Retrokritik: Ein Mann will nach oben

In Sachen Serie tut sich das deutsche Fernsehen seit einiger Zeit nicht mehr mit Innovationen hervor und selbst solide Standardkost (also Serien, die nicht total peinlich sind) ist mittlerweile ziemlich rar geworden. Das war nicht immer so, selbst das ZDF, das in den vergangenen Jahren außer KDD – Kriminaldauerdienst nichts Bemerkenswertes hervor gebracht hat – und KDD kam bei den typischen ZDF-Zuschauern ja leider nicht besonders gut an, obwohl das meiner Ansicht nach eines der wenigen interessanten deutschen Serienprojekte der letzten zehn Jahre war – hat ab und zu mal ein blindes Korn gefunden. Sozusagen. Ich trau mich das kaum zu sagen, aber früher war schon ab und zu mal etwas besser, es gab vor Jahrzehnten sogar mal brauchbare Serien im ZDF. Nein, ich meine nicht Die Schwarzwaldklinik. Sondern Projekte wie den Dreizehnteiler Ein Mann will nach oben nach dem Roman von Hans Fallada.

Nun ist eine Romanverfilmung natürlich nichts besonders Innovatives – aber mir ist die gelungene Serienadaption einer interessanten Geschichte, die sich bereits in der Buchvorlage bewährt hat, deutlich lieber als ein schlechtes Serienkonzept, das irgendwie innovativ sein will, aber tatsächlich nur teuerer Schrott ist. Viele erfolgreiche Fernseh-Serien beruhen auf Romanen, Game of Thrones, 13 Reasons Why, Dexter, Bosch – und eben auch Ein Mann will nach oben aus dem Jahr 1977.

Screenshot: Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Ich habe keins der diesen Serien zugrunde liegenden Bücher gelesen, weshalb ich nicht sagen kann, wie gut oder schlecht die Romanvorlage jeweils umgesetzt wurde, aber das ist ja auch egal, solange die jeweilige Serie als Serie funktioniert. Und das ist bei den genannten Beispielen der Fall. Ein Mann will nach oben war natürlich auch 1977 schon eine Retroserie, in der mit viel Liebe zum Detail eine längst vergangene Epoche wieder heraufbeschworen wurde. Wenn man das jetzt sieht, ist es quasi ein doppelter Retroeffekt, weil die Zehnerjahre des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive der 70er Jahre gezeigt werden, was nun auch schon wieder 40 Jahre her ist – und da war schon einiges anders.

Mal davon abgesehen, dass mit sehr viel längeren Einstellungen, viel weniger Schnitten und dafür oft ziemlich ausführlichen Dialogen gearbeitet wurde, was den Erzählfluß recht gemächlich macht und für heutige Sehgewohnheiten erst einmal ziemlich altbacken und ein bisschen langweilig wirkt, ist auch viel mehr von dem damaligen Anliegen des öffentlich-rechtlichen Staatsfernsehens zu spüren, die Zuschauer eben nicht nur zu unterhalten, sondern auch zu informieren, ja sogar zu bilden – im Sinne von Ausbildung eines kritischen bürgerlichen Bewusstseins und natürlich guter Allgemeinbildung.

Screenshot: Karl Siebrecht (Mathieu Carrière) Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Karl Siebrecht (Mathieu Carrière) Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Gut, was die Leute denken sollen, spielt im heutigen Fernsehen natürlich auch eine enervierend wichtige Rolle, weshalb viele Leute inzwischen auch so genervt von den „Lügenmedien“ sind und lieber formal unprofessionelleren Lügnern auf den Leim gehen, aber das ist hier jetzt nicht mein Thema. Was ich meine, ist, dass es mich geradezu gerührt hat, das sogar im ZDF gelegentlich sozialkritische Töne angeschlagen wurden, wobei Hans Fallada, mit bürgerlichem Namen Rudolf Ditzen ja nicht unbedingt ein besonders linker oder sozialkritischer Schriftsteller war. Sondern ein unglücklicher Sohn aus einer großbürgerlichen Familie, der zeitlebens unter seiner Alkohol- und Morphiumsucht litt und als junger Mann nur knapp einen als Duell getarnten Doppelselbstmordversuch überlebte.

Fallada schlug sich ähnlich wie sein Held Karl Siebrecht aus Ein Mann will nach oben mit allen möglichen Hilfsjobs durch, in denen er dank seiner guten Schul- und Allgemeinbildung oft schnell reüssieren konnte. Bildung ist wichtig, das wird auch in der Serie klar, wer schreiben, lesen und rechnen kann, ist klar im Vorteil. Und natürlich braucht es auch „jenügend Vastehste im Koppe“, wie Rieke sagen würde, die Berliner Jöre aus dem Wedding, die nicht nur ein flottes Mundwerk, sondern auch das Herz auf dem richtigen Fleck hat. Und Karl Siebrecht hat nicht nur genügend Verstand, sondern er ist im Gegensatz zu seinen Freunden Rieke und Kalli auch ehrgeizig und hart genug, um Karriere zu machen.

Screenshot: Rieke Busch (Ursula Monn) und Tilda Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Rieke Busch (Ursula Monn) und Tilda Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Im Jahr 1909 verlässt der sechzehnjährige Karl (Mathieu Carrière), der früh seine Eltern verloren hat, sein Heimatdorf in der Uckermark, um in Berlin sein Glück zu machen. In jener Zeit war es tatsächlich möglich, vom Tellerwäscher zum Millionär aufzusteigen – Rieke wird später zu ihrem Sohn sagen, dass alle amerikanischen Präsidenten mit Zeitungen austragen angefangen hätten. Wir wissen zwar, dass das nicht stimmt, der aktuelle US-Präsident hat vermutlich nicht mal Zeitung gelesen, sondern einfach eine Hotelkette geerbt, aber das spielt für die hier behandelte Berliner Variante des amerikanischen Traums keine Rolle.

Im Zug trifft Karl auf die noch etwas jüngere Rieke (Ursula Monn), die Karl gleich in ihre Unternehmung einspannt: Sie war bei einer Tante auf dem Land, um sich einen Anteil vom Schlachtfest zu sichern und braucht jemanden, der ihr mit den schweren Körben und der kleinen Schwester hilft. Karl hilft – und hat mit Rieke auch eine treue Seele gefunden, die ihm in der fremden großen Stadt weiterhelfen kann. Karl zieht mit in die enge Arbeiterwohnung der Familie Busch, Küche und Stube teilt sich Rieke fortan mit ihrem Vater, der sich nach dem Tod seiner Frau vor allem dem Schnaps widmet, der kleinen Tilda und Karl, bald kommt auch noch Kalli Flau (Reiner Hunold) hinzu, der schlagkräftige Seemann, der ebenfalls in Berlin auf eine bessere Zukunft hofft.

Screenshot: Vater Busch ((Walter Buschhoff), Rieke (Ursula Monn) und Karl (Mathieu Carrière) Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Vater Busch ((Walter Buschhoff), Rieke (Ursula Monn) und Karl (Mathieu Carrière) Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Rieke versorgt ihre Familie, so gut sie kann und geht nebenher noch in die Schule – wie so viele Frauen arbeitet sie praktisch rund um die Uhr, denn Haushalt ist Frauensache und zu jener Zeit noch ein echter Knochenjob, außerdem geht sie putzen und lernt nähen, denn das Leben ist teuer und Geld immer knapp.

Karl schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch – gleich am ersten Tag heuert er auf einer Baustelle an, von denen es viele gibt im der Berliner Gründerzeit. Sein Job ist es, Koks für die Trockenwohner in die Wohnungen zu schleppen. Arme Familien, die sich keine Mietwohnung leisten können, entgehen mit dem Trockenwohnen der feuchten Neubauten der Obdachlosigkeit – auf Kosten der Gesundheit natürlich, aber so ist das eben. Als der naive Karl sich gegenüber seinem Arbeitgeber, dem Immobilienhai Kalubrigkeit empört über diese Zustände zeigt, ist er seinen Job gleich wieder los: So einen roten Bubi will der nicht in seinen Diensten. Karl muss feststellen, dass es offenbar nicht nur darauf ankommt, gute Arbeit leisten zu wollen, sondern auch darauf, gegenüber Höhergestellten Demut und Gehorsam zu zeigen. Das fällt ihm schwer, denn Karl hat seinen Stolz. An dem er auch stur festhält.

Screenshot:  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Karl, Rieke und Kalli müssen sich immer wieder etwas Neues einfallen lassen, denn viele ihrer Versuche, mit ehrlicher Arbeit Geld zu verdienen, scheitern daran, dass Karl und Rieke einfach noch zu jung sind, um Verträge zu schließen, weshalb sie immer wieder betrogen und über den Tisch gezogen werden. Schließlich versuchen Karl und Kalli sich als Gepäckträger, was einerseits ein einträgliches Geschäft ist, denn Berlin hat, wie viele Großstädte zu jener Zeit, eine ganze Reihe großer Kopfbahnhöfe, die am Rand des Zentrums liegen, aber jeweils nicht durch Bahnstrecken miteinander verbunden sind. S- und U-Bahnen waren zu jener Zeit noch in Planung bzw. im Bau. Passagiere und Gepäck müssen also jeweils durch die Innenstadt zum nächsten Bahnhof befördert werden. Doch weil im preußischen Berlin alles seine Ordnung hat, braucht man dafür eine Lizenz als Dienstmann.

Und Karl und Kalli sind auch dafür noch zu jung, und dann muss man sich auch noch mit der Innung gut stellen, um eine Lizenz als Dienstmann übernehmen zu können, wenn etwa einer aus Altersgründen ausscheidet. Also arbeiten sie als Haifische – so werden die Gepäckbeförderer ohne Lizenz genannt, die denen mit Lizenz die Fuhren wegschnappen, weil sie schwarz arbeiten und ihre Dienste entsprechend billiger anbieten. Diese illegale Konkurrenz ist natürlich keineswegs beliebt, und die Rotmützen drohen dem alten Kürass, der sich von Karl und Kalli helfen lässt, an, seine Karre zu zerstören, weil die drei natürlich mehr wegschaffen können, als jeweils einer allein.

Screenshot: Kalle Flau (Rainer Hunold) und Karl Siebrecht Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Kalle Flau (Rainer Hunold) und Karl Siebrecht Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Ganz aus ist es dann, als Karl auch noch auf die Idee kommt, die Gepäckbeförderung mit einem Pferdefuhrwerk zu rationalisieren – damit lässt sich mit einer Fuhre noch viel mehr transportieren. Karl leiht sich bei dem windigen Fuhrunternehmer Wagenseil (Harald Juhnke in einer Vorstudie zu seiner Rolle in Der Trinker) Pferde und Wagen und bietet den Dienstmännern an, ihr Gepäck zu befördern – für die Hälfte ihrer Taxe. Das sorgt für Empörung: So ein grüner Junge macht ihnen das Geschäft kaputt! Denn natürlich sehen die ehrbaren Dienstmänner Karls Initiative nicht als Arbeitserleichterung und Win-Win-Situation an, wie Karl sich das eigentlich vorgestellt hat: Da kommt einer, der was Neues ausprobieren will – und das ist erstmal ein Ärgernis.

