Liste trauriger Dinge: BCS, Fargo, Mikael Nykvist

Hach, ist das traurig – am Wochenende habe ich jeweils den letzten Teil der dritten Staffel von Better Call Saul und von Fargo gesehen. Und beides geht nicht gut aus, wie man sich denken kann, aber es sind jeweils dermaßen passende und genial gesetzte Schlusspunkte, dass ich meiner Begeisterung hier noch einmal Ausdruck verleihen muss. Auch wenn es Menschen geben soll, die genau diese Art Serien tot langweilig finden. Aber die haben es auch nicht anders verdient.

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Mit der Folge Laterne klärt sich endlich das Verhältnis der McGill-Brüder, wenn auch auf schlimmstmögliche Weise: Chuck gibt endlich zu, dass ihm Jimmy eigentlich total egal ist – Jimmy hat also die ganze vergeblich um die Anerkennung durch seinen großen Bruder gekämpft. Der eigentlich immer nur darauf versessen ist, zu verhindern, dass Jimmy Anwalt wird, weil er ihn charakterlich für völlig ungeeignet hält: Chuck weiß, dass Jimmy ein notorischer Lügner ist, ein begabter Trickbetrüger, ein brillanter Schwindler – und das alles ist Jimmy ja tatsächlich. Der kleine Bruder kann nur mit Betrug und unfairen Tricks besser sein als der große Bruder, das haben wir in der Staffel davor bereits gesehen. Aber Chuck übersieht bei all seinen berechtigten Vorbehalten gegen Jimmys Berufsauffassung, dass Jimmy bei trotzdem ein gutes Herz hat. Und es ist inzwischen klar, dass Chuck der verrücktere und herzlosere von beiden Brüdern ist.

Screenshot Better Call Saul: "Chuck" Charles McGill (Michael McKean)

Screenshot Better Call Saul: „Chuck“ Charles McGill (Michael McKean)

Chuck wird mit einer großzügigen Abfindung aus der von ihm mit gegründeten Kanzlei heraus komplimentiert, während sein kleiner Bruder Jimmy mit seiner Kanzlei-Gründung in so ziemlich jeder Hinsicht scheitert. Und Jimmy fühlt sich auch noch schuldig am Unfall seiner Partnerin Kim, die völlig überarbeitet am Steuer ihres Autos eingenickt ist. Und dann ist da auch noch das Dilemma mit den alten Damen, das Jimmy dann aber in Überwindung seines Egos noch erfolgreich lösen kann – denn wie gesagt, eigentlich hat er ein gutes Herz. Es tut ihm dermaßen leid, dass die von ihm übertölpelte Irene in der Seniorenresidenz wie eine Aussätzige behandelt wird, dass er seinen guten Ruf bei den anderen Ladys ruiniert, um die Sache wieder ins Reine zu bringen. Wie die Sache mit Kim und Jimmy ausgeht, ist hingegen noch immer nicht klar.

Screenshot Better Call Saul: Jimmy McGill (Bob Odenkirk)

Screenshot Better Call Saul: Jimmy McGill (Bob Odenkirk)

Immerhin wissen wir nun, warum sich Gus Frings und Hector Salamanca nicht ausstehen können, und auch warum Hector in Breaking Bad an den Rollstuhl gefesselt ist und seine Sprachfähigkeit eingebüßt hat. Und auch, dass der Verwandlung des betrügerischen, aber letztlich menschenfreundlichen Slipping Jimmy in den aalgatten Kriminellen-Anwalt Saul Goodman irgendwas mit dem überaus grausamen Ende des letzten Teils zu tun haben dürfte. Inzwischen ist eine vierte Staffel von Better Call Saul beauftragt – heute habe ich gelesen, dass Better Call Saul zwar nicht die Quoten der letzten Staffeln von Breaking Bad erreicht, aber doch unter den drei meist gesehenen Serien im US-Kabelfernsehen gehört. Immerhin muss ich sagen, denn Vince Gilligan und Peter Gould haben den doch sehr eigenen Breaking-Bad-Stil in Better Call Saul noch einmal verfeinert und quasi unter die Lupe gelegt: Ich kann nachvollziehen, dass es Serienseher gibt, die bei so etwas einfach aussteigen.

Screenshot Better Call Saul: Jimmy McGill (Bob Odenkirk) und Kim (Rhea Seehorn)

Screenshot Better Call Saul: Jimmy McGill (Bob Odenkirk) und Kim (Rhea Seehorn)

Aber das ist genau das, was mir besonderes Vergnügen bereitet – wir haben doch jetzt hochauflösende Bilder und riesige Bildschirme, also ist es doch super, wenn es akribische Bildkompositionen zu analysieren gibt. Und wir kennen bereits so viele Stereotypen aus anderen Serien, da muss man einfach mit vielschichtigen, widersprüchlichen Charakteren aufwarten, die so genervt kucken können wie Mike Ehrmantraut oder so verächtlich wie Hector Salamanca. Oder so zerknirscht wie Jimmy McGill. Mich erinnert das an die zweite Staffel der Serienhits Heimat – statt des lustig-volkstümlichen Heimattheaters der ersten Staffel (und das meine ich jetzt nich so, wie es vielleicht klingt, denn ich fand das wirklich gut) kam dann so ein manieriertes Kunstprodukt mit eigenartiger Musik zu eigenwilligen Schwarzweißbildern – aber dass die sich das getraut haben! Genau das ist es, was Kunst ausmacht. Better Call Saul ist hohe Serienkunst und wird von Staffel zu Staffel besser.

Michael Nyqvist

Und jetzt muss ich eine Gedenkminute für Michael Nyqvist einlegen – die Nachricht von seinem Tod trifft mich hart.

Meinen Eindruck von der dritten Fargo-Staffel gibt es dann beim nächsten Mal.

Serien-Update: Better Call Saul und Fargo

Derzeit ist eigentlich eine total tolle Zeit für Serienfreaks wie mich. Es gibt so viele Serien wie noch nie – angeblich soll es 2017 allein bis zu 500 neue US-Serien geben. Und dann gibt es ja noch die Briten, die Skandinavier, die Italiener, Franzosen, Israelis und, ja auch die Bulgaren, die 5. Staffel von Undercover habe ich inzwischen angefangen. Andererseits hat der aktuelle Serienboom auch seine Schattenseiten: Erstens, wann soll ich das alles ansehen – und vor allem: Wann soll ich darüber bloggen?!

