Retrokritik: Ein Mann will nach oben

In Sachen Serie tut sich das deutsche Fernsehen seit einiger Zeit nicht mehr mit Innovationen hervor und selbst solide Standardkost (also Serien, die nicht total peinlich sind) ist mittlerweile ziemlich rar geworden. Das war nicht immer so, selbst das ZDF, das in den vergangenen Jahren außer KDD – Kriminaldauerdienst nichts Bemerkenswertes hervor gebracht hat – und KDD kam bei den typischen ZDF-Zuschauern ja leider nicht besonders gut an, obwohl das meiner Ansicht nach eines der wenigen interessanten deutschen Serienprojekte der letzten zehn Jahre war – hat ab und zu mal ein blindes Korn gefunden. Sozusagen. Ich trau mich das kaum zu sagen, aber früher war schon ab und zu mal etwas besser, es gab vor Jahrzehnten sogar mal brauchbare Serien im ZDF. Nein, ich meine nicht Die Schwarzwaldklinik. Sondern Projekte wie den Dreizehnteiler Ein Mann will nach oben nach dem Roman von Hans Fallada.

Nun ist eine Romanverfilmung natürlich nichts besonders Innovatives – aber mir ist die gelungene Serienadaption einer interessanten Geschichte, die sich bereits in der Buchvorlage bewährt hat, deutlich lieber als ein schlechtes Serienkonzept, das irgendwie innovativ sein will, aber tatsächlich nur teuerer Schrott ist. Viele erfolgreiche Fernseh-Serien beruhen auf Romanen, Game of Thrones, 13 Reasons Why, Dexter, Bosch – und eben auch Ein Mann will nach oben aus dem Jahr 1977.

Screenshot: Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Ich habe keins der diesen Serien zugrunde liegenden Bücher gelesen, weshalb ich nicht sagen kann, wie gut oder schlecht die Romanvorlage jeweils umgesetzt wurde, aber das ist ja auch egal, solange die jeweilige Serie als Serie funktioniert. Und das ist bei den genannten Beispielen der Fall. Ein Mann will nach oben war natürlich auch 1977 schon eine Retroserie, in der mit viel Liebe zum Detail eine längst vergangene Epoche wieder heraufbeschworen wurde. Wenn man das jetzt sieht, ist es quasi ein doppelter Retroeffekt, weil die Zehnerjahre des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive der 70er Jahre gezeigt werden, was nun auch schon wieder 40 Jahre her ist – und da war schon einiges anders.

Mal davon abgesehen, dass mit sehr viel längeren Einstellungen, viel weniger Schnitten und dafür oft ziemlich ausführlichen Dialogen gearbeitet wurde, was den Erzählfluß recht gemächlich macht und für heutige Sehgewohnheiten erst einmal ziemlich altbacken und ein bisschen langweilig wirkt, ist auch viel mehr von dem damaligen Anliegen des öffentlich-rechtlichen Staatsfernsehens zu spüren, die Zuschauer eben nicht nur zu unterhalten, sondern auch zu informieren, ja sogar zu bilden – im Sinne von Ausbildung eines kritischen bürgerlichen Bewusstseins und natürlich guter Allgemeinbildung.

Screenshot: Karl Siebrecht (Mathieu Carrière) Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Karl Siebrecht (Mathieu Carrière) Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Gut, was die Leute denken sollen, spielt im heutigen Fernsehen natürlich auch eine enervierend wichtige Rolle, weshalb viele Leute inzwischen auch so genervt von den „Lügenmedien“ sind und lieber formal unprofessionelleren Lügnern auf den Leim gehen, aber das ist hier jetzt nicht mein Thema. Was ich meine, ist, dass es mich geradezu gerührt hat, das sogar im ZDF gelegentlich sozialkritische Töne angeschlagen wurden, wobei Hans Fallada, mit bürgerlichem Namen Rudolf Ditzen ja nicht unbedingt ein besonders linker oder sozialkritischer Schriftsteller war. Sondern ein unglücklicher Sohn aus einer großbürgerlichen Familie, der zeitlebens unter seiner Alkohol- und Morphiumsucht litt und als junger Mann nur knapp einen als Duell getarnten Doppelselbstmordversuch überlebte.

Fallada schlug sich ähnlich wie sein Held Karl Siebrecht aus Ein Mann will nach oben mit allen möglichen Hilfsjobs durch, in denen er dank seiner guten Schul- und Allgemeinbildung oft schnell reüssieren konnte. Bildung ist wichtig, das wird auch in der Serie klar, wer schreiben, lesen und rechnen kann, ist klar im Vorteil. Und natürlich braucht es auch „jenügend Vastehste im Koppe“, wie Rieke sagen würde, die Berliner Jöre aus dem Wedding, die nicht nur ein flottes Mundwerk, sondern auch das Herz auf dem richtigen Fleck hat. Und Karl Siebrecht hat nicht nur genügend Verstand, sondern er ist im Gegensatz zu seinen Freunden Rieke und Kalli auch ehrgeizig und hart genug, um Karriere zu machen.

Screenshot: Rieke Busch (Ursula Monn) und Tilda Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Rieke Busch (Ursula Monn) und Tilda Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Im Jahr 1909 verlässt der sechzehnjährige Karl (Mathieu Carrière), der früh seine Eltern verloren hat, sein Heimatdorf in der Uckermark, um in Berlin sein Glück zu machen. In jener Zeit war es tatsächlich möglich, vom Tellerwäscher zum Millionär aufzusteigen – Rieke wird später zu ihrem Sohn sagen, dass alle amerikanischen Präsidenten mit Zeitungen austragen angefangen hätten. Wir wissen zwar, dass das nicht stimmt, der aktuelle US-Präsident hat vermutlich nicht mal Zeitung gelesen, sondern einfach eine Hotelkette geerbt, aber das spielt für die hier behandelte Berliner Variante des amerikanischen Traums keine Rolle.

Im Zug trifft Karl auf die noch etwas jüngere Rieke (Ursula Monn), die Karl gleich in ihre Unternehmung einspannt: Sie war bei einer Tante auf dem Land, um sich einen Anteil vom Schlachtfest zu sichern und braucht jemanden, der ihr mit den schweren Körben und der kleinen Schwester hilft. Karl hilft – und hat mit Rieke auch eine treue Seele gefunden, die ihm in der fremden großen Stadt weiterhelfen kann. Karl zieht mit in die enge Arbeiterwohnung der Familie Busch, Küche und Stube teilt sich Rieke fortan mit ihrem Vater, der sich nach dem Tod seiner Frau vor allem dem Schnaps widmet, der kleinen Tilda und Karl, bald kommt auch noch Kalli Flau (Reiner Hunold) hinzu, der schlagkräftige Seemann, der ebenfalls in Berlin auf eine bessere Zukunft hofft.

Screenshot: Vater Busch ((Walter Buschhoff), Rieke (Ursula Monn) und Karl (Mathieu Carrière) Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Vater Busch ((Walter Buschhoff), Rieke (Ursula Monn) und Karl (Mathieu Carrière) Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Rieke versorgt ihre Familie, so gut sie kann und geht nebenher noch in die Schule – wie so viele Frauen arbeitet sie praktisch rund um die Uhr, denn Haushalt ist Frauensache und zu jener Zeit noch ein echter Knochenjob, außerdem geht sie putzen und lernt nähen, denn das Leben ist teuer und Geld immer knapp.

Karl schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch – gleich am ersten Tag heuert er auf einer Baustelle an, von denen es viele gibt im der Berliner Gründerzeit. Sein Job ist es, Koks für die Trockenwohner in die Wohnungen zu schleppen. Arme Familien, die sich keine Mietwohnung leisten können, entgehen mit dem Trockenwohnen der feuchten Neubauten der Obdachlosigkeit – auf Kosten der Gesundheit natürlich, aber so ist das eben. Als der naive Karl sich gegenüber seinem Arbeitgeber, dem Immobilienhai Kalubrigkeit empört über diese Zustände zeigt, ist er seinen Job gleich wieder los: So einen roten Bubi will der nicht in seinen Diensten. Karl muss feststellen, dass es offenbar nicht nur darauf ankommt, gute Arbeit leisten zu wollen, sondern auch darauf, gegenüber Höhergestellten Demut und Gehorsam zu zeigen. Das fällt ihm schwer, denn Karl hat seinen Stolz. An dem er auch stur festhält.

Screenshot:  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Karl, Rieke und Kalli müssen sich immer wieder etwas Neues einfallen lassen, denn viele ihrer Versuche, mit ehrlicher Arbeit Geld zu verdienen, scheitern daran, dass Karl und Rieke einfach noch zu jung sind, um Verträge zu schließen, weshalb sie immer wieder betrogen und über den Tisch gezogen werden. Schließlich versuchen Karl und Kalli sich als Gepäckträger, was einerseits ein einträgliches Geschäft ist, denn Berlin hat, wie viele Großstädte zu jener Zeit, eine ganze Reihe großer Kopfbahnhöfe, die am Rand des Zentrums liegen, aber jeweils nicht durch Bahnstrecken miteinander verbunden sind. S- und U-Bahnen waren zu jener Zeit noch in Planung bzw. im Bau. Passagiere und Gepäck müssen also jeweils durch die Innenstadt zum nächsten Bahnhof befördert werden. Doch weil im preußischen Berlin alles seine Ordnung hat, braucht man dafür eine Lizenz als Dienstmann.

Und Karl und Kalli sind auch dafür noch zu jung, und dann muss man sich auch noch mit der Innung gut stellen, um eine Lizenz als Dienstmann übernehmen zu können, wenn etwa einer aus Altersgründen ausscheidet. Also arbeiten sie als Haifische – so werden die Gepäckbeförderer ohne Lizenz genannt, die denen mit Lizenz die Fuhren wegschnappen, weil sie schwarz arbeiten und ihre Dienste entsprechend billiger anbieten. Diese illegale Konkurrenz ist natürlich keineswegs beliebt, und die Rotmützen drohen dem alten Kürass, der sich von Karl und Kalli helfen lässt, an, seine Karre zu zerstören, weil die drei natürlich mehr wegschaffen können, als jeweils einer allein.

Screenshot: Kalle Flau (Rainer Hunold) und Karl Siebrecht Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Kalle Flau (Rainer Hunold) und Karl Siebrecht Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Ganz aus ist es dann, als Karl auch noch auf die Idee kommt, die Gepäckbeförderung mit einem Pferdefuhrwerk zu rationalisieren – damit lässt sich mit einer Fuhre noch viel mehr transportieren. Karl leiht sich bei dem windigen Fuhrunternehmer Wagenseil (Harald Juhnke in einer Vorstudie zu seiner Rolle in Der Trinker) Pferde und Wagen und bietet den Dienstmännern an, ihr Gepäck zu befördern – für die Hälfte ihrer Taxe. Das sorgt für Empörung: So ein grüner Junge macht ihnen das Geschäft kaputt! Denn natürlich sehen die ehrbaren Dienstmänner Karls Initiative nicht als Arbeitserleichterung und Win-Win-Situation an, wie Karl sich das eigentlich vorgestellt hat: Da kommt einer, der was Neues ausprobieren will – und das ist erstmal ein Ärgernis.