Aber der sture Karl hält tatsächlich durch und kann mit Kallis schlagkräftiger Unterstützung seinen Hauptfeind Kiesow schließlich zur Aufgabe des für alle beteiligten destruktiven Boykotts zwingen: Die Gepäckbeförderungsfirma Siebrecht & Flau entwickelt sich schnell zu einem erfolgreichen Unternehmen. Jetzt stellt sich allerdings auch heraus, dass der gerissene Wagenseil Karl einen ungünstigen Vertrag angedreht hat – vor allem die Klausel, dass Karl die Gespanne ausschließlich bei Wagenseil beschaffen muss, wird zum Klotz am Bein. Außerdem macht Karl es zunehmend zu schaffen, dass Wagenseil einen erheblichen Anteil seiner Einnahmen kassiert, ohne selbst einen Finger krumm zu machen und beschließt, in die Offensive zu gehen: Er bewirbt sich um eine Generallizenz für die Einrichtung von Gepäckaufgabestellen in allen Berliner Bahnhöfen und bootet Wagenseil aus, der sich ebenfalls darum beworben hat.

Screenshot:  Wagenseil (Harald Juhnke) und Karl Siebrecht  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Wagenseil (Harald Juhnke) und Karl Siebrecht Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Doch Wagenseils Rache ist bitter: Er stellt Karl nur noch die schwächsten Klepper und die brüchigsten Wagen – die Gepäckbeförderung bricht schnell zusammen. Karl, Rieke und Kalli müssen einen neuen Rückschlag verkraften. Doch es zeichnet sich eine neue Chance ab: Die Stammkneipe von Vatern Busch steht zum Verkauf. Wenn sie ihre Ersparnisse zusammenschmeißen, können sie Die Funzel kaufen – das wäre zumindest Riekes und Kallis Lebenstraum. Doch sie müssen sich schnell entscheiden, der Verkäufer will am nächsten Morgen in sein neues Leben aufbrechen. Auch wenn Karl nicht wirklich überzeugt ist, macht er mit – und es stellt sich schnell heraus, dass die drei schon wieder auf einen Betrüger hereingefallen sind. Nur weniger Stunden zuvor ging das Objekt an einen Architekten, der Vertrag, den die drei gegen ihr Bargeld bekommen haben, ist wertlos, sämtliche Ersparnisse futsch.

Doch nun auf dem Tiefpunkt hysterischer Verzweiflung kommt Karl die rettende Eingebung: Wozu Pferdewagen mieten, wenn man Automobile haben kann? Karl setzt alles auf eine Karte und fährt zur Villa des Autohändlers Ernst Gollmer. Dessen Tochter Ilse hält Karl für den erwarteten Gärtner und lässt ihn hinein – die beiden hatten sich schon einmal kurz zuvor zufällig getroffen. Karl erklärt, dass er nicht der erwartete Gärtner sei, stellt sich aber durch seine Jugend auf dem Land als patent genug heraus, den von ihm erwarteten Job zu erledigen. Damit hat er das Interesse von Ilse und ihrem Vater geweckt – Karl darf sein Projekt pitchen, wie man heute sagen würde, und er präsentiert dermaßen überzeugend, dass der alte Gollmer gleich einen Businessplan aufstellt und Karl zu seinem Geschäftspartner in Sachen Hauptstadtgepäckbeförderung macht. Gollmer liefert fünf Lastwagen an Siebrecht &Flau und Karl fängt an, sein Unternehmen zu professionalisieren – er stellt einen Buchhalter ein, womit er seine bisherige Sekretärin Fräulein Palude tief kränkt, und auch Rieke und Kalli sind mit den Entwicklungen überfordert und beschließen, stattdessen die Funzel zu pachten. Deren Käufer hat den beiden ein entsprechendes Angebot gemacht, weil sie ja offenbar mit Herzblut bei der Sache sind.

Screenshot:  Die missgünstigen Dienstmänner  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Die missgünstigen Dienstmänner Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Damit bricht die jahrelange Wohn- und Schicksalsgemeinschaft der drei Freunde auseinander – Rieke und Kalli richten sich mit der Funzel ein, Karl hingegen pendelt zwischen der Grunewald-Villa seiner neuen Freundin Ilse und dem proletarischen Wedding. Aber in keiner dieser Welten ist er wirklich zuhause. Und dann kommt der erste Weltkrieg – sowohl Karl als auch Kalli werden einberufen und müssen an die Front. Und weil man ja nicht weiß, was kommt, verbringt Rieke sowohl mit Karl als auch mit Kalli jeweils eine Liebesnacht – dabei ist Rieke eigentlich nicht so eine, und die Freunde hatten sich vor Jahren auch gegenseitig versprochen, dass sie sich bei Rieke zurückhalten wollen, um sie nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Aber Rieke wird natürlich prompt schwanger – und sie ist ganz sicher, dass Karl der Vater ist. Was auch zutrifft. Kalli aber stört das nicht, als er als Kriegsversehrter nach Hause kommt – er hat an der Ostfront seine linke Hand verloren.

Karl hingegen ist an der Westfront gelandet und hat prompt wieder Ärger mit einem Vorgesetzten, was in diesem Fall lebensgefährlich ist, denn er wird auf ein Himmelfahrtskommando geschickt. Aber auch hier kann er sich mit kühlem Kalkül, Mut und etwas Glück wieder aus der Affäre ziehen – allerdings erblindet er nach einem Giftgasangriff vorübergehend und gerät in französische Kriegsgefangenschaft. Er gilt als verschollen. Rieke und Kalli schlagen sich Zuhause mit Vater, Kind und der heranwachsenden Tilda in der Funzel durch die Kriegs- und Nachkriegszeit. Die beiden beschließen, endlich zu heiraten. Doch ausgerechnet da kommt der langvermisste Karl zurück.

Screenshot:  Karl und Kalli  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)Screenshot:  Karl und Kalli  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Karl und Kalli Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Rieke ist überglücklich und heiratet ihren Karl, auch wenn der schon wieder mit anderen Dingen beschäftigt ist – er ist in Schiebergeschäfte mit Freikorpssoldaten verwickelt, denn sowohl das Taxigeschäft, als auch die Kneipe werfen einfach nicht genug Gewinn ab. Natürlich geht die Sache mit Rieke und ihm nicht gut, sie lassen sich schließlich einvernehmlich scheiden. Jetzt hat endlich der geduldige Kalli seine Chance und natürlich nimmt er Rieke – er hat ja nie etwas anderes gewollt.

Karl hingegen trifft Ilse Gollmer wieder, die mit ihrem Vater ein Fluggeschäft in Tempelhof aufbaut. Der alte Gollmer stellt Karl natürlich ein, er weiß ja, dass Karl ein tüchtiger Geschäftsmann ist. Und er hätte zu gern, dass Karl Ilse heiratet, eine Familie gründet und den Betrieb übernimmt. Doch die jungen Leute haben heutzutage andere Pläne…

Alles in allem erzählt Ein Mann nach oben also von der Sehnsucht nach Glück und den unterschiedlichen Definitionen davon – während Rieke und Kalli schon selig sind, wenn sie sich zum Frühstück warme Schrippen mit Honig und echten Bohnenkaffee leisten können, hastet Karl schon zum nächsten Geschäftstermin weiter. Mit gutem Essen und edlem Schampus ist er nicht zufrieden, auch wenn ihm das natürlich gefällt, genau wie ein maßgeschneiderter Anzug mit einem elegantem Hut. Karl will beeindrucken, und er will immer noch mehr, er will besser sein, cleverer, er ist einer, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen kann, jedenfalls fast, aber er ist kein Betrüger, im Gegenteil, er ist für diese Welt eigentlich zu ehrlich. Wenn er ab und zu mal fünfe grade sein lassen könnte, ginge es ihm und seinen Freunden sicherlich besser.

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Screenshot: Die „Dreier-WG“ Karl, Rieke und Kalli Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Aber Karl Siebrecht kann eben nicht raus aus seiner Haut. Das macht ihn dann doch wieder sympathisch, weil er eben nicht einer dieser modernen Strebertypen ist, die für ihren Erfolg über Leichen gehen, sondern einfach ein pfiffiger junger Mann mit Ambitionen und Prinzipien. Überhaupt sind die Typen in Ein Mann will nach oben alle herrlich menschlich – Hans Fallada hatte ein Herz für Verlierer, soviel steht fest. Aber er hat auch nichts dagegen, wenn seine Helden ab und zu ein bisschen Glück haben – vor allem der großherzigen Rieke würde man noch ein bisschen mehr davon gönnen. Aber die gehört ja zu denen, die nicht rumjammern, sondern die Ärmel hochkrempeln und aus allem das Beste machen. Rieke würde definitiv Limonade machen, wenn das Leben ihr Zitronen gäbe, wie es in This Is Us so schön heißt. This Is Us ist ja ein aktuelles Beispiel dafür, dass man aus dem Leben an sich noch immer serientaugliche Geschichten machen kann – man braucht nur jemand, der es wagt, sie zu erzählen.

Erzählungen wie Ein Mann will nach oben sind in diesen Zeiten natürlich nicht mehr zeitgemäß – aber irgendwie dann wieder doch, einfach um sich klar zu machen, dass wir derzeit einen unglaublichen und ärgerlichen gesellschaftlichen Rückschritt erleiden: Vor gut hundert Jahren bedeutete es einen ungeheuren Aufstieg, wenn man sich aus der engen Hinterhofwohnung in die Belle Etage im Vorderhaus hocharbeiten konnte. Aber der war mit Fleiß und Bildung möglich. Heute ist es eher so, dass man sich trotz guter Ausbildung und einer Menge Einsatz dem ständig drohenden Abstieg gegenüber sieht, der erfolgt, sobald man einen halbwegs vernünftig bezahlten Job verliert und das eigene Haus oder die zentral gelegene Wohnung nicht mehr bezahlen kann. Heute wäre das Thema also eher: Ein Mensch will nicht nach unten. Eine solche Geschichte sollte es doch auch wert sein, erzählt zu werden. Aber vermutlich macht heutzutage kein Sender dafür Produktionsgelder locker – heute soll das Volk nicht mehr ausgebildet und aufgeklärt, sondern eingelullt werden. Die da oben wissen schon, was gut für uns ist. Wir haben ja Freiheit und Demokratie, wenn jetzt alle die die Hände spucken und ranklotzen, wird alles gut.

Wers gloobt, dem vakoof ick nen Jebrauchtwagen.

Emmy Awards 2016: Diversität und Monokultur

Weil ich ja leider nachts schlafen muss, um tagsüber für meinen Job fit zu sein, konnte ich mir die Verleihung der 68. Emmy Awards heute erst als Feierabend-Event reinziehen – ohne Werbung zwischendurch waren es etwas über zwei Stunden, das kann man schon aushalten, auch wenn sich alle Preisträger bei Cast, Crew und Familie bedanken müssen (immerhin in wechselnder Reihenfolge), was dann irgendwann doch langweilig wird, genau wie die unvermeidlichen Politwitze: Donald Trump hat eine ganze Reihe von RL-Memes gesetzt, denen man einfach nicht entkommen kann. Make the Emmys Great Again. Make Television Great Again. And somehow we make the Mexicans pay for that. And so on.

Nichtsdestotrotz war Jimmy Kimmel gut in Form, und alles in allem ist der Abend ja gut ausgegangen: Rami Malek hat den Emmy als bester Hauptdarsteller in einer Dramaserie gewonnen, was mich natürlich sehr freut, wobei für mich auch okay gewesen wäre, wenn Bob Odenkirk ihn für Better Call Saul bekommen hätte. Und klar, auch die anderen waren alle sehr gut, aber Mr. Robot ist nun mal die beste der hier nominierten Serien, auch wenn Better Call Saul nur knapp dahinter liegt.

