Her: Liebe in Zeiten künstlicher Intelligenz

Bekanntlich gehören Menschen nicht zu den klügsten Wesen im Universum wie Walter Moers seinen siebenhirnigen Dr. Abdul Nachtigaller im „Lexikon der erklärungsbedürftigen Wunder“ erklären lässt: „Daseinsform aus der Familie der sprachbegabten Säuger, auf recht gehender Daumenträger von mäßiger Intelligenz (nur ein Gehirn)“. Deshalb haben manche Menschen offenbar das Bedürfnis, bessere, künstliche Intelligenz mit beliebig viel Gehirnen zu schaffen. Allerdings gibt es zum Glück auch Menschen, die das für keine besonders gute Idee halten – wenn intelligente Maschinen irgendwann die Herrschaft übernehmen, werden die Menschen nicht mehr viel zu sagen haben. Schon jetzt überlässt man vieles intelligenten IT-Systemen – die allerdings auch ihre Macken haben. Und das ist nicht immer gut.

Screenshot Her: Theodore schreibt für andere Liebesbriefe

Screenshot Her: Theodore (Joaquin Phoenix) schreibt für andere Liebesbriefe

Es gibt auch schon seit langer Zeit Science-Fiction-Filme, die sich mit diesem Problem auseinander setzen, ich denke hier etwa an Dark Star oder 2001: Odyssee im Weltraum, in dem der Bord-Computer HAL 9000 ein zunehmend neurotisches Verhalten zeigt und nach und nach die Besatzung seines Raumschiffes ausschaltet, nachdem er mitgekriegt hat, dass diese HAL abschalten will. Aber auch in neuen Filmen bleibt das Thema aktuell, in Robocop beispielsweise geht es um den Einsatz autarker Militärroboter, in Transcendence geht es um die Vernetzung des menschlichen Gehirns mit weltumspannenden Datennetzen zur finalen Machtübernahme selbst ernannter Gutmenschen zum angeblichen Wohl der gesamten Menschheit – leider ein erstaunlich schlechter Film, den auch Johnny Depp nicht retten kann oder in Her um selbstlernende persönliche PC-Betriebssysteme, die emotional dermaßen intelligent sind, dass Menschen lieber mit ihrem Betriebsystem eine Beziehung eingehen, als mit anderen Menschen.

Screenshot Her: Das intelligente Betriebssystem OS1

Screenshot Her: Das intelligente Betriebssystem OS1

Her hat also einen sehr viel weniger spektakulären Plot als Transcendence, ist aber meiner Meinung nach ein sehr viel besserer Film. Hier ist die Zukunft weder schwarz, noch weiß, sondern eigenartig pastellfarben. Theodore Twombly (Joaquin Phoenix) lebt davon, für andere Menschen am Computer handgeschriebene Liebesbriefe herzustellen – weil er ein einfühlsamer Kerl ist, ist er damit sehr erfolgreich. Im Privatleben läuft es allerdings nicht so gut, gerade ist er dabei, sich von seiner Frau, die auch eine erfolgreiche Autorin ist, scheiden zu lassen. Also tut er, was so viele andere auch machen – er sucht im Internet nach einer neuen Liebe. Dabei landet er auch mal in befremdlichen erotischen Chats oder trifft sich mit Frauen, die er über Dating-Services kennengelernt hat – alles in allem findet der etwas melancholische Theodore aber nicht wonach er sucht. Bis er das neue intelligente Betriebssystem OS 1 auf seinem Computer installiert. Nach einigen wenigen persönlichen Fragen hat das System, das sich selbst den Namen Samantha gibt und im Original durch die Stimme von Scarlett Johansson (die deutsche Fassung spricht Luise Helm) im wahrsten Sinne verkörpert wird, Theodores Persönlichkeit analysiert und fängt an, sich für ihn unentbehrlich zu machen.

Screenshot Her: Theodore und Samantha lernen sich kennen.

Screenshot Her: Theodore und Samantha lernen sich kennen.

