Was man besser nicht googeln sollte

Netflix hat eine weitere deutsche Serie produziert, und dieses Mal ist es tatsächlich gut gegangen – bekanntlich sind alle guten Dinge drei: Nach der ambitionierten, aber irgendwie dann doch enttäuschenden Mysterieserie Dark und dem gründlich misslungenen Versuch, mit Dogs of Berlin eine coole Verbrecherserie im Gang-Milieu von Berlin abzuliefern, die tatsächlich einfach nur eine manchmal alberne, oft aber ärgerliche Aneinanderreihung dämlicher Klischees war, ist How to Sell Drugs Online (Fast) eine erstaunlich unterhaltsame Teenager-Serie, an der auch Erwachsene Spaß haben können.

Die Serienidee beruht auf der wahren Geschichte eines Schülers, der unter dem Alias Shiny Flakes aus seinem Kinderzimmer heraus einen illegalen Drogenhandel im Darknet betrieb, der mehrere Millionen Euro Umsatz machte. Die Serienmacher haben die Handlung von Leipzig in die fiktive Kleinstadt Rinseln im Umland von Köln verlegt, deren beeindruckende Trostlosigkeit es locker mit Niederkaltenkirchen aufnehmen kann, der hässlichsten (ebenfalls fiktiven) Stadt in Niederbayern, bekannt aus den Eberhofer-Krimis. Für die Serie verantwortlich zeichnet übrigens die bildundtonfabrik aus Köln-Ehrenfeld, die unter anderem auch das Neo Magazin Royale produziert. How to Sell Drugs Online (Fast) ist die erste fiktionale Serie der Ehrenfelder.

How To Sell Drugs Online (Fast): Serienposter Bild: Netflix

How To Sell Drugs Online (Fast): Serienposter Bild: Netflix

Es geht um den siebzehnjährigen Moritz (Maximilian Mundt), der sehnsüchtig darauf wartet, dass seine Freundin Lisa (Lena Klenke) wieder nach Hause kommt. Sie war für ein Austauschjahr in den USA und es kommt, wie es kommen muss, sie interessiert sich nun für andere Dinge und Menschen. Sie macht zwar nicht gleich komplett mit Moritz Schluss, aber will erstmal auf die Pausetaste drücken. Wie man das heute so nennt, wenn man eigentlich nicht mehr will, aber keine Lust auf den Stress einer richtigen Trennung hat.

Natürlich kapiert Moritz das und leidet fortan unter unerträglichem Liebeskummer, sein Lebenssinn ist nun dahin und darunter wiederum leiden in der Folge andere. Lenny (Danilo Kamperidis) zum Beispiel, der beste (und offenbar einzige) Freund von Moritz, der aufgrund einer schweren Erkrankung im Rollstuhl sitzt. Er teilt Moritz Begeisterung für Computerspiele und alles, was sonst mit Computern zu tun hat. Die beiden Nerds planen, ein Start-Up für virtuelle Computerspielausrüstung aufzuziehen, die man für echtes Geld kaufen kann. Doch der Pitch für MyTems geht gründlich schief, weil Moritz nicht bei der Sache ist.

Dafür entwickelt er eine andere Idee: Als er mitbekommt, dass der gut aussehende Dan (Damian Hardung) epische Parties im Haus seiner Eltern schmeißt, auf denen es Ecstasy-Pillen gibt, beschließt er, selbst ins Dealergewerbe einzusteigen, damit er endlich auch cool ist und Einladungen zu den wichtigen Events bekommt, mit denen er Lisa beeindrucken kann, die er um so ziemlich jeden Preis zurück gewinnen will.

Dabei verstrickt er sich in allerlei Schwierigkeiten, natürlich klappt alles nicht so wie geplant, vor allem ist mit Buba (Bjarne Mädel) nicht zu spaßen, dem brutalen Teilzeit-Dealer, der hauptamtlich einen Pferdehof betreibt. Doch Nerd Moritz, ein bekennender Steve-Jobs-Fan, denkt inzwischen in größeren Kategorien und  knüpft internationale Kontakte mit Drogenherstellern. Und er benutzt die hauptsächlich von Lenny entwickelte Verkaufsplattform für Gaming-Zubehör als Onlineshop für seine illegalen Geschäfte. Businessmäßig ist er auf dem Erfolgstrip, zwischenmenschlich entpuppt er sich immer wieder als selbstbezogenes Arschloch, das andere ausnutzt, um dann aber doch im richtigen Moment wieder sein Gewissen und sein Herz zu entdecken. Wie sonst ist denn ein Typ gestrickt, der seiner Angebeteten eine Gehirnzelle als Kuschelltier schenkt?!

How To Sell Drugs Online (Fast): Buba (Bjarne Mädel), Lenny (Danilo Kamperidis) und Moritz (Maximilian Mundt) Bild: Netflix

How To Sell Drugs Online (Fast): Buba (Bjarne Mädel), Lenny (Danilo Kamperidis) und Moritz (Maximilian Mundt) Bild: Netflix

Die Serie mag inhaltlich vielleicht nicht super originell sein, aber sie ist flott und verspielt gemacht. Es gibt eine Menge eingeblendeter Chats inklusive albernster Emojis, aber so kommunizieren die jungen Menschen heutzutage nun einmal. Und nebenbei gibt Moritz immer wieder Tipps, was man besser nicht online stellen sollte. How to Sell Drugs Online (Fast) spielt mit dem Selbstinszenierungszwang der Generation Social Media, dem leider nicht nur bei BWLern äußerst beliebten Bullshit-Bingo aus Motivations- und Coaching-Seminaren und der abgefuckten Business-Denke aktueller und bereits verblichener Silicon-Valley-Ikonen.

Zusätzlich gibt es unzählige Zitate und Querverweise aus anderen Filmen und Serien und eine ganze Reihe illustrer  Gastauftritte, etwa Ulrike Folkerts als Mutter von Lenny, Olli Schulz als Onkel einer Freundin oder Florentin Will als Polizist. Selbst die 90er-Ikone Jonathan Frakes ist dabei, der im besten X-Factor-Stil auftritt – alles in allem ein Riesenspaß, der leider schon allzu bald vorbei ist, denn HTSDO(F) besteht nur aus sechs halbstündigen Teilen.

Aber klar, besser eine gute Serie, die schnell weg gebinged ist, als ein zäher Brocken mit gefühlt unendlicher Laufzeit. Liebes Netflix, bitte mehr davon! Da sind doch noch ein paar weitere Staffeln drin! Und liebes deutsches Fernsehen, schau dir das mal an: So geht Serie Made in Germany. Man kann sich an die Sehgewohnheiten junger Menschen auch heranwanzen, ohne die intellektuellen Bedürfnisse der etwas älteren und nicht völlig ungebildeten Zuschauer komplett zu vernachlässigen. Ich meine jetzt die, die nicht der Hauptzielgruppe des ZDF entsprechen. Wobei, die ARD hat auch ihre Schwächen und ZDFneo ist manchmal sogar ganz hipp. Aber Netflix ist hipper. Leider. Denn den bekloppten Rundfunkbetrag muss ich ja trotzdem zahlen. Netflix zahl ich freiwillig.

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Gomorrha 2: Der Anfang im Ende

Nach einigen Anläufen habe ich nun auch die zweite Staffel von Gomorrha gesehen – schon der erste Teil war dermaßen deprimierend, dass ich danach erstmal ein paar andere Serien sehen musste, um darüber hinweg zu kommen. Denn genau wie bei der ersten Staffel muss man sich wirklich darauf einlassen, sich in eine sehr düstere und freudlose Welt zu begeben, um dann unbedingt wissen zu wollen, wie schlimm alles noch kommen wird – und es kommt natürlich alles auch mindestens so schlimm wie man erwartet hat.

Nach dem blutigen Ende der ersten Staffel ist Genny Savastano damit beschäftigt, um sein Leben zu kämpfen, während sein Vater aus dem Gefängnis ausbricht und nach Deutschland flieht. Ciro hingegen lässt sich in einem Haus am Ende der Welt wieder, wo er sich mit seiner Familie vor den zahlreichen Feinden versteckt, die er sich gemacht hat – und pragmatisch wie er ist, versucht er nun, sich mit seinem Erzfeind Salvatore Conte zu verbünden: Beide müssen sie die Rache der Savastanos fürchten – warum dann nicht einfach zusammenarbeiten? Schließlich sind die Reihen ihrer Leute nach dem finalen Gemetzel deutlich reduziert, nur gemeinsam haben sie eine Chance gegen den noch immer einflussreichen Savastano-Clan.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Die umkämpften Wohnblocks von Scampi, Neapel.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Die umkämpften Wohnblocks von Scampi, Neapel.

