Die Brücke und der Unsichtbare

Nein, mit dieser zweiten Staffel von der Brücke bin ich nicht wirklich zufrieden. Ja, es ist alles wieder sehr rätselhaft und komplex, aber der Drive fehlt irgendwie – und langsam gehen mir die privaten Probleme von Martin und Saga auch auf die Nerven. Natürlich gibt gerade Sagas eigenwillige Art wieder eine Menge interessanter Szenen her, der Besuch der Schwiegermama in spe samt sämtlichen Komplikationen ist allerliebst, aber das ist halt nettes Beiwerk und nichts, was die ohnehin reichlich verworrende Handlung sinnvoll weiter trägt.

Zwar haben sich die Autoren wieder allerhand ausgedacht, aber irgendwie zündet die Geschichte nicht, sie britzelt an einer langen Lunte vor sich hin, aber die vielen Windungen finde ich dann doch ziemlich ermüdend. Da hilft auch nicht, dass es jede Menge Leichen gibt, ein Chemiewerk in die Luft fliegt oder am Ende gleich eine vollbesetztes Flugzeug mit Biowaffen angegriffen wird – es reicht halt nicht, einfach von allem zu viel zu nehmen, um eine gute Serie auf den Tisch zu bringen – machmal ist weniger mehr und die Konzentration auf das Wesentliche besser als immer noch was und noch was und noch was, wo man doch eh schon übersatt von den vielen Nebensachen ist. Ist mir lange nicht passiert, dass ich bei einer Serie, wo ich mich explizit auf die nächste Staffel gefreut habe, froh war, als sie vorbei war. Normalerweise ist es traurig, wenn die Staffel schon wieder durchgesehen ist. Aber in diesem Fall ging es mir tatsächlich so: gut, dass es endlich vorbei ist.

Screenshot: Den osynlige - Gustaf Skarsgård als Untoter.

Screenshot: Den osynlige – Gustaf Skarsgård als künftiger Untoter.

Als Übersprungshandlung musste ich dann gleich noch was Skandinavisches hinterher kucken – in diesem Fall ein schwedisches Teenie-Drama aus dem Jahr 2002, das im Original Den osynlige heißt und ansonsten mit dem Titel Invisible- Gefangen im Jenseits abschreckt, obwohl es zumindest auf Anhieb gar keine deutsche Fassung von dem Film zu finden ist. Aber inzwischen bin ich ja ein Fan von schwedischen Originalfassungen mit englischen Untertiteln. Darauf gekommen bin ich, weil zum einen der jüngere Bruder von Alexander Skarsgård, Gustaf Skarsgård, die Hauptrolle spielt und zum anderen Joel Kinnaman in einer Nebenrolle zu sehen ist.

Screenshot: Den osynlige - Kalle

Screenshot: Den osynlige – der künftige Robocob im Jahr 2002 als Skinhead Kalle

Alles in allem ist die Gesichte ziemlich düster, aber nicht schlecht: Niklas (gespielt von Gustaf Skarsgård) ist ein Einzelgänger, der gut in der Schule und etwas verschroben, aber mit seiner Rolle als Schulstreber nicht unglücklich ist, so schreibt er Gedichte und bewirbt sich heimlich bei einer Schule für Autoren in London. Allerdings hat er Probleme mit seiner immer sehr um ihn besorgten alleinerziehenden Mutter, weshalb er ihr von seinen Plänen, nach England zu gehen, auch nichts verrät. Nur Peter weiß Bescheid, dessen einziger Freund Niklas ist.

Screenshot  - den osynlige: Kalle, Peter und Attis

Screenshot – den osynlige: Kalle und Attis drangsalieren Peter

Unterdessen überfällt die notorisch kriminelle Schulpsychopathin Annelie (Tuva Novotny) mit ihrem Freund ein Juweliergeschäft – ihr Freund bekommt am nächsten Tag aber kalte Füße und meldet den Raub bei der Polizei. Diese findet das Diebesgut in Annelies Spind. Annelie und ihre Schlägerclique fangen Peter ab, der ohnehin ihr Lieblingsopfer ist, und quälen ihn solange, bis er aus lauter Verzweiflung Niklas als den gesuchten Verräter nennt, weil er annimmt, das Niklas längst auf dem Weg nach London ist. Natürlich hat Peter keine Ahnung, dass Annelies Freund Marcus seine Freundin verpfiffen hat.

