4 Blocks: Spannende Reportage aus der Parallelgesellschaft

Nachdem ich in der letzten Zeit viel darüber gejammert habe, dass es seit Jahren keine gute deutsche Serie mehr gegeben hat, kann ich jetzt berichten, dass es in diesem Jahr endlich wieder etwas Sehenswertes gibt: TNT Serie hat mit dem Gangster-Drama
4 Blocks tatsächlich etwas hingekriegt, an dem ZDFneo mit seiner Produktion Tempel ja leider kläglich gescheitert ist: Einen spannenden Mehrteiler nämlich, der ästhetisch und inhaltlich auf der Höhe der Zeit ist und tatsächlich etwas Neues über die Berliner Unterwelt erzählt, statt zum x-ten Male ausgelatschte Klischees neu zu bebildern. Hier geht es um den Aufstieg arabischer Klans, die inzwischen in einigen Berliner Bezirken das Sagen haben.

Der Libanese Ali Hamadi (Kida Khodr Ramadan), genannt „Toni“ – ob da wohl jemand an Tony Soprano gedacht hat? – lebt seit 26 Jahren in Berlin. Eigentlich wollen er und noch viel mehr seine treue und gläubige Frau Kalila (Maryam Zaree) nur gute deutsche Staatsbürger werden: Bald sollen sie endlich deutsche Pässe bekommen, und damit auch die entsprechenden Möglichkeiten, legal Geschäfte zu machen. Toni macht offiziell in Immobilien und liebt seine Frau und seine achtjährige Tochter, die er durchaus ermutigt, sich gegen die fiesen Jungs im Kiez zu behaupten. Die zum Beispiel der Ansicht sind, dass arabische Mädchen nicht Fahrrad fahren sollten. Und schon gar nicht unbegleitet.

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan)

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) Bild: 4-blocks.de

Aber Toni wird immer wieder in die kriminellen Geschäfte seines chaotischen Bruders Abbas gezogen, der findet, dass sein großer Bruder, seit er Frau und Kind hat, ein echter Waschlappen geworden ist. Toni hat zwar mit vielen dreckigen Geschäften Geld verdient, aber sein Geschäftsgrundsatz ist klar: „Wir sind keine Mörder!“ Und daran hält er sich. Vor allem bringt man keine Polizisten um, denn das bringt viel zu viel Ärger. Abbas hingegen hält sich nicht daran, er hat einfach zu viel von dem Stolz, den er an seinem großen Bruder vermisst und baut immer wieder scheiße, weshalb Toni sich nicht wie geplant ins legale Familiengeschäft zurückziehen kann. Zum Glück taucht Tonis alter Kumpel Vince auf, den er seit Ewigkeiten nicht gesehen hat.

Vince hat offensichtlich eine kriminelle Neuköllner Kiezvergangenheit – und kehrt nun nach längerer Abwesenheit in sein Heimatrevier zurück. Was Toni nicht weiß: Vince ist ein V-Mann, ein Informant, den die Polizei gezielt auf Toni angesetzt hat, damit er in den inneren Zirkel des abgeschotteten Araber-Klans eindringen kann – denn aus dieser Welt dringen kaum Informationen nach außen, so dass die Ermittlungsbehörden seit Jahren im Dunkeln tappen.

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) und sein Bruder Abbas (Veysel Gelin)

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan) und sein Bruder Abbas (Veysel Gelin)eBild: 4-blocks.d

Und Vince ist ziemlich gut: Er hat einerseits den nötigen Stallgeruch, er kennt Toni und seine Familie von früher, andererseits hat er aber auch ein intaktes Unrechtsbewusstsein, viel Einfühlungsvermögen und gute Nerven – Toni führt Vince zu Abbas Ärger in die engeren Familienkreise ein und Vince bewährt sich, er übernimmt die dreckigen Jobs, die Toni seiner Familie wegen nicht mehr selbst machen will, für die Abbas aber ungeeignet ist. Denn Toni ist sehr daran gelegen, unter dem Radar zu bleiben, er weiß, dass er sich keinen Ärger leisten kann.

Mich erinnert das alles sehr an Undercover, jene bulgarische Serie, in der ein Informant in die bulgarische Mafia eingeschleust wird – diese Serie ist übrigens ebenfalls ein echter Geheimtipp. Aber es gibt auch Anklänge an die italienische Mafia-Serie Gomorrha, das israelische Undercover-Drama Fauda und nicht zuletzt einen Schuss Sons of Anarchy.

4 Blocks ist eine interessante Milieustudie einer gegen Fremde abgeschotteten Parallelgesellschaft, die sich in den bisher vernachlässigten Vierteln von Berlin (und anderen deutschen Großstädten) entwickelt hat und erzählt die Geschichte der Familie Hamady, eines jener berüchtigten arabischen Clans, von denen in letzter Zeit sehr viel die Rede ist: Wie bereits in den Herkunftsländern ist die Familie oft die einzige ökonomische und soziale Absicherung für ihre Mitglieder – und die sind zahlreich. Die Familie ist für diese Menschen die einzige Instanz, die zählt. Gut ist, was das Ansehen und den Reichtum der Familie mehrt, alles andere ist schlecht oder interessiert bestenfalls nicht. Was nicht heißt, dass es innerhalb der Familien keine Konflikte gibt – aber die werden untereinander geregelt. Und gegen alle anderen hält die Familie zusammen.

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan), Vince Kerner (Frederick Lau) und Abbas (Veysel Gelin)

4 Blocks: Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan), Vince Kerner (Frederick Lau) und Abbas (Veysel Gelin) Bild: 4-blocks.de

Diese Parallelgesellschaften sind auch ein Produkt verfehlter Politik im Umgang mit Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen und komplett misslungener, oder eigentlich eher gar nicht erst versuchter Integration dieser Menschen in das hiesige Gesellschaftssystem: Weil es für die oft nur geduldeten ehemaligen Flüchtlinge extrem schwierig war und ist, an legale Jobs zu kommen, haben sie sich eben mit den illegalen Möglichkeiten der Geldbeschaffung befasst und sind mittlerweile in so ziemlichen allen Bereichen der organisierten Kriminalität vertreten, vom Drogenhandel über Prostitution, Schutzgelderpressung, windige Immobiliengeschäfte, Versicherungsbetrug und dergleichen mehr.

Und so behalten sie oft auch die patriarchalisch geprägten Strukturen ihrer Herkunftsgesellschaften bei: Die Männer haben das Sagen, die Frauen unterstützen ihre Männer. Erstrecht, wenn sie Unterstützung brauchen – als Tonis nicht ganz so heller Schwager Latif ins Gefängnis kommt, ist seine Frau Amara natürlich erstmal sauer auf ihn – aber ihre Schwägerin Kalila überzeugt sie, dass sie nun erstrecht für ihren Mann da sein müsse. Und natürlich nimmt Abbas Amara und ihren Sohn bei sich zu Hause auf – es muss ja alles seine Ordnung haben. Amara ist von der Lösung wenig begeistert, denn Abbas nervt mit seinem Kontrollwahn – aber eine gute arabische Frau fügt sich in ihr Schicksal. Interessanterweise hat Abbas aber eine Frau aus einem anderen Kulturkreis auserwählt – er ist mit der ehemaligen Prostituierten Ewa zusammen, die aus Polen kommt. Und Ewa tut sich schwer damit, die Regeln der Familie Hamady zu akzeptieren – etwa, sich nicht einzumischen, wenn die Männer etwas untereinander zu bereden haben. Und das es beim Shoppen keinen Schampus, ja nicht mal Prosecco gibt.

4 Blocks: Amara (Almila Bagriacik) und Vince (Frederick Lau)  Bild: 4-blocks.de

4 Blocks: Amara (Almila Bagriacik) und Vince (Frederick Lau) Bild: 4-blocks.de

Auch die Welt der Hamadys ist in mehrere Sphären getrennt – nach innen gibt es spießiges Familienglück, nach außen hartes kriminelles Tagesgeschäft. Regisseur Marvin Kren und sein Kameramann Moritz Schultheiß finden dazu die passenden Bilder – allein der Auftakt in der High-Deck-Siedlung nahe der Sonnenallee in Neukölln ist grandios: In der einstmals als progressiven Sozialbau konzipierten Beton-Kulisse eines heruntergekommenen Berliner Slums (hier ist es fast so schön wie in der neapolitanischen Beton-Sünde, die in Gomorrha eine heimliche Hauptrolle spielt) verfolgen überforderte Polizeibeamte einen ausländischen Drogendealer, der einen Trainingsanzug mit den Insignien der deutschen Fußball-Nationalmannschaft trägt. Auf der oberen Ebene rotten sich Jugendliche zusammen – die Fronten sind klar: Alle gegen die Polizei. Die ihren Einsatz angesichts der eindeutigen Übermacht abbrechen muss – dieser Block ist eine NoGo-Area, soviel ist klar, zumindest für die Polizei.

Und nicht nur in der Bildsprache wird viel zitiert und auf anderes verwiesen. Mir gefällt die Art, in der das umgesetzt wird, sehr gut. Nichts ist mariniert, es ist eher augenzwinkerndes Understatement, das die Geschichte illustriert, zum Teil tatsächlich ziemlich komisch ist und mich schon deshalb nicht nervt. Wobei ich weiß, dass das Geschmacksache ist, aber ich hatte bei den drei Folgen, die ich bisher sehen konnte, viel Spaß daran. Die erste Staffel hat sechs Teile und die gute Nachricht ist, dass eine zweite Staffel bereits bestellt ist. Ich bin sehr gespannt.

Big Little Lies: Kleine und große Lebenslügen

Am Sonntag lief die letzte Folge von Big Little Lies, einer neuen Mini-Serie von HBO – und ab dem 6. April ist sie auf Sky On Demand, Sky Go und Sky Ticket verfügbar. Wer immer die Möglichkeit hat, sollte sich den Siebenteiler ansehen, es lohnt sich. Inhaltlich und handwerklich ist Big Little Lies absolut auf der Höhe der Zeit, was man von einer HBO-Serie durchaus erwarten kann, auch wenn sich HBO in der letzten Zeit ja auch ein paar spektakuläre Fehlgriffe wie Vinyl geleistet hat. Und auch die zweite Staffel von True Detective war nicht so richtig gut.

