sich in ihr Schicksal. Interessanterweise hat Abbas aber eine Frau aus einem anderen Kulturkreis auserwählt – er ist mit der ehemaligen Prostituierten Ewa zusammen, die aus Polen kommt. Und Ewa tut sich schwer damit, die Regeln der Familie Hamady zu akzeptieren – etwa, sich nicht einzumischen, wenn die Männer etwas untereinander zu bereden haben. Und das es beim Shoppen keinen Schampus, ja nicht mal Prosecco gibt.

4 Blocks: Amara (Almila Bagriacik) und Vince (Frederick Lau)  Bild: 4-blocks.de

4 Blocks: Amara (Almila Bagriacik) und Vince (Frederick Lau) Bild: 4-blocks.de

Auch die Welt der Hamadys ist in mehrere Sphären getrennt – nach innen gibt es spießiges Familienglück, nach außen hartes kriminelles Tagesgeschäft. Regisseur Marvin Kren und sein Kameramann Moritz Schultheiß finden dazu die passenden Bilder – allein der Auftakt in der High-Deck-Siedlung nahe der Sonnenallee in Neukölln ist grandios: In der einstmals als progressiven Sozialbau konzipierten Beton-Kulisse eines heruntergekommenen Berliner Slums (hier ist es fast so schön wie in der neapolitanischen Beton-Sünde, die in Gomorrha eine heimliche Hauptrolle spielt) verfolgen überforderte Polizeibeamte einen ausländischen Drogendealer, der einen Trainingsanzug mit den Insignien der deutschen Fußball-Nationalmannschaft trägt. Auf der oberen Ebene rotten sich Jugendliche zusammen – die Fronten sind klar: Alle gegen die Polizei. Die ihren Einsatz angesichts der eindeutigen Übermacht abbrechen muss – dieser Block ist eine NoGo-Area, soviel ist klar, zumindest für die Polizei.

Und nicht nur in der Bildsprache wird viel zitiert und auf anderes verwiesen. Mir gefällt die Art, in der das umgesetzt wird, sehr gut. Nichts ist mariniert, es ist eher augenzwinkerndes Understatement, das die Geschichte illustriert, zum Teil tatsächlich ziemlich komisch ist und mich schon deshalb nicht nervt. Wobei ich weiß, dass das Geschmacksache ist, aber ich hatte bei den drei Folgen, die ich bisher sehen konnte, viel Spaß daran. Die erste Staffel hat sechs Teile und die gute Nachricht ist, dass eine zweite Staffel bereits bestellt ist. Ich bin sehr gespannt.

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Alle Himmel sind gleich – aber manche sind gleicher

Das ZDF wollte mal wieder Geschichte schreiben – und weil die jüngere deutsche Geschichte vor allem eine Geschichte über die deutsche Teilung ist, geht es in dem ZDF-Dreiteiler Der gleiche Himmel um Stasispione und ihre ebenso weiblichen wie westlichen Zielpersonen, denen sie Geheimnisse über die militärische und politische Lage des feindlichen Lagers entlocken sollen. Und darum, dass es im Westen halt schöner, bunter und in jeder Beziehung besser war als im grauen, freudlosen Osten. In dem zwar keiner Not leiden, aber dafür alle den Mund halten mussten. Und um ein dunkle west-östliche Familiengeschichte, die ebenso gnadenlos überkonsturiert wie absurd ist. Doch eins nach dem anderen.

Zu meiner eigenen Überraschung hatte ich nicht, wie sonst oft das Bedürfnis, nach zehn Minuten anzuschalten bzw. das Programm zu wechseln. Was aber nicht daran lag, dass das ZDF plötzlich die Kurve gekriegt hätte und auf einmal Mehrteiler produzieren würde, die tief, subtil und überraschend gut wären. Ich würde es eher mit Faszination des Grauens überschreiben, denn Der gleiche Himmel bietet genau die Holzhammer-Kost, die man von diesem Sender gewohnt ist. Natürlich konnte ich mir nicht alle drei Teile am Stück reinziehen, sondern immer nur einen pro Abend, aber das war ganz gut auszuhalten, schon weil sich das deutsche Fernsehen immer dermaßen viel Mühe mit der Ausstattung gibt – die 70er Jahre sahen tatsächlich ungefähr so aus wie jetzt im Fernsehen. Ich weiß das, denn 1974, dem Jahr, in dem die Agentenoper spielt, bin ich in die erste Klasse gekommen. In der BRD allerdings, also da, wo die Leute VW-Käfer, R4 oder Mercedes fuhren, nicht in Trabbi-Land.

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Friederike Echt), Lars Weber (Tom Schilling) Laure Faber (Sofia Helen) Ralf Müller (Ben Becker) Bild: zdf

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Friederike Becht), Lars Weber (Tom Schilling) Laure Faber (Sofia Helen) Ralf Müller (Ben Becker) Bild: zdf

Der Anfang der Handlung so holzhammermäßig, dass es schon fast Richtung Satire geht, und da bin ich ja gleich dabei. Leider ging es nicht so lustig weiter. Aber wenn der Stasiausbilder seinen Stasischülern, die alle brav wie Erstklässler an ihren hölzernen Pulten sitzen, erklärt, wie eine Frau tickt, präziser: Wie das weibliche Hirn funktioniert, dann weiß er, wovon er spricht. Denn die Frauen werden sich später netterweise genau an dieses Drehbuch halten, womit die Mission des aufstrebenden Stasischülers dann irgendwie auch erfolgreich ist, wobei mir gerade auffällt, dass für die Geschichte erstaunlich egal ist, was da an Informationen eigentlich abgeschöpft werden soll.

Aber zurück auf die Schulbank für angehende Ost-Spione. Gute Sozialisten wissen: Frauen haben durchaus ein Gehirn! Aber auch die bestausgebildetsten Datenanalystinnen der westlichen Welt sind eben Frauen. Und die werden, so ist das bei Frauen nun einmal,  von ihren Emotionen gesteuert, also rechte Hirnhälfte, die wiederum für das linke Auge zuständig ist. Über das linke Auge der jeweiligen Frau hat der findige Romeo-Agent quasi den direkten Zugriff auf das westliche Datencenter. Jetzt gilt es also nur noch die richtigen Passwörter zu finden, mit denen die jeweilige Alte zu knacken ist.

Das ist tatsächlich so schlecht, dass es schon wieder gut ist, nur ist dieser Scheiß kein Privileg sozialistischer Ideologie, auch die Westler befleißigen sich bis heute idiotischer Modelle aller Art, um die Welt zu erklären und zu beherrschen – aber ich schweife schon wieder ab. Tatsächlich habe ich mit das alles auch deshalb angesehen, weil ich Tom Schilling als Schauspieler wirklich gut finde, auch wenn ich ihn für diese Rolle inzwischen doch zu alt fand – aber, wie er als Agent erklärt: „Vielleicht bin ich eine alte Seele.“ Wie ein 25jähriger sieht er tatsächlich nicht mehr aus.