Screenshot: Den osynlige

Screenshot: Den osynlige

Blöderweise hat Niklas Mutter inzwischen aber heraus gefunden, was ihr Sohn vor hat und ihn dazu bewegt, bei ihr zu bleiben. Das Flugticket hat er am Abend spontan einer Zufallsbekanntschaft geschenkt. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf: Annelie, Attis (Francisco Sobrado) und Kalle (Joel Kinnaman) verfolgen Niklas und verprügeln ihn – Annelie rastet schließlich aus und tritt ihn (vermeintlich) zu Tode. Daraufhin werfen sie Niklas leblosen Körper sie in eine Grube und zwingen Peter, Niklas Sachen zu verbrennen.

Screenshot: Den osynlige - Peter hält Niklas für tot

Screenshot: Den osynlige – Peter hält Niklas für tot

Am nächsten Morgen kommt Niklas wie üblich in die Schule und muss feststellen, dass die anderen ihn nicht wahrnehmen: Sie können ihn weder hören noch sehen. Über diesen Zustand gerät er zunehmend in Verzweiflung, zumal er mitbekommt, dass seine Mutter nach ihm sucht. Er findet auch heraus, dass Annelie sich an ihm gerächt hat, weil sie glaubte, dass Niklas der Polizei den anonymen Hinweis gab.

Als Niklas vor seinem Fenster einen sterbenden Vogel beobachtet, der ihm einige Zeit auf der Schulter sitzt und wieder verschwindet, begreift er, dass er noch nicht ganz tot ist. Daraufhin versucht er, seinen Körper zu finden. Dazu nimmt er Kontakt mit Annelie auf – ausgerechnet seine Mörderin ist die Einzige, mit der er ansatzweise kommunizieren kann. Am Grab ihrer Mutter weint Annelie erstmals, aber sie kann Niklas nicht helfen, denn sie weiß nicht, wo seine Leiche ist.

Screenshot: Den osynlige - Niklas Körper ist verschwunden

Screenshot: Den osynlige – Niklas Körper ist verschwunden

Inzwischen wird Niklas von der Polizei gesucht und Peter kann nicht länger ertragen, dass sein einziger Freund seinetwegen umgebracht wurde. Er erhängt sich in seinem Zimmer. Niklas kann ihn nicht davon abhalten, aber während Peter sich im Todeskampf und somit in jeder Zwischenwelt befindet, in der Niklas gefangen ist, sagt Peter ihm, wo er sein Körper finden kann – er hat ihn bei den Schleusen versteckt. In seinem Abschiedsbrief teilt er das auch der Polizei mit. Kurz nachdem Niklas quasi wieder zu sich selbst gefunden hat, trifft auch die Polizei samt Rettungswagen ein – die Ärzte schaffen es zwar, Niklas wiederzubeleben, können ihn aber nicht retten. Im Krankenhaus erfährt Niklas Mutter, dass ihr Sohn zwar noch atmet, aber hirntot ist.

Screenshot: Den osynlige - nur Niklas Mörderin Annelie kann noch helfen.

Screenshot: Den osynlige – nur Niklas Mörderin Annelie kann noch helfen.

Inzwischen hat Annelie begriffen, dass ihr Freund Marcus der Verräter ist. Jetzt will sie sich an ihm rächen – auch dafür, dass sie einen Unschuldigen ermordet hat. Marcus versichert ihr allerdings, dass Niklas noch lebt – das hat er auf der Polizeiwache gehört. Also versucht Annelie zum Krankenhaus zu kommen, was sie schließlich mit Niklas Hilfe auch schafft, der ja ein Interesse daran hat, dass sie zu seinem Körper und seiner Mutter vordringen kann. Niklas braucht Annelie als Medium, um seiner Mutter mitzuteilen, dass sie ihn loslassen soll. Natürlich will Niklas Mutter erstmal nichts von Annelie wissen, aber als Niklas sie Dinge sagen lässt, die nur Niklas wissen kann, begreift seine Mutter, dass durch Annelie tatsächlich ihr Sohn zu ihr spricht. Sie lässt zu, dass Annelie zu Niklas geht und die lebenserhaltenden Maschinen abschaltet. Der Film endet damit, dass Annelie sich von Kommissar Larsson verhaften lässt.

