Dark: Zeit ist nur eine Illusion

Als die erste für Netflix produzierte deutsche Serie Dark Ende 2017 erschien, war ich ziemlich enttäuscht. Ich hatte so etwas wie Who Am I erwartet, jenem Hacker-Film von Baran bo Odar, der eine Art Vorläufer für die Ausnahmeserie Mr. Robot von Sam Esmail war. Oder eine vielschichtige Krimiserie wie The Killing. Aber Dark war etwas ganz anderes. Eine sehr deutsche Serie, die in der zwar fiktiven, aber eben auch sehr deutschen Kleinstadt Winden spielt. Und noch schlimmer: Dark war weder eine Krimi-, noch eine Hackerserie, sondern ein Mysterydrama. Und Mystery ist einfach nicht mein Ding. 

Ich habe mir Dark dann aber trotzdem angesehen, weil es schon gut gemacht ist, es gibt stimmungsvolle Bilder von deutschen Waldlandschaften, ein imposantes Kernkraftwerk und auch mit der sonstigen Ausstattung haben sich die Serienmacher große Mühe geben. Und irgendwie ist es auch eine Familienserie, es geht um das Schicksal von vier Familien, die in Winden leben: Die Dopplers, die Nielsens, die Kahnwalds und die Tiedemanns. Sie alle haben ihre Geheimnisse und pflegen die üblichen Lebenslügen. Die Handlung setzt am 21. Juni 2019 mit dem Selbstmord von Michael Kahnwald (Sebastian Rudolph) ein, der einen Brief hinterlässt, der nicht vor den 4. November um 22:13 geöffnet werden soll. Und es verschwinden Kinder. Im Jahr 2019 ist es Erik Obendorf, der vermisst wird.

Poster Netflix-Serie Dark

Poster Netflix-Serie Dark Bild: Netflix

Charlotte Doppler (Karoline Eichhorn) und Ulrich Nielsen (Oliver Masucci) von der örtlichen Polizeieinheit nehmen die Ermittlungen auf. Ulrich Nielsen ist Mikkels Vater, dem kleinen Bruder von Magnus und Martha, der als nächstes verschwindet. Mikkel war mit einer Gruppe Jugendlicher aus dem Ort unterwegs, die nach dem Drogenversteck gesucht hat, das Erik angeblich angelegt hat. Sie suchen in den Windener Höhlen, die eine zentrale Rolle in der Serie spielen.

Das weit verzweigte Höhlensystem birgt allerlei Geheimnisse und soll sogar bis unter das Gelände des Kernkraftwerks reichen, das für den ansonsten unspektakulären Ort der wichtigste Wirtschaftsfaktor ist. Nun ja, geologisch wirft das durchaus Fragen auf, aber Kernkraftwerke wurden auch in Deutschland nicht unbedingt an den dafür geeignetsten Standorten gebaut, sondern dort, wo der Widerstand in der Bevölkerung nicht unüberwindbar hoch war, insofern geht das schon klar. Das Atomkraftwerk spielt in der Serie durchaus eine Rolle, aber eher als geheimnisvoller Ort, an dem rätselhafte Dinge passieren, es geht in der Serie schließlich nicht um das Protokoll einer Atomkatastrophe, sondern um Zeitreisen.

Bei der Suchaktion der Polizei wird die Leiche eines Jungen gefunden, der am Kopf merkwürdige Verbrennungen hat. Es handelt sich allerdings weder um Erik, noch um Mikkel. Die Nervosität in Winden steigt, die Leute sind verunsichert und bekommen Angst. Mikkel hingegen taucht wieder auf und geht nach Hause, dort wohnen allerdings Menschen, denen er noch nie begegnet ist. Mikkel ist im Jahr 1986 gelandet. Danach springt die Handlung zwischen den Jahren 2019 und 1986 hin und her, wir erleben, wie Mikkel im Jahr 1986 fest hängt, während in Winden ein weiterer Junge verschwindet. Michael Kahnwalds Sohn Jonas (Louis Hofmann) bekommt von einem rätselhaften Fremden ein Paket, in dem neben einer coolen Lampe und einem Geigerzähler auch der verloren geglaubte Abschiedsbrief seines Vaters ist. Jonas erfährt, dass sein Vater Michael der kleine Mikkel Nielsen aus dem Jahr 1986 ist, der von Ines Kahnwald aufgezogen wurde. Anhand einer Karte der Windener Höhlen, die Jonas im Atelier seines Vaters gefunden hat, findet er den Durchgang, der die Zeitreisen ermöglicht.

Es kriselt in sämtlichen betroffenen Familien, die irgendwie mit dem Verschwinden ihrer Kinder und Geschwister klar kommen müssen. Da ist beispielsweise Ulrich Nielsen, dessen jüngerer Bruder Mads im Jahr 1986 verschwunden ist. Als sein Sohn Mikkel verschwindet, scheint sich alles zu wiederholen. Charlotte muss ihn schließlich wegen Befangenheit von dem aktuellen Vermissten-Fall abziehen. Aber Ulrich ermittelt auf eigene Faust weiter. Er findet heraus, dass die Kinderleiche, die gefunden wurde, sein Bruder Mads sein muss.

Aufgrund von Notizen in alten Polizeiakten verdächtigt Ulrich den inzwischen dementen Helge Doppler, etwas mit dem Verschwinden von Mads und Mikkel zu tun zu haben. Ulrich folgt Helge, als der aus dem Heim verschwindet und sich zu den Windener Höhlen aufmacht und findet auf diese Weise heraus, wo der Durchgang für die Zeitreisen ist. Allerdings landet Ulrich im Jahr 1953. Dort trifft er tatsächlich auf den kleinen Helge und versucht, ihn zu erschlagen, um zu verhindern, dass er als Erwachsener Mads und Mikkel ermorden kann, was er nicht getan hat, aber Ulrich ist davon überzeugt. Helge überlebt allerdings, auch wenn er für den erst seines Lebens von den schweren Kopfverletzungen gezeichnet bleibt.

Bevor Ulrich zurück in seine Zeit reisen kann, wird der vom jungen Polizist Egon Tiedemann aufgegriffen und verhaftet. Kurz zuvor wurden die Leichen von Erik Obendorf und Yasin Friese auf der Baustelle des künftigen Atomkraftwerks gefunden. Die Polizei kann sich keinen rechten Reim auf die merkwürdige Kleidung der Kinder machen, aber sie sind tot und der blutbeschmierte Ulrich ist mehr als verdächtig. Ulrich wird als verrückter Kindermörder für den Rest seines Lebens eingesperrt.

Am Ende der ersten Staffel landet Jonas in einer düsteren Zukunft, um das offensichtlich zerstörte Atomkraftwerk wurde eine Sperrzone errichtet. Jonas wird von einer Gruppe zerlumpter, bewaffneter Gestalten gefangen genommen, die junge Anführerin schlägt ihn mit den Worten „Willkommen in der Zukunft“ ohnmächtig.

In der zweiten Staffel wird die Figur von Jonas noch wichtiger, er glaubt, dass er derjenige ist, der alles, was durch die Fehler in der Zeit schief gegangen ist, wieder in Ordnung bringen kann. Er ist allerdings nicht der einzige, der alte Fehler ausbügeln will. So kommen Egon Jahrzehnte später (also 1986) Zweifel, ob er damals richtig gehandelt hat. Seine überaus intelligente Tochter Claudia (Julika Jenkins) ist die inzwischen erste Chefin eines Atomkraftwerks in Deutschland, worauf Egon sehr stolz ist, auch wenn das Verhältnis zu seiner Tochter und seiner Enkelin Regina sonst eher kühl ist. Egon will, bevor er in Rente geht, das Verschwinden von Mads Nielsen aufklären und erinnert sich an den Fall von 1953.

Claudia hingegen verschwindet in gewisser Weise ebenfalls, sie streift als Zeitreisende durch die Epochen. Sie hat sich zur Aufgabe gemacht, die Sic-Mundus-Organisation zu bekämpfen, ein Geheimbund von Zeitreisenden, den es bereits seit 1921 gibt. Claudia lässt auch die Zeitmaschine bauen, sie bringt dem Uhrmacher H. G. Tannhaus im Jahr 1953 die Pläne für eine komplizierte mechanische Maschine, die erst 33 Jahre später fertig sein wird. Die Zeitmaschine wird mit Cäsium-137 betrieben. Cäsium ist das Element, dessen Frequenz für die Atomuhren genutzt wird, mit denen die gültige Weltzeit bestimmt wird. Als Chefin eines Kernkraftwerks kommt sie natürlich an eine solche Substanz, die bei der Kernspaltung entsteht.

Gleich am ersten Tag als Nachfolgerin des bisherigen Chefs des Windener Atomkraftwerks, Bernd Doppler, dem Vater von Helge Doppler, hat sie herausbekommen, dass kurz zuvor ein atomarer Störfall vertuscht wurde. Claudia will damit an die Öffentlichkeit, lässt sich aber vom alten Doppler überzeugen, dass ein Aus für das AKW den wirtschaftlichen Niedergang für die ganze Region bedeuten würde. Als es einen weiteren Zwischenfall gibt, wertet Claudia die Daten aus und entdeckt darin den Nachweis für die Existenz des so genannten Gottesteilchens, des Higgs-Bosons. Leider kann sie diese sensationelle Entdeckung nicht veröffentlichen, ohne die Störfälle bekannt zu machen. Also hält sie ihre Entdeckung geheim, stellt aber weitere Nachforschungen an. Sie will ihre Erkenntnisse ebenfalls dazu nutzen, um die Dinge in Winden wieder in Ordnung zu bringen. Mit ihren älteren Ich nimmt sie in unterschiedlichen Zeiten zu verschiedenen Windenern Kontakt auf, um ihr Wissen mit ihnen zu teilen, damit sie in ihrer jeweiligen Zukunft richtig handeln können. Allerdings muss sie dabei erkennen, dass sie dadurch genau die Ereignisse erst verursacht, die sie eigentlich verhindern wollte.