Der erste Schritt für Lars Weber (Tom Schilling) ist getan: Er hat seine

Der erste Schritt für Lars Weber (Tom Schilling) ist getan: Er hat seine „West-Wohnung“ bezogen. Wird er seinen Auftrag erfolgreich abschließen können? Bild: zdf

Und ich mag auch Sofia Helin, die seine Zielperson Lauren Faber spielt. Als leicht autistische Kommissarin hat sie mir in Die Brücke wirklich gut gefallen. Natürlich ist sie auch als Lauren Faber überzeugend – eine alleinerziehende Mutter eines 17jährigen, ziemlich missratenen Sohnes, die für den britischen Geheimdienst arbeitet. Der sie wiederum auf dem Teufelsberg einsetzt, einer US-Abhörstation in Westberlin, mit der die NSA nicht nur den Osten, sondern auch den Westen belauscht.

Für ihre Figur haben sich die Serienmacher wenigstens eine halbwegs glaubhafte Legende ausgedacht – Lauren ist schwedisch-britischer Herkunft und hat einen Deutschen geheiratet. Das erklärt, warum sie sowohl perfekt Englisch, als auch Deutsch spricht – Deutsch allerdings mit leichtem schwedischen Akzent. Ihr Mann hat sie aber mit dem Kind sitzen lassen und sich wieder nach Westdeutschland verdrückt, ihr Sohn pubertiert wüst vor sich hin.

Lauren macht ihren Job natürlich gut, sie ist erfahren, umsichtig und pflichtbewusst – genau deshalb fühlt sie sich als Mutter als Versagerin. Was ihr Sohn natürlich ausnutzt: Er beklaut sein Mutter und verkifft das Geld, hört gern laut Musik und sperrt sich in sein Zimmer ein, das mit RAF-Fahndungsplakaten geschmückt ist – ziemlich normaler 70er-Jahre-Teenie würd ich mal sagen, aber für eine Frau wie Lauren ist das alles wirklich schlimm. Zumal sie ziemlich einsam ist: Außer ihrer jungen Kollegin Sabine Cutter (Frederike Becht) hat sie eigentlich niemand, mit dem sie reden oder sonst irgendwas unternehmen kann. Ein ideales Opfer also für Romeo-Agenten Lars Weber.

Der gleiche Himmel: Lauren (Sofia Helin) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Der gleiche Himmel: Lauren (Sofia Helin) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Aber die Sache läuft aus dem Ruder – Lauren überlebt die Mission nicht. Und Lars wird jetzt auf Sabine angesetzt, die ihm von Anfang an viel besser gefallen hat als die deutlich ältere und weniger attraktive Lauren, die aber genau deshalb ja auch das leichtere Opfer war. Aber Sabine ist praktischerweise die Adoptiv-Tochter eines ranghohen NSA-Offiziers, der mit einer Deutschen verheiratet ist – vermutlich ist das auch der Grund, warum die vergleichsweise junge Sabine schon so einen verantwortungsvollen Job hat. Sie ist das weibliche, westliche Gegenstück zum Erfolgsossi Lars Weber – ja, und es ist tatsächlich so, wie man jetzt ahnen soll, aber wünscht, dass es eine andere Erklärung geben möge:  Immer wieder wird ein Bild von einer Frau gezeigt, die zwei Säuglinge im Arm hält.

Sowohl in der Plattenbau-Wohnung, die Lars mit seinem Vater Gregor (Jörg Schüttauf) teilt, der ebenfalls bei der Stasi ist, aber sich damit begnügt die Nachbarschaft zu überwachen, als auch in der Villa der Familie Cutter gibt es dieses einen Abzug dieses Fotos. Dagmar Cutter (Claudia Michelsen) ist also Lars’ Mutter, die damals in den Westen abgehauen ist und von der Lars nichts weiß, genau wie er auch nichts von einer Zwillingsschwester weiß. Und Vater Gregor ist zwar der einzige, der von Lars geheimer Mission weiß, aber er weiß offensichtlich auch nicht viel mehr. Dafür ist Gregor der Prototyp des überzeugten Sozialisten, der an den Sieg der guten Sache glaubt und seinen Sohn zu einem guten Staatsbürger erzogen hat – deshalb macht er ja auch den Blockwart (dafür hängt er sich auch gut sichtbar einen großen Feldstecher um den Hals – die Leute sollen durchaus sehen, was er tut) und ermahnt die Menschen, sich nicht vom Westfernsehen verblenden zu lassen. Und er päppelt liebevoll ein Vögelchen auf, das sich den Flügel verletzt hat – schaut ihm aber doch recht nachdenklich hinterher, als es davon fliegt.

Der gleiche Himmel: Gregor Weber (Jörg Schütthauf) Bild: zdf

Der gleiche Himmel: Gregor Weber (Jörg Schütthauf) Bild: zdf

Einerseits ist die Geschichte nicht wirklich schlecht. Wobei die Komplexität dann doch wieder arg gekünstelt ist: Weil Der gleiche Himmel ja mehr sein soll als ein einfach nur weiterer Agententhriller, wird ein Panorama der Zeit aufgespannt – was eigentlich eine gute Idee ist, 1974 war ein interessantes Jahr. Schon wegen der Fußball-WM, in der die DDR die BRD zwar besiegte, die BRD aber trotzdem Weltmeister wurde.

Genau das ist ja das Thema:  Der Osten hat zwar ab und zu mit ach und krach einen Punkt gegen den Westen geholt – aber im Prinzip ist der Westen eben hoffnungslos überlegen, egal wie die Ossis sich abzappeln. Sie haben halt auf das falsche System gesetzt und das wird auch hier wieder ausgiebig in Filmform zelebriert. Einmal mehr wird all das gezeigt, was im Osten so richtig schlecht war: Die Bespitzelung der eigenen Bevölkerung  – was an der DDR zwar ununterbrochen kritisiert wird, im Westen aber, wenn man die Zeichen richtig deutet, ja endlich mal hoffähig werden soll, nur dass es jetzt nicht die Stasi oder der KBG ist, die alle unsere Daten sammeln und auswerten, sondern gute kapitalistische Großkonzerne wie Google, Facebook und Amazon. Deshalb gibt es in Der gleiche Himmel auch die ganzen anderen hässlichen Sachen, Romeo-Agenten für den Westen, Doping von Staats wegen, Fahnenappell und Fahnenflucht, in diesem Fall eine versuchte Republikflucht durch den Bau eines Tunnels vom Osten in den Westen.