Ciro schlägt Conte vor, als Großhändler für alle verbliebenen Dealerfamilien zu fungieren – dafür müsse er im Gegensatz zu den anderen keine Abgaben leisten: Den Profit aus seinem eigenen Territorium kann er allein einsacken. Und die anderen können dank der guten Qualität von Contes Stoff mehr verdienen – eine echt Win-Win-Situation. Conte lässt sich davon überzeugen.

Weniger gut läuft es für Ciro in privaten Dingen – seine Frau Deborah will dieses Leben in Angst und Unsicherheit nicht länger ertragen und macht ihm heftige Vorwürfe. Und Ciro stellt frustriert fest, dass ihm die ganzen Anstrengungen der letzten Jahre gerade mal eine Tasche mit 60.000 Euro eingebracht haben – ein lausiger Lohn für die ganzen schrecklichen Dinge, die er dafür auf sich genommen hat. Ciro beschließt, es damit nicht bewenden zu lassen: Er will zum neuen Mafiaboss von Neapel aufsteigen, koste es, was es wolle. Und weil seine Frau dabei nicht mitspielen will, erwürgt er sie in einem Anfall von Wut und Paranoia. Jetzt bleibt ihm nur noch seine Tochter, der er gerade die Mutter genommen hat. Typisch Gomorrha – und natürlich wird das auch noch schreckliche Konsequenzen haben.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Waffengeschäfte in Deutschland

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Waffengeschäfte in Deutschland

Doch erstmal räumt der nun völlig abgestumpfte Ciro alle aus dem Weg, die ihm irgendwie in die Quere kommen, etwa die Wachen für den Geldtransporter, den er ausrauben muss, um das nötige Kleingeld für seine Geschäfte mit Conte zu beschaffen.

Derweil richtet sich Don Pie in Köln ein – in jenem kalten Scheißland, in dem Mafiabosse sich gern vor der italienischen Strafverfolgung verstecken. Der inzwischen genesene Genny stattet seinem Vater dort einen Besuch ab – aber es wird schnell klar, dass die beiden sich einander gründlich entfremdet haben und nicht mehr miteinander klar kommen. Während Genny inzwischen gelernt hat, selbst wie ein Anführer aufzutretenund zu handeln, verlangt sein Vater noch immer Gehorsam und Gefolgschaft von seinem Sohn, Pietro Savastano ist und bleibt ein knallharter Mafiaboss, dessen einziges Interesse ist, der einzige Boss zu sein.

Deshalb hört er auch nicht auf seinen Sohn, der ihn warnt, dass die konkurrierende N’Drangheta nicht zufrieden mit der Arbeit von Don Pies Kontaktmann Mico ist und ihn nach Mafiaart entsorgen will. Bei einem Waffengeschäft mit den Leuten kommt zum Eklat – Mico und seine Leute werden alle erschossen, den beiden Savastnos gelingt nur knapp die Flucht – hier erweist sich Genny als guter Sohn, der seinem verletztem Vater das Leben rettet. Was der Alte aber dermaßen selbstverständlich findet, dass er sich nicht mal bedankt und sich, während Genny in dem improvisierten Versteck ausschläft, von seinen Leuten abholen lässt: Don Pie lässt seinen Sohn einfach liegen und begibt sich auf den Heimweg: Auch in Deutschland ist ihm der Boden nun zu heiß geworden.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Ciro, Conte und Scianel.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Ciro, Conte und Scianel.

Für Genny ist die Botschaft klar: Er wird zuhause in Italien jetzt auf jeden Fall sein eigenes Ding machen. In Neapel werden die Dinge derweil immer unübersichtlicher – das Zweckbündnis von Ciro und Conte ist keineswegs von Harmonie geprägt, sondern es kommt immer wieder zu Reibereien, weil sich insbesondere die Leute von Ciro über den Tisch gezogen fühlen. Dazu kommt, dass die örtliche Gemeinde nicht froh über  die Entwicklung der Dinge ist, ein Priester bittet den strenggläubigen Conte sogar, etwas gegen die Dealer zu unternehmen, die rund um die Kirche ihren zerstörerischen Geschäften nachgehen. Natürlich unternimmt Conte nichts, denn er verdient zu gut an diesem Geschäft, er schlägt aber vor, dass der Padre eine Demo organisieren könne. Das tut der auch, was dazu führt, dass die Position von Ciros Leuten, die dort ja ebenfalls ihren Geschäften nachgehen weiter geschwächt wird. Ciro durchschaut Contes Taktik und ermahnt seine Leute, sich nicht provozieren zu lassen: Sie müssen auf einen Fehler von Conte warten, um ihn dann fertig zu machen.

So belauern sich einmal mehr alle gegenseitig und warten darauf, dass der Gegner zuerst zuckt, um dann um so heftiger zurückzuschlagen. Und Conte hat tatsächlich eine Schwäche: Seine geheime Liebe zu einer transsexuellen Sängerin. Das geht in Mafiakreisen überhaupt nicht, deshalb hat Conte noch eine Zweitfreundin, die er bei offiziellen Anlässen vorzeigen kann. Aber im Grunde weiß jeder Bescheid. Bei einer Feier, mit der Conte mit seiner Vorzeigefreundin erschienen ist, tritt auch seine echte Flamme als Sängerin auf – und sie wird von einem sehr unfreundlichem Publikum überaus anzüglich beleidigt. Conte ist natürlich nicht so blöd, gleich auszurasten, allerdings auch nicht so beherrscht, die Sache einfach auszusitzen. Schließlich wartet er, bis alle versammelt sind und rammt seinem vorlauten Vorarbeiter das Tortenmesser in die Hand. Außerdem nimmt er ihm seinen Verkaufsplatz weg und gibt ihn an einen Kollegen weiter – daraus ergibt sich für Ciro die Chance, den Frust von Contes Mann zu nutzen, um ihn auf seine Seite zu ziehen.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Genny Savastano kämpft um angestammtes Territorium

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Genny Savastano kämpft um angestammtes Territorium

Am Ende ist Ciro damit erfolgreich – nach einer kirchlichen Prozession, an der Conte teilnimmt und sich gemeinsam mit anderen selbst geißelt, bis das Blut fließt, ist Conte eigentlich davon überzeugt, dass er Ciro in eine Falle gelockt hat. Doch es stellt sich heraus, dass Conte das Opfer des aktuellsten Komplotts ist – er wird in der Kirche ermordert, der er ein Madonnenbild geschenkt hat, das die Züge seiner Freundin trägt. So ist das eben: Nicht mal mehr die Kirche ist der Mafia noch heilig.

Auch sonst zeigt sich, dass über die Folgen der neuen Staffel so ziemlich alle Prinzipien alter Mafia-Ehre inzwischen außer Kraft gesetzt wurden – nicht nur die Kirche ist nicht mehr heilig, auch Familie zählt nicht mehr, weder die eigene und schon gar nicht die der anderen. Waren Frauen und Kinder früher tabu, so ist das nun vorbei. Vorbei ist es aber auch mit dem Glanz und der Herrlichkeit der Savastanos: Don Pie muss sich in einem kleinen Apartment in einem der vernachlässigten Wohnblocks in Scampi verstecken, jener heruntergekommenen Vorstadt von Neapel, deren Hässlichkeit und Elend die Serienmacher nutzen, um das traurige Innenleben ihrer Protagonisten mit ebenso treffenden wie ausdrucksstarken Bildern zu untermalen: Die Leute, die in diesem vergessenen Hinterhof von Europa ihr Leben fristen, haben keine andere Wahl, sie sind gezwungen, sich irgendwie durchzuschlagen und sich dabei mit der Mafia zu arrangieren. So auch das Rentnerpaar, das einen Teil seiner Wohnung für Don Pie abzweigen muss, der quasi eingemauert wird, um ihn vor seinen immer zahlreicheren Feinden zu schützen. Sein einziger Zugang zur Welt ist eine kleine Klappe, die hinter der Waschmaschine versteckt ist.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Don Pietro und Patricia

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Don Pietro und Patricia

Durch diese Klappe muss Patricia kriechen, um den Don täglich mit Nahrung und Nachrichten zu versorgen, sie ist die Nichte eines der wenigen Getreuen, die Don Pie noch hat. Patricia tut es, um ihre jüngeren Geschwister abzusichern – ihr ist klar, dass das ein gefährlicher Job ist: Wenn jemand im Viertel dahinter kommt, was sie neben ihrem eigentlichen Job in einer kleinen Modeboutique noch tut, ist sie tot. Ironischerweise hat Patricia noch Glück, nach anfänglicher Skepsis findet Don Pie Gefallen an der intelligenten, jungen Frau, er bittet sie später sogar, bei ihm zu bleiben, als er wieder in sein luxuriöses Haus zurück zieht. Natürlich ist ein Leben mit Don Pietro nicht unbedingt etwas, wovon Frauen träumen – aber ein goldener Käfig ist immer noch besser als eine Gefängniszelle oder ein Grab.