Auch wenn ich mich ernsthaft frage, warum diese Serie als Dark Comedy beziehungsweise als Comedy-Drama einsortiert wird. Denn lustig ist daran überhaupt nichts, obwohl ich sie wirklich gut fand. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie gut die Amerikaner darin sind, Beziehungsdramen zu schildern. Denn darum geht es vor allem: Um Beziehungen, und wie verzweifelt die Menschen versuchen, das, was sie für eine gute Beziehung halten, irgendwie hinzukriegen, auch wenn alle Evidenz dagegen spricht, dass genau diese Beziehung, an der sie so verzweifelt festhalten, gut für sie ist.

Celeste, Madeline und Jane Bild: HBO

Celeste, Madeline und Jane Bild: HBO

Und dann geht es natürlich auch um Freundschaft, Eifersucht und Konkurrenz – im Grunde sind die hier erzählten Geschichten universell, auch wenn hier in erster Linie das Leben der gut verdienende Menschen am oberen Ende der weißen Mittelschicht gezeigt wird. Im  kleinen, aber feinen Monterey, das etwa 200 Kilometer südlich des Hightech-Mekkas San Francisco an der Pazifikküste liegt, lassen sich vor allem Familien nieder, die zu Geld gekommen sind und nun ihre Kinder in großzügigen Häusern mit Meerblick aufziehen wollen. Und solche, die nicht ganz so viel Knete haben, um ihre Kinder in San Francisco auf teure Privatschulen schicken zu können – denn die öffentlichen Schulen in Monterey haben ebenfalls einen sehr guten Ruf. Kein Wunder, es gibt ja auch genug finanzstarke Eltern, die für alle möglichen Belange spenden.

Keine Frage, mit diesen meist schon älteren Alphaeltern ist nicht zu spaßen – das wird auch schon am Anfang klar, als es am ersten Schultag der neuen Erstklässler gleich zu einem handfesten Eklat kommt: Amabella, die Tochter der ebenso wohlhabenden wie erfolgreichen Unternehmerin Renata Klein (Laura Dern), wurde von einem Jungen angegriffen. Amabella will aber nicht sagen, wer es gewesen ist. Erst nach massivem guten Zureden zeigt sie zögerlich auf Ziggy. Ausgerechnet – Ziggy ist der Sohn der alleinerziehenden Mutter Jane Chapman (Shailene Woodley), einer frisch zugezogenen Außenseiterin, die weder über die Beziehungen, noch über das Geld verfügt, mit denen die anderen hier in der Community die Dinge regeln. Ein denkbar schlechter Start.

Jane (Shaylene Woodley), Madeline (Reese Witherspoon) und Celeste (Nicole Kidman) Bild: HBO

Jane (Shaylene Woodley), Madeline (Reese Witherspoon) und Celeste (Nicole Kidman) Bild: HBO

Aber Jane hat kurz zuvor die resolute Madeline (Reese Witherspoon) kennengelernt, und Madeline läuft zur Hochform auf, wenn sie für die Zukurzgekommenen und Unterdrückten kämpfen kann. Denn ehemals alternativ und politisch korrekt sind sie hier ja auch. Madeline demonstriert jetzt erst recht Solidarität. Und die kann Jane wirklich gebrauchen. Die dritte im Bunde der sich neu formierenden Freundinnenrunde ist Celeste (Nicole Kidman), die Mutter von zwei niedlichen Zwillingsjungs, mit der Madeline schon länger befreundet ist.

Madeline und Celeste leben genau wie Renata Klein mit ihren Familien in Haus gewordenen Träumen mit Seeblick – auf den ersten Blick haben sie ein perfektes Leben. Doch natürlich knirscht es unter der schönen Oberfläche, insbesondere bei Celeste, deren jüngerer eifersüchtiger Ehemann Perry (Alexander Skarsgård) immer wieder gewaltätig wird. Aber Celeste ist schon so geübt im Übelschminken der blauen Flecken, dass sie sich selbst immer wieder einredet, dass es keinen anderen als Perry für sie geben kann – schließlich hat sie für ihn ihre Karriere als Anwältin aufgegeben und er hat mit ihr so viel durchgestanden, bis sie endlich, endlich die Zwillinge bekommen hat. Denn Nicole Kidman ist ja nicht mehr die Jüngste, wie ich hier anmerken muss – und darf, denn ich bin genauso alt. Aber sie hat sich geradezu verstörend gut gehalten, auch wenn gar nicht gesagt wird, wie alt Celeste eigentlich sein soll.

Ziggy (Iain Armitage) und Jane (Shaylene Woodley) Bild: HBO

Ziggy (Iain Armitage) und Jane (Shaylene Woodley) Bild: HBO

Im Grunde wirkt sie fast jünger als Madeline, auch wenn deren Darstellerin Reese Witherspoon tatsächlich fast zehn Jahre jünger ist. Wobei die auch gut aussieht – aber eher ihrem tatsächlichen Alter entsprechend. Genau wie Renata Klein, deren Darstellerin Laura Dern nur wenige Monate älter als Nicole Kidman ist.

Das ist schon bemerkenswert: Eine Serie mit insgesamt fünf interessanten und mehrdimensionalen weiblichen Hautpfiguren, von denen drei über vierzig sind – eine echte Ausnahme in der schönen Fernsehwelt. Aber Big Little Lies zeigt, dass das Leben von Frauen durchaus spannend genug ist, um eine Serie draus zum machen. Letztlich werden so ziemlich alle Frauen zwischen dem Anspruch, eine gute Mutter zu sein, und eine gute Partnerin für jeweils vorhandene Väter ihrer Kinder, und dem Anspruch, im Leben auch noch für sich selbst etwas zu erreichen, aufgerieben. Und irgendwie scheitern sie alle daran.

Celeste (Nicole Kidman) und Perry (Alexander Skarsgård) Bild: HBO

Celeste (Nicole Kidman) und Perry (Alexander Skarsgård) Bild: HBO

Etwa Celeste: Als Vater ist Perry allerliebst, zumindest, wenn er mal zuhause ist. Denn weil Perry geschäftlich viel unterwegs ist, plagt ihn die Eifersucht ganz besonders – was macht seine Frau eigentlich den ganzen Tag? Er weiß ja, dass sie wunderschön ist, und das sie es total drauf hat – sie könnte selbst Karriere machen, vermutlich war sie in ihrem Job früher sogar besser als er jetzt in seinem ist. Und als sie hilfsweise für ihre Freundin Madeline einspringt, als sie für ihr Theaterprojekt juristischen Beistand braucht, genießt sie das. Und ist natürlich brillant. Was Perry erst recht auf die Palme bringt.

Madeline hingegen arbeitet sich noch immer daran ab, dass ihr erster Ehemann sie für eine deutlich jüngere (Zoë Kravitz als Bonnie) verlassen hat – sie ist ein bisschen eifersüchtig, dass ihr Ex Nathan (Jeffrey Nordling) sich jetzt viel mehr um seine neue Tochter kümmert, die genau wie Madelines zweite Tochter, die sie mit ihrem neuen Mann Ed (Adam Scott) hat, gerade eingeschult wird. Nathan will jetzt alles richtig machen und genau das nimmt Madeline ihm übel – obwohl sie das alles eigentlich gar nichts mehr angeht. Sie hat ja auch einen neuen Partner gefunden – und Ed ist wirklich ein ganz lieber. Er verehrt Madeline und kümmert sich um alles, auch um Madelines älter Tochter Abigail (Kathryn Newton), die inzwischen fortgeschrittener Teenager ist und, wie Madeline feststellen muss, ein ziemlich vertrautes Verhältnis zu Bonnie entwickelt, die für sie eben keine Stiefmutter, sondern eher eine ältere Freundin ist. Die für Abigails Teenager-Probleme deutlich mehr Verständnis aufbringt, als ihre perfektionistische Mutter.

Kindergeburtstag: In der Mitte Amabella (Ivy George), links Bonnie (Zoë Kravitz), daneben Renata (Laura Dern) Bild: HBO

Kindergeburtstag: In der Mitte Amabella (Ivy George), links Bonnie (Zoë Kravitz), daneben Renata (Laura Dern) Bild: HBO

Doch dafür kann Madeline selbst die ältere Freundin für Jane sein, die Madeline mit der Zeit auch ein dunkles Geheimnis anvertraut. Als die Kinder für die Schule ihren Familienstammbaum gestalten sollen, weigert sich Jane hartnäckig, den Namen von Ziggys Vater zu nennen. Und wie sich heraus stellt, weiß sie ihn auch gar nicht. Denn wer weiß schon, ob der Kerl, der erst so charmant und nett war, dass sie sich von ihm hat abschleppen lassen, wirklich so heißt, wie er behauptet hat.

Jane liebt ihre Sohn, auch wenn er nicht das Produkt von erwachsener Liebe ist, sondern die Folge einer Vergewaltigung. Aber sie befürchtet, dass er den Rest seines Lebens unter diesem Stigma leiden wird – und es sieht ja erstmal auch so aus. Auch wenn Ziggy eigentlich ein sehr freundliches und mitfühlendes Kind ist, wie Jane weiß und auch die Psychologin bestätigt, die hinzugezogen wird. Die Therapeutin vermutet eher, dass Ziggy auch ein Opfer und nicht  der Täter ist, was sich später noch bestätigen wird.

Die Frage nach Opfer und Täter zieht sich ohnehin durch die ganze Serie: Von Anfang an wird in zwischengeschnittenen Szenen darauf angespielt, dass auf einer schicken Foundrainsing-Veranstaltung für die lokale  Schule ein schreckliches Verbrechen geschehen ist – aber wer Opfer und wer Täter ist, wird nicht verraten. Dafür gibt es allerlei Klatsch und Tratsch zu hören, den die Leute bei den Befragungen durch die Polizei absondern. Damit wird klar: Monterey ist ein Schlangennest. Und jeder verdächtigt jeden, Dreck am Stecken zu haben. Und die meisten haben das wohl auch, auf die eine oder andere Weise. Was auch kein Wunder ist an einem Ort, an dem schon eine ausgebliebene Einladung zum Kindergeburtstag eine Krise im Maßstab eines NATO-Bündnisfalls auslösen kann.