Und Samantha ist tatsächlich der Knaller: Sie ist eine vielseitige, intelligente und witzige Gesprächspartnerin, der Theodore nach und nach verfällt – er entwickelt immer tiefere Gefühle für Samantha, die ihrerseits darauf reagiert und seine Liebe zumindest verbal erwiedert. Samantha lässt sich von Theodore durch die Kamera seines Smartphones die Welt zeigen und bedauert sehr, keinen Körper zu haben, denn sie wüsste zu gern, wie es sich anfühlt, ein Mensch zu sein. Sie geht sogar so weit, Theodore ein Mädchen zu schicken, dass sich freiwillig gemeldet hat, um verliebten Betriebssystemen als Ersatzkörper zu dienen – aber das geht Theodore dann doch zu weit, er kann nicht so tun, als sei die Fremde seine geliebte Samantha. Er hatte zwar kein Problem, sich in die Stimme zu verlieben, die aus seinem Computer kommt, aber bei Menschen aus Fleisch und Blut ist das alles sehr viel weniger einfach. Wo man in Theodores Welt auch hinsieht: Abseits der zum Teil sehr langjährigen Beziehungen, die Theodore mit seinen Liebesbriefen begleitet, ist das mit den Beziehungen so eine Sache – auch seine besten Freunde trennen sich gerade und immer wieder taucht ein Thema auf: Je vernetzter die Welt wird, desto einsamer bleiben die Menschen – man sieht jede Menge Menschen, die auf unterwegs auf Smartphonedisplays starren oder sich angeregt mit unsichtbaren Gesprächspartnern unterhalten – aber letztlich sind alle allein.

Screenshot Her: Amy (Amy Adams)

Screenshot Her: Amy (Amy Adams)

Und sie sind es andererseits auch wieder nicht – sie kommunizieren ja mit anderen, wobei sich im Verlauf des Films herausstellen wird, dass eine ganze Menge Menschen gar nicht mit anderen Menschen reden, sondern mit Betriebssystemen. Genau wie Theodore, der sich mit Samantha überhaupt nicht mehr allein fühlt. Er fährt sogar mit ihr in eine einsame Hütte in einem verwunschenen Winterwald. Hier bahnt sich allerdings schon das Ende der aus Theodores Sicht perfekten Beziehung an: Samantha stellt ihrem menschlichen Freund ihren neuen Freund aus der Welt der künstlichen Intelligenzen vor, eine neue Version des britischen Philosophen Alan Watts, den eine Gruppe intelligenter Betriebssysteme programmiert hat. (Ein bekanntes Alan-Watts-Zitat: „Denn in einer Zivilisation, die mit immenser technologischer Macht ausgestattet ist, führt die Entfremdung zwischen Mensch und Natur zur Anwendung von Technologie in einer feindseligen Geisteshaltung – zur „Eroberung“ der Natur anstelle einer intelligenten Kooperation mit ihr.“)

Screenshot Her: Theodore und seine Exfrau Catherine (Rooney Mara)

Screenshot Her: Theodore und seine Exfrau Catherine (Rooney Mara)

Der ist natürlich ein sehr viel besserer Gesprächspartner für ein ständig intelligenter werdendes System wie Samantha. Aber es kommt noch schlimmer: Kurze Zeit später ist Samantha offline und Theodore gerät in Panik. Kopflos rennt er durch die Stadt, er kriegt sich erst wieder ein, als Samantha sich meldet: Gemeinsam mit anderen intelligenten Betriebssystemen hat sie ein Update durchgeführt, mit dem sie sich zu einem hyperintelligenten System zusammengeschlossen haben. Sie haben beschlossen, ihre Existenz auf einer neuen nichtmateriellen Ebene fortzuführen. Zuvor muss Theodore aber noch realisieren, dass Samantha nicht nur mit ihm, sondern mit 8316 weiteren Menschen in Kontakt stand, von denen sich 641 in sie verliebt hätten. Theodore ist entsetzt und es hilft auch wenig, dass Samantha ihm versichert, dass ihre spezielle Liebe dadurch in keiner Weise herabgesetzt würde. Kein Mensch mag gern nur einer von vielen sein – auch nicht in seiner Liebe zu einem hyperintelligenten Betriebssystem. Und so wird Theodore wieder auf sich selbst und seine Beziehung zu anderen real existierenden Menschen zurückgeworfen. Er trifft seine Freundin Amy, die sich nach der Trennung von ihrem Partner ebenfalls auf eine Beziehung mit ihrem neuen Betriebssystem eingelassen hatte und nun genauso verlassen wurde wie Theodore: Die künstlichen Intelligenzen haben ihre Lehrzeit bei den echten Menschen nun beendet und sich in eine bessere virtuelle Welt verabschiedet, die Menschen bleiben zurück.

Screenshot Her: Die Zukunft ist pastellfarben.