68. Primetime Emmy Awards: Rami Malek gewinnt als bester Hauptdarsteller in einer Drama-Serie (Mr. Robot)

68. Primetime Emmy Awards: Rami Malek gewinnt als bester Hauptdarsteller in einer Drama-Serie (Mr. Robot)

Ich denke, dass hier durchaus eine Rolle gespielt haben könnte, dass Rami Malek der einzige nicht eindeutig weiße männliche Schauspieler unter den Nominierten in dieser Kategorie war – was seiner Performance keinen Abbruch tut, denn Rami Malek ist einfach der beste denkbare Elliot Alderson. Aber so betont divers, wie sich die Emmys dieses Mal gegeben haben, liegt der Verdacht nahe – und das kritisiere ich ausdrücklich nicht: Vor wenigen Jahren noch hätte ein arabisch-stämmiger Schauspieler vermutlich gar keine Chance gehabt, eine Hauptrolle in einer stylischen, coolen, sehr ambitionierten US-amerikanischen Primetime-Serie zu spielen.

Unter den Nominierten waren insgesamt durchaus zahlreiche Afroamerikaner, so hat beispielsweise Courtney B. Vance den Emmy als beste Hauptdarsteller in einer Mini-Serie gewonnen oder Sterling K. Brown den als bester Nebendarsteller, die beste weibliche Nebendarstellerin in der Kategorie war Regina King. Und natürlich sind auch die Master-of-None-Autoren (und Darsteller) Aziz Ansar und Alan Yang Vertreter von Minderheiten – wobei der aus Taiwan stammende Alan Young bei seiner Dankesrede für den Emmy als bester Autor einer Comedy-Serie daran erinnert hat, dass es ungefähr genauso viele Amerikaner ostasiatischer wie italienischer Herkunft gibt – was sich aber in der Film- und Fernsehgeschichte der USA bisher nicht niedergeschlagen habe, im Gegensatz zu den Italienern mit ihren ikonischen Mafia-Dramen. Und er forderte die asiatischen Eltern auf, ihren Kindern Kameras statt Geigen in die Hand zu geben – dann hätten sie vielleicht auch mal eine Chance.

Primetime Emmy Awards 2016: Susanne Bier gewinnt für die beste Regie in einer Mini-Serie (The Night Manager)

Primetime Emmy Awards 2016: Susanne Bier gewinnt für die beste Regie in einer Mini-Serie (The Night Manager)

Und insofern geht natürlich auch total in Ordnung, dass Jeffrey Tambor einen Emmy für seine Darstellung von Moira Pfefferman in Transparent wieder eine Auszeichung bekommen hat – und der gleichzeitig betonte, dass es hoffentlich das letzte Mal sei, dass er als Mann für die Darstellung einer Transgenderfrau herhalten musste, lieber solle man doch den echten Transgenders eine Chance geben.

Passend dazu hat Jill Soloway, die einen Emmy für die beste Regie in einer Comedy-Serie – eben Transparent – bekommen hat, die Kleiderordnung für Frauen souverän missachtet: Die Kombination von Bluse (mit Schleife) und Blazer war gewagt, aber total misslungen, rausgerissen haben das nur die roten Sportschuhe. Vor der Verweigerung der üblichen Highheels habe ich echt Respekt – mir ist ohnehin ein Rätsel wie andere Frauen Folterwerkzeuge mit 8 bis 10 Zentimeter Absatzlänge (oder gar mehr) einen Arbeitstag oder Abend am Fuß ertragen können. Wenn die Schuhe sehr gut gepolstert sind, kann ich das auch mal für ein paar Stunden ab, aber laufen in dem Sinne geht damit einfach nicht. Es gibt so vieles, was Frauen sowieso immer noch aushalten müssen – warum dann auch noch unbequeme Schuhe?! Männer tun sich das doch auch nicht an!

Wo wir aber gerade bei Frauen sind: Mich hat natürlich auch der Emmy für Susanne Bier gefreut, die als beste Regisseurin einer Miniserie den Preis für ihre Arbeit mit The Night Manager bekam. Es gibt ja nun wirklich nicht viele weibliche Regisseurinnen und noch weniger international anerkannte – aber vielleicht ändert sich das ja nun auch langsam mal. Wobei mich dann doch schon wieder ein bisschen genervt hat, dass Veep mit Emmys förmlich überhäuft worden ist. Ja, eine Comedyserie über eine erste weibliche US-Präsidentin ist schon lustig, und die Entschuldigung von Julia Louis-Dreyfus für das eigenartige politische Klima in den USA – eigentlich hätten sie ja eine Comedy-Serie machen wollen, nun sei Veep aber leider eine Dokuserie über den traurigen alltäglichen Wahnsinn – fand ich auch total sympathisch – aber ab und zu hätte in Sachen Comedy auch mal eine andere Serie irgendwas gewinnen können, so ging Silicon Valley komplett leer aus.

Genau wie bei den Dramaserien, wo Game of Thrones wieder so ziemlich alles abgeräumt hat: ja, das ist gewiss eine grandiose Serie, aber für alle, die es nicht so mit Drachen und epischen Schlachten haben, gibt es auch noch ziemlich gutes Fernsehen – so fällt mir gerade auf, dass es nicht eine einzige Nominierung für Halt and Catch Fire gab, was auch eine ziemlich gute Serie ist. Oder für Manhattan. Und tolle Serien wie Fargo oder Better Call Sauldie ebenfalls nominiert waren, konnten dieses Mal keinen Blumentopf gewinnen. Und bei den Mini-Serien war es nicht besser, da hat The People vs. O. J. Simpson fast alles andere platt gemacht.

Wobei, ich muss zugeben, dass es sympathische Ausreißer gab, etwa den Emmy für die beste männliche Gast-Rolle, der an Peter Scolari ging, der in Girls Hannahs Vater spielt oder für Margo Martindale, die sozusagen das weibliche Pendant in The Americans gab. Insofern sind auch die Emmys längst noch nicht so ausgewogen und perfekt, wie sie sich gerade feiern. Aber immerhin schon sehr viel weiter als die Oscars – was auch ständig betont wurde. Jimmy Kimmel hat das in löblich kritischer Selbstanalyse ja während der Show definiert:“Was wir hier in Hollywood noch mehr schätzen als Vielfalt, ist, uns selbst dafür zu feiern, wie sehr wir Vielfalt schätzen.“ Das ist aber genau die Selbstreflexion, zu der das Fernsehen bereits in der Lage ist. Mal sehen, wann das in der Kino-, äh Blockbusterindustrie denn ankommt.

eps2.5_h4ndshake.sme: Wer macht was?!

In der aktuellen Episode eps2.5_h4ndshake.sme gibt es dieses Mal keine spannenden Hacks, dafür aber einige längst überfällige Antworten – um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen: Mr Robot rückt endlich damit raus, dass er Tyrell Wellick erschossen hat – weil er keine andere Wahl hatte. Tyrell sei völlig abgedreht, nachdem Mr. Robot die Scripts für den Nine-Five-Hack gestartet hatte, von wegen gottgleich und so weiter. Und als Tyrell sich über den Mord an Sharon ausgelassen hatte, hätte er auch noch über weitere Morde fantasiert – der Mann war verrückt und musste unbedingt gestoppt werden. Elliot erinnert sich jetzt auch daran und korrigiert Mr. Robot hingehend, dass er selbst Tyrell erschossen habe: Es gab einfach keine andere Möglichkeit.

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Joanna Wellick (Stephanie Corneliussen)

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Joanna Wellick (Stephanie Corneliussen)

Gut, das hatte ich mir ohnehin schon gedacht. Denn Elliot wusste ja, wo Darlene die Waffe versteckt hatte.

In dieser Folge wird aber eine noch erschütterndere Wahrheit über Elliot ans Tageslicht kommen. Doch die interessanteste Entwicklung gibt es meiner Ansicht nach bei Angela – Angela beweist gegenüber Agent DiPierro jetzt doch eine bewundernswerte Nervenstärke und schafft es, eine einleuchtende Erklärung für ihren Ausflug in den 23. Stock zu finden, die bei entsprechender Überprüfung sogar wasserdicht seit wird: Dieser Agent Dingsbums hat ihr ja nun tatsächlich ein Lunch-Date abringen können. Beim Griechen, gleich um die Ecke.

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Elliot (Rami Malek)

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Elliot (Rami Malek)

Trotzdem ist Dom nicht überzeugt: Sie erklärt Angela, dass sie von ihrer Karriere total fasziniert sei: Eine Woche vor dem Five-Nine-Hack wechselt Angela von Allsafe zu E-Corp und steigt hier erstaunlich schnell in Schlüsselpositionen auf. War sie einfach nur rechten Zeit am rechten Ort? Kaum zu glauben: Ein solches Ausmaß an glücklichen Zufällen ist nun wirklich ziemlich unwahrscheinlich. Keine Frage, Dom ist davon überzeugt, dass Angela in den Five-Nine-Hack verwickelt ist. Und wir wissen ja, dass Dom damit richtig liegt, auch wenn sie vermutlich noch keinen Schimmer hat, auf welche Weise Angela tatsächlich daran beteiligt ist.

Und es stellt sich auch heraus, dass Angela auf jeden Fall noch etwas bei E-Corp vor hat – sie bittet Philip Price, sie in eine andere Abteilung zu versetzen, nämlich eine, in der sie Zugriff auf Akten über aktuelle Schadensfälle hat, die E-Corp krisenmanagementmäßig behandeln muss, Fälle wie den Giftmüllskandal in Washington Township. Aktuell geht es um einen Fall mit kontaminiertem Wasser – wird hier auf den tatsächlichen Trinkwasser-Skandal in Flint angespielt?

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Darlene (Carly Chaikin)

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Darlene (Carly Chaikin)

Wie auch immer – Angela bringt sich in Stellung, was etwas verwundert, denn ausgerechnet sie will nun die Washington-Township-Klage fallen lassen: Es sei doch gar nicht gesagt, dass E-Corp noch lange genug existiere, um überhaupt noch Schadensersatz zu zahlen. Angelas Vater ist entsetzt: Was ist mit seiner Tochter los? Hat sie sich nach ihrem jahrelangen Kampf um Gerechtigkeit für ihre früh verstorbene Mutter jetzt von deren Mördern kaufen lassen? Oder hat sie, wie Philip Price vermutet, ebenfalls eine geheime, kleine, dreckige Agenda? Wie jeder Mensch im Universum von Philip-Price eine hat?

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Dom DiPierro (Grace Gummer)

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Dom DiPierro (Grace Gummer)

Denn Price hat nun schließlich eine – was dealt er unter dem Tisch eigentlich mit Whiterose aus? Und noch viel interessanter: Worauf ist Whiterose eigentlich aus? Schwer vorstellbar, dass ein antikapitalistischer Hacker und der Sicherheitsminister einer in der kapitalistischen Konkurrenz in der Welt aufstrebenden Volksrepublik China dasselbe Ziel haben könnten. Aber wie wir wissen, handelt es sich um ein und die selbe Person – aber selbst wenn sie, wie Elliot in mehrere alternative Persönlichkeiten aufgespalten ist: Elliot und Mr. Robot unterscheiden sich nur durch die Mittel ihrer Wahl, nicht aber in ihren Zielen. Sie beide wollen die Menschen aus der Knechtschaft der Lohnarbeit, aus Schuldknechtschaft, letztlich also vom Kapitalismus befreien (auch wenn das leider so nie formuliert und ausgeführt wird, aber wenn das nicht das Ziel sein sollte, wäre alles, was Elliot und fsociety angestoßen haben, komplett sinnlos). Was dagegen die Dark Army vor hat und was Philip Price, ist viel weniger klar. Ich wäre schwer enttäuscht, wenn es das naheliegende wäre: Einfach ein gutes Geschäft zu machen. Das will jeder – aber dafür braucht es keine neue Serie, die Predigt hören wir gerade von fuckin‘ Donald Trump.