Aber der sture Karl hält tatsächlich durch und kann mit Kallis schlagkräftiger Unterstützung seinen Hauptfeind Kiesow schließlich zur Aufgabe des für alle beteiligten destruktiven Boykotts zwingen: Die Gepäckbeförderungsfirma Siebrecht & Flau entwickelt sich schnell zu einem erfolgreichen Unternehmen. Jetzt stellt sich allerdings auch heraus, dass der gerissene Wagenseil Karl einen ungünstigen Vertrag angedreht hat – vor allem die Klausel, dass Karl die Gespanne ausschließlich bei Wagenseil beschaffen muss, wird zum Klotz am Bein. Außerdem macht Karl es zunehmend zu schaffen, dass Wagenseil einen erheblichen Anteil seiner Einnahmen kassiert, ohne selbst einen Finger krumm zu machen und beschließt, in die Offensive zu gehen: Er bewirbt sich um eine Generallizenz für die Einrichtung von Gepäckaufgabestellen in allen Berliner Bahnhöfen und bootet Wagenseil aus, der sich ebenfalls darum beworben hat.

Screenshot:  Wagenseil (Harald Juhnke) und Karl Siebrecht  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Wagenseil (Harald Juhnke) und Karl Siebrecht Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Doch Wagenseils Rache ist bitter: Er stellt Karl nur noch die schwächsten Klepper und die brüchigsten Wagen – die Gepäckbeförderung bricht schnell zusammen. Karl, Rieke und Kalli müssen einen neuen Rückschlag verkraften. Doch es zeichnet sich eine neue Chance ab: Die Stammkneipe von Vatern Busch steht zum Verkauf. Wenn sie ihre Ersparnisse zusammenschmeißen, können sie Die Funzel kaufen – das wäre zumindest Riekes und Kallis Lebenstraum. Doch sie müssen sich schnell entscheiden, der Verkäufer will am nächsten Morgen in sein neues Leben aufbrechen. Auch wenn Karl nicht wirklich überzeugt ist, macht er mit – und es stellt sich schnell heraus, dass die drei schon wieder auf einen Betrüger hereingefallen sind. Nur weniger Stunden zuvor ging das Objekt an einen Architekten, der Vertrag, den die drei gegen ihr Bargeld bekommen haben, ist wertlos, sämtliche Ersparnisse futsch.

Doch nun auf dem Tiefpunkt hysterischer Verzweiflung kommt Karl die rettende Eingebung: Wozu Pferdewagen mieten, wenn man Automobile haben kann? Karl setzt alles auf eine Karte und fährt zur Villa des Autohändlers Ernst Gollmer. Dessen Tochter Ilse hält Karl für den erwarteten Gärtner und lässt ihn hinein – die beiden hatten sich schon einmal kurz zuvor zufällig getroffen. Karl erklärt, dass er nicht der erwartete Gärtner sei, stellt sich aber durch seine Jugend auf dem Land als patent genug heraus, den von ihm erwarteten Job zu erledigen. Damit hat er das Interesse von Ilse und ihrem Vater geweckt – Karl darf sein Projekt pitchen, wie man heute sagen würde, und er präsentiert dermaßen überzeugend, dass der alte Gollmer gleich einen Businessplan aufstellt und Karl zu seinem Geschäftspartner in Sachen Hauptstadtgepäckbeförderung macht. Gollmer liefert fünf Lastwagen an Siebrecht &Flau und Karl fängt an, sein Unternehmen zu professionalisieren – er stellt einen Buchhalter ein, womit er seine bisherige Sekretärin Fräulein Palude tief kränkt, und auch Rieke und Kalli sind mit den Entwicklungen überfordert und beschließen, stattdessen die Funzel zu pachten. Deren Käufer hat den beiden ein entsprechendes Angebot gemacht, weil sie ja offenbar mit Herzblut bei der Sache sind.

Screenshot:  Die missgünstigen Dienstmänner  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Die missgünstigen Dienstmänner Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Damit bricht die jahrelange Wohn- und Schicksalsgemeinschaft der drei Freunde auseinander – Rieke und Kalli richten sich mit der Funzel ein, Karl hingegen pendelt zwischen der Grunewald-Villa seiner neuen Freundin Ilse und dem proletarischen Wedding. Aber in keiner dieser Welten ist er wirklich zuhause. Und dann kommt der erste Weltkrieg – sowohl Karl als auch Kalli werden einberufen und müssen an die Front. Und weil man ja nicht weiß, was kommt, verbringt Rieke sowohl mit Karl als auch mit Kalli jeweils eine Liebesnacht – dabei ist Rieke eigentlich nicht so eine, und die Freunde hatten sich vor Jahren auch gegenseitig versprochen, dass sie sich bei Rieke zurückhalten wollen, um sie nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Aber Rieke wird natürlich prompt schwanger – und sie ist ganz sicher, dass Karl der Vater ist. Was auch zutrifft. Kalli aber stört das nicht, als er als Kriegsversehrter nach Hause kommt – er hat an der Ostfront seine linke Hand verloren.

Karl hingegen ist an der Westfront gelandet und hat prompt wieder Ärger mit einem Vorgesetzten, was in diesem Fall lebensgefährlich ist, denn er wird auf ein Himmelfahrtskommando geschickt. Aber auch hier kann er sich mit kühlem Kalkül, Mut und etwas Glück wieder aus der Affäre ziehen – allerdings erblindet er nach einem Giftgasangriff vorübergehend und gerät in französische Kriegsgefangenschaft. Er gilt als verschollen. Rieke und Kalli schlagen sich Zuhause mit Vater, Kind und der heranwachsenden Tilda in der Funzel durch die Kriegs- und Nachkriegszeit. Die beiden beschließen, endlich zu heiraten. Doch ausgerechnet da kommt der langvermisste Karl zurück.

Screenshot:  Karl und Kalli  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)Screenshot:  Karl und Kalli  Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Screenshot: Karl und Kalli Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Rieke ist überglücklich und heiratet ihren Karl, auch wenn der schon wieder mit anderen Dingen beschäftigt ist – er ist in Schiebergeschäfte mit Freikorpssoldaten verwickelt, denn sowohl das Taxigeschäft, als auch die Kneipe werfen einfach nicht genug Gewinn ab. Natürlich geht die Sache mit Rieke und ihm nicht gut, sie lassen sich schließlich einvernehmlich scheiden. Jetzt hat endlich der geduldige Kalli seine Chance und natürlich nimmt er Rieke – er hat ja nie etwas anderes gewollt.

Karl hingegen trifft Ilse Gollmer wieder, die mit ihrem Vater ein Fluggeschäft in Tempelhof aufbaut. Der alte Gollmer stellt Karl natürlich ein, er weiß ja, dass Karl ein tüchtiger Geschäftsmann ist. Und er hätte zu gern, dass Karl Ilse heiratet, eine Familie gründet und den Betrieb übernimmt. Doch die jungen Leute haben heutzutage andere Pläne…

Alles in allem erzählt Ein Mann nach oben also von der Sehnsucht nach Glück und den unterschiedlichen Definitionen davon – während Rieke und Kalli schon selig sind, wenn sie sich zum Frühstück warme Schrippen mit Honig und echten Bohnenkaffee leisten können, hastet Karl schon zum nächsten Geschäftstermin weiter. Mit gutem Essen und edlem Schampus ist er nicht zufrieden, auch wenn ihm das natürlich gefällt, genau wie ein maßgeschneiderter Anzug mit einem elegantem Hut. Karl will beeindrucken, und er will immer noch mehr, er will besser sein, cleverer, er ist einer, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen kann, jedenfalls fast, aber er ist kein Betrüger, im Gegenteil, er ist für diese Welt eigentlich zu ehrlich. Wenn er ab und zu mal fünfe grade sein lassen könnte, ginge es ihm und seinen Freunden sicherlich besser.

Screenshot: Die

Screenshot: Die „Dreier-WG“ Karl, Rieke und Kalli Ein Mann will nach oben (Deutschland 1977)

Aber Karl Siebrecht kann eben nicht raus aus seiner Haut. Das macht ihn dann doch wieder sympathisch, weil er eben nicht einer dieser modernen Strebertypen ist, die für ihren Erfolg über Leichen gehen, sondern einfach ein pfiffiger junger Mann mit Ambitionen und Prinzipien. Überhaupt sind die Typen in Ein Mann will nach oben alle herrlich menschlich – Hans Fallada hatte ein Herz für Verlierer, soviel steht fest. Aber er hat auch nichts dagegen, wenn seine Helden ab und zu ein bisschen Glück haben – vor allem der großherzigen Rieke würde man noch ein bisschen mehr davon gönnen. Aber die gehört ja zu denen, die nicht rumjammern, sondern die Ärmel hochkrempeln und aus allem das Beste machen. Rieke würde definitiv Limonade machen, wenn das Leben ihr Zitronen gäbe, wie es in This Is Us so schön heißt. This Is Us ist ja ein aktuelles Beispiel dafür, dass man aus dem Leben an sich noch immer serientaugliche Geschichten machen kann – man braucht nur jemand, der es wagt, sie zu erzählen.

Erzählungen wie Ein Mann will nach oben sind in diesen Zeiten natürlich nicht mehr zeitgemäß – aber irgendwie dann wieder doch, einfach um sich klar zu machen, dass wir derzeit einen unglaublichen und ärgerlichen gesellschaftlichen Rückschritt erleiden: Vor gut hundert Jahren bedeutete es einen ungeheuren Aufstieg, wenn man sich aus der engen Hinterhofwohnung in die Belle Etage im Vorderhaus hocharbeiten konnte. Aber der war mit Fleiß und Bildung möglich. Heute ist es eher so, dass man sich trotz guter Ausbildung und einer Menge Einsatz dem ständig drohenden Abstieg gegenüber sieht, der erfolgt, sobald man einen halbwegs vernünftig bezahlten Job verliert und das eigene Haus oder die zentral gelegene Wohnung nicht mehr bezahlen kann. Heute wäre das Thema also eher: Ein Mensch will nicht nach unten. Eine solche Geschichte sollte es doch auch wert sein, erzählt zu werden. Aber vermutlich macht heutzutage kein Sender dafür Produktionsgelder locker – heute soll das Volk nicht mehr ausgebildet und aufgeklärt, sondern eingelullt werden. Die da oben wissen schon, was gut für uns ist. Wir haben ja Freiheit und Demokratie, wenn jetzt alle die die Hände spucken und ranklotzen, wird alles gut.

Wers gloobt, dem vakoof ick nen Jebrauchtwagen.

The Last Kingdom: Vikings aus Sicht der Engländer

Um das Warten auf Staffel 5 der Nordland-Saga Vikings zu überbrücken, habe ich über das Osterwochenende The Last Kingdom angesehen – auch in dieser BBC-Serie geht es um die Eroberung der angelsächsischen Königreiche durch die Wikinger, nur eben aus der weniger erfreulichen Perspektive der Engländer. Insofern steht hier nicht Ragnar Lothbrok im Mittelpunkt, sondern ein gewisser Uhtred von Bebbanburg, der Sohn eines englischen Lords, der nach einer verlorenen Schlacht, in der sein Vater von den Wikingern getötet wird, in die Hände der Dänen fällt. Wobei der große Eroberer Ragnar auch hier im Grunde ein ganz netter Kerl ist, denn er findet Gefallen an dem Jungen, der zwar noch recht klein, aber dafür mutig und kämpferisch ist, fast wie ein Wikinger halt.