Aber ich greife schon wieder viel zu weit vor – da wäre beispielsweise noch Genny, der sich mittlerweile in Rom eingerichtet hat. Er nutzt das Geld, das er mit dem Drogenhandel verdient, nun für solidere Geschäftsmodelle und steigt über seinen künftigen Schwiegervater in die Immobilienbranche ein: Dieses Geschäft ist um einiges ertragreicher und dabei auch noch viel weniger gefährlich für Leib und Leben: Genny wird nun selbst Vater und muss an die Sicherheit und Zukunft seiner eigenen Familie denken. Und der aufstrebende Mafioso demonstriert während der Hochzeit mit der Tochter seines neuen Förderers auch gleich, dass er sein Handwerk längst in Perfektion beherrscht – er liefert seinen Schwiegervater wegen Korruption ans Messer, weil er der alleinige Herrscher über das Imperium sein will: Ganz der Papa.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Genny und Azzurra

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Genny und Azzurra

Der Papa stiftet unterdessen Unfrieden in Neapel – sein Ziel ist es, die brüchige Waffenruhe, die Ciro unter den konkurrierenden Dealer-Familien in seinem Territorium ausgehandelt hat, zu zerstören, damit er das Ruder wieder in die Hand nehmen kann: Die Leute sollen erkennen, dass nur er, der große Pietro Savastano für Ordnung und Ruhe sorgen kann. Und die Front bröckelt.

Das gibt reichlich Raum für interessante Nebenstränge – da ist beispielsweise die Patin Scianel – benannt nach dem Modelabel Chanel, deren Sohn Raffaele im Knast sitzt, weshalb sie sorgsam über dessen Frau wacht, die sie in der Wohnung gegenüber einsperrt, damit sie angemessen sehnsüchtig auf ihren Raffaele wartet. Hier haben wir eine weitere junge Frau im goldenen Käfig – und je eifersüchtiger Scianel über die Schritte ihrer Schwiegertochter wacht, desto vehementer versucht diese aus ihrem Käfig auszubrechen. Sie lässt sich mit dem Fahrer von Scianel ein, was natürlich kein gutes Ende nimmt. Scianel ist nämlich eine Hyäne, wie sie selbst erklärt: „denn bei den Hyänen herrschen die Frauen“.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Ciro und Genny

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Ciro und Genny

Für die Männer läuft es tatsächlich nicht so gut in dieser Staffel, vor allem für die alten Patriarchen nicht: Auch wenn Don Pie einen weiteren Krieg anzettelt, der zahlreiche Opfer fordert, unter anderem Scianels Sohn Raffaele, als der endlich aus dem Knast kommt und schließlich sogar Ciros kleine Tochter Maria Rita – das ist eine der härtesten unter den zahlreichen harten Szenen dieser Serie – so ist seine Zeit längst abgelaufen: Der völlig desillusionierte Ciro und sein eigener Sohn Genny, den er so lange Zeit nicht für voll genommen und schlecht behandelt hat, verbünden sich gegen ihn. Am Ende erscheint nicht der erwartete Gennaro am verabredeten Ort auf dem Friedhof, sondern Ciro.

Als der alte Savastano realisiert, dass sein Sohn ihn verraten hat, stellt er fest: „Am Ende des Tages sind wir als hier!“ Dann schießt Ciro ihn nieder. Doch damit ist die Serie noch nicht vorbei – denn Gennys Sohn kommt zur Welt und bekommt einen Namen – Pietro. Es gibt also einen neuen Pietro Savastano, auch wenn der erstmal ein Baby ist. Warum nur habe ich das Gefühl, dass dem kleinen keine hoffnungsvolle Zukunft beschieden sein wird, obwohl seine Eltern stinkreich sind?!

Eine dritte und sogar ein vierte Staffel des Mafiadramas sind bereits beauftragt.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Don Pie und Ciro

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Don Pie und Ciro

Beasts of No Nation

Der Video-Streaming-Anbieter Netflix hat sich als Produzent bemerkenswerter Serien beliebt gemacht – insofern ist es eigentlich logisch, dass die Plattform sich als nächstes den Spielfilmmarkt vornimmt – wobei inzwischen durchaus die Rede davon ist, dass die moderne TV-Serie sowohl den Roman als auch den anspruchsvollen Spielfilm ablöst. Es gibt eine ganze Reihe bekannter Hollywood-Regisseure, die inzwischen Fernsehserien machen, Steven Soderberg (The Knick), David Fincher (House of Cards), Martin Scorsese (Boardwalk Empire) oder Marc Foster (Hand of God).

Und natürlich Cary Fukunaga, der nach Sin Nombre und Jane Eyre mit der ersten Staffel von True Detective einen Serien-Klassiker geschaffen hat. Jetzt hat Fukunaga für Netflix wieder einen Spielfilm gemacht, der zumindest in den USA auch in den Kinos läuft – mit bislang mäßigem Erfolg, wie ich vorhin gelesen habe. Wie Beasts of No Nations, der seit einigen Tagen auf Netflix verfügbar ist, von den Zuschauern angenommen wird, ist derzeit noch nicht bekannt.

Beasts of No Nation - der Kommandant (Idris Elba)Beasts of No Nation - der Kommandant (Idris Elba)

Beasts of No Nation – der Kommandant (Idris Elba)

Ich war durchaus überrascht, dass sich Netflix für ein solches Projekt an ein so schwieriges Thema heranwagt – andererseits mag das durchaus auch Kalkül sein: Natürlich hat ein solches Thema bei der Kritik allein schon deshalb Relevanz, weil es eben um das Schicksal eines Kindersoldaten in Afrika geht. Aber ich finde wirklich gut, dass Netflix genau diese Aufmerksamkeit ausnutzt, um ein solches Thema anzugehen – und eben nicht noch einen blöden Superheldenfilm oder noch eine abgefeimt gut konstruierte Comedy oder einen nervenzerfetzenden Politthriller unter die Leute bringt, von denen es ohnehin mehr als genug gibt. Ja, ich sehe mir das alles auch ganz gern an – aber was ich zunehmend vermisse, sind eben jene Spielfilme, in denen aufgegriffen wird, was eben nicht schön und unterhaltsam, sondern schrecklich und grausam, aber dennoch die Lebenswirklichkeit vieler Menschen auf diesem Planeten ist. Auch wenn man es kaum aushalten kann, sich das anzusehen.

Filme wie Missing von Costa-Gavras, Cyclo von Tran Anh Hung, Ivan und Abraham von Yolande Kaufman oder Wüstenblume von Sherry Horman – extrem willkürliche Zusammenstellung, aber die Richtung sollte klar sein. Beasts of No Nation ist eben auch kein schöner Film für einen entspannten Abend. Aber ein guter Film, den man sich unbedingt ansehen sollte. Denn die traurige und vermutlich extrem realistische Geschichte des kleinen Agu ist definitiv sehenswert – der Film wird vollständig aus der Sicht von Agu erzählt.

Agu (Abraham Attah) lebt mit seiner Familie in einem nicht näher spezifizierten westafrikanischem Land. Seine Familie hat ein gewisses Ansehen – sein Vater ist der Lehrer in Dorf, was Agu gar nicht so gut findet. Vom Bürgerkrieg, der im Land tobt, wird das Dorf bisher verschont, allerdings kommen immer mehr Flüchtlinge, um die sich sein Vater kümmern muss. Eines Tages kommt der Krieg auch zu ihnen: Der Vater versucht, die Familie in Sicherheit zu bringen, aber in einem der Fluchtautos ist nur noch Platz für Agus Mutter und die kleine Schwester. Der Vater und seine Söhne bleiben zurück – als die Soldaten der Regierungsarmee einrücken, halten sie die Dorfbewohner für Unterstützer der Rebellen. Nur Agu überlebt die Massenhinrichtungen und flieht in die umliegenden Wälder. Aber er kennt sich mit dem Überleben in der freien Wildbahn nicht aus, bald hat er Hunger und fühlt sich allein.

Insofern ist es ein Glück, dass er bald darauf von einer Rebellenarmee aufgegriffen wird – deren Kommandant (Idris Elba) hat eine Menge Kinder und Jugendliche um sich geschart. Mit einer perfiden Mischung aus persönlicher Verführung und militärischem Drill formt der Kommandant die Jungs zu einem ihm ergebenen Killerkommando.

Beasts of No Nation - Agu (Abraham Attah)

Beasts of No Nation – Agu (Abraham Attah)


Und so schafft der Kommandant es auch, aus dem guten Jungen Agu einen Killer zu machen – aber Agu hat letztlich keine andere Wahl, wenn er überleben will. Die neuen werden mit einer Art Voodoo-Zeremonie in die Reihen der Krieger aufgenommen. (Ich musste bestimmt nicht zufällig immer wieder an Apokalypse Now beziehungsweise an Das Herz der Finsternis denken).