Es bleibt nicht aus, dass immer mehr Menschen in Winden von der Existenz der Zeitreisen und der Zeitmaschine erfahren. Das macht die Sache aber noch viel komplizierter, weil es immer mehr Interaktionen in den unterschiedlichen Zeitebenen gibt, die wiederum Konsequenzen auf das künftige Leben aller anderen haben können. Wer auf derartige Mindfuck-Geschichten steht, kann mit Dark ziemlich glücklich werden. Ich liebte in den 80ern Zurück in die Zukunft, allerdings war gerade der erste Film der Trilogie sehr viel lustiger als Dark. Das ist auch eins der Probleme dieser Serie, die sich überaus philosophisch und total ernst gemeint gibt und deshalb leider vollkommen humorfrei ist. Ab und zu mal ein Augenzwinker-Moment und dafür weniger schwülstiges Geschwurbel aus dem Off, und Dark wäre eine richtig gute Serie geworden, der man das eine oder andere schwarze Logik-Loch verzeihen kann, weil sie wenigstens gut unterhält. So macht es Dark einem aber schwerer als nötig, den ganzen Handlungssprüngen, Zeitschleifen und Paradoxien zu folgen. Wobei ich auch sagen muss, dass ich die zweite Staffel besser fand als die erste. Vielleicht hatte ich mich jetzt auch einfach darauf eingelassen, dass Dark eben so ist, wie es ist. Vielleicht reißt es die dritte Staffel ja endgültig heraus, nach der dann für immer Schluss sein wird.

8 Tage: Feiern bis zum Weltuntergang

Die Ankündigung machte mich neugierig: Eine neue deutsche Serie von Sky, die von den letzten acht Tagen vor dem Weltuntergang erzählt: Ein Asteroid rast auf die Erde zu. Aufgrund seiner besonders lichtabsorbierenden Oberfläche hatte man ihn nicht kommen sehen. In vorletzter Minute wird versucht, ihn mit Atomraketen vom Kurs abzubringen, aber das Manöver misslingt. Für die Menschen in Europa, wo er auftreffen wird, beginnt der Countdown bis zum Untergang. Was bedeutet das für die Menschen in der Killzone?

Faszinierende Frage, eigentlich. Doch leider ist aus der tollen Idee eine insgesamt ärgerlich schwache Serie geworden. Was nicht an den Schauspielern liegt, mit Devid Striesow, Christiane Paul, Nora Waldstätten, Fabian Hinrichs, Mark Wasche, Murathan Muslu oder Henry Hübchen waren eine Menge echter Stars dabei. Aber aus einem drögen Drehbuch kann auch das engagierteste Spiel kein packendes Fernseherlebnis zaubern.

Serienposter 8 Tage Bild: sky.de

Serienposter 8 Tage Bild: sky.de

Es ist ja nicht so, dass ich ein teures Blockbuster-Spektakel à la Independence Day oder Armageddon erwartet hätte. Im Gegenteil freute ich mich auf das angekündigte Kammerspiel im Schatten der großen Katastrophe. Aber genau das ist grandios schief gelaufen: Wir sehen eine ganze Reihe eher unsympathischer Figuren, die vermutlich komplex-ambivalent sein sollten, aber leider wieder nur Personifikationen gängiger Klischees aus, nun ja, eben typisch deutschen Fernsehserien sind.

Ein weiteres Problem ist, dass die Autoren das ganze Setting nicht richtig gut durchdacht haben – es fühlt sich an wie „ist ja bloß Fernsehen, wir tun einfach mal so“. Mit Logik und Continuity haben es die Serienmacher auch nicht besonders, angefangen damit, dass der Asteroid einerseits ganz plötzlich aufgetaucht sei, weshalb die Vorwarnzeit so kurz und die Reaktion der Menschen so verzweifelt sein sollen, andererseits heißt es später dann wieder, die Bundesregierung hätte doch genügend Zeit gehabt, entsprechende Vorkehrungen zu treffen und Bunker zu bauen, was dann aber nicht passiert sei, weil die Politiker so böse und korrupt sind.

8 Tage: Marion (Nora Waldstätten) und Hermann (Fabian Hinrichs) Bild: Sky.de

8 Tage: Marion (Nora Waldstätten) und Hermann (Fabian Hinrichs) Bild: Sky.de

Dann soll die allgemeine Ordnung ist zusammengebrochen sein, was vor allem an geplünderten Supermärkten zu sehen ist, vor denen sich Müll und leere Einkaufswagen stapeln. Und natürlich an jungen Leuten, die Party machen bis zum Abwinken. Ansonsten läuft der Alltag erstaunlich normal weiter, es gibt selbstverständlich noch immer Strom, funktionierende Telefone und Handys und die Fernseher laufen sogar in den letzten Stunden vor der finalen Katastrophe noch und senden Bilder aus dem Regierungsapparat, der angeblich längst kollabiert sein soll und irgendwie doch noch immer Nachrichten liefert.

Okay, es ist durchaus nachvollziehbar, dass echte Journalisten von altem Schrot und Korn gerade in solchen Situationen nicht abhauen, sondern jetzt erst recht ihren Job machen, denn es gibt ja nun wirklich was zu berichten. Aber dass die politische und gesellschaftliche Elite einfach geschlossen abtaucht und das Schicksal der Nation einer Handvoll Journalisten überlässt, finde ich dann doch ziemlich billig. Man muss jetzt keine Politik-Serie auf dem Niveau von Borgen oder House of Cards daraus machen, aber einfach nur das Klischee zu bedienen, dass die Politiker unfähig sind, sich um nichts kümmern und am Ende nur an sich selbst denken, zeigt vor allem, dass die Serienschreiber sich auch nicht besonders anstrengen wollten.

8 Tage: Susanne (Christiane Paul), Uli (Mark Wasche) und Tochter Leonie (Anna Lena Klenke) auf der Flucht  Bild: Sky.de

8 Tage: Susanne (Christiane Paul), Uli (Mark Wasche) und Tochter Leonie (Anna Lena Klenke) auf der Flucht Bild: Sky.de

Eine Ausnahmesituation kurz vor dem Ende von allem stelle ich mir anders vor, panischer, chaotischer, euphorischer. Wenn es eh nicht mehr drauf ankommt, könnte man doch mal Dinge ausprobieren, die man sonst nie getan hätte. Da sollten noch andere Sachen denkbar sein als übermäßiger Drogenkonsum, laute Musik und kindische Zerstörungswut. Ich hoffe inständig, dass die Menschen insgesamt kreativer sind als die Erfinder dieser Serie.

Denn auch aus dem, was sich die Serienmacher vorgestellt haben, machen sie erstaunlich wenig: Eine finanziell eher gut gestellte Mittelstandsfamilie bestehend aus der Ärztin Susanne (Christiane Paul), dem Physiklehrer Uli (Mark Waschke) und deren Kindern Leonie und Jonas tritt die Flucht nach Osten, also Russland an. Hier gibt es einige für Normalbürger herausfordernde Ausnahmesituationen, aber im Vergleich zu dem, was man über Flüchtlingsschicksale berichten könnte, ist das alles ziemlich harmlos. Zumal alle Beteiligten einfach in ihr unversehrtes Einfamilienhaus in einem ruhigen grünen Vorort von Berlin zurückkehren können, als sich abzeichnet, dass sich alles anders als erwartet entwickelt. Hier gibt es immerhin noch ein kleines Vorstadtdrama, was ich dann aber auch wieder zu konstruiert fand.

8 Tage: Klaus (David Striesow) Bild: Sky.de

8 Tage: Klaus (David Striesow) Bild: Sky.de

Interessanter ist der Bauunternehmer Klaus (David Striesow), ein Psychopath, der sich für schlauer als alle anderen hält und für seine Familie einen Bunker gebaut hat. Dort sperrt er seine Tochter Nora (Luisa-Céline Gaffron) ein, die in Teenager-Art immer vehementer gegen ihren unerträglichen Vater rebelliert. Klaus ist ein typischer Prepper, der schon immer wusste, wie es kommen muss, entsprechend Vorräte anhäuft und auf Waffengewalt setzt. Er schart eine Gang von Gleichgesinnten um sich, die es allerdings im Zweifelsfall allerdings genau so halten wie er selbst: Der Stärkere setzt sich durch und nimmt keine Rücksicht auf Schwächlinge. Das kann auch gegen einen ausgehen, wenn die anderen in der Überzahl sind. Erst recht, wenn Schusswaffen im Spiel sind.

8 Tage: Deniz (Murathan Muslu) Bild: Sky.de

8 Tage: Deniz (Murathan Muslu) Bild: Sky.de

Doch nicht jeder, der eine Waffe in die Hand bekommt, knallt durch: Stoisch und die meiste Zeit rätselhaft unbeteiligt wirkt der Polizist Deniz, ein Kämpfer nicht nur für Gerechtigkeit, sondern für das Richtige, wie er gegen Ende erklärt. Deniz hält die Stellung auf seiner Polizeiwache noch, als alle anderen längst getürmt sind, er versucht, Recht und Ordnung aufrecht zu erhalten, als schon überdeutlich ist, dass es keinen Sinn mehr hat. Kurz vor Schluss noch stellt er einem Falschparker ein Knöllchen aus, genau wie Herr Luther, der heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen würde, wenn er wüsste, dass morgen die Welt unter geht. Immerhin: Deniz ist tatsächlich ein Held und verzichtet zu Gunsten anderer auf seinen persönlichen Vorteil, als es hart auf hart kommt.

Ganz im Gegensatz zu Hermann (Fabian Hinrichs), dem Politiker. Der verhält sich genau so, wie man es von einem seiner Sorte erwartet: Er ist immer auf seinen Vorteil aus und im Zweifelsfall korrupt und feige. Erst versucht Hermann, für sich und seine hochschwangere Freundin Marion (Nora Waldstätten) ein rettendes Flugticket in die USA zu bekommen. Das geht schief. Dann versucht er verzweifelt, zwei der viel zu wenigen Bunkerplätze zu bekommen. Aber die werden nur an relevante Regierungsmitglieder vergeben, zu denen Hermann nicht gehört, die Restplätze werden unter der Bevölkerung verlost.

8 Tage: Ben (Thomas Prenn) und  Nora (Luisa-Céline Gaffron) Bild: Sky.de

8 Tage: Ben (Thomas Prenn) und Nora (Luisa-Céline Gaffron) Bild: Sky.de

Und siehe da, unsere wackere Familie zieht eins der großen Lose, denn Ärztinnen und Physiker werden später für den Wiederaufbau benötigt. Aber das mit der Eintrittskarte für die vermeintliche Lebensrettung geht auch wieder nach hinten los: Jetzt kommt ein bisschen Action, Teile der Bundeswehr finden nämlich, dass sie nicht nur Deutschland und dessen Politiker schützen, sondern ebenfalls Platz im Bunker bekommen sollten. Und die haben sogar funktionierende Waffen! Auf diese Weise endet das große Bunkerglück für viele dann tödlich, aber Uli kann mit den Kindern und Susanne entkommen. Doof nur, dass sie jetzt wieder draußen und ihre Stunden gezählt sind.