The Last Kingdom © Carnival Film & Television Ltd Photographer: Joss Barratt Alexander Dreymon (as Uhtred)

The Last Kingdom © Carnival Film & Television Ltd Photographer: Joss Barratt Alexander Dreymon (as Uhtred)

Als Ragnar mitbekommt, dass die Engländer Uhtred nur frei kaufen wollen, um ihn dann zu töten, weil er der nächste Lord von Bebbanburg wäre – diesen Posten hat sich aber der Onkel des Jungen nach dem Tod seines Bruders schon gesichert – beschließt der weise Nordmann, den jungen Angelsachsen als seinen eigenen Sohn großzuziehen. Er nimmt auch die ebenfalls entführte Brida in seine Familie auf. Die beiden angelsächsischen Kinder sollen ihm etwas über die Leute und das Land beibringen, in dem sich die Wikinger nun niederlassen wollen – denn die britischen Inseln sind viel angenehmer und furchtbarer als das Land, aus dem sie kommen.

Uhtred und Brida finden mit der Zeit Gefallen an der wikingischen Lebensweise – natürlich müssen die Menschen ebenfalls hart arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber die Götter der Wikinger sind nicht so elende Spaßbremsen, wie dieser eine strenge Gott, an den die Angelsachsen glauben. Die Wikinger feiern gern und sind auch sonst nicht so verklemmt wie die christlichen Angelsachsen.

The Last Kingdom © Carnival Film & Television Ltd

The Last Kingdom: Zuhause bei den Wikingern © Carnival Film & Television Ltd

Aber es gibt auch Stress und Rivalitäten unter den Wikingern – und so fällt Ragnars Familie einem perfiden Racheplan zum Opfer, nur der älteste Sohn Ragnar Ragnarsson, der sich im Norden ein eigenes Reich aufgebaut hat, überlebt – sowie Uhtred und Brida, die ein Schäferstündchen im Wald hatten. Natürlich sieht das nicht gut aus. Es bietet sich förmlich an, die ganze Sache diesem angelsächsischen Bastard in die Schuhe zu schieben.

Uhtred (gespielt von dem deutschen Schauspieler Alexander Dreymon) ist über den Tod seines Ziehvaters verzweifelt, aber er begreift, dass er für die Wikinger als Verräter dasteht. Er fasst nun einen anderen Plan: Er will sich sein Erbe zurückholen und als angelsächsischer Ealdorman anerkannt werden. Also sucht er gemeinsam mit Brida das letzte der britischen Königreiche auf, das noch nicht von den Dänen unterworfen wurde: Wessex.

The Last Kingdom: Ragnar Lothbrok (Peter Gantzler) © Carnival Film & Television Ltd

The Last Kingdom: Ragnar Lothbrok (Peter Gantzler) © Carnival Film & Television Ltd

Uhtred hat Glück: Weil der Mönch Beocca, der einst Berater von Uhtreds Vater war, inzwischen Berater an König Aethelreds Hof ist, ihn nach all den Jahren wieder erkennt, schafft er es sogar, beim König vorgelassen zu werden, obwohl er für einen Dänen gehalten wird. Uhtred versucht, das Vertrauen des Königs zu erlangen, in dem er ihn über die Schlachtpläne der dänischen Häuptlinge Ubba und Guthrum aufklärt, die er anhand von wikingischen Zeichen, die sie hinterlassen, deuten kann.

Aber warum sollte ein englischer König einem dänischen Bastard vertrauen? Aethelred konsultiert seinen Bruder Alfred, der gesundheitlich nicht auf der Höhe und auch sonst etwas verschroben ist. Aber Alfred ist ein schlauer Kerl, er vertraut nicht nur auf Gott, sondern auch auf Verstand. Und der sagt ihm, das Uhtred sehr nützlich sein kann – aber auch, dass er gefährlich werden könnte. Also empfiehlt er seinem Bruder, auf Uhtred zu hören, ihn und Brida aber sicherheitshalber einzusperren – falls irgendetwas schief läuft.

The Last Kingdom | Episode Two © Carnival Film & Television Ltd Photographer: Joss Barratt David Dawson (as Alfred) with Alexander Dreymon (as Uhtred)

The Last Kingdom | Episode Two © Carnival Film & Television Ltd Photographer: Joss Barratt David Dawson (as Alfred) with Alexander Dreymon (as Uhtred)

Es stellt sich schließlich heraus, das Uhtred recht hatte – die Engländer können Wessex gegen die Dänen verteidigen, allerdings wird König Aethelred in der Schlacht tödlich verwundet und setzt Alfred als seinen Nachfolger ein, weil er weiß, dass sein nichtsnutziger Sohn nicht zum König taugt. Damit gibt es jede Menge Konfliktpotenzial, das locker für die acht Folgen der ersten Staffel ausreicht – am Ende dreht sich die Serie darum, wie Alfred nicht nur sein Königreich verteidigt, sondern auch den Grundstein für ein vereintes englisches Königreich legt, britische Geschichte also, Alfred ist der einzige britische König, der den Beinamen „der Große“ erhalten hat.

Uhtred hingegen ist keine historische Person im eigentlichen Sinne, aber dennoch eine interessante Figur, die zwischen den Welten pendelt – er ist weder Wikinger, noch Angelsachse, und sowohl die Wikinger als auch die Angelsachsen sehen in ihm jeweils einen Fremdling, dem man nicht trauen kann. Nützlich ist, dass er sowohl englisch als auch dänisch spricht und die Lebensweise dieser gefährlichen Heiden kennt – außerdem ist er ein guter Kämpfer. König Alfred gibt Uhtred also eine Chance: Wenn er eine englische Lady heiratet, die Land besitzt, kann er ein Ealdorman werden und sich sein Erbe zurückholen. Das ist natürlich bitter für seine Freundin Brida – trotzdem willigt Uhtred ein.

The Last Kingdom © Carnival Film & Television Ltd Photographer: Joss Barratt Emily Cox as Brida

The Last Kingdom © Carnival Film & Television Ltd Photographer: Joss Barratt Emily Cox as Brida

Brida (Emily Cox) verlässt daraufhin Uhtred und Wessex, um sich den Wikingern um den jungen Ragnar anzuschließen – für sie als Frau hat die angelsächsische Lebensweise nur Nachteile, denn Anpassung und Unterordnung sind nicht ihr Ding. Uhtred hingegen ist von seiner neuen Frau Mildrith sehr angetan, sie ist sittsam, jung und eine Augenweide – dass sie hochverschuldet ist, hat Alfred ihm wohlweislich verschwiegen: Durch Missernten ist sie mehrere Jahre im Rückstand, was die Abgaben an die Kirche angeht. Und die denkt natürlich nicht daran, diese Bürde vom Rücken ihrer armen Tochter zu nehmen. Trotzdem ist die Ehe glücklich, Mildrith wird schwanger.

Währenddessen gehen die Kämpfe im Land weiter – Ragnar Jr. und Guthrum erobern Wareham, neue Friedensverhandlungen werden nötig. Um eine Waffenruhe zu gewährleisten, gibt es einen Austausch von Geiseln: Jeweils zehn Männer gehen ins feindliche Lager. Uhtred gehört zur englischen Delegation. Unter den Dänen trifft er seinen Ziehbruder Ragnar und Brida wieder, die nun mit Ragnar zusammen ist. Als der grausame Ubba von einem Irland-Trip zurückkehrt, lässt der die englischen Geiseln töten – bis auf Uhtred, für den Ragnar ein gutes Wort einlegt. Uhtred kann entkommen und entzündet ein Leuchtfeuer, das Wessex vor einer neuen Invasion warnt: Guthrum ist mit zahlreichen Schiffen im Anmarsch.

The Last Kingdom: Bereit zum Kampf © Carnival Film & Television Ltd

The Last Kingdom: Bereit zum Kampf © Carnival Film & Television Ltd

Allerdings haben die Angelsachsen wieder Glück: Ein Sturm vernichtet einen großen Teil der dänischen Schiffe. Außerdem schleicht Uhtred sich in das Lager der Dänen und steckt weitere der übrig gebliebenen Schiffe in Brand. Durch das entstehende Chaos sind die Engländer siegreich. Als Uhtred erfährt, dass er einen Sohn bekommen hat, beschließt er allerdings, erst zuhause vorbei zu schauen, anstatt sich gleich auf den Weg zu Alfred zu machen. Also staubt der junge Odda den Ruhm ab, der eigentlich Uhtred gebührt, während auf den tapferen, aber diplomatisch ungeschickt agierenden Uhtred wieder nur jede Menge Ärger wartet.

Mir gefällt The Last Kingdom fast besser als Vikings, weil es noch weniger an Game of Thrones erinnert – Vikings hat zwar eine historische Grundlage, ist aber oft wie ein Fantasy-Spektakel anzusehen, die Kostüme sind spektakulär – und die Frisuren und Tätowierungen erst! Es gibt immer wieder Traumsequenzen und eine Menge meist schwarzer Magie, auch die Umwelt, insbesondere in Kattegat, ist immer wieder sehr kulissenhaft inszeniert, es liegt dort eigentlich zu jeder Jahreszeit Schnee – wobei genau dieser düstere Schwarzweiß-Look ja auch wieder den Stil dieser Serie ausmacht, den ich im Prinzip sehr mag – optisch und stilistisch gibt es mehr Parallelen zu Taboo als zu The Last Kingdom.

The Last Kingdom: Jonas Malmsjö as Skorpa © Carnival Film & Television Ltd

The Last Kingdom: Jonas Malmsjö as Skorpa © Carnival Film & Television Ltd

The Last Kingdom hingegen versucht, möglichst realistisch auszusehen, obwohl es auch es hier erstaunlich viel altenglischen Schnee gibt: die Jahreszeiten passen auch im letzten Königreich nicht immer zusammen. Einige der Vikinger haben ebenfalls coole Tattoos, Guthrum trägt eine Rippe seiner Mutter in sein Haar geflochten, und  natürlich machen sich viele der Szenen in kahlen Wäldern tatsächlich besser – aber wenn die Bäume nur einen Schnitt später plötzlich voll belaubt sind, dann ist das irgendwie nicht besonders glaubwürdig. Wir sind hier ja eben nicht in Game of Thrones, wo es Fantasy-Reiche mit langen Wintern und ewigen Sommern gibt, auch wenn das ja mittlerweile die Referenz-Serie für fast alles ist, obwohl eben „bloß“ Fantasy.

Insofern finde ich gut, dass The Last Kingdom dann doch nicht zu sehr auf Game of Thrones getrimmt ist, sondern im englischen Mittelalter bleibt, die Kostüme und sonstige Ausstattung sind vergleichsweise schlicht, viele der Figuren haben historische Vorbilder und die Auseinandersetzung zwischen den nordischen Heiden und den angelsächsischen Christen liefert spannenden Stoff genug – ich werde bestimmt bald in die zweite Staffel einsteigen.