Schon irre, was sich die Menschen einfallen lassen, um in den vermeintlich goldenen Westen zu gelangen. In dem aber auch nur mit Wasser gekocht wird – zumindest einer der Agenten sieht das so, der herrlich schmierige, kettenrauchende und Junk-Food fressende Macho Ralf Müller (Ben Becker), der zwar Westberliner ist, aber für die Stasi arbeitet. Weil er halt irgendwie so eine subversive Ader hat, wie er Lars erklärt, als der ihn danach fragt. Besonders nachvollziehbar ist das zwar nicht, aber einer muss den Job ja machen.

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Frederike Echt) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Der gleiche Himmel: Sabine Cutter (Frederike Becht) und Lars (Tom Schilling) Bild: zfd

Andere legen sich lieber krumm oder animieren ihre Kinder, das zu tun – etwa die ehrgeizige Gita Weber (Anja Kling), die Frau von Gregors Bruder Conrad (Godehard Giese), die im Plattenbau gleich nebenan wohnen. Mutter Gita ist so stolz auf ihre Töchter – die ältere soll Medizin studieren, die jüngere, Klara (Stefanie Amarell), schafft die Aufnahme in den Olympia-Kader der Schwimmerinnen. Dort bekommen die Mädchen von ihrem fiesen Trainer Doping-Medikamente, die sie zwar schneller machen, von denen ihnen aber auch Haare auf der Brust wachsen. Aber das Training ist Trainer-Sache, das wird den vielleicht dann doch besorgten Eltern eingetrichtert. Um die Überlegenheit des Sozialismus zu demonstrieren braucht es eben Opferbereitschaft und Goldmedallien.

Ich finde solche Methoden absolut nicht okay und total kritikwürdig – aber interessanterweise ist das Doping-Problem im Leistungssport mit dem Zerfall des Ostblocks nicht verschwunden, es dopen ja bekannterweise auch Athleten des freiheitlichen Westens, nur vermutlich nicht, weil der Trainer es empfiehlt, sondern aufgrund ihrer frei getroffenen Entscheidung, besser als die anderen sein zu wollen. Das ist natürlich etwas ganz anders. Obwohl, das kann und muss man der DDR ankreiden, sie war ja der Staat, der es doch eigentlich besser machen wollte als die auf Ausbeutung abzielenden Kapitalisten, um die Konkurrenz der Einzelnen untereinander zugunsten einer Orientierung auf das Gemeinwohl abzuschaffen. Epic Fail heißt ein solche Versagen heutzutage wohl – in dieser Hinsicht war die DDR tatsächlich ein Failed State. Und überhaupt: Wenn ein Staat glaubt, seine Bürger einsperren zu müssen, damit sie ihm nicht weglaufen und dann nicht selbstkritisch genug ist, zu analysieren warum das der Fall ist und wie man das abstellen kann, dann verdient er eben auch nichts anderes. Das blöde ist nur, dass wir heute keine überhaupt keine Alternative mehr haben.

Axel Lang (Hannes Wegener, r.) erklärt seinen Schülern im Physikunterricht die Auftriebskräfte. Bild: zdf

Axel Lang (Hannes Wegener, r.) erklärt seinen Schülern im Physikunterricht die Auftriebskräfte. Bild: zdf

Und das merkt man eben auch dieser Produktion an: Sie bebildert im Grunde dieses ganze alternativlose Weiter so!, das in Deutschland seit der Jahrtausendwende die Maxime deutscher Politik und damit irgendwie auch gesellschaftlich relevante Handlungsanweisung für uns alle ist. Durch die Demontage wichtiger sozialer Errungenschaften in Ost UND West wurde Deutschland für den Weltmarkt und die Weltpolitik zugerichtet, wir sind wieder wer, nicht nur Fußball- sondern auch Exportweltmeister, verlässlicher NATO-Partner und informelle Führungskraft der EU. Und es ist eigentlich egal, wie „wir“ das geschafft haben – Hauptsache, es geht irgendwie so weiter. Genau so funktioniert das Drehbuch dieser Geschichte hier.

Und da drängen sich Fragen auf, etwa: Wozu das alles, wenn es den meisten Menschen im Lande damit gar nicht gut geht? Der aktuelle Armutbericht der Bundesregierung war ja wieder so desillusionierend, dass er umfassend frisiert werden musste, damit die dafür zuständige SPD-Ministerin damit noch irgendwie leben kann. Interessant natürlich, dass genau dieses Gefühl wieder nur anhand der üblichen Klischees über die untergegangenen DDR gezeigt wird, während im Westen zwar nicht alles gut, aber doch vieles besser ist. Weil es hier Kapitalismus, also Freiheit und Demokratie gibt. Wobei, die DDR hat das „Demokratisch“ sogar in ihrem Namen. Aber das war die falsche Sorte Demokratie, die nämlich ohne Alternative. Oder habe ich da was verwechselt?

Immerhin wird angedeutet dass die NSA mit ihren schicken Lauschantennen auf dem Teufelsberg auch ihre westlichen Verbündeten abhört – auch die Amis verlassen sich auf ihren Lenin: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“

Da sind sich letztlich Stasi-Agent Lars und NSA-Vater Cutter gar nicht so unähnlich. Aber das ist eben auch wieder ein Beispiel für die allgemeine Beliebigkeit an der die ganze Sache krankt: Die Motivation der Charaktere ist jeweils mehr als schematisch. Wir haben den guten Sozialisten Gregor, die verzweifelt um Anerkennung ringende kleine Schwester einer erfolgreichen älteren Tochter und eine auf materielle Vergünstigungen geifernde Mama. Ach ja, einen schwulen Ossi-Lehrer und dessen ebenso schwulen, aber weniger coolen dicken Freund haben wir auch noch, dazu noch ein paar Verschwörer, die abhauen wollen und einen schwulen Ausländer, der irgendwie auf schwule Ossis steht und einfach nur helfen will, aber missverstanden wird.

Klara Weber (Stephanie Amarell, l.), Gita Weber (Anja Kling, M.) und Juliane Weber (Muriel Wimmer, r.) Bild: zdf

Klara Weber (Stephanie Amarell, l.), Gita Weber (Anja Kling, M.) und Juliane Weber (Muriel Wimmer, r.) Bild: zdf

Aber was ist mit den Hauptfiguren? Warum tut Lars das, was er tut? Einerseits wird in dem, was er vor sich hinfaselt, ja eine gewisse Tiefe angedeutet, aber dann entpuppt er sich doch immer wieder als gnadenloser Opportunist, der seine Erfolge genießt und erstaunlich wenig darunter leidet, dass seine erste Zielperson einen frühen und rätselhaften Tod stirbt. Aber dafür kriegt er ja dann auch die schnittige Sabine. Was noch irgendwie okay gehen würde, wenn sie nicht seine Schwester wäre.