Screenshot: Den osynlige - Niklas Mutter.

Screenshot: Den osynlige – Niklas Mutter.

Alles in allem fand ich das eine ganz interessante Geschichte und auch ganz ordentlich umgesetzt – auf mich hat ja die Beschreibung „Thriller mit Fantasy-Elementen“ eine eher abschreckende Wirkung, weshalb ich hier auch eher skeptisch war. Es muss nicht immer Thriller sein und Thriller mit Fantasy schon gar nicht. Aber dieses Schwedendrama mit Fantasy-Elementen ist absolut im hässlichen Diesseits verankert, was es erträglich macht.

Screenshot: Den osynlige - Niklas "Geist" und Annelie

Screenshot: Den osynlige – Niklas „Geist“ und Annelie im Krankenzimmer. Gleich wird Annelie die Maschinen abeschalten.

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Die Brücke – Transit in den Tod Staffel 2:

Nach dem ich als echter Die-Brücke-Fan ja nicht nur das Original, sondern sämtliche Remakes (The Bridge – America bzw. The Tunnel) gesehen habe, freue ich mich jetzt natürlich sehr, dass es endlich wieder los geht: Die zweite Staffel der dänisch-schwedischen Krimi-Serie läuft endlich im ZDF. Und auch dieses Mal ist die spektakulär lange Öresund-Brücke, die Kopenhagen und Malmö verbindet, der Ort, an dem das Verbrechen seinen Anfang nimmt.

Und das, nachdem dieses eigentlich sehr triste Ding, das nichts als eine lange Straße bzw. Schienenstrecke über die Ostsee ist, der Ort war, an dem nicht nur das rätselhafte erste Verbrechen der ersten Staffel inszeniert wurde, sondern auch das letzte Verbrechen des fanatischen Täters scheiterte: Der dänische Kommissar Martin Rohde (Kim Bodnia) sollte die Geisel erschießen, um das Leben seines Sohnes zu retten. Aber der Wahrheitsterrorist log: August war schon tot. Und die schwedische Kommissarin Saga Norén (Sofia Helin), die das als einzige schon wusste, streckte Martin nieder, um zu verhindern, dass er zum Mörder würde.

Screenshot Die Brücke 2: Sage weiß, dass mehr dran ist

Screenshot Die Brücke 2: Sage weiß, dass mehr dran ist

Ein Jahr und einen Monat später läuft ein Frachtschiff gegen einen Pfeiler der Brücke. An Bord sind fünf junge Menschen, angekettet im Laderaum und in gesundheitlich schlechtem Zustand. Weil zwei der Jugendlichen aus Dänemark stammen, setzt Saga sich in ihren alten Porsche und fährt nach Kopenhagen. Sie ahnt, dass es sich um mehr als um einen Vermissten-Fall handelt und erinnert sich offenbar gern an die Zusammenarbeit mit Martin. Denn sie hätte ihn auch einfach anrufen können. Oder eine E-Mail schreiben. Aber zwischenmenschliche Kommunikation ist nicht so ihr Ding. Jedenfalls nicht so, wie andere kommunizieren würden.

Screenshot Die Brücke 2: Martin freut sich, Saga zu sehen.

Screenshot Die Brücke 2: Martin freut sich, Saga zu sehen.

Martin ist nach dem Tod seines Sohnes grau geworden, freut sich aber, Saga zu sehen. Und nicht nur das, er will ihr bei ihren Ermittlungen helfen. Man hat ihn nach dem schrecklichen Ereignissen im vergangenen Jahr auf einen ruhigen Posten versetzt, damit er sich erholen kann. Aber als Martin Saga sieht, wird ihm klar, dass er eigentlich viel lieber wieder ins richtige Leben zurück will. Er will nicht geschont werden, er will einfach wieder behandelt werden wie jeder andere auch, und genau das beginnt er, jetzt einzufordern. Und Sagas spröde Art hilft ihm dabei, auch wenn sie inzwischen versucht, Martins Ratschläge aus der ersten Staffel zu befolgen – was Martin natürlich merkt: „Nur weil Sie inzwischen das Lügen gelernt haben, heißt das nicht, dass Sie gut darin sind!“ quittiert er ihre nett gemeinten Versuche.