Als Mitglied der arbeitenden Bevölkerung ist das echt eine enorme Herausforderung – zumal es ja eigentlich auch wichtigere Dinge im Leben geben sollte als Serien zu glotzen. Und dann auch noch darüber zu schreiben. Neben der Arbeit gibt es ja noch allerhand andere Dinge zu regeln. Deshalb befinde ich mich derzeit extrem im Rückstand mit meinen Blogeinträgen – denn zwei meiner absoluten Lieblingsserien haben im April endlich wieder neu durchgestartet, zum einen Better Call Saul, zum anderen Fargo. Da kommt mir die Verschiebung der dritten Mr.-Robot-Staffel vom Sommer in den Herbst schon fast gelegen, damit ich bis dahin all das andere Zeug wegglotzen kann.

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Sowohl Better Call Saul als auch Fargo sind mittlerweile ebenfalls in die dritte Staffel gegangen und aufgrund der altmodischen Nur-einen-Teil-pro-Woche-Ausstrahlungs-Tratition muss man immer eine Woche warten, bis der nächste Teil kommt. Das ist schlimm, weil beide neuen Staffeln schon ab dem ersten Teil wieder dermaßen stark waren, dass ich es jeweils kaum aushalten kann, bis die Fortsetzung kommt. Aber das hat auch wieder etwas für sich, weil Vorfreude bekanntlich die schönste ist. Better Call Saul gibt es seit dem 10. April, Fargo ist seit dem 19. April wieder am Start.

Und natürlich sind beide Fortsetzungen wieder zum Niederknien gut gemacht – bei Better Call Saul geht es in der schon in den früheren Breaking-Bad-Staffeln eingeführten Manier weiter, die jeweiligen Hauptpersonen durch kultverdächtige Sequenzen zu charakterisieren, die in anderen Serien vermutlich in wenigen Sekunden abgehandelt werden würden, hier aber zunehmend akribisch und detailreich inszeniert werden, so dass man entweder komplett aussteigt oder sich vor Begeisterung in die Knöchel beißt: Wie Mike Ehrmantraut sein Auto in sämtliche Einzelteile zerlegt, weil er weiß, dass irgendwo eine Wanze versteckt sein muss, ist dermaßen fantastisch, dass die Konsequenz einfach zwingend ist, nachdem er sie endlich, endlich gefunden hat – natürlich benutzt der clevere alte Fuchs die Waffe seiner Gegner nun gegen sie selbst, indem er die Wanze genau da lässt, wo sie platziert wurde hat. Nur hat er sie nach entsprechender Recherche gegen seine eigene Wanze ausgetauscht: Jetzt überwacht er seine Verfolger.

Ich liebe diese Subtilität, das ist einfach großartig. Mich erinnert dieser Mut zur langen Einstellung, zum Lupen-Blick auf bestimmte Details ziemlich an Edgar Reitz, insbesondere an Die Zweiten Heimat, auch wenn das eine ganz andere Geschichte ist, die ganz anders erzählt wird – aber in einer sehr eigenwilligen Erzählweise, auf die sich der Betrachter einlassen muss, um das alles wirklich genießen zu können. Natürlich haben auch Jimmy, Chuck und vor allem auch Kim ihre großen Momente und ja, es taucht tatsächlich der legendäre Gus Frings auf, jener gewiefte Imbißkettenbesitzer und Drogen-Pate, an dem sich Walter White in Breaking Bad abgearbeitet hat. Also ein dreifaches Daumen-hoch für die dritte Staffel von Better Call Saul!

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Ähnlich geht es mir mit Fargo – wir sind wieder im verschneiten Minnesota, es gibt wieder eine engagierte Polizistin, deren Stiefvater gleich im ersten Teil einer tragischen Verwechslung zum Opfer fällt. Und dann gibt es Mal aber ein zerstrittenes Brüderpaar, von denen der eine der Parkplatz-König von Minnesota ist, der andere aber ein heruntergekommener Bewährungshelfer, der nebenbei mit einer seiner Klientinnen als Partnerin an Bridge-Tunieren teilnimmt. Der Parkplatzkönig hat sich von den falschen Leuten mit einem Überbrückungskredit über den Tisch ziehen lassen – die wollen nämlich gar nicht das Geld zurück, sondern seine Firma als Geldwaschmaschine benutzen. Der Bewährungshelfer hingegen hat einen seiner anderen Klienten engagiert, um seinem Bruder eine wertvolle Briefmarke zu stehlen, was gründlich schief geht. Damit ist der Grundstein für eine schreiend komische Serie gelegt, falls man auf diese Art Humor steht.

Fargo lebt ja von den ganzen Knalltüten, die aus verschiedenen Gründen versuchen, kriminell zu sein, aber einfach nicht schlau genug sind, um vom oder manchmal auch nur mit dem aus Versehen begangenen Verbrechen leben zu können. Und den richtig Kriminellen, die sich einen Spaß draus machen, die Dummen für sich arbeiten zu lassen. Das ist schon ein gemeinsames Thema von Better Call Saul und Fargo – wobei BCS mehr auf den gnadenlosen Zweikampf intelligenter Krimineller herausläuft, während Fargo eher eine Charakterstudie von Gelegenheitskriminellen ist, die, wenn es um die Lösung ihrer Probleme geht, erstaunlich abgebrüht und einfallsreich seinen können, da mit aber nicht besonders weit kommen, weil sie eben aus der Situation heraus handeln, und nicht, weil sie wirklich einen Plan hätten. Insofern ist Fargo auch in dieser Staffel wieder deutlich lustiger als Better Call Saul. Zumindest wenn man auf diese Art von Humor steht. Empfehlen kann ich beides.

Die 10 besten Serien 2015

1. Mr. Robot

Hier mögen die Meinungen auseinander gehen – ja, und ich bin auch nicht damit einverstanden, dass alles am Ende so ins Psychologische abgekippt ist – aber trotzdem ist diese Serie diejenige, die ich für die in vielerlei Hinsicht für die relevanteste Neuerscheinung des ganzen Jahres halte. Sowohl, was die Relevanz der behandelten Themen angeht, als auch, was die Erzählweise und die Ästhetik betrifft: Mr. Robot ist einfach auf der Höhe der Zeit.

Ein psychisch instabiler Held, der mit der Gesellschaft unzufrieden ist, und die neuen Möglichkeiten durch die Digitalisierung sämtlicher Lebensbereiche nutzt, um Dinge, an denen er sich stört, irgendwie in Ordnung zu bringen – was letztlich aber auch nicht so funktioniert, wie er sich gedacht hat: Das ist an sich schon eine ziemlich gute Idee. Und über die ganze Palette möglicher Bedrohungen im und durch das Internet von Stalking, herkömmlicher Cyberkriminalität, Identitätsdiebstahl, über Ashley Madison, den Sony Hacks und Anonymous bis hin zur ganz normalen Überwachung durch Google, Facebook, Amazon, Netflix oder den eigenen Arbeitgeber werden viele negative Aspekte der wunderbaren Vollvernetzung aufgegriffen.