Es ist ja nicht so, dass ich gewagte Plotwists prinzipiell ablehnen würde. Elliot Anderson kann sich in Mr. Robot ja auch nicht an seine Schwester Darlene erinnern – die sich aber schon an ihren verrückten Bruder, der halt immer mal wieder wichtige Dinge vergisst. Letztlich erklärt diese Sache ja auch, WIE verrückt Elliott ist und ist insofern wichtig für die Handlung an sich. Aber in Der gleiche Himmel sehe ich das nicht – Lars ist nicht verrückt, er ist einfach gut in seinem Job, und er könnte jede Frau rumkriegen. Warum dann also seine Schwester? Um auszudrücken wie pervers das alles mit der Mauer war? DAS wissen wir doch ohnehin.

Trotzdem liegt Mauerbau im Trend. Liebes ZDF, mach doch mal was Perverses über die USA. Mit Mauer, Sex und NSA. Sollte so schwierig nicht sein.

Mein erstes Jahr mit Netflix

Das erste Jahr mit Netflix ist vorbei – und die Fernsehrevolution hat zumindest bei mir nicht statt gefunden. Aber um fair zu sein muss ich natürlich klar stellen, dass ich auch vor Netflix schon sehr wenig im klassischen Fernsehen angesehen habe – die Sachen, die ich sehen möchte, will ich ohne Werbeunterbrechungen sehen und zwar dann, wenn ich Zeit und Lust dazu habe.

Das bedeutet, dass ich ohnehin fast alle Serien und Filme aufnehme und von Festplatten aus auf meinen noch nicht so richtig smarten, aber streaming-tauglichen Fernseher spiele. Mir zwischen unerträglichen Werbespots eine Serie häppchenweise in den Mund zählen zu lassen ist für mich unvorstellbar. Entsprechend habe ich keine Ahnung, wo in meiner Programmauswahl die Privatsender zu finden sind. Interessiert mich einfach nicht. Und auch die öffentlich-rechtlichen Programme interessieren mich zunehmend weniger, wobei ich ab und zu mal auf Phoenix oder ZDFneo hängen bleibe oder eine Doku auf einem der Dritten ansehe. Gut finde ich vor allem, dass über mein Apple TV neben Netflix jetzt auch die arte-Mediathek abgerufen werden kann. Damit habe ich fast alles, was ich brauche.

Fernsehe - der Imperativ mit der klassischen Note

Fernsehe – der Imperativ mit der klassischen Note


Und nun zu Netflix: Mein Hauptproblem ist, dass ich viele der guten Serien, die es auf Netflix gibt, schon gesehen hatte, bevor Netflix bei uns an den Start gegangen ist. Damit wurde die Sache weniger spannend, auch wenn es natürlich noch einige neue Highlights gibt, etwa Sense8 oder jetzt Narcos. Und ehrlich gesagt finde ich einige der momentan gehypten Netflix-Serien gar nicht so gut – in Orange Is The New Black habe ich mehrfach reingesehen – aber ich finde die Geschichte weder besonders lustig noch sonst bemerkenswert. Auch mit Daredevil oder Hemlock Grove werde ich nicht warm – vielleicht bin ich einfach zu alt dafür. Und die dritte Staffel von Lilyhammer war leider auch enttäuschend, obwohl die ersten beiden Staffeln durchaus ihre Höhepunkte hatten.

Ähnlich geht es mir mit dem Netflix-Flaggschiff House of Cards. Diese Serie finde ich gar nicht schlecht, insbesondere die erste Staffel, aber schon die zweite wurde etwas mühsam und die dritte, nun ja, Lars Mikkelsen als russischer Präsident ist natürlich sehenswert, aber hier wird das Problem, das ich schon mit den ersten beiden Staffeln hatte, nämlich, die Hauptfiguren keine interessante Entwicklung durchmachen, sondern von Anfang an Arschlöcher sind, die nie etwas anderes tun, als sich gegenseitig für die eigenen Ziele zu benutzen, wirklich grundsätzlich: Wie will man die Handlung noch so vorantreiben, dass ein Sog entsteht, wenn die Figuren das nicht leisten können?!

Ich finde Kevin Spacey und Robin Wright toll, aber ihre Charaktere sind einfach nicht so interessant wie Walt und Skyler White in Breaking Bad. Da haben Bryan Cranston und Anna Gunn einfach die besseren Karten gehabt. Da hat mir das andere Flaggschiff Sense8 besser gefallen – obwohl das bestimmt auch nicht jedermanns Sache ist. Aber ich mag nun man die Wachowskis und ich mag Tom Tykwer, und mir gefiel die Idee sehr gut, eine Geschichte mit acht Protagonisten zu machen, die in völlig unterschiedlichen Welten leben, aber auf seltsame Weise miteinander verbunden sind. Auf Narcos bin ich sehr gespannt, aber derzeit habe ich einfach nicht so viel Zeit, weshalb ich derzeit ja auch weniger schreibe.

In der zweiten Reihe gibt es auf Netflix durchaus eine ganze Menge sehenswerter Serien, Luther etwa, The Killing, Broadchurch, Deadwood, Person of Interest, um nur einige zu nennen, ansonsten fand ich einige erfreuliche Überraschungen im Doku-Bereich, etwa Chef’s Table. Bei der Filmauswahl überwiegen eindeutig die Lücken – aber Netflix will nach eigener Aussage ja auch kein Vollsortimenter sein, bei dem es gibt, was es überall sonst auch gibt, sondern Spezialist für besondere Inhalte. Nun ja. Ob das auf Dauer ausreichen wird, um in der Konkurrenz gegen Amazon, Maxdome oder Watchever zu bestehen, bleibt abzuwarten – ich werde mein Netflix-Abo erstmal behalten, zumal ich ja auch Kinder habe, die es intensiv mit nutzen – insofern lohnen sich die 8,99 Euro pro Monat allemal.

Obwohl ich eine Sache ganz schlimm finde: Netflix verweigert hartnäckig den Offline-Modus. Das bedeutet, dass ich mir unterwegs, etwa im Zug, wo die WLAN-Nutzung in absehbarer Zeit ein Glücksspiel mit eher schlechten Chancen bleiben wird, die Sachen, die ich sehen möchte, halt aus anderen Quellen als Netflix besorgen und auf meinen Laptop laden muss – genau, was laut Netflix angeblich zu kompliziert ist. Zu kompliziert für Netflix vielleicht, aber nicht für Serien-Profis, die dann eben auf Alternativen ausweichen. Wenn dann im nächsten Jahr die angekündigte Preiserhöhung auf für Bestandskunden kommt, werde ich gewiss noch einmal drüber nachdenken.