The Last Kingdom: Uhtred (Alexander Dreymon) und Brida (Emily Cox) © Carnival Film & Television Ltd

The Last Kingdom: Uhtred (Alexander Dreymon) und Brida (Emily Cox) © Carnival Film & Television Ltd

Taboo: Definitiv keine Familienserie

Bei all den überraschend guten neuen US-Familien-Dramen wie This Is US oder Big Little Lies brauchte ich zur Abwechslung mal wieder härtere Kost, und was wäre da besser geeignet als eine britische Grusel-Serie in historischem Ambiente? Genau, die Rede ist von Taboo, jener überaus düsteren BBC-Serie, die hierzulande jetzt bei Amazon zu sehen ist.

Im Grunde ist Taboo eine weitere Version von Joseph Conrads Roman Das Herz der Finsternis – der wahnsinnige Halbgott Kurtz ist dieses Mal der Afrika-Heimkehrer James Keziah Delaney (Tom Hardy), der ganz offensichtlich ein paar Schrauben locker hat. Aber das ist auch kein Wunder – schließlich wurde er zehn Jahre lang für tot gehalten. Dass er entgegen aller Erwartungen erst ein Schiffsunglück und dann den schwarzen Kontinent überlebt hat, lässt darauf schließen, dass James, nun ja, sagen wir: höchst ungewöhnliche Erfahrungen gemacht hat. Sein muskulöser Körper ist mit großflächigen Tätowierungen gezeichnet, er redet mitunter in einer unverständlichen Sprache und vollzieht merkwürdige Rituale. Die Londoner bezeichnen ihm abschätzig als wahnsinnigen Wilden.

Taboo: James Delaney (Tom Hardy) an der Themse. Bild: FX/BBC

Taboo: James Delaney (Tom Hardy) an der Themse. Bild: FX/BBC

Ansonsten erweist er sich aber zum Leidwesen der Britischen Ostindien-Kompanie als enervierend clever und verfügt offenbar über ungeahnte Ressourcen, um der alt-ehrwürdigen Company ernsthaft Schwierigkeiten zu bereiten. James Delaney erinnert mich ein bisschen an Ragnar Lothbrock aus der Serie Vikings – genau wie Ragnar laviert er zwischen den alten Göttern seiner Vorfahren und dem einen neuen Gott derer, die er unterwerfen will. Im Zweifel macht er sich aber weder von irgendwelchen Göttern noch sonstigen Konventionen abhängig, sondern zieht einfach sein Ding durch, wobei er grausam gegen seine Feinde und großzügig mit seinen Freunden ist. James Delaney ist ein sehr ähnlicher Typ, nur dass er noch weniger Freunde hat und noch weniger redet.

Delaney bewegt sich zwischen den Göttern seiner Mutter, einer Indianerin aus dem Stamm der Nootka, deren strategisch wichtiges Stück Land vor Vancouver Island James nach dem Tod seines Vaters geerbt hat, und den Voodoo-Göttern Afrikas, die ihn offenbar gerettet haben. Ein bisschen Angel Heart is also auch dabei. Und eine Menge Deadwood, auch wenn London im Jahr 1814 natürlich längst eine alt-ehrwürdige Großstadt mit Palästen und beeindruckenden Bürgerhäusern ist. Das dreckige London der Armen und Verfemten, in dem Delaney sich herumtreibt, wirkt mit seinen schäbigen Bretterbuden nämlich eher wie eine Westernstadt. Und auch hier gilt das Recht des Stärkeren.

Taboo: Zilpha Geary (Oona Chaplin) Bild: BBC

Taboo: Zilpha Geary (Oona Chaplin) Bild: BBC

Das ist hier in der Regel der, der Geld hat – damit kommen wir zu dem ganz neuen Gott, dem nicht nur die East India Company huldigt: dem Profit. Auch James Delaney ist vor allem ein Geschäftsmann, der sich ein eigenes Handelsimperium aufbauen will. Vom Nootka Sound aus will er Tee aus Kanton holen und ein Monopol auf Tee etablieren. Sagt er den Engländern. Den Amerikanern sagt er, er wolle mit Otterfellen handeln. Er weiß, dass beide Parteien an seinem Stück Land interessiert sind, weil es ihnen jeweils einen strategischen Vorteil verschaffen würde – zwischen Großbritannien und Amerika herrscht Krieg, den Delaney geschickt für seine eigenen Pläne nutzt.

Und dann hat er noch eine Rechnung mit der East India Company offen – nachdem das Schiff, auf dem er als junger Kadett im Dienst der Company stand, vor einer afrikanischen Küste auf Land lief und sank, wurde er für tot erklärt. Es durfte keine Überlebenden geben, das Schiff hatte nämlich Sklaven an Bord – und die ehrwürdige Britische Ostindien-Kompanie wollte laut einem vor ihr selbst unterzeichneten Kodex keine Sklaven mehr auf ihren Schiffen transportieren. Doch auch der Vorsitzende der Company, Sir Stuart Strange (Jonathan Pryce), verehrt vor allem die kapitalistischen Götter, und Sklaven bringen mehr Profit als alles andere.

Taboo: Lorna Bow (Jessie Buckley) Bild: BBC

Taboo: Lorna Bow (Jessie Buckley) Bild: BBC

Irgendwie findet James Delaney das dann aber doch nicht gut – er hat der ehrwürdige Company den Krieg erklärt. Wobei lange Zeit nicht so richtig klar wird, warum – Delaney ist ein gerissener Geschäftsmann, soviel ist sicher, aber gleichzeitig schert er sich einen Dreck um Ruhm und Anerkennung. Er macht sich auch nicht viel aus dem christlichen Glauben – er lebt nach seinen eigenen Regeln. Und die sind zum Teil sehr krude: Es wird bezeugt, dass Delaney seinen Feinden das Herz aus der Brust reißt und verzehrt. Und er liebt seine schöne Halbschwerster Zilpha (Oona Chaplin) – durchaus nicht in der Weise, wie ein treu sorgender Bruder das tun sollte.

Und skandalöser noch: Zilpha liebt James auch auf diese gefährliche, eben nicht geschwisterliche Weise. Sie begehrt ihren Bruder genauso wie er sie. Allerdings sucht sie im christlichen Glauben Zuflucht, auch wenn das eher wenig hilft. Und sie redet sich ein, dass ihre Ehe mit dem wohlhabenden, aber sonst eher unterbelichteten Thorne Geary (Jefferson Hall) glücklich ist. Oder genauer, sie bestraft sich selbst mit ihrem eifersüchtigen Ehemann für ihre unzüchtige Sehnsucht nach ihrem Bruder.

Taboo: Sir Stuart Strange (Jonathan Pryce) Bild: BBC

Taboo: Sir Stuart Strange (Jonathan Pryce) Bild: BBC

Der wiederum an seinem Plan arbeitet, in der neuen Welt gemeinsam mit ihr neu anzufangen – in Amerika kennt sie schließlich keiner, dort können sie sein, wer immer sie sein wollen. Aber dazu muss er eine Menge Probleme lösen – so hat sein Vater kurz vor seinem Tod noch eine Schauspielerin geheiratet, die nun ebenfalls Anspruch auf das Erbe erhebt. Und er muss eine Menge Schießpulver für die Amerikaner beschaffen, was ein sehr kniffliges Unterfangen wird. Und dann hat er auch noch Stress mit einer alten Bekannten, der Hure Helga (Franka Potente), die ihn beschuldigt, ihre Tochter Winter getötet zu haben.

Zusätzlich hat er ja weiterhin die äußerst einflussreiche Company am Hacken, die weder eine erneute Untersuchung jenes Schiffsunglücks wünscht, das Delaney ärgerlicherweise überlebt hat, noch das Entstehen einer neuen Konkurrenz zulassen will – sondern stattdessen alles daran setzt, den Kampf um die Pole-Position für die beste Handelsroute im Pazifik für sich zu entscheiden. Es ist also ganz schön was los in den acht Folgen der ersten Staffel, auch wenn es eine Weile dauert, bis die Geschichte ihren Sog entwickelt.

Taboo: Helga (Franka Potente) Bild: BBC

Taboo: Helga (Franka Potente) Bild: BBC

Obwohl Taboo optisch oft sehr roh und drastisch daher kommt, ist die Handlung erstaunlich vielschichtig – genau sich hinter der massigen Gestalt von James Delaney ein erstaunlich feinsinniger Mensch verbirgt, der zwar alle menschlichen Abgründe kennt, aber den Blick für das Gute, das in manchen Menschen noch vorhanden ist, nicht verloren hat. So verhält er sich gerade denen gegenüber, die es nicht so gut getroffen haben, immer sehr korrekt, genau wie er Frauen mit Respekt behandelt, selbst wenn sie ihm Schwierigkeiten bereiten. Wobei ich „roh und drastisch“ auch relativieren muss – das London dieser Serie ist ein sehr düsterer und dreckiger Ort – was es zu jener Zeit gewiss auch gewesen ist.

Die Bilder an sich sind allerdings wohlkomponiert und in ihrer Düsternis sehr ästhetisch – mit Kristoffer Nyholm und Anders Engström, die bei jeweils vier Folgen Regie geführt haben, sind zwei Skandivian-Noir-Experten an Bord, Nyholm ist unter anderem für Kommissarin Lund bekannt, Engström hat einige Wallander-Filme gemacht. Im Taboo trifft also britisches Historiendrama auf skandinavischen Psychokrimi – das ist eine gewagte, aber sehr interessante Mischung, zumindest für Serienfans mit etwas Geduld und guten Nerven. Die können sich auf eine ganze Reihe grandioser Schauspieler freuen – neben Tom Hardy und Oona Chaplin sind unter anderem auch Jonathan Pryce als Sir Stuart Strange, Mark Gatiss als Prinzregent, Franka Potente als Helga und Michael Kelly als Dr. Edgar Dumbarton dabei.

Taboo: Moderner Held mit archaischen Instinkten

Taboo: Moderner Held mit archaischen Instinkten

Reminder: Deutschland 83

Ab morgen gibt es Deutschland 83 auch im deutschen Fernsehen, deshalb hier die Erinnerung daran – denn die Serie ist echt nicht schlecht. RTL lässt sie sogar in der Primetime laufen, also Donnerstag 20:15 Uhr ist Deutschland-83-Zeit.

Schade nur, dass zur gleichen Zeit auf arte die ebenfalls interessante Serie Occupied ausgestrahlt wird, da fällt mir die Wahl nicht schwer, zumal ich Werbeunterbrechungen nicht ertrage. Aber Deutschland 83 habe ich ja ohnehin schon gesehen – und praktischerweise hat Sundance die deutsche Originalversion gebracht: DDR-Held erobert die USA.

dschland83

Screenshot von rtl.de

 

The Pacific: Keine gelungene Lehrstunde

Okay, letztlich finde ich es schon irgendwie peinlich, obwohl ich beschlossen habe, dass peinlich egal ist, als Serienblogger erst recht. Man muss ja wissen, was es alles so gibt, und weil ich mit Sitcoms Schwierigkeiten habe – wobei es da auch einen Ausrutscher gibt, ich habe in letzter Zeit auf Youtube doch tatsächlich ziemlich viele Folgen der zum Glück nur zwei aus zwei Staffeln bestehenden Sitcom The War at Home angesehen. Und ich muss zugeben, dass ich sogar ziemlich oft gelacht habe, obwohl alle Sitcoms das gleiche Schema haben und ich eigentlich nicht nach Schema funktionieren will. Aber ich bin ja auch nur ein Mensch – im Gegensatz zu Tyrell Willeck.