Sam Esmail hat ein tolles Drehbuch abgeliefert, aus dem USA Network etwas Besonderes gemacht hat. Und natürlich ist Rami Malek super – aber auch alle anderen im Cast. Jeder Preis und jede Auszeichnung dafür ist mehr als angemessen. Insofern freut mich natürlich, dass es nun eine Menge Nominierungen für Mr. Robot hagelt – den Audience Award vom SXSW Film Festival hatte die Pilot-Folge ja schon gewonnen und Sam Esmail den Gotham Independent Film Award für die Breaktrough Serie 2015.

Screenshot Mr. Robot wh1ter0se.m4v: Elliot (Rami Malek)

Screenshot Mr. Robot wh1ter0se.m4v: Elliot (Rami Malek)

2. Fargo

Die erste Staffel von Fargo war einfach der Hammer, aber auch die zweite bewährt sich – obwohl ich zugeben muss, dass ich mir nach einigen Teilen nicht mehr so sicher war: Jede Menge Leichen, aber ziemlich wenig roter Faden. Aber zum Staffelende nahm die Geschichte wieder deutlich an Fahrt auf und alles war wie erwartet wunderbar – und zwar nicht nur das bonbonbunte 70er-Jahre-Ambiente. Selten hat man so grandios aneinander vorbei geredete Dialoge erlebt wie die von Peggy und Ed. Und überhaupt die ganze Ausweglosigkeit dieser beiden Helden, die eigentlich ja einfach nur Verlierer sind, aber sich weigern, das einzusehen – das ist große Klasse. Aber auch Sheriff Larsson und State Trooper Lou Solverson werden durch die Auseinandersetzung mit dem hochkriminellen Gerhardt-Clan und seiner Konkurrenten schwer geprüft. Und dann ist da noch Lous krebskranke Frau Betsy, die ihr Schicksal tapfer trägt. Doch Coen-typisch gerät jeder noch so tiefe Griff in die Klischee-Kiste hier nicht zum Kitsch, sondern zu einer absurd komischen oder eben auch absurd tragischen Zuspitzung dieser ohnehin schon reichlich eigenwilligen Geschichte – was eben das Besondere dieser Serie ausmacht.

Screenshot Fargo - 2. Staffel: Peggy (Kirsten Dunst) und Ed Blomqist (Jesse Plemons)

Screenshot Fargo – 2. Staffel: Peggy (Kirsten Dunst) und Ed Blomqist (Jesse Plemons)

3. Better Call Saul

Nicht ganz so haarsträubend wie die Ursprungsserie Breaking Bad, aber auch schlimm genug: Jimmy McGill, der schlecht bezahlte Pflichtverteidiger, der dumme Jungs aus dummen Situationen retten muss, in die sie sich selbst hineinmanövriert haben, entdeckt als Geschäftsmodell die Alten und Kranken. Die brauchen auch Beistand und ein vernünftiges Testament. Und wie wir erfahren, war Jimmy schon immer ein bisschen kriminell – als Slipping Jim hat er in seiner Heimatstadt darauf gelauert, dass Menschen sich bei Glatteis die Knochen brechen und Jimmy dann an der Schadensersatzklage mitverdienen kann. Dieses Modell funktioniert im warmen Süden aber nicht, wie er schnell feststellen muss – denn er legt sich leider mit dem Falschen an. Dafür steigert sich Jimmy mit eigenwilligen Mitteln zum Geheimtipp für die ganz hoffnungslosen Fälle. Als Running Gag gerät Jimmy immer wieder in Konflikt mit dem mürrischen Parkplatzwärter Mike Ehrmantraut, der früher einmal Polizist war. Aber, wie man auch Breaking Bad ja schon weiß, führt das Schicksal diese beiden zusammen – und jetzt erfahren wir, wie. Doch, Better Call Saul ist nicht Breaking Bad, aber diese Serie hilft einem zu verkraften, dass es nach Breaking Bad kaum noch etwas besseres geben kann.

Better Call Saul - Noch heit Saul Jimmy McGill (Bob Odenkirk)

Better Call Saul – Noch heit Saul Jimmy McGill (Bob Odenkirk) – Bild: amctv.com

4. Sense8

Das vermutlich größenwahnsinnigste Serien-Projekt des Jahres dürfte Sense8 gewesen sein, und mal abgesehen von Games of Thrones, das weiterhin ohne mich stattfindet, war es bestimmt auch eins der teuersten: Drehorte auf der ganzen Welt, von Island über London, Berlin, Mexico City, San Francisco, Chicago, bis hin zu Nairobi, Mumbai und Seoul, und acht Hauptcharaktere, deren Geschichten und Leben miteinander in Beziehung stehen, obwohl sie einander noch nie gesehen haben. Und obwohl ich eigentlich nicht so sehr auf Mysterien und Übernatürliches stehe, hat mir Sense8 alles in allem doch großen Spaß gemacht, weil die Helden letztlich dann doch normal genug waren, um als Zuschauer ihre Probleme noch ernst nehmen zu können. Mir hat auch gefallen, dass man etwa durch den Kenianer Capheus (Aml Ameen) auch etwas über den Alltag in Nairobi („Welcome to Nai-Robbery“ sagt der Gangster, der den Bus überfällt) erfährt oder die Inderin Kala über die gesellschaftlichen Spannungen auf dem indischen Subkontinent. Die Vielseitigkeit war eindeutig ein Plus, auch wenn hier natürlich auch viele eigenartige Klischees anzutreffen waren. Es ist ja nun wirklich nicht so, dass in Berlin nur russische und jüdische Gangster leben und ganz San Francisco eine einzige Pride-Parade ist. Und auch wenn ich die Story ingesamt reichlich konfus und alles in allem doch etwas schwach finde, spielt das letztlich keine Rolle: Sense8 waren zwölf Stunden bildgewaltige Unterhaltung aus dem globalen Wachowski-Universum, das hat sich allein deshalb schon gelohnt.