Ed (Adam Scott) und Madeleine (Reese Witherspoon) Bild: HBO

Ed (Adam Scott) und Madeleine (Reese Witherspoon) Bild: HBO

Der Kriminalfall an sich ist allerdings nicht so wichtig und spielt keine große Rolle, wichtiger ist die Dynamik der Beziehungen, in denen die Protagonisten mehr oder weniger festhängen – ein wichtiges Thema ist natürlich häusliche Gewalt, die auch in Familien anzutreffen ist, in denen die materielle Existenz mehr als gesichert ist und nach außen hin geordnete Verhältnisse herrschen – Ordnung kann eben auch Terror sein. Aber Celeste will ihren goldenen Käfig gar nicht verlassen – was sind schon ein paar blaue Flecke, wenn ansonsten alles ganz prima aussieht?

Aber je verzweifelter sie darum kämpft, den schönen Schein zu waren, desto brutaler werden ihre Auseinandersetzungen mit Perry, der schließlich einwilligt, gemeinsam mit ihr zur Therapie zu gehen, weil er selbst natürlich auch merkt, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Was die Therapeutin natürlich auch bemerkt, vor allem aber, wie sehr Celeste damit ringt, ihr gegenüber – und damit erstmal auch sich selbst – einzugestehen, wie schlimm es wirklich um ihre Beziehung und ihr Verhältnis zu Perry steht. Auch hier bleibt sie in ihrer selbst gewählten Rolle als loyale Ehefrau gefangen: Celeste entschuldigt Perry und gibt sich selbst die Schuld, erst die behutsamen, aber bestimmten Nachfragen der erfahrenden Psychologin machen ihr nach und nach klar, dass von Perry eine Gefahr ausgeht, vor der sie sich selbst und die Kinder schützen muss. Diese Szenen sind die beklemmensten und besten Momente der Serie.

Celeste (Nicole Kidman) in ihrem Element Bild: HBO

Celeste (Nicole Kidman) in ihrem Element Bild: HBO

Schlimm steht es auch um Jane, die sich im Gegensatz zu den anderen allein durchschlagen muss – auch wenn sie sich mit ihrem Leben als alleinstehende Mutter arrangiert hat und gut für ihren Sohn Ziggy sorgt. Sie schreckt immer wieder aus Albträumen von jenem Unbekannten auf, der sie erst brutal benutzt und dann allein gelassen hat. Jane hat sich eine Waffe besorgt und geht immer wieder zum Schießtraining – sie fühlt sich dann mächtiger, erklärt sie ihren entsetzten neuen Freundinnen, die Waffengewalt selbstverständlich ablehnen. Jane träumt davon, sich irgendwann an jenem Mann zu rächen.

Das wiederum verstehen Madeline und Celeste sehr gut, Madeline fängt sogar an, nach ihm zu suchen und meint irgendwann, ihn gefunden zu haben. Was, wie man sich denken kann, nicht die beste Idee war. Schon weil sich noch herausstellen wird, dass alles ganz anders war. Genau wie die Sache mit dem Mobbing in der Schule ganz anders war. Der Twist ist am Ende dann wieder naheliegend und erklärt letztlich auch das Verbrechen – aber zum Glück lebt Big Little Lies eben nicht von überraschenden Twists und der nervenzehrenden Spannung, wer denn nun der Mörder war, sondern von der schonungslosen Aufdeckung der ganzen Lebenslügen, an denen alle, die noch immer glauben wollen, dass ein wohl geordnetes Familienleben der Schlüssel zum Lebensglück wäre, scheitern müssen. Und genau das gefällt mir daran.

Gomorrha 2: Der Anfang im Ende

Nach einigen Anläufen habe ich nun auch die zweite Staffel von Gomorrha gesehen – schon der erste Teil war dermaßen deprimierend, dass ich danach erstmal ein paar andere Serien sehen musste, um darüber hinweg zu kommen. Denn genau wie bei der ersten Staffel muss man sich wirklich darauf einlassen, sich in eine sehr düstere und freudlose Welt zu begeben, um dann unbedingt wissen zu wollen, wie schlimm alles noch kommen wird – und es kommt natürlich alles auch mindestens so schlimm wie man erwartet hat.

Nach dem blutigen Ende der ersten Staffel ist Genny Savastano damit beschäftigt, um sein Leben zu kämpfen, während sein Vater aus dem Gefängnis ausbricht und nach Deutschland flieht. Ciro hingegen lässt sich in einem Haus am Ende der Welt wieder, wo er sich mit seiner Familie vor den zahlreichen Feinden versteckt, die er sich gemacht hat – und pragmatisch wie er ist, versucht er nun, sich mit seinem Erzfeind Salvatore Conte zu verbünden: Beide müssen sie die Rache der Savastanos fürchten – warum dann nicht einfach zusammenarbeiten? Schließlich sind die Reihen ihrer Leute nach dem finalen Gemetzel deutlich reduziert, nur gemeinsam haben sie eine Chance gegen den noch immer einflussreichen Savastano-Clan.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Die umkämpften Wohnblocks von Scampi, Neapel.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Die umkämpften Wohnblocks von Scampi, Neapel.

Ciro schlägt Conte vor, als Großhändler für alle verbliebenen Dealerfamilien zu fungieren – dafür müsse er im Gegensatz zu den anderen keine Abgaben leisten: Den Profit aus seinem eigenen Territorium kann er allein einsacken. Und die anderen können dank der guten Qualität von Contes Stoff mehr verdienen – eine echt Win-Win-Situation. Conte lässt sich davon überzeugen.

Weniger gut läuft es für Ciro in privaten Dingen – seine Frau Deborah will dieses Leben in Angst und Unsicherheit nicht länger ertragen und macht ihm heftige Vorwürfe. Und Ciro stellt frustriert fest, dass ihm die ganzen Anstrengungen der letzten Jahre gerade mal eine Tasche mit 60.000 Euro eingebracht haben – ein lausiger Lohn für die ganzen schrecklichen Dinge, die er dafür auf sich genommen hat. Ciro beschließt, es damit nicht bewenden zu lassen: Er will zum neuen Mafiaboss von Neapel aufsteigen, koste es, was es wolle. Und weil seine Frau dabei nicht mitspielen will, erwürgt er sie in einem Anfall von Wut und Paranoia. Jetzt bleibt ihm nur noch seine Tochter, der er gerade die Mutter genommen hat. Typisch Gomorrha – und natürlich wird das auch noch schreckliche Konsequenzen haben.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Waffengeschäfte in Deutschland

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Waffengeschäfte in Deutschland

Doch erstmal räumt der nun völlig abgestumpfte Ciro alle aus dem Weg, die ihm irgendwie in die Quere kommen, etwa die Wachen für den Geldtransporter, den er ausrauben muss, um das nötige Kleingeld für seine Geschäfte mit Conte zu beschaffen.

Derweil richtet sich Don Pie in Köln ein – in jenem kalten Scheißland, in dem Mafiabosse sich gern vor der italienischen Strafverfolgung verstecken. Der inzwischen genesene Genny stattet seinem Vater dort einen Besuch ab – aber es wird schnell klar, dass die beiden sich einander gründlich entfremdet haben und nicht mehr miteinander klar kommen. Während Genny inzwischen gelernt hat, selbst wie ein Anführer aufzutretenund zu handeln, verlangt sein Vater noch immer Gehorsam und Gefolgschaft von seinem Sohn, Pietro Savastano ist und bleibt ein knallharter Mafiaboss, dessen einziges Interesse ist, der einzige Boss zu sein.

Deshalb hört er auch nicht auf seinen Sohn, der ihn warnt, dass die konkurrierende N’Drangheta nicht zufrieden mit der Arbeit von Don Pies Kontaktmann Mico ist und ihn nach Mafiaart entsorgen will. Bei einem Waffengeschäft mit den Leuten kommt zum Eklat – Mico und seine Leute werden alle erschossen, den beiden Savastnos gelingt nur knapp die Flucht – hier erweist sich Genny als guter Sohn, der seinem verletztem Vater das Leben rettet. Was der Alte aber dermaßen selbstverständlich findet, dass er sich nicht mal bedankt und sich, während Genny in dem improvisierten Versteck ausschläft, von seinen Leuten abholen lässt: Don Pie lässt seinen Sohn einfach liegen und begibt sich auf den Heimweg: Auch in Deutschland ist ihm der Boden nun zu heiß geworden.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Ciro, Conte und Scianel.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Ciro, Conte und Scianel.

Für Genny ist die Botschaft klar: Er wird zuhause in Italien jetzt auf jeden Fall sein eigenes Ding machen. In Neapel werden die Dinge derweil immer unübersichtlicher – das Zweckbündnis von Ciro und Conte ist keineswegs von Harmonie geprägt, sondern es kommt immer wieder zu Reibereien, weil sich insbesondere die Leute von Ciro über den Tisch gezogen fühlen. Dazu kommt, dass die örtliche Gemeinde nicht froh über  die Entwicklung der Dinge ist, ein Priester bittet den strenggläubigen Conte sogar, etwas gegen die Dealer zu unternehmen, die rund um die Kirche ihren zerstörerischen Geschäften nachgehen. Natürlich unternimmt Conte nichts, denn er verdient zu gut an diesem Geschäft, er schlägt aber vor, dass der Padre eine Demo organisieren könne. Das tut der auch, was dazu führt, dass die Position von Ciros Leuten, die dort ja ebenfalls ihren Geschäften nachgehen weiter geschwächt wird. Ciro durchschaut Contes Taktik und ermahnt seine Leute, sich nicht provozieren zu lassen: Sie müssen auf einen Fehler von Conte warten, um ihn dann fertig zu machen.