Der arme Agu kotzt sich, nachdem er gezwungen wurde, einen Mann mit einer Art Machete zu töten, zwar noch die Seele aus dem Leib, aber er wird dafür zu einer Art persönlichem Leibwächter für den Kommandanten befördert. Wobei sich schnell herausstellt, dass das eine zweifelhaft Ehre ist: Der Kommandant verspricht ihm nicht nur, sich um seine Karriere zu kümmern, er missbraucht den Jungen auch höchstpersönlich. Jetzt kapiert Agu, warum sein Kumpel Strika so eigenartig drauf ist – er spricht nämlich nicht mehr. Agu entwickelt also ein in vielerlei Hinsicht intimes Verhältnis zu seinem Führer.

Agu und seine Leidensgefährten müssen jetzt ganz schnell erwachsen werden – dabei helfen ihnen die Drogen, die ihre Befehlshaber ihnen verabreichen. Ich hab grad noch das Zitat im Kopf – “ es gibt nichts Wilderes auf der Welt als einen 19jährigen mit einem Maschinengewehr auf einem Schlachtfeld“ – ich meine, das ist aus The Pacific und meinte Snafu. Aber ein Zwölfjähriger mit einem Maschinengewehr ist mindestens genauso wild. (Okay, Abraham Attah ist meinen Recherchen zufolge jetzt ungefähr 14). Aber der Punkt ist: Die Jungs werden zu Dingen getrieben, die sie von sich aus nie getan hätten. Und obwohl Agu all die grausamen Dinge tut, die sein Kommandant von ihm verlangt, so bleibt er doch ein Junge, der eigentlich viel lieber ein anderes Leben leben würde – auch wenn er spürt, dass es immer schwieriger wird, in ein anderes Leben zurück zu kehren. Wir hören seine Gedanken – er sieht irgendwann eigentlich nur noch im Tod eine Möglichkeit, mit dem Kämpfen aufzuhöhen und er will die Sonne solange umarmen, bis sie nicht mehr scheinen kann. Damit immer Nacht ist.

Am Ende des Films wird die Rebellenarmee aufgerieben – der Oberkommandierende schielt inzwischen auf die Meinung der Weltöffentlichkeit – da macht sich eine Armee aus Kindersoldaten schlecht und entsprechend serviert er seinen bisherigen Hoffnungsträger ab. Der zieht sich mit den Jungs zurück – aber ohne den Nachschub von seinen bisherigen Gönnern ist das Überleben nicht gesichert. Sie versuchen eine Zeitlang zu überleben – aber immer mehr von den Jungs werden krank und sterben.

Schließlich kommt es zu einer Art Revolte – die Jungs wenden sich gegen ihren Führer, der sie nun offensichtlich im Stich lässt. Agu ist erst noch auf der Seite seines Kommandanten, läuft aber dann doch mit den anderen davon, die sich einer Truppe von UN-Soldaten ausliefern. Weil Agu noch son jung war, wird er in eine Art Erholungsheim für Kindersoldaten gebracht. Aber nach all dem, was er erlebt hat, kann er das alles nicht ernst nehmen: Was fragt diese Therapeutin ihn für blödes Zeug? Er ist ein alter Mann und sie nur ein dummes Mädchen. Auch wenn sie älter ist als er. Er hat im Krieg gekämpft.

Und doch gibt es einen Hoffnungsschimmer – als einige der anderen aus dem Lager abhauen, um sich wieder den Rebellen anzuschließen, bleibt Agu zurück: Er will diese zweite Chance, auch wenn er weiß, was er getan hat. Am nächsten Tag geht er mit den anderen zum Strand, um im Meer zu baden.

Retrokritik: 23 – Nichts ist wie es scheint. Tatsächlich?

Es ist gewiss kein Zufall, dass ich durch Mr. Robot wieder auf den einzigen guten Hacker-Film gekommen bin, den ich je gesehen habe: 23 – Nichts ist so, wie es scheint. Also nicht, dass ich keine anderen Hacker-Filme gesehen hätte, da gab es ja einiges, von War Games über Sneakers, Das Netz und so weiter bis hin zu The Fifth Estate. Aber Hollywood und Hacker – das passt einfach nicht zusammen.

Gerade The Fifth Estate: Dieser Film von Bill Condon mit Benedict Cumberbatch als Julian Assange und Daniel Brühl als Daniel Domscheid-Berg, der sich um die spektakulären Veröffentlichungen von US-Militärdokumenten auf der Enthüllungsplattform Wikileaks dreht, ist, wie ich Anfang vergangenen Jahres schon schrieb, erstaunlich schlecht: Ich kann kaum fassen, wie man eine so gute Geschichte dermaßen vermurksen kann.

Da half auch die erstklassige Besetzung nicht: Was in dem Köpfen der Menschen und in den Datennetzen passiert, bleibt hier weitgehend nebulös. Dabei hat Sam Esmail mit Mr. Robot gerade vorgemacht, wie man genau so etwas umsetzt: Nämlich nicht durch alberne Animationen, sondern durch echte, nachvollziehbare Befehle auf dem Computer-Monitor und ein paar erklärende Worten zu den Gedanken desjenigen, der sie eingibt. Dabei muss keineswegs die Welt erklärt werden – eine markante Zusammenfassung dessen, was gerade Sache ist, reicht.

23 - titelbild via video.com

23 – titelbild via vimeo.com

Das hat Hans-Christian Schmid in seinem Film aus dem Jahr 1998 deutlich besser hingekriegt. 23 beruht ebenfalls auf einer wahren Geschichte – dem kurzen Leben des Hackers Karl Koch, der am 23. Mai 1989 verschwand und dessen verkohlte Leiche einige Tage später in einem Waldstück gefunden wurde. Karl Koch wurde durch die KGB-Hacks bekannt, die so genannt wurden, weil er und ein paar Freunde das Material, das sie aus den damals noch schlecht gesicherten Computern von Forschungseinrichtungen und Unternehmen kopierten, an die Sowjets verkauften.

Jetzt, wo ich mir den Film noch einmal angesehen habe, bin ich erstaunt, welche Parallelen es zwischen Karl Koch und Elliot Alderson gibt: Beide wollen die Welt retten und sitzen nächtelang vor ihren Computern – und während sie über die Datennetze Kontakt zu potenziellen Zielen aufnehmen, kommt ihnen der Kontakt zu ihrem realen sozialen Umfeld abhanden. Beide bewegen sich zunehmend in einer virtuellen Welt, die sie sich selbst erschaffen und geraten darüber in Konflikt mit der Realität – irgendwann können sie beide nicht mehr unterscheiden, was nur in ihren Köpfen statt findet und was tatsächlich passiert – für sie fühlt es sich real an. Ist es aber nicht. Oder nur zum Teil.

Karl zieht sich immer häufiger eine Nase voll Koks rein, um seine Auftragshacks durchzuhalten, weil er das Geld dringend braucht – unter anderem, um seinen aus dem Ruder laufenden Kokain-Konsum zu finanzieren. Elliot zieht sich immer häufiger eine Line Morphin rein, weil er mit der Situation, in die er sich durch seine Aktivitäten als frei schaffender Selbstjustiz-Hacker selbst gebracht hat, anders nicht mehr umgehen kann. Beide werden immer paranoider – nicht zu völlig unrecht, wie sich zeigt, obwohl viel der jeweiligen Paranoia auf Einbildung beruht.

23 - Nichts ist so wie es scheint - Karl Koch (August Diehl) - via cinema.de

23 – Nichts ist so wie es scheint – Karl Koch (August Diehl) – via cinema.de

Auch Elliot redet am Anfang über die denkbar größte Verschwörung jener Ein-Prozenter, die heimlich die Welt regieren. Bei Karl sind es die Illuminaten – das ist natürlich Weltverschwörung zum Quadrat: Er hat einfach zu viel Illuminatus! gelesen. Die Illuminatus-Trilogie von Robert Anton Wilson war in den 80ern sehr populär, ich habe sie auch gelesen und bin eine Zeitlang entsprechend paranoid gewesen – das bleibt einfach nicht aus, plötzlich hat alles irgendwas mit Pentagrammen und der 23 zu tun. Aber ich verkehrte nicht in Hackerkreisen und nahm damals auch keine Drogen, also beruhigte sich das irgendwann wieder.

Zumindest ein bisschen, denn paranoid waren viele von uns, die wir in den 80er Jahren erwachsen wurden: Der Kalte Krieg, die RAF, die Friedensbewegung, die Anti-Atom-Bewegung, der Polizei-Staat – wir mussten die am Abgrund torkelnde Welt doch ständig retten und dabei noch gegen unsere Spießer-Eltern rebellieren, die so ewiggestrig waren, wie sich unsere Kinder sich das heutzutage einfach nicht mehr vorstellen können. Genau wie eine Welt ohne E-Mail, ohne Smartphones, ohne soziale Netzwerke.