Screenshot Die Brücke 2: Saga und Martin in Aktion.

Screenshot Die Brücke 2: Saga und Martin in Aktion.

Aber der Fall lässt auch wenig Raum für Nettigkeiten: Eine Gruppe von Umweltterroristen hat die Jugendlichen auf dem Frachter mit Lungenpest infiziert und ist dabei, eine Menge Menschen zu vergiften: Menschen sterben nach dem Verzehr von unkorrekt produziertem Obst, von ökologisch zweifelhaften Riesengarnelen oder Rindfleisch. Alles, was eine schlechte Öko- und Korrektness-Bilanz hat, wird potenziell gefährlich. Keine Frage, das Ganze erinnert doch sehr an The East. Ich vermisse schon jetzt Figuren wie den Sozialarbeiter Stefan, der im Wunsch, den Schwachen und Benachteiligten zu helfen, zum Mörder wird oder den zwielichtigen karrieregeilen Journalisten Daniel.

Die Jungs und Mädels von der Ökoterror-Front haben mich noch nicht so richtig überzeugt – sie sind auch viel weniger nett zueinander als die Anarchos aus The East. Natürlich sind so richtige Terroristen, die über Leichen gehen, nie nette Menschen – aber hier wird ja nicht mal der Versuch gemacht, die Terroristen auch nur ambivalent zu zeichnen. Das ist schon ziemlich enttäuschend, obwohl ich durchaus guten Willens bin, mir anzusehen, wie es weiter geht.

Zu viel ist zu viel: Die Brücke mit Tunnelblick

Was zweimal funktioniert, kann man auch noch ein drittes Mal ausprobieren – aber ganz ehrlich: in diesem Fall würde ich nicht sagen, dass alle guten Dinge drei sind.
Mit The Tunnel wurde die skandinavische Krimiserie Die Brücke – Transit in den Tod ein weiteres Mal verfilmt, dieses Mal allerdings ist der Euro-Tunnel zwischen England und Frankreich der Ort des Verbrechens. Und weil mir sowohl das Original, als auch die US-Adaption The Bridge America sehr gut gefallen haben, musste ich mir das alles noch einmal reinziehen, dieses Mal halt zweisprachig auf Englisch und Französisch.

Capitaine Elise Wassermann und Detective Karl Roebuck im Tunnel

Capitaine Elise Wassermann und Detective Karl Roebuck im Tunnel – Screenshot von http://tbivision.com/mipcom/2013/09/mipcom-hot-pick-the-tunnel/152022/

Und ja, es ist einerseits wieder alles wohlbekannt und doch wieder ganz eigen. Und ja, ich finde Clémence Poésy als Capitaine Elise Wassermann und Stephen Dillane als Detective Karl Roebuck auch wieder sehr gut und völlig überzeugend. Die Elise Wassermann der Clémence Poésy kommt der Saga Norén aus dem Original noch näher als die Sonja Cross von Diane Kruger, wobei natürlich die Frage ist, ob das wirklich so gut ist. Aber diese ebenso arrogante wie berechtigte Gewissheit, dass es außer ihr selbst niemanden gibt, der den Job ähnlich gut erledigen könnte wie Elise bzw. Saga – das ist immer wieder cool. Und auch, wie irritiert die Mitmenschen jedes Mal wieder sind, wenn jemand nicht kapiert, dass man halt nicht immer und überall die Wahrheit sagen sollte. Mir gefallen auch die speziellen Reibereien zwischen den Franzosen und den Briten, da gibt es ja viel Potenzial und auch sonst ist alles wieder herrlich düster, trostlos und gemein.