Sense8: Wolgang (Max Riemelt)

Sense8: Wolgang (Max Riemelt)

5. Halt an Catch Fire

Die meiner Ansicht nach unterschätzteste Serie derzeit ist Halt and Catch Fire – ein wirklich sehenswertes Retro-Drama über die beginnende Computerisierung von Arbeitswelt und Alltag zu Beginn der 80er Jahre. Im Mittelpunkt der zweiten Staffel, die in diesem Sommer heraus gekommen ist, stehen nun die noch sehr junge, aber sehr begabte Programmierin Cameron und die Technik-Expertin Donna, die beide gemeinsam ein Internet-Start-Up gegründet haben, wie man heute sagen würde: In einem mit Technik vollgestellten Haus werkeln sie gemeinsam mit einer Horde Nerds an der Zukunft der Online-Spiele. Und natürlich ist das alles nicht so einfach – es gab damals ja noch keine Infrastruktur, die für solche Anwendungen vorgesehen war. Außerdem tun sich die Männer mit den neuen Rollenbildern schwer – dass Frauen arbeiten gehen müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, ist in den USA zwar normal, aber normal ist eben auch, dass sie sich nebenbei noch um Mann und Kinder kümmern – was Donna bei ihrem Arbeitspensum einfach nicht schafft. Es geht also nicht nur um neue Technik und wie man daraus ein Geschäftsmodell machen kann, sondern unter anderem auch um die bis heute nicht gelöste Frage, wie frau Arbeitsleben und Familie unter einen Hut bekommt.

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6. Narcos

Narcos ist die realistische Variante von Breaking Bad – die Geschichte des kolumbianischen Drogenbarons Pablo Escobar und dem Aufstieg seines Medellín-Kartells zu einer der mächtigsten Organisationen im internationalen Drogengeschäft. Auch diese Serie spielt in den späten 70er und den 80er Jahren und zeigt unter anderem, wie schwierig es damals ohne Internet und Handy war, Leute gezielt zu überwachen und abzuhören. Die Handlung wird aus der Sicht des DEA-Agenten Steve Murphy und dessen Partners Javier Pena erzählt, die mit der Zeit selbst mehr und mehr in den Sumpf aus Korruption und Gewalt gezogen werden, mit denen das Kartell das ganze Land überzieht. Die Serie ist gnadenlos, brutal und kein bisschen lustig – aber sie zeigt, wie das Drogengeschäft und das Geld, das sich damit verdienen lässt, eine komplette Gesellschaft unterminiert. Und das ist nicht mal die hässlichste Variante des Kapitalismus.

Pablo Escobar (Wagner Moura) in Narcos (Bild: Netflix)

Pablo Escobar (Wagner Moura) in Narcos (Bild: Netflix)

7. Master of None

Tatsächlich hat es mit Master of None eine echte Comedy in meine Bestenliste geschafft. Es ist ja nicht so, dass Fargo oder Better Call Saul nicht auch zum Teil sehr lustig wären, aber es gibt ja mittlerweile zumindest für die Emmy-Nominierungen inzwischen eine knallharte Definition, was bitte schön Drama- und was Comedy-Serie sei: Serien mit Teilen unter 30 Minuten sind Comedy, Serien mit 40-55 Minuten-Teilen sind Drama – egal ob lustig oder nicht. Master of None ist also Comedy und tatsächlich auch sehr lustig: Aziz Ansari ist ein Meister darin, die Absurditäten des New Yorker Alltags von nicht mehr ganz jungen Immigranten-Kindern auf den Punkt zu bringen, die es in jeder Beziehung besser haben als ihre Eltern, aber einfach keine Lust, daraus etwas zu machen, worauf ihre Eltern stolz sein könnten. Ihre größte Sorge ist, wie das nächste Date verläuft und dass es dann ein weiteres gibt. Klingt unspektakulär – aber genau das macht den Charme der Sache aus.

Master of None

Master of None

8. The Man in the High Castle

Doch, diese Retro-Sci-Fi-Serie aus dem Hause Amazon sollte man gesehen haben – so verstörend waren die 60er Jahre noch nie. New York im Look von Berlin 1936, japanische Straßenschilder in San Francisco und eine Gesellschaft, in der es normal ist, dass Menschen verschwinden, vergast werden und als Ascherregen auf blühende Wiesen niedergehen – es ist ja nicht so, dass es das nicht tatsächlich schon gegeben hätte. Genau das ist ja so erschreckend daran – und auch, wie bereitwillig sich die Menschen unter unmenschlichen Umständen anpassen, weil sie für sich hoffen, irgendwie davon zu kommen. Und wer dabei nicht mitmachen will, riskiert sein Leben – und das seiner Mitmenschen. Was also tun, wenn es keine Lösung gibt, bei der man sich gegen unerträgliche Zustände wehren und gleichzeitig mit dem Leben davon kommen kann?

Screenshot: The Man in the High Castle: In weniger als zweit Stunden von New York nach San Francisco

Screenshot: The Man in the High Castle: In weniger als zweit Stunden von New York nach San Francisco

9. Hand of God

Eine weitere Amazon-Serie, die ich in diesem Jahr sehenswert fand, ist Hand of God, ein Psychodrama über den einflussreichen Richter Parnell Harris, der durch den Selbstmord seines einzigen Sohnes Zuflucht in der Religion sucht und sich auf einen fatalen Rachefeldzug begibt. Es geht auch hier um Geld und Korruption, Macht und Intrigen. Und darum, ob es nun Gottes Wille ist, der Pernell dazu bringt, dass Recht in die eigenen Hände zu nehmen, oder nicht viel mehr sein eigener. Es gibt erstaunlich wenig Serien, die sich damit beschäftigen, was Menschen überhaupt motiviert, an Gott (in welcher Form auch immer) zu glauben – insofern ist Hand of God tatsächlich mal etwas anderes, auch wenn die Geschichte, die hinter dem Selbstmord des Sohnes dann auch wieder nicht dermaßen originell ist. Aber auf jeden Fall solide Serienkost mit interessanten Charakteren.

Hand of God - Pernell mit Reverend Curtis (Julian Morris)

Hand of God – Pernell mit Reverend Curtis (Julian Morris)

10. Deutschland 83

Gut, als bei der einzigen deutsche Serie, die ich in diesem Jahr ganz interessant fand, spielt bei Deutschland 83 ein erheblicher Mitleidsbonus mit – bei den RTL-Zuschauern ist der Achtteiler über den Stasi-Spion wider Willen ja komplett durchgefallen. Aber ganz ehrlich: Das hat RTL sich nun wirklich selbst zuzuschreiben. Denn wer eine solche Serie sehen will, der wartet nicht, bis sie endlich mal im deutschen Fernsehen läuft. Und dann noch auf einem Sender, der einem nur von nerviger Werbung unterbrochene Handlungshäppchen anbietet. Also ehrlich: Ein echter Serien- oder Filmfan akzeptiert keine Werbeunterbrechungen. Früher half da nur die Aufzeichnung, aus der man die Werbung halt rausschneiden konnte, heute gibt es entsprechende Angebote im Internet.

Und noch was, RTL: Die Zielgruppe für eine halbwegs gute Serie über deutsch-deutsche Geschichte sieht sich am Donnerstagabend schon die Serie auf arte an – da kommen auch immer zwei Teile hintereinander und zwar ohne Werbung. Die Idee, einfach mal zu versuchen, Zuschauer, die man verloren hat, mit guten Inhalten zurückzugewinnen, ist prinzipiell eine gute. Aber in heutigen Zeiten reicht das halt nicht mehr – die Leute wollen ihre Serien dann ansehen, wenn sie Zeit und Lust dazu haben. Und nicht, wann ein Sender meint, sie senden zu müssen.

Screenshot Deutschland 83 - Martin (Jonas Nay) und Annett (Sonja Gerhardt) via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 – Martin (Jonas Nay) und Lenora (Maria Schrader) via sundance.tv

11. Jessica Jones

So, und was wäre mein 10. Platz ohne Mitleidsbonus gewesen? Jessica Jones. Ich kann zwar sonst nicht viel mit Marvel anfangen, überhaupt bin ich eine Comic-Banausin – nicht aus einer prinzipiellen Missachtung des Genres heraus, aber ich lese trotzdem lieber Bücher ohne Bilder. Und wenn Bild, dann doch gleich Film. Aber das funktioniert für mich auch nicht immer: Daredevil beispielsweise war definitiv nicht mein Ding – aber die düstere Privatdetektivin aus New York hat mich jetzt doch überzeugt: Allein der Vorspann und die Musik dazu, und natürlich Krysten Ritter – die verhängnisvolle Jane Margolis aus Breaking Bad. Und dann die Idee, eine alkoholsüchtige Ex-Superheldin auf einen gewissenlosen Superfiesling loszulassen, der anderen Menschen seinen Willen aufzwingen und sie damit zu den Schrecklichsten Dingen bringen kann, das hat schon was. Es geht um Missbrauch und Schuld und die Frage, wie man sich aus Abhängigkeiten und der Opferrolle befreien kann. Das ist ein gutes und wichtiges Thema. Endlich eine Frauenserie, die mich nicht nervt!

Jessica Jones (Kristen Ritter)

Jessica Jones (Kristen Ritter)

Natürlich gab es noch eine Reihe weiterer Höhepunkte im Serienjahr 2015 – zu denen komme ich noch in weiteren Blogeinträgen.

Das fängt ja gut an: Fargo 2. Staffel

Nach der Enttäuschung mit der zweiten Staffel von True Detective – die, um fair zu sein, an sich gar nicht dermaßen schlecht ist, nur eben im Vergleich zur ersten Staffel einfach nicht das war, was ich (und viele andere) erwartet hatte – brauchte ich ein bisschen Überwindung, um mit der zweiten Staffel von Fargo anzufangen.

Aber meine Bedenken waren gänzlich unbegründet: Ähnlich wie Better Call Saul es geschafft hat, einen von den ersten Minuten an wieder ins Breaking-Bad-Universum zu versetzen, gelingt es Machern der zweiten Staffel von Fargo, gleich wieder dieses Fargo-Feeling herzustellen: Wir sind wieder im verschneiten Minnesota, in dem rätselhafte Verbrechen aufzuklären sind. Auch hier gibt es wieder eine unglückliche Verkettung aus krimineller Energie, Dummheit, Verzweiflung und Pech.

Screenshot Fargo - 2. Staffel

Screenshot Fargo – 2. Staffel Vorspann

Noah Hawley hat mit Fargo geschafft, den typischen Coen-Stil in eine Fernseh-Serie zu integrieren, und das gelingt ihm auch in der zweiten Staffel dieser Anthologie-Serie. Dabei sind wir weder am gleich Ort, noch in der gleichen Zeit: Die Zweite Staffel setzt 1979 ein, nach einem skurrilen Schwarzweiß-Vorspann des fiktiven Indianerfilms Massacre at Sioux Falls, in dem alle frierend darauf warten, dass Hauptdarsteller Ronald Reagan endlich mit Pfeilen gespickt wird, damit der Dreh weitergehen kann. Auch hier stellt sich dieses Zur-falschen-Zeit-am-falschen-Ort-Gefühl ein, obwohl doch offensichtlich alles, was hier passiert beabsichtigt ist.

Screenshot Fargo - 2. Staffel Vorspann

Screenshot Fargo – 2. Staffel Vorspann

Und genau so geht es auch weiter, auch wenn danach alles bunt wird. Wobei Gelb- und Brauntöne überwiegen – ach ja, diese 70er Jahre mit diesen eigenartigen Frisuren, den riesigen Autos, den bunten, großbemusterten Tapeten. Eine Zeit, in der Computer noch riesige Maschinen mit rotierenden Magnetbändern waren und es keine Mobiltelefone gab. Als man mit elektrischen Schreibmaschinen noch auf das ganz große Geschäft hoffen konnte.

Screenshot Fargo - 2. Staffel: Der Gerhardt-Klan

Screenshot Fargo – 2. Staffel: Der Gerhardt-Klan

Auf dieses Geschäft hofft auch Rye Gerhardt (Kieran Culkin), der jüngste Sproß des Gehardt-Klans, der die illegalen Geschäfte in dieser Gegend kontrolliert. Rye hat einen Teil der Schutzgelder, die er kassieren und an die Familie abführen soll, unterschlagen und sie in das Schreibmaschinengeschäft eines Geschäftspartners gesteckt, der leider nicht wie erwartet funktioniert. Aber Rye will endlich genau wie seine beiden großen Brüder ernst genommen und anerkannt werden. Doch stattdessen geht alles schief: Statt den erwarteten Batzen Kohle bekommt er von seinem Geschäftspartner die Empfehlung, eine gewisse Richterin zu bestechen, damit das Geschäft endlich ins Rollen kommt.

Screenshot Fargo - 2. Staffel: Rye Gerhardt (Kieran Culkin) und der Schreibmaschinen-laden

Screenshot Fargo – 2. Staffel: Rye Gerhardt (Kieran Culkin) und der Schreibmaschinen-laden

Es zeigt sich schnell, dass Rye sich mit der Falschen anglegen hat: Die unbestechliche Richterin will den unverschämten dummen Jungen mit Insektenspray vertreiben – doch sie hat nicht mit der verzweifelten Gegenwehr eines enttäuschten Losers gerechnet. Der missglückte Bestechungsversuch endet im Waffle-Hut-Massaker, bei dem Rye nicht nur die sture Richterin, sondern auch den anwesenden Koch und die Kellnerin erschießt. Aber weil das Verhängnis nun einmal seinen Lauf nimmt, landet Rey auf der Kühlerhaube des nächsten Autos, das am Waffle Hut vorbeifährt.

Screenshot Fargo - 2. Staffel: Sheriff Larson (Ted Danson) und State Trooper Lou Solverson (Patrick Wilson)

Screenshot Fargo – 2. Staffel: Sheriff Larson (Ted Danson) und State Trooper Lou Solverson (Patrick Wilson)

Am Steuer sitzt die Blondine Peggy Blomquist (Kirsten Dunst), die über diesen Vorfall so erschrocken ist, dass sie einfach mit dem Schwerverletzten, der mit dem Kopf in ihrer Windschutzscheibe steckt, nach Hause fährt. Sie glaubt, dass Rye tot ist. Das stellt sich zwar kurzzeitig als Irrtum heraus, doch weil sie ihrem Mann Ed (Jesse Plemons) nichts von dem Fremden, der vor ihr Auto gelaufen ist, erzählt hat, ist Rye wenig später tatsächlich tot: Ed hält ihn für einen Einbrecher und bringt ihn in vermeintlicher Notwehr um.

 Screenshot Fargo - 2. Staffel: Betsy (Cristin Milioti) und Lou Solverson (Patrick Wilson)

Screenshot Fargo – 2. Staffel: Betsy (Cristin Milioti) und Lou Solverson (Patrick Wilson)

Der anständige Ed will erst die Polizei anrufen, aber Peggy bringt ihn schnell davon ab: Einer von ihnen beiden würde dann so oder so für längere Zeit in den Knast müssen und das hieße keine Familie, keine eigene Metzgerei und keine Kinder – all das, wofür Ed atmet und lebt, wäre dann verloren. Also lässt Ed sich auf die zweifelhafte Idee seiner Frau ein, den Toten einfach verschwinden zu lassen und so zu tun, als ob nichts passiert sei.

Natürlich wird das nicht funktionieren – zum einen, weil der Gerhardt-Klan, von dessen Existenz die Blomquists gewiss noch nichts ahnen, bestimmt nachforschen wird, wo Rye geblieben ist, zum anderen, weil State Trooper Lou Solverson (Patrick Wilson), der Vater von der hartnäckigen Ermittlern Molly Solverson aus der ersten Staffel, die Aufklärung dieses rätselhaften Verbrechens zu seiner Lebensaufgabe machen wird.

Screenshot Fargo - 2. Staffel: Peggy Blomquist (Kirsten Dunst) hat einen "Wildunfall"

Screenshot Fargo – 2. Staffel: Peggy Blomquist (Kirsten Dunst) hat einen „Wildunfall“

Zwei Folgen sind bereits gelaufen – Jean Smart als Matriarchin Floyd Gerhardt ist fantastisch, wie auch Ted Danson als Sheriff Hank Larsson, Lou Solversons Schwiegervater und Chef. Und natürlich gibt es die üblichen coenesken Gestalten, etwa die Kitchen-Zwillinge, ein stummes Brüderpaar, das mit Mike Milligan, dem Vollstrecker des Kansas-City-Syndikats unterwegs ist. Oder Constance, Peggys Chefin im Friseur-Salon, die versucht, ihre Angestellte auf die Emanzen-Schiene zu bringen. Ich freue mich auf die restlichen acht Folgen – schade, dass es insgesamt nur 10 sind. Aber die richtig guten Serien sind halt gern Zehnteiler.

Screenshot Fargo - 2. Staffel: Peggy (Kirsten Dunst) und Ed Blomqist (Jesse Plemons)

Screenshot Fargo – 2. Staffel: Peggy (Kirsten Dunst) und Ed Blomqist (Jesse Plemons)

Und noch etwas: Die Titelmelodie (von Jeff Russo) wurde beibehalten. Das sorgt natürlich auch für einen gewissen Wiedererkennungswert. Vielleicht war es genau dieses eine Ding zuviel, was mir die zweite Staffel von True Detective noch extra verleidet hat – ich mochte den Vorspann und den Titelsong der ersten Staffel einfach sehr, obwohl das gar nicht unbedingt meine Musik ist – Far From any Road von The Handsome Family passte einfach perfekt. Nevermind von Leonard Cohen dagegen mochte ich viel weniger. Aber es passt natürlich zum Fargo-Stil ein quasi klassisches Filmmusik-Thema zu haben…

Die zweite Staffel von Fargo kommt – auf Netflix

Die Angst des Serien-Junkies vor der zweiten Staffel hat ja leider ausgerechnet durch True Detective eine schreckliche Bestätigung bekommen – wobei ich ausdrücklich feststellen muss, dass es meistens gut ausgeht. Die zweite Staffel von Mad Men, von Breaking Bad, Dexter, Undercover, The Bridge America und da gibt es noch viele gute Beispiele mehr – die zweite Staffel von The Wire ist, wenn ich so darüber nachdenke, bis heute meine Lieblingsstaffel! Und die zweite Staffel von Heimat, wenn man es überhaupt so bezeichnen will… aber nun ja, die zweite Staffel von True Detective war definitiv ein Ausreißer in die andere Richtung. Und wenn ich mir die Entwicklung von Mr. Robot über die erste Staffel so ansehe, habe ich auch da ein bisschen Angst – wenn es in der nächsten Staffel nur noch um Elliots persönliches Psychodrama geht und die gesellschaftliche Relevanz der Digitalisierung von Allem auf der Strecke bleibt, dann sehe ich schwarz. Oder wenigstens dunkelgrau.

Aber wir sind bei Fargo. Und ich lese gerade, dass die zweite Staffel von Fargo ab dem 14. Oktober auf Netflix kommen wird. Damit hat sich meine Entscheidung, das Abo zu behalten, ja erstmal gelohnt… hoffentlich.

Fargo: Skandinavian Noir in Minnesota. Nur lustiger.

Minnesota scheint eine extrem skandinavische Gegend in den USA zu sein – auf jeden Fall gibt es dort viel Schnee, endlose weiße Ebenen, durchzogen von Stacheldraht und von Wäldern, aus denen das Wild über die wenig befahrenen Straßen springt – natürlich exakt im falschen Augenblick. Genau so beginnt die neue Netflix-Serie Fargo: Auf einer verschneiten einsamen Straße kommt es zu einen Wildunfall und ein fast nackter Mann entkommt dem Kofferraum des Unfallwagens in die öde, kalte Wildnis, in der er wenig später erfroren aufgefunden wird. Das überfahrene Reh dagegen liegt dagegen wohlbehalten in eben jenem Kofferraum – vom Fahrer des Wagens keine Spur.