So belauern sich einmal mehr alle gegenseitig und warten darauf, dass der Gegner zuerst zuckt, um dann um so heftiger zurückzuschlagen. Und Conte hat tatsächlich eine Schwäche: Seine geheime Liebe zu einer transsexuellen Sängerin. Das geht in Mafiakreisen überhaupt nicht, deshalb hat Conte noch eine Zweitfreundin, die er bei offiziellen Anlässen vorzeigen kann. Aber im Grunde weiß jeder Bescheid. Bei einer Feier, mit der Conte mit seiner Vorzeigefreundin erschienen ist, tritt auch seine echte Flamme als Sängerin auf – und sie wird von einem sehr unfreundlichem Publikum überaus anzüglich beleidigt. Conte ist natürlich nicht so blöd, gleich auszurasten, allerdings auch nicht so beherrscht, die Sache einfach auszusitzen. Schließlich wartet er, bis alle versammelt sind und rammt seinem vorlauten Vorarbeiter das Tortenmesser in die Hand. Außerdem nimmt er ihm seinen Verkaufsplatz weg und gibt ihn an einen Kollegen weiter – daraus ergibt sich für Ciro die Chance, den Frust von Contes Mann zu nutzen, um ihn auf seine Seite zu ziehen.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Genny Savastano kämpft um angestammtes Territorium

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Genny Savastano kämpft um angestammtes Territorium

Am Ende ist Ciro damit erfolgreich – nach einer kirchlichen Prozession, an der Conte teilnimmt und sich gemeinsam mit anderen selbst geißelt, bis das Blut fließt, ist Conte eigentlich davon überzeugt, dass er Ciro in eine Falle gelockt hat. Doch es stellt sich heraus, dass Conte das Opfer des aktuellsten Komplotts ist – er wird in der Kirche ermordert, der er ein Madonnenbild geschenkt hat, das die Züge seiner Freundin trägt. So ist das eben: Nicht mal mehr die Kirche ist der Mafia noch heilig.

Auch sonst zeigt sich, dass über die Folgen der neuen Staffel so ziemlich alle Prinzipien alter Mafia-Ehre inzwischen außer Kraft gesetzt wurden – nicht nur die Kirche ist nicht mehr heilig, auch Familie zählt nicht mehr, weder die eigene und schon gar nicht die der anderen. Waren Frauen und Kinder früher tabu, so ist das nun vorbei. Vorbei ist es aber auch mit dem Glanz und der Herrlichkeit der Savastanos: Don Pie muss sich in einem kleinen Apartment in einem der vernachlässigten Wohnblocks in Scampi verstecken, jener heruntergekommenen Vorstadt von Neapel, deren Hässlichkeit und Elend die Serienmacher nutzen, um das traurige Innenleben ihrer Protagonisten mit ebenso treffenden wie ausdrucksstarken Bildern zu untermalen: Die Leute, die in diesem vergessenen Hinterhof von Europa ihr Leben fristen, haben keine andere Wahl, sie sind gezwungen, sich irgendwie durchzuschlagen und sich dabei mit der Mafia zu arrangieren. So auch das Rentnerpaar, das einen Teil seiner Wohnung für Don Pie abzweigen muss, der quasi eingemauert wird, um ihn vor seinen immer zahlreicheren Feinden zu schützen. Sein einziger Zugang zur Welt ist eine kleine Klappe, die hinter der Waschmaschine versteckt ist.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Don Pietro und Patricia

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Don Pietro und Patricia

Durch diese Klappe muss Patricia kriechen, um den Don täglich mit Nahrung und Nachrichten zu versorgen, sie ist die Nichte eines der wenigen Getreuen, die Don Pie noch hat. Patricia tut es, um ihre jüngeren Geschwister abzusichern – ihr ist klar, dass das ein gefährlicher Job ist: Wenn jemand im Viertel dahinter kommt, was sie neben ihrem eigentlichen Job in einer kleinen Modeboutique noch tut, ist sie tot. Ironischerweise hat Patricia noch Glück, nach anfänglicher Skepsis findet Don Pie Gefallen an der intelligenten, jungen Frau, er bittet sie später sogar, bei ihm zu bleiben, als er wieder in sein luxuriöses Haus zurück zieht. Natürlich ist ein Leben mit Don Pietro nicht unbedingt etwas, wovon Frauen träumen – aber ein goldener Käfig ist immer noch besser als eine Gefängniszelle oder ein Grab.

Aber ich greife schon wieder viel zu weit vor – da wäre beispielsweise noch Genny, der sich mittlerweile in Rom eingerichtet hat. Er nutzt das Geld, das er mit dem Drogenhandel verdient, nun für solidere Geschäftsmodelle und steigt über seinen künftigen Schwiegervater in die Immobilienbranche ein: Dieses Geschäft ist um einiges ertragreicher und dabei auch noch viel weniger gefährlich für Leib und Leben: Genny wird nun selbst Vater und muss an die Sicherheit und Zukunft seiner eigenen Familie denken. Und der aufstrebende Mafioso demonstriert während der Hochzeit mit der Tochter seines neuen Förderers auch gleich, dass er sein Handwerk längst in Perfektion beherrscht – er liefert seinen Schwiegervater wegen Korruption ans Messer, weil er der alleinige Herrscher über das Imperium sein will: Ganz der Papa.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Genny und Azzurra

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Genny und Azzurra

Der Papa stiftet unterdessen Unfrieden in Neapel – sein Ziel ist es, die brüchige Waffenruhe, die Ciro unter den konkurrierenden Dealer-Familien in seinem Territorium ausgehandelt hat, zu zerstören, damit er das Ruder wieder in die Hand nehmen kann: Die Leute sollen erkennen, dass nur er, der große Pietro Savastano für Ordnung und Ruhe sorgen kann. Und die Front bröckelt.

Das gibt reichlich Raum für interessante Nebenstränge – da ist beispielsweise die Patin Scianel – benannt nach dem Modelabel Chanel, deren Sohn Raffaele im Knast sitzt, weshalb sie sorgsam über dessen Frau wacht, die sie in der Wohnung gegenüber einsperrt, damit sie angemessen sehnsüchtig auf ihren Raffaele wartet. Hier haben wir eine weitere junge Frau im goldenen Käfig – und je eifersüchtiger Scianel über die Schritte ihrer Schwiegertochter wacht, desto vehementer versucht diese aus ihrem Käfig auszubrechen. Sie lässt sich mit dem Fahrer von Scianel ein, was natürlich kein gutes Ende nimmt. Scianel ist nämlich eine Hyäne, wie sie selbst erklärt: „denn bei den Hyänen herrschen die Frauen“.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Ciro und Genny

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Ciro und Genny

Für die Männer läuft es tatsächlich nicht so gut in dieser Staffel, vor allem für die alten Patriarchen nicht: Auch wenn Don Pie einen weiteren Krieg anzettelt, der zahlreiche Opfer fordert, unter anderem Scianels Sohn Raffaele, als der endlich aus dem Knast kommt und schließlich sogar Ciros kleine Tochter Maria Rita – das ist eine der härtesten unter den zahlreichen harten Szenen dieser Serie – so ist seine Zeit längst abgelaufen: Der völlig desillusionierte Ciro und sein eigener Sohn Genny, den er so lange Zeit nicht für voll genommen und schlecht behandelt hat, verbünden sich gegen ihn. Am Ende erscheint nicht der erwartete Gennaro am verabredeten Ort auf dem Friedhof, sondern Ciro.

Als der alte Savastano realisiert, dass sein Sohn ihn verraten hat, stellt er fest: „Am Ende des Tages sind wir als hier!“ Dann schießt Ciro ihn nieder. Doch damit ist die Serie noch nicht vorbei – denn Gennys Sohn kommt zur Welt und bekommt einen Namen – Pietro. Es gibt also einen neuen Pietro Savastano, auch wenn der erstmal ein Baby ist. Warum nur habe ich das Gefühl, dass dem kleinen keine hoffnungsvolle Zukunft beschieden sein wird, obwohl seine Eltern stinkreich sind?!

Eine dritte und sogar ein vierte Staffel des Mafiadramas sind bereits beauftragt.

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Don Pie und Ciro

Screenshot Gomorrha, Staffel 2: Don Pie und Ciro

Master of None: Die Banalitäten des modernen Lebens

Nachdem ich ein langes Wochenende hinter mir hatte, an dem ich aus Höflichkeit nur das herkömmliche Programm der öffentlich-rechtlichen Sender mitansehen konnte – das erschreckenderweise noch deutlich schlechter ist, als ich es in Erinnerung hatte – musste ich mir gestern eine Art Ausgleichstag gönnen. Zum Glück hat das Streaming-Portal meines Vertrauens eine neue Serie im Angebot, die ich auch gleich am Stück weggeglotzt habe: Master of None.

Ja, erstaunlich, denn es handelt sich um eine Comedy-Serie, bei denen ich normalerweise nach spätesten drei, vier Folgen aussteige, weil sie mir dann doch zu banal sind. Aber in Master of None werden die Banalitäten des modernen Lebens so treffend auf den Punkt gebracht, dass man davon nicht genug bekommen kann. Worum es geht: Der New Yorker Dev (Aziz Ansari, der die Serie auch geschrieben hat), Sohn indischer Einwanderer, der es einmal besser haben sollte, hat es definitiv deutlich besser als seine Eltern (die von Ansaris tatsächlichen Eltern gespielt werden). Auch wenn er mit dem Leben, das er lebt, keineswegs den Vorstellungen seiner ehrgeizigen Eltern entspricht. Während sich sein Vater in Indien dumm und dämlich gearbeitet hat, um sich erst ein Medizin-Studium zu verdienen und dann in den USA sein Glück zu machen, lebt Dev als mäßig erfolgreicher Schauspieler, der bisher eigentlich nur in Werbespots aufgetreten ist, das typische Leben amerikanischer Mittelschichtskinder, die zwar immer älter, aber nicht erwachsen werden.

Aziz Ansari ist Master of None

Aziz Ansari ist Master of None

Devs bester Freund ist Brian (Kelvin Yu), dessen Eltern aus Taiwan in die USA gekommen sind. Auch Brians Vater hatte eine entbehrungsreiche Kindheit, in einem Rückblick wird gezeigt, wie er sein Lieblingshuhn schlachten muss, damit seine Familie ein Abendessen hat. Jetzt hat Brians Vater ein gut gehendes China-Restaurant in New York. Trotzdem ist er weiterhin sehr genügsam und trinkt am liebsten Wasser. Auch Brian verhält sich keineswegs so, wie sein Vater sich das vorgestellt hat. Als sein Vater ihn um einen Gefallen bittet, reagiert Brian ähnlich wie Dev in der Szene zuvor seinem Vater gegenüber: Er will lieber ins Kino und die Quizfragen vor dem Film nicht verpassen, weshalb er jetzt gleich los muss. Mit einer vergleichbaren Antwort hat Dev seinen Vater sitzen lassen, der wollte, dass Dev ihm seinen neuen iPad einrichtet, damit er keine Termine mehr verpasst.