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Elliot (Rami Malek)

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Angela (Portia Doubleday)

Aber zurück zu Angela: auf jeden Fall arbeitet sie wie wir jetzt wissen, mit Darlene und ihren Anarcho-Freunden von fsociety zusammen, auch wenn Angela Darlene klar macht, dass sie Angela die ganze Zeit unterschätzt habe. „Ihr dachtet immer, ihr wäret so viel schlauer als ich!“ Aber auch Darlene und ihre schlauen Freunde waren auf Angelas Hilfe angewiesen, um das FBI zu hacken. Angela hat nun bei Darlene etwas gut – aber umgekehrt hat ihr Elliot auch wieder den Arsch gerettet, weil er hinter dem Masterplan für den Hack steht. Hier ist wirklich nicht klar, wer wem was schuldet – aber ich finde, dass das eigentlich auch scheißegal ist – wegen E-Corp sind Angela, Darlene und Elliot in dieser Scheiße gelandet. Und so unterschiedlich sie auch agieren mögen – eigentlich haben sie doch ein gemeinsames Interesse.Und ich hoffe, dass sie sich auch darauf besinnen, wenn es drauf ankommt. Aber das ist jetzt wieder mein persönliches Interesse.

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Mr. Moss (Don Sparks)

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Mr. Moss (Don Sparks)

Ach ja, Joanna Wellick kommt auch wieder vor – erst wird sie nicht zu unrecht als Kapitalistenschwein beschimpft und mit roter Farbe angegriffen, dann setzt ihr neuer Lover sie unter Druck – wenn sie nicht endlich als seine Freundin mit auf seine  Geburtstagsparty heute Abend kommt, ist Schluss. Derek will sich nicht mehr als Toyboy vorführen lassen – und siehe da, Joanna kommt zwar nicht mit auf die Party, sondern überreicht ihm ihren Scheidungsantrag. Weiß sie vielleicht doch, dass Tyrell tot ist? Doch von wem kommen dann die ganzen Aufmerksamkeiten, mit denen irgendjemand weiterhin um ihre Aufmerksamkeit, um ihre Liebe buhlt? Unwahrscheinlich, dass sie von Elliot kommen. Hat vielleicht Whiterose ihre Hand im Spiel?

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Elliot (Rami Malek)

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Elliot (Rami Malek)

Zumindest hat Whiterose einen sehr langen Arm, wie sich heraus stellt, denn Elliots neuer Freund Leon entpuppt sich als sein persönlicher Beschützer, der Elliot im Auftrag von Whiterose Ärger vom Leib hält. Denn – wie immer jetzt dieses Ding mit Ray und seiner Darknet-Plattform abgelaufen ist (ich persönlich halte es für ziemlich ausgeschlossen, dass jemand eine solche Plattform unterhalten kann, ohne zu kapieren, was da eigentlich abgeht, aber wenn Ray behauptet, es Langezeit nicht gewusst zu haben) – Elliot hat echt Stress deswegen. Wie  wir wissen, deshalb sieht er ja auch so ramponiert aus. Interessanterweise sieht er das in den aktuellen kompromittierenden Szenen aber nicht – weshalb ich zu der Annahme neige, dass Elliot auch die Konfrontation mit Ray nur erfunden hat. Aber um sich damit vor was zu schützen?

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Krista (Gloria Reuben)

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Krista (Gloria Reuben)

Den Kniff mit seiner Therapeutin finde ich ziemlich gut: Krista sagt Elliot, dass er doch ziemlich genau wisse, wo er jetzt tatsächlich sei – er soll aufhören, so zu tun, als sei er bei seiner Mutter: Diese strikte Tagesordnung, die er am Anfang der neuen Staffel angeblich für sich selbst erfunden habe, diene nur dazu, ihm seinen tatsächlichen Alltag erträglich zu gestalten: Elliot ist im Knast. Vermutlich durch diese Ray-Aktion, von der ich noch immer gespannt bin, wie sie tatsächlich zustande kommen ist: Wo hat Elliot Ray getroffen? Vermutlich im Gefängnis. Aber wie hatten sie da Internetzugang?

Es gibt viele Gründe dafür, dass Elliot im Knast ist – spannend wird sein, wofür er tatsächlich eingefahren ist. Und auch, warum er jetzt bald wieder rauskommt – genau das legt sein Dialog mit Krista ja nahe: Er darf wieder raus, auf Bewährung. Hat er Ray ausgeliefert?

Wie auch immer: Es bleibt spannend!

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Elliot (Rami Malek) und Krista (Gloria Reuben)

Screenshot Mr Robot eps2.5_h4ndshake.sme: Elliot (Rami Malek) und Krista (Gloria Reuben)

Tyrant: Die dritte Staffel läuft. Und lohnt sich

Derzeit wird auch die dritte Staffel von Tyrant ausgestrahlt – genau wie bei Mr. Robot gab es am vergangenen Mittwoch in den USA die fünfte Folge, und ich warte, wenn auch nicht ganz so hibbelig wie bei Mr. Robot, doch jedes Mal gespannt auf die Fortsetzung. In der zweiten Staffel von Tyrant wird die Sache nämlich interessanter. Es kommt soweit, dass Barry Al-Fayeed (Adam Rayner) sich an einem Staatsstreich gegen seinen Bruder Jamal (Aschraf Barhom) beteiligt und am Ende der ersten Staffel im Gefängnis landet, wo er auf das Urteil wartet. Klare Sache, wie das ausgehen muss: Auf Hochverrat steht nun mal die Todesstrafe und es wird dann am Anfang der zweiten Staffel auch jemand aufgehängt.

Aber auch ein Fiesling wie Jamal kann seinen eigenen Bruder nicht einfach so umbringen, auch wenn es in der Bibel da schon andere Beispiele geben hat, nicht umsonst heißt die erste Folge der zweiten Staffel Mark of Cain. Aber wir wissen ja bereits, dass Jamal eigentlich ein Schwächling ist. Er hat Barrys Hinrichtung nur vorgetäuscht und seinen Bruder statt dessen in der Wüste ausgesetzt – soll Allah über sein Schicksal entscheiden. Barrys Familie weiß davon nichts, schockiert kehrten Molly (Jennifer Finnigan)  und ihre Kinder in die USA zurück und versuchen, nach dieser Katastrophe irgendwie weiter zu leben.

Tyrant: Bassam (Adam Rayner) wartet auf sein Todesurteil

Tyrant: Bassam (Adam Rayner) wartet auf sein Todesurteil

In Abuddin versuchen die Al-Fayeeds derweil einen großen Deal mit den Chinesen einzufädeln, gleichzeitig haben sie aber Stress mit den fanatischen Kämpfern des Kalifats, das inzwischen Teile des Landes unter seine Kontrolle gebracht hat. Barry hat seinen Wüstentrip mit Überlebenswillen und Glück überlebt – er wurde von zwei Beduinen-Jungs gefunden, die den an seiner Kleidung als Sträfling zu erkennenden Fremden gern gegen Belohnung ausgeliefert hätten, doch ihr Vater ist ein Beduine alter Schule: Erstens haben Beduinen etwas gegen Staaten und Regierungen an sich, die sie an ihrer alten Lebensweise hindern, und sie dazu zwingen, Grenzen anzuerkennen, die in ihren Augen keinen Sinn ergeben. Und zweitens ist die Gastfreundschaft heilig – wenn Allah diesen Fremden zu ihnen geschickt hat, dann hat er das getan, weil ihm das so gefallen hat, und natürlich müssen sie sich um ihn kümmern.

Tyrant - Despoten leben gefährlich. Irgendwer hat was dagegen, dass Abbudin Geschäfte mit China macht.

Tyrant – Despoten leben gefährlich. Irgendwer hat was dagegen, dass Abuddin Geschäfte mit China macht.

Dem Alten ist klar, dass Khalil – so nennt sich Barry jetzt – etwas zu verbergen hat – aber er ist trotzdem bereit, Khalil dabei zu helfen, nach Beirut zu gelangen. Dort will er nämlich hin. Und von da aus nach Hause in die USA. Aber natürlich kommt alles anders, denn die schöne, junge Zweitfrau (Melia Kreiling als Dalidah Al-Yazbek) des alten Beduinen wird auserwählt, um in Deutschland zur Solar-Ingenieurin ausgebildet zu werden und ihre Heimat damit voranzubringen. Aber gleich nach ihrer Abreise mit der deutschen Delegation wird sie von Anhängern des Kalifats entführt. Wie man sich denken kann, geschehen allerlei spannende und dramatische Dinge und am Ende können sich Dalidah und Khalil gegenseitig immer mal das Leben retten – Khalil entscheidet schließlich, nicht nach Beirut abzuhauen, sondern zu bleiben und gegen das Kalifat zu kämpfen.

Ironischerweise wird Bassam aka Khalil im Lauf der zweiten Staffel also vom Hochverräter zum Kriegsheld der Verteidigung Abuddins gegen die Irren vom IS promoviert, was eine nette Idee ist – er wird zum Volksheld, weil niemand weiß, dass er eigentlich ein Al-Fayeed ist. Das ist natürlich alles ganz schön überkonstruiert, aber in Homeland ist das ja auch nicht besser – und ich finde es in Tyrant sogar unterhaltsamer. Was gewiss auch daran liegt, dass die Bewohner von Abuddin ihre Regierung zu recht kritisieren dürfen, ob sie nun mehr Freiheit und Demokratie oder mehr Islam wünschen: Dieser durch Erbfolge ins Amt gelangte Präsident Jamal Al-Fayeed muss einfach weg – obwohl er der einzige Garant für Stabilität und somit das Funktionieren des Staates ist. Wie bescheuert das alles ist, kann man in allen Ländern sehen, die durch den Arabischen Frühling in Unsicherheit und Bürgerkrieg gestürzt wurden. Aber in Tyrant wird es noch einmal fernsehtauglich aufbereitet, auch wenn das zum Teil dann doch ziemlich trashig geraten ist. Aber immerhin Hochglanztrash, der Spaß macht.

Tyrant: Melia Kreiling als Daliyah

Tyrant: Melia Kreiling als Daliyah

So taucht mit Rami Said (Keon Alexander) ein früher verleugneter Sohn des alten Al-Fayeed und somit ein Halbbruder von Jamal und Bassam auf, der in Diensten der UN eine beeindruckende Militärkarriere hingelegt hat – genau so einen Typ kann Abuddin brauchen, nachdem sich General Tariq mit seiner Strategie von Härte und Angst beim Volk total unbeliebt und international untragbar gemacht hat. Deshalb kann sich die Witwe Amira Al-Fayeed auch plötzlich an den Nachkommen ihres verstorbenen Mannes erinnern, der ihr früher gewiss viel weniger willkommen war.