Deutschland 83 – ein Zwischenbericht

Von Deutschland 83 habe ich mittlerweile den 5. Teil Cold Fire gesehen – und die Dinge spitzen sich weiter zu. Martin musste bereits in Northern Wedding seine erste Leiche im Wald begraben – und auch wenn er die NATO-Sekretärin Linda nicht selbst umgebracht hat, so hat er sie doch, genau wie ihm aufgetragen wurde, in seine Mission verwickelt. Als Linda dann entdeckt hat, dass ihr Geliebter ostdeutscher Spion ist, blieb gar keine andere Wahl – Genosse Tischbier, der in Bonn eine Tarnidentität als Politikprofessor hat, musste Martin vor der Enttarnung retten, in dem er Linda überfuhr.

Screenshot  Deutschland 83

Screenshot Deutschland 83

Screenshot  Deutschland 83

Screenshot Deutschland 83

Martin hat jetzt eigentlich die Schnauze voll – aber so wie sich die Dinge entwickeln, bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als weiterhin zu funktionieren, obwohl er eigentlich nur noch aussteigen will. Seine kranke Mutter ist kollabiert, und Martin ist der einzige infrage kommende Spender für die Niere, die Ingrid gend drinbraucht. Also muss er schleunigst nach Ostberlin geschmuggelt werden.

Screenshot  Deutschland 83

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Natürlich sind die Ossis pragmatisch und geben ihm auch noch eine Tasche mit wichtigen Utensilien mit, die er unterwegs übergeben soll: Guten Bohnenkaffee für die Chefs ganz oben und zwei rote Dosen mit entkoffeiniertem Kaffee. „Wie – Kaffee ohne Kaffee?“ fragt Martin – „Genau, damit man gut schlafen kann!“

Screenshot  Deutschland 83

Screenshot Deutschland 83

Es liegt auf der Hand, dass es sich nicht um Kaffee handeln kann – nachdem Martin die Dosen wie angewiesen in Westberlin am Ku’damm übergeben hat, gibt es eine gewaltige Detonation: Der Anschlag auf das Kulturinstitut Maison de France, der Westberlin am 25. August 1983 erschütterte. Geplant von dem deutschen Terroristen Johannes Weinrich, der als rechte Hand des legendären Terroristen Carlos der Schakal galt. Auf das Konto des venezolanischen Terroristen Ilich Ramírez Sánchez gehen zahlreiche weitere Anschläge, die insgesamt mehr als 20 Todesopfer forderten.

Screenshot  Deutschland 83

Screenshot Deutschland 83

Screenshot  Deutschland 83

Screenshot Deutschland 83

Aber das weiß Martin jetzt alles nicht, er sieht nur, wie Verletzte um Hilfe rufen und ist entsprechend entsetzt. Er erkennt den Mann wieder, dem er die roten Dosen übergeben hat und verfolgt den Attentäter – hier gibt es eine sehr schön gefilmte Hatz durch die Berliner U-Bahn. In einem Tunnel auf einem Nebengleis stellt er ihn schließlich. Bei der folgenden Prügelei muss Martin ziemlich was einstecken, aber er schafft es, seinen Gegner zu überwältigen. Und er geht noch einen entscheidenden Schritt weiter: Er lässt den ohnmächtigen Verletzten auf den U-Bahn-Gleisen liegen.

Screenshot  Deutschland 83

Screenshot Deutschland 83

So richtig gut in den Kram passt den ostdeutschen Genossen dieser Anschlag allerdings nicht – was, wenn die Amerikaner das als Kriegserklärung auffassen, falls eine Beteiligung der Stasi an dem Anschlag nachgewiesen werden kann? Sie versuchen sich gegenseitig zu beruhigen – die armenische Terrorgruppe Asala stecke dahinter, und wenn die Amis jetzt unruhig würden, machten sie vielleicht Fehler, was wiederum gut für die Aufklärung sei – denn die Amerikaner planen einen Angriff, soviel sei klar. Jetzt gelte es herauszufinden, wann.

Screenshot  Deutschland 83

Screenshot Deutschland 83

Aber auch Alex Edel, der Sohn des Generals, macht eine interessante Entwicklung durch – zum einen outet er sich als schwul und verbringt eine Nacht mit Tischbier, zum anderen lässt er sich von Tischbier politisch agitieren. Aber während Tischbier ihm empfiehlt, dass er auf seinem Posten bei der Bundeswehr zurückkehren soll, um das System von innen zu verändern, haut Alex lieber ab und taucht in der Sanyassin-Kommune seiner Schwester unter. Hier eckt er allerdings gleich wieder an, weil er das ganze Liebe-ist-der-Schlüssel-Geschwafel nicht ertragen kann.

Screenshot  Deutschland 83

Screenshot Deutschland 83


„Hass ist ein viel stärkeres Gefühl!“ schleudert er den anderen entgegen und erklärt, dass man nichts erreichen könne, wenn man nicht bereit sei, für sein Ziele zu kämpfen – am Ende der Folge sehen wir, dass er sich in der Botschaft der DDR bereit erklärt, künftig für die andere Seite zu arbeiten – hiermit sind also interessante Konflikte für die verbleibenden Teile vorprogrammiert. Bislang kann Deutschland 83 also einlösen, was ich mir nach den ersten beiden Teilen davon versprochen habe.

Screenshot  Deutschland 83

Screenshot Deutschland 83

Deutschland 83: DDR-Held erobert die USA

Deutsche Serien – das ist ein schwieriges, in der Regel frustrierendes Thema, wenn man sich an richtig gute internationale Serienkost gewöhnt hat. Und aktuelle deutsche Serien über deutsche Geschichte – deutsch-deutsche noch dazu – ist quasi hoffnungslos: Mehrteiler wie Weissensee oder Tannbach mögen vielleicht als noch Spitzenprodukte des schlechten Geschmacks in die deutsch-deutsche Serien-Geschichte eingehen, werden ansonsten aber hoffentlich schnell vergessen.

Entsprechend erstaunt war ich also, als ich hörte, das die ersten beiden Teile der deutsch-deutschen Serie Deutschland 83 mit erstaunlich positiver internationaler Resonanz auf der Berlinale gelaufen sind und derzeit in den USA im Original mit englischen Untertiteln gezeigt werden – zwar nur auf dem Spartensender Sundance, der zu AMC gehört – aber eben AMC, genau, das sind die, die Mad Men gemacht haben, Breaking Bad und Better Call Saul. Also Experten für richtig gute, innovative Serien.