Die Frage, wo Dienst und Pflicht enden und das Eigeninteresse beginnen sollte oder darf, wird mehrfach behandelt. Das ist eine durchaus interessante Frage, aber man hätte auch noch andere Fragen stellen können. Etwa nach welchen Kriterien denn eine Auswahl zu treffen wäre, wer gerettet werden und wer sterben soll. Es wird zwar als irgendwie ungerecht dahingestellt, dass wie immer politischer Einfluss und Geld die entscheidenden Kriterien sind. Aber was wäre denn gerechter?

8 Tage: Der vermeintliche Erlöser Robin (David Schütter) Bild: Sky.de

8 Tage: Der vermeintliche Erlöser Robin (David Schütter) Bild: Sky.de

Das wird gar nicht erst gefragt, weil die Antwort schwer ist. Aber man könnte doch wenigstens mal drüber nachdenken. Und das zieht sich durch sämtliche acht Tage. Ich will nicht sagen, dass alles schlecht ist, so fand ich durchaus nachvollziehbar, dass ein junger Krebskranker sich freut, dass es jetzt nicht nur ihn erwischt, sondern alle, womit er sich die Frage, warum ausgerechnet er sterben soll, während die anderen weiterleben dürfen, nicht mehr stellen muss. Und klar, es gibt natürlich auch Menschen, die sich in den Glauben flüchten und in letzter Minute auf einen Erlöser setzen, der in Gestalt des einfältigen, aber gutwilligen Exkriminellen Robin erscheint. Der redet eigentlich nur wirres Zeug, aber es klingt ungefähr wie das, was auch in der Bibel nachzulesen ist. Immerhin taugt er dazu, Susannes Tochter Leonie die Freuden der ersten Liebe zu zeigen, bevor alles für immer vorbei ist.

8 Tage: Egon (Henry Hübchen) Bild: Sky.de

8 Tage: Egon (Henry Hübchen) Bild: Sky.de

Cool fand ich auch den ehemaligen NVA-Offizier Egon (Henry Hübchen), der seine Wut erst an seinen Möbeln auslässt und sich dann entschließt, seine heimliche Jugendliebe aufzusuchen. Wie sich herausstellt, war Egon schwul. Das war unsozialistisch und durfte somit nicht sein. Und Horst hat dann ohnehin rüber gemacht, in den goldenen Westen und dort ein unspektauläres Leben in einer klassischen heterosexuellen Beziehung geführt. Was Egon im Osten irgendwie auch getan haben muss, sonst hätte er keine Kinder. Denn Egon ist der Vater der auf jeweils ihre Art ziemlich ätzenden Geschwister Hermann und Susanne.

Immerhin lässt sich Susanne von ihrem kleinen Sohn schließlich noch überzeugen, ebenfalls etwas richtiges zu tun, nämlich Marion bei der Geburt ihres Kindes zu helfen und ihr dann das Familienauto zu überlassen, damit sie zu Hermann kann, der mittlerweile Bunkerplätze besorgt haben will. Nun ja, es ist gewiss kein übergroßer Spoiler, wenn ich verrate, dass die Sache für eine große Mehrheit der Bevölkerung nicht gut ausgeht, denn das war ja von Anfang an klar. Nicht jeder, der es verdient hätte, kann gerettet werden, und unter denen, die sich retten können, sind viele Arschlöcher. Aber gerade weil das Ende so vorhersehbar ist, hätte man sich mit dem, was in den acht Tage davor passiert, mehr Mühe geben können.

8 Tage: Ob jetzt alles gut wird?  Bild: Sky.de

8 Tage: Ob jetzt alles gut wird? Bild: Sky.de

Das Institut: Crashkurs Deutsch

Die Deutschen halten sich für eine Bildungsnation und sind auch sonst der Ansicht, dass am deutschen Wesen die Welt genesen könnte und sollte. Auch deshalb exportieren sie deutsche Qualitätsprodukte gern in alle Welt. International beliebt sind vor allem die Bestseller aus deutscher Waffenfabrikation, weniger beliebt sind deutsche Dichtung, deutsches Drama und die komplizierte deutsche Sprache. Damit diese Kulturgüter bei der Außendarstellung unseres schönen Landes nicht zu kurz kommen, gibt es in zahlreichen anderen Ländern der Erde Goethe-Institute, in denen interessierte Ausländer Deutsch lernen können, außerdem soll ganz allgemein deutsche Kultur vermittelt werden. Entsprechend werden dort Veranstaltungen zu deutscher Literatur, Theater, Film, Musik und so weiter angeboten. Doch erstaunlicherweise rennen die Ausländer diesen Instituten nicht an allen Standorten die Türen ein. Insbesondere, wenn sie in ihren jeweiligen Ländern ganz andere Probleme haben, etwa den Kampf um das tägliche Überleben in ihrer eigenen Kultur. Um ein solches Institut, auch wenn es in der Serie nicht ausdrücklich nach Goethe benannt wurde, dreht sich die Satire-Serie Das Institut – Oase des Scheiterns.

insitut

Die Koproduktion von BR, NDR, WDR, BR-Plus und ARD-alpha ist mit Abstand die lustigste Serie, die der öffentlich-rechtliche Rundfunk im vergangenen Jahr auf die Beine gestellt hat. Was allerdings auch nicht so schwer ist, denn mir fällt auf Anhieb keine weitere Comedyserie aus deutscher ÖR-Produktion ein. Ja, gut, es gibt schon weitere deutsche Comedyserien, die gar nicht so schlecht sind, etwa die maxdome-Produktion jerks. Und bei angestrengtem weiteren Nachdenken fällt mir noch die Serie Blockbustaz ein, die auf ZDFneo lief. Aber die ist nicht annähernd so gut wie Das Institut.

Um so erfreulicher, dass es diese Serie gibt, in der fünf wackere deutsche Angestellte des titelgebenden Instituts gemeinsam mit ihrem einzigen einheimischen Mitarbeiter versuchen, den in einer fiktiven mittelöstlichen islamischen Volksrepublik ansässigen Kisbeken die deutsche Kultur nahezubringen. Dem Institut in der kisbekischen Hauptstadt Kallalabad geht es wie so vielen kulturellen Einrichtungen, die vom deutschen Staat oder genauer: Vom deutschen Steuerzahler finanziert werden (müssen): Angesichts anderer Prioritäten ist die Ausstattung des Instituts mit finanziellen und sonstigen Mitteln prekär, möglicherweise soll die Filiale sogar aufgegeben werden.

Man sollte annehmen, dass die gemeinsamen Anstrengungen, dieses Institut zu erhalten, schon um den eigenen Arbeitsplatz zu sichern, das Team zusammenschweißen würden. Doch unter den Angestellten des Instituts verteidigt jede und jeder eifersüchtig seine Pfründe: Die Institutsleiterin Dr. Eckart (Christina Große) ist eine Bilderbuchkarrieristin, die über Leichen geht (sie hat ja auch die besten Chancen auf eine Weiterbeschäftigung an einem anderen Ort), während ihr Vertreter Gmeiner (Rainer Reiners) eher ein gemütlicher Typ ist, der sich gern als Goethe verkleidet und unfreiwillig komische Kurzvorträge über deutsche Geschichte halten kann.

Ebenso naiv wie um die deutsche Sprache bemüht ist die Deutschlehrerin Jördis (Nadja Bobyleva), die so gern jeden ihrer Schützlinge durch die Prüfung bringen möchte, während der Theaterexperte Titus (Robert Stadlober) damit hadert, mit seinen revolutionären Inszenierungen deutscher Dramatiker an den Arsch der Welt verbannt worden zu sein. Die einzige ostdeutsche im Club ist die Bibliothekarin Margarete (Swetlana Schönfeld), die immer wieder günstige Gesamtausgaben von DDR-Schriftstellern einkauft und sich im Verlauf der Serie als die alltagstauglichste unter den abgehobenen Schöngeistern herausstellt. Egal, ob es um eine dringend nötige Wahlfälschung oder um die Verteidigung des Instituts gegen schwer bewaffnete islamistische Fundamentalisten geht, Margarete überrascht mit entsprechenden (einst in der DDR erworbenen) Kompetenzen.

Das Institut: Die komplette Belegschaft

Das Institut: Dr. Eckart (Christina Große), Gmeiner (Rainer Reiners), Haschim (Omar El-Saeidi), Jördis (Nadja Bobyleva), Titus (Robert Stadlober) und Margarete (Swetlana Schönfeld)

Haschim (Omar El-Saeidi), der einzige Kisbeke im Team, liebt seine Arbeit im Institut, obwohl er mehr oder weniger Mädchen für alles ist, weshalb die Praktikantin Swantje (Antonia Bill) ihm immer wieder zuredet, er solle sich nicht alles gefallen lassen. Bezeichnenderweise ist Swantje die einzige unter den Deutschen, die sich ernsthaft für die kisbekische Kultur interessiert. So aufgeschlossen und weltgewandt sich die anderen auch geben, sie interessieren sich nur für ihre eigene Kultur, die sie für die überlegene halten und sind entsprechend unsensibel unterwegs, was immer wieder zu komplizierten Situationen führt.

Aber es gibt ja nun auch eine Menge Herausforderungen, die zu bewältigen sind, ob es nun um die Gestaltung eines Tags der offenen Tür geht, für den leider nur belgische Dekofähnchen aufzutreiben sind, oder die bessere Blutspendebilanz des niederländischen Instituts, um eine Aufführung des deutschen Toleranz-Stücks schlechthin, Nathan der Weise, mit kisbekischen Laiendarstellern und Hakenkreuz-Umhang („Ich will verstören!“ bekräftigt Titus), ein Fußballturnier im Mienenfeld oder um das Ansinnen lokaler Warlords, einen Crashkurs in deutscher Kultur zu bekommen, weil man ja den Feind kennen muss, um ihn zu besiegen, die wackeren Institutsmitarbeiter*innen (wie ist mittlerweile eigentlich die korrekte Schreibweise, wenn man alle und jede*n einbeziehen möchte?) haben es nicht leicht. Und auch wenn sie irgendwie selbst schuld an ihrer Lage sind, so kann man doch den einen oder die andere mit der Zeit lieb gewinnen: Sie meinen es ja meistens gut. Bis auf Dr. Eckart, aber jede Serie braucht ihre Buhfrau.