Molly und ihre Kinder indes sind wegen einer Erbschaftsauseinandersetzung wieder nach Abuddin zurückgekehrt – Barry gilt weiterhin als tot und sein Sohn Samy (Noah Silver) kann das Erbe seines Vater nur unter bestimmten Bedingungen antreten. Und natürlich macht Samy vor Ort erstmal sein eigenes Ding – viel mehr als die Millionen, der er möglicherweise erben kann, interessiert ihn, was aus seinem Freund und Liebhaber Abdul geworden ist. Der ist in die Hände das Kalifats geraten und Samy will ihn retten – und ja, notfalls auch mit dem Geld seines Vaters, also bietet er an, den Widerstand zu finanzieren, wenn er ein Treffen mit dem Anführer der „Roten Hand“ vermittelt bekommen kann, jenem geheimnisvollen Anführer, der das Kalifat zurückdrängen will. Am Ende kann Samy seinen Freund nicht retten, trifft aber auf Kahlil – der niemand anders als sein totgesagter Vater ist. Zum Glück überleben die beiden die Kämpfe in Maan, bei denen es ziemlich zur Sache geht – aber der verwöhnte amerikanische Jungmann Samy begegnet der Realität der jungen Menschen in anderen Ländern, die es weniger gut getroffen haben als er. Und er bekommt eine ziemlich heftige Lektion. Er muss nicht nur den Tod von Abdul verkraften, der vom Kalifat mit anderen ihrer Ansicht nach Perversen umgebracht wird, er erlebt (genau wie sein Vater), was es heißt, nicht nur für Ideale, sondern ums bloße Überleben zu kämpfen.

Tyrant: Leila (Moran Atias), Jamal (Ashram Barhom) und Rami (Keon Alexander)

Tyrant: Leila (Moran Atias), Jamal (Ashram Barhom) und Rami (Keon Alexander)

Derweil verstrickt sich Jamal einmal mehr in dämliche Aktionen, die nach hinten los gehen: Mit einem von ihm höchstselbst beauftragten Attentat tötet er versehentlich seine Mutter Amira, statt den verhassten Rami, der ihm zunehmend Konkurrenz macht. Nur zu klar, dass Jamal Rami die ganze Sache in die Schuhe schieben will. Dabei hätte er sich eigentlich ganz andere Sorgen: Bassam kann tatsächlich einen entscheidenen Schlag gegen das Kalifat landen – Molly weiß inzwischen, dass ihr Mann noch lebt und ihr Sohn bei ihm ist und sie bringt Jamals Frau Leila (Moran Atias) dazu, dafür zu sorgen, dass ihnen militärische Unterstützung gewährt wird.

Leila muss dafür ziemlich heftige Kröten schlucken – die arabische Liga verlangt für ihre Unterstützung, dass Leila als Zeugin für die Kriegsverbrechen auftritt, die ihrem Mann zugeschrieben werden. Wir und Leila wissen, dass eigentlich General Tariq dafür verantwortlich war, aber so geht halt Politik. Und Leila als gute orientalische Mutter tut natürlich alles, um ihren Sohn den Weg frei zu machen – sie willigt in alles ein, wenn nur ihr Ahmed (Cameron Gharaee) eine n Platz am Tisch bekommt. Ahmed erleidet sein eigenes Drama, seine Frau Nusrat (Sibylla Deen), die ihn immer wieder abgewiesen hat, obwohl sie ihn so liebt, ist endlich schwanger – aber eben auch traumarisiert davon, dass ihr Schwiegervater Jamal am Tag ihrer Hochzeit höchst persönlich untersucht hat, ob sie wirklich noch Jungfrau ist. Was Ahmed noch nicht weiß – er wundert sich nur, was mit Nusrat los ist.

Tyrant:  Rami (Keon Alexander)

Tyrant: Rami (Keon Alexander)

Natürlich gibt es noch weitere höchst tragische Verwicklungen, die dazu führen, dass genau zu dem Zeitpunkt, an dem Leila gegen ihren Mann aussagt, um die Arabische Liga zu befriedigen, Jamal nicht bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Denn genau das, was man ihm vorwirft, hat er ja nicht getan. Aber dafür so viele andere miese Dinge. Insofern ist nur konsequent, dass die empörte Nusrat Jamal vor laufender Kamera niederschießt – sie kann nicht damit leben, dass dieses Arschloch wieder davon kommt.

Blöd nur, dass in der dritten Staffel schnell klar wird, dass sie diejenige ist, die auch dafür Verantwortung übernehmen muss. Natürlich darf niemand ungestraft einen Präsidenten niederschießen, schon gar nicht dessen Schwiegertochter. Jetzt geht es drunter und drüber – man weiß nicht, ob Jamal die Sache überlebt oder nicht, klar ist aber, dass Abuddin eine starke Regierung braucht, damit das Land nicht im Chaos versinkt. Und Bassam – so nennt sich Barry jetzt wieder ganz bewusst – übernimmt als Bruder des Präsidenten das Ruder, obwohl es zahlreiche Strömungen im Land gibt, die der Herrschaft der Al-Fayeeds ein Ende bereiten wollen und dem amerikanischen Fremdling prinzipiell aus tiefstem Herzen misstrauen. Bassam hat nun genau den Job, den er nie haben wollte – aber er versucht, ihn so gut wie eben möglich zu machen.

Tyrant:  Samy (Noah Silver) und Halima (Oliva Popica)

Tyrant: Samy (Noah Silver) und Halima (Oliva Popica)

Das ist der Punkt, der mir persönlich gut gefällt: Tyrant ist, bei allen blöden Klischees, die hier bemüht werden, eine Serie, die reflektiert, was man denn selbst tun würde, wenn man das Ruder in die Hand bekäme: Durch Zufall ist man in einer Position, in der man das Leben der Menschen eines ganzen Staates zum Guten oder Schlechten nachhaltig beeinflussen kann. Einerseits gibt es vielversprechende Möglichkeiten, wirklich irgendwas besser zu machen, gleichzeitig gibt es diese vielen Sachzwänge der Politik, und zwar sowohl im regionalen, nationalen als auch internationalen Rahmen, aus denen man einfach nicht rauskommt. Und man muss mit allen fiesen Partei verhandeln – mit den Islamisten, den demokratisch gesinnten Oppositionellen, die einen Neuanfang wünschen, mit der Arabischen Liga und natürlich mit dem Amis. Und alle haben ganz eigene Interessen – insbesondere die Oppositionellen sind sich keineswegs einig, was sie eigentlich wollen.

Das ist die Stärke und die Schwäche dieser Serie: Ja, alle Seiten werden nicht in ihrer ganzen Komplexität gewürdigt – aber immerhin, es kommen sehr viele verschiedene Interessen vor. Das hat man nicht allzu oft. Und sogar die Vertreter des Kalifats dürfen ab und zu einen Punkt machen – so ist es ja auch in der Realität. Natürlich ist es zynisch, Schulen und Krankenhäuser als Tarnung für militärische Ziele zu benutzen. Nichtsdestotrotz haben die Verfechter von Freiheit und Demokratie keine Skrupel, eben diese Krankenhäuser und Schulen zu zerstören, wenn es darum geht, ihre Interessen wahrzunehmen. In dem Punkt finde ich Tyrant sehr viel besser als die Kritik darüber: Hier wird wenigstens im Ansatz erklärt, warum im Nahen und Mittleren Osten, warum im Maghreb genau das passiert, was passiert: Die Leute wollen einfach ein gerechteres, ein besseres System, ein System, das einfach mal für sie da ist. Aber weder die Islamisten, noch die zynischen Vertreter des freien globalen Marktes sind in der Lage, das Leben der Menschen tatsächlich und nachhaltig zu verbessern – denn sie dienen eben ihrem Scheißsystem und nicht den Menschen, die darauf hoffen, dass sich ihre beschissene Situation endlich mal verbessert.

Barry aka Khalil (Adam Rayner)

Barry aka Khalil (Adam Rayner)

Nein, Tyrant ist natürlich nicht kapitalistisch-kritisch, wie es hier jetzt vielleicht anklingt. Das ist es definitiv nicht, genau dieses Element kommt hier eher als Folklore, denn als Erklärung vor, was ich dann auch wieder kritikwürdig finde.

Aber: Der Aufhänger zu den folgenschweren Ereignissen ist ja eben jener Familienvater, der sich selbst auf einem zentralen Platz öffentlich verbrennt, weil er keine Aussicht auf einen angemessenen Job und damit auch ein Leben für sich und seine Familie hat. Genau so hat der arabsiche Frühung angefangen – eben mit jenem Gemüsehändler mit Universitätsabschluss, der sich in Tunesien selbst verbrannt hat, weil er die Bestechungsgelder an die Behörden nicht mehr zahlen konnte, um seinen Gemüsestand weiterhin zu betreiben. Interessanterweise ist Tunesien, zumindest meinen Recherchen zufolge, das einzige Land, in dem diese „Revolution“, die aus dieser Verzweiflungstat erwuchs, irgendwas halbwegs Gutes getan hat. Es geht den Tunesiern zwar nicht gut, aber immerhin ist ihr Land nicht in Chaos und Bürgerkrieg oder unter neuer Militärherrschaft versunken.

Tyrant: Molly (Jennifer Finnegan) und Bassam Al-Fayeed (Adam Rayner)

Tyrant: Molly (Jennifer Finnegan) und Bassam Al-Fayeed (Adam Rayner)

Und ich erspare mir und allen nun eine Analyse der einzelnen Länder und dem, was seit dem arabischen Frühling alles schlechter geworden ist – aber das fiktive Abuddin ist ein ziemlich gutes Beispiel dafür, was um warum alles ziemlich schief läuft – ohne Patentrezepte anzubieten, warum das so ist. Man muss sich das halt ansehen – und kann sich dann entweder mehr oder weniger gut unterhalten lassen oder mal selbst drüber nachdenken. Und was diesen Aspekt angeht, muss ich Tyrant in meinem persönlichen Serien-Ranking doch deutlich höher bewerten, als die einschlägigen Kritiken nahelegen. Die sechste Folge der dritten Staffel läuft nachher in den USA.

eps2.2_init1.asec – komm, lass uns die Kichererbsen zählen

In der neuen Folge eps2.2_init1.asec geht Elliot endlich wieder an den Computer – aber er brauchte für diese Entscheidung auch einen dringlichen Notruf von Darlene. Denn inzwischen gerät auch Elliots bisher sehr toughe und fokussierte kleine Schwester in Panik – und wir erfahren, dass sie zuvor schon an Panik-Attacken gelitten hat. Wobei sie findet, dass es heutzutage noch kranker ist, keine Panik-Attacken zu haben. Dem kann ich nur zustimmen, wenn man sich ansieht, in welchem Zustand die Welt ist.

Screenshot Mr Robot eps2.2init1.asec: Darlene (Carly Chaikin)

Screenshot Mr Robot eps2.2init1.asec: Darlene (Carly Chaikin)

Wie so oft beginnt der neue Teil mit einer Rückblende – Elliot sitzt in seiner alten Wohnung am Computer, als es heftig an der Tür klopft. Als er schließlich öffnet, steht Darlene dort – mit jener fsociety-Maske, die sie gerade in einem 99-Cent-Shop gekauft hat. Es ist Halloween und sie bittet ihren Bruder, der von ihrem Besuch wenig begeistert ist, den Abend mit ihr zu verbringen. Weil Elliot erwartungsgemäß ablehnend reagiert, benutzt Darlene ein Codewort, auf das ihr sozial gestörter Bruder einfach reagieren muss: Init-1. Das steht sowohl für den Einzelnutzer-Modus bei Unix-Rechnern, als auch für einen Notfallmodus – und für sie ist es ein Notfall. Und nur Elliot kann helfen.