Ja, eigentlich gefällt mir überhaupt alles wieder sehr gut – theoretisch, denn bedauerlicherweise kenne ich die Geschichte schon zu gut, um The Tunnel noch genießen zu können – ich weiß ja, was passieren wird, auch wenn einige Details geändert wurden. Es ging mir dann doch nur noch darum zu sehen, wie sie es denn dieses Mal gemacht haben und ja, sie haben es wieder ziemlich gut gemacht. Leider muss ich sagen, denn die Abnutzung ist spürbar. Es ist halt nicht mehr so spannend, eine Krimiserie anzusehen, die eben auch auf Spannung hin konstruiert wurde, wenn man schon weiß, wie es am Ende ausgeht. Und besonders schade ist das, weil sie eigentlich gut gemacht ist – nur eben nicht mehr neu. Insofern wäre es vielleicht ganz gut, wenn man sich für das nächste britisch-französische Serienprojekt einfach mal eine neue Geschichte ausdenken würde.

Wer Die Brücke – Transit in den Tod nicht kennt und/oder The Bridge America noch nicht gesehen hat, ist mit The Tunnel auf jeden Fall auch sehr gut bedient. Denn wie gesagt, die Geschichte ist an sich ist vielschichtig und spannend, da gibt es nichts dran auszusetzen und auch diese Serie ist sehr gut und mit Liebe zum Detail gemacht, auch wenn mir hier die Titelmusik nicht besonders gefallen hat – aber ich fand auch die vom Original nicht so toll. Was die Musik angeht, ist erstaunlicherweise die US-Version mein Favorit, obwohl gerade die US-Serien sonst oft musikalisch nicht mein Fall sind.

Die Brücke – Transit in den Tod auf amerikanisch

Ich bin ja eine große Freundin der „Ein-Fall-Mehrteiler“ – also Krimi-Serien, bei denen es eine ganze Staffel lang um die Aufklärung eines einzigen Falls geht. Leider haben Fernsehproduzenten nicht oft den Mut, solche Serien zu produzieren. Ein gutes Beispiel war vor einigen Jahren Das Verbrechen, in dem die dänische Kommissarin Sarah Lund so ziemlich alles dafür geben hat, den Mord an einem neunzehnjährigen Mädchen aufzuklären. Es gab noch zwei weitere Staffeln, aber leider kamen diese nicht an den ersten Fall heran. Die Skandinavier sind bekanntlich sehr gut in düsteren Krimis und es muss nicht immer Kommissar Kurt Wallander sein, obwohl ich Henning Mankell als Autor sehr schätze, und ganz ausdrücklich nicht nur als Autor wirklich guter Krimis.

Insofern war ich sehr begeistert, als im vergangenen Jahr Die Brücke im Fernsehen lief, eine dänisch-schwedisch-deutsche Koproduktion, bei der ein dänischer Kommissar und eine schwedische Kommissarin gemeinsam einen Mordfall untersuchen müssen, der mit einer Leiche auf der Öresundbrücke begonnen hat und immer weitere Kreise zieht.

Am Ende ist der geniale Verbrecher, der sich gern Wahrheitsterrorist bezeichnen lässt und mit sorgfältig inszenierten Verbrechen auf soziale Missstände in der Gesellschaft aufmerksam macht, nur auf einem sehr privaten Rachefeldzug gegen einen der beteiligten Ermittler.

Und zwar gegen den auf den ersten Blick „normaleren“ der beiden. Während die kühle Schwedin Saga Norén (Sofia Helin) überkorrekt und im bürgerlichen Sinne irgendwie gestört ist, weil sie sich stets exakt an die Vorschriften hält und immer die Wahrheit sagt, auch wenn sie ihrem Umfeld damit ständig vor den Kopf stößt, ist der joviale Däne Martin Rohde (Kim Bodnia, der Freunden der gnadenlosen Gangstergroteske durch Pusher ein Begriff sein sollte, in dem er quasi den kompletten Soprano-Klan in einer einzigen Figur verkörpert) einer, der auch mal fünf gerade sein lässt und genau weiß, was die Menschen von ihm hören wollen. Martin ist halt ein verständnisvoller Typ und durch seine Fähigkeit, sich in andere einzufühlen, durchaus ein guter Ermittler. Als Team sind die beiden natürlich unschlagbar, die ausschließlich auf ihren Job fokussierte Saga, die es für Zeitverschwendung hält, während der Arbeit Privatgespräche zu führen, nur weil man mal die Stimme eines geliebten Menschen hören will und nicht begreift, wozu Smalltalk unter Kollegen gut sein soll und der sozial überaus kompetente Martin.