Dann gibt es in Devs Freundeskreis noch die afro-amerikanische Lesbe Denise (Lena Waithe) und den großen weißen Arnold (Eric Wareheim), der noch verspielter ist als Dev und Brian zusammen. Ja, und dann gibt es natürlich auch noch jene, die versuchen, ein Erwachsenen-Leben zu führen, mit ernsthaften Beziehungen und Kindern – Dev stellt sich das gelegentlich auch für sich selbst vor. Aber wie sich schnell herausstellt, haben seine romanischen Vorstellungen nichts mit der harten Realität zu tun: Als er für eine Freundin einige Stunden auf deren Kinder aufpasst, weil sie zu einem wichtigen Meeting muss, ist Dev nach wenigen Stunden mit seinen Nerven völlig am Ende. Obwohl er seine Sache gut gemacht hat: „Ich sehe kein Blut!“ sagt die Freundin anerkennend, als er die Kinder wieder bei ihr abliefert.

Und auch der Freund, der auf der Geburtstagsparty für seinen einjährigen Sohn noch von den Freuden der Vaterschaft geschwärmt hat, erzäht Dev wenig später, dass er sich scheiden lasse, weil alles so anstrengend geworden sei, seit das Kind da ist.

Master of None: Arnold (Eric Wareheim), Dev (Aziz Ansari) und Rachel (Noël Wells)

Master of None: Arnold (Eric Wareheim), Dev (Aziz Ansari) und Rachel (Noël Wells)

Insofern bestätigt sich Devs Panik aus der ersten Szene der Serie, als er mit der Musik-Managerin Rachel zur Sache kommt und das Kondom reißt – gut, das es einen günstigen Uber zum Drugstore gibt, wo die beiden die Pille danach kaufen und es damit für einige Folgen erstmal gut sein lassen – auch wenn sie sich später natürlich wieder begegnen. Bis dahin hat Dev noch einige heiße Dates – unter anderem mit der selbstbewussten blonden Nina (Claire Danes), der Frau des wahnsinnig reichen und wichtigen Geschäftsmannes Mark (Noah Emmerich). Dev hat ein Problem damit, dass Nina verheiratet ist – was sich aber ändert, als er Mark als arrogantes Arschloch kennengelernt hat. Ausgerechnet die Affäre mit Dev führt aber dann dazu, dass Nina und Mark sich wieder näher kommen.

Es geht aber nicht nur um Beziehungen, auch wenn das ein wichtiges Thema ist. Auch der alltägliche Rassismus und Sexismus wird immer wieder aufgegriffen – etwa beim Vorsprechen für eine Nebenrolle, bei der ein Taxifahrer mit einem indischen Akzent gesucht wird, und Dev sich weigert, dieses Klischee zu bedienen. Ironischerweise wird er später für die Rolle eines indischen Einwanderers gecastet, während der indische Freund, der ihm anfangs noch gesagt hat, Dev solle sich nicht so anstellen, die Rolle als bereits amerikanisierter Inder bekommt, weil er sich nun nach Devs Beispiel geweigert hat, einen indischen Akzent zu imitieren.

Master of None

Master of None

Wobei auch die Tatsache, dass zwei Inder in einer US-Serie Hauptrollen spielen dürfen, an sich schon ein Politikum ist – genau das hatte der überraschend verstorbene Produzent nämlich noch vehement abgelehnt: Die Gesellschaft sei noch nicht so weit. Immerhin ist sie weit genug, dass Dev in einer Katastrophen-Serie über eine Seuche einen Wissenschaftler spielen darf, der bald von der titelgebenden Seuche dahin gerafft wird. Und nebenbei wird auch noch thematisiert, dass der nette indische Wissenschaftler aus Nr. 5 lebt gar nicht von einem Inder, sondern von einem Weißen gespielt wurde – hier haben wir die Elliot-Alderson-Diskussion, nur umgekehrt.

In der Folge Ladies and Gentlemen hingegen geht es um den noch immer alltäglichen Sexismus – etwa, als ein Bekannter von Dev zwar die Zeit hat, den Männern am Tisch die Hand zu schütteln, aber die Frauen in der Runde komplett ignoriert. Als Dev nicht glauben will, dass derartige Diskriminierung alltäglich ist, zeigt Rachel ihm, dass alles noch viel schlimmer ist: Sie posten das gleiche Bild auf Instagram – Dev bekommt ein Kompliment dafür, Rachel einen bedrohlichen sexistischen Kommentar. Dev bemerkt, dass noch eine Menge für die Gleichberechtigung zu tun ist und verspricht, künftig aufmerksamer zu sein.

Master of None: Dev (Aziz Ansari) und Denise (Lena Waithe)

Master of None: Dev (Aziz Ansari) und Denise (Lena Waithe)

Anderen gegenüber aufmerksamer sein ist auch ein großes Thema dieser Serie, ob nun den Eltern, Freunden oder Frauen gegenüber – aber wie soll man das hinkriegen, wenn Menschen in erster Linie kleine Sprechblasen auf dem Bildschirm des allgegenwärtigen Smartphones sind? Überhaupt die ganze schöne Smartphone- und Social-Media-Welt: Es kann einen ja schon die Auswahl des wirklich allerbesten Taco-Ladens in der Gegend an den Rand des Nervenzusammenbruchs treiben – und erst recht die Auswahl des perfekten Dates für das zweite Ticket eines begehrten Geheim-Konzerts. Das Leben ist durch den ständigen Druck, aus den vorhandenen Möglichkeiten immer das Optimum herauszuholen, verdammt anstrengend geworden – und am Ende kommt ohnehin alles ganz anders.

Master of None greift typische Probleme der Gegenwart auf amüsante Weise auf und bleibt dabei wohltuend beiläufig. Ansehen lohnt sich auf jeden Fall.

wh1ter0se.m4v: Wer ist Elliot?

Das war sie also, die berühmte weiße Rose – eigentlich klar, dass kein männlicher Hacker sich so nennen würde. Also eine unsagbar abgefeimte Chinesin, gegen die der auch oft unmenschlich rationale Elliot wie ein unsicheres Vorschulkind wirkt – „du hackst Menschen, ich hacke Zeit“ erklärt sie Elliot, und dass er ihr immerhin drei Minuten ihrer unglaublich kostbaren Zeit wert ist – aber gewiss nicht mehr. Und sie gibt diesen Zeitdruck an Elliot weiter, der jetzt nur noch 50 Stunden und 23 Minuten Zeit hat, um den Hack der Hacks vorzubreiten und die Welt zu verändern. Und er muss bis dahin noch eine ganze Menge Probleme lösen – auch welche, von denen er bis zu diesem etwas einseitigen Dialog mit der exzentrischen Hackerqueen keine Ahnung hatte. Etwa, dass sein Chef Gideon in dem von der fsociety infiltrierten Server CS30 eine Honigfalle installiert hat, um herauszufinden, ob die Hacker noch im System sind und vor allem, um ihnen, falls sie es sind, endlich auf die Spur zu kommen.

Screenshot Mr. Robot wh1ter0se.m4v: Darlene (Carly Chaikin)

Screenshot Mr. Robot wh1ter0se.m4v: Darlene (Carly Chaikin)

Und auch Tyrell Wellick weiß offenbar einiges, wie eine Begegnung zwischen ihm und Mr. Robot nahelegt, auch wenn er sein Wissen offenbar nicht so einsetzen kann, wie er gern würde. Tyrell hat derzeit wirklich andere Probleme, und auch wenn er einerseits an der fsociety-Sache dran ist, so hat er doch erst einmal die Polizei auf dem Hals – es war ziemlich dumm, die Frau von seinem Konkurrenten umzubringen, und mich wundert, dass Tyrell solche Fehler macht: Offenbar ist er doch sehr viel menschlicher, als er von sich glaubt. Immerhin bekommt seine eigene Frau jetzt einen Namen: Joanna. Und er erkennt auch, dass er sich ein anderen Sache geirrt hat: Nämlich, dass ein kleiner Angestellter einen großen Boss aus Rache ans Bein gepisst hat. Elliot hat etwas sehr viel Größeres vor – was ja auch der Fall ist. Die Frage ist, auf welche Weise Tyrell Wellick Teil davon werden kann.

Überhaupt: Fragen über Fragen. Das Verzwickte am Fortgang der Handlung in jeder neuen Folge ist, dass je mehr wir erfahren, alles immer noch verrückter wird. Am Anfang von wh1ter0se.m4v sieht man Darlene im Apartment eines offenbar sehr reichen Lovers, der, wie er selbst über sich sagt, einen Haufen Geld damit verdient, schlauer zu sein als die anderen. Er geht zur Arbeit, Darlene sucht, findet und hackt den Safe (was nicht allzu schwer war) und nimmt die Pistole mit, die sie darin findet.

Screenshot Mr. Robot wh1ter0se.m4v: Angela (Portia Doubleday)

Screenshot Mr. Robot wh1ter0se.m4v: Angela (Portia Doubleday)

Und dann geht sie zum Ballettunterricht und trifft dort Angela. Ich bin lange Zeit selbst zum Ballettunterricht gegangen und bin ein großer Fan von Black Swan, insofern war ich sehr angetan von dieser Sequenz: Angela als weißer und Darlene als schwarzer Schwan – grandiose Idee. Wobei ich es – erstmal – überraschend fand, dass die beiden sich offenbar gut kennen: Darlene bekommt mit, dass Angela mit Ollie telefoniert: „Du willst doch nicht etwa zu ihm zurück?!“ „Jesus, nein!“ Und dann reden sie ganz vertraulich über Elliot, um den sich beide Sorgen machen.