Also wurde ich neugierig und habe jetzt doch in Deutschland 83 reingesehen. Ja, und obwohl die Serie in Deutschland demnächst auf RTL gezeigt werden soll, ist sie eben keine dieser typischen RTL-Serien. Sondern erstaunlich gut. Aber warum sollte RTL seinem Publikum nicht auch ab und zu zwischen Castingsshows und Kakerlaken etwas richtig Gutes bieten, verdient haben die Zuschauer das allemal. Abzuwarten bleibt, wie sie Deutschland 83 dann tatsächlich finden.

Screenshot Deutschland 83 - Martin (Jonas Nay): Telefonieren in der Vor-Handy-Ära  via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 – Martin (Jonas Nay) Spionage ist ein gefährliches Geschäft via sundance.tv

Man kann natürlich auch auf Sat1 The Americans anschauen, dass ist auch eine 80er-Jahre-Retro-Spionage-Serie, die gar nicht schlecht, aber meiner Ansicht nach leider auch nicht so richtig gut ist: Das Politische an sich spielt in The Americans eine erstaunlich geringe Rolle, dabei könnte man auch am Kapitalismus und am Gesellschaftssystem in den USA nun wirklich einiges kritisieren. Das tun die russischen Top-Spione aber erstaunlicherweise so gut wie gar nicht – sie ziehen zwar mit vollem Einsatz ihren Mission durch, als Motivation werden aber nur irgendwelche Klischees angedeutet, was mir die Serie schon verleidet, obwohl sie gut gemacht ist.

Aber nach dem, was ich gesehen habe, ist Deutschland 83 in diesem Punkt besser – für mich persönlich, die 1983 als Teenie in der Mittelstufe erlebt und durchlitten hat, ist Deutschland 83 emotional natürlich auch viel näher: Der Stern publizierte im Jahr 83 die Hitler-Tagebücher, die sich später als dreiste Fälschung entpuppten, die rätselhafte Seuche AIDS tauchte in Titelgeschichten auf und Friedensbewegung konnte Millionen Menschen mobilisieren, die gegen die Nachrüstung im Zuge des Nato-Doppelbeschlusses von 1979 demonstrierten.

Screenshot Deutschland 83 - Martin (Jonas Nay) und Annett (Sonja Gerhardt) via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 – Martin (Jonas Nay) und Annett (Sonja Gerhardt)
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Ich erkenne so ziemlich jede Einblendung echter Nachrichten-Sendungen in der Serie wieder – damals gab es ja ohnehin nicht mehr als drei Fernsehprogramme, heute und Tagesschau waren Pflicht, darüber redete man am nächsten Tag in der Frühstückspause.

Aber es ist nicht nur meine persönliche Erinnerung an jene Zeit, die mit dieser Serie wieder herauf beschworen wird – das war ja auch keine schöne Zeit: Es war die Hochzeit des kalten Kriegs und wir hatten damals völlig zu recht Angst, dass es jederzeit mit uns vorbei sein konnte: Die Supermächte USA und UdSSR richteten die Sprengköpfe ihrer Mittelstreckenraketen ja eben auf deutsche Ziele aus – wäre der kalte Krieg heiß geworden, wäre Deutschland das atomare Schlachtfeld gewesen. Hier wäre kein Stein auf dem anderen geblieben und vermutlich nicht nur Europa auf lange Zeit unbewohnbar. Einer der Hits von 1983 war Two Minute Warning von Depeche Mode – zwei Minuten Vorwarnzeit, bevor das atomare Inferno unser aller Leben auslöscht. Das traf das Lebensgefühl vieler. Wir kritzelten No Future auf unsere Jeansjacken – und wir wussten warum.

Screenshot Deutschland 83 - Martin (Jonas Nay) und Annett (Sonja Gerhardt) via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 – Martin (Jonas Nay) und Lenora (Maria Schrader)
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Aber Deutschland 83 beschwört eben nicht nur diese Weltuntergangsstimmung, sondern ist streckenweise sogar ziemlich witzig. Martin Rauch (Jonas Nay) ist eben nicht der top ausgebildete Superspion, sondern eher eine Verlegenheitslösung: Weil sich gerade eine günstige Gelegenheit ergibt, wird er als MfS-Spion in den Westen einschleust – worauf er eigentlich gar keine Lust hat. Er will nicht in den Westen. Er will zuhause bleiben, bei seiner kranken Mutter und seiner schönen blonden Freundin Annett (Sonja Gerhardt).

Martin ist NVA-Soldat und guter Sozialist, der westdeutschen Studenten an der Grenze die billig im Osten eingekauften Bücher abnimmt, weil sie ihr Geld nicht zum vorschriftsmäßigen Kurs umgetauscht haben: Wer gegen die Gesetze der DDR verstößt, schadet dem Sozialismus. Aber als die Studenten auf die Frage, wer am Ende gewinnen wird – die Kapitalisten, die nur an sich selbst denken, oder die Sozialisten, die an einem Strang ziehen, damit es allen Menschen besser geht, die richtige Antwort geben, lässt Martin die Wessis laufen. „Aber der Shakespeare bleibt hier! Den Marx könnt ihr mitnehmen, da lernt ihr vielleicht noch was!“

Screenshot Deutschland 83 Alex Edel (Ludwig Trepte) und Martin/Moritz (Jonas Nay)  via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 Alex Edel (Ludwig Trepte) und Martin/Moritz (Jonas Nay) via sundance.tv

Natürlich wird auch bei Deutschland 83 tief in die Klischee-Kiste gegriffen. Aber es trifft in diesem Fall eben nicht nur die DDR, sondern auch die Wests und ihre Verbündeten. Natürlich sind die Zonis skrupellos und gemein, insbesondere die Stasi-Kader Lenora Rauch (grandios: Maria Schrader) und Walter Schweppenstette (Sylvester Groth), die den jungen Martin brutal ins kalte Wasser werfen – nicht ohne ihm vorher die Finger zu brechen, weil das ist einzige Detail, das nicht mit dem Profil des jungen Wessie-Offiziers Moritz Stamm übereinstimmt, als der Martin in die Bundeswehr eingeschleust wird: Er kann nicht Klavier spielen.