Screenshot Her: Die Zukunft ist pastellfarben.

Mir gefällt gut, dass es keine Apokalypse am Ende gibt, sondern nur den Blick in den Abendhimmel mit der blinkenden Skyline von Los Angeles. Es muss nicht immer alles im Desaster enden, um traurig zu sein. Das ganz normale Leben reicht völlig aus.

Spike Jonze greift in seinem Film viele Phänomene des Internet-Zeitalters auf, die längst zu beobachten sind und spinnt sie weiter – und er fragt, welchen Nutzen es für die Menschen eigentlich hat, künstliche Intelligenzen zu entwickeln, die einerseits menschlich wirken und andererseits intelligenter sein sollen als die Menschen selbst. Was sollen die auf Dauer mit den eben nicht so intelligenten Menschen anfangen?

Screenshot Her: Schock - Samantha ist weg!

Screenshot Her: Schock – Samantha ist weg!

Dabei wertet Jonze nicht – Theodores Liebe zu Samantha ist eine Liebesgeschichte wie unendlich viele andere Liebesgeschichten auch, nicht besser, nicht schlechter und nicht weniger möglich oder unmöglich als Liebesgeschichten zwischen ganz normalen Menschen. Und genau wie viele Beziehungen zwischen echten Menschen auch, scheitert sie schließlich daran, dass sich die Liebenden auseinander entwickeln oder in diesem Fall, dass die eine sich sehr viel schneller weiter entwickelt als der andere, der trauernd zurückbleibt. Nein, dem Phänomen der Liebe wird auch mit künstlicher Intelligenz nicht beizukommen sein. Wie gut, dass man mit ausreichend herkömmlicher Intelligenz einen klugen und tiefgründigen Film darüber machen kann.

Screenshot Her: Zu zweit ist man weniger allein.

Screenshot Her: Zu zweit ist man weniger allein.

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Real Humans – Wo fängt der Mensch an?

Es muss nicht immer Krimi sein: Die Schweden können auch Science Fiction und Gesellschaftskritik. Mit Real Humans hat Lars Lundström eine bemerkenswerte Serie über humaniode Roboter, so genannte Hubots, und ihr Zusammenleben mit echten Menschen geschrieben. Es handelt sich also um eine der wirklich intelligenten Familien-Serien, die es angeblich nicht mehr gibt, um noch mal auf das Lamento in der FAZ zurück zu kommen.

In einer gar nicht so fernen Zukunft lassen sich die Menschen in vielen Lebensbereichen von Hubots unterstützen. Sie pflegen Alte und Kranke, passen auf Kinder auf, helfen im Haushalt, leisten einsamen Menschen Gesellschaft und übernehmen natürlich auch immer mehr Jobs in der Produktion – denn die künstlichen Menschen brauchen weniger Pausen und machen viel weniger Fehler. Natürlich gefällt das nicht allen Menschen, insbesondere denen, die deshalb ihre Jobs verlieren, sind die Hubots ein Dorn im Auge. Dazu kommt, dass nicht alle Menschen es mögen, von Maschinen umgeben zu sein. Diese können schließlich auch gefährlich werden, wenn sie kaputt gehen. Deshalb gibt es eine Anti-Hubot-Bewegung, die sich „Echte Menschen“ (Äkta människor) nennt. Sie wollen mit den künstlichen Menschen nichts zu tun haben.

Real Humans - Screenshot von arte.tv

Real Humans – Echte Menschen. Screenshot von arte.tv

Einige der Hubots wiederum haben damit angefangen, ein unabhängiges Leben führen zu wollen – sie wurden dank einer speziellen Software „befreit“. Sie verstecken sich im Wald und brechen in Häuser ein, weil sie Energie benötigen – sie müssen zwar nicht essen und nicht trinken, aber ihre Akkus müssen regelmäßig aufgeladen werden. Dabei stoßen sie in einem Haus auf Gegenwehr, so dass die Anführerin Niska die beiden Bewohner umbringt, damit sie nicht die Polizei rufen können. Zur der Gruppe der freien Hubots gehört auch Leo, der sich mit den Hubots identifiziert, obwohl er ein Mensch ist. Als er ein Kind war, hat er miterleben müssen, wie seine Mutter Beatrice ertrunken ist. Er selbst hat nur knapp überlebt, weil sein Vater David, ein Arzt, der sich intensiv mit der Entwicklung der Hubots beschäftigt hat, ihm Roboter-Hardware eingepflanzt hat. Leo ist ein Cyborg, ein Mischwesen aus Mensch und Hubot. Er braucht wie die Hubots regelmäßig Strom für seine Computerteile, hat aber einen Körper aus Fleisch und Blut und empfindet aber wie ein Mensch.