Karl ist eben auch einer von denen, die zur Demo in Brokdorf gepilgert sind und kritische Schülermagazine herausgebracht haben, einer von den politisch engagierten. Aber einer, der dann zunehmend auf Abwege geraten ist, nachdem er sich darauf eingelassen hat, für Geld zu hacken, oder eigentlich: Für Drogen. Zwar versucht er anfangs noch sich selbst und einer Freundin zu beweisen, dass ihm Geld überhaupt nicht wichtig ist – nachdem sie ihm gesagt hat, dass er nach dem Tod seines Vaters echt zum Arschloch mutiert sei, fängt Karl an, die von seinem Erbe verbliebenen Geldscheine zu verbrennen – und natürlich höre ich im Voice-over Elliot: „I don’t give a shit of money!“

23 - Nichts ist so wie es scheint - Karl Koch (August Diehl) ist Geld nicht so wichtig - vie br.de

23 – Nichts ist so wie es scheint – Karl Koch (August Diehl) ist Geld nicht so wichtig – via br.de

Was, nebenbei bemerkt, ganz schön blöd ist: In einer Welt, in der auf allem, was man zum Leben braucht, ein Preisschild klebt, ist die Behauptung, dass Geld doch gar nicht so wichtig sei, um ein gutes Leben zu haben, die perfideste Propagandalüge, die sich denken lässt. Aber was sollen die Kapitalistenschweine von dem einen Prozent ganz oben auch sonst sagen, wenn sie wollen, dass wir obedient zombies (Elliot in eps1.2_d3bug.mkv) weiterhin für einen Hungerlohn ihren Reichtum mehren. Aber ich schweife ab.

Also: Nachdem Karl kurz hintereinander beide Eltern verloren und etwas Geld geerbt hat, kauft er sich einen Computer und dringt in die Welt der Mailboxen vor, weil er Gleichgesinnte sucht, mit denen er über Illuminatus diskutieren kann. Die findet er im Umfeld des gerade entstehen Chaos Computer Clubs. Hierüber entwickeln sich weitere Kontakte, die für Karl verhängnisvoll noch werden: Karl lernt nicht nur den freundlichen und sehr begabten Hacker David kennen, sondern auch den kriminellen Programmierer Lupo und dessen Kumpel Pepe, der Dealer ist und Karl künftig mit Kokain versorgt. Pepe ist es auch, der den Kontakt zum KGB herstellt.

Die naiven Idealisten Karl und David lassen sich im jugendlichen Leichtsinn darauf ein, als Hacker für den KGB zu arbeiten – in ihren Augen ist das erstmal eine gute Sache: Während die USA mit ihrem aggressiven Verhalten gegenüber Libyen den Weltfrieden gefährdet, wollen die Jungs für ausgleichende Gerechtigkeit sorgen. Und sie bekommen auch noch Geld dafür!

Außerdem ist ein Journalist auf Karl aufmerksam geworden und drängt ihn dazu, ihm eine richtig gute Hacker-Story zu liefern. Karl, der inzwischen immer Geld braucht, lässt sich darauf ein, sich vor laufender Kamera ins AKW Jülich zu hacken. Durch diese Sache wird das BKA auf Karl und den Sender aufmerksam – Karls Paranoia bekommt also eine Grundlage, denn er wird jetzt wirklich überwacht. Als es kurz darauf zur Kernschmelze in dem Atomkraftwerk in Tschernobyl kommt, glaubt Karl, dass er irgendwie mit daran schuld sei – er hat in der letzten Zeit einfach zu viel Zeit auf Koks vor dem Bildschirm verbracht. Der Zusammenbruch ist unvermeidlich – er irrt halb nackt im Regen durch die Straßen und landet schließlich in einem Krankenhaus. Anders als Elliot kann er sich aber noch nicht ins System hacken, um seinen Krankenakten zu fälschen, denn die werden noch analog geführt.

Karl macht einen Entzug in einer entsprechenden Einrichtung und beschließt, mit seiner kriminellen Vergangenheit abzuschließen, denn Lupe und Pepe bedrohen ihn immer wieder. Er macht eine Aussage beim Verfassungsschutz und kommt in ein Zeugenschutzprogramm, während die beiden in den Knast wandern. Wenig später verschwindet Karl – die Umstände seines Todes sind bis heute nicht aufgeklärt worden. Was entschieden für eine Beteiligung von Geheimdiensten spricht – sonst wird ja im Grunde jeder Mord in Deutschland aufgeklärt.

Karl (August Diehl) und David (Fabian Busch) surfen um die Welt - via duassen-woebke-putz.de

Karl (August Diehl) und David (Fabian Busch) surfen um die Welt – via duassen-woebke-putz.de

Hans-Christian Schmid erzählt das Leben des Karl Koch sehr gradlinig und ohne dramaturgische Schnörkel – ganz in der Tradition des Dokumentarfilms, schließlich ist Schmid gelernter Dokumentarfilmer. Immer wieder ist echtes Dokumaterial zu sehen, die Auseinandersetzungen zwischen Atomkraftgegnern und Polizei, Bilder von der Konfrontation zwischen den USA und Libyen, der Ruine des havarierten Reaktorblocks in Tschernobyl, Ronald Reagan, Michail Gorbatschow, Muammar al-Gadaffi, der Mord am schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme – die paranoide Stimmung jener politisch engagierten jungen Menschen in den 80er wird dadurch fühlbar.

Und dazu kommt, dass August Diehl als Karl immer bleicher, hohlwangiger und nervöser wird, er starrt mit fiebrigen Blick auf den Bildschirm, kämpft in seinem Kopf mit übermächtigen Gegnern, und verfällt gleichzeitig einem heillosen Größenwahn – natürlich hätte er weder den Tod seines Vaters, der an einem Hirntumor gestorben ist, noch den Mord an Olof Palme, noch die Kernschmelze in Tschernobyl verhindern können, aber er glaubt, dass die Illuminaten ihn zu ihrem Werkzeug gemacht haben.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sam Esmail sich unter anderem auch von diesem Film hat inspirieren lassen – als jemand, der sich für die Hacker-Kultur überhaupt interessiert, muss er den CCC und seine wichtigsten Mitglieder kennen, auch wenn Deutschland, von den USA aus gesehen, auf einem ziemlich entfernten Planeten liegen mag. Aber dank Internet ist die Welt ja ein Dorf, in dem jeder jeden um ein paar Ecken herum kennt.

Karl auf einem der erste CCC-Treffen - via kinoweg.de

Karl auf einem der erste CCC-Treffen – via kinoweg.de


Außerdem: Die Dämonen in Elliots Kopf haben auch Karl schon heimgesucht, der irgendwann als zuckendes Wrack auf seinem Bett liegt wie Elliot in da3m0ns.mp4 und genau wie bei Karl Koch verschwimmt auch bei Elliot irgendwann die Grenze zwischen dem, was er für die anderen, für die Gesellschaft erreichen will, und dem, was er für sich selbst tut. Und wie Elliot wird auch Karl immer paranoider – nur dass Karl nicht mit seinem toten Vater streitet, seinen Vater konnte er ja ohnehin nicht ausstehen, er hört aber Stimmen und Flugzeuge, die nicht da sind und irgendwann versucht er in einem Panikanfall aus einem fahrenden Auto zu steigen, das mit 180 Sachen auf der Autobahn unterwegs ist.

Hans-Christian Schmid braucht keine erfundenen Figuren, um Karls psychische Störungen zu illustrieren. Aber wir sind hier auch in einem anderen Genre: Während 23 weitgehend realistisch die Lebensgeschichte eines Hackers erzählt, der mit der Zeit durch übermäßigen Drogenkonsum an Halluzinationen, Verfolgungswahn und Realitätsverlust leidet, erzählt Mr. Robot von eben diesen Halluzinationen, dem Verfolgungswahn und dem Realitätsverlust seiner Hauptfigur – und zwar aus Elliots Perspektive. Mir ist klar, dass ich hier Äpfel mit Birnen vergleiche – ich will das eigentlich auch gar nicht tun. Mir fiel nur auf, dass die historische Person Karl Koch und der fiktive Hacker Elliot Alderson einige Gemeinsamkeiten haben, die gewiss nicht zufällig sind.

Hans-Christian Schmid hat jedenfalls einen Film abgeliefert, der mittlerweile natürlich auch durch seine Retro-Ausstattung (C64! Atari! CBM-II!) Kultcharakter hat, aber auch sonst wirklich sehenswert ist. Für seine Darstellung des Karl Koch in 23 – Nichts ist so wie es scheint, bekam August Diehl den Deutschen Filmpreis als bester Schauspieler.

Noch ein paar Bilder aus Mr. Robot da3m0ns.mp4

Damit das Warten nicht zu lang wird, gibt es jetzt noch ein paar Bilder von Elliots Konfrontation mit seinen Dämonen.