Elliot hingegen hat weiter an dem Plan gearbeitet, Steel Mountain und zeitgleich die fünf weiteren Hochsicherheitsrechenzentren zu hacken – die günstigerweise alle mit der gleichen Klimatisierungstechnik ausgerüstet sind und somit alle an dem Netzwerk hängen, in dem Elliot den Raspberry Pi installiert hat. Es sind wieder alle an Bord, auch Mobley, Romero und Trenton, selbst Ollie bekommt einen Part in der großen Verschwörung, auch wenn ihm das überhaupt nicht klar ist: Ausgerechnet Ollie ist derjenige, der für Elliot das klandestine Treffen mit Whiterose einfädeln soll, und weil Elliot spürt, dass Ollie Wahnsinnsschiss hat, lässt er sich darauf ein, weil es offenbar wichtig ist. Und Elliot hat inzwischen herausgefunden, dass Angela auch irgendwas damit zu tun hat – aber was? Das erklärt Angela ihm kurz darauf auch selbst: Dass sie und Ollie gehackt und erpresst worden sind. Natürlich fragt Elliot gleich, warum sie damit nicht zu ihm gekommen sei, er hätte bestimmt helfen können. „Das bin ich doch – aber du warst ja nicht da! Du bist überhaupt nicht mehr da – und ich vermisse uns!“

Screenshot Mr. Robot wh1ter0se.m4v: Darlene (Carly Chaikin)Screenshot Mr. Robot wh1ter0se.m4v: Darlene (Carly Chaikin)Screenshot Mr. Robot wh1ter0se.m4v: Darlene (Carly Chaikin)

Screenshot Mr. Robot wh1ter0se.m4v: Darlene (Carly Chaikin)

Aber Elliot hat keine Zeit, sich um vernachlässigte Freundschaften zu kümmern, er muss zum Treffen mit Whiterose. Und danach spitzen sich die Dinge sehr schnell zu – Elliot muss bei Allsafe an Gideons Smartphone kommen, um die Honigfalle zu deinstallieren – und er benutzt die Telefonnummer, die Darlene ihm gegeben hat, obwohl das total gegen die Regeln von Mr. Robot verstößt: „Unsere Nummern nicht zu haben, war, um fsociety zu schützen. Jetzt geht es darum, uns gegenseitig zu beschützen!“ Und es wird sich bald zeigen, warum Darlene so versessen darauf ist, Elliot beschützen zu wollen.

Auf Darlene ist jetzt auch wieder Verlass, sie kreiert bei Allsafe eine Ablenkung für Elliot, die ganze Firma versammelt sich vor dem Fernseher, auf dem eine persönliche Nachricht von fsociety an Gideon Goddard von Allsafe zu sehen ist: Alle, bis auf Elliot – der sitzt an seinem Arbeitsplatz und ist wahnsinnig beschäftigt. Gideon weiß zwar nicht mit was, aber er sieht seinen Verdacht bestätigt – auch wenn er eigentlich total viel von Elliot hält, so ist jetzt klar, dass Elliot etwas anderes als eine Zukunft für Allsafe im Sinn hat. Aber Elliots Job bei Allsafe ist so oder so erledigt, er hat getan, was er tun musste und jetzt können die Dinge ihren Lauf nehmen: fsociety wird rechtzeitig zum Angriff bereit sein.

Screenshot Mr. Robot wh1ter0se.m4v: Elliot (Rami Malek)

Screenshot Mr. Robot wh1ter0se.m4v: Elliot (Rami Malek)

Nachts trifft er Darlene, um ihr mitzuteilen, dass alles nach Plan läuft – und jetzt kommt der eigentliche Schockmoment für diese Episode: Die beiden freuen sich gemeinsam, wie gut sie das alles bisher hinbekommen haben und Darlene sagt Elliot, dass er der beste Mensch sei, den sie kenne, und ob er überhaupt wisse, wie sehr sie ihn liebe? Wie zu erwarten war, ist Elliot mit so viel Emotion total überfordert und entscheidet sich schließlich für etwas, das bei Shayla schon einmal gut funktioniert hat: Er küsst Darlene. Aber Darlene rastet total aus und stößt ihn wütend zurück: „Hast du schon wieder vergessen wer ich bin?!“

Elliot ist verstört – offenbar hat er das wirklich, auch wenn er sich bemüht, sich und Darlene zu beweisen, dass das nicht so ist. „Du bist Darlene!“ sagt er und man sieht ihm an, dass es eine Frage ist, und Darlene leidet ganz offensichtlich – „Ich muss jetzt wirklich wissen, ob du weißt, wer ich bin!“ Und es ist ganz offensichtlich, wie Elliot etwas dämmert (Rami Malek ist einfach gut darin, wie der kucken kann…), etwas Ungeheuerliches: „Ich weiß, was sie gleich sagen wird…“ Die offenbar sehr tief vergrabene Erinnerung trifft ihn wie ein Hammerschlag: „Du bist meine Schwester!“

Screenshot Mr. Robot wh1ter0se.m4v: Tyrell Wellick (Martin Wallström)

Screenshot Mr. Robot wh1ter0se.m4v: Tyrell Wellick (Martin Wallström)

Ja, einerseits der Hammer, andererseits wird plötzlich so vieles klar – deshalb ist Darlene immer da, wenn Elliot sie braucht, deshalb kennen sie und Angela sich so gut, deshalb taucht Darlene immer wieder in Elliots Wohnung auf und deshalb bricht sie die heiligen Regeln der fsociety: Elliot ist ihr Bruder.

Aber gleichzeitig fragt man sich auch, was zum Teufel mit Elliot passiert ist, wenn er sich nicht einmal mehr an seine eigene Schwester erinnern kann? Das fragt sich Elliot auch, der in wilder Panik nach Hause fährt und sogar seinem selbst erfundenen Freund nicht mehr traut: Er klemmt uns einfach das Bild ab.

Zuhause angekommen, zerschlägt er erstmal den Spiegel, weil er seinen Anblick nicht erträgt und beschließt, Elliot Alderson zu hacken – wer ist dieser Typ eigentlich? Und er findet – nichts. Hier wiederholt sich die Traumsequenz aus dem vierten Teil, wo statt der Erinnerung an seine Familie und sein Elternhaus nur ein 404-Fehler auftauchte. Aber jetzt ist alles viel panischer, dunkler, blutiger. Gerade weil wir jetzt wissen, dass das kleine Mädchen auf dem Roller, das „Bruder Jakob“ gesummt hat, Darlene gewesen sein muss: Elliot hat sie nicht erkannt.

Screenshot Mr. Robot wh1ter0se.m4v: Gideon (Michel Gill)

Screenshot Mr. Robot wh1ter0se.m4v: Gideon (Michel Gill)

Elliot sucht in seiner CD-Sammlung nach Erinnerungen und findet eine umbeschriftete CD. Und nach dem Schock mit Darlene ist der weitere Schock jetzt konsequent: Auf der CD sind Bilder, die Mr. Robot als Familienvater zeigen – Elliot und Darlene als Kinder. Sie sahen einmal wie eine ganz normale Familie aus. Ist das jetzt ein weiterer Alptraum oder ist Mr. Robot tatsächlich Elliots Vater? Jedenfalls klopft er plötzlich bei Elliot an die Tür: „We should talk!“ Aber worüber, erfahren wir erst im nächsten Teil.

Ich bin ein bisschen hin-und-her-gerissen: Dass Darlene Elliots Schwester ist, finde ich im Grunde nachvollziehbar, diese Wendung ist für mich durchaus gelungen: Darlene und Elliot sind sich im Grunde ja recht ähnlich, beide sind sehr talentierte Hacker und auf ihre Weise asozial – nur dass Darlene alltagstauglicher ist als ihr soziophober und gedächtnisgestörter Bruder.

Aber Mr. Robot als Vater der beiden? Das ist mir dann doch zu sehr Family Business. Aber mal sehen, wie das erklärt wird. Und vor allem will ich wissen, was so denn so Traumatisches mit Elliot passiert ist, dass er nicht mehr weiß, wer er ist und sich auch nicht mehr an seine Familie erinnern kann.

Screenshot Mr. Robot wh1ter0se.m4v: Gideon (Michel Gill)

Screenshot Mr. Robot wh1ter0se.m4v: Elliot (Rami Malek) und Mr. Robot (Christian Slater)

Nach der Hochzeit: Ein Däne kehrt zurück

Obwohl ich (den derzeit international wohl bekanntesten dänischen Regisseur) Lars von Trier samt seiner Filme nicht besonders mag, ist das kleine Dänemark für mich ein Filmland der Sonderklasse. Es gibt herrliche dänische Grotesken wie Adams Äpfel (Anders Thomas Jensen) oder Alien Teacher (Ole Bornedal), krasse Drogenthriller wie die Pusher-Trilogie (Nicolas Winding Refn, auch bekannt durch Walhalla Rising), ausgefallene Krimis wie Erbarmen (Mikkel Nørgaard, nach Jussi Adler-Olsen) oder Fräulein Smillas Gespür für Schnee und entlarvende Beziehungs-Dramen wie In einer besseren Welt (Susanne Bier).

Von Susanne Bier ist auch das Drama Nach der Hochzeit, das ich mir in erster Linie angesehen habe, weil ich ihren Film In einer besseren Welt sehr gut fand. Ja, und natürlich auch, weil Mads Mikkelsen eine der Hauptrollen spielt. Aber um das gleich vorwegzunehmen: In einer besseren Welt ist tatsächlich der bessere Film, weil wesentlich komplexer und tiefgründiger. (Und da spielen immerhin Mikael Persbrandt und Kim Bodnia mit.) Nach der Hochzeit ist eher eine Skizze für das spätere Werk, eine Fingerübung quasi für In einer besseren Welt. Es geht auch hier um einen Protagonisten, der seine Heimat, das satte und reiche Dänemark, hinter sich gelassen hat, um den Elenden der Welt zu helfen – und das meine ich gar nicht so ironisch, wie es vielleicht klingt. Ich hege durchaus Sympathie für Menschen, die denken, dass sie die Welt durch ihr persönliches Handeln besser machen können – und das dann auch durchziehen.

Screenshot Nach der Hochzeit - Jacob (Mads Mikkelsen)

Screenshot Nach der Hochzeit – Jacob (Mads Mikkelsen) in Indien

Auch wenn es naiv ist, oft leider im besten Fall sinnlos und im schlimmsten Fall kontraproduktiv – denn gerade weil sie versuchen Gutes zu tun, festigen diese Idealisten die Strukturen, die dazu beitragen, dass es den Menschen, denen sie helfen wollen, schlecht geht. Doch das ist eine politische Diskussion, die für eine Filmbesprechung zu weit führt.

Und sie spielt auch in den Filmen von Susanne Bier keine Rolle – Bier ist keine Politikerin. Die Regisseurin interessiert sich für das Zwischenmenschliche – sie ist also eher Psychologin, im Ansatz vielleicht Soziologin. In In einer besseren Welt werden die Fragen nach dem Sinn des persönlichen Engagements für die Benachteiligten der Welt immerhin angedeutet – vor allem die mitunter grausamen und unbefriedigenden Antworten darauf. In Nach der Hochzeit geht es letztlich eben doch nur um persönliche Verletzungen und Eitelkeiten, die Protagonist dann aber in den Griff bekommt, um sein Projekt in Indien voranzutreiben. Das wird ihm aber auch wirklich sehr leicht gemacht – weshalb ich diesen Film letztlich vergleichsweise schwach finde, wenn ich ganz ehrlich sein soll. Also nach dänischen Maßstäben, die halt andere sind als bei unseren öffentlich-rechtlichen, die seit Jahren eh nur noch hirnerweichenden Drama-Schrott produzieren.

Screenshot Nach der Hochzeit - Jörgen (Rolf Lassgård)

Screenshot Nach der Hochzeit – Jörgen (Rolf Lassgård)

Nach der Hochzeit ist auf jeden Fall ein Film, den man sich mal ansehen kann, wenn man keine Lust auf den 20:15-Schinken in ARD oder ZDF hat. Schlechter ist er keinesfalls. Aber eben auch nicht so viel besser. Obwohl als Familiendrama durchaus okay. Und natürlich sind die Schauspieler toll, nicht nur Mads Mikkelsen als Jacob, auch Sidse Babett Knudsen als Helene (bekannt als dänische Regierungschefin in Borgen), das schwedische Schwergewicht Rolf Lassgård als Jørgen und Stine Fischer Christensen als Jørgens und Helenes Tochter Anna, auf deren Hochzeit Jørgen Jacob einlädt, sind ganz großartig.

Worum es geht: Der Däne Jacob hat in Indien zu sich selbst gefunden und leitet ein Waisenhaus für Jungen. Das Projekt kämpft seit Jahren ums Überleben und steht jetzt vor dem Aus. Jacob wirbt in seiner Heimat Dänemark um Geldgeber – und jetzt taucht ein in Dänemark lebender schwedischer Geschäftsmann auf, der Jacob großzügig unterstützen will. Unter der Bedienung, dass sich Jacob nach Kopenhagen begibt, um seinem potenziellen Gönner persönlich zu treffen. Jacob hat eigentlich keine Lust dazu – er fühlt sich wohl in Indien und einer seiner Schützlinge, den er besonders ins Herz geschlossen hat, feiert in wenigen Tagen seinen achten Geburtstag. Aber eine verdiente Mitarbeiterin überzeugt Jacob, dass er eine solche Möglichkeit nicht ausschlagen darf. Er soll lieber an das denken, was er bewirken könne und sein persönlichen Befindlichkeiten hintenan stellen. Also reist Jacob nach Kopenhagen.

Screenshot Nach der Hochzeit - Helene (Sidse Babett Knudsen)

Screenshot Nach der Hochzeit – Helene (Sidse Babett Knudsen)

Er wird in einem absurd luxuriösen Hotel untergebracht und trifft diesen Gesschäftmann Jørgen, der ihm klar macht, dass er sich noch nicht entschieden hat, ob er Jacobs Projekt wirklich unterstützen will. Jacob ist frustriert, aber immerhin lädt Jørgen ihn zur Hochzeit seiner Tochter ein, die am nächsten Tag heiraten wird. Jacob ist klar, dass er sich dieser Verpflichtung nicht entziehen kann. Er fährt also pflichtschuldig zu der pompösen Feier auf dem Landsitz seines Gönners – und trifft überraschend eine verflossene Liebe wieder.

Als Jørgens Tochter Anna das Wort ergreift, um ihren Eltern ein paar Worte zu sagen, wird klar, dass vermutlich alles gar nicht so zufällig ist, wie es scheint: Anna dankt ihrer Mutter Helene und ihrem Vater Jørgen, dass sie ihr gute Eltern gewesen sind, auch wenn sie inzwischen weiß, dass Jørgen gar nicht ihr leiblicher Vater ist.

Die Lösung liegt auf der Hand und auch Jacob kapiert das natürlich schnell: Anna ist seine Tochter. Helene war schwanger, als sie ihn verließ – und Jørgen war so vernarrt in die schöne Helene, dass er das Kind als seins akzeptiert hat. Er ist Anna (und seinen anderen Kindern) tatsächlich immer ein guter Vater gewesen, und seine angenommene Tochter dankt ihm das ausdrücklich.

Screenshot Nach der Hochzeit - Anna (Stine Fischer Christensen)

Screenshot Nach der Hochzeit – Anna (Stine Fischer Christensen)

Jacob dagegen ist wütend und verletzt – warum hat Helena ihm so lange verschwiegen, dass er eine Tochter hat? Aber wie sich heraus stellt, war er vor 20 Jahren auch nicht unbedingt der ideale Vater – er war ein verantwortungsloser Hallodri, der nicht nur gekifft, sondern auch mit Helenas bester Freundin geschlafen hat – kein Wunder, dass sie sich einen anderen, verlässlicheren Mann gesucht hat, um ein Kind zu bekommen.

Jacob erträgt die Feier nicht länger und sucht das Weite. Er fühlt sich benutzt und will bei dieser Geschichte nicht mehr mitmachen. Aber Jørgens Angebot ist einfach zu verlockend: Er bietet Jacob an, einige Millionen in einen Wohltätigkeits-Fonds zu investieren, für den Jacob gemeinsam mit Anna verantwortlich wäre – mit dem Geld könnten sie in Indien viel Gutes tun. Allerdings ist eine der Bedingungen, dass Jacob seinen Wohnsitz nach Dänemark verlegt. Für Jacob ist das völlig inakzeptabel. Vor allem: Warum tut Jørgen all das?

Screenshot Nach der Hochzeit - Helene und Jørgen

Screenshot Nach der Hochzeit – Helene und Jørgen

Es stellt sich heraus, dass Jørgen totkrank ist. Er hat Krebs und weiß, dass er bald sterben wird. Er will nicht, dass seine Familie davon erfährt, aber er will seine Liebsten nach seinem Tod in guten Händen wissen. So ist er auf Jacob gekommen. Natürlich passt Jacob das alles nicht: Er will sich nicht kaufen lassen – was bildet sich dieser reiche Schnösel eigentlich ein? Jacob ist wütend und haut ab. Soll dieser Jørgen doch mal sehen, dass man mit Geld eben doch nicht alles kaufen kann!

Aber als seine Tochter heulend bei Jacob im Hotel auftaucht, weil ihr frisch angetrauter Ehemann sie betrogen hat, beginnt Jacob darüber nachzudenken, dass es vielleicht auch eine Aufgabe sein könnte, für seine Tochter da zu sein. Schließlich kann er auf diese Weise zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen – er bekommt genug Geld für seine Projekte in Indien und kann für Anna (und für Helene) da sein. Also unterschreibt er schließlich den Vertrag mit Jørgen, auch wenn er damit den kleinen Pramod enttäuscht, der in Indien auf ihn wartet.

Screenshot Nach der Hochzeit - Jacob (Mads Mikkelsen)

Screenshot Nach der Hochzeit – Jacob (Mads Mikkelsen) in Dänemark

Jørgen stirbt bald darauf und schon auf seiner Beerdigung deutet sich an, dass sein Plan funktionieren wird – Jacob ist für Anna und Helene da. Und in Indien geht nun auch alles voran – nur der kleine Pramod will nicht zu Jacob nach Dänemark kommen, sondern lieber in Indien bleiben. Im Gegensatz zu Jacob ist der Kleine tatsächlich nicht korrumpierbar. Aber geschenkt.

Blutsbande: Idyllische Abgründe auf Åland

Derzeit läuft auf arte die schwedische Serie Blutsbande (Tjockare än vatten), die im vergangenen Jahr in Schweden sehr erfolgreich war. Das ist auch kein Wunder: Wie in jeder anständigen schwedischen Familienserie gibt es dunkle Geheimnisse und eine Menge komplizierter Verstrickungen – auch wenn es sich nicht ausdrücklich um eine Krimi-Serie handelt. Trotzdem geht es nicht ohne Leichen ab, wobei der Keller hier unter anderem ein nie fertig gebauter Swimmingpool ist. Und dann gibt es ja noch die vielen mehr oder weniger abgelegenen Buchten in der Ostsee.

Screenshot Blutsbande

Screenshot Blutsbande

Worum es geht: Die Waldemars betreiben seit mehreren Generation ein Gästehaus auf den Åland-Inseln. Diese Inselgruppe gehört zu dem weitläufigen Schärengebiet in der Ostsee zwischen Schweden und Finnland – formal gehören die Åland-Inseln zu Finnland, die Bevölkerung ist aber hauptsächlich schwedischsprachig. Politisch ist das Gebiet weitgehend autonom, es gibt eine eigene Flagge, eine eigene Regierung und so weiter – aber das alles spielt in der Serie ohnehin keine Rolle. Was schon wieder ein bisschen schade ist, denn Schären gibt es vor der schwedischen Küste jede Menge, so dass man sich schon fragt, warum gerade Åland?

