Awake: Traum oder Realität?

Während es einige Serien gibt, um die ein Wahnsinnshype gemacht wird, ohne dass sie deshalb besonders gut sein müssten, existieren auch erstaunlich viele Serien, von denen man noch nie gehört hat, die aber trotzdem gar nicht so schlecht sind. Eins dieser kleineren Projekte ist Awake, eine Serie um den Polizisten Michael Britten (Jason Isaacs), der nach einem schweren Unfall in zwei verschiedenen Realitäten aufwacht.

Awake: Michael Britten (Jason Isaacs) Bild via serienjunkies.de

Awake: Michael Britten (Jason Isaacs) Bild via serienjunkies.de

In der einen, der „roten Realität“ ist seine Frau (Laura Allen als Hannah) noch am Leben, aber sein Sohn ist tot. In der anderen, der „grünen“ hat sein Sohn (Dylan Minnette als Rex) den Unfall überlebt, aber seine Frau nicht. In beiden Realitäten geht er zur Therapie, in der roten zu Dr. Jonathan Lee (wie immer großartig: BD Wong), in der grünen zu Dr. Judith Evans (Cherry Jones), was sehr amüsant ist, da beide Psychiater immer sehr gute Erklärungen dafür haben, warum „ihre“ Realität die jeweils echte und die andere ein Traum ist. In beiden Realitäten geht Britten seinem alten Job als Detective beim LAPD nach, wobei er zwar die gleiche Chefin, nämlich Captain Tricia Harper (Laura Innes), aber unterschiedliche Partner hat, in der „roten“ ist das der junge Elfrem Vega (Wilmer Valderrama), den Britten nicht für voll nimmt, in der „grünen“ ist es Isaiah „Bird“ Freeman (Steve Harris), mit dem er bereits seit Jahren zusammen arbeitet. Mit der Zeit stellt sich heraus, dass die völlig unterschiedlichen Fälle, an denen Britten in den jeweiligen Realitäten arbeitet, stets irgendwie zusammenhängen und er kommt nach und nach einem Mordkomplott auf die Spur, dem eigentlich er zum Opfer fallen sollte.

Awake: Dr. Jonatha Lee (BD Wong) Bild via imdb.com

Awake: Dr. Jonathan Lee (BD Wong) Bild via imdb.com

Awake war einer der vielen vergeblichen Versuche des altehrwürdigen US-Senders NBC an alte Serienerfolge anzuknüpfen – NBC ist unter anderem bekannt für Klassiker wie ALF, Seinfeld, Friends oder Golden Girls. Aber die Konkurrenz, vor allem durch Bezahlsender wie HBO, Showtime oder AMC, die von den vergleichsweise strengen Zensurvorschriften im frei empfangsbaren US-Fernsehen weniger betroffen sind und auch dank Sex, Gewalt und offenen Worten eine ganze Menge erfolgreicher Serien produzieren, macht es den etablierten Networks zunehmen schwer – wobei ich das gar nicht schlimm finde. Und dann gibt es neuerdings ja auch noch Hulu, Netflix und Amazon, die eine Qualitätsserie nach der anderen raushauen – da muss man sich schon etwas anderes einfallen lassen als nur immer mehr vom Bewährten. Wobei NBC mit This Is Us im vergangenen Jahr offenbar mal wieder einen Treffer gelandet hat – muss ich mir gelegentlich ansehen.

Doch zurück zu Awake – zwar wurde die Serie 2012 nach nur einer Staffel wegen schlechter Einschaltquoten eingestellt, was aber in diesem Fall eher gegen das Publikum als gegen die Serie spricht – denn so halbmittelgute Serien wie The Blacklist oder Blindspot sehen sich die Leute auf NBC ja auch an. Awake finde ich zumindest nicht schlechter.

Awake: Dr. Judtith Evans (Cherry Jones) Bild via imdb.com

Awake: Dr. Judtith Evans (Cherry Jones) Bild via imdb.com

Wobei ich zugeben muss, dass Awake für alle, die auf klassische Krimiserien stehen, vermutlich zu viel Psychokram und Familiendrama enthält, und für alle, die auf Familiendrama sehen, dann wieder zu viel Krimi drin ist. Man muss schon sich schon auf den ganzen Mindfuck einlassen – dann kann Awake aber wirklich Spaß machen. Über die 13 Folgen entspinnt sich eine durchaus komplexe Handlung, die sich gegen Ende rasant zuspitzt, und, weil sich offenbar abzeichnete, dass das Projekt nicht fortgesetzt werden soll, auch abgeschlossen wird. Wobei ich von dem Ende nicht wirklich zufrieden bin, auch wenn es irgenwie einleuchtet.