Screenshot Mr. Robot- Elliot (Rami Malek)

Screenshot Mr. Robot- Elliot (Rami Malek) wird von seinen Dämonen heimgesucht

Screenshot Mr. Robot - Elliots Fisch QWERTY möchte mal einen anderen Ausschnitt von der Welt sehen

Screenshot Mr. Robot – Elliots Fisch QWERTY möchte mal einen anderen Ausschnitt von der Welt sehen

Screenshot Mr. Robot: Oh nein - was  ist mit QWERTY passiert?

Screenshot Mr. Robot: Oh nein – was ist mit QWERTY passiert?

Angela (Portia Doubleday) findet QWERTY ganz köstlich.

Angela (Portia Doubleday) findet QWERTY ganz köstlich.

Screenshot Mr. Robot: "Angela - er ist mein Freund!"

Screenshot Mr. Robot: „Angela – er ist mein Freund!“

Screenshot Mr. Robot: Elliots Mutter scheint das aber auch nicht zu interessieren...

Screenshot Mr. Robot: Elliots Mutter scheint das aber auch nicht zu interessieren…

Screenshot Mr. Robot: Dafür geschieht etwas Unerwartetes...

Screenshot Mr. Robot: Dafür geschieht etwas Unerwartetes…

Screenshot Mr. Robot - Angela: "oh Elliot,  ja, ich will!"

Screenshot Mr. Robot – Angela: „Oh Elliot, ja, ich will!“

Screenshot Mr. Robot - was ist hier eigentlich los...?! Und warum sieht das Restaurant so aus wie das Büro von Allsafe?!

Screenshot Mr. Robot – was ist hier eigentlich los…?! Und warum sieht das Restaurant so aus wie das Büro von Allsafe?!

Screenshot Mr. Robot - spinnt Elliot (Rami Malek) jetzt total?

Screenshot Mr. Robot – spinnt Elliot (Rami Malek) jetzt total?

Screenshot Mr. Robot - okay, Angela (Portia Doubleday) spinnt auch.

Screenshot Mr. Robot – okay, Angela (Portia Doubleday) spinnt auch.

Screenshot Mr. Robot - Angela (Portia Doubleday) : "Du wirst es nicht tun - oder? Die Welt verändern?"

Screenshot Mr. Robot – Angela (Portia Doubleday) : „Du wirst es nicht tun – oder? Die Welt verändern?“

Screenshot Mr. Robot - Angela (Portia Doubleday) : "Du bist erst einen Monat alt"

Screenshot Mr. Robot – Angela (Portia Doubleday) : „Du bist erst einen Monat alt“

Screenshot Mr. Robot - Angela (Portia Doubleday) : "Der Schlüssel passt nicht!"

Screenshot Mr. Robot – Angela (Portia Doubleday) : „Der Schlüssel passt nicht!“

Screenshot Mr. Robot - alles nur ein schlimmer Traum...?

Screenshot Mr. Robot – alles nur ein schlimmer Traum…?

Weiterhin wahnsinnig gut: Mr. Robot

Dieses hibbelige Warten auf den jeweils nächsten Teil hatte ich zum letzten Mal bei Breaking Bad – und da wurde wurde ich nie enttäuscht. Trotzdem finde ich das Netflix-Modell besser: Ich bin nun mal ein Junkie und will mich, wenn ich eine Serie gut finde, vollkommen hineinstürzen. Aber ich kann mir das leider nicht aussuchen, Mr. Robot läuft nun mal bei einem altmodischen Kabelsender und der strahlt nur eine Folge pro Woche aus. Aber jetzt ist endlich, endlich die dritte Folge endlich draußen und die lässt mich glücklicherweise genauso hibbelig und gespannt zurück wie die beiden andern Teile – was ist denn nun Elliots genialer Plan?!?!?!?

Keine fsocity mehr - der Start ins normale Leben! Elliot (Rami Malek)

Keine fsocity mehr – der Start ins normale Leben! Elliot (Rami Malek)


Aber zuerst erfahren wir mehr über Tyrell Wellick. Der ist, wie bereits in der zweiten Folge klar wurde, ein echter Ehrgeizling, der ganz nach oben will und dafür so ziemlich alles tut, was ihm notwendig erscheint. Im Gegensatz zu Elliot ist Tyrell bereit, über Leichen zu gehen – und vermutlich war es gar keine schlechte Entscheidung von Elliot, Tyrells Angebot auszuschlagen.

Als Tyrell erfährt, dass es offenbar noch andere Kandidaten für den CTO-Posten von E-Corp gibt, auf dem er sich längst selbst gesehen hat, muss er sich erstmal abreagieren. Er bezahlt Penner dafür, sich von ihm verprügeln zu lassen – natürlich nicht ohne zuvor die Brioni-Krawatte ab- und Handschuhe anzulegen. Aber es geht natürlich noch schlimmer – Tyrell benutzt auch einen sehr wichtigen und sehr schwulen Assistenten seines Chefs, in dem er mit ihm schläft und dann über dessen Smartphone ein zweifelhaftes Update einspielt, für seine sinistren Pläne. Derweil wartet seine schwangere Frau zuhause auf ihn und nötigt ihn nach seiner anstrengenden Doppelschicht auch noch zu SM-Spielchen. Kleines Detail am Rande: Im Hause Wellick wird Schwedisch gesprochen.

Das normale Leben: Latte Vanillia trinken

Das normale Leben: Latte Vanillia trinken

Elliot hingegen wacht ziemlich ramponiert im Krankenhaus auf: Am seinen Bett stehen Shayla, seine Nachbarin und Krista, seine Psychologin. Beide sind sehr besorgt um ihn – was ihn sowohl befremdet, als auch berührt, irgendwie. Krista fragt ihn auch gleich, warum er den Drogentest verweigert hat und Elliot gibt zu, das er Morphin genommen hat – und er hat eben keine so richtig gute Erklärung dafür. Krista erklärt ihm, dass sie seiner Entlassung nur zustimmen wird, wenn er sich künftig regelmäßig testen lässt. Elliot ist wenig begeistert, stimmt aber natürlich zu: Er hat sich dieses Krankenhaus als Notfallklinik ja ausgesucht, weil es einfach zu hacken ist. Hier kann er die Ergebnisse der Drogentests, die seine Versicherung oder sein Arbeitgeber oder wer auch immer von ihm verlangen, entsprechend modifizieren.

Screenshot: Mr. Robot eps1.2_d3bug.mkv

Screenshot: Mr. Robot eps1.2_d3bug.mkv

Und kaum entlassen, will Elliot auch gleich wieder zur Arbeit gehen – einerseits hat Gideon ihm gesagt, dass er ihn braucht, andererseits weiß er auch nicht, was er zuhause soll: Dort ist nur wieder diese nervige Darlene von fsociety eingebrochen (alle guten Hacker sind auch gute Schlossknacker), die unbedingt mit Elliot über Dinge diskutieren will, die Elliot einfach nur vergessen möchte.

Aber natürlich kommt er da nicht so einfach raus: Als Elliot in seinem Büro bei Allsafe ankommt, sitzt Mr. Robot an seinem Arbeitsplatz – der schier nicht fassen kann, in was für einem Scheißladen Elliot da arbeitet. Mr. Robot will ein klärendes Gespräch in der Bar neben an – ansonsten würde er hier und jetzt ziemlich Ärger machen.

Screenshot: Mr. Robot eps1.2_d3bug.mkv

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Elliot will natürlich keinen Ärger und geht mit Mr. Robot in die Bar nebenan, in die er sonst gewiss nicht geht – zu überzeugend ist sein Blick, als der Barkeeper ihm den georderten Appletini vor die Nase stellt und zwölf Dollar verlangt. Doch erstaunlicherweise will Mr. Robot sich nur bei Elliot entschuldigen: Es täte ihm leid, dass er ihm weh getan habe – so etwas käme leider vor, wenn Menschen schlecht in Kommunikation sind. Elliot kann es kaum fassen: Das war es dann also? Na klar, wenn er nicht mitmachen will, dann ist halt alles vorbei. Tschüssikowski, bis zum nächsten Leben.

Okay, jetzt ist Elliot doch wirklich sehr naiv, aber so, wie wir ihn kennengelernt haben, nehmen wir ihm das ab: Er geht zurück zur Arbeit und berauscht sich an dem Gedanken, dass dieser fsociety-Kram jetzt tatsächlich vorbei sei und er ein normales Leben beginnen könne. Jenseits dieses perfekten Netzes, das er um sich herum gewoben hat, damit niemand ihn erkennen oder finden kann. Er könnte doch einfach ein normaler Mensch werden, irgendwelche Dinge liken, Vanilla Latte trinken, in die Muki-Bude gehen und vielleicht könnte Shayla sogar seine Freundin werden…

Wohl auch um sich selbst zu beweisen, dass er ganz normal sei, teilt Elliot seinem überraschten Chef Gideon mit, dass er doch zu diesem Abendessen kommen möchte, zu dem Gideon seine Lieblings-Angestellten eingeladen hat. Die Einladung hatte Elliot zuvor nämlich abgelehnt, weil er davon ausgegangen war, dass Darlene oder Mr. Robot ihn zu irgendwelchen Aktivitäten zwingen würden. Aber jetzt ist er ja ein normaler Mensch und kann ganz normale Dinge tun.