Und was mir sonst noch gefällt: Die Serie wurde hauptsächlich in einem ehemaligen Gefängnis in Berlin Moabit gedreht, was das gesamte Ambiente etwas klaustrophobisch wirken lässt. Wobei das die Situation in einem von islamischen Warlords beherrschten Mittelostland vermutlich gut einfängt. Hoffentlich gibt es noch eine weitere Staffel. Oder besser noch mehrere.

4 Blocks: Spannende Reportage aus der Parallelgesellschaft

Nachdem ich in der letzten Zeit viel darüber gejammert habe, dass es seit Jahren keine gute deutsche Serie mehr gegeben hat, kann ich jetzt berichten, dass es in diesem Jahr endlich wieder etwas Sehenswertes gibt: TNT Serie hat mit dem Gangster-Drama
4 Blocks tatsächlich etwas hingekriegt, an dem ZDFneo mit seiner Produktion Tempel ja leider kläglich gescheitert ist: Einen spannenden Mehrteiler nämlich, der ästhetisch und inhaltlich auf der Höhe der Zeit ist und tatsächlich etwas Neues über die Berliner Unterwelt erzählt, statt zum x-ten Male ausgelatschte Klischees neu zu bebildern. Hier geht es um den Aufstieg arabischer Klans, die inzwischen in einigen Berliner Bezirken das Sagen haben.

Der Libanese Ali Hamadi (Kida Khodr Ramadan), genannt „Toni“ – ob da wohl jemand an Tony Soprano gedacht hat? – lebt seit 26 Jahren in Berlin. Eigentlich wollen er und noch viel mehr seine treue und gläubige Frau Kalila (Maryam Zaree) nur gute deutsche Staatsbürger werden: Bald sollen sie endlich deutsche Pässe bekommen, und damit auch die entsprechenden Möglichkeiten, legal Geschäfte zu machen. Toni macht offiziell in Immobilien und liebt seine Frau und seine achtjährige Tochter, die er durchaus ermutigt, sich gegen die fiesen Jungs im Kiez zu behaupten. Die zum Beispiel der Ansicht sind, dass arabische Mädchen nicht Fahrrad fahren sollten. Und schon gar nicht unbegleitet.

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan)

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) Bild: 4-blocks.de

Aber Toni wird immer wieder in die kriminellen Geschäfte seines chaotischen Bruders Abbas gezogen, der findet, dass sein großer Bruder, seit er Frau und Kind hat, ein echter Waschlappen geworden ist. Toni hat zwar mit vielen dreckigen Geschäften Geld verdient, aber sein Geschäftsgrundsatz ist klar: „Wir sind keine Mörder!“ Und daran hält er sich. Vor allem bringt man keine Polizisten um, denn das bringt viel zu viel Ärger. Abbas hingegen hält sich nicht daran, er hat einfach zu viel von dem Stolz, den er an seinem großen Bruder vermisst und baut immer wieder scheiße, weshalb Toni sich nicht wie geplant ins legale Familiengeschäft zurückziehen kann. Zum Glück taucht Tonis alter Kumpel Vince auf, den er seit Ewigkeiten nicht gesehen hat.

Vince hat offensichtlich eine kriminelle Neuköllner Kiezvergangenheit – und kehrt nun nach längerer Abwesenheit in sein Heimatrevier zurück. Was Toni nicht weiß: Vince ist ein V-Mann, ein Informant, den die Polizei gezielt auf Toni angesetzt hat, damit er in den inneren Zirkel des abgeschotteten Araber-Klans eindringen kann – denn aus dieser Welt dringen kaum Informationen nach außen, so dass die Ermittlungsbehörden seit Jahren im Dunkeln tappen.

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) und sein Bruder Abbas (Veysel Gelin)

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) und sein Bruder Abbas (Veysel Gelin)eBild: 4-blocks.d

Und Vince ist ziemlich gut: Er hat einerseits den nötigen Stallgeruch, er kennt Toni und seine Familie von früher, andererseits hat er aber auch ein intaktes Unrechtsbewusstsein, viel Einfühlungsvermögen und gute Nerven – Toni führt Vince zu Abbas Ärger in die engeren Familienkreise ein und Vince bewährt sich, er übernimmt die dreckigen Jobs, die Toni seiner Familie wegen nicht mehr selbst machen will, für die Abbas aber ungeeignet ist. Denn Toni ist sehr daran gelegen, unter dem Radar zu bleiben, er weiß, dass er sich keinen Ärger leisten kann.

Mich erinnert das alles sehr an Undercover, jene bulgarische Serie, in der ein Informant in die bulgarische Mafia eingeschleust wird – diese Serie ist übrigens ebenfalls ein echter Geheimtipp. Aber es gibt auch Anklänge an die italienische Mafia-Serie Gomorrha, das israelische Undercover-Drama Fauda und nicht zuletzt einen Schuss Sons of Anarchy.

4 Blocks ist eine interessante Milieustudie einer gegen Fremde abgeschotteten Parallelgesellschaft, die sich in den bisher vernachlässigten Vierteln von Berlin (und anderen deutschen Großstädten) entwickelt hat und erzählt die Geschichte der Familie Hamady, eines jener berüchtigten arabischen Clans, von denen in letzter Zeit sehr viel die Rede ist: Wie bereits in den Herkunftsländern ist die Familie oft die einzige ökonomische und soziale Absicherung für ihre Mitglieder – und die sind zahlreich. Die Familie ist für diese Menschen die einzige Instanz, die zählt. Gut ist, was das Ansehen und den Reichtum der Familie mehrt, alles andere ist schlecht oder interessiert bestenfalls nicht. Was nicht heißt, dass es innerhalb der Familien keine Konflikte gibt – aber die werden untereinander geregelt. Und gegen alle anderen hält die Familie zusammen.

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan), Vince Kerner (Frederick Lau) und Abbas (Veysel Gelin)

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan), Vince Kerner (Frederick Lau) und Abbas (Veysel Gelin) Bild: 4-blocks.de

Diese Parallelgesellschaften sind auch ein Produkt verfehlter Politik im Umgang mit Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen und komplett misslungener, oder eigentlich eher gar nicht erst versuchter Integration dieser Menschen in das hiesige Gesellschaftssystem: Weil es für die oft nur geduldeten ehemaligen Flüchtlinge extrem schwierig war und ist, an legale Jobs zu kommen, haben sie sich eben mit den illegalen Möglichkeiten der Geldbeschaffung befasst und sind mittlerweile in so ziemlichen allen Bereichen der organisierten Kriminalität vertreten, vom Drogenhandel über Prostitution, Schutzgelderpressung, windige Immobiliengeschäfte, Versicherungsbetrug und dergleichen mehr.

Und so behalten sie oft auch die patriarchalisch geprägten Strukturen ihrer Herkunftsgesellschaften bei: Die Männer haben das Sagen, die Frauen unterstützen ihre Männer. Erstrecht, wenn sie Unterstützung brauchen – als Tonis nicht ganz so heller Schwager Latif ins Gefängnis kommt, ist seine Frau Amara natürlich erstmal sauer auf ihn – aber ihre Schwägerin Kalila überzeugt sie, dass sie nun erstrecht für ihren Mann da sein müsse. Und natürlich nimmt Abbas Amara und ihren Sohn bei sich zu Hause auf – es muss ja alles seine Ordnung haben. Amara ist von der Lösung wenig begeistert, denn Abbas nervt mit seinem Kontrollwahn – aber eine gute arabische Frau fügt sich in ihr Schicksal. Interessanterweise hat Abbas aber eine Frau aus einem anderen Kulturkreis auserwählt – er ist mit der ehemaligen Prostituierten Ewa zusammen, die aus Polen kommt. Und Ewa tut sich schwer damit, die Regeln der Familie Hamady zu akzeptieren – etwa, sich nicht einzumischen, wenn die Männer etwas untereinander zu bereden haben. Und das es beim Shoppen keinen Schampus, ja nicht mal Prosecco gibt.

4 Blocks: Amara (Almila Bagriacik) und Vince (Frederick Lau)  Bild: 4-blocks.de

4 Blocks: Amara (Almila Bagriacik) und Vince (Frederick Lau) Bild: 4-blocks.de

Auch die Welt der Hamadys ist in mehrere Sphären getrennt – nach innen gibt es spießiges Familienglück, nach außen hartes kriminelles Tagesgeschäft. Regisseur Marvin Kren und sein Kameramann Moritz Schultheiß finden dazu die passenden Bilder – allein der Auftakt in der High-Deck-Siedlung nahe der Sonnenallee in Neukölln ist grandios: In der einstmals als progressiven Sozialbau konzipierten Beton-Kulisse eines heruntergekommenen Berliner Slums (hier ist es fast so schön wie in der neapolitanischen Beton-Sünde, die in Gomorrha eine heimliche Hauptrolle spielt) verfolgen überforderte Polizeibeamte einen ausländischen Drogendealer, der einen Trainingsanzug mit den Insignien der deutschen Fußball-Nationalmannschaft trägt. Auf der oberen Ebene rotten sich Jugendliche zusammen – die Fronten sind klar: Alle gegen die Polizei. Die ihren Einsatz angesichts der eindeutigen Übermacht abbrechen muss – dieser Block ist eine NoGo-Area, soviel ist klar, zumindest für die Polizei.

Und nicht nur in der Bildsprache wird viel zitiert und auf anderes verwiesen. Mir gefällt die Art, in der das umgesetzt wird, sehr gut. Nichts ist mariniert, es ist eher augenzwinkerndes Understatement, das die Geschichte illustriert, zum Teil tatsächlich ziemlich komisch ist und mich schon deshalb nicht nervt. Wobei ich weiß, dass das Geschmacksache ist, aber ich hatte bei den drei Folgen, die ich bisher sehen konnte, viel Spaß daran. Die erste Staffel hat sechs Teile und die gute Nachricht ist, dass eine zweite Staffel bereits bestellt ist. Ich bin sehr gespannt.

Who am I – Kein System ist sicher

Vor ein paar Tagen bin ich im Zuge anderer Recherchen über einen Trailer zu Who am I gestolpert und erinnerte mich daran, dass ich diesen Film ja unbedingt sehen wollte, wenn er ins Kino kommt. Ich weiß nicht mehr, warum ich das im Herbst 2014 irgendwie nicht auf die Reihe gekriegt habe – doch inzwischen habe ich das nachgeholt und mir Who am I – Kein System ist sicher angesehen.