Screenshot Mr Robot eps2.2init1.asec: Elliot (Rami Malek)

Screenshot Mr Robot eps2.2init1.asec: Elliot (Rami Malek)

Elliot ist dann doch großer Bruder genug, um mit seiner Schwester ihren gemeinsamen Lieblingsfilm anzusehen – The Careful Massacre of the Bourgeoisie, ein vorgebliches 80er-Jahre-Untergrund-Teenie-Spatter-Movie, das extra für die Serie erfunden wurde. Darlene führt sämtliche psychischen Störungen der Alderson-Geschwister auf diesen Film zurück. Sie postet schließlich sogar ein Foto auf Instagram, was sie sonst nie tut, aber „die Leute müssen wissen, dass es diesen Film gibt!“ Detailverliebte Filmfreaks können sich allein schon über die Filmauswahl, die in der Torrent-Bibliothek auf Elliots Rechner kurz zu sehen ist, in Begeisterungsdelirien hineinsteigern: Unter dem Buchstaben C finden sich Capote, The Careful Massacre of the Bourgeoisie, Carrie, Child’s Play, Chinatown, Chungking Express, Citizen Four, Citizen Kane, A Clockwork Orange, Closer, Comet, The Conversation, Cool Hand Luke, Creep, und schließlich Cries and Whispers. Allein darüber könnte man eine Hausarbeit schreiben – Comet ist natürlich ein besonderer Insider-Witz, der einzige Film nämlich, den Sam Esmail gemacht hat, bevor er sich mit Mr Robot in die erste Liga der Serienmacher katapultiert hat.

Screenshot Mr Robot eps2.2init1.asec: Darlene (Carly Chaikin)

Screenshot Mr Robot eps2.2init1.asec: Darlene (Carly Chaikin)

Nachdem die beiden zum Film etwas geraucht haben, erzählt Elliot, dass er gerade gefeuert wurde – er hat nämlich mal wieder einen Job zu gut gemacht: Elliot hat auftragsmäßig eine Firma gehackt, und die ITler haben es nicht hingekriegt, die Server dagegen zu schützen – aber dann kam der Feiertag und das freie Wochenende und alle wollten nach Hause. Die genervten Techniker haben Elliot kurzerhand im Serverraum eingesperrt. Als er später zu sich kam, waren alle Server zerstört. Elliot konnte sich zwar an nichts erinnern, wurde aber nicht nur rausgeworfen, sondern auch zu einer Anti-Aggressions-Therapie verdonnert. So kam er also zu Krista.

Als Darlene bedauert, dass sie sich nicht wirklich an ihren Vater erinnern kann, zeigt Elliot ihr die Mr-Robot-Jacke, die ihr Vater früher getragen hat – Elliot bewahrt sie offenbar wie eine Reliquie in seinem Schrank auf. Darlene verlangt, dass Elliot sie anzieht – und die Maske aufsetzt, die sie mitgebracht hat: Vor ihren Augen verwandelt sich Elliot in Mr. Robot. Er hat eine Idee, wie er E-Corp zerstören könnte – vielleicht sollte er den Job bei Allsafe annehmen, den Angela ihm aufschwatzen will. Er könnte dort als trojanisches Pferd den großen Hack vorbereiten. Darlene ist erschrocken und fasziniert zugleich, von dem, was da vor sich geht. Macht ihr Bruder Witze oder meint er das alles ernst?

Screenshot Mr Robot eps2.2init1.asec: Elliot (Rami Malek)

Screenshot Mr Robot eps2.2init1.asec: Elliot (Rami Malek)

Aber erst ziemlich viel später wird ihr klar, wie bitter ernst das alles ist: Ihr Freund Cisco spürt sie auf, denn er hat eine dringende Warnung: Das FBI war einer großen Sache auf der Spur, es gibt eine gigantische Ermittlung unter dem Begriff Berenstain. (Keine Ahnung, was damit gemeint ist. Ersten Recherchen zufolge gab es wohl eine US-Zeichentrick-Serie The Bernstein Bears, meine erste Assoziation war natürlich das legendäre Bernsteinzimmer, aus dem Berliner Stadtschloss, das seit dem Ende des 2. Weltkriegs verschollen ist.)

Die Dark Army wird nervös, denn die befürchten, dass am Ende irgendwer von den society-Hackern etwas verraten hat – möglicherweise auch unwissentlich. Cisco weiß auch, dass das FBI die Arcade gefunden hat. Darlene wird daraufhin so panisch, dass sie sich an Elliot wendet, von dem sie ja weiß, wie instabil er gerade ist. Aber sie braucht ihn jetzt. Oder besser noch Mr Robot. Sie braucht nicht das Psychowrack, das ihr Bruder gerade ist, sondern einen fähigen Hacker, der ihr helfen kann, heraus zu finden, was gerade los ist. Und das ist ziemlich viel, und es klingt sehr bedrohlich. Nebenbei: Ich finds irgendwie sympathisch, dass Darlene mit Cisco einen Quickie im Klo der Kneipe, in der sie sich treffen, hinlegt. Sie verleugnet ihre menschlichen Bedürfnisse weniger konsequent als ihr Bruder. Weshalb sie vermutlich lebenstüchtiger ist. Wie ich hoffe.

Screenshot Mr Robot eps2.2init1.asec: Angela (Portia Doubleday) und Antara Nayar (Sabina Jaffrey)

Screenshot Mr Robot eps2.2init1.asec: Angela (Portia Doubleday) und Antara Nayar (Sabina Jaffrey)

Elliot hat weiterhin seine Kämpfe mit Mr Robot: Der ist nämlich nicht zu besiegen, wie Elliot inzwischen gelernt hat – sie spielen Schach, Mr. Robot und er, und zwar um seine Existenz. Ray hat ihm ein Schachspiel mitgegeben, damit er zuhause üben kann. Aber Elliot kann Mr. Robot nicht schlagen, genau wie Mr. Robot ihn nicht schlagen kann. Sogar  Krista empfiehlt ihm schließlich, dass er Mr. Robot als Teil seiner selbst besser akzeptieren müsse – er könne ihn nicht auslöschen ohne einen Teil seiner selbst auszulöschen. „Aber tun Menschen das nicht dauernd?“ fragt Elliot – die Teile von sich selbst ausradieren, die man an sich nicht leiden kann, ob es nun Warzen oder schiefe Zähne sind.

Aber Elliot ist nicht der einzige, der gegen sich selbst kämpft. Angela hat sich offenbar auf das Angebot, dass Philip Price gemacht hat, eingelassen: Sie hat die Informationen über einen hässlichen Insider-Deal an die Anwältin Nayar weiter geleitet – jedenfalls werden die beiden Manager, die sie im Teil zuvor kennengelernt hat, von der Polizei abgeführt. Angela trifft sich später mit Nayar, der sie erklärt, dass sie noch dabei ist, herauszufinden, was Price eigentlich von ihr will. Vielleicht ist sie doch nicht übergelaufen, sondern macht jetzt das, was Elliot mit seinem Job bei Allsafe gemacht hat?

Screenshot Mr Robot eps2.2init1.asec: Whiterose (BD Wong)

Screenshot Mr Robot eps2.2init1.asec: Whiterose (BD Wong)

Sie hat eine Idee, sie hat die ganze Sache offenbar auch viel genauer analysiert, als es erst den Anschein hatte, aber Price reagiert auf ihre Forderungen ganz anders, als Angela erwartet hat. Sie redet sich auch weiterhin ein, dass sie mit der richtigen Einstellung ihre eigene Realität kreieren kann – aber wenn sie damit nun auf dem Holzweg ist? So richtig klar wird das alles noch nicht, aber vermutlich wird es noch eine Rolle spielen. Auf jeden Fall ist Angela darauf aufmerksam geworden, dass es bei der Vertuschung des Washington-Township-Skandals noch eine weitere interessierte Partei gegeben haben muss.

Philip Price hat auf jeden Fall auch eine eigene Agenda – er telefoniert mit Whiterose, die endlich wieder einen Auftritt hat. Whiterose erscheint dieses Mal in einem grandiosen Outfit, das aus einem nostalgischen Wong-Kar-Wei-Film stammen könnte – mit Chungking Express ist ja auch ein Wong-Kar-Wei-Film in Elliots Filmliste, was gewiss kein Zufall ist. So richtig glücklich scheinen Price und Whiterose mit dem Fortgang der Dinge nicht zu sein. Die Uhr von Whiterose tickt weiterhin sehr schnell – auch Price bekommt seine Zeit nur minutenweise zugemessen, was er als selbsterklärter Master of the Universe nur schwer verdauen kann. Aber Price entgegnet: „Auch wenn Rom an einem einzigen Tag niedergebrannt ist – es wurde nicht an einem Tag erbaut – so schmerzvoll das für Sie zu hören ist.“ (In der letzten Szene der ersten Staffel war Whiterose zu Price gekommen, um Rom brennen sehen). Whiterose beendet das Gespräch und wendet sich einem männlichen Chinesen zu, der den Raum betritt. Sie ändert die Stimmlage und redet chinesisch, ganz Grande Dame. Sie wird nun Geduld brauchen, erklärt sie, so sehr sie das auch hasst.

Screenshot Mr Robot eps2.2init1.asec: Philip Price (Michael Cristopher)

Screenshot Mr Robot eps2.2init1.asec: Philip Price (Michael Cristopher)

Geduld braucht auch Joanna Wellick – oder eher Geld. Es gibt weiterhin nichts Neues von ihrem Ehemann Tyrell. Und E-Corp gibt kein Geld für sie frei. Die derzeit alleinerziehende Mutter kann bald nicht mal mehr den Parkplatzwärter bestechen, auf dessen Parkplatz das Auto ihres Mannes nach dem Hack gefunden wurde. Sie sucht Scott Knowles auf und bietet ihm an, auszusagen, dass Tyrell in der Nacht des Mordes an Scotts Frau Sharon nicht nach Hause gekommen sei, wenn Scott im Gegenzug dafür sorgt, dass Joanna Zugriff auf ihre Konten bekommt. Aber Scott hat keineswegs die Absicht ihr zu helfen: Wenn sie kein Geld mehr hat, bekommt das Kind seines Widersachers Tyrell ja genau das, was es verdient.

Interessanterweise scheint die Eiskönigin Joanna gleichzeitig echte Gefühle für ihren Lover Derek zu haben: Als der träumt, er würde sie vielleicht mal nach Madrid mitnehmen, wenn er da einen Job bekommt, erklärt sie ihm, dass er niemals in der Lage sei, ihr zu bieten, was er da gerade sagt. Aber genau deshalb würde sie ihn lieben: Sie hätte das alles ja schon gehabt, Europa, den ganzen Luxus – und es hätte sie nicht glücklich gemacht. Sie bräuchte nur ihn. Mal sehen, ob das für ihn gut ausgeht.

Screenshot Mr Robot eps2.2init1.asec: Joanna Wellick (Stephanie Corneliussen) und Scott Knowles (Brian Stokes Mitchell)

Screenshot Mr Robot eps2.2init1.asec: Joanna Wellick (Stephanie Corneliussen) und Scott Knowles (Brian Stokes Mitchell)

Weiterhin symphatisch finde ich Leon – der Elliot offenbar auf eine richtige Spur bringt. Bei Ray bin ich mir nicht so sicher – der hat nämlich auch eine eigene Agenda. Und er weiß einiges über Elliot. Will er tatsächlich nur Elliots Fähigkeiten für sein eigenes sinistres Geschäft benutzen, oder gibt es da noch mehr? Andererseits hilft er Elliot in gewisser Weise ja auch mit sich selbst klarzukommen und es ist sein Computer, den Elliot letztendlich benutzt, um mit Darlene zu kommunizieren, nachdem er ihren neuen Hilferuf bekommen hat. Auch wenn er eigentlich will, dass Elliot ihm bei der Migration seiner Webseite hilft, mit der, wie wir ahnen können, dunkle Geschäfte getätigt werden.