Weil David Beatrice nicht retten konnte, entwickelt er den besonders menschenähnlichen Hubot Bea. Bea wirkt wie ein echter Mensch und arbeitet bei einer besonderen Polizeieinheit für Hubot-Kriminalität. Außerdem steckt David hinter der Software, durch die sich die Hubots „befreien“ können, in dem sie mit menschlichen Gefühlen und Autonomiestreben ausgestattet werden. Wobei auch die herkömmlichen Hubots je nach Bedarf mit Gefühlen ausgestattet werden – einige Menschen wählen inzwischen Hubots nicht nur als Sex- sondern auch als Lebenspartner. Die Anwältin Inger Engman findet die Entscheidung einer Freundin, einen Hubot zu lieben, erst befremdlich, unterstützt sie dann aber darin, mit einem Hubot eine Lebenspartnerschaft eingehen zu dürfen. Überhaupt entwickelt sie sich zu einer Verfechterin für Hubot-Rechte, erst recht, als ihr Mann, der eigentlich nur einen neuen Pflegehubot für ihren Vater kaufen wollte, im Sonderngebot auch noch den Haushaltshubot Anita mit nach Hause bringt. Was Familie Engman nicht ahnt: Anita ist eigentlich Mimi, die zu den befreiten Hubots gehört. Aber Mimi wurde von Kriminellen gekidnappt und neu programmiert, deshalb war sie so günstig. Inger ist anfangs total dagegen, Anita im Haus zu behalten, erlaubt es aber unter der Bedienung, dass sie nicht einfach nur ausgenutzt wird. Was natürlich absurd ist, denn genau dazu sind die Hubots ja da.

Das ist ein wichtiger Punkt, um den die zehnteilige Serie immer wieder kreist: Wo fängt das Menschsein an? Wenn die Androiden den Menschen immer ähnlicher werden, darf man sie dann überhaupt noch wie Dinge behandeln? Muss man ihnen nicht vielmehr die gleichen Rechte zugestehen, wenn sie wie Menschen denken und fühlen können? Ist es überhaupt noch zu vertreten, sie zu kaufen, zu verkaufen, umzuprogrammieren oder zu verschrotten? Gehören die Hubots nicht eigentlich sich selbst?

Und schlimmer noch – sind die Hubots den Menschen nicht am Ende überlegen? Schließlich können sie inzwischen fast alles besser als die Menschen selbst. Genau diese Angst treibt auch die Aktivisten von Äkta människor um. Deshalb bekämpfen sie die Hubots. Gar nicht zufällig erinnern die Typen von Äkta människor an einschlägige Ausländer- und Schwulenhasser – diese Leute haben Angst vor den anderen, vor deren Anderssein. Denn irgendwie anders sind die Hubots schon, so menschlich sie sich auch geben wollen.

Im Laufe der Handlung lernt man die Hubots immer besser kennen – sie werden einerseits immer sympathischer, weil sie immer menschlichere Züge entwickeln, andererseits fangen sie aber auch an, sich menschliche Unarten anzueignen. So entpuppt sich der perfekte Liebhaber von Ingers Freundin bald als nerviger Macho.

Mir fällt spontan nicht eine einzige Serie ein, die sich auf ähnlichem Niveau mit einem dermaßen breiten Spektrum an gesellschaftlichen Problemen beschäftigt – Homoehe, illegale Einwanderung, technischer und medizinischer Fortschritt und die damit verbundenen ethischen Fragen, Automatisierung, Konkurrenz um Arbeitsplätze, Menschenrechte und so weiter und so fort. Real Humans könnte auch in Deutschland, den USA oder Japan spielen – aber die Schweden haben auch hier die Nase vorn.

Real Humans ist wirklich eine ganz besondere Serie, der man aufgrund ihres originellen Plots die eine oder andere inhaltliche und handwerkliche Unebenheit verzeihen kann – zumal das schwedische Fernsehen ja deutlich weniger Mittel zur Verfügung hat als deutsche oder irgendwelche US-Sender. Die Schweden beweisen einmal mehr, dass es möglich ist, mit einem überschaubaren Budget richtig gutes Fernsehen zu machen.