Und ja, das ist schon ein vergleichsweise guter Film aus deutscher Produktion. Einige Sachen, insbesondere, was das Hacking und die Motivation der Hauptfigur Benjamin Engel angeht, sind mir zwar dann doch zu flach bzw. zu plakativ – aber es handelt sich schließlich um einen Kinofilm, der auf ein Massenpublikum abzielt, insofern sollte ich hier nicht allzu strenge Maßstäbe anlegen – zumal Who am I das deutsche  Kinopublikum tatsächlich erreicht hat: Immerhin war Who am I der erfolgreichste deutsche Kinofilm seit den beiden Schimanski-Krimis, die in den 80ern im Kino gelaufen sind. Obwohl gerade diese Schimankis auch nicht so wahnsinnig gut waren. Aber wir hatten ja nüscht anderes.

Screenshot Who am I - Kein System ist sicher: Benjamin Engel (Tom Schilling)

Screenshot Who am I – Kein System ist sicher: Benjamin Engel (Tom Schilling)

Zurück zu Who am I. Dieser Film wirkt in erster Linie über seine Stars, und es sind eine ganze Menge an Bord: Tom Schilling spielt den unscheinbaren Hacker Benjamin, der nur am Computer ein Held und im wahren Leben ein Versager ist: Eine Null unter Einsen, wie er sich selbst beschreibt. In der Schule wurde er nicht mal verprügelt, weil keiner ihn wahrgenommen hat – was aber gleichzeitig auch seine Superkraft ist: Benjamin ist für die meisten Menschen unsichtbar. Das kann auch Vorteile haben.

Elyas M’Barek ist Max, Benjamins gut aussehendes und erfolgreiches Alter ego. Max ist ein charmanter Draufgänger, der all das hat, was Benjamin fehlt – auch wenn er gemessen an Benjamin das reinste Script-Kiddie ist. Doch dafür hat er ja seine Crew, zu der neben Benjamin auch der Software-Experte Stefan (Wotan Wilke Möhring) gehört, der immer auf der Suche nach Schwachstellen in Code und nach dem ultimativen Kick ist, und der paranoide Hardware-Freak Paul (Antoine Monot Jr alias TechNick).

Screenshot Who am I - Kein System ist sicher: Benjamin (Tom Schilling)

Screenshot Who am I – Kein System ist sicher: Benjamin (Tom Schilling)

Hannah Herzsprung spielt Marie – Benjamins unerreichbare Jugendliebe, die er nun zufällig wieder trifft – die letztlich zum Auslöser für die verhängnisvollen Ereignisse wird, die Benjamin mit einem schlecht vorbereiteten Hack auslöst, weil er ihr imponieren will. Benjamin träumt seit seiner Schulzeit davon, Marie zu erobern, zu heiraten und für immer mit ihr glücklich zu werden – nur hat Marie von all dem nie etwas bemerkt. Deswegen lässt er sich jetzt dazu hinreißen, die Fragen für Maries Bachelor-Prüfung vom Uni-Server zu stehlen – er wird aber erwischt und zu Sozialarbeit verknackt. Dort trifft er Max.

Dann ist auch noch die großartige Trine Dyrholm dabei – sie verkörpert die dänische Europol-Ermittlerin Hanne Lindberg, die als Cybercrime-Expertin schon seit mehreren Jahren versucht, der gefährlichen Hackercrew FR13NDS das Handwerk zu legen. Die FR13NDS haben Verbindungen zur russischen Cybermafia – und die vier Jungs um Max, die sich zur Hacktivistengruppe CLAY zusammengeschlossen haben, geraten durch eine Aktion, mit der sie die Aufmerksamkeit ihres Idols MRX erregen wollen, sowohl ins Visier der russischen Hacker als auch von Europol. Der legendäre MRX, der in jedes System eindringen kann, hat mit sich mit respektlosen Aktionen auch über die Hacker-Szene hinaus einen Namen gemacht. Aber er nimmt CLAY nicht ernst, was die Jungs natürlich nicht auf sich sitzen lassen wollen – und sie beschließen den BND zu hacken.

Screenshot Who am I - Kein System ist sicher

Screenshot Who am I – Kein System ist sicher

Das ist ein interessantes Setting – und zugleich macht mich das etwas… ratlos, denn, wie die Leser meines Blogs wissen, bin ich ein großer Mr.-Robot-Fan. Und gerade weil ich diese Serie so gut finde, bin ich nun erstaunt, wie viele Parallelen sich in Who am I finden. Vermutlich haben sich Baran bo Odar und Sam Esmail für ihre Recherchen in denselben IRC-Channels herumgetrieben.

Natürlich ist die Story von Mr. Robot deutlich komplexer und, genau das hat mir gefallen, das ganze Hacking wird weitgehend akkurat ausgeführt. Aber die Grundidee vieler Hacks ist schon in Who am I zu sehen. Etwa als Benjamin sich von Max überreden lässt, bei ihm und seiner Crew mitzumachen und er ihm deshalb seine Methode erklärt: „Menschen sind leichtgläubig und konfliktscheu.“ Er setzt auf Social Engineering. Benjamin fragt erstaunt: „Du hackst Menschen?!“ Max erklärt: „Menschen sind die besten Sicherheitslücken!“ Das ist auch eine Grunderkenntnis von Elliot Alderson in Mr. Robot. Und wie sich herausstellt, ist Benjamin ebenfalls ziemlich gut darin, Menschen zu hacken.

Screenshot Who am I - Kein System ist sicher: Benjamin (Tom Schilling)

Screenshot Who am I – Kein System ist sicher: Benjamin (Tom Schilling)

Allerdings gibt es schon einen signifikanten Unterschied: Benjamin Engel ist kein besonders politischer Typ. Er will, anders als Elliot Alderson in Mr. Robot, nicht die Welt retten, auch wenn Benjamin ständig Superman zitiert. Sein Mantra ist eher: „Die Welt braucht keinen Retter. Auch wenn sie ständig nach einem ruft.“ Benjamin hackt, weil er es kann. Und weil er eine Freundin haben will und nicht weiß, wie er das anders hinkriegen soll. Seine Hacks haben keine politische Dimension im eigentlichen Sinne, zwar ärgert CLAY die NBD, die leicht als NPD zu erkennen ist und macht aus dem Verlauf der DAX-Kurve in den Nachrichten eine Hand mit ausgestreckten Stinkefinger – aber es geht nur um den Spaß und nicht um die Idee, wirklich etwas zu verändern, was ich dann wieder schade finde – für den naiven Benjamin ist das alles ein Spiel, dessen Regeln er ziemlich lange nicht kapiert. Elliot hingegen weiß sehr viel mehr über die Welt und wie er sie gern hätte. Er hackt, weil er mit der Gesellschaft nicht zufrieden ist und etwas verändern will.

Screenshot Who am I - Kein System ist sicher: Marie (Hannah Herzsprung)

Screenshot Who am I – Kein System ist sicher: Marie (Hannah Herzsprung)

Trotzdem hat Benjamin einiges mit Elliot gemeinsam (oder umgekehrt, Who am I kam ja vor Mr. Robot heraus): Er hat früh seine Eltern verloren – seinen Vater kennt er nicht, der ist schon vor seiner Geburt nach Frankreich abgehauen, und seine Mutter hat sich umgebracht, als er acht Jahre alt war. Benjamin war immer anders als die anderen, er hat Schwierigkeiten, sich mitzuteilen und er medikamentiert sich selbst – allerdings ist seine Droge nicht Morphium, sondern Ritalin. Er nimmt mehr davon, als gut für ihn ist und steigert sich in Wahnvorstellungen hinein. Wohin das führt, lässt sich auch schon ahnen: In Benjamins Zimmer hängt unter anderem ein Fight-Club-Plakat.

Aufgewachsen ist Benjamin bei seiner Oma, die aber nun unter fortgeschrittenem Alzheimer leidet – er kümmert sich um sie, so gut er kann – und er darf dafür in ihrem Haus wohnen, was schon mal nicht schlecht ist, zumal es sich in den Schnitten im Film zufolge irgendwo in Berlin Mitte befinden muss, wo es garantiert keine solchen Häuser gibt. Kleine Detailkritik am Rande: Gerade weil mich begeistert, das Berlin quasi eine Hauptrolle in dem Film spielt, finde ich es besonders ärgerlich, dass es auch wieder diese vielen Unplausibilitäten gibt. Etwa, wenn Benjamin und Max mit der U-Bahn im lindgrün gekachelten U-Bahnhof Berlin Alexanderplatz ankommen, dann aber, wenn sie die Treppe hochgehen, plötzlich  am S-Bahnhof Potsdamer Platz sind. Klar, die neuen Hochhäuser am Potsdamer Platz  sind cooler als die Plattenbauten um den Alexanderplatz – aber blöd finde ich das doch. Ich hasse das auch in allen anderen Filmen und Serien, die angeblich in Berlin (oder anderen Orten, die ich kenne) spielen. Auch Homeland war da nicht gänzlich korrekt – die haben zwar original in der S-Bahn gedreht, aber die angezeigten Bahnhöfe entsprechen nicht dem realen Fahrplan für die angeblich genutzte Linie.

Screenshot Who am I - Kein System ist sicher: Max (Elyas M'barei) erklärt Benjamin (Tom Schilling) Social Engineering

Screenshot Who am I – Kein System ist sicher: Max (Elyas M’barei) erklärt Benjamin (Tom Schilling) Social Engineering

Zurück zu den Parallelen: Es gibt in Who am I auch eine Szene, die mich an Elliots Beichte bei seiner Psychologin Krista erinnert, nämlich als Benjamin Hanne Lindberg, als sie ihn verhört, erzählt, was er alles über sie weiß, weil er sie gehackt hat. Benjamin kennt ihre intimsten Geheimnisse, nicht nur ihre Sozialversicherungsnummer und ihre Konten in Dänemark und Deutschland, er weiß auch, dass sie während des Studiums, das sie als Jahrgangsbeste abgeschlossen hat, ein Fehlgeburt hatte und keine Kinder mehr bekommen kann. Hanne ist schockiert und fasziniert zugleich – sie ist es auch, die Benjamin später mit einer nicht weniger schockierenden Wahrheit über ihn selbst konfrontiert.