Eine Anmerkung noch zur Musik: Eigentlich bin ich kein Fan der Spätromantik, aber der Einsatz der Orchester-Suite The Planets des englischen Komponisten Gustav Holst fand ich grandios – bekannte Filmkomponisten wie John Williams, der Musik für Star Wars oder Superman geschrieben hat, wurden davon inspiriert. Sam Esmail hatte zuvor schon getwittert, dass in der dieswöchigen Folge ganz tolle Musik dabei sei – wenn man sie hören würde, würde man schon wissen, was er meine. Ich hatte überhaupt keine Idee, was er damit meinte, aber es war so. Ich hörte es und ich wusste.

Screenshot Mr Robot eps2.2init1.asec: Darlene (Carly Chaikin) und Cisco (Michael Drayer)

Screenshot Mr Robot eps2.2init1.asec: Darlene (Carly Chaikin) und Cisco (Michael Drayer)

Mit einem Auge habe ich natürlich auch schon wieder im Blick, dass einige über den insgesamt nicht wirklich vorankommenden Handlungsverlauf bei Mr Robot unzufrieden sind: Aber, Leute, hier geht es ums Detail! Wobei mir das Problem INSGESAMT schon bewusst ist. Sam Esmail hat am 17. September Geburtstag. Der ist nunmal ein Erbsenzähler. Aber mit Vorfahren aus Ägypten. Also ein Kichererbsenzähler. Das wird noch. Da bin ich mir …ziemlich sicher.

Manh(A)ttan: Das Ende ist nah

Ein echter Geheimtipp für Freunde der anspruchsvollen Dramaserie ist gerade auf Netflix zu sehen: Manh(A)ttan. Von dieser Serie ist hierzulande erstaunlicherweise noch gar nichts zu hören gewesen – was vielleicht daran liegen mag, dass sie nicht aus einschlägigen Serienschmieden wie HBO, Showtime oder AMC kommt, sondern ein Produkt des in Chicago ansässigen Kabelsenders WGN America ist, der erst neu ins Seriengeschäft eingestiegen ist und mit Manhattan seine zweite Serie vorgelegt hat. Die wirklich sehr gut ist, auch wenn das Projekt nach zwei Staffeln eingestellt wurde, weil die zweite Staffel ungewöhnlich schlechte Einschaltquoten hatte.

Manhattan - wirklich gute Fernweh-Serie über das Manhattan Projekt. WGN America

Manhattan – wirklich gute Fernweh-Serie über das Manhattan Projekt. WGN America

Der Stoff ist auch nur bedingt massentauglich, auch wenn ich meine, dass eigentlich jeder das gesehen haben sollte: Es geht um das Manhattan Projekt, jenes streng geheime und im Grunde völlig wahnwitzige Programm, das garantieren sollte, dass die USA das Rennen um die Zündung der ersten Atombombe der Welt für sich entscheiden würden.

Konkret geht es um den Physiker Dr. Frank Winter (John Benjamin Hickey), der gemeinsam mit einer Reihe anderer Wissenschaftler am Konzept für eine Lösung eben jener damals gigantischen Aufgabe tüftelt. Die Figur des Dr. Winter ist von dem historischen Wissenschaftler Seth Neddermeyer inspiriert, einem  US-Physiker, der am Caltech bei Robert Oppenheimer promovierte und später am Manhattan Projekt beteiligt war. Neddermeyer war wie sein Alter Ego Frank Winter ein glühender Verfechter des Implosionskonzepts, das allerdings nur wenige Befürworter fand, weil es wegen zahlreicher technischer Schwierigkeiten als in der Praxis unmöglich umzusetzen galt. Mit der Zeit erwies es sich jedoch als die bessere Lösung: Die meisten Atombomben werden tatsächlich per Implosion gezündet. Doch der Weg dahin war voller Rückschläge und Fehlversuche, es brauchte schon ein paar besonders besessene Spinner, um diese Sache entgegen aller Widerstände zu meistern.

Es ist also eine Geschichte, wie ich sie liebe: Weltgeschichte und Wissenschaft – für meinen Geschmack gibt es viel zu wenig Serien darüber. Manhattan nun schafft hier definitiv Abhilfe – auch wenn es den Serienmachern weniger darum ging, die historischen Ereignisse möglichst exakt nachzustellen, oder gar eine akkurate Lehrstunde in Atomphysik zu liefern. Vielmehr wird den Zuschauern ein Bild dieser Zeit vermittelt: Die Welt befindet sich am Abgrund, die Mehrzahl der existierenden Staaten führen Krieg und die wissenschaftliche Elite der kriegführenden Allianzen arbeitet an konkurrierenden Projekten, die einerseits den Weltkrieg entscheiden sollen, andererseits auch das Potenzial haben, die Geschichte ein für alle Mal zu beenden, also: Die Menschheit auszulöschen.

Manhattan: Ashley Zukerman as "Charlie Isaacs," Rachel Brosnahan as "Abby Isaacs," Alexia Fast as "Callie Winter," Daniel Stern as "Glen Babbit," John Benjamin Hickey as "Frank Winter," Olivia Williams as "Liza Winter," Michael Chernus as "Louis 'Fritz' Fedowitz," Eddie Shin as "Sid Liao," Katja Herbers as "Helen Prins," Harry Lloyd as "Paul Crosley" and Christopher Denham as "Jim Meeks," in WGN America's "Manhattan" CT). Photo Credit: Justin Stephens/WGN America

Manhattan: Ashley Zukerman as „Charlie Isaacs,“ Rachel Brosnahan as „Abby Isaacs,“ Alexia Fast as „Callie Winter,“ Daniel Stern as „Glen Babbit,“ John Benjamin Hickey as „Frank Winter,“ Olivia Williams as „Liza Winter,“ Michael Chernus as „Louis ‚Fritz‘ Fedowitz,“ Eddie Shin as „Sid Liao,“ Katja Herbers as „Helen Prins,“ Harry Lloyd as „Paul Crosley“ and Christopher Denham as „Jim Meeks,“ in WGN America’s „Manhattan“ CT). Photo Credit: Justin Stephens/WGN America

Nach dem Otto Hahn Ende 1938 in Berlin die erste Kernspaltung gelungen war, befürchtete man in den USA (und gewiss auch in der UdSSR) durchaus zu recht, dass den Nazis im Verlauf des von ihnen begonnenen Weltkriegs der Bau der Bombe gelingen könnte – tatsächlich arbeiteten deutsche Wissenschaftler unter der Leitung von Werner Heisenberg im Rahmen des Uranprojekts daran, die Kernspaltung für den Bau von Waffen (und zur Gewinnung von Energie) nutzbar zu machen – allerdings gelang es ihnen damals nicht, vor der Kapitulation Deutschlands eine selbsterhaltende nukleare Kettenreaktion auszulösen. Die Alliierten zerstörten im Kriegsverlauf immer wieder wichtige Anlagen für die dafür benötigten, damals extrem schwer zu beschaffenden Ausgangsprodukte – sonst wäre die Sache vielleicht anders ausgegangen. Anfang des vergangenen Jahrhunderts waren deutsche Wissenschaftler an deutschen Universitäten Weltspitze in den Naturwissenschaften. Allerdings haben die Nazis damit gründlich aufgeräumt – und viele der von ihnen vertriebenen Wissenschaftler fanden sich aufgrund ihrer jüdischen Herkunft auf der Seite der Gegner wieder.

In den USA wurden nun hunderte der talentiertesten Wissenschaftler rekrutiert, um dem Dritten Reich zuvorzukommen – in einem streng geheimen Projekt in einem dafür eigens aus dem Boden gestampften Forschungszentrum in New Mexico. Die Serie beschreibt die paranoide und klaustrophobische Stimmung, die in Los Alamos geherrscht haben muss: Weil aber aus naheliegenden und nachvollziehbaren Gründen niemand – und schon gar nicht der Feind – davon wissen durfte, war der Ort in jenem Sperrgebiet auf keiner Karte verzeichnet – für Außenstehende gab es schlicht eine Postfachnummer.

Auch die Familien der Wissenschaftler wussten nichts von dem, woran ihre Ernährer die ganze Zeit arbeiteten – und auch die verschiedenen Arbeitsgruppen durften nichts untereinander austauschen. Jeder bekam eine Dienstnummer und durfte jeweils nur das wissen, was für die tägliche Arbeit unumgänglich war – was einerseits verhindern sollte, dass einzelne Individuen genug über das Projekt verraten könnten, um es ernsthaft zu gefährden. Andererseits wurden auf diese Weise wurden aber jene Menge wertvolle Ressourcen verschleudert, weil es keine sinnvolle Koordination zwischen den von einander abgeschotteten Arbeitsgruppen gab.

Die Implosion-Gruppe: Harry Lloyd als "Paul Crowley", Eddie Shin als "Sid Liao," Christopher Denham als "Jim Meeks,", Katja Herbers als "Helen Prins," Daniel Stern as "Glen Babbit," und Michael Chernus als "Louis 'Fritz' Fedowitz," in WGN America's "Manhattan"

Die Implosion-Gruppe: Harry Lloyd als „Paul Crowley“, Eddie Shin als „Sid Liao,“ Christopher Denham als „Jim Meeks,“, Katja Herbers als „Helen Prins,“ Daniel Stern as „Glen Babbit,“ und Michael Chernus als „Louis ‚Fritz‘ Fedowitz,“ in WGN America’s „Manhattan“

Das führte dazu, dass die Mitglieder der jeweiligen Arbeitsgruppen immer wieder in Verdacht gerieten, Spione zu sein, nur weil sie versuchten, herauszufinden, wie der Stand der Dinge in den anderen Arbeitsgruppen war, damit sie in ihrer eigenen Arbeit besser voran kämen. Wurde jemand als Spion erwischt, war das natürlich fatal – im besten Fall wurde man nur aus dem Projekt geworfen, im schlechtesten, aber durchaus wahrscheinlicheren, Fall exekutiert. Auf diese Weise verlor das Projekt insgesamt natürlich auch immer wieder gute Leute. Durch Konkurrenz unter den Arbeitsgruppen sollte der Ehrgeiz und damit die Produktivität insgesamt angestachelt werden – was aber eine ziemlich schwachsinnige Idee ist, denn faktisch sorgte genau dieser Umstand dafür,  dass viel Zeit und Arbeit für das Überleben innerhalb dieser Konkurrenz aufgewendet werden musste, statt das eigentliche Projekt voranzutreiben. An dieser Hirnrissigkeit leiden in der Serie auch fast alle – bis auf jene, deren Job es ist, verdächtige Umtriebe entschieden zu bekämpfen.

Hinzu kam, dass es sich um ein Projekt der US Army handelte, das eben militärische Maßstäbe in Sachen Geheimhaltung und Disziplin verlangte, was die in der Regel zivilen wissenschaftlichen Mitarbeiter nicht akzeptieren konnten oder wollten. Insofern war der Kunstgriff der Serienmacher, mit dem erfundenen Dr. Winter eine Hauptfigur zu etablieren, die sich genau an diesen Konflikten abarbeitet, eine wirklich gute Idee: Ausgerechnet dieser brillante, aber leider auch unbequeme Wissenschaftler ist mit seinem Ansatz zwar auf der richtigen Fährte, wie sich später herausstellen wird, wird aber erstmal aufs Nebengleis geschoben, weil sein Ansatz als zu abwegig gilt.