Screenshot: Mr. Robot eps1.2_d3bug.mkv

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Gideon ist erfreut und überrascht, dass sein Lieblings-Mitarbeiter Elliot nun noch zu seiner Dinner-Party kommen will und fällt aus alles Wolken, als Elliot ihn fragt, ob er seine Freundin mitbringen dürfe – „Du hast eine Freundin?!“ Elliot gibt zu, dass er sie noch gar nicht gefragt hat, ob sie mitkommen (oder gar seine Freundin sein) wolle, aber egal.

Und Elliot fragt Shayla tatsächlich, nicht ohne zuzugeben, dass er sie heute Abend wirklich braucht, weil er ja in diesen sozialen Dingen einfach nicht gut ist. Und Shayla macht am Ende natürlich mit, obwohl sie erst erklärt, dass Elliot erstens einen ziemlichen Sprung in der Schüssel und sie auch gar keine Lust hat, sich für so etwas benutzen zu lassen. Andererseits kann Elliot mit seiner verschrobenen Ehrlichkeit ziemlichen Charme entwickeln und Shayla hatte zuvor schon eine Schwäche für ihren Nachbarn, der nebenbei ja auch ein guter Kunde ist. Oder war: Denn sie hat jetzt ohnehin nichts Besseres zu tun, Elliot hat ihr echte Schwierigkeiten eingebrockt – obwohl er Shayla eigentlich versprochen hatte, nichts gegen diesen Fernando Vera zu unternehmen.

Weil in der Folge zuvor dann aber Elliots Wille Gutes zu tun über die Realisierung des eigenen Vorteils triumphierte, hat er Shaylas zweifelhaften „Freund“ mit einem anonymen Tip ans NYPD aus dem Verkehr gezogen: Lieber riskierte Elliot einen kalten Entzug, als zuzulassen, dass Fernando Shayla wieder etwas antun würde.

Screenshot: Mr. Robot eps1.2_d3bug.mkv

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Der ärgerliche Nebeneffekt: Mit ihrem Großdealer Fernando ist Kleindealerin Shayla auch ihre Einnahmequelle los – ihr geht jetzt finanziell wirklich schlecht. Wovon soll sie ihre Wohnung bezahlen? Ich bin sehr gespannt, ob und wie Elliot eine Lösung für dieses Problem finden wird. Vermutlich ist die Tatsache, dass er jetzt plötzlich ihr Freund sein will, auch diesem Umstand geschuldet. Ich persönlich mag Shayla – was hatte sie denn für eine Wahl?

Schlecht läuft es aber auch für Angela und ihren Freund Ollie – sie wurden Opfer eines perfiden Identitätsdiebstals: Als Ollie, um endlich Ruhe zu haben, eine CD von einem angeblichen Straßenmusiker kaufte, der ihm einfach auf Nerven ging, fing er sich einen fiesen Trojaner ein, der nun den Rechner in ihrer gemeinsamen Wohnung infizierte, von dem auch Angela aus ihre Geschäfte tätigte. Der Schaden ist enorm – Angelas Bankkonto ist kompromittiert und auch das ihres Vaters, der für den Studienkredit gebürgt hat. Die Hacker erpressen Ollie mit Fotos mit ihm und seinem Seitensprung Stella B. Ollie ist so verzweifelt, dass er Angela alles gesteht, die natürlich entsetzt ist. Aber andererseits auch kapiert, dass Ollie letztlich auch nur ein Opfer ist. Mal sehen, wie diese Geschichte ausgeht.

Screenshot: Mr. Robot eps1.2_d3bug.mkv

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Ob Angela ihren alten Freund Elliot einweiht? Und ob der tätig wird? Wer sollte sonst mit diesen miesen Hacker-Erpressern fertig werden? Also ich an Angelas Stelle würde das tun. Aber andererseits hat Elliot ja so schon mehr als genug Probleme. Denn Gideon ist zwar ein Chef, aber kein Idiot. Irgendetwas an diesem Hacker-Angriff der fsociety lässt ihm keine Ruhe und er will nochmal mit dem verantwortlichen SysAdmin in Dulles sprechen. Hält Gideon wirklich so große Stücke auf Elliot oder ahnt er, dass Elliot doch etwas mit dem fsociety-Hack zu tun hat? Er hat Elliot ja schon gestanden, dass er ihm misstraut hat, und dass er ihm nichts nachweisen konnte. Und hat sich mit einer Umarmung entschuldigt, die Elliot kaum aushalten konnte. Wenn da nicht noch mehr ist…

Und schließlich hat Mr. Robot seine Pläne, Elliots Fähigkeiten für die fsociety zu benutzen keineswegs aufgegeben, sondern Elliot nur eine kleine Denkpause gelassen, in der Elliot über das Debugging philosophiert hat: Es gehe dabei nicht darum, den Fehler zu beheben, sondern ihn zu finden und zu verstehen, warum der Bug da ist. Genau deshalb schützt er seinen persönlichen Quellcode so sorgfältig – niemand darf an ihn heran.

Aber Mr. Robot hat Elliots Bug schon längst gefunden und teilt es Elliot ausgerechnet während jenes Abendessens bei Gideon mit – er schickt Elliot die Nachricht, dass er den Fernseher einschalten soll. Und siehe da: Aus den bei dem Angriff auf E-Corps erbeuten Daten ging hervor, dass Terry Colby offenbar in jenen Giftmüll-Skandal von E-Corp verstrickt ist, der Elliots Vater und Angelas Mutter das Leben gekostet hat… doch, weiterhin sehr guter Stoff, wenn auch nicht so rasant wie der Pilot. Aber subtil, sehr subtil. Und jetzt muss ich wieder eine Woche warten. Scheiße aber auch.

Ohne More Thing

One more thing: Die Musik bei Mr. Robot ist auch ganz großartig, und dafür ist Mac Quayle verantwortlich. Zur perfekten Serie gehört der perfekte Soundtrack – und auch das ist meinen All Time Favorites gemeinsam: Mad Men, Breaking Bad, die erste Staffel von True Detective oder etwa Treme sind musikalisch erste Sahne. Auch bei Sense8 finde ich die Musik sehr okay. Ich mag an auch Retro-Serien besonders, wenn sie die Musik ihrer Zeit benutzen, was bei Boardwalk Empire, Downton Abbey oder Miss Fisher’s Murder Mysteries der Fall ist, oder jetzt aktuell bei Deutschland 83 mit all der 80er-Musik, obwohl da nichtmal meine Lieblingstitel aus der Zeit dabei sind.

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Und noch etwas: Bei Mr. Robot hatte ich ein ähnliches Erlebnis wie beim US-Remake von Das Verbrechen bzw. The Killing: Da war dieser unglaublich gute Schauspieler, von dem ich noch nichts gehört hatte, der aber eine Figur, die ich auch im Original schon ganz interessant fand, plötzlich zur Hauptperson machte – Joel Kinnaman als Stephen Holder. Mann, war der gut! Der machte Detective Holder einerseits zu einem sympathischen Freak im Kapuzenpulli, einem der Gosse entwachsenen Vegetarier, der in allem und jedem universelle Weisheit entdecken kann, gleichzeitig aber auch mit den Dämonen der Vergangenheit zu kämpfen hat. Ein sehr begabter Ermittler einerseits, aber auch ein ehemaliger Junkie, der sich selbst an den Haaren aus dem Sumpf gezogen hat, okay, with a little help from his friends, aber immerhin: Er kriegt seinen Job auf die Reihe, versucht, ein guter Mensch zu sein und ist ansonsten freundlich-schrullig, besonders zu dieser veschrobenen Linden.

Screenshot: Mr. Robot eps1.2_d3bug.mkv

Screenshot: Mr. Robot eps1.2_d3bug.mkv

Hier erkenne ich doch erstaunliche Parallelen zum Kapuzenpulli-Freak Elliot, der ja auch eine schwierige Vergangenheit hat, aber dank seiner besonderen Begabungen einen ernsthaften Job auf die Reihe kriegt und darin sogar so gut ist, dass seine Vorgesetzten ihn lieben, obwohl er mit der Gesellschaft nicht so richtig klar kommt und eben auch ein Junkie ist, wie sich mehr und mehr heraus stellt. Rami Malek spielt den Hacker Elliot Alderson ähnlich überzeugend, sensibel und unwiderstehlich wie Joel Kinnaman Detective Stephen Holder. Würde mich stark wundern, wenn diese Rolle für Rami Malek keinen vergleichbaren Karrieresprung mit sich bringen würde, wie die Rolle des Stephen Holder für Joel Kinnaman.