Screenshot Who am I - Kein System ist sicher: Hacker bei der Arbeit

Screenshot Who am I – Kein System ist sicher: Hacker bei der Arbeit

Es gibt sogar einen Bill Harper – auch wenn er in Who am I eine sie ist und Gerdi heißt. Die vier Jungs von CLAY wühlen sich auf der Suche nach einer Sicherheitslücke, die ihnen Zugang zum BND verschaffen kann, durch das Altpapier, dessen Abtransport aus dem BND-Gebäude sie beobachtet haben. Max findet, was sie brauchen: Eine Geburtstagskarte mit niedlichen Kätzchen, mit der die lieben Kollegen vom BND jene Gerdi bedacht haben. Wie sich herausstellt, ist Gerdi für die Putzkolonne zuständig, und damit auch für die Sicherheitsausweise, mit denen die Raumpflegekräfte ins Gebäude kommen. Anhand der Karte können die Hacker genug über Gerdi herausfinden, um ihr eine Phishing-Mail zukommen zu lassen, die Gerdi unmöglich als solche erkennen kann. Damit kommen sie an die entscheidenden Daten, mit denen sie sich Zutritt zum Gebäude verschaffen können. Das ist zwar weniger subtil wie in Mr. Robot – die Szene in Steel Mountain, in der Elliot Bill auseinandernimmt, um Zutritt zu der entscheidenden Ebene zu erlangen, ist Psychoterror pur. Das gibt es in Who am I nicht. Aber die Grundidee ist doch erstaunlich ähnlich.

Screenshot Who am I - Kein System ist sicher: Hacker bei der Arbeit II

Screenshot Who am I – Kein System ist sicher: Hacker bei der Arbeit II

Mit dem erfolgreichen BND-Hack hat Benjamin aber auch einen entscheidenden Fehler gemacht: Um MRX zu beweisen, dass er wirklich im System war, lässt er ihm Daten aus einer verschlüsselten Partition eines BND-Servers zukommen, die er zufällig entdeckt hat. Das war gegen die Verabredung, nichts mitgehen zu lassen. Kurz darauf wird die Leiche des Hackers Krypton im Wald gefunden – ich vermute hier eine Referenz an den historischen Hacker Karl Koch, dessen Leiche ebenfalls in einem Waldstück gefunden wurde.

Benjamin schnallt jetzt, dass es wirklich ernst wird und er die ganze Sache unterschätzt hat: Für ihn ging es bisher nur darum, sich und der Welt zu beweisen, dass er ein Superheld im Cyberspace ist, ein cooler Hacker, der überall reinkommt, wo er reinkommen will. Aber jetzt ist jemand umgebracht worden – bei Kryptons Leiche wird ein Teil jener Daten gefunden, die Benjamin beim BND geklaut hatte. Darin befand sich unter anderem die Information, dass Krypton ein V-Mann für den BND war. Damit war sein Todesurteil besiegelt – die Friends verstehen nämlich keinen Spaß. Benjamin hat es jetzt mit der russischen Cyber-Mafia zu tun. MRX hat die Daten den Russen zukommen lassen – und die haben kurzen Prozess gemacht. Damit haben wir die Dark Army von Who am I – und MRX ist ein Art Whiterose.

Screenshot Who am I - Kein System ist sicher: Hacker bei der Arbeit III: Die Geburtstagskarte für Gerdi vom BND

Screenshot Who am I – Kein System ist sicher: Hacker bei der Arbeit III: Die Geburtstagskarte für Gerdi vom BND

Aber Europol ist auch völlig nicht blöd, die haben ihrerseits eine Hackerin engagiert, die in Berlin verdächtige Cyber-Aktivitäten entdeckt. Benjamin zwar wird immer paranoider, er kommuniziert nur noch von öffentlichen Computerterminals aus, etwa der an der Humbold-Universität. Aber die Fahnder kommen ihm trotzdem auf die Spur. Er entgeht seinen Häschern nur dank seiner eingangs erwähnten Superkraft – er versteckt sich einfach unter einem Tisch in der Bibliothek und wird übersehen. CLAY will nun an MRX ran, um zu beweisen, dass MRX und nicht CLAY für den Tod von Krypton verantwortlich ist.

Dazu konstruieren sie ein „schwangeres Pferd“ – einen Trojaner im Trojaner, mit dem es möglich ist, einen Zugang ins System von Europol zu bekommen – gleichzeitig will Benjamin damit die Identität von MRX herausfinden. Aber der fällt nicht darauf rein, im Gegenteil, er hat Benjamin eine Falle gestellt und nun dessen Identität ermittelt.

Screenshot Who am I - Kein System ist sicher

Screenshot Who am I – Kein System ist sicher

Benjamin ist nun nirgends mehr sicher und muss untertauchen. Die Aufräum-Sequenz der CLAY-Hacker erinnert dann eher an Breaking Bad – CLAY entsorgt sämtliche Computerteile im Säurebad, und nicht per Bohrmaschine und Mikrowelle. Und er muss noch dringender als bisher herausfinden wer MRX ist und dafür sorgen, dass in der Szene bekannt wird, dass MRX Krypton ans Messer geliefert hat und nicht er. Benjamin schafft es am Ende aber wieder, auch bei Europol jemanden zu finden, der leichtgläubig und konfliktscheu genug ist, ihn hereinzulassen.

Benjamin kehrt nach seinem erfolgreichen Hack in das Hotel zurück und findet seine Mitstreiter tot vor. Er ist verzweifelt und will einfach wieder Benjamin sein, ein harmloser, unsichtbarer Typ. Aber natürlich ist es viel zu spät. Aber es gibt es eine glückliche Wendung – Marie taucht bei Benjamin auf, sie hat erfahren, dass jemand versucht hat, den Uniserver zu hacken, um die Prüfungsfragen für Rechtswissenschaften zu stehlen: Ihr ist sofort klar, dass Benjamin das für sie getan haben muss. Der bietet ihr an, mit ihm abzuhauen – wohin sie auch immer wolle. Sie will nach Kopenhagen: „Von allen Orten der Welt willst du unbedingt nach Kopenhagen?“ fragt Benjamin ungläubig. Aber warum eigentlich nicht – Dänemark ist das Land mit der höchsten Lebensqualität und hat hervorragende Restaurants, wenn man sie sich leisten kann. Das sollte für einen begnadeten Hacker nicht das Problem sein.

Screenshot Who am I - Kein System ist sicher: Max (Elyas M'Barek), Benjamin (Tom Schilling), Stefan (Wotan Wilke Möhring) und Paul (Antoine Monot Jr.)

Screenshot Who am I – Kein System ist sicher: Max (Elyas M’Barek), Benjamin (Tom Schilling), Stefan (Wotan Wilke Möhring) und Paul (Antoine Monot Jr.)

Derweil hat Benjamin auch eine Falle für MRX ausgeheckt – damit kann er seinen Gegenspieler lokalisieren und seinen Standort den Ermittlungsbehörden in den USA mitteilen: Es handelt sich um einen Hacker aus New York. Benjamin stellt sich der Polizei fordert in ein Zeugenschutzprogramm zu kommen – aber bei Europol wird schnell bemerkt, dass es da Löcher in seine Geschichte gibt, die größer sind als ein Todesstern. Hanne Lindberg kommt Benjamin schließlich auf die Schliche, sie hat seine Vorgeschichte recherchiert und findet heraus, dass Benjamin seine Psyche in mehrere Persönlichkeiten aufgespalten hat: Er ist CLAY, und zwar jeder der vier.

Schließlich entschuldigt sich Benjamin bei Hanne: Es wäre nicht richtig gewesen, dass er sie gehackt hätte und es tue ihm wirklich leid. Aber das ist nur die Vorbereitung für Benjamins Meisterhack – er muss Hanne jetzt nämlich noch einmal in ihrer aktuellen Position, als Ermittlerin bei Europol, hacken, um aus der ganzen Sache rauszukommen. Aber so, dass sie sich nicht manipuliert fühlt: Hanna soll Benjamin nämlich Zugang zu dem Polizeicomputer gewähren, auf dem sich die Daten für das Zeugenschutzprogramm befinden, in das Benjamin gern kommen würde, aber wegen seiner psychischen Erkrankung nicht hineindarf.

Screenshot Who am I - Kein System ist sicher: Europol-Eimittlerin Hanne Lindberg (Trine Dyrholm)

Screenshot Who am I – Kein System ist sicher: Europol-Eimittlerin Hanne Lindberg (Trine Dyrholm)

Keine Frage, am Ende kommt Benjamin auch hier wieder ans Ziel – und ist schließlich mit einer neuen Identität auf dem Weg nach Kopenhagen – gemeinsam mit Marie. Und Max, Paul und Stefan, die ihm zum größten Social Engineering-Projekt aller Zeiten gratulieren.

Mein Fazit: Alles in allem ist Who am I ein gelungener Hacker-Film – wobei ich außer 23 – Nichts ist wie es scheint auch keinen weiteren guten Hacker-Film kenne. Mal abgesehen von Dokumentationen, da gibt es einige, aber hier reden wir ja über Spielfilm. Deshalb ist der Vergleich mit Mr. Robot auch ein bisschen unfair – das ist zwar die einzige wirklich gute Hacker-Serie, die ich kenne, aber eben eine, die einfach neue Maßstäbe setzt.

Screenshot Who am I - Kein System ist sicher: Paul (Antoine Monot Jr.), Stefan (Wotan Wolke Möhring), Max (Elyas M'Barek), Benjamin (Tom Schilling) und Marie (Hannah Herzsprung)

Screenshot Who am I – Kein System ist sicher: Paul (Antoine Monot Jr.), Stefan (Wotan Wolke Möhring), Max (Elyas M’Barek), Benjamin (Tom Schilling) und Marie (Hannah Herzsprung)

Who am I setzt meiner Ansicht zwar keine neuen Maßstäbe in Sachen Hackerfilm, dazu ist mir die Geschichte, obwohl eine ganze Menge guter Ideen darin sind und der Plot zum Ende hin eigentlich immer besser wird, dann doch etwas zu einfach, was vor allem an den schon sehr eindimensionalen Charakteren liegt. Natürlich erklärt sich das vor allem aus der Tatsache, dass jeder der Jungs von CLAY am Ende nur eine Facette von Benjamins Persönlichkeit ist. Aber auch die anderen Personen bleiben blaß, selbst Marie, obwohl für den Film natürlich plausibel ist, dass sie Benjamin plötzlich mit anderen Augen sieht, als sie erfährt, dass er den Unicomputer gehackt hat, um ihre Prüfungsfragen für Rechtswissenschaften herauszufinden. Im Grunde ist Hanne Lindberg – abgesehen von Benjamin selbst – die interessanteste Person in diesem Film. Sie ist die einzige, die Benjamin versteht und deshalb geht sie auf den Deal ein, den er ihr anbietet: Er liefert ihr MRX und damit die FR13NDS, sie verhilft ihm zur Flucht und einer neuen Identität, auch wenn sie dafür ihre Karriere aufs Spiel setzt. Insofern ist dann auch wieder logisch, dass Benjamin und Marie ausgerechnet in die Heimat von Hanne Lindberg gehen, um ein neues Leben anzufangen.