Dr. Frank Winter natürlich auch sonst ein schwieriger Typ, er ist ein besessenes Arbeitstier, das von seiner Handvoll Mitarbeiter genau das verlangt, was er von sich selbst erwartet – totalen Einsatz nämlich. Er ist ein Tyrann, aber einer mit Herz – ihm geht es wirklich um die Sache und nicht um seine Karriere. Die setzt er immer wieder aufs Spiel: Er wirft sich für seine Leute in die Bresche, wenn es drauf ankommt, und obwohl er nicht viel zu Hause ist, wird doch klar, dass er seine Frau und seine Tochter wirklich liebt. Mit seiner Frau teilt er sogar Geheimnisse, über die er wirklich nicht reden sollte, womit er am Ende noch mehr als seine Karriere aufs Spiel setzt.

Aber wie vermutlich die meisten seiner Kollegen klammert er sich an die Hoffnung, dass diese furchtbare Waffe, an der sie alle arbeiten, das Potenzial hat, Kriege ein für alle mal zu beenden, weil einfach niemand sie einsetzen wird: Wenn die Welt erstmal begreift, was sie da in der Wüste für ein schreckliches Ding zünden können, wird kein Befehlsaber eines demokratisch regierten Landes so etwas über einer bewohnten Großstadt abwerfen. Dr. Winter will dazu beitragen, das Zeitalter des Friedens auf Erden herbeizuführen.

Manhattan: Olivia Williams als Dr. Liza Winter, John Benjamin Hockey als Dr. Frank Winter und Alexia Fast als Callie Winter. Bild: WGN America

Manhattan: Olivia Williams als Dr. Liza Winter, John Benjamin Hockey als Dr. Frank Winter und Alexia Fast als Callie Winter. Bild: WGN America

Wie man heute weiß, ist es ganz anders gekommen – und das macht die ganze Sache so schmerzhaft. Ausgerechnet die USA sind bisher das einzige Land, das im Kriegsfall tatsächlich Atomwaffen eingesetzt hat. Und wenn man sich in der Welt umsieht, wird auch klar, dass die atomare Abschreckung eine viel zu abstrakte Gefahr ist, als dass sie konventionell ausgetragene Konflikte verhindern könnte – und die konventionellen Waffen, die als das kleinere Übel angesehen werden, richten heute schon genug Schaden an Menschen und Umwelt an. Da mag man an die vielen nuklearen Sprengköpfe, die in irgendwelchen Bunkern weltweit vor sich hinrotten, gar nicht denken.

Aber zurück zur Serie: Wenn es um die Sache geht, pfeift Dr. Winter auf Regeln und Sicherheitsmaßnahmen, denn er hat ja eine Mission. Das Implosions-Team von Dr. Winter besteht aus einem halben Dutzend schräger Nerds, allesamt Außenseiter. Da ist der als Kommunist verdächtigte Dr. Glen Babbit (Daniel Stern) mit karl-marxschem Rauschebart, der chinesische Mathematiker Sid Liao (Eddie Shin), der dickliche und bei den Frauen erfolglose Chemiker Fritz (Michael Chernus), der Anpasser Meeks (Christopher Denham) und der ebenso ehrgeizige wie windige Brite Crosley (Harry Lloyd). Und dann natürlich auch noch Dr. Helen Prins (Katja Herbers), die einzige Physikerin im Projekt – die selbstverständlich brillant ist, aber eben eine Frau.

Schließlich gibt es auch noch Dr. Liza Winter (Olivia Williams), die zwar nur als Ehefrau von Frank nach Los Alamos kam, aber eigentlich selbst eine begnadete Wissenschaftlerin ist. „Und wenn das Gehirn Ihres Mannes so groß wie Kansas ist, der Ehering an Ihrem Finger macht Sie noch nicht zur Wissenschaftlerin!“ muss Liza sich von einem jungen Schnösel sagen lassen, der nicht weiß, dass er eine der weltbesten Botanikerinnen ihrer Zeit vor sich hat.

Liza will genau wie Franks und ihre rebellische Tochter Callie am liebsten sofort wieder nach Princeton zurück, wo sie einen guten Job und die damit verbundene Anerkennung hatte – aber wenn diese Demütigung hier denn nötig ist, um den Weltkrieg gegen die Nazis zu gewinnen, stellt sie ihre eigenen Interessen natürlich hinten an. Trotzdem kann sie nicht aus ihrer Haut; weil sie erst einmal keine Arbeitserlaubnis bekommt, fängt sie an, sich als Freizeitwissenschaftlerin zu betätigen und natürlich findet sie beunruhigende Dinge heraus.

So ähnlich ergeht es auch anderen Ehefrauen, etwa Abby Isaacs (Rachel Brosnahan), der schönen Frau von Dr. Charlie Isaacs (Ashley Zukerman), einem vielversprechenden Nachwuchswissenschaftler, der in Los Alamos schnell aufsteigt. Während Charlie kaum noch Zeit für seine Familie hat, lässt sich Abby, wenn auch mit schlechtem Gewissen, auf eine Affäre mit ihrer Nachbarin ein, der Französin Elodie (Carole Weyers), die gar nicht fassen kann, wie prüde und humorlos diese Amerikaner doch sind. Ihr Mann ist ebenfalls ein hohes Tier in der Los-Alamos-Hierarchie.

Vorspann Manhattan: WGN America

Vorspann Manhattan: WGN America

Genau dieser Umstand führt dazu, dass Abby sich irgendwann doch für ihren Charlie entscheidet – sie verstrickt sich in verschiedene Machenschaften von Charlies Nebenbuhlern und als es hart auf hart kommt, hält sie dann doch zu ihrem Ehemann, obwohl sie sich eigentlich scheiden lassen will. Denn Charlie ist ständig mit dieser Helen Prins unterwegs – wobei diese Affäre in allererster Linie eine dienstliche ist, Helen kann Charlie auf den ersten Blick nicht besonders leiden, obwohl sie sich dann doch näher kommen. Helen weiß nämlich, was sie will und weil sie klug und souverän ist, hat sie eben auch Sex, wenn ihr danach ist – was sich nebenbei als ganz praktisch herausstellt, um zu erfahren, woran die Kollegen so arbeiten.

Für Abby ist das alles viel weniger einfach, obwohl sie nach und nach auch einige Dinge durchschaut. Aber es ist ja auch schwierig, herausfinden, was hier eigentlich gespielt wird, deshalb kommen immer wieder die falschen Leute unter die Räder, etwa Sid Liao, der erschossen wird, weil man ihn fälschlicherweise für einen Spion hält – während man dem eigentlichen Spion, den es im Projekt gibt, nicht auf die Schliche kommt.

Mir hat die erste Staffel sehr gut gefallen, soweit man bei einem solchen Stoff überhaupt von gefallen reden kann – es ist von hinten bis vorn eine schreckliche Geschichte, aber sehr, sehr gut gemacht. Und es gibt eine Menge ambivalenter Figuren, denen man durchaus abnimmt, dass sie einfach nur das Gute wollen, indem sie das Böse tun – genau wie bei Breaking Bad gibt es eigentlich keine wirklich sympathischen Protagonisten – die einen sind hoffnungslose Idealisten, die an ihre große Idee glauben, die anderen sind einfach hoffnungslos naiv und versuchen, aus einer Situation, in die sie geworfen wurden, das Beste zu machen. Und dann gibt es die berechnenden Arschlöscher, die aber trotzdem irgendwie Menschen sind, weil sie ja immerhin die Nazis bekämpfen.

Ein paar Nazis gibt es natürlich auch – einige Szenen spielen in Deutschland, wo Werner Heisenberg versucht, sein Manhattan-Projekt voranzutreiben. Und vermutlich gar nicht dermaßen zufällig wird man an die Szenen in der letzten Staffel von Breaking Bad erinnert, die angeblich in Hannover spielen, wo angeblich deutsche Wissenschaftler an irgendwelchen neuen Soßen tüfteln – das Deutsch, das gesprochen wird, ist zwar korrekt, aber sehr putzig – und das ist auch hier der Fall. Wobei ich mich eigentlich gar nicht darüber lustig machen will – es gibt aber immer wieder Verweise darauf, dass viele der Wissenschaftler in Los Alamos eben auch deutsche Wurzeln hatten, nicht zuletzt der oberste Projektleiter Robert Oppenheimer, eine der wenigen historischen Personen, die unter ihrem echten Namen in der Serie vorkommen.

Ansonsten gibt es eine ganze Reihe weiterer Anspielungen auf die zeitgenössische Kultur in Europa, ein Buch, das die nach Abwechslung gierenden Ehefrauen im Lager untereinander austauschen – klar ist Los Alamos im Vergleich zu den KZs im Dritten Reich ein sehr komfortables Lager, aber es ist eben auch ein Ort, den man nur mit entsprechendem Passierschein verlassen kann und an dem sehr rigide Regeln gelten – ist L’Étranger von Albert Camus. Abby, die einige Jahre Französisch gelernt hat, verschlingt den absurden Roman in Rekordzeit und zieht Schlüsse daraus: Es gibt immer eine Wahl, auch wenn sie womöglich unangenehme Konsequenzen hat.

Keine zwei Monate mehr…

… und es gibt endlich die zweite Staffel von Mr. Robot.

Der erste offizielle Trailer für die Fortsetzung ist durchaus vielversprechend – aber die von mir bereits in anderem Zusammenhang angesprochene Angst des Serienjunkies vor der zweiten Staffel erreicht jetzt neue Rekordwerte – gerade weil die erste Staffel so eingeschlagen hat, weil die Serie so frisch, unverbraucht und unerwartet gut war, kann jetzt so viel schief gehen.

Und die findigen Werbeleute und Social-Media-Experten von USA Network sind im Vorfeld ja auch schon zu Hochform aufgelaufen, in dem sie US-Präsident Obama zum vitalen Werbeträger gemacht haben, der in einem weiteren Video erklärt, dass Tyrell Wellick und fsociety in diesen fatalen Hack involviert waren, der das ganze System empfindlich getroffen hat… das war natürlich eine coole Idee.

Auch wenn ich jetzt noch mehr fürchte, dass es in den neuen Folgen vor allem um Elliots mentale Befindlichkeiten gehen wird und nicht um Systemkritik oder gar einen kühnen Entwurf, wie denn eine Gesellschaft aussehen könnte, an der Elliot – und mit ihm doch eigentlich wir alle – weniger leiden würde(n), weil die Menschen eben nicht mehr gezwungen wären, den ganzen Tag für Geld Dinge zu tun, die weder für sie, noch für andere Menschen gut sind, nur weil sie das Geld zum Überleben brauchen.

Aber wer weiß, vielleicht ist die neue Staffel doch wieder für Überraschungen gut. Und redet Mr. Robot nicht eigentlich über Apple, wenn er zu Elliot sagt, dass er sich immer nur im Kreis dreht, in der Unendlichen Schleife seines Wahnsinns? („round and round we go (…)  our infinite loop of insanity“). Das wäre doch eher ein Gag für Silicon Valley – aber der Wahnsinn hat bekanntlich viele Gesichter. Die dritte Staffel von Silicon Valley ist übrigens ziemlich gut, wo wir gerade bei dem Stichwort sind – diese Serie hat sich wirklich von Staffel zu Staffel gesteigert. Insofern besteht Hoffnung…