Aber Serientitel wie It’s a Lower-Middle-Upper-Middle-Class-Problem finde ich tatsächlich lustig, weil sie eben auf den Punkt bringen, welche Probleme die Leute haben, die sich solche Serien ansehen. Ich kenne diese Probleme sehr gut, ich gehöre ja irgendwie auch zum akademischen Prekariat, zumindest was meine Bezahlung angeht – ich bin zwar hoch qualifiziert, aber es interessiert niemanden. Und natürlich versuche ich, meine Kinder nicht zu Hartz-IV-Empfängern zu erziehen, auch wenn ich keine asiatische Tiger-Mama bin.

Screenshot The Pacific: John Basilone (John Seda)

Screenshot The Pacific: John Basilone (John Seda)

Okay, für alle, die nicht wissen, wo der Bus ist: Weil ich ein gründlicher Mensch bin, recherchiere ich ziemlich viel und wenn mir etwas gefällt, dann finde ich alles, was irgendwie damit zu tun hat. Und das glotze ich gnadenlos weg. Aber weil Joel Kinnaman momentan ja mit einem Dreh beschäftigt ist, bei dem etwas heraus kommt, was nun wirklich nicht mein Genre ist – eine Comic-Verfilmung namens Suicide Squad – und auch die anderen Skandinavier, die ich gut finde, sich gerade eher bedeckt halten – außer Martin Wallström in Mr. Robot – grandios, aber das hatten wir schon – muss ich mich anderweitig beschäftigen. Derzeit sehe ich mir also alles an, was ich mit Rami Malek finden kann. Den finde ich als Elliot Alderson in Mr. Robot ähnlich genial wie Joel Kinnaman als Stephen Holder in The Killing. Okay, ganz anderes Genre, ganz anderer Typ – aber eben sehr inspirierend.

Inzwischen habe ich mich umgesehen und bin auf The War at Home gekommen und dann auf den richtigen Krieg, The Pacific. Das ist nun wirklich eine der Serien, von denen ich im Brustton der Überzeugung erklären würde, dass ich mir das freiwillig nie ansehen würde – und ich würde mir das auch glauben. Niemals. Aber – Rami Malek.

Und okay, Steven Spielberg und Tom Hanks haben produziert, die teuerste HBO-Mini-Serie ever (wobei, das war noch vor GOT), kann man ja mal reinschauen. Nun ja, was soll ich sagen?! Ich bin tatsächlich dabei hängen geblieben – die Faszination des Grauens hat bei mir offensichtlich ganz gut funktioniert. Natürlich finde ich Generation Kill als Serie sehr viel besser, weil in jeder Beziehung moderner, aber der Vergleich ist nicht ganz fair, der zweiter Weltkrieg ist nun mal länger her, die Soldaten der Zeit hatten tatsächlich ganz andere Probleme als die Jungs im Irak.

Screenshot The Pacific: Robert Leckie (James Badge Dale)

Screenshot The Pacific: Robert Leckie (James Badge Dale)

The Pacific ist eher eine Ultralang-Version von Der schmale Grad, aber letztlich dann doch weniger interessant: Einerseits wird zehn Stunden lang die Geschichte von drei US-Marines erzählt, die es tatsächlich geben hat, ist also eher ein Biopic wie Schindler’s Liste – anderseits erfährt man aber erstaunlich wenig über die historischen Hintergründe der gezeigten Schlachten. Dabei hätte mich genau das interessiert: Wenn ich mir schon zehn Stunden Weltkrieg reinziehe, will ich doch wenigstens wissen, warum das alles überhaupt statt gefunden hat. Über den Krieg in Europa weiß ich ziemlich viel, schon weil mein Opa, der irgendwann vom Feld geholt und mit der Wehrmacht nach Russland geschickt wurde, später so ziemlich alle Bücher, die es über den zweiten Weltkrieg gab, gelesen hat und ich viele davon anschließend auch. Über den Krieg im Pazifik wusste ich hingehen wenig und bin jetzt leider auch nicht viel schlauer.

Und während es in Der schmale Grat noch diese unfassbare, aber irgendwie auch giftige Schönheit der tropischen Inselwelt und den Kontakt mit freundlichen Eingeborenen gibt, die zumindest dem Protagonisten die Hoffnung auf ein irgendwie anderes Leben lassen, gibt es in The Pacific vor allem gegen Ende nur Hitze, Durst, Moskitos, Verzweiflung und verbrannte Erde. Und das alles mit unglaublicher Akribie inszeniert – dass diese Serie sehr teuer war, ist offensichtlich: Da werden mehrere Millionen allein für die Munition drauf gegangen sein, die in den schier endlosen Kampfszenen verballert wurde. Und dann natürlich spektakuläre Verwundungen aller Art, haufenweise Leichen in allen Verwesungsstadien – auch hartgesottene Zombiefilmfreaks können daran noch ihren Spaß haben und dann natürlich das ganze alte Zeug, das im Laufe der Zeit auch immer mitgenommener aussieht, genau wie die Jungs selbst, die von Schlacht zu Schlacht immer weniger und stumpfsinniger werden.

Screenshot The Pacific: Eugene Sledge (Joseph Mazzello)

Screenshot The Pacific: Eugene Sledge (Joseph Mazzello)

Natürlich wollte ich in erster Linie wissen, wie sich der pazifistische Nerd Elliot Alderson aus meiner neuen Lieblingsserie sich als US Marine im zweiten Weltkrieg schlägt. Und er schlägt sich – wie eigentlich zu erwarten war, sehr gut. Rami Malek ist eben ein toller Schauspieler. Aber ein bisschen ernüchternd finde ich schon, dass sich so viel, was ich an Elliot interessant finde, auch schon in Corporel Merriel Shelton alias Snafu findet: Auch Snafu ist irgendwie anders als die anderen. Er wirkt von Anfang an leicht abgedreht, vermutlich ist er es auch. Anders als die eigentliche Hauptfigur in diesen Teil der Serie, Eugene Sledge (Joseph Mazzello), der erst im fünften Teil in den Krieg ziehen darf, ist Snafu schon das, was Sledge noch werden muss: Ein abgebrühter Soldat. Einer, der alles, was er tut, auf sein eigenes Überleben optimiert – aber der eben auch weiß, dass er ohne die anderen nicht überleben kann. Deshalb bringt Snafu den Neulingen, die ihm irgendwie interessant erscheinen, bei, wie man in der Hölle überlebt. Bei den anderen hält er es dagegen nicht mal für nötig, sich ihre Namen zu merken. „Es ist mir egal wie du heißt. In spätestens zwei Tagen bist du eh tot!“

Trotzdem hat Snafu meine Sympathie: Er ist einfach rationaler als die anderen Wirrköpfe, die irgendwie daran glauben wollen, dass ihr Kampf und ihr Opfer einen Sinn hat und sich zumindest am Anfang noch Moral leisten und sich einen Kopf um alles machen. Snafu weiß, dass der Kopf ziemlich schnell ab ist, wenn man sich nicht auf das Wesentliche konzentriert: Den Kopf im Zweifelsfall unten behalten.

Screenshot The Pacific: Merriell „Snafu“ Shelton (Rami Malek)

Screenshot The Pacific: Merriell „Snafu“ Shelton (Rami Malek)

Anders als die drei Protagonisten, deren Lebenslauf die Serie mehr oder weniger präzise nachzeichnet, ist Snafu plötzlich einfach da: Von ihm wissen wir weder, was ihn dazu gebracht hat, sich bei den US-Marines zu melden, noch, was nach dem Krieg aus ihm wird – was ich den Machern von The Pacific wirklich übel nehme. Die können doch nicht eine dermaßen interessante Figur einfach kommen und gehen lassen, ohne deren Geschichte zu erzählen! Na klar, können sie offenbar wohl, ist aber scheiße.

Snafu zeigt den Neuen gleich, wo es lang geht: Diese Kojen sind schon belegt und dort geht es zum Ölfässer schrubben. Und während er den anderen beim Schrubben zu sieht, stimmt er sie darauf ein, was sie demnächst erwartet – wie sehr würden sie sich schon bald darüber freuen, wenn sie einfach nur Fässer schrubben dürften! Natürlich behält er recht. Bald kommt der erste Kampfeinsatz und die Marines müssen ein von den Japanern besetztes Flugfeld zurück erobern. Viele sterben, viele werden verwundet, es ist heiß, aber es gibt kein Wasser, dafür aber eine Menge Feinde, die sich keinesfalls ergeben wollen. Hier heißt es einfach härter als die anderen zu sein, um zu überleben. Snafu funktioniert in dieser Welt, er hat weder Skrupel, die Greenhorns, die ihm da angeliefert werden, nach Strich und Faden zu verarschen, noch zu tun, was getan werden muss.

Screenshot The Pacific: Die Mörserschützen aus der 2. Reihe

Screenshot The Pacific: Die Mörserschützen aus der 2. Reihe

Dabei wirkt er erstaunlich kindlich – wenn auch ein böses, fehlgeleitetes Kind, das gedankenverloren versucht, mit kleinen Steinchen den mit einer undefinierbaren Flüssigkeit gefüllten Rest eines Japsenschädels zu treffen. Man nimmt ihm ab, dass er einfach nicht anders kann. Er luchst einem Neuling seinen neuen Poncho ab und schiebt ihm seinen bereits zerschlissenen unter. Als der verdammte Neuling seinen zerlöcherten Poncho dann gegen den guten austauscht, der die überlebenswichtigen Granaten schützen soll, wird Snafu fuchsteufelswild – aber rennt er auch sofort los, um Ersatz zu besorgen: Mit nassen Granaten ist hier nichts zu gewinnen. Überhaupt die Mörserschützen: Sie müssen zwar immer dieses blöde Geschütz und die Munition dafür mit sich herum schleppen – aber die Überlebenschancen sind in der zweiten Reihe nun mal sehr viel besser.

Das bringt Snafu auch Sledge bei. Und er versucht sogar immer wieder, Sledge davon abzuhalten, genau so ein Rohling zu werden, wie er selbst längst ist: Während Sledge anfangs noch fassungslos und angewidert gesehen hat, wie Snafu den toten Feinden die Goldzähne ans dem Kiefer bricht und einsteckt, denn man muss ja auch an die Zukunft denken, will er das später selbst tun. Snafu hält ihn davon ab: „Tu das nicht. Die sind voller Bazillen. Ganz gemeine, fiese Bazillen. Da stirbst du dran.“ Einerseits ist Sledge sauer – nach allem, was er inzwischen erlebt hat, ist er ohnehin nicht mehr in der Lage, die japanischen Gegner als Menschen zu sehen: Es sind Feinde, fiese, menschenverachtende Verräter, die sich nie ergeben werden, sondern einer nach dem anderen umgebracht werden müssen. Sledge hat sich inzwischen genauso in diesen Hass hineingesteigert wie die anderen, die bis hier überlebt haben.