Aber das ist ja oft so: Je drastischer die Dinge am Ende eskaliert werden, desto schwieriger wird es, einen überzeugenden Schluss zu finden. Awake ist jedenfalls mein Tipp für Freunde von Mystery-Serien, die ein überschaubares Projekt für zwischendurch suchen, während man auf die Fortsetzungen von Better Call Saul, Mr. Robot oder Westworld wartet.

Awake: Hannah (Laura Allen), Rex (Dylan Minette) und Michael (Jason Isaacs)

Awake: Hannah (Laura Allen), Rex (Dylan Minette) und Michael (Jason Isaacs) Bild via imdv.com

Advertisements

River: Ein Schwede in London

Für die Freunde britischer Krimiserien steht auf Netflix seit einigen Tagen der BBC-Sechsteiler River zur Verfügung, den ich mir am Wochenende zu Gemüte geführt habe. So richtig weiß ich noch nicht, was ich davon halten will – auf diese Serie war ich aus drei Gründen sehr neugierig: Erstens gehören britische Krimiserien zu den besten überhaupt, die Briten haben den Fernsehkrimi quasi erfunden. Zweitens hat Abi Morgan das Drehbuch für River geschrieben – aus ihrer Feder stammt unter anderem The Hour, eine BBC-Serie, die ich ganz fantastisch finde, obwohl es keine Krimiserie ist, sondern von den Anfängen der Fernseh-Berichterstattung in Großbritannien handelt. Und drittens spielt Stellan Skårsgard die Titelrolle.

Und Stellan Skårsgard stellt diesen DI John River natürlich auch so vielschichtig und überzeugend dar, wie man es von einem Weltklasseschauspieler erwartet. Verschrobene Ermittlertypen mit Ecken und Kanten sind ja ohnehin eine Spezialität der Briten, etwa DCI Alan Banks (Stephen Tompkinson) in der ITV-Serie DCI Banks oder DCI John Luther (Idris Elba) in der BBC-Serie Luther, die ich beide sehr gut finde.

John River ist ebenfalls ein brillanter Polizist, aber er hat eine ziemliche Macke: Er redet mit Menschen, die gar nicht mehr da sind. Das hat er schon immer getan und es hilft ihm dabei, seine überdurchschnittliche Aufklärungsquote zu erreichen. Deshalb haben sowohl Kollegen als auch Vorgesetzte seine skandinavische Verschrobenheit bislang toleriert.

river-1

Jackie Stevenson (Nicola Walker) und John River (Stellan Skarsgard)

Aber seit seine Kollegin Jackie Stevenson (genannt Stevie, Nicola Walker) vor einigen Wochen erschossen wurde, geht es bergab mit ihm: Für ihn ist Stevie noch am Leben. Gemeinsam verfolgen sie einen Verdächtigen, der aus einem Auto steigt, das River von einem seiner Fälle her zu kennen meint. Doch die Verfolgungsjagd endet tödlich: Der junge Mann, hinter dem River her war, springt aus dem Fenster seiner Wohnung in einer der schlechteren Londoner Gegenden – eigentlich will er sich nicht umbringen, sondern nur abhauen. Doch er rutscht ab, als er sich an einer Satellitenantenne festhalten will und stürzt in die Tiefe – die schwangere Freundin ist verzweifelt. Das sieht nach Ärger für River aus, und genauso kommt es natürlich auch.

Andererseits weiß River natürlich, dass Stevie tot ist, sie ist quasi vor seinen Augen auf offener Straße mit einem Schuss in den Kopf niedergestreckt worden. Schon deshalb fühlt sich River dazu verpflichtet, diesen Fall unbedingt aufzuklären. Aber nach diesem Vorfall mit dem toten Kleindealer ziehen seine Vorgesetzten die Notbremse: River muss sich psychologisch begutachten lassen und wird von dem für ihm so wichtigen Fall abgezogen – schließlich gibt es genug anderes zu tun. Und was ist, wenn er sich am Ende als dauerhaft dienstunfähig erweisen sollte?

Seine Vorgesetzte DCI Chrissie Read übergibt den Fall Stevenson an DS Ira King (Adeel Akhtar), der sich selbst als den personifizierten Gazastreifen beschreibt, weil er arabisch-jüdischer Herkunft ist. River ist über diese seiner Ansicht nach völlig überflüssigen Maßnahmen beleidigt, er brauche kein Kindermädchen, erklärt er seiner Chefin. Aber mit der Zeit lernt River seinen geduldigen Kollegen zu schätzen, der sich als überaus gewissenhaft und loyal erweist.

River

Ira King (ADEEL AKHTAR) – (C) Kudos – Photographer: Nick Briggs

Genau wie er sich irgendwann damit abfindet, dass er zu den vorgeschriebenen Therapiesitzungen gehen muss: Mit der Zeit findet er Gefallen an der attraktiven Polizei-Psychologin Rosa Fallows (Georgina Rich) und akzeptiert, dass sie ihm helfen will. Hilfe hat er auch dringend nötig, aber wenn er das nicht recht einsehen will. Es ist ja nicht nur Stevie, die ihm immer wieder erscheint und ihn an seine ganzen Versäumnisse erinnert.