Einer nach dem anderen: Spitzenprodukt skurrilen Humors

Im Rahmen der Berlinale lief Anfang Februar der norwegische Film Einer nach dem anderen (Originaltitel Kraftidioten, genial auch der englische Titel In Order of Disappearance) – allerdings hatte ich weder die nötige Energie, noch die Beziehungen, um an eine der begehrten Berlinale-Karten zu kommen. Dafür hatte ich jetzt die Gelegenheit, den Film des Regisseurs Hans Petter Moland anzusehen. Und ja, es handelt sich dabei eines dieser unaufgeregten, aber sehr pointierten skandinavischen Meisterwerke, in denen nicht viel geredet wird, aber am Ende fast alle tot sind.

Ausschnitt Filmplakat Einer nach dem anderen. Foto: Marie-Anne Winter

Ausschnitt Filmplakat Einer nach dem anderen. Mit Stellan Skårsgard und Bruno Ganz.
Foto: Marie-Anne Winter

Man muss diese Art Film schon ausdrücklich mögen, um etwas damit anfangen zu können – „Keine Angst vor weißen Flächen!“ sagte mein Kunstlehrer früher. Und dort, wo Schnee und Eis das Leben den größten Teil des Jahres fest im Griff haben, sind riesige weiße Flächen selbstverständlich. Doch wenn das Auge sich an die weiße Leere gewöhnt hat, fängt es an, die Nuancen wahrzunehmen – denn die Schneelandschaft ist keineswegs tot und leer: Sie lebt, es gibt zackige Bergrücken und weiche Täler, schroffe Grate und sanfte Schneewehen, die Kristalle glitzern in der Sonne, werden verweht, verschwimmen in der Dämmerung, die über unendlich viele Blautöne schließlich zu schwarzer Nacht wird – nur der Schnee leuchtet, knirscht, man kann den Frost riechen, förmlich spüren, wie er in der Nase beißt. Und durch all dieses beeindruckende Schwarz-Weiß-Blau der nordnorwegischen Landschaft fräst sich die Maschine von Nils Dickman (in ewiger Höchstform: Stellan Skårsgard).

Ich fand ja schon Genosse Petersen und Ein Mann von Welt sehr gut, aber mit Einer nach dem anderen hat Hans Petter Moland neue Maßstäbe gesetzt. Der Film ist alles in allen sehr kaurismäkiesk – und ich will damit weder Hans Petter Moland, noch dem zwei Jahre jüngeren, aber international vermutlich doch bekannteren Finnen Aki Kaurismäki zu nahe treten – es ist jeweils als dickes Lob gemeint.

In den skurril-lakonischen Filmen von Aki Kaurismäki spielen gesellschaftliche Außenseiter eine Hauptrolle – und das ist in auch bei Moland so. Nur dass Molands Außenseiter keine schrägen Randfiguren, sondern meistens gute Bürger sind, die formal total in die Gesellschaft integriert sind. Ob das nun der Gymnasiallehrer Petersen ist, der eine Schwäche für den Kommunismus hat (Genosse Petersen), oder der Mörder Ulrik (Ein Mann von Welt) , der sich nach einer langen Zeit im Gefängnis wieder in die norwegische Gesellschaft integrieren will bzw. muss. Auch der Schwede Nils Dickman ist in ein Außenseiter, aber eben auch einer, dem es gelungen ist, sich vorbildlich in die norwegische Gesellschaft zu integrieren.

Am Anfang des Films wird der pflichtbewusste Schneepflugfahrer Nils als „Bürger des Jahres“ für seine Verdienste an seiner neuen nordnorwegischen Heimat ausgezeichnet. Denn er erfüllt vorbildlich die wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe, mit seinem Schneepflug eine „Schneise der Zivilisation“ durch den norwegischen Schnee zu pflügen, oder wie Nils auch sagt „Ich war immer gern Pfadfinder. Nur dass ich immer den gleichen Pfad finde.“ Aber er findet ihn, und dank seiner Zuverlässigkeit tun das seine Mitbürger auch. Ein dreifaches Hurra auf die gelungene Integration! Das zieht auch gleich konservative norwegische Politiker auf den Plan, die mit dem „vorbildlich integrierten Ausländer“ Nils punkten wollen. Aber Nils macht halt lieber sein eigenes Ding. Demokratie ist etwas für die anderen.

Ausschnitt Filmplakat Einer nach dem anderen. Foto: Marie-Anne Winter

Ausschnitt Filmplakat Einer nach dem anderen.
Foto: Marie-Anne Winter

Aber dann wird Nils von eine Katastrophe aus der Bahn geworfen: Sein Sohn Ingvar wird tot aufgefunden: Überdosis Heroin sagen die Ermittler. Und für die Polizei ist der Fall damit auch gleich abgehakt: Natürlich sind die Eltern immer fassungslos, wenn so etwas passiert. Alle Eltern sind überzeugt, dass ihre Kinder niemals so etwas tun würden, erklären die Polizisten. „Wir kannten unseren Sohn nicht“, heult die Mutter. Natürlich geht später auch die Ehe daran in die Brüche. Aber bevor sich Nils eine Kugel in den Kopf jagen kann, wird er vom tatsächlich drogenabhängigen Freund seines Sohnes gestört. Finn hat sich verletzt in Nils Firma gerettet. Es täte ihm total leid, dass Ingvar ermordet worden sei, beteuert Finn. Der hätte mit der ganzen Sache eigentlich nichts zu tun – und er war kein Junkie. Ingvar hätte das alles einfach nicht verdient.

Nils sieht daraufhin davon ab, sich eine Kugel in den Kopf zu schießen und sich bestätigt: Sein Sohn Ingvar ist Opfer von Verbrechern geworden! Und weil die Polizei das anders sieht, nimmt Nils als alter Pfadfinder die Sache selbst in die Hand – er ist halt am Besten, wenn er sein eigenes Ding macht. Er schafft es, drei Mitglieder der Mafia ausfindig zu machen, die seinen Sohn getötet haben und vernichtet deren geschmuggeltes Kokain. Die Leichen wirft er fachgerecht mit Hühnerdraht umwickelt in den großen Wasserfall hinter dem Dorf. Das wiederum ruft den Chef der norwegischen Mafia auf den Plan, die jetzt vergeblich auf den Nachschub wartet. Der „Graf“ (herrlich: Pål Sverre Valheim Hagen) vermutet, dass die albanische – tatsächlich ist es aber die serbische Konkurrenz – für den ganzen Schlamassel verantwortlich ist. Er lässt einen von diesen Balkan-Typen umbringen und mit der geografischen Höhenangabe „1389 Meter“ an ein Hinweisschild hängen. Insider wissen, dass mit dieser Jahreszahl die Schlacht auf dem Amselfeld gemeint ist. Ob Pål das gewusst hat, spielt keine Rolle, denn ihn interessiert letztlich nur, dass er in Norwegen der Chef ist.

Die Adressanten dieser Nachricht erkennen die Botschaft wohl: Bei dem Toten handelt es sich um den einzigen Sohn des serbischen Klanchefs Papa (auch nicht schlecht: Bruno Ganz). Der erklärt nun folgerichtig der norwegischen Mafia den Krieg.

Besser konnte es für Nils kaum laufen – jetzt machen sich seine Gegner gegenseitig die Hölle heiß. Außerdem hat der Graf auch so schon genug Probleme – etwa mit seiner Ex Marit (Brigitte Hjort Sørensen, muss man als engagierte TV-Journalistin Katrine Fønsmark aus der dänischen Serie Borgen kennen) im Streit um seinen einzigen Sohn, der mit biodynamischen Obst und Gemüse (mindestens fünf Sorten pro Tag!) gefüttert werden sollte und stattdessen mit zuckrigen Frühstückscerealien und pädagogisch zweifelhaften Mafia-Tipps für den Umgang mit unliebsamen Mitschülern mit dem fetten Mafia-Dienstwagen in die Schule kutschiert wird. Der Graf findet es nicht immer so einfach, er zu sein, wie er seine Leute irgendwann anbrüllt, als sich die Dinge für ihn zunehmend ungünstig entwickeln. Dagegen wäre man lieber Nils Dickman, der mit seinem Schneepflug später die verbliebenen Fahrzeuge der Mafia-Klans platt macht.

Einer nach dem anderen ist auf jeden Fall ein Spitzenprodukt der nordischen Variante skurrilen schwarzen Humors, der es auf Anhieb in meine Kategorie Lieblingsfilme geschafft hat.

Weitere Eindrücke gibt es in meinem Tumblr:
http://mariberlyn.tumblr.com/tagged/Kraftidioten