Screenshot Blutsbande: Anna Lisa (Stina Ekblad)

Screenshot Blutsbande: Anna Lisa (Stina Ekblad)

Es wurde – so weit ich das mitbekommen habe – in den schwedischen Kritiken eben genau das bemängelt – nämlich, dass die für Åland typischen Eigenheiten gar nicht groß zur Geltung kommen würden und außerdem, dass so ziemlich alle Hauptfiguren keinen glaubwürdigen Åland-Dialekt sprächen, sondern die Stockholmer Mundart. Wobei man davon in der synchronisierten Fassung ja ohnehin nichts mitbekommt. Aber der richtige Dialekt scheint in Schweden wirklich wichtig zu sein, dass ist mir auch schon bei Kritiken zu anderen Filmen und Serien aufgefallen.

Screenshot Blutsbande: Dramatischer Auftakt

Screenshot Blutsbande: Dramatischer Auftakt

Mutter Anna Lisa (Stina Ekblad) betreibt das traditionsreiche, aber altmodische Etablissement, das unter anderem neue Farbe auf der verwitterten Fassaden vertragen könnte, gemeinsam mit dem jüngeren Sohn Oskar (Joel Spira) und dessen Frau Liv (Jessica Grabowsky). Deren gemeinsame siebzehnjährige Tochter Cecilia (Saga Sarkola) muss in der Saison auch kräftig mithelfen – ein Schicksal, das sie klaglos und ergeben zu akzeptieren scheint. Zum diesjährigen Eröffnungstag fordert die Mutter den älteren Sohn Lars (Björn Bengtsson) und die Tochter Jonna (Aliette Opheim) per Postkarte auf, bitte unbedingt zu erscheinen – es sei sehr wichtig.

Screenshot Blutsbande: Gasthaus Waldemar

Screenshot Blutsbande: Gasthaus Waldemar

Die beiden Geschwister sind schon seit langer Zeit nicht mehr in ihrem Elternhaus gewesen. Lars betreibt ein Restaurant in Stockholm und steckt bis zum Hals in Schwierigkeiten, weil er sich von den falschen Leuten Geld geliehen hat. Jonna ist eine erfolgreiche Theaterschauspielerin in Nordschweden, die kurz davor steht, eine erste Hauptrolle in einem Spielfilm zu bekommen.

Lars kommt es also gerade ganz gelegen, ein paar Tage aus Stockholm verschwinden zu können – aber seine Tochter Kim (Molly Nutley) ist wenig begeistert. Sie will lieber zu ihrer Mutter nach Kopenhagen. Aber Lars kann (und will) ihr die Fahrt nicht bezahlen. Außerdem hat Mutter Anna Lisa ihm in weiser Voraussicht die Tickets für die Fähre nach Åland mit der Karte schon zugeschickt. Und auch Jonna macht sich auf den Weg, obwohl ihr das alles gerade gar nicht in den Kram passt.

Screenshot Blutsbande: Lasse (Björn Bengtsson)

Screenshot Blutsbande: Lasse (Björn Bengtsson)

So treffen kurz vor dem Eröffnungstag alle drei Geschwister in ihrem Elternhaus zusammen. Man kann schon ahnen, dass hiermit die kritische Masse für das Aufbrechen alter Konflikte locker erreicht ist. Aber es kommt noch schlimmer: Mutter Anna Lisa kündigt an, nacheinander mit jedem ihrer drei Kinder sprechen zu wollen – und sie tut das auch. Erst mit Oskar, dann mit Jonna und schließlich mit Lasse. Aber keines der drei Kinder wird schlau aus der jeweiligen Botschaft, die ihre Mutter mit wenigen Worten, dafür aber um so eindringlicher mitteilt. Nachdem die Mutter mit ihren drei erwachsenen Kindern gesprochen hat, steigt sie in ein Ruderboot, fährt auf die Ostsee hinaus und jagt sich eine Kugel in den Kopf.

Screenshot Blutsbande: Jonna (Aliette Opheim)

Screenshot Blutsbande: Jonna (Aliette Opheim)

Genau das wird zum Auftakt des ersten Teils schon angedeutet – ein einsames Boot auf grauen Ostseewogen unter einem grau bewölkten Himmel, an Bord eine ältere Frau in Strickjacke und akkurater weißer Bluse, die aus einer alten geblümten Keksdose einen Revolver nimmt und ihn lädt: Ein klassischer Auftakt für ein handfestes Familiendrama.

Für mich war damit gleich klar: Das muss ich weiter sehen. Mittlerweile sind 8 der insgesamt 10 Teile gelaufen und ich bin bislang nicht enttäuscht worden: Die Mutter hat ihren drei Kindern in ihrem Testament eine fast unlösbare Aufgabe gestellt: Sie müssen das Gästehaus Waldemar für die aktuelle Sommersaison gemeinsam betreiben – und zwar so, dass unter dem Strich ein Gewinn steht. Danach bekommen sie es als Erbe überschrieben und können damit tun, was ihnen beliebt. Aber wenn sie diese Bedingung nicht erfüllen, geht das Haus an eine gemeinnützige Stiftung.

Screenshot Blutsbande: Liv (Jessica Grabowsky) und  Oskar (Joel Spira)

Screenshot Blutsbande: Liv (Jessica Grabowsky) und Oskar (Joel Spira)

Natürlich ist vor allem Oskar empört – er hat sein bisheriges Leben ins Gästehaus seiner Eltern investiert, und nun hat seine Mutter ihn praktisch enterbt! Doch was auf den ersten Blick tatsächlich unglaublich ungerecht erscheint, bekommt im Laufe der Handlung eine andere Qualität. Denn einerseits ist Oskar tatsächlich der pflichtbewusste Sohn, der sein Leben dem Erhalt des Familienbetriebs verschrieben und auch für seine Mutter einiges auf sich genommen hat, wie im Laufe der Serie zu erfahren sein wird. Andererseits stellt sich auch heraus, dass er seine derzeitige Existenz auf einer Lüge aufgebaut hat.

Screenshot: Die Familie vor dem Gästehaus

Screenshot: Die Familie vor dem Gästehaus

Oskar ist auf jeden Fall derjenige, der von den drei Geschwistern am erbittertsten um sein Erbe und seine künftige Existenz kämpfen muss – denn sowohl Lasse, als auch Jonna haben sich ja wo anders etwas eigenes aufgebaut. Wobei Lasse gerade dabei ist, seine Existenz in Stockholm zu verlieren und somit relativ schnell überzeugt werden kann, den Sommer auf Åland zu verbringen. Jonna dagegen hat definitiv andere Pläne – doch wie zu erwarten ist, bleibt schließlich auch sie. Erstmal. Mehr oder weniger.

Bemerkenswert fand ich bisher vor allem Joel Spira als Oskar Waldemar – Joel Kinnaman ist tatsächlich nicht der einzige Joel aus Schweden, der ein fantastischer Schauspieler ist. Joel Spira hatte seinen ersten größeren Filmauftritt ausgerechnet als Nippe in Snabba Cash – neben Joel Kinnaman als Johan Westlund. Das ist schon ein bisschen ungerecht, denn die Rolle von Johan ist natürlich das ganz große Los gewesen – aber Joel Spira als Nippe war nun wirklich auch nicht schlecht.

Screenshot Blutsbande: Familienessen bei den Waldemars

Screenshot Blutsbande: Familienessen bei den Waldemars: Lasse Oskar und Jonna

Nippe ist derjenige, der seinen ehrgeizigen Freund Johan in die Welt der Stockholmer Elite einführt. Einer von den reichen Jungs, die so sind, wie Johan gern werden möchte. Aber Nippe ist eben auch ein Arschloch: Er benutzt Johan, wo der ihn weiterbringen kann, und lässt ihn im Stich, als er wirklich seine Hilfe braucht. In Snabba Cash II zieht Nippe den armen Johan gnadenlos über den Tisch, in dem er ein von Johan im Gefängnis entwickeltes Computer-Trading-System als eigenes Produkt verkauft. Der Showdown zwischen Nippe und Johan ist eine der besten Szenen in Snabba Cash II. Aber eben auch die letzte für Nippe, den ollen Verräter.

Screenshot Blutsbande: Oskar (Joel Spira)

Screenshot Blutsbande: Oskar (Joel Spira)

Und wie sich bald herausstellt, ist auch Oskar Waldemar kein so guter Junge, wie man auf den ersten Blick meinen möchte. Aber eben auch kein schlechter. Er war halt immer nur die zweite Wahl – als Sohn und als Mann. Sein cooler, aber wenig pflichtbewusster großer Bruder und seine schöne kleine Schwester haben einfach ihr Ding durchgezogen – Oskar dagegen ist zuhause geblieben, hat seine Eltern ertragen und den Laden geschmissen. Er liebt seine Liv wirklich sehr – wobei aber immer alles grandios schief läuft, wenn er sich besondere Mühe gibt, ihr zu zeigen, was er für sie empfindet.

Blutsbande: Die Beerdigung.  Bild via svenska.yle.fi

Blutsbande: Auch bei der Beerdigung gibt es Streit.
Bild via svenska.yle.fi

Denn eigentlich war sie einmal die Freundin seines großen Bruders Lasse. Von dem sie glaubte, dass er sie verlassen hat. Deshalb hat sie Oskar erhört und ist seine Frau geworden, und damit auch eine zuverlässige Stütze der Waldemarschen Familientradition. Aber wie sich heraus stellt, war alles ganz anders. Jetzt hat Oskar noch ein Problem – als ob alles nicht so schon schlimm genug wäre. Von der Leiche seines Vaters, die er jetzt an einem anderen Ort verstecken muss, gar nicht zu reden. Nein, Oskar ist wirklich nicht zu beneiden. Dafür aber Joel Spira, der mit dieser Rolle allen mal so richtig zeigen kann, was er drauf hat.

Doch, für eine Familienserie geht Blutsbande total in Ordnung. Von wegen unbeschwerte Kindheit und schöne Erinnerungen – in der pittoresken Landschaft, die an Astrid-Lindgren-Geschichten wie die Kinder aus Bullerbü oder Ferien auf Saltkrokan erinnert, haben sich schreckliche Dinge abgespielt, die alle Beteiligten am liebsten vergessen würden – aber Mama wollte ja angesichts ihres nahenden Todes unbedingt noch aufräumen. Ob das tatsächlich eine gute Idee war? Zwei Teile bleiben noch, um das herauszufinden.