Da ist auch noch Dr. Thomas Neill Cream (Eddie Marsan), der Lambeth Piosoner, ein Serienkiller aus einem Buch, das River liest. Dr. Cream ist ein echter Quälgeist, der River in den Wahnsinn treiben würde, wenn er nicht ohnehin schon verrückt wäre. Dr. Cream konfrontiert River mit seinen eigenen Abgründen, er ist eine Art negatives Über-Ich. Gibt es den Begriff Unter-Ich eigentlich? Der wäre zutreffend. Wobei das Motiv der abgespaltenen negativen Persönlichkeit durchaus kein neues ist – das Doppelgängermotiv ist in der Literaturgeschichte ja seit längerer Zeit etabliert. Wobei Dr. Cream kein Doppelgänger im eigentlichen Sinne ist, er ist ein Teil von Rivers schlechtem Gewissen, wobei Stevie eindeutig einen größeren Teil davon einnimmt.

Und dann gibt es noch Erin Fielding, eine junge Studentin, die angeblich von ihrem Freund ermordet wurde – aber noch hat niemand ihre Leiche gefunden, obwohl der Junge den Mord sogar gestanden hat. Aber dank seiner ungewöhnlichen Eingebungen kommt River darauf, dass Erin sich selbst umgebracht haben muss – und ihr Freund sich die Schuld daran gibt, aber kein Mörder ist.

Stevies Familie ist aber auch nicht ohne – diese Figuren sind alle ganz real und wollen nichts mit River und der Polizei überhaupt zu tun haben: Stevie war eine Nestbeschmutzerin, eine, die ihrer kriminellen Familie Ärger gemacht hat, in dem sie sich für die andere Seite entschied und ihren eigenen Bruder für lange Zeit hinter Gitter brachte. Und es stellt sich auch hier wieder heraus, dass Mord zumeist in der eigenen Familie statt findet, auch wenn man Ende alles anders ist als eigentlich erwartet.

river3

Tom (Michael Maloney) und DCI Chrissie Read (Lesley Manville)

Also ja, einerseits schon klassisch britisch – üble Familiengeschichten und natürlich auch eine ordentliche Prise Gesellschaftskritik: Eine Zeit lang sieht es so aus, als hätte Stevie einen heimlichen Freund gehabt, einen illegalen Einwanderer aus Somalia. River und King ermitteln deshalb auch in diese Richtung, was gar nicht so einfach ist, denn in diesen Kreisen haben sowieso alle Angst vor der Polizei und sagen nichts. Als die beiden endlich heraus bekommen, um wen es sich bei dem mysteriösen schwarzen Mann handelt und wo er sich versteckt, kommen sie zu spät: Ihr möglicherweise hilfreicher Zeuge wird in einer öffentlichen Bibliothek umgebracht.

Stevie schien kurz vor ihrem Tod einer richtig großen Sache auf der Spur zu sein, in die nicht nur die Firma eines ihrer Verwandten, sondern auch der Mann von Stevies und Rivers Chefin verwickelt sein könnte: Tom Read ist Richter, der über Einwanderungsfälle entscheidet und erstaunliche viele seiner Fälle werden positiv beschieden. Und viele dieser lautlos legalisierten Einwanderer arbeiten für den Paten Michael Bennigan.

In den sechs Folgen, die jeweils knapp eine Stunde lang sind, gibt es auch noch andere Fälle, die es zu lösen gilt, etwa einen toten Bauarbeiter, der an einem Stromschlag gestorben ist – ein tragischer Unfall, wie sich herausstellt, aber gleichzeitig kommt auch heraus, dass der verheiratete Familienvater offenbar eine Affäre mit einem ukrainischen Kollegen gehabt hat. Und dann gibt es eine weitere schwere Krise, weil sich herausstellt, dass der Ehemann von DCI Read nicht nur eine Schwäche für die Dolmetscherin bei der Einwanderungsbehörde hatte, sondern auch noch bestechlich war.

Alles in allem gibt es also eine Menge starker Szenen und insgesamt finde ich die Geschichte doch ziemlich gut – andererseits hoffe ich, dass es jetzt nicht zur Masche wird, Serienplots nur noch aus den psychischen Störungen des Protagonisten zu generieren: Bei Mr. Robot fand ich das noch ziemlich genial, wobei mich gegen Ende immer mehr gestört hat, dass der gesellschaftskritische Ansatz aus den ersten drei Teilen wegen der ganzen Psychospielchen in den Teilen danach ziemlich unter die Räder gekommen ist. Okay, das wundert mich nicht wirklich, denn es ist schlicht und einfach verboten, ernsthafte Kritik am herrschenden System zu äußern, also den Kapitalismus als solchen infrage zu stellen. Die Hauptfigur Elliot Alderson tut das zwar, aber Elliot ist ja auch verrückt. Und auf einmal wird nur noch seine Verrücktheit thematisiert, aber nicht die des Systems, das er zerstören will.

So weit geht das bei River nicht – River stellt ja auch gar nicht das System infrage, sondern nur seine eigene mentale und sonstige Verfassung. River hat ein Ideal von Wahrheit und Gerechtigkeit, für das er sich aufreibt, womit er aber eigentlich erfolgreich ist: Er klärt die Verbrechen auf, auch wenn die Hinterbliebenen über die Wahrheiten, die er herausfindet, nicht besonders glücklich sind. River selbst ist auch nicht besonders glücklich.

Und wo ich schon mal dabei bin: Es gibt durchaus Parallelen zwischen John River und Elliot Anderson – das ist es, was mich gerade nervt, auch wenn das vermutlich etwas ungerecht ist, denn ich nehme nicht an, dass Sam Esmail oder Abi Morgan von einander abgeschrieben haben. Dieses Psychoding scheint eher ein Zeitgeist-Phänomen zu sein. Es ist ja nicht so, dass ich Hauptcharaktere, den einen an der Waffel haben, nicht mögen würde, im Gegenteil. Eigentlich habe ich sogar sehr viel für Psychodrama übrig. Aber dann soll eine Serie nicht so tun, also ob sie etwas anderes sei.

Also: Sowohl der kleine John als auch der kleine Elliot wurden von ihren Müttern schlecht behandelt und im Stich gelassen (warum sind eigentlich immer die Mütter schuld?!). Beide leiden an einer gewissen Unfähigkeit, zu lieben oder besser: auf persönlicher Ebene mit anderen Menschen umzugehen. Sie sind beide nicht gern in Gesellschaft und nicht gut darin, ihre Gefühle zu kommunizieren. Denn Gefühle haben sie: River hat Stevie irgendwie geliebt und er verliebt sich auch ein bisschen in Rosa. Elliot mag Angela und Darlene und verliebt sich sogar in Shayla, obwohl er immer wieder sagt, dass er nicht weiß, wie das geht. Und sie können auch wütend oder auch traurig werden, sehr traurig sogar – auch wenn sie dann wieder total rationale Typen sind, die alles analysieren und einordnen.  Gerade weil sie derart gestört sind, können sie sich so gut in andere hineinversetzen – River löst auf diese Weise seine Fälle. Elliot auch, gewissermaßen, er bringt andere dazu, zu tun, was er von ihnen will. Und natürlich setzen die beiden ihre besonderen Fähigkeiten nicht dazu ein, persönliche Vorteile zu erlangen, sondern tun das für andere: River ist Polizist und sorgt für Ordnung und Gerechtigkeit, auch wenn das nicht immer gut ausgeht. Elliot ist zwar auf der anderen Seite des Gesetzes unterwegs, aber er will gleich die ganze Welt retten.

Aber letztlich kämpfen sie doch vor allem darum, irgendwie normal zu sein. Aber was ist schon normal in verrückten Welt?

Run All Night

Weil ich den Kinostart nicht erwarten konnte, musste ich mir unbedingt schon gestern Abend Run All Night ansehen. Dieser Zwitter aus Action-Reißer und Familiendrama ist nach Unknown Identity und Non-Stop der dritte Film von Jaume Collet-Serra mit Liam Neeson in der Hauptrolle. Ich kann nicht sagen, dass ich ein großer Fan von Action-Filmen mit (und auch ohne) Liam Neeson bin, obwohl ich den als Schauspieler in anderen Rollen meist ziemlich gut finde.

Unknown Identity habe ich damals in erster Linie angesehen, weil der Film in Berlin spielt. Aber wie so oft bei Berlin-Filmen gab es zwar eine Menge Berliner Sights zu sehen, aber natürlich waren die unterschiedlichsten Orte grotesk zusammengeschnitten, so dass jeder Ortskundige gleich weiß, dass es nur um die Kulisse, nicht um die Realität geht. Die Geschichte an sich war gar nicht so schlecht, Verschwörungsthriller mit ein paar überraschenden Wendungen, aber insgesamt hat mich der Film nicht vom Hocker gerissen. Deshalb habe ich mir Non-Stop dann gar nicht angesehen.

http://runallnightmovie.com/

Shawn Maguire (Ed Harris) und Jimmy Conlon (Liam Neeson) sind alte Freunde. Bild: http://runallnightmovie.com/

Run All Night ist auch kein Meisterwerk, um das gleich vorweg zu nehmen, aber das ist in diesem Fall egal, denn den Film habe ich mir angesehen, weil Joel Kinnaman den Sohn des Protagonisten spielt. Seit ich Kinnaman als Johan Westlund in Easy Money gesehen habe, bin ich bekennender Kinnaman-Fan – Joel ist einfach ein toller Schauspieler. Und er als Michael Conlon ist natürlich auch wieder sehr gut.

Die Geschichte ist ziemlich übersichtlich: Jimmy Conlon (Liam Neeson) ist ein alter Gangster, der sein Leben vergeigt hat – sein Sohn hasst ihn für das, was er ist, seine Freunde sind tot oder haben sich von ihm abgewendet, nur sein Chef und Weggefährte Shawn Maguire (Ed Harris) hält noch zu ihm. Das ist auch kein Wunder, denn Jimmy hat für Shawn ja auch immer die Dreckarbeit gemacht. Die unter anderem darin bestand, unliebsame Leute umzubringen.

Jimmy wird deshalb auch der Totengräber genannt. Und der aufrechte Bulle Detective Harding (Vincent D’Onofrio) will Jimmy zum Ende seiner langen Karriere unbedingt noch rankriegen, eben weil er so viele Menschen auf dem Gewissen hat und dank des einflussreichen Maguire dem Knast immer wieder entkommen konnte. Mike dagegen ist ein guter Bürger, Vater und Ehemann – er hat eine schöne und schwangere Frau, zwei hübsche kleine Töchter. Mike hätte gern eine Karriere als Profi-Boxer gemacht, aber er hatte eben nicht den nötigen Killerinstinkt und schlägt sich jetzt auch als Chauffeur durch, weil ein Mann halt tun muss, was er tun muss. Auch wenn der Job öde ist und nicht viel einbringt. Lieber sauber bleiben.

Mike Conlon (Joel Kinnaman) in Box-Club. Bild: https://postmediacanadadotcom.files.wordpress.com

Mike Conlon (Joel Kinnaman) in Box-Club. Bild: https://postmediacanadadotcom.files.wordpress.com

Das predigt Mike auch den Jungs im Box-Club für benachteiligte Jugendliche, wo er sich in seiner Freizeit engagiert. Was sich am Ende auch als seine Rettung erweist, denn sein spezieller Schützling war zu Beginn dieser einen, verhängnisvollen Nacht zufällig auch vor Ort. Und er ist der einzige, der Mike entlasten kann, nachdem alles von Maguires Leuten so hingedreht wurde, dass Mike und sein Vater Jimmy als eindeutige Täter eines Verbrechens dastehen, das eigentlich von Shawn Maguires Sohn Danny (Boyd Holbrook) verübt wurde.

Mit einem schief gegangenem Geschäft von Danny nimmt das Verhängnis seinen Lauf: Mike chauffiert zwei Albaner zu Dannys Wohnung, die ihr Geld wieder haben wollen. Natürlich geht das schlimm aus, Danny und sein Kumpel knallen die Typen ab – und weil Mike zufällig Zeuge geworden ist, wollen sie ihn auch beseitigen. Aber der gut trainierte Sportler kann knapp entkommen und wird schließlich von seinem verhassten Vater gerettet, indem der Danny abknallt.

Es geht also einerseits um einen klassischen Vater-Sohn-Konflikt, bei dem der verhasste Vater seinen störrischen Sohn dazu bringen muss, ihm jetzt, wo es um Leben und Tod geht, wenigstens eine Nacht lang zu vertrauen. Andererseits geht es um eine alte Freundschaft oder eher um bisher nie infrage gestellte Loyalität: Wie wir durch einen Kurzauftritt von Nick Nolte (als Onkel Eddie) erfahren, hat Jimmy sogar einen seiner Cousins getötet, weil Shawn es verlangt hat.

Jimmy (Liam Neeson) will seinen Sohn Mike (Joel Kinnaman) beschützen. Bild: http://runallnightmovie.com

Jimmy (Liam Neeson) will seinen Sohn Mike (Joel Kinnaman) beschützen.
Bild: http://runallnightmovie.com

Shawn und Jimmy waren zusammen im Krieg, sie waren zusammen in der Scheiße, sie haben sich ewige Treue geschworen. Und nun ist das Undenkbare geschehen: Jimmy musste Shawns Sohn erschießen, um seinen eigenen Sohn zu retten. Griechische Tragödie Hilfausdruck. Und da hilft auch alles Betteln und Zetern nicht: Shawn will seinen Sohn alttestamentarisch rächen: Sohn gegen Sohn. Dem ist total Wurscht, dass Mike eigentlich ein Unbeteiligter ist. Also muss der alte Säufer Jimmy ein letztes Mal zu Hochform auflaufen, um seinen Sohn zu retten – der weiterhin störrisch bleibt und nicht einsieht, warum er sich retten lassen sollte: Als guter Bürger setzt er auf die Polizei.

Und ist deshalb fassungslos, als er feststellen muss, dass die Bullen sich überhaupt nicht für seine Version der Geschichte interessieren, sondern ihn gleich als Verdächtigen behandeln: Er ist der Sohn eines notorischen Verbrechers, also muss er auch ein Verbrecher sein und sie gehen entsprechend mit ihm um. Mike kapiert erstmal nicht, dass dieses System korrupt ist. Zum Glück schafft Jimmy es, ihn auch da raus zu holen, aber jetzt sieht es erst recht schlecht für die beiden aus.

Und das setzt sich über weitere Eskalationsstufen fort – genau das aber ist, was mich an dieser Sorte Actionfilmen auch so nervt: Es wird alles überdreht. Es reicht ja nicht, dass die Maguire-Mafia und die Bullen hinter den Conlons her sind, Shawn musste natürlich auch noch einen psychopathischen Superkiller auf die beiden ansetzen.

Run All Night: Detective Harding (Vincent D'Onofrio) . Bild: http://runallnightmovie.com/

Run All Night: Detective Harding (Vincent D’Onofrio) .
Bild: http://runallnightmovie.com/

Sorry, aber diese Sorte Thrill finde ich richtig scheiße. Vermutlich finde ich deshalb doch die ökonomischen skandinavischen Krimis besser, in denen es zwar auch extrem schlimme Geschichten, aber einfach weniger teure Action gibt. Run All Night hat eine ganze Menge teuer Action, auch ein wenig subtile Action, aber mir persönlich ist das alles zu dick aufgetragen. Mir ist ein geringeres Budget bei mehr Originalität ohnehin immer lieber. Aber okay, es handelt sich hier nicht um das schwedische Easy Money, sondern um das US-amerikanische Run All Night.

Und somit geht es letztlich gut aus: Jimmy schafft es mit allerletzter Kraft und der letzten Patrone, seinen Sohn – und damit sich selbst – zu retten. Er darf vor Mike sterben. Und für Mike geht das Leben weiter: Er musste nicht zum Mörder werden, sondern darf nach dieser denkwürdigen Nacht in sein altes Leben zurück. Er begleitet seinen Box-Schützling zu einem ersten Sieg im Ring und zieht sich danach, wie schon am Anfang des Films, für seinen Job den dunklen Anzug und das weiße Hemd an. Normalität. Puh, alles noch einmal gut gegangen. Aber ganz ehrlich: Ist es das wirklich?!

Run All Night: Michael Conlon (Joel Kinnaman) Bild: http://runallnightmovie.com/

Run All Night: Michael Conlon (Joel Kinnaman)
Bild: http://runallnightmovie.com/

Bei dem Thema hätte es durchaus noch mehr Drama und weniger Action sein können. Und die derzeitige Mode, die Orte der Handlung in Google-Earth-Manier heranzuzoomen, geht mir auch zunehmend auf die Nerven. Es ist ja toll, was in Sachen Computer-Animation heutzutage alles möglich ist, aber ein guter Schnitt von einem Schauplatz zum nächsten ist mir lieber als dieses Herumbewege im dreidimensionalen Raum. Mag sein, dass das den Computerspielern gefällt, aber ein Film sollte meiner Meinung nach ein Film bleiben und kein Computerspiel sein wollen – insbesondere, wenn es sich nicht um die Verfilmung eines Computerspiels handelt. Das wäre dann natürlich etwas ganz anders.

Wobei ich die Kamerafahrt der ersten Einstellung des Films gut fand: Jimmy liegt auf dem Waldboden und kommt langsam zu sich, und der Zuschauer bekommt gleich eine Ahnung, wie er sich fühlt: alles um ihn herum dreht sich. Und dann erinnert sich Jimmy, wie er hierher gekommen ist – und der Film geht los. Ob man ihn mag oder nicht, ist Geschmacksache. Wer kein ausgesprochener Liam-Neeson- oder Joel-Kinnaman-Fan ist, wird vermutlich nicht so richtig zufrieden sein, den für echte Actionfans ist dann am Ende doch zu wenig Krawumm zu sehen. Wer ein Mafia-Drama à la The Drop erwartet hat, wird auch enttäuscht, und Freunde des düsteren Familien-Dramas werden die psychologische Raffinesse vermissen. Fazit: Kann man sich ansehen, muss man aber nicht.

Run All Night: Jimmy (Liam Neeson) und Mike (Joel Kinnaman) sind am Ende ihrer Weisheit... Bild: http://runallnightmovie.com/

Run All Night: Jimmy (Liam Neeson) und Mike (Joel Kinnaman) sind am Ende ihrer Weisheit…
Bild: http://runallnightmovie.com/

Der Hypnotiseur: Erstaunliche Parallelen

Es ist nicht leicht, immer eine neue Geschichte zu erfinden und ich habe wirklich nichts dagegen, wenn eine gute Geschichte noch einmal erzählt wird: Eine bereits bekannte Geschichte kann in einer neuen Variante durchaus wieder gut werden. Wie an anderer Stelle schon gesagt, bin ich gegenüber Remakes, durchaus aufgeschlossen – es gibt ja nun wirklich gelungene Neuverfilmungen. Man muss das Rad nicht immer wieder neu erfinden, es reicht, wenn man es gelegentlich verbessert.

Trotzdem bin ich andererseits immer wieder erstaunt, wie wenig wirklich neue Geschichten es zu geben scheint. Genauso ist es mit Charakteren – wenn man mal eine richtig gute Figur aufgebaut hat, muss man sie nicht immer wieder neu erfinden, sondern kann sie einfach immer wieder was Neues erleben lassen. Und es kommt auch vor, dass man einer Figur aus der einen Geschichte in einer anderen wieder begegnet – und je mehr man sich damit beschäftigt, desto mehr erkennt man wieder.

Screenshot: Der Hypnotiseur - winterliches Stockholm.

Screenshot: Der Hypnotiseur – winterliches Stockholm.

Das geht nicht nur mir so. Neulich las ich irgendwo in einem Blog, wie sich jemand darüber wunderte, wie viel von Detective Holder aus The Killing doch in diesem Frank Wagner aus GSI Göteborg stecken würde – was ich ziemlich lustig fand, denn es ging um die erste Staffel von GSI Göteborg, die in den USA zwar nicht sehr bekannt sein dürfte, die aber von 2009 ist und gewiss eine Visitenkarte für Joel Kinnaman war, der daraufhin im US-Remake von Forbrydelsen eben jenen Stephen Holder spielen durfte.

Insofern wurde eher Frank Wagner in The Killing importiert als umgekehrt. Andererseits – im Frank Wagner der zweiten GSI-Staffel von 2012 steckt vermutlich dann doch einiges von Stephen Holder, den Kinnaman seit 2010 verkörpert hat. Holder wiederum ist eine Neuauflage von Jan Meyer aus der dänischen Serie Forbrydelsen (Bei uns als Kommissarin Lund – das Verbrechen bekannt) nur dass die Autoren des Remakes dem zweiten Ermittler eine interessantere Rolle zugedacht haben als im Original. In Staffel 3 und 4 emanzipierte sich The Killing von der dänischen Vorlage – diese Staffeln waren durchaus etwas eigenes, auch wenn die Serienschreiber die Charaktere und die Stimmung der beiden vorangegangenen Staffeln übernommen und weiter entwickelt haben – die Markenzeichen von The Killing blieben erhalten: Sarah Linden und ihre Strickpullover, Stephen Holder mit den in den Kniekehlen hängenden Jeans und sein Kaputzenpulli, was dazu passt, dass Holder fließend Hiphop spricht. Und das düstere, regnerische, durch und durch deprimierende Seattle, in dem rätselhafte Verbrechen geschehen.

Screenshot: Der Hypnotiseur - Mikael Persbrandt als gescheiterter Psychiater.

Screenshot: Der Hypnotiseur – Mikael Persbrandt als gescheiterter Psychiater.

Als Fan sowohl des Originals als auch des Remakes war ich durchaus glücklich mit der vierten Staffel, in der die Serie um Sarah Linden und Steppen Holder mit einem neuen, finalen Fall einen vernünftigen Abschluss fand, auch wenn ich nicht in jeder Hinsicht mit dem Staffelende einverstanden war. Um so überraschter war ich jedoch, als ich jetzt den schwedischen Thriller Der Hypnotiseur aus dem Jahr 2012 sah. Auch wenn in diesem Fall natürlich vieles anders als war in der vierten Staffel von The Killing, verblüffen doch die Parallelen: Eine Familie wird auf brutale Weise von einem offenbar total durchgeknallten Täter ausgelöscht – nur der Sohn überlebt schwer verletzt.

Die Ermittler, in Falle von The Killing Linden und Holder, im Fall des Hypnotiseurs sind es der Stockholmer Kommissar Joona Linna (Tobias Zilliacus) und der titelgebende Psychologe Erik Maria Bark (Mikael Persbrandt), stehen vor einem Rätsel: Wo ist bitte das Motiv für ein solches Blutbad? Andererseits liegt auf der Hand, dass die Lösung des Falls in der Familiengeschichte der Opfer zu finden sein muss. Und natürlich haben die Ermittler jeweils auch einen Haufen privater Probleme – hier liegen die größten Unterschiede zwischen den Geschichten in Seattle und der in Stockholm.