Szenenfoto aus "Die Brücke"

Das schwedisch-dänische Ermittler-Duo Saga Norén und Martin Rohde. Szenenfoto aus „Die Brücke“ Quelle: movie-infos.net

Die Ironie der Geschichte ist, dass Saga sich zwar einiges von Martin abschaut, was ihr den Umgang mit anderen Menschen erleichtert, aber Martin derjenige ist, den seine menschliche Schwäche ins Verderben stürzt – er will es halt immer allen recht machen, vor allem aber sich selbst. „Du gehst immer den Weg des geringsten Widerstands!“ wirft ihm sein heranwachsender Sohn vor, der wieder zu Hause eingezogen ist und seine Nächte am Computer mit Ballerspielen verbringt, noch immer wütend auf seinen Vater, der seine Mutter und damit auch ihn vor Jahren verlassen hat.

Und dann gibt es natürlich noch viele andere Figuren, die in mit ihren Geschichten in diesen Fall verwoben sind, etwa den verdächtigen Sozialarbeiter mit Helfersyndrom, der auf seine Art gegen die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft kämpft, in dem er gestürzten und gestrandete Menschen hilft. Als er eine Mutter mit ihren Kinder nicht nur vor Obdachlosigkeit, sondern auch vor dem gewalttätigen Partner retten will, wird er selbst zum Mörder, aber natürlich hat er nichts mit dem abgefeimten Wahrheitsterroristen zu tun, er ist zwar ein Einzelkämpfer, aber einer ohne krankhaftes Sendungsbewusstsein.

Oder den jungen, karrieregeilen Journalisten, der sich alles, was er an Drogen in die Finger kriegt, reinpfeift, aber immer wieder voll die gute Story liefert – ohne Rücksicht darauf, was mit den Menschen passiert, über die er in seinen Artikeln schreibt. Oder den Einwanderer-Sohn, dessen Bruder unter mysteriösen Umständen gestorben ist, die mutmaßlichen Täter werden aber freigesprochen, weil es Polizisten sind. Wohin mit der Wut auf das System, von dem der eingewanderte Vater noch immer behauptet, es sei trotzdem besser als dort, wo er herkommt?

Oder die Frau des älteren, sehr reichen Mannes, der unbedingt eine Herztransplantation braucht – sie kämpft für ihn wie eine Löwin, angefangen damit, dass sie Martin dazu bringt, den Krankenwagen den Tatort auf der Brücke passieren zu lassen, was zu einem ersten Konflikt mit Saga führt, bis hin ein Spenderherz und das OP-Team der Wahl aufzutreiben – und dann erfährt sie von ihrem Mann auf dem Totenbett, dass er sie nicht mehr liebt und eine andere hatte. Was wiederum dazu führt, das Martin ein weiteres verhängnisvolles Mal nicht widerstehen kann, als die attraktive Witwe ausgerechnet von ihm getröstet werden will.

Und dann gibt es noch das Verbrechen selbst, das Ermittler und Zuschauer darauf stößt, wie selbstverständlich die strukturellen Ungerechtigkeiten zwischen denen da oben und denen da unten auch im angeblich objektiven nordeuropäischen Rechtsstaat gelebt werden: Das Verschwinden einer jungen Prostituierten ein Jahr zuvor wurde längst zu den Akten gelegt, während der Mord an einer bekannten Politikerin natürlich höchste Priorität hat. Erst jetzt, wo beide Fälle vom Mörder miteinander verknüpft werden, interessieren sich die Ermittler für das Schicksal der unbekannten Frau.

Und das alles in dieser unterkühlten, skandinavischen Ästhetik, die den Eindruck entstehen lässt, dass immer Winter ist, die jede Farbe aufsaugt, aber gleichzeitig so gut komponiert ist, dass man glaubt, einen klassischen Schwarzweißfilm zu sehen. Obwohl an den geschmackvollen Interieurs der Wohnungen am oberen Ende der sozialen Skala durchaus zu sehen ist, dass das Leben auch schön bunt sein kann, wenn man nur genug Geld hat.