Screenshot Who am I - Kein System ist sicher

Screenshot Who am I – Kein System ist sicher

Trotzdem macht der Film großen Spaß, er hat Tempo und bietet eine originelle Bildsprache – heute ging die Nachricht herum, dass Baran bo Odar die Regie bei der ersten Serie, die Netflix in Deutschland produzieren will, übernehmen wird. Wenn er sich da genauso austoben kann wie bei Who am I, könnte das ein neuer Hit werden. Ich bin gespannt.

Homeland: The Tradition of Hospitality

Jetzt hat es mich doch wieder gepackt: Mit der zweiten Folge der fünften Staffel hat das alten Homeland-Feeling wieder eingesetzt, das mir über die dritte Staffel abhanden gekommen ist – ich will jetzt wirklich wissen, wie es weiter geht. The Tradition of Hospitality ist zwar mitunter ziemlich unsubtil, dafür aber herrlich finster – es ist auf niemanden Verlass und so ziemlich jeder spielt ein dreckiges Spiel.

Nur Carrie nicht, interessanterweise, sie – wie immer – ist unfassbar loyal gegenüber ihrem Arbeitgeber. Sie zieht wirklich alle Register, um ihren Job gut zu machen, eben für die Sicherheit von Otto Düring zu garantieren – und lässt sich nicht darauf ein, auch guten alten Kollegen von der CIA irgendwelche Insider-Tipps zu geben. Was diese um so mehr dazu veranlasst, zu glauben, dass Carrie und Saul ihr bewährtes Spiel spielen – bestimmt hat Saul Carrie bei der Düring Foundation platziert, um irgendein ganz großes Rad zu drehen.

Screenshot Homeland Staffel 5 - Brandenburger Tor

Screenshot Homeland Staffel 5 – Brandenburger Tor

Aber wie wir wissen, ist es dieses Mal wirklich anders. Oder nicht…? Carrie hat jedenfalls wieder keinen einfachen Job: Sie hat es zwar geschafft, für Düring eine offizielle Einladung für seinen Besuch in dem Flüchtlingscamp im Libanon zu bekommen, aber vor Ort gibt es weitere Schwierigkeiten: Offenbar sind sich die Chefs der Milizen vor Ort untereinander nicht einig: Zwar hat der eine Hisbollah-Chef gegen ein Schutzgeld für Dürings Sicherheit garantiert, aber der andere weiß davon nichts – Carrie muss also wieder einiges regeln. Und sie ist auch nur halbwegs erfolgreich – eine Stunde bekommt sie für den Rucksack voll Geld. Aber eine Stunde ist besser als nichts.

Otto Düring kann sein Rede vor den Flüchtlingen und einen Scheck über 10 Millionen Euro in die Kamera halten – und er verspricht auch, weitere Geldgeber zu finden, damit aus diesem Camp ein gutes Beispiel für alle wird, die Kinder sollen zur Schule gehen, die Leute versorgt und die Kranken geheilt werden, junge Menschen eine Ausbildung bekommen und die Älteren weitergebildet werden – damit sie nach dem Krieg in Syrien ihr Land wieder aufbauen können. Ach ja, super Idee, wir brauchen einfach einen Otto Düring!

Aber natürlich geht etwas schief- oder fast, Carrie als Sicherheitsexpertin rettet Otto Düring natürlich vor dem Anschlag, der auf dem Rückweg auf ihn verübt wird. Derweil geht aber auch zuhause in Deutschland einiges schief: Durch jene Veröffentlichung eines geheimen Dokuments durch Laura Sutton ist die illegale Zusammenarbeit zwischen CIA und BND aufgeflogen – der BND übt nun Druck auf Laura aus, weil er die Quelle wissen will. Aber als gute Journalistin wird Laura eher sterben als ihre Quelle preiszugeben.

Der BND agiert, wie Geheimdienste das in der Regel tun – er setzt sich über geltendes Recht hinweg und tut, was er für richtig und angemessen hält. Wie das in der Öffentlichkeit ankommt, ist letztlich scheißegal – denn Geheimdienste machen eh, was sie wollen und letztlich spielt kaum eine Rolle, was die Medien darüber berichten: Wenns um die nationale Sicherheit geht, sind alle Mittel recht.

Das ist beim BND nicht anders als bei der CIA. Und wir wissen das – gelegentlich wird darüber ja ganz offiziell berichtet. Was aber nichts an der Praxis ändert. Insofern sehe ich Homeland auch eher als vergleichsweise ehrlichen Zustandsbericht, nicht aber als Kritik an diesen Zuständen: letztlich wirbt Homeland um Verständnis für alle Seiten – man kann die Protagonisten auf Seiten der Geheimdienste genauso verstehen, wie die auf der anderen Seite, die ja auch ihre Gründe haben. Immerhin das ist schon mal nicht schlecht: Es gibt kein „richtig“ oder „falsch“ mehr: Die Leute machen einfach ihren Job.

Und das ist auch wieder ekelhaft, wenn ich so darüber nachdenke. Immerhin machen die Leute in Homeland ihre Jobs jeweils gut – natürlich auch die dreckigen Jobs. So will sich die CIA-Chefin in Berlin nicht von Saul absägen lassen und intrigiert ihrerseits gegen ihn: sein Kopf sei doch viel wertvoller, wenn die Deutschen wegen dieser Geheimdienstäffäre denn unbedingt Köpfe rollen lassen wollen. Quinn hingegen geht weiterhin seinem Killerjob nach und killt eine Frau, die junge Mädchen für den IS anwirbt.

Carrie macht ihren Job, indem sie in Beirut bleibt, um herauszufinden, wer das Attentat auf Düring verübt hat. Und als sie in ihr Hotelzimmer zurück kommt, findet sie einen Hisbollah-Kämpfer vor, der ihr den Rucksack mit dem Geld zurück gibt – Araber-Ehre. Das mit dem Schutz hat nicht geklappt, daher gibt es das Schutzgeld zurück. Und Carrie bekommt noch eine entscheidende Information: Der Anschlag galt gar nicht Otto Düring. Er galt ihr.

Und als Sahnehäubchen obenauf bekommt Quinn am Ende einen neuen Auftrag: Der Name seines nächsten Opfers ist Mathison.

Und ja, es macht mir schon Spaß, dass so viel Deutsch gesprochen wird – und eben nicht dieses Deutsch, wie die Amis sich das vorstellen, sondern eben richtig, von echten deutschen Schauspielern gesprochen. Ich habe keine Ahnung, wie das dem US-Publikum gefällt, aber mir gefällt es. Und ich verstehe auch deren Englisch viel besser 🙂

Retrokritik: 23 – Nichts ist wie es scheint. Tatsächlich?

Es ist gewiss kein Zufall, dass ich durch Mr. Robot wieder auf den einzigen guten Hacker-Film gekommen bin, den ich je gesehen habe: 23 – Nichts ist so, wie es scheint. Also nicht, dass ich keine anderen Hacker-Filme gesehen hätte, da gab es ja einiges, von War Games über Sneakers, Das Netz und so weiter bis hin zu The Fifth Estate. Aber Hollywood und Hacker – das passt einfach nicht zusammen.

Gerade The Fifth Estate: Dieser Film von Bill Condon mit Benedict Cumberbatch als Julian Assange und Daniel Brühl als Daniel Domscheid-Berg, der sich um die spektakulären Veröffentlichungen von US-Militärdokumenten auf der Enthüllungsplattform Wikileaks dreht, ist, wie ich Anfang vergangenen Jahres schon schrieb, erstaunlich schlecht: Ich kann kaum fassen, wie man eine so gute Geschichte dermaßen vermurksen kann.

Da half auch die erstklassige Besetzung nicht: Was in dem Köpfen der Menschen und in den Datennetzen passiert, bleibt hier weitgehend nebulös. Dabei hat Sam Esmail mit Mr. Robot gerade vorgemacht, wie man genau so etwas umsetzt: Nämlich nicht durch alberne Animationen, sondern durch echte, nachvollziehbare Befehle auf dem Computer-Monitor und ein paar erklärende Worten zu den Gedanken desjenigen, der sie eingibt. Dabei muss keineswegs die Welt erklärt werden – eine markante Zusammenfassung dessen, was gerade Sache ist, reicht.

23 - titelbild via video.com

23 – titelbild via vimeo.com

Das hat Hans-Christian Schmid in seinem Film aus dem Jahr 1998 deutlich besser hingekriegt. 23 beruht ebenfalls auf einer wahren Geschichte – dem kurzen Leben des Hackers Karl Koch, der am 23. Mai 1989 verschwand und dessen verkohlte Leiche einige Tage später in einem Waldstück gefunden wurde. Karl Koch wurde durch die KGB-Hacks bekannt, die so genannt wurden, weil er und ein paar Freunde das Material, das sie aus den damals noch schlecht gesicherten Computern von Forschungseinrichtungen und Unternehmen kopierten, an die Sowjets verkauften.

Jetzt, wo ich mir den Film noch einmal angesehen habe, bin ich erstaunt, welche Parallelen es zwischen Karl Koch und Elliot Alderson gibt: Beide wollen die Welt retten und sitzen nächtelang vor ihren Computern – und während sie über die Datennetze Kontakt zu potenziellen Zielen aufnehmen, kommt ihnen der Kontakt zu ihrem realen sozialen Umfeld abhanden. Beide bewegen sich zunehmend in einer virtuellen Welt, die sie sich selbst erschaffen und geraten darüber in Konflikt mit der Realität – irgendwann können sie beide nicht mehr unterscheiden, was nur in ihren Köpfen statt findet und was tatsächlich passiert – für sie fühlt es sich real an. Ist es aber nicht. Oder nur zum Teil.