Screenshot Deutschland 83 – Martin (Jonas Nay): Telefonieren in der Vor-Handy-Ära via sundance.tv

Er kann auch sonst einiges nicht, aber er bemüht sich – und es gibt immer ein paar echte Stasi-Topagenten in seiner Nähe, die aufpassen, dass er nicht allzu viel falsch macht. Und wenn doch etwas schiefläuft, Schadensbegrenzung betreiben. Natürlich tauchen reichlich Probleme auf – so befinden sich die geheimen NATO-Unterlagen, die Martin aus dem Safe von General Jackson klaut, nicht in einem herkömlichen Ordner, dessen Inhalt Martin wie inzwischen geübt heimlich abfotografieren könnte, sondern auf so einem viereckigen Plaste-Dings, einem, wie heißt das doch gleich? Floppy-Disk. Es für muss also erstmal ein IBM-Rechner beschafft werden, damit die Kollegen in der Analyse das Teil überhaupt lesen und auswerten können. Auch für die Stasi keine triviale Aufgabe.

Screenshot Deutschland 83 - das Floppy-Problem Schweppenstette (Sylvester Groth, Mitte) und Lenora (Maria Schrader) via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 – das Floppy-Problem Schweppenstette (Sylvester Groth, Mitte) und Lenora (Maria Schrader)
via sundance.tv

Und dann hat General Wolfgang Edel (Ulrich Noethen) eine Sohn, der zwar die für ihn vorgesehene Pflichtkarriere als Offizier durchzieht, sich aber eigentlich zur Friedensbewegung gezogen fühlt. Alex Edel nervt es, dass dieser Moritz Stamm sich genauso anhört wie sein Vater. Moritz ist eindeutig der bessere Soldat – aber wenn Alex wüsste, warum! Denn wenn es darum geht, die Welt, oder doch zumindest die DDR zu retten, wächst Martin immer wieder über sich hinaus und schafft Dinge, die er sich selbst zuvor kaum zugetraut hätte.

Bisher sind drei der insgesamt acht Teile gelaufen, die große Lust darauf machen, weiter zu sehen, auch wenn ich von Deutschland 83 nicht so hin und weg gerissen bin wie von Mr. Robot. Aber mal sehen, was die kommenden Teile jeweils bringen – UFA Fiction hat hier jedenfalls eine erstaunlich moderne und clever konstruierte Serie abgeliefert – genau das, was ich sonst im deutschen Fernsehen so vermisse.

Screenshot Deutschland 83 Auch die Generäle Jackson (Errol T. Harewood ) und Edel (Ulrich Noethen) haben in Brüssel eine eigene Agenda...  via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 Auch die Generäle Jackson (Errol T. Harewood ) und Edel (Ulrich Noethen) haben in Brüssel eine eigene Agenda… via sundance.tv

Gutes Fernsehen, schlechtes Fernsehen

Auch in diesem Jahr werden wieder Emmys verliehen – und der Spiegel brachte im Vorfeld folgende Meldung: Das Fernsehen, das wir verdienen
Und prompt muss ich ausrufen: Nee, so isses aber nicht!

Deutschland hat keine gewachsene Filmindustrie die keine Serien im Format von „True Detective“ produzieren kann?! Wenn ein Land in Europa eine gewachsene Filmindustrie hat, dann ja wohl Deutschland! Klar, die Briten haben die auch – und die haben den Vorteil, dass der englischsprachige Markt sehr viel größer ist. Und auch die Franzosen, die Italiener, die Spanier haben ganz großartige Filmleute (und auch einen riesigen Markt), keine Frage – aber Deutschland hat immerhin einen Markt mit etwa 100 Millionen potenziellen Zuschauern, deren Muttersprache Deutsch ist. Und die Kino-Großproduktion wurde ja quasi in Potsdam-Babelsberg erfunden.

Was sollen denn da die anderen sagen, deren heimischer Markt gerade mal 10 oder 5 Millionen Einwohner erreicht?! Die kriegen ja auch bemerkenswerte Serien hin, die Schweden etwa, die nicht nur reihenweise brauchbare Wallander- und Johan-Falk-Filme machen, sondern auch innovative Serien wie Real Humans. Oder die Dänen, die ja noch weniger sind, die kriegen bemerkenswerte Qualitätsserien wie Das Verbrechen oder Borgen zustande – und die Norweger haben neben Varg Veum auch so etwas wie Lilyhammer im Programm. Oder die Israelis, die mit minimalem Budget so ein tiefschürfendes Serien-Erlebnis wie Hatufim drehen. Gute Serien brauchen keine gigantische Filmindustrie, sondern einfach nur gute Ideen und jemand, der den Mumm hat, die umzusetzen, ohne dass dabei allzu viele, die keine Ahnung, aber was zu sagen haben, den Künstlern reinreden können.

Darin sehe ich das eigentliche Problem in Deutschland – die Öffentlich-Rechtlichen machen abseits ihrer Spartenkanäle nur Feiglingfernsehen, das auf möglichst hohe Quoten schielt und sich deshalb an das Niveau der Privaten annähert, deren Businessmodell von vorn herein quotenträchtiges Primitiv-Programm gewesen ist – was konsequent durchgezogen wird. Und wenn ausnahmsweise mal was mit Niveau versucht wird, dann ist das schnell überladen und will zu viel auf einmal – die Öffentlich-Rechtlichen müssen sich einfach mal davon verabschieden, mit jeder Produktion jeden erreichen zu wollen. Auf diese Weise kriegt man nichts Vernünftiges hin. Ich glaube nämlich nicht, dass der deutsche Fernsehzuschauer keine Serienkunst wolle. Es will nur nicht jeder Dominik Graf, genauso wie nicht jeder Rosamunde Pilcher will.

Wobei ich, obwohl ich Dominik Graf will, von „Im Angesicht des Verbrechens“ durchaus enttäuscht war – auch wenn ich diesen Mehrteiler nicht dermaßen schlecht fand. Aber das Ganze war zu pathetisch, zu klischeegetrieben und dafür dann wieder zu humorlos. Man kann sich ja gern in Klischees suhlen – das tun die Macher der Sopranos schließlich auch. Aber die nehmen genau das dann wieder auf die Schippe, in dem etwa der Gangsterboss Tony Soprano heimlich zur Therapie geht. Aber zwischendurch regelt er seine Mafia-Geschäfte mit der nötigen Brutalität. Die Ostmafiosi bei Dominik Graf sind nicht weniger brutal – aber leider kein bisschen lustig.