Als ich hörte, dass die Amis – wie sie es ja immer machen, wenn ihnen eine Geschichte gefällt – die Brücke neu verfilmen, nur eben auf amerikanisch, war ich sehr skeptisch. Das gab es ja immer wieder, auch mit anderen europäischen Serien – aus der britischen Betrüger-Serie Hustle – unehrlich währt am längsten machten die Amis die Serie Leverage (obwohl das kein offizielles Remake ist), aus der israelischen Serie Hatufim wurde die US-Serie Homeland und die schwedische Millenium-Trilogie von Stieg Larsson wurde gleich noch mal als US-Version verfilmt, zumindest der erste Teil. Bei den erwähnten Beispielen finde ich die Originale deutlich besser – auch wenn ich zugeben muss, dass in den USA auch unglaublich gute Serien gemacht werden – aber amerikanische halt. Wie Mad Men oder Breaking Bad, zweifelsohne sehr, sehr gute, sehr amerikanische Fernsehserien.

Gerade nach den Millenium-Filmen, die im original sehr skandinavisch düster verstrickt und mit Michael Nykvist und Noomi Rapace auch fantastisch besetzt sind, fürchtete ich Schlimmes: Das US-Remake war nicht so richtig überzeugend, obwohl mit Daniel Craig und Rooney Mara wirklich gute Hauptdarsteller aufgeboten wurden und auch sonst ein deutlich höheres Budget für den einen oder anderen übertriebenen Gruseleffekt sorgte. Manchmal ist weniger mehr.

Sonya Cross und Marco Ruiz - das Team aus The Bridge - America.

Sonya Cross und Marco Ruiz – das Team aus The Bridge – America. Quelle: blog.fsf.de

Und so konnte ich mich nicht so richtig auf den Serienstart von The Bridge – America freuen. Inzwischen muss ich aber sagen, dass es sich um die beste Neuverfilmung handelt, die ich bisher gesehen habe: Die Handlung wurde an die Grenze zwischen Mexiko und den USA verlegt, an die Brücke zwischen El Paso und Ciudad Júarez. Obwohl die Geschichte alles in allem sehr nah am skandinavischen Original ist, viele Szenen und Dialoge wurden eins zu eins übernommen, was mir gefällt, weil sie eben gut und treffend sind, haben die Macher es doch geschafft, eine ganz neue Qualität einzubringen – schließlich ist die Grenze zwischen den USA und Mexiko sehr viel härter, krasser und undurchlässiger als die zwischen Schweden und Dänemark.

Hier geht es nicht mehr um vermeintliche Luxusprobleme einer an sich sehr wohlhabenden Gesellschaft, die nicht so richtig weiß, wie sie mit Verlierern und Migranten umgehen soll, sondern um den krassen Gegensatz zwischen dem reichsten und mächtigsten Land der Welt und den Verlierern in der sogenannten dritten Welt, die gleich hinter dem gut bewachten Grenzzaun beginnt. Armutsflüchtlinge aus ganz Lateinamerika riskieren zu Tausenden ihr Leben, um diese Grenze zu überwinden und in den USA ein besseres Leben anzufangen. Für die einen sind sie eine Ware mit deren Schmuggel man viel Geld verdienen kann, für die anderen sind sie billige Arbeitskräfte, die sich willig ausbeuten lassen.

Interessant finde ich gerade deshalb, wie universell die Handlung funktioniert – auf der einen Seite die leicht autistische US-Polizistin Sonya, die sich unbewusst, aber ganz klar gegen die Cowboy-Mentalität ihrer Kollegen vom EL Paso PD positioniert, auf der anderen Seite der kompetente Mexikaner Marco, der ziemlich gut Englisch spricht und gern nicht nur ein guter, sondern auch ein ehrlicher Polizist wäre, aber ständig Stress mit seinen Vorgesetzten und dem Kartell hat, weil das Leben und die Polizei in Mexiko halt ganz anders funktionieren.

Am Ende wird Marco Ruiz aber genauso zwischen seinem Anspruch, ein guter Familienvater zu sein und seiner Geschichte als nicht immer ehrlicher Frauenversteher aufgerieben wie sein dänisches Alter Ego Martin Rohde. Und selbst die übermenschlich unermüdliche Sonya Cross schafft es nicht, seinen Sohn zu retten, den der noch immer auf Rache versessene Nebenbuhler für die Sünden des Vaters büßen lässt.

Ja, das ist schon großes Fernsehen.