Screenshot: Der Hypnotiseur - Tobias Zilliacus als Kommissar Joona Linna.

Screenshot: Der Hypnotiseur – Tobias Zilliacus als Kommissar Joona Linna.

Während Holder und Linden in erster Linie damit beschäftigt sind, zu vertuschen, wie der Fall in der Staffel zuvor ausgegangen ist, weil sie den Rest ihres Lebens nicht im Knast zu verbringen wollen, haben wir beim Hypnotiseur wieder eine Paraderolle für Mikael Persbrandt, dieses Mal als genialen, aber dennoch gescheiterten Psychiater, der ohne starke Schlafmittel keine Ruhe mehr findet, sonst aber sehr vieler Dinge müde ist. Ich muss gleich dazu sagen, dass es nicht der beste Persbandt-Film ist, den ich je gesehen hätte. Und auch nicht beste Lasse-Hallström-Film, denn kein anderer hat beim Hypnotiseur Regie geführt. Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa oder Schiffsmeldungen fand ich deutlich besser.

Genzugenommen handelt es sich um einen eher durchschnittlichen Schweden-Thriller, wobei ein durchschnittlicher Schweden-Thriller in der Regel aber auch schon deutlich besser ist, als ein durchschnittlicher Deutschland-Thriller. Was mich einmal mehr zu der Frage bringt, warum das eigentlich so ist. Ja, es ist düster und kalt in Schweden, der Hypnotiseur spielt im verschneiten Stockholm, da muss man gar nicht viel Aufwand treiben, um eine entsprechende Stimmung herzustellen. Aber das ist es nicht allein: Während mir die privaten Probleme deutscher Ermittler unglaublich auf die Nerven gehen, gehören sie bei den Schweden selbstverständlich dazu. Im Grunde ist jeder ordentliche Schweden-Krimi in erster Linie ein Familiendrama, und zwar immer gleich auf mehreren Ebenen: Die Familienprobleme der Ermittler, die Familienprobleme der Kollegen, und natürlich die Familienprobleme, die bei Opfern und Tätern ans Licht kommen, menschliches Drama, wo man nur hinschaut, da ist doch ganz klar, dass die ganze Zeit schreckliche Dinge passieren müssen.

Screenshot: Der Hypnotiseur - die Ärztin Daniela (Helena af Sandberg) mit Linna und Bark

Screenshot: Der Hypnotiseur – die Ärztin Daniela (Helena af Sandberg) mit Linna und Bark

Deutsche Ermittler dagegen sind in der Regel keine Familienmenschen – sie leben nur für die Arbeit. Man muss nur die Liste der Tatort-Kommissare mal durchgehen. Mir fällt da bei den Dutzenden von Ermittlern außer Freddy Schenk keiner ein, der eine richtige Familie hätte – es gibt einige wenige Teilzeit-Eltern mit Kind, aber ohne Lebenspartner. Und manchmal hat einer auch eine Freundin, aber das wars dann schon. Familie und Beruf sind in Deutschland halt schwer vereinbar, das gilt auch für den Krimi. Für Familienprobleme gibt es hierzulande andere Genres – das ist halt die deutsche Art, alles muss schön ordentlich in Schubladen sortiert werden. Und Familie und Verbrechen gehören nicht in die selbe Schublade, auch wenn man eigentlich wissen müsste, dass das im wahren Leben ganz anders ist. Da sind die Schweden und (auch die Amis) einfach ehrlicher: Die meisten Verbrechen finden innerhalb von Familien statt, wenn es nicht gerade um organisierte Kriminalität im globalen Maßstab geht.

Screenshot: Der Hypnotiseur - Erik und seine Frau Simone (Lena Olin)

Screenshot: Der Hypnotiseur – Erik und seine Frau Simone (Lena Olin)

Zurück zu den ermordeten Familien in Stockholm und in Seattle: In beiden Fällen stellt sich im Laufe der Ermittlungen heraus, dass der überlebende Sohn der Täter sein muss. Denn es handelt sich gar nicht um einen leiblichen Sohn der Familie, sondern um ein adoptiertes Kind. Und in beiden Fällen spielt die leibliche Mutter des Sohnes eine nicht gerade vorteilhafte Rolle bei der ganzen Sache – wobei ich Colonel Margaret Rayne, die immerhin noch versucht hat, ihren Sohn nach seiner Wahnsinnstat zu beschützen, insgesamt deutlich glaubwürdiger fand als das durchgeknallte Psychowrack von Mutter, die den Sohn des Hypnotiseurs entführt, um sich an dem Arzt rächen, der sie – wie man sieht, auch völlig zu recht – als verrückt in die Klapse eingewiesen hat. Insofern muss ich sagen: Lasse Hallström hin und Mikael Persbrandt her – in diesem Fall hat das Team von The Killing die bessere Version der Geschichte erzählt.