Screenshot The Pacific: Gefechtspause

Screenshot The Pacific: Gefechtspause

Andererseits kapiert er, dass Snafu irgendwie recht hat – beide spüren, dass es eben diesen winzigen Unterschied aus macht: Sledge ist anders als Snafu, er ist einer, der Bücher liest und schreibt – genau darauf hat Snafu den Neuen am Anfang angesprochen: „Du weist, dass wir nichts aufschreiben sollen – wenn das den Japanern in die Hände fällt, kann ihnen das nützliche Informationen liefern.“ „Dann sollte ich wohl gut aufpassen, dass sie es nicht zu sehen bekommen“, antwortet Sledge. Snafus verständnissinniges Grinsen nach dieser Antwort ist wirklich sehenswert – dieser Sledge gefällt ihm

Gut für Sledge. Er gehört am Ende auch zu denen, die diese Hölle überleben, im Gegensatz zum Held in den ersten Teilen, Gunnery Sergeant John Basilone (Jon Seda, fand ich auch in Treme ziemlich gut), der für seinen heldenhaften Einsatz ausgezeichnet und nach Hause geschickt wird, um Kriegsanleihen zu verkaufen. Aber blöd, wie echte Helden nun mal sind, freut er sich nicht darüber, dass er nun in der sicheren Heimat ein schönes Leben als hoch dekorierter Kriegsheld führen kann, sondern lässt sich wieder an die Front versetzen – allerdings nicht ohne vorher noch die schöne Sergeant Lena Riggi zu eroebern und zu heiraten. In der Schlacht um Iwo Jima stirbt er dann einen doch ziemlich blödsinnigen Heldentot. Der dritte im Bunde, Privat First Class Robert Leckie, der eigentlich Sportreporter ist, dagegen hat das Glück, bei der Schlacht um das Peleliu Airfield verwundet und evakuiert zu werden, ihm bleibt dadurch einiges erspart.

Screenshot The Pacific: Snafu und Sledge

Screenshot The Pacific: Snafu und Sledge

Die anderen, die Peleliu überlebt haben, müssen auch noch um Iwo Jima und um Okinawa kämpfen, und je weiter die Japaner zurückgedrängt werden, desto vehementer wehren sie sich – es gibt auch immer mehr tote Zivilisten. Wobei auch die gefährlich sein können – so begegnet die Truppe von Sledge und Snafu immer wieder verlumpten Elendsgestalten, Alte, Frauen, Kinder – eine Frau versucht ihnen verzweifelt ihr Baby zu überreichen, schließlich wirft sie es von sich, aber zu spät: Sie trägt einen Bombengürtel, und das offenbar nicht freiwillig. Kurz danach beschießen sie ein Bauernhaus mit Granaten, in dem sich japanische Soldaten verstecken – als Sledge und Snafu nach überlebenden Feinden suchen, die es noch zu töten gilt, entdecken sie wieder ein Baby, die Mutter wurde von der Granate getötet. Ratlos bleiben sie stehen und glotzen, das Kind schreit – ich hätte jetzt eigentlich erwartet, dass einer von beiden das Kind tötet, weil es ja ohnehin kaum eine Überlebenschance hat. Aber dann kommt einer von den Neuen rein und nimmt das Kind auf den Arm: „Was ist bloß los mit euch?“

Nicht mehr sehr viel, so viel ist klar, auch draußen die Welt wird immer farbloser, es gibt kein Grün mehr, dafür schwarz verkohlte Baumstümpfe und weiße Ascheflocken. Sledge findet noch eine weitere, schwer verletzte Frau, die ihn nur leidend ansieht und den Lauf seines Gewehres selbst auf ihre Stirn richtet – aber Sledge erschießt sie nicht. Er setzt sich neben sie und nimmt sie in den Arm, während sie stirbt. Als irgendwann wieder Beschuss einsetzt und jemand brüllt, dass es die eigenen Flugzeuge sind, die sie gerade bombardieren, verliert sogar der bisher unkaputtbare Snafu die Nerven.

Screenshot The Pacific: Snafu will einfach jeden Japaner umlegen

Screenshot The Pacific: Snafu will einfach jeden Japaner umlegen

Und dann ist es irgendwann relativ unvermittelt vorbei, die Japaner haben nach den Atombombenabwürfen über Hirnshima und Nagasaki kapituliert, die Sonne scheint, der Pazifik ist wieder blau und die Jungs dürfen nach Hause – allerdings müssen sie erst noch ein bisschen aufräumen, sie haben sich für die Dauer des Kriegs plus sechs Monate verpflichtet. Auf der Heimfahrt stellt Snafu fest: „Wir sind wieder verarscht worden. Wären wir sechs Monate eher hier gewesen, hätten die Bräute hier uns alle einen geblasen. Jetzt interessiert sich keiner mehr für uns.“

Tja wenn es doch nur so gewesen wäre – das hätte mir einiges an Lebenszeit erspart, denn trotz einiger interessanter Szenen kann ich letztlich nicht viel mit dieser Serie anfangen – sie ist, das muss ich allerdings betonen, nicht so schlimm wie beispielsweise Unsere Mütter, Unsere Väter. In dem Dreiteiler geht es auch brutal und blutig zu, aber zum einen tun die Macher peinlicherweise so, als seien es hauptsächlich ganz normale junge Deutsche gewesen, die in einen hässlichen Krieg gezogen sind, den die bösen Nazis entfesselt haben, zum anderen ist die Handlung dermaßen überkonstruiert, dass man sie einfach nicht ernst nehmen kann. Viele der jungen Deutschen damals waren doch eben jene fanatischen Nazis, die in den Krieg gezogen sind, um erst Europa und dann den Rest der Welt zu unterwerfen. Sie waren Täter und keine Opfer. Aber das mit der Eroberung der Welt hat halt trotz des ganzen Fanatismus nicht funktioniert. Eine Neuverfilmung dieser unausrottbaren Lebenslüge war wirklich nicht nötig.

Screenshot The Pacific

Screenshot The Pacific

Hier haben die Amis es ohnehin leichter, sie waren ja auf der richtigen Seite, die jungen Amerikaner sind in den Krieg gezogen, um die Welt von den Nazis und den Japanern zu befreien. Das hat auch geklappt, sie haben der Welt unter durchaus nennenswerten Opfern Freiheit und Coca Cola gebracht, was ja ohnehin dasselbe ist.

Aber seit dem Ende des zweiten Weltkriegs ist es halt nicht mehr so einfach mit einer Erklärung – Korea, Vietnam, Afghanistan, Irak, Somalia, da sind auch viele Existenzen vernichtet worden, und vermutlich ist es das, was mir dieses Unbehagen mit The Pacific bereitet – bei allem Elend und Leiden, das hier in eindrucksvoll Szene gesetzt wird, hat diese ganze Sache eben doch irgendwas Heroisches. Gerade weil der US-Präsident eben nicht jedem Veteran persönlich die Hand schütteln konnte, bekommen die ganzen Sledges, Leckies und Snafus jetzt posthum doch noch ein Denkmal gesetzt. Obwohl die Message durchaus vorsichtig formuliert wird: „Ich will daran glauben, dass diese ganze Sache einen Sinn hat, dass diese ganzen Opfer, jeder Mann, den ich in den Tod geschickt habe, nicht vergeblich gewesen sind. Ich muss einfach daran glauben,“ erklärt einer der Vorgesetzten von Sledge.

Screenshot The Pacific: „Wir sind schon wieder verarscht worden…“

Und genau daran glaube ich nicht. Es gibt keine gerechte Sache und keinen gerechten Krieg. Man muss sich doch nur auf der Welt einmal umsehen: Das einzige Mal, wo es geklappt hat, ein Land erst richtig platt zu machen und dann eine funktionierende Demokratie samt Marktwirtschaft dort einzurichten, war 1945. Und ob das eine dermaßen gute Idee war, ist noch nicht abschließend geklärt.

Deutschland 83: DDR-Held erobert die USA

Deutsche Serien – das ist ein schwieriges, in der Regel frustrierendes Thema, wenn man sich an richtig gute internationale Serienkost gewöhnt hat. Und aktuelle deutsche Serien über deutsche Geschichte – deutsch-deutsche noch dazu – ist quasi hoffnungslos: Mehrteiler wie Weissensee oder Tannbach mögen vielleicht als noch Spitzenprodukte des schlechten Geschmacks in die deutsch-deutsche Serien-Geschichte eingehen, werden ansonsten aber hoffentlich schnell vergessen.

Entsprechend erstaunt war ich also, als ich hörte, das die ersten beiden Teile der deutsch-deutschen Serie Deutschland 83 mit erstaunlich positiver internationaler Resonanz auf der Berlinale gelaufen sind und derzeit in den USA im Original mit englischen Untertiteln gezeigt werden – zwar nur auf dem Spartensender Sundance, der zu AMC gehört – aber eben AMC, genau, das sind die, die Mad Men gemacht haben, Breaking Bad und Better Call Saul. Also Experten für richtig gute, innovative Serien.

Also wurde ich neugierig und habe jetzt doch in Deutschland 83 reingesehen. Ja, und obwohl die Serie in Deutschland demnächst auf RTL gezeigt werden soll, ist sie eben keine dieser typischen RTL-Serien. Sondern erstaunlich gut. Aber warum sollte RTL seinem Publikum nicht auch ab und zu zwischen Castingsshows und Kakerlaken etwas richtig Gutes bieten, verdient haben die Zuschauer das allemal. Abzuwarten bleibt, wie sie Deutschland 83 dann tatsächlich finden.

Screenshot Deutschland 83 - Martin (Jonas Nay): Telefonieren in der Vor-Handy-Ära  via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 – Martin (Jonas Nay) Spionage ist ein gefährliches Geschäft via sundance.tv

Man kann natürlich auch auf Sat1 The Americans anschauen, dass ist auch eine 80er-Jahre-Retro-Spionage-Serie, die gar nicht schlecht, aber meiner Ansicht nach leider auch nicht so richtig gut ist: Das Politische an sich spielt in The Americans eine erstaunlich geringe Rolle, dabei könnte man auch am Kapitalismus und am Gesellschaftssystem in den USA nun wirklich einiges kritisieren. Das tun die russischen Top-Spione aber erstaunlicherweise so gut wie gar nicht – sie ziehen zwar mit vollem Einsatz ihren Mission durch, als Motivation werden aber nur irgendwelche Klischees angedeutet, was mir die Serie schon verleidet, obwohl sie gut gemacht ist.

Aber nach dem, was ich gesehen habe, ist Deutschland 83 in diesem Punkt besser – für mich persönlich, die 1983 als Teenie in der Mittelstufe erlebt und durchlitten hat, ist Deutschland 83 emotional natürlich auch viel näher: Der Stern publizierte im Jahr 83 die Hitler-Tagebücher, die sich später als dreiste Fälschung entpuppten, die rätselhafte Seuche AIDS tauchte in Titelgeschichten auf und Friedensbewegung konnte Millionen Menschen mobilisieren, die gegen die Nachrüstung im Zuge des Nato-Doppelbeschlusses von 1979 demonstrierten.

Screenshot Deutschland 83 - Martin (Jonas Nay) und Annett (Sonja Gerhardt) via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 – Martin (Jonas Nay) und Annett (Sonja Gerhardt)
via sundance.tv

Ich erkenne so ziemlich jede Einblendung echter Nachrichten-Sendungen in der Serie wieder – damals gab es ja ohnehin nicht mehr als drei Fernsehprogramme, heute und Tagesschau waren Pflicht, darüber redete man am nächsten Tag in der Frühstückspause.