Wobei es nicht der Humormangel allein ist – Das Verbrechen, Die Brücke oder auch Borgen sind ja ebenfalls völlig humorfrei, entwickeln aber trotzdem einen erstaunlichen Sog, weil die Geschichten einfach gut sind und man merkt, dass es hier eben nicht darum geht, jedem etwas zu bieten, sondern dass einfach eine Linie durchgezogen wird, die einem entweder gefallen kann oder eben auch nicht – aber wenn sie einem gefällt, für entsprechende Begeisterung sorgt. Das vermisse ich an den zeitgenössischen deutschen Produktionen. Es gibt keine künstlerische Handschrift mehr wie die eines Rainer Werner Fassbinder, eines Edgar Reitz, oder auch auch eines Wolfgang Menge. Ja, es gibt einige Sachen von Dominik Graf, die ich gut finde, aber die neueren Filme sind mir eigentlich alle zu martialisch und Im Angesicht des Verbrechens ist halt auch kein Meisterwerk – wobei es mit dem getätigten Einsatz durchaus hätte eins werden können. Aber entweder hätte man ein paar Sachen weglassen müssen oder halt noch deutlich dicker auftragen, je nachdem, welche Zielgruppe man lieber ansprechen möchte. Aber für die einen wars zu hart, für die anderen nicht hart genug. Genau diese Art von faulen Kompromissen sorgt dafür, dass die Zuschauer hinterher alle irgendwie nicht zufrieden sind und die Quoten erst recht sinken.

Die deutsche Serienmacher müssen sich endlich mal wieder trauen, ein paar Millionen weniger zu begeistern, die dann aber nicht genug kriegen können, als mit ihrem Kompromiss-Mischmasch eine latent unzufriedene Masse zu versorgen, die, sobald sie die technischen Möglichkeiten entdeckt, ihren Stoff dann halt aus dem Internet bezieht. Es ist nämlich nicht so, dass die Leute schlechtes Fernsehen wollen – sie kriegen nur nichts anderes. Und wenn man besseres Fernsehen machen will, sollte man nicht, wie weiter oben schon angedeutet, nur auf den US-Markt und die Emmy-Nominierungen schielen, es gibt auf der ganzen Welt gutes und schlechtes Fernsehen – und wenn man sich anschaut, wie gutes Fernsehen geht, kann man feststellen, dass das überhaupt nicht teuer sein muss.

Morgen hör‘ ich auf

Seit bekannt wurde, dass das ZDF ein deutsches Breaking Bad produzieren möchte, wird auf den einschlägigen auf Serien- und Film- und Medienseiten im Internet reichlich gelästert.

Und ich muss gestehen, dass ich die dort geäußerten Befürchtungen teile, dass das ZDF selbst aus einem so starken und faszinierenden Stoff wie der Verwandlung des im Leben bisher mäßig erfolgreichen Chemielehrers Walter White in einen skrupellosen Drogenbaron eine höchstens mittelmäßige Serie machen wird. Es reicht hat nicht, eine gute Vorlage zu nehmen, und die einfach nachzumachen oder schlimmer noch – sie zu „schlanden“. Denn auf deutsche Fernsehverhältnisse übertragene Serien funktionieren in der Regel nicht, egal wie originell und schmissig die Vorlage war. Was hatte beispielsweise Kanzleramt noch mit The West Wing zu tun? Genau, gar nichts. Das war wieder deutsches Fernsehen in all seinem Elend, das irgendwie kritisch und pädagogisch wertvoll sein will, gleichzeitig aber vergisst, dass es eigentlich unterhalten soll, was durchaus auf eine intelligente Art geschehen darf, die man dem deutschen Publikum aber nicht zutraut. Warum sonst fehlen in keinem Tatort diese minutenlangen Sequenzen, in denen der eine Ermittler dem anderen noch einmal erklärt, was wir gerade über den Fall wissen?

Das muss nicht sein – die geschulten Serienseher, die sich den guten echten Stoff aus dem Internet saugen, sind sogar in der Lage, komplexe, intelligente Serien in Fremdsprachen zu verfolgen, wenn man sie ihnen im deutschen Fernsehen vorenthält. Insofern ist es mehr als überfällig, diesem Publikum, das ja ebenfalls jeden Monat fast 18 Euro Rundfunkbeitrag abdrückt, zur Abwechslung auch mal mit einer guten Serie zu überraschen. Und nein, wir wollen nicht noch eine SOKO und noch ein starkes Team und auf keinen Fall noch eine Kommissarin mit oder ohne Babybauch. Insofern ist Morgen hör‘ ich auf schon ein brauchbarer Ansatz, und allzu eng an die Vorlage soll sich der als Mini-Serie angelegte Versuch ja auch nicht halten. Beim ZDF wird es ein arbeitsloser Grafiker sein, der Falschgeld druckt, um seine Familie über Wasser zu halten und nicht mehr aussteigen kann, nachdem die Mafia auf ihn aufmerksam geworden ist.

Mal sehen – vielleicht wird es ja gar nicht so schlimm. Ein Remake muss nicht zwingend schlecht sein. In der letzten Zeit habe ich einige US-Versionen skandinavischer Serien gesehen, etwa The Bridge America oder The Killing, die erstaunlich gut funktioniert haben. Wobei die in den USA natürlich wissen, wie man gute Serien macht, deshalb schaffen sie es auch, aus guten Vorlagen richtig gute US-Versionen zu machen.

Wobei mir natürlich besser gefallen würde, wenn man sich nicht mit der Neuverfilmung einer guten Vorlage begnügen würde – man kann auch das beste Pferd zuschanden reiten, wenn man es zu oft laufen lässt: Beim dritten Brücke-Remake The Tunnel war dann zumindest bei mir als Zuschauer die Luft raus, irgendwann ist auch die ambitionierteste Neuverfilmung einer altbekannten Geschichte nicht mehr spannend.

Es ist ja nicht so, dass es hierzulande keine interessanten Stoffe gäbe. Im Gegenteil, es gibt Stoffe ohne Ende. Und selten, leider viel zu selten, wagen sich die deutschen Fernsehsender auch mal an eine zeitgemäße Umsetzung solcher Stoffe heran, wie der SWR im Jahr 2010 mit der Mini-Serie Alpha 0.7 – Der Feind in dir, die davon handelt, wie der Staat in die Köpfe der Menschen schauen will. Leider war die Serie alles in allem dann doch nicht so gut, wie ich nach dem durchaus gelungenen ersten Teil erwartet hatte. Ich hatte halt tatsächlich davon geträumt, dass das deutsche Fernsehen mal so etwas auf die Reihe kriegen würde wie die Kanadier mit der Sci-Fi-Serie Regenesis geschafft haben – aber das war natürlich zu viel verlangt. Doch gemessen an dem, was einem von den Öffentlich-Rechtlichen sonst zugemutet wird, war das vergleichsweise ordentlich. Auf jeden Fall hat der SWR mit Alpha 0.7 einen großen Schritt in die richtige Richtung gemacht, mal etwas Anderes auszuprobieren. Wenn man sich das öfter trauen würde, kämen sicherlich irgendwann auch gute und vielleicht sogar richtig gute Serien dabei heraus.