Screenshot Fargo: Unendliche Weiten

Screenshot Fargo: Unendliche Weiten

Ich muss leider zugeben, dass ich den Film der Gebrüder Coen, auf dem diese Serie beruht (die übrigens aus Minnesota stammen, was sicherlich kein Zufall ist), noch gar nicht gesehen habe, obwohl ich durchaus Fan der Coens bin: O Brother Where Are You, Ein (un)möglicher Härtefall, Ladykillers, No Country for Old Men oder auch Burn After Reading und Bad Santa sind zwar sehr unterschiedliche Filme, die ich aber alle irgendwie gut fand. Bei True Grit und Inside Llewyn Davis bin ich mir noch nicht so sicher. Die fand ich nicht schlecht, aber die waren aber jeweils nicht so mein Ding. Fargo wird gewiss mein Ding sein, denn die Serie ist super, auch wenn mir noch zwei Teile zum vollständigen Bild fehlen – aber ich muss einfach schon mal meiner Begeisterung Ausdruck verleihen.

Screenshot Fargo: Lorne Malvo (Billy Bob Thornton)

Screenshot Fargo: Lorne Malvo (Billy Bob Thornton)

Auch sonst scheint Minnesota ein skandinavischer Außenposten – die Menschen dort legen die Schlüssel zu ihren Häusern unter die Fußmatte und die Polizisten – und natürlich gibt es auch Polizistinnen – tragen Pelzmützen. Ganz allerliebst übrigens auch Bob Odenkirk als Sheriff Bill Oswalt – die Pelzmütze und der Bart lässt aus dem kriminellen Anwalt von Jesse und Walt aus Breaking Bad einen ganz anderen Typ werden. Eine weitere Hauptperson ist die etwas übergewichtige Polizistin Molly Solverson (Allison Tolmein), die für ihren Job eigentlich viel zu kompetent ist (jedenfalls deutlich kompetenter als ihr Chef Bill). Und dann gibt es natürlich Lester Nygaard, ganz großartig gespielt von Martin Freeman, bekannt als Hobbit und als Dr. Watson aus Sherlock, hier ist er gewissermaßen eine Mischung aus beiden.

Screenshot Fargo: Lester Nygaard (Martin Freeman)

Screenshot Fargo: Lester Nygaard (Martin Freeman)

Lester ist die klassische arme Sau, auf der alle herumhacken: Ein mäßig erfolgreicher Versicherungskaufmann, der zwar sein Traummädchen aus der Schulzeit heirate konnte, aber sonst keinen Stich mehr gemacht hat. Und das lässt ihn seine Frau bei jeder Gelegenheit spüren. Immer mäkelt sie herum, dass sie wohl den falschen Nygaard geheiratet hätte, denn Lesters kleiner Bruder Chazz (Joshua Close) ist viel erfolgreicher als sein großer Bruder. Auch wenn er einen autistischen Sohn hat. Und eine schöne Frau. Und beeindruckende illegale Waffensammlung in der Garage.

Screenshot Fargo: Folgenreiche Begegnung...

Screenshot Fargo: Folgenreiche Begegnung…

Es geht – und auch das ist skandinavisch – hauptsächlich um Familie. Da ist zum Beispiel der Vater von Molly, der ehemalige Polizist Lou Solverson (Keith Carradine, Dexter-Fans als Frank Lundy ein Begriff) der jetzt ein Restaurant in Bemidji, Minnesota, betreibt. Und gern Eisangeln geht (weiß man ebenfalls aus Dexter). Dann gibt es im Nachbarbezirk Duluth den Polizisten Gus Grimly (Colin Hanks – kennt man ebenfalls aus Dexter, Travis Marshall, der Doomsday Killer aus Staffel 6), der eigentlich viel lieber Postbote geworden wäre, aber als alleinerziehender Vater einer Teenie-Tochter (Joey King als Greta Grimly) keine andere Wahl hatte, als zur Polizei zu gehen.

Screenshot Fargo: Sheriff Bill Oswalt (Bob Odenkirk)

Screenshot Fargo: Sheriff Bill Oswalt (Bob Odenkirk)

Dann gibt es natürlich auch noch den geheimnisvollen Killer Lorne Malvo (cool und souverän: Billy Bob Thornton, nominiert für den Emmy für die schlimmste Frisur, aber davon verdienen die Coen-Hauptfiguren ja einige). Und dann gibt es natürlich auch noch den örtlichen Supermarkt-König Stavros Milos samt seiner Familie – und natürlich auch noch die örtlichen Gewalt-Prolls, nämlich die Familie Hess. Sam Hess ist ein alter Schulfeind von Lester, der eine Stripperin aus Las Vegas geheiratet und zwei wirklich strohdoofe Söhne hat. An Sam Hess entzündet sich ein interessanter Konflikt, der letztlich zu Lesters bemerkenswerter Metamorphose führen wird – aber im Gegensatz zu meiner Kritik von The Killing 4 will ich die Spoileritis bei Fargo nicht zu weit treiben – seht euch das einfach selbst an! Derzeit kann man Netflix das Angebot ja gratis testen und nein, ich bekomme keine Geld dafür, aber man kann sich ja nach dem kostenlosen Probemonat einfach wieder abmelden, wenns einem nicht gefällt.

Screenshot Fargo: Molly Solverson (Alison Tolmein)

Screenshot Fargo: Molly Solverson (Alison Tolmein)

Bei The Killing 4 hätte man ja auch die drei vorhergehenden Staffeln gesehen haben müssen, um wütend auf mich zu sein, dass ich schon so viel über die vierte Staffel und deren Ende verrate. Da ist die Zielgruppe aber vermutlich sehr übersichtlich – auch wenn ich hiermit sowohl das Original als auch das Remake wärmstens empfehle. Aber vor allem empfehle ich Fargo – mich erinnert die Geschichte auch ein wenig an den Klassiker Warum läuft Herr R. Amok? von Michael Fengler und Rainer Werner Fassbinder. Allerdings endet der Amoklauf des braven Bürgers R. am Ende auch für ihn selbst tödlich, während es für Lester tatsächlich ein Befr… verdammt, ich verrate schon wieder zu viel!

Screenshot Fargo: Lester und seine Frau.

Screenshot Fargo: Lester und seine Frau.

Ich sag nur: Super Serie. Gute Geschichte, tolle Charaktere, fantastische Schauspieler, interessante Orte, liebevolle Ausstattung und eine ansprechende Mischung aus Drama, Spannung und Humor – der Emmy für die beste Mini-Serie geht definitiv in Ordnung! Aber es ist schon ein bisschen wie „Dexter trifft Skandinavian Noir“ – definitiv auf die gute Weise. Die Coens sind an Bord. Und Netfllix. Diese Schnittmenge ist bislang noch extrem selten. Aber total gut. Ich hoffe auf mehr davon!

Screenshot Fargo

Screenshot Fargo

Emmy-Inflation: Was trotzdem fehlte

Ach ja, Anfang der Woche gab es einmal mehr die Emmy-Awards. Und wieder keine Überraschungen. Und obwohl ich absolut der Meinung bin, dass Breaking Bad die derzeit beste Serie überhaupt ist – und die einzige, die ihr Niveau über sämtliche fünf Staffeln nicht nur gehalten, sondern zum Finale hin noch gesteigert hat – wird es langsam doch ein bisschen langweilig, dass es immer noch und noch und noch einen Emmy für Breaking Bad gibt. Wobei natürlich alle hochverdient – Bryan Cranston war als Walter White absolut grandios, genau wie Aaron Paul als Jesse Pinkman und Anna Gunn als Skyler White. Wobei ich Anna Gunn auch schon in Deadwood super fand.

Ich kapiere allerdings immer weniger, warum welche Serie für welchen Emmy nominiert wird – nicht nur, weil es eine verwirrende Vielzahl an Preisen gibt, sondern auch, weil die Abgrenzung der Genres doch ziemlich willkürlich erscheint: Wann ist eine Serie eine Mini-Serie? Die Unterscheidung Drama/Comedy kann ich ja irgendwie noch nachvollziehen, aber warum gibt es nicht auch eine Rubrik Crime? Dann müssten sich nicht so viele Serien unter „Drama“ drängeln, dass man die dann Richtung Mini-Serie schieben muss, denn Mini-Serie wird ja eh von Crime dominiert (Sherlock, Luther, Fargo…). Wobei ich True Detective in der Logik ja auch eher in der Mini-Serien-Abteilung gesehen hätte, wo ja auch Fargo vertreten ist, die sogar noch zwei Teile mehr hat als True Detective – statt dessen ging diese auch ganz großartige Serie angesichts der übermächtigen Drama-Konkurrenz leider unter. Aber wie gesagt, ich durchschaue das ohnehin nicht – und warum wird bei den herausragenden Schauspielern Film und Mini-Serie zusammengefasst – da gäbe es doch auch genug Stoff für zwei Preise? Auf noch einen mehr käme es doch wirklich nicht an!

Dafür könnte man meinetwegen bei Comedy ein bisschen aufräumen – dass insgesamt doch ziemlich mittelmäßige Serien wie Big Bang Theory oder House of Lies genauso für Emmys antreten (und gewinnen können) wie Breaking Bad, Mad Men, True Detektive oder House of Cards erschließt sich mir nicht. Wobei Comedy-Serien auch nicht mein Ding sind – ich mag Humor lieber anspruchsvoll verpackt. Auch die Sopranos, Breaking Bad oder Mad Men sind streckenweise wirklich witzig, aber dank ihrer interessanten Handlung sehr viel weniger langweilig.

Ja, ich habe Game of Thrones außen vor gelassen, irgendwie ist das mal eine der angeblich ganz tollen Serien, mit der ich einfach nicht warm werde – vielleicht sollte man einfach noch eine Fantasy-Rubik einführen, da hätte dann vielleicht auch True Blood eine Chance, was ja weder Drama noch Comedy ist, sondern irgendwie beides. Und so sehr mich gefreut hat, dass dieses mal neben Downton Abbey auch die britische Serie Luther dabei ist, die ich ebenfalls richtig gut finde, so sehr frage ich mich, warum andere Serien, die auch sehr gut sind, völlig außen vor bleiben?

Da wäre ja nicht nur True Blood, sondern beispielsweise noch The Bridge America – und wenn schon nicht die ganze Serie, dann hätten doch wenigstens Demian Bichir als Marco Ruiz und Diane Kruger als Sonya Cross eine Nominierung verdient. Das gilt natürlich auch für Mireille Enos als Sarah Linden und Joel Kinnaman als Stephen Holder in The Killing – die vierte Staffel mit ihren sechs Teilen hätte doch auch gut in die Mini-Serien gepasst. Und nicht nur ich bin der Meinung, dass diese Staffel so ziemlich das beste ist, was Netflix bisher produziert hat. Denn meiner Ansicht nach ist House of Cards zwar schon gut gemacht, aber am Ende doch ziemlich eindimensional, die Charaktere sind zu glatt, zu eindeutig, zu vorhersehbar. Klar, Kevin Spacey ist ein toller Schauspieler und sein Frank Underwood ein überzeugend brillantes Arschloch, wobei mir Robin Wright als Claire Underwood besser gefällt: Sie verfolgt ihre Interessen ebenfalls knallhart und letztlich fast noch raffinierter als ihr Mann. Aber sie ist – im Gegensatz zu ihm – trotzdem gelegentlich zu menschlichen Regungen fähig. Sie bricht auch mal in Tränen aus, nachdem sie einer Freundin telefonisch eine Falle gestellt hat, weil sie keineswegs gern tut, was sie tun muss, um ihre Ziele zu erreichen. Insofern gibt es wenigstens hier ein bisschen Spannung. Bei Frank ist ja immer völlig klar, dass er tut, was getan werden muss – und dass er am Ende kriegt, was er will.

Dass Homeland oder The Newsroom dieses Mal nicht so richtig zum Zug gekommen sind, finde ich nicht unberechtigt, die waren schon gut, aber halt auch nicht so richtig super. Fargo als beste Mini-Serie dagegen geht klar – ich muss zugeben, dass ich gerade erst angefangen habe, mir Fargo anzusehen, aber schon die ersten beiden Teile versprechen eine richtig gute Serie, die ich unbedingt weiter sehen muss – und nach all den Serien, die im schwülen oder auch wüstenartigen Süden der USA spielen ist so eine Handlung im tiefverschneiten Minnesota mal was anderes. Und nicht nur Martin Freeman als Lester Nygaard ist sehenswert, sondern vor allem Billy Bob Thornton als Auftragskiller Lorne Malvo. Bob Odenkrik aus Breaking Bad spielt übrigens auch mit, allerdings nicht als krimineller Anwalt, sondern als Polizist.

Insofern kann man sich vielleicht schon ein bisschen auf die nächsten Emmys vorfreuen – da gibt es hoffentlich auch mal was anderes.