Aber es ist nicht nur meine persönliche Erinnerung an jene Zeit, die mit dieser Serie wieder herauf beschworen wird – das war ja auch keine schöne Zeit: Es war die Hochzeit des kalten Kriegs und wir hatten damals völlig zu recht Angst, dass es jederzeit mit uns vorbei sein konnte: Die Supermächte USA und UdSSR richteten die Sprengköpfe ihrer Mittelstreckenraketen ja eben auf deutsche Ziele aus – wäre der kalte Krieg heiß geworden, wäre Deutschland das atomare Schlachtfeld gewesen. Hier wäre kein Stein auf dem anderen geblieben und vermutlich nicht nur Europa auf lange Zeit unbewohnbar. Einer der Hits von 1983 war Two Minute Warning von Depeche Mode – zwei Minuten Vorwarnzeit, bevor das atomare Inferno unser aller Leben auslöscht. Das traf das Lebensgefühl vieler. Wir kritzelten No Future auf unsere Jeansjacken – und wir wussten warum.

Screenshot Deutschland 83 - Martin (Jonas Nay) und Annett (Sonja Gerhardt) via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 – Martin (Jonas Nay) und Lenora (Maria Schrader)
via sundance.tv

Aber Deutschland 83 beschwört eben nicht nur diese Weltuntergangsstimmung, sondern ist streckenweise sogar ziemlich witzig. Martin Rauch (Jonas Nay) ist eben nicht der top ausgebildete Superspion, sondern eher eine Verlegenheitslösung: Weil sich gerade eine günstige Gelegenheit ergibt, wird er als MfS-Spion in den Westen einschleust – worauf er eigentlich gar keine Lust hat. Er will nicht in den Westen. Er will zuhause bleiben, bei seiner kranken Mutter und seiner schönen blonden Freundin Annett (Sonja Gerhardt).

Martin ist NVA-Soldat und guter Sozialist, der westdeutschen Studenten an der Grenze die billig im Osten eingekauften Bücher abnimmt, weil sie ihr Geld nicht zum vorschriftsmäßigen Kurs umgetauscht haben: Wer gegen die Gesetze der DDR verstößt, schadet dem Sozialismus. Aber als die Studenten auf die Frage, wer am Ende gewinnen wird – die Kapitalisten, die nur an sich selbst denken, oder die Sozialisten, die an einem Strang ziehen, damit es allen Menschen besser geht, die richtige Antwort geben, lässt Martin die Wessis laufen. „Aber der Shakespeare bleibt hier! Den Marx könnt ihr mitnehmen, da lernt ihr vielleicht noch was!“

Screenshot Deutschland 83 Alex Edel (Ludwig Trepte) und Martin/Moritz (Jonas Nay)  via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 Alex Edel (Ludwig Trepte) und Martin/Moritz (Jonas Nay) via sundance.tv

Natürlich wird auch bei Deutschland 83 tief in die Klischee-Kiste gegriffen. Aber es trifft in diesem Fall eben nicht nur die DDR, sondern auch die Wests und ihre Verbündeten. Natürlich sind die Zonis skrupellos und gemein, insbesondere die Stasi-Kader Lenora Rauch (grandios: Maria Schrader) und Walter Schweppenstette (Sylvester Groth), die den jungen Martin brutal ins kalte Wasser werfen – nicht ohne ihm vorher die Finger zu brechen, weil das ist einzige Detail, das nicht mit dem Profil des jungen Wessie-Offiziers Moritz Stamm übereinstimmt, als der Martin in die Bundeswehr eingeschleust wird: Er kann nicht Klavier spielen.

Screenshot Deutschland 83 – Martin (Jonas Nay): Telefonieren in der Vor-Handy-Ära via sundance.tv

Er kann auch sonst einiges nicht, aber er bemüht sich – und es gibt immer ein paar echte Stasi-Topagenten in seiner Nähe, die aufpassen, dass er nicht allzu viel falsch macht. Und wenn doch etwas schiefläuft, Schadensbegrenzung betreiben. Natürlich tauchen reichlich Probleme auf – so befinden sich die geheimen NATO-Unterlagen, die Martin aus dem Safe von General Jackson klaut, nicht in einem herkömlichen Ordner, dessen Inhalt Martin wie inzwischen geübt heimlich abfotografieren könnte, sondern auf so einem viereckigen Plaste-Dings, einem, wie heißt das doch gleich? Floppy-Disk. Es für muss also erstmal ein IBM-Rechner beschafft werden, damit die Kollegen in der Analyse das Teil überhaupt lesen und auswerten können. Auch für die Stasi keine triviale Aufgabe.

Screenshot Deutschland 83 - das Floppy-Problem Schweppenstette (Sylvester Groth, Mitte) und Lenora (Maria Schrader) via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 – das Floppy-Problem Schweppenstette (Sylvester Groth, Mitte) und Lenora (Maria Schrader)
via sundance.tv

Und dann hat General Wolfgang Edel (Ulrich Noethen) eine Sohn, der zwar die für ihn vorgesehene Pflichtkarriere als Offizier durchzieht, sich aber eigentlich zur Friedensbewegung gezogen fühlt. Alex Edel nervt es, dass dieser Moritz Stamm sich genauso anhört wie sein Vater. Moritz ist eindeutig der bessere Soldat – aber wenn Alex wüsste, warum! Denn wenn es darum geht, die Welt, oder doch zumindest die DDR zu retten, wächst Martin immer wieder über sich hinaus und schafft Dinge, die er sich selbst zuvor kaum zugetraut hätte.

Bisher sind drei der insgesamt acht Teile gelaufen, die große Lust darauf machen, weiter zu sehen, auch wenn ich von Deutschland 83 nicht so hin und weg gerissen bin wie von Mr. Robot. Aber mal sehen, was die kommenden Teile jeweils bringen – UFA Fiction hat hier jedenfalls eine erstaunlich moderne und clever konstruierte Serie abgeliefert – genau das, was ich sonst im deutschen Fernsehen so vermisse.

Screenshot Deutschland 83 Auch die Generäle Jackson (Errol T. Harewood ) und Edel (Ulrich Noethen) haben in Brüssel eine eigene Agenda...  via sundance.tv

Screenshot Deutschland 83 Auch die Generäle Jackson (Errol T. Harewood ) und Edel (Ulrich Noethen) haben in Brüssel eine eigene Agenda… via sundance.tv

Anno 1790: Historisches Serien-Hightlight aus Schweden

Mit historischen Stoffen ist das immer so eine Sache – eigentlich sehe ich mir so etwas ganz gern an. Die verflossene Pracht, aber auch Kargheit vergangener Zeiten kann faszinieren, ob das nun die harte und blutige Welt der Wikinger in Vikings ist, der nicht weniger brutale und blutige wilde Westen in Deadwood oder die Jugendstil-Dekadenz von Downton Abbey. Natürlich braucht man dann noch eine gute Geschichte, denn die Ausstattung allein tut es nicht – was ja leider das Problem mit Verfilmungen dieser Art im deutschen Fernsehen ist. Da ist die Ausstattung oft fantastisch, aber die Geschichte dazu mehr als dürftig.

Anno 1790 - Bild via kulturdelen.com

Anno 1790 – Bild via kulturdelen.com

Seit dem großartigen Mehrteiler Heimat aus den frühen 80ern fällt mir spontan nichts wirklich Gutes in dieser Richtung mehr ein. Dabei gäbe es doch historische Stoffe ohne Ende, wie beispielsweise die schwedische Serie Anno 1790 aus dem Jahr 2011 zeigt. Das ist eine in jeder Beziehung gelungene Qualitätsproduktion des SVT – ich wünschte, unsere Öffentlich-rechtlichen bekämen wenigstens ab und zu Ähnliches auf die Reihe. Man muss schon ziemlich weit zurück gehen, um vergleichbare Perlen zu finden, wobei es durchaus welche gibt, etwa der historische Mehrteiler Der Winter, der ein Sommer war, den der hessische Rundfunk 1976 produziert hat.

Ich bin auf Anno 1790 gekommen, weil mir Blutsbande gut gefallen hat, insbesondere Joel Spira als Oskar Waldemar – und in Anno 1790 spielt er Simon Freund, den Freund und Gehilfen von Johan Gustav Dåådh, der wiederum von Peter Eggers dargestellt wird. Wieder ein Schwede, den ich mir unbedingt merken muss – anders als Arn, der Kreuzritter ist der Cast von Anno 1790 nicht mit inzwischen international bekannten schwedischen Filmstars gespickt. Was aber gar nicht schlimm ist, denn Anno 1970 ist durchweg toll besetzt. In Schweden gibt es offenbar noch eine ganze Reihe weiterer guter Schauspieler.

Screenshot Anno 1790: Johan Gustav Dåådh (Peter Eggers)

Screenshot Anno 1790: Johan Gustav Dåådh (Peter Eggers)

Leider gibt es die Serie derzeit nur in der schwedischen Originalfassung auf DVD – mit grafisch schlecht aufbereiteten englischen Untertiteln, was die Sache dann etwas anstrengend macht. Ich kann nur hoffen, dass arte bald auf die Idee kommt, dieses Serien-Juwel unbedingt ausstrahlen zu müssen – es wäre ganz hervorragend für den Serien-Donnerstagabend geeignet.

Denn im Jahre 1790 war schließlich schwer was los in Europa: Aufklärung kontra Standesdenken, Glaube gegen Gedankenfreiheit – in Paris hatte das Volk die Bastille gestürmt und die Monarchie gestürzt. Auch wenn vieles nicht gut lief mit der französischen Revolution, so hatte sie doch gezeigt, dass das gemeine Volk eine Macht ist, mit der man rechnen muss: Die gefährliche Idee von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ging um in Europa.

Screenshot Anno 1790: Simon Freund (Joel Spira)

Screenshot Anno 1790: Simon Freund (Joel Spira)

Und sie gelangt auch nach Schweden – allerdings wird sie dort von der Obrigkeit nach Kräften unterdrückt. Alle Menschen sollen gleich sein – wo kämen wir denn da hin?! Und am Ende kommen dann auch noch die Frauen an und wollen die gleichen Rechte wie die Männer – das wäre ja nun eindeutig gegen die von Gott gewollte Ordnung. Und der Mensch hat sich nun mal in erster Linie an das zu halten, was Gott und dem König gefällt.

Die Serie beginnt mit dem Ende eines der vielen schwedisch-russische Kriege – der Chirurg Johan Gustav Dåådh hat als Feldarzt zahlreichen Soldaten in diesem für beide Seiten weitgehend nutzlosen Krieg das Leben gerettet und will sich eigentlich auf den Weg nach Göteborg machen, als er auf den letzten Drücker noch ein paar Verletzte zusammenflicken muss. Unter ihnen ist Simon Freund, der Dåådh das Versprechen abringt, ihn zurück nach Stockholm zur Familie Wahlstedt zu bringen. Dåådh lässt sich darauf ein und liefert den genesenden Freund in Stockholm ab. In der Hauptstadt gerät er wegen seiner medizinischen Kenntnisse in eine Morduntersuchung – denn Carl Fredrik Wahlstedt ist der Polizeichef von Stockholm und hat gerade den für sein Quartier zuständigen Inspektor verloren. Weil Doktor Dåådh ganz offensichtlich ein vernünftiger Mensch ist, dazu auch noch gebildet, intelligent und gut erzogen, bietet Wahlstedt ihm kurzerhand den Job als Quartiers-Inspektor an.

Screenshot Anno 1790: Magdalena (Linda Zilliacus) und Carl Fredrik Wahlstedt (Johan H:son Kjellgren)

Screenshot Anno 1790: Magdalena (Linda Zilliacus) und Carl Fredrik Wahlstedt (Johan H:son Kjellgren)

Durch seine medizinischen Kenntnisse ist Dåådh tatsächlich in der Lage, scheinbar rätselhafte Todesfälle kompetent aufzuklären. Aber Dåådh ist nicht nur ein für seine Zeit sehr guter Arzt mit vielseitigen wissenschaftlichen Interessen, sondern auch Republikaner, der für die Ziele der französischen Revolution viel Sympathie empfindet. Überhaupt ist er ein Rationalist, der wenig für den christlichen Glauben und das Branntweintrinken übrig hat. Ganz im Gegensatz zu Simon Freund, der eigentlich Hauslehrer bei der hochangesehenen und einflussreichen Familie Wahlstedt ist.

Screenshot Anno 1790: Johan Gustav Dåådh (Peter Eggers)

Screenshot Anno 1790: Johan Gustav Dåådh (Peter Eggers)

Dåådh wird nun in eine Welt aufgenommen, die gar nicht die seine ist, aber als intelligenter und vernünftiger Mensch macht er das beste daraus. Natürlich spielt die schöne Frau Wahlstedt (Linda Zilliacus) bei seiner Entscheidung, den Job als Quartiers-Inspektor anzunehmen, eine nicht unwesentliche Rolle – auch von Anfang an wenn klar ist, dass diese Schwärmerei niemals Erfüllung finden wird. Dåådh lässt sich überzeugen, dass er in seiner neuen Position Gutes bewirken kann, auch wenn er eigentlich nicht für das Regime arbeiten will, das er als überkommen ablehnt.

Screenshot Anno 1790: Dåådh (Peter Eggers) bei der Arbeit

Screenshot Anno 1790: Dåådh (Peter Eggers) bei der Arbeit

Genauso wie Freund, der als Pietist einem Glauben anhängt, der gerade nicht en vogue ist, sondern verfolgt und unterdrückt wird, begreift, dass er von Dåådh eine Menge lernen kann. Natürlich will er seinem Retter auch etwas zurück geben, also ist er ihm in vielen Dingen behilflich, auch wenn ihn das immer wieder in Gewissenskonflikte bringt. Zwischen den beiden sehr unterschiedlichen Männern entwickelt sich eine eigenwillige, aber tiefe Freundschaft, die immer wieder auf die Probe gestellt wird. So will Dåådh Freund das Trinken abgewöhnen, was dem gar nicht gefällt. Dafür missbilligt Freund die unsittliche Lebenseinstellung von Dåådh, der nicht nur revolutionärem Gedankengut gegenüber aufgeschlossen ist, sondern auch eine schöne französische Revolutionärin nicht abweist, die der Ansicht ist, dass sie als Frau das Recht hat, sich einen Liebhaber zu wählen. Keine Frage, den feschen Dåådh würde so manche Frau gern in ihrem Bett haben. Aber alles in allem ist Dåådh natürlich ein Ehrenmann, der einer Frau nicht zu nahe tritt, wenn sie das nicht wünscht – gleiches Recht für alle.

Screenshot Anno 1790: Obduktion bei Kerzenschein

Screenshot Anno 1790: Obduktion bei Kerzenschein

Im Grunde haben wir hier eine schwedische Sherlock-und-Dr. Watson-Variante – und zwar eine, die sehr gut funktioniert. Dåådh ist zwar intellektuell und technologisch auf der Höhe der Zeit – so besitzt er neben seinem medizinischen Gerät auch ein sehr nützliches Fernglas, aber er ist weder so egozentrisch, noch so arrogant wie Sherlock Holmes. Und Simon Freund ist kein Doktor, sondern ein sehr korrekter und etwas mürrischer Kerl mit erstaunlich vielen Talenten. Sein Schicksal ist es, ewig in der zweiten Reihe zu stehen – während Dåådh dank seiner neuen Position zu den Abendgesellschaften der höheren Kreise eingeladen wird, muss der arme Freund draußen auf ihn warten. Obwohl er die Wahlstedts doch schon viel länger kennt.

Screenshot Anno 1790: Freund und Dåådh recherchieren

Screenshot Anno 1790: Freund und Dåådh recherchieren

Was mir an Anno 1790 besonders gefällt ist, dass es eben nicht nur wieder eine Krimiserie ist, die zur Abwechslung mal in historischem Gewand daher kommt. Es geht zwar auch um die Aufklärung von Verbrechen, aber Anno 1790 bietet sehr viel mehr. Es wird mit viel Aufwand und Liebe zum Detail ein sehr lebendiges Bild dieser Umbruchzeit vermittelt, die einerseits so unendlich weit zurückzuliegen scheint und andererseits die auch heute bekannten typisch menschlichen Probleme beschreibt.

Die meisten Menschen mussten damals unter einfachsten Bedingungen leben und waren schutzlos der Willkür der Herrschenden ausgeliefert – so wird gleich am Anfang ein armer Knirps, der auf dem Markt einen Apfel geklaut hat, in den Kerker geworfen. Dåådhs grausamer Vorgänger lässt den Jungen auspeitschen, um einen anderen Gefangenen zum Reden zu bringen. Dabei hat selbst zu jener Zeit der schwedische König die Folter als Instrument der Wahrheitsfindung schon verboten. Aber wie man inzwischen weiß, befleißigt sich ausgerechnet der Geheimdienst der freiheitlichsten Nation unserer Erde noch immer ähnlicher Methoden, aber das nur am Rande.

Screenshot Anno 1790: Fru Wahlstedt (Linda Zilliacus)

Screenshot Anno 1790: Fru Wahlstedt (Linda Zilliacus)

Dåådh jedenfalls ist kein Freund von Gewalt und versucht deshalb, das System durch seine Arbeit von innen her zu verändern. Obwohl seine Verhör-Methoden bei den Folterknechten alter Schule auf Befremden stoßen. Aber Dåådh geht es nicht darum, einfach einen Schuldigen zu finden, was wesentlich effektiver wäre, denn wenn man einen armen Wicht nur lange genug bedroht, gibt er irgendwann alles zu. Dåådh dagegen will wirklich verstehen, was passiert ist. Das irritiert die alte Garde.

Gleichzeitig wollen seine früheren Freunde aus den klandestinen Freidenker-Zirkeln ihrerseits nicht verstehen, warum Dåådh jetzt auf der anderen Seite steht – schließlich arbeitet er jetzt für die alten Mächte, die sie stürzen wollen. Natürlich ergibt sich daraus noch eine Menge Konfliktpotenzial. Denn der gemäßigte Dåådh setzt nicht auf den blutigen Umsturz, sondern auf Aufklärung und Bildung.

Screenshot Anno 1790: Dåådh und seine heimliche Liebe

Screenshot Anno 1790: Dåådh und seine heimliche Liebe

Aber sonst geht es ziemlich zur Sache, Dåådh hat eine Menge Verbrechen aufzuklären. Es gibt politische Morde, Morde aus Habgier und Eifersucht, es gibt windige Scharlatane, die ihren Opfern unter Hypnose Geheimnisse entlocken, um sie später zu berauben, es gibt arme, elternlose Kinder, die erst für krumme Geschäfte missbraucht und dann tot auf den Misthaufen geworfen werden, es gibt Pfaffen, die ihre Schützlinge missbrauchen und ihnen dann wegen angeblicher Gewissensbisse die versprochene Belohnung vorenthalten und verzweifelte Mädchen, die sich nach einer Vergewaltigung umbringen wollen, weil sie ja niemandem erklären können, warum sie schwanger sind. Und natürlich gibt es auch den brutalen Säufer, der seine Familie drangsaliert, bis sie ihn irgendwann quasi in Notwehr beiseite schafft.

Ja, das waren schlimme Zeiten – und besonders erschreckend ist, wie wenig sich letztlich geändert hat. Global gesehen. Nicht nur, dass Habgier und Eifersucht nicht auszurotten sind. Vor allem gibt noch immer Mädchen, auf die Attentate verübt werden, nur weil sie in die Schule gehen wollen. Und auch hierzulande nimmt die Ungleichheit nicht ab, sondern weiter zu. Es gibt wenige sehr Reiche und immer mehr Arme. Gerichtsurteile noch immer nach dem Geldbeutel des Angeklagten gefällt: Das mehrfache Klauen von einem Stück Käse oder einer Tafel Schokolade im Supermarkt wird ähnlich hart bestraft wie Hinterziehung von Millionen an Steuergeldern. Hierzulande müssen Frauen nicht mehr ihr Leben für eine Abtreibung riskieren – aber wo anders auf der Welt sterben weiterhin viele Frauen im Kindbett oder an einer Abtreibung, weil entweder das Geld für eine vernünftige medizinischen Versorgung fehlt oder weil die Gesellschaft noch immer frauen- (und damit menschenfeindlich) ist. Seit dem Jahr 1790 hat sich in dieser Hinsicht erschreckend wenig getan.

Screenshot Anno 1790: Simon Freund

Screenshot Anno 1790: Simon Freund

Gut, das geht jetzt weit über diese Serie hinaus – aber genau das ist es, was ich so gut daran finde. Dass in Laufe der Handlung all diese Fragen aufgeworfen werden. Anno 1790 ist nicht explizit politisch. Es werden einfach Dinge gezeigt, die zu der Zeit so stattgefunden haben könnten. Aber genau weil wir heute vergleichen können, was sich inzwischen geändert hat und was nicht, ist es so ernüchternd. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – was haben Revolution und Aufklärung tatsächlich gebracht?

Okay, Freiheit ist inzwischen durchgesetzt: Die meisten Menschen sind frei, und zwar von allem, was sie zum Leben brauchen. Gleich sind die Menschen theoretisch vor dem Gesetz, praktisch sind die Reichen aber gleicher, und das in jeder Hinsicht: Sie haben tatsächlich, was sie zum Leben brauchen. Damit sind wenigstens sie frei, zu tun was ihnen beliebt. Und Brüderlichkeit? Oder gender-konformer: Geschwisterlichkeit? Nix da. Nicht nur, dass jeden Tag mehr Menschen im Mittelmeer ersaufen, auch innerhalb der Festung Europa ist Solidarität Mangelware.

Anno 1790 - bei den Dreharbeiten (Bild: svt)

Anno 1790 – bei den Dreharbeiten (Bild: svt)

Insofern sind Dåådh und seine Freunde trotz ihrer oft harten Lebensumstände wirklich zu beneiden – sie konnten wenigstens noch daran glauben, dass sich die Gesellschaft mit mehr Aufklärung, Bildung und Demokratie tatsächlich zum Besseren wandeln würde. Heute erleben wir, wie die Errungenschaften von mehr als zweihundert Jahren oft blutigem Kampf um bessere Lebensbedingungen fürs Volk von den Herrschenden einfach wieder zusammengetreten werden.

Hauptdarsteller Peter Eggers über Anno 1790 (auf Englisch)