Karl zieht sich immer häufiger eine Nase voll Koks rein, um seine Auftragshacks durchzuhalten, weil er das Geld dringend braucht – unter anderem, um seinen aus dem Ruder laufenden Kokain-Konsum zu finanzieren. Elliot zieht sich immer häufiger eine Line Morphin rein, weil er mit der Situation, in die er sich durch seine Aktivitäten als frei schaffender Selbstjustiz-Hacker selbst gebracht hat, anders nicht mehr umgehen kann. Beide werden immer paranoider – nicht zu völlig unrecht, wie sich zeigt, obwohl viel der jeweiligen Paranoia auf Einbildung beruht.

23 - Nichts ist so wie es scheint - Karl Koch (August Diehl) - via cinema.de

23 – Nichts ist so wie es scheint – Karl Koch (August Diehl) – via cinema.de

Auch Elliot redet am Anfang über die denkbar größte Verschwörung jener Ein-Prozenter, die heimlich die Welt regieren. Bei Karl sind es die Illuminaten – das ist natürlich Weltverschwörung zum Quadrat: Er hat einfach zu viel Illuminatus! gelesen. Die Illuminatus-Trilogie von Robert Anton Wilson war in den 80ern sehr populär, ich habe sie auch gelesen und bin eine Zeitlang entsprechend paranoid gewesen – das bleibt einfach nicht aus, plötzlich hat alles irgendwas mit Pentagrammen und der 23 zu tun. Aber ich verkehrte nicht in Hackerkreisen und nahm damals auch keine Drogen, also beruhigte sich das irgendwann wieder.

Zumindest ein bisschen, denn paranoid waren viele von uns, die wir in den 80er Jahren erwachsen wurden: Der Kalte Krieg, die RAF, die Friedensbewegung, die Anti-Atom-Bewegung, der Polizei-Staat – wir mussten die am Abgrund torkelnde Welt doch ständig retten und dabei noch gegen unsere Spießer-Eltern rebellieren, die so ewiggestrig waren, wie sich unsere Kinder sich das heutzutage einfach nicht mehr vorstellen können. Genau wie eine Welt ohne E-Mail, ohne Smartphones, ohne soziale Netzwerke.

Karl ist eben auch einer von denen, die zur Demo in Brokdorf gepilgert sind und kritische Schülermagazine herausgebracht haben, einer von den politisch engagierten. Aber einer, der dann zunehmend auf Abwege geraten ist, nachdem er sich darauf eingelassen hat, für Geld zu hacken, oder eigentlich: Für Drogen. Zwar versucht er anfangs noch sich selbst und einer Freundin zu beweisen, dass ihm Geld überhaupt nicht wichtig ist – nachdem sie ihm gesagt hat, dass er nach dem Tod seines Vaters echt zum Arschloch mutiert sei, fängt Karl an, die von seinem Erbe verbliebenen Geldscheine zu verbrennen – und natürlich höre ich im Voice-over Elliot: „I don’t give a shit of money!“

23 - Nichts ist so wie es scheint - Karl Koch (August Diehl) ist Geld nicht so wichtig - vie br.de

23 – Nichts ist so wie es scheint – Karl Koch (August Diehl) ist Geld nicht so wichtig – via br.de

Was, nebenbei bemerkt, ganz schön blöd ist: In einer Welt, in der auf allem, was man zum Leben braucht, ein Preisschild klebt, ist die Behauptung, dass Geld doch gar nicht so wichtig sei, um ein gutes Leben zu haben, die perfideste Propagandalüge, die sich denken lässt. Aber was sollen die Kapitalistenschweine von dem einen Prozent ganz oben auch sonst sagen, wenn sie wollen, dass wir obedient zombies (Elliot in eps1.2_d3bug.mkv) weiterhin für einen Hungerlohn ihren Reichtum mehren. Aber ich schweife ab.

Also: Nachdem Karl kurz hintereinander beide Eltern verloren und etwas Geld geerbt hat, kauft er sich einen Computer und dringt in die Welt der Mailboxen vor, weil er Gleichgesinnte sucht, mit denen er über Illuminatus diskutieren kann. Die findet er im Umfeld des gerade entstehen Chaos Computer Clubs. Hierüber entwickeln sich weitere Kontakte, die für Karl verhängnisvoll noch werden: Karl lernt nicht nur den freundlichen und sehr begabten Hacker David kennen, sondern auch den kriminellen Programmierer Lupo und dessen Kumpel Pepe, der Dealer ist und Karl künftig mit Kokain versorgt. Pepe ist es auch, der den Kontakt zum KGB herstellt.

Die naiven Idealisten Karl und David lassen sich im jugendlichen Leichtsinn darauf ein, als Hacker für den KGB zu arbeiten – in ihren Augen ist das erstmal eine gute Sache: Während die USA mit ihrem aggressiven Verhalten gegenüber Libyen den Weltfrieden gefährdet, wollen die Jungs für ausgleichende Gerechtigkeit sorgen. Und sie bekommen auch noch Geld dafür!

Außerdem ist ein Journalist auf Karl aufmerksam geworden und drängt ihn dazu, ihm eine richtig gute Hacker-Story zu liefern. Karl, der inzwischen immer Geld braucht, lässt sich darauf ein, sich vor laufender Kamera ins AKW Jülich zu hacken. Durch diese Sache wird das BKA auf Karl und den Sender aufmerksam – Karls Paranoia bekommt also eine Grundlage, denn er wird jetzt wirklich überwacht. Als es kurz darauf zur Kernschmelze in dem Atomkraftwerk in Tschernobyl kommt, glaubt Karl, dass er irgendwie mit daran schuld sei – er hat in der letzten Zeit einfach zu viel Zeit auf Koks vor dem Bildschirm verbracht. Der Zusammenbruch ist unvermeidlich – er irrt halb nackt im Regen durch die Straßen und landet schließlich in einem Krankenhaus. Anders als Elliot kann er sich aber noch nicht ins System hacken, um seinen Krankenakten zu fälschen, denn die werden noch analog geführt.

Karl macht einen Entzug in einer entsprechenden Einrichtung und beschließt, mit seiner kriminellen Vergangenheit abzuschließen, denn Lupe und Pepe bedrohen ihn immer wieder. Er macht eine Aussage beim Verfassungsschutz und kommt in ein Zeugenschutzprogramm, während die beiden in den Knast wandern. Wenig später verschwindet Karl – die Umstände seines Todes sind bis heute nicht aufgeklärt worden. Was entschieden für eine Beteiligung von Geheimdiensten spricht – sonst wird ja im Grunde jeder Mord in Deutschland aufgeklärt.

Karl (August Diehl) und David (Fabian Busch) surfen um die Welt - via duassen-woebke-putz.de

Karl (August Diehl) und David (Fabian Busch) surfen um die Welt – via duassen-woebke-putz.de

Hans-Christian Schmid erzählt das Leben des Karl Koch sehr gradlinig und ohne dramaturgische Schnörkel – ganz in der Tradition des Dokumentarfilms, schließlich ist Schmid gelernter Dokumentarfilmer. Immer wieder ist echtes Dokumaterial zu sehen, die Auseinandersetzungen zwischen Atomkraftgegnern und Polizei, Bilder von der Konfrontation zwischen den USA und Libyen, der Ruine des havarierten Reaktorblocks in Tschernobyl, Ronald Reagan, Michail Gorbatschow, Muammar al-Gadaffi, der Mord am schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme – die paranoide Stimmung jener politisch engagierten jungen Menschen in den 80er wird dadurch fühlbar.

Und dazu kommt, dass August Diehl als Karl immer bleicher, hohlwangiger und nervöser wird, er starrt mit fiebrigen Blick auf den Bildschirm, kämpft in seinem Kopf mit übermächtigen Gegnern, und verfällt gleichzeitig einem heillosen Größenwahn – natürlich hätte er weder den Tod seines Vaters, der an einem Hirntumor gestorben ist, noch den Mord an Olof Palme, noch die Kernschmelze in Tschernobyl verhindern können, aber er glaubt, dass die Illuminaten ihn zu ihrem Werkzeug gemacht haben.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sam Esmail sich unter anderem auch von diesem Film hat inspirieren lassen – als jemand, der sich für die Hacker-Kultur überhaupt interessiert, muss er den CCC und seine wichtigsten Mitglieder kennen, auch wenn Deutschland, von den USA aus gesehen, auf einem ziemlich entfernten Planeten liegen mag. Aber dank Internet ist die Welt ja ein Dorf, in dem jeder jeden um ein paar Ecken herum kennt.

Karl auf einem der erste CCC-Treffen - via kinoweg.de

Karl auf einem der erste CCC-Treffen – via kinoweg.de


Außerdem: Die Dämonen in Elliots Kopf haben auch Karl schon heimgesucht, der irgendwann als zuckendes Wrack auf seinem Bett liegt wie Elliot in da3m0ns.mp4 und genau wie bei Karl Koch verschwimmt auch bei Elliot irgendwann die Grenze zwischen dem, was er für die anderen, für die Gesellschaft erreichen will, und dem, was er für sich selbst tut. Und wie Elliot wird auch Karl immer paranoider – nur dass Karl nicht mit seinem toten Vater streitet, seinen Vater konnte er ja ohnehin nicht ausstehen, er hört aber Stimmen und Flugzeuge, die nicht da sind und irgendwann versucht er in einem Panikanfall aus einem fahrenden Auto zu steigen, das mit 180 Sachen auf der Autobahn unterwegs ist.

Hans-Christian Schmid braucht keine erfundenen Figuren, um Karls psychische Störungen zu illustrieren. Aber wir sind hier auch in einem anderen Genre: Während 23 weitgehend realistisch die Lebensgeschichte eines Hackers erzählt, der mit der Zeit durch übermäßigen Drogenkonsum an Halluzinationen, Verfolgungswahn und Realitätsverlust leidet, erzählt Mr. Robot von eben diesen Halluzinationen, dem Verfolgungswahn und dem Realitätsverlust seiner Hauptfigur – und zwar aus Elliots Perspektive. Mir ist klar, dass ich hier Äpfel mit Birnen vergleiche – ich will das eigentlich auch gar nicht tun. Mir fiel nur auf, dass die historische Person Karl Koch und der fiktive Hacker Elliot Alderson einige Gemeinsamkeiten haben, die gewiss nicht zufällig sind.

Hans-Christian Schmid hat jedenfalls einen Film abgeliefert, der mittlerweile natürlich auch durch seine Retro-Ausstattung (C64! Atari! CBM-II!) Kultcharakter hat, aber auch sonst wirklich sehenswert ist. Für seine Darstellung des Karl Koch in 23 – Nichts ist so wie es scheint, bekam August Diehl den Deutschen Filmpreis als bester Schauspieler.