Chernobyl: Total verstrahlt

Rechtzeitig nach dem GOT-Debakel hat der US-Sender HBO einen neuen Serien-Hit landen können: Die fünfteilige Mini-Serie Chernobyl. Wie der Name vermuten lässt, geht es um den atomaren Super-GAU im gleichnamigen Kernkraftwerk nahe der ukrainischen Stadt Prypjad. Am 26. April 1986 explodierte der Reaktor von Block 4 und löste damit die erste verheerende atomare Katastrophe ziviler Atomkraftnutzung in der Geschichte aus. An deren Folgen sind bereits zahlreiche Menschen gestorben sind und noch viel mehr Menschen werden noch an den Spätfolgen der radioaktiven Belastung sterben.

Chernobyl Bild: hbo.com

Chernobyl Bild: hbo.com

Es liegt auf der Hand, dass eine solche Serie weder unterhaltsam ist, noch schöne Bilder bietet. Es handelt sich um fünf Stunden Horror, der umso gruseliger ist, weil man ja weiß, dass das alles wirklich statt gefunden hat. Wie man es von einer HBO-Serie erwarten kann, hat der Sender keine Kosten und Mühen gescheut, die schrecklichen Ereignisse möglichst realistisch darzustellen, wobei ich mit „realistisch“ ausdrücklich nicht sagen will, dass sich alles genau so abgespielt hat.

Natürlich hat der Serienschreiber Craig Mazin, der bisher durch eher alberne Filme wie Scary Movie 3 und 4 oder Hangover 2 und 3 aufgefallen ist, die Story gestrafft und einige Hauptpersonen erfunden, mit denen die sonst sehr komplexen Ereignisse einfacher erklärt werden können. Aber viele der Ereignisse, die gezeigt werden, müssen sich nach dem, was über die Katastrophe bekannt ist, tatsächlich so oder so ähnlich abgespielt haben. Aber ich gehe davon aus, dass einiges aus dramaturgischen Gründen erfunden oder abgewandelt wurde – warum auch nicht, es handelt sich ja nicht um eine Dokumentation.

Chernobyl Bild: hbo.com

Chernobyl Bild: hbo.com

Die beiden Protagonisten Waleri Legassow (Jared Harris) und Boris Schtscherbina (Stellan Skarsgård) gab es wirklich, genau wie eine ganze Reihe weiterer Personen des Zeitgeschehens. Der überhaupt nicht fiktive Selbstmord des hochrangigen Wissenschaftlers Legassow, der die Untersuchungskommission zur Aufklärung der Ursachen des GAU leitete, verstörte die Fachwelt und weist darauf hin, dass er damit untermauern wollte, dass alles noch viel schlimmer gewesen ist, als offiziell bekannt wurde. In der Serie hat Legassow die undankbare Rolle der Kassandra, die sich immer wieder mit extrem schlechten Nachrichten unbeliebt macht, aber nun einmal gefürchtete Wahrheiten ausspricht und allmählich unter der übergroßen Verantwortung zusammenbricht.

Man kann sich darüber streiten, ob alles, was Legassow sagt, realistisch ist, vielleicht übertreibt er ein wenig, um den Mächtigen im ZK klar zumachen, dass es sich eben nicht um irgendein dummes Unglück handelt, das man vertuschen oder schön reden kann, um nicht an der propagierten  Überlegenheit der sowjetischen Technik und des sowjetischen Systems zu kratzen, sondern um eins, das einen ganzen Landstrich und darüber hinaus sogar einen erheblichen Teil der Welt nachhaltig zerstören kann, wenn keine geeigneten Maßnahmen zur Eindämmung ergriffen werden. Und, immerhin, das wird auch gezeigt, nachdem Generalsekretär Michail Gorbatschow endlich begriffen hat, wie schlimm das alles wirklich ist, spielen Kosten keine Rolle mehr, Schtscherbina, der die entsprechende Regierungskommission leitet, bekommt, was immer er fordert.

Chernobyl - Walerie Legassow (Jared Harris) Bild: hbo.com

Chernobyl – Walerie Legassow (Jared Harris) Bild: hbo.com

Die Rolle Schtscherbinas ist allerdings weniger eindeutig, einerseits war er ein Apparatschik, der erst auf der Seite der Vertuschen und Abwiegler stand. Er hat sich dann aber von Legassow überzeugen lassen, dass die Lage wirklich katastrophal war. In der Serie geschieht das, als ein Hubschrauber, der zu dicht an die aus dem explodierten Reaktor quellende Rauch- und Strahlungswolke herabgeflogen ist, in Teilen von Himmel fällt. Das mag vielleicht auch ein wenig übertrieben sein, Tatsache ist aber, dass die Strahlung in der unmittelbaren Nähe des explodierten Reaktors so hoch war, dass ferngesteuerte Roboter und Kettenfahrzeuge, die auf dem Dach eingesetzt werden sollten, um die hochradioaktiven Graphitbrocken aus dem Reaktorkern zu entfernen, ihren Dienst nach kurzer Zeit aufgaben. Die Technik kam mit der Strahlung noch weniger klar, als die Bioroboter, die nach dem Versagen der Maschinen eingesetzt wurden.

Nach diesem Erlebnis jedenfalls glänzte Schtscherbina tatsächlich mit logistischen Hochleistungen, etwa die komplette Evakuierung von Prypjat, die zwar viel zu spät kam, dann aber in sehr kurzer Zeit vollzogen wurde oder die Beschaffung von Material und Leuten für die Löschung des Reaktorbrandes und zur Eindämmung von weiteren, noch fataleren Folgen des Reaktorunglücks.

Chernobyl - der brennende Reaktor Bild: hbo.com

Chernobyl – der brennende Reaktor Bild: hbo.com

Die weißrussische Atomphysikerin Ulana Khomyuk (Emily Watson) hingegen ist komplett erfunden, allerdings ist es eben viel einfacher, wenn sie herausfindet, was zu dem Unglück geführt hatte, als eine tatsächlich eingesetzte vielköpfige Untersuchungskommission. Es handelt sich ja eben nicht um eine Doku-, sondern um eine Dramaserie. Insofern finde ich eine solche Vereinfachung akzeptabel, zumal das Drama, das sich abgespielt hat, in ebenso drastischen wie beklemmenden Bildern gezeigt wird.

Wobei es einem US-Sender wie HBO sicherlich leichter fällt, eine Katastrophe kritisch aufzubereiten, die sich beim ehemaligen Klassenfeind und Weltmachtkonkurrenten UdSSR ereignet hat. Natürlich wird UdSSR-Bashing betrieben, einmal mehr wird zelebriert, dass in der nicht kapitalistisch organisierten UdSSR alles heruntergekommen, grau und vom KGB überwacht war. Der Alltag in der Sowjetunion in den 80ern wird ungefähr so dargestellt, wie es in den 50er und 60er-Jahre-Serien der USA ausgesehen hat. Nur eben noch armseliger, was die Ausstattung von Wohnungen und so weiter angeht. Das nervt mich schon, der Zustand der Gebäude wird kurz nach dem Umglück und der Evakuierung schon so dargestellt, wie er erst Jahrzehnte später war. Aber egal, wir kapieren ja, dass es auch darum geht, abzubilden, dass die Todeszone um den Unglücksort herum noch immer unbewohnbar ist.

Chernobyl - Ulana Khomyuk (Emily Watson) Bild: hbo.com

Chernobyl – Ulana Khomyuk (Emily Watson) Bild: hbo.com

Das Unglück an sich und das, was in den ersten Stunden und Tagen danach geschehen oder eben nicht geschehen ist, dermaßen haarsträubend, dass ich es gut finde, dass genau diese Fehleinschätzungen und Versäumnisse überhaupt thematisiert und für ein mehr oder auch weniger interessiertes Publikum aufbereitet werden. Es geht auch darum, zu zeigen, was passieren kann, wenn man sich zu sicher ist, dass eigentlich nichts passieren kann: Die Reaktor-Mannschaft in Tschernobyl war ja tatsächlich dermaßen von der Sicherheit ihrer Technik überzeugt, dass sie den GAU aus einer fatalen Mischung aus Fahrlässigkeit (Missachtung grundlegender Sicherheitsregeln) und Fehleinschätzung der tatsächlichen Situation (Konstruktionsfehler des Reaktortyps) selbst herbeigeführt hat. Ein RBMK-Reaktor kann nicht explodieren, das wollten die Verantwortlichen auch noch glauben, als er schon explodiert war. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein. Dieser Irrglaube fordert immer wieder zahlreiche Opfer. (Es gibt keinen Klimawandel. Es gibt keine Luftverschmutzung. Es gibt kein Waldsterben. Es gibt kein Mikroplastik überall dort, wo es nicht hingehört. Es gibt kein…)

Da kann man natürlich mit dem Finger auf die Sowjetunion zeigen und sich freuen, dass westliche Technik ja so viel besser ist. Aber der Super-GAU in Fukushima zeigt, dass auch das technologische Musterland Japan nicht besser ist. Und auch in den USA kam es schon zu einer Reihe von Atomreaktor-Unfällen, der bekannteste dürfte Three Mile Island gewesen sein. Und natürlich wurde die Öffentlichkeit immer belogen und es wurde und wird immer verharmlost. Keine Regierung und kein Konzern liebt schlechte Nachrichten. Blöd nur, dass sich Radioaktivität (wie so vieles andere, was die Umwelt vergiftet) sich nicht an nationale Grenzen hält. Der Unfall von Tschernobyl wurde der Weltöffentlichkeit bekannt, als ein Atomkraftwerk in Schweden zwei Tage später Alarm auslöste, weil erhöhte Strahlung gemessen wurde.

Chernobyl - die Katastrophe aus der Sicht der Feuerwehr  Bild: hbo.com

Chernobyl – die Katastrophe aus der Sicht der Feuerwehr Bild: hbo.com

Mag sein, dass der GAU von Tschernobyl der entscheidende Nagel im Sarg des sozialistischen Blocks war. Aber wenn – aus welchen Gründen auch immer – ein vergleichbarer Unfall in einem französischen, britischen, chinesischen oder US-Atomkraftwerk geschehen sollte – es würde mindestens genauso teuer, die Verluste an Leben, Gesundheit und Vermögen wären vermutlich noch viel höher, vor allem, wenn es im dichtbesiedelten Westeuropa oder Asien geschehen würde. Ich habe im Zuge einer anderen Recherche vor Jahren einmal versucht, herauszufinden, wie das mit aktuellen Evakuierungsplänen und Kriseninterventionsmaßnahmen im unmittelbaren Einzugsgebiet von deutschen Atomkraftwerken im Falle einer Havarie ist. Verstörendes Ergebnis: Nicht einmal die Zuständigkeiten von entsprechenden Institutionen und Behörden sind bekannt. Es gibt wohl Lager mit Jodtabletten. Aber wer die bekommt und wie die verteilt werden – keine Ahnung. Wer für eine Evakuierung zuständig wäre, und wo die ganzen Leute dann hin sollen – Fragezeichen über Fragezeichen.

Fazit: Keine Regierung und kein Konzern sind auf den Ernstfall vorbereitet. Was passiert, wenn der Ernstfall trotzdem eintritt, zeigt diese Serie. Das ist nicht schön. Und irgendwie behagt mir diese Art von Faszination des Grauens nicht. So etwas sollte nicht Stoff von Unterhaltungsserien sein müssen. Es widert mich an, wenn das Unglück von Menschen (und Tieren) auf diese Weise ausgeschlachtet wird. Aber wir leben nun mal in einer Gesellschaft, in der alles, was man zum Leben braucht, einem Geschäftsmodell unterworfen ist. Essen, Wohnung, Kleidung, Gesundheit, Transport, alles kostet.

Dann soll halt HBO aus der Notwendigkeit, die Folgen einer atomaren Katastrophe für ein hoffentlich großes Publikum begreifbar zu machen, auch Gewinn erzielen. Ist halt eine Scheißwelt. Aber die Bewohner dieser Scheißwelt brauchen halt ihre Serien, um sich in ihrer Freizeit vom Stress des Lebens und damit des Geld-verdienen-müssens abzulenken. Chernobyl ist dafür nur bedingt geeignet. Umso bemerkenswerter, dass die Serie auf imdb und Rotten Tomatoes so gut bewertet wird. Ich werte das als Indiz dafür, dass viele Menschen sich durchaus Gedanken machen wollen: Chernobyl ist nun wirklich keine Heile-Welt-Serie. Sondern eine, die zeigt, was passiert, wenn eine vermeintlich heile Welt buchstäblich zerfällt. Und es ist eben nicht nur Faszination des Grauens, sondern der Versuch, zu überlegen, was denn ein in einer solchen Situation angemessenes Verhalten wäre. Die Antwort fällt schwer, weil es keine eindeutige Antwort gibt.

Chernobyl: Boris Schtscherbina (Stellan Skarsgård, Mitte) Bild: hbo.com

Chernobyl: Boris Schtscherbina (Stellan Skarsgård, Mitte) Bild: hbo.com

Insofern finde ich gut, dass eine solche Serie und eben nicht ein neues Game of Thrones Furore macht. Also nichts gegen Game of Thrones. Aber mir ist lieber, wenn sich die Menschen nicht mit den Storylines fiktiver Charaktere beschäftigen, sondern damit, was mit unserer Welt passiert, wenn man bornierten Technologen glaubt. Es gibt ja gar nicht so wenige, die wieder laut über Atomkraft nachdenken, weil die Atomkraftwerke kein CO2 in die Atmosphäre blasen, im Gegensatt zu Kohle-, Öl- und Gaskraftwerken. Ja klar, das stimmt. Mit den fossilen Klimakillern muss Schluss sein.

Aber: Es gibt noch immer keine wirklich sicheren Endlager für den Atommüll, der in den Kernkraftwerken weltweit anfällt. In Deutschland steht der Atommüll in Castoren in irgendwelchen Hallen rum, die weder gegen Flugzeugabstürze noch sonst wie besonders gut gesichert sind. Die erste Generation der Castor-Behälter hat ihre genehmigte Laufzeit im kommenden Jahr erreicht. Und dann? Keine Ahnung.

Gut, es ist vermutlich besser, die Castoren mit hochradioaktivem Atommüll da rumstehen zu lassen, wo man sehen kann, in welchem Zustand sie sind, statt sie einfach in die Asse zu kippen. Was wiederum ein ehemaliges Salzbergwerk in Niedersachsen ist, das früher einmal für die Endlagerung von radioaktiven Müll vorgesehen war, ohne sich dafür irgendwie zu eignen. Seit einiger Zeit ist bekannt, dass Radioaktivität aus den verrottenden Fässern ins Grundwasser gelangt. Auch wenn das Bundesinstitut für Strahlenschutz keine Kontamination des Geländes feststellen konnte (oder wollte), so gibt es doch eine auffällige Häufung bestimmter Krebsarten in der Gegend. Das ist kein Vergleich zu dem, was in Tschernobyl passiert ist. Aber ich bin gespannt, ob und wann es eine Serie über Fukushima geben wird.

Der junge Karl Marx

Derzeit läuft Raoul Pecks Film Der junge Karl Marx in den deutschen Kinos. Damit hat sich der Haitianische Regisseur einen in vielerlei Hinsicht sehr schwierigen Stoff vorgenommen. Zum einen, weil das Verhältnis der Deutschen zu ihrem größten Denker ein extrem gestörtes ist – Marx wird heutzutage ja für viele schreckliche Dinge verantwortlich gemacht, die er weder gedacht, noch gutgeheißen hätte. So habe der Film-Förderfonds des Europarates Eurimages eine Förderung abgelehnt „weil man dann auch gleich einen Film über Stalin fördern könnte.“

Zum anderen ist es wirklich nicht einfach, ein Film über das Denken zu machen, über Gedanken, Ideen und deren Entwicklung – denn das ist es ja, was Marx hauptsächlich getan hat: Gedacht, analysiert, seine Gedanken aufgeschrieben und hinterfragt, präzisiert, neu formuliert. Eine anstrengende, aufreibende und materiell wenig einträgliche Schwerstarbeit, die bis heute nicht angemessen anerkannt und gewürdigt wird.

Die Welt kritisiert prompt: „Sie trinken viel, sie lachen viel: Raoul Peck verfilmt die Zeit, als Karl Marx Kommunist wurde. Eine Mutation aus französischem Laberkino und deutschem Kostümfilm.“ Und findet den Film unfreiwillig komisch. Dafür vermisst sie an August Diehls Darstellung des Karl Marx „alles Dämonische, Gefährliche, ja eigentümlich Deutsche, das alle Zeitgenossen an ihm bemerkten.“

Und natürlich auch den Hinweis auf die Abermillionen Toten, die Marx auf dem Gewissen habe, weil er ja den Kommunismus erfand. Stattdessen würden im Abspann Szenen kapitalistischer, neokolonialer Ausbeutung gezeigt und in der letzten Einstellung gar brennende Dollarscheine. „Ein intellektuelles und ästhetisches Desaster.“

Was allerdings auch diese Filmkritik ganz gut zusammenfasst. Denn Marx war ja schon lange tot, als es zur Oktoberrevolution kam. Und er wäre ganz bestimmt kein Freund von Stalin und diversen anderen angeblich kommunistischen oder sozialistischen Führerfiguren gewesen. Marx hat orthodoxes Denken immer strikt abgelehnt und sein Freund Engels, der als „Mitbegründer“ des Marxismus gilt, schrieb gar: „Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin!“

Man erinnere sich: Marx war ein Freigeist, manche würden ihn auch einen Querdenker nennen (auch wenn ich diesen Begriff doof finde, schon weil sich jeder FDPler heute für einen Querdenker hält, obwohl er nur INSM-Denke wiederkäut), der seine Tätigkeit als Chefredakteur der liberalen Rheinischen Zeitung aufgeben musste, weil er regelmäßig in Konflikt mit den Zensurbehörden kam. Marx kritisierte die herrschende Ordnung, die Religion, die Philosophie, und, natürlich, den Kapitalismus, den er in seinen späteren Jahren ausführlich analysiert und völlig zu recht für das Elend der arbeitenden Klasse verantwortlich gemacht hat. Dabei verstand Marx sein Werk als ständig zu überprüfende Analyse der jeweiligen Verhältnisse und eben nicht als eine wie auch immer geartete Handlungsanweisung für eine utopische Gesellschaft. An den real existierenden realsozialistischen Staaten hätte Marx garantiert eine Menge zu kritisieren. An allen anderen natürlich auch.

Doch leider ist ausgerechnet das nicht der Gegenstand des Films, der sich darauf beschränkt, die Zeit von 1843 bis 1848 zu zeigen, die Jahre also zwischen dem Rauswurf bei der Rheinischen Zeitung und dem Erscheinen des Kommunistischen Manifests. Und auch das gelingt leider nicht besonders gut – wer nicht vorher schon weiß, was in diesen Jahren passiert, bekommt hier keine Geschichtsstunde, mit der man das nachholen könnte.

Es ist eben schwer, Denkprozesse filmisch umzusetzen – insofern ist das Welt-Bonmot mit dem französischem Laberkino und deutschem Kostümfilm leider doch ziemlich treffend, wie ich ungern einräumen muss. Denn im Grunde liefert der Film nur bebilderte Anekdoten: Am Anfang werden verhuschte Gestalten im schönen deutschen Wald gezeigt, deren Verbrechen es ist, verbotenerweise Feuerholz zu sammeln – seit die Eisenbahnen durchs Land gebaut werden, ist Holz ein teurer Wirtschaftsfaktor, der einen entsprechenden Preis haben muss. Den arme Tagelöhner aber nicht zahlen können. Das ist nicht fair, denkt Marx. Und auch, dass deshalb verständlich ist, dass sie nicht nachvollziehen können, dass es ein Verbrechen sein soll, zu tun, was man tun muss, um zu überleben.

Ähnlich denkt auch Friedrich Engels (Stefan Konarske), der Industriellensohn, der im Betrieb seines Vaters als Prokurist arbeitet und die Ausbeutung der dort beschäftigen Arbeiterinnen somit direkt vor Augen hat. Kein Wunder, dass sich die beiden gut verstehen, als sie aufeinander treffen – wobei der Anfang dieser wunderbaren Freundschaft im wahren Leben wohl etwas holpriger war. Aber das Ergebnis zählt.

Und dann haben die beiden jeweils noch engagierte Frauen an ihrer Seite – Friedrich liebt die rebellische Arbeiterin Mary Burns (Hannah Steele), über die er einen Zugang zum Proletariat erhält, dem der seine Studie „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ widmet. Karl Marx hat Jenny (Vicky Krieps) an seiner Seite, die als Tochter des Landrates von Salzwedel ein ganz anderes Leben hätte führen können, als an der Seite des chronisch unter Geldmangel leidenden Karl. Aber Jenny von Westphalen entschied sich für den jungen Intellektuellen – und somit gegen ihre Klasse und für den Sozialismus. Sie tritt auch im Film immer wieder als kluge Stichwortgeberin auf, die ihrem geliebten Ehegatten bei der Formulierung schwieriger Gedanken hilft. Womit vermutlich die historische Rolle der Jenny Marx auch angemessen beschrieben wird. (Nebenbei gebar sie sieben Kinder, die irgendwie versorgt werden mussten, was in jenen Zeiten keineswegs einfach war – nur drei Töchter erreichten das Erwachsenenalter.)

Dennoch ist dieses ganze Stichwort-Dropping insgesamt eine Schwäche des Films: Es werden immer wieder bekannte Zitate bemüht, um bestimmte Konflikte oder Auseinandersetzungen anzudeuten, die Karl und Friedrich mit anderen Denkern ihrer Zeit hatten, die aber nicht weiter erklärt oder ausgeführt werden – wer hier nicht ohnehin schon weiß, worum es eigentlich geht, ist am Ende aber kein bisschen schlauer. (Ich habe den Film mit meiner Tochter angesehen, die sich gerade auf ihren Fachoberschulabschluss vorbereitet und sehr interessiert an Gesellschaft und Geschichte ist – an ihren Fragen habe ich gemerkt, dass der Film tatsächlich viel Vorwissen voraussetzt. )

Ähnlich ist es auch mit den Erkenntnissen, zu denen die beiden, oder eher die vier, mit der Zeit gelangen – es ist natürlich bezeichnend, dass Marx und Engels im „Bund der Gerechten“ die Parole „Alle Menschen werden Brüder“ durch „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ ersetzen:  Die klare Ansage ist Klassenkampf statt einer verschwurbelten „Wir-haben-uns-doch-alle-lieb“-Romantik. Allein dafür möchte ich Raoul Peck auf die Schulter klopfen.

Aber wer in dem breiten Publikum, auf das der Film offensichtlich abzielt, kapiert das tatsächlich? Wir kriegen doch seit Jahrzehnten erzählt, dass wir längst in einer angeblich klassenlosen Gesellschaft leben – was zwar eine verdammte Lüge ist, aber dennoch von erstaunlich vielen Menschen geglaubt wird: Jeder, der sich anstrengt, kann es nach ganz oben schaffen. Man muss nur wollen und gaaanz viel arbeiten. Und wer keine Arbeit hat, strengt sich halt nicht genug an. Oder hat was falsch gemacht. (Oder schon genug geerbt…)

Zurück zum Film: Was mir gefällt, ist, dass er in verschiedenen Sprachen gedreht wurde: Natürlich spricht man in Paris französisch und in England englisch – aber die Schwierigkeiten, mit denen die arbeitenden Menschen zu kämpfen haben, sind überall gleich. Natürlich müssen sich die Proletarier aller Länder vereinen, wenn sie eine Chance im Kampf gegen die herrschenden Verhältnisse haben wollen.

Was wir derzeit aber erleben ist, dass der Kapitalismus längst global ist, während die Arbeiter verschiedener Länder gegeneinander ausgespielt werden – und das weiterhin mitmachen, ja sogar verstärkt wieder auf nationalistische Rattenfänger hereinfallen, die ihnen erzählen, dass früher doch alles viel besser gewesen sei. Oder gar in windigen Superkapitalisten wie Donald Trump einen Heilsbringer vermuten, was so ziemlich in jeder Hinsicht absurd ist, weil so einer nun wirklich der letzte ist, von dem man vermuten sollte, dass er ein Interesse daran haben könnte, an der Situation derer, die sein Vermögen tatsächlich erarbeitet haben, etwas zu verbessern.

„Wenn Sie weniger Kinder für sich schuften lassen würden, müsste Sie am Ende wohl selbst arbeiten!“ sagt Friedrich Engels im Film zu einem Fabrikbesitzer, der erklärt, dass er halt zusehen muss, wie sein Betrieb profitabel bleiben kann. Und damit komme ich zu einem letzten Zitat, diesmal von Hauptdarsteller August Diehl, der das Anliegen des Films damit angemessen zusammenfasst: „Wir leben in Zeiten, wo sich im Vergleich zu damals nicht so wahnsinnig viel geändert hat. Damals entstand die neue Sklavenklasse, das Proletariat. Der einzige Unterschied zu heute ist, dass wir die Kinder, die für uns arbeiten, ans andere Ende der Welt und damit weit weg von uns ausgelagert haben.“

Allein deshalb lohnt es sich, den Film anzusehen, auch wenn das Elend der Arbeiterklasse in für meinen Geschmack viel zu schönen Bildern gezeigt wird.

Aber dafür gibt es auch einen passenden Film: Workingsman’s Death.

Jessica Jones: Superheldin wider Willen

Das Marvel-Universum ist nicht gerade meine Heimat – überhaupt bin ich eine Comic-Banausin. Ich mag Bücher und ich mag Serien – aber diese gezeichneten Superheldengeschichten waren nie mein Ding. Ja ich weiß, es gibt ganz tolle Sachen in diesem Bereich und insbesondere die Belgier haben das Bande dessinée zu einer gehobenen Kunstform entwickelt – es ist keineswegs so, dass ich das komplette Genre nicht ernst nehmen würde. Aber ich habe halt andere Interessen und Prioritäten. Und die meisten Comic-Superhelden gehen mir einfach auf die Nerven – und vor allem nervt mich, dass diese ganzen Marvel-Superhelden-Filme diese öde Blockbuster-Monokultur zementieren, die seit Jahren dafür sorgt, dass man im Kino keine echten Überraschungen mehr erlebt.

Ja, man kann zwei Stunden Spaß haben und so teuer wie das alles ist, ist es natürlich auch gut gemacht – man hat auch keine negative Überraschung. Aber dieses Gefühl, gerade etwas Ungeheures erlebt zu haben, das die Sicht auf die Welt, wie man sie vorher hatte, irgendwie verändert – das hatte ich lange nicht mehr. Wobei na klar – früher war es einfach, die Leute zu beeindrucken, weil es ja vieles zuvor noch nicht gegeben hatte. Und dann ein Film wie Blade Runner. Oder wie Brazil. Womit ich nicht sagen will, dass es keine guten Filme mehr geben würde – in meinem Blog habe ich ja schon eine Menge davon besprochen. Aber ich schweife ab: Marvel. Netflix. Jessica Jones.

jj

Erstaunlich gut – meine mittlerweile erwachsenen Kinder haben mir diese Serie unabhängig voneinander empfohlen, nach dem Motto: „Ich weiß ja, dass du es nicht so mit Marvel hast, aber…“. Und ich dachte mir, wenn die beiden Jessica Jones gut finden – und sie finden keineswegs immer dasselbe gut – dann könnte es sich lohnen, hineinzusehen. Und es hat sich gelohnt, denn ich habe durchaus etwas übrig für Privatdetektive, insbesondere, wenn sie zum Frühstück schon billigen Bourbon trinken und auch sonst unleidlich sind. Und wenn sie dann auch noch so aussehen wie Krysten Ritter, die fatale Jane Margolis aus Breaking Bad. Es ist noch immer nicht selbstverständlich, dass Frauen geniale, immer schlecht gelaunte Serien-Helden mit unterdurchschnittlicher Sozialkompetenz sein dürfen – insofern gibt es hierfür einen Extrabonus.

Jessica Jones ist verbissen wie Kommissarin Lund, stark wie Pippi Langstrumpf und cool wie Philip Marlowe. Und ein bisschen erinnert sie mich an meine Lieblingsheldin ever – die Eisexpertin Smilla Jaspersen aus Fräulein Smillas Gespür für Schnee von Peter Høeg. Smilla ist keine Superheldin im marvelschen Sinne, aber sie hat, dank ihrer Mutter, die Inuit war, besondere Fähigkeiten: Sie kann Spuren im Schnee lesen, sie weiß, wie man im ewigen Eis überlebt und sie lässt sich von niemanden beeindrucken. Die Konventionen der dänischen Gesellschaft sind ihr herzlich egal – auch wenn sie die Position ihres Vaters, der ein angesehener Herzchirurg in Kopenhagen ist, durchaus für sich zu nutzen versteht.

Jessica Jones (Kristen Ritter)

Jessica Jones (Kristen Ritter)

Bei Jessica ist das alles weniger subtil motiviert – das genau ist es, was ich an diesen Marvel-Stories ja kritisiere. Es gibt immer diese haarsträubenden pseudo-wissenschaftlichen Erklärungen, die alles noch viel schlimmer machen: Hier ein aus dem Ruder gelaufenes Experiment und dort einen tragischen Unfall und plötzlich haben die Betroffen übermenschliche Fähigkeiten. Was für ein Blödsinn, aber egal, wir sind hier ja im Reich der Fiction, wieso also nicht. Auch wenn dieses ganze Superheldentum totaler Bullshit ist – Spaß macht es irgendwie doch. Und natürlich ist es schon irgendwie cool, dass Jessica Vorhängeschlösser einfach mit einem Ruck aufziehen kann wie andere ihre Schnürsenkel. Da stört es dann auch nicht, dass es auch noch andere Typen besonderen Begabungen gibt, Luke Cage (Mike Colter) etwa, der eine unkaputtbare Haut hat oder und dann natürlich Kilgrave (David Tennant), der bad guy der Serie, der die Fähigkeit hat, anderen seinen Willen aufzuzwingen.

Aber natürlich ist auch der fiese Kilgrave das Opfer eines zweifelhaften Experiments, das seine Eltern – beide besessene und ziemlich zwielichtige Wissenschaftler – an ihm vorgenommen haben. Wobei sich herausstellt, dass sie es alles gar nicht so böse gemeint haben, wie es erst aussah und sich für den kleinen Kevin anfühlen musste. Eltern sind hier überhaupt ziemlich böse – auch die Mutter von Jessicas Adoptivschwester Trish Walker (Rachael Taylor), die Jessica nach dem Unfalltod ihrer Eltern und ihres Bruders adoptiert hat. Die ehrgeize Dorothy hat ihre Tochter Trish durch harten Drill zu einem Kinderstar aufgebaut, aus dem später eine erfolgreiche Radiomoderatorin geworden ist.

jj2

Jessica (Kristen Ritter) und Trish (Rachael Walker)

Trish ist der einzige Mensch, an dem Jessica wirklich etwas liegt und wie sich herausstellt, auch ohne Superkräfte ziemlich überlebenstüchtig – Tigermama sei dank. Und dann gibt es noch Jessicas drogensüchtigen Nachbarn Malcolm (Eva Darville), der eigentlich Sozialarbeiter werden wollte, aber selbst irgendwie auf die schiefe Bahn gerät, den guten Cop Will Simpson (Wil Traval), ebenfalls ein Opfer von Kilgrave, der sich in Trish verliebt und die abgefeimte Anwältin Jeri Hogarth (Carrie-Anne Moss), über die Jessica zumindest einen Teil ihrer Aufträge bekommt.

Eines Tages soll Jessica für Barbara und Bob Shlottman ihre Tochter Hope finden. Hope ist nämlich ein gutes Mädchen – die verschwindet nicht einfach so. Natürlich nicht. Jessica findet heraus, dass Hope ein ähnliches Schicksal erleidet wie sie selbst – sie ist in die Fänge von Kilgrave geraten. Jessica war ebenfalls ein Opfer von Kilgrave – er hat sie dazu gebracht ihn zu lieben und sie für seine Machenschaften benutzt. Das ist ein wichtiges Thema der Serie: Missbrauch und wie die Opfer damit umgehen. Wie kommt man aus der Opferrolle wieder raus?

jj4

Kilgrave (David Tennant)

Nachdem Kilgrave Jessica dazu gebracht hat, für ihn einen Mord zu begehen, ist ihr die Flucht gelungen – aber wie sich nun herausstellt, ist er noch immer hinter ihr her. Kilgrave benutzt Hope, um sich an Jessica zu rächen, so bringt er Hope dazu, ihre eigenen, ausnahmsweise mal gar nicht so üblen, Eltern zu ermorden. Und Jessica gibt sich tatsächlich die Schuld daran – auch wenn sie natürlich gar nichts dafür kann, denn es ist ja Kilgrave, der hinter allem steckt.

Aber genau das ist die Entwicklung, die Jessica durchmachen muss – sich eben nicht mehr für die Dinge, für die sie nun wirklich nichts kann, schuldig zu fühlen, sondern stattdessen die Dinge zu ändern, die sie  – und nur sie – ändern kann. Und weil es sehr schwer ist, jemanden zur Strecke zu bringen, der jeden in seinem Umfeld nach Belieben nach seiner Pfeife tanzen lassen kann, muss Jessica jetzt das werden, was sie eigentlich nie sein wollte – eine Superheldin.

Eine Superheldin wider Willen, die sich eigentlich lieber in ihrer schäbigen Detektei – praktischerweise ist ihr Büro zugleich auch ihre Wohnung oder umgekehrt – zu Tode saufen würde, wenn sie nicht gerade für Jeri Hogarth in der dreckigen Wäsche ihrer Mandanten wühlen muss, das ist dann doch nach meinem Geschmack. Und Jessica ist eine tolle Rolle für Krysten Ritter, die herrlich ruppig, wütend und dann auch wieder verzweifelt und verletzlich sein kann. Natürlich ist auch David Tennant als Kilgrave ein überzeugender Bösewicht – es lohnt sich schon allein wegen seines britischen Akzents die Originalversion anzusehen. Doch, ja, Jessica Jones hat mich überzeugt: Wenn schon eine Superhelden-Serie, dann diese.

Retrokritik: 23 – Nichts ist wie es scheint. Tatsächlich?

Es ist gewiss kein Zufall, dass ich durch Mr. Robot wieder auf den einzigen guten Hacker-Film gekommen bin, den ich je gesehen habe: 23 – Nichts ist so, wie es scheint. Also nicht, dass ich keine anderen Hacker-Filme gesehen hätte, da gab es ja einiges, von War Games über Sneakers, Das Netz und so weiter bis hin zu The Fifth Estate. Aber Hollywood und Hacker – das passt einfach nicht zusammen.

Gerade The Fifth Estate: Dieser Film von Bill Condon mit Benedict Cumberbatch als Julian Assange und Daniel Brühl als Daniel Domscheid-Berg, der sich um die spektakulären Veröffentlichungen von US-Militärdokumenten auf der Enthüllungsplattform Wikileaks dreht, ist, wie ich Anfang vergangenen Jahres schon schrieb, erstaunlich schlecht: Ich kann kaum fassen, wie man eine so gute Geschichte dermaßen vermurksen kann.

Da half auch die erstklassige Besetzung nicht: Was in dem Köpfen der Menschen und in den Datennetzen passiert, bleibt hier weitgehend nebulös. Dabei hat Sam Esmail mit Mr. Robot gerade vorgemacht, wie man genau so etwas umsetzt: Nämlich nicht durch alberne Animationen, sondern durch echte, nachvollziehbare Befehle auf dem Computer-Monitor und ein paar erklärende Worten zu den Gedanken desjenigen, der sie eingibt. Dabei muss keineswegs die Welt erklärt werden – eine markante Zusammenfassung dessen, was gerade Sache ist, reicht.

23 - titelbild via video.com

23 – titelbild via vimeo.com

Das hat Hans-Christian Schmid in seinem Film aus dem Jahr 1998 deutlich besser hingekriegt. 23 beruht ebenfalls auf einer wahren Geschichte – dem kurzen Leben des Hackers Karl Koch, der am 23. Mai 1989 verschwand und dessen verkohlte Leiche einige Tage später in einem Waldstück gefunden wurde. Karl Koch wurde durch die KGB-Hacks bekannt, die so genannt wurden, weil er und ein paar Freunde das Material, das sie aus den damals noch schlecht gesicherten Computern von Forschungseinrichtungen und Unternehmen kopierten, an die Sowjets verkauften.

Jetzt, wo ich mir den Film noch einmal angesehen habe, bin ich erstaunt, welche Parallelen es zwischen Karl Koch und Elliot Alderson gibt: Beide wollen die Welt retten und sitzen nächtelang vor ihren Computern – und während sie über die Datennetze Kontakt zu potenziellen Zielen aufnehmen, kommt ihnen der Kontakt zu ihrem realen sozialen Umfeld abhanden. Beide bewegen sich zunehmend in einer virtuellen Welt, die sie sich selbst erschaffen und geraten darüber in Konflikt mit der Realität – irgendwann können sie beide nicht mehr unterscheiden, was nur in ihren Köpfen statt findet und was tatsächlich passiert – für sie fühlt es sich real an. Ist es aber nicht. Oder nur zum Teil.

Karl zieht sich immer häufiger eine Nase voll Koks rein, um seine Auftragshacks durchzuhalten, weil er das Geld dringend braucht – unter anderem, um seinen aus dem Ruder laufenden Kokain-Konsum zu finanzieren. Elliot zieht sich immer häufiger eine Line Morphin rein, weil er mit der Situation, in die er sich durch seine Aktivitäten als frei schaffender Selbstjustiz-Hacker selbst gebracht hat, anders nicht mehr umgehen kann. Beide werden immer paranoider – nicht zu völlig unrecht, wie sich zeigt, obwohl viel der jeweiligen Paranoia auf Einbildung beruht.

23 - Nichts ist so wie es scheint - Karl Koch (August Diehl) - via cinema.de

23 – Nichts ist so wie es scheint – Karl Koch (August Diehl) – via cinema.de

Auch Elliot redet am Anfang über die denkbar größte Verschwörung jener Ein-Prozenter, die heimlich die Welt regieren. Bei Karl sind es die Illuminaten – das ist natürlich Weltverschwörung zum Quadrat: Er hat einfach zu viel Illuminatus! gelesen. Die Illuminatus-Trilogie von Robert Anton Wilson war in den 80ern sehr populär, ich habe sie auch gelesen und bin eine Zeitlang entsprechend paranoid gewesen – das bleibt einfach nicht aus, plötzlich hat alles irgendwas mit Pentagrammen und der 23 zu tun. Aber ich verkehrte nicht in Hackerkreisen und nahm damals auch keine Drogen, also beruhigte sich das irgendwann wieder.

Zumindest ein bisschen, denn paranoid waren viele von uns, die wir in den 80er Jahren erwachsen wurden: Der Kalte Krieg, die RAF, die Friedensbewegung, die Anti-Atom-Bewegung, der Polizei-Staat – wir mussten die am Abgrund torkelnde Welt doch ständig retten und dabei noch gegen unsere Spießer-Eltern rebellieren, die so ewiggestrig waren, wie sich unsere Kinder sich das heutzutage einfach nicht mehr vorstellen können. Genau wie eine Welt ohne E-Mail, ohne Smartphones, ohne soziale Netzwerke.

Karl ist eben auch einer von denen, die zur Demo in Brokdorf gepilgert sind und kritische Schülermagazine herausgebracht haben, einer von den politisch engagierten. Aber einer, der dann zunehmend auf Abwege geraten ist, nachdem er sich darauf eingelassen hat, für Geld zu hacken, oder eigentlich: Für Drogen. Zwar versucht er anfangs noch sich selbst und einer Freundin zu beweisen, dass ihm Geld überhaupt nicht wichtig ist – nachdem sie ihm gesagt hat, dass er nach dem Tod seines Vaters echt zum Arschloch mutiert sei, fängt Karl an, die von seinem Erbe verbliebenen Geldscheine zu verbrennen – und natürlich höre ich im Voice-over Elliot: „I don’t give a shit of money!“

23 - Nichts ist so wie es scheint - Karl Koch (August Diehl) ist Geld nicht so wichtig - vie br.de

23 – Nichts ist so wie es scheint – Karl Koch (August Diehl) ist Geld nicht so wichtig – via br.de

Was, nebenbei bemerkt, ganz schön blöd ist: In einer Welt, in der auf allem, was man zum Leben braucht, ein Preisschild klebt, ist die Behauptung, dass Geld doch gar nicht so wichtig sei, um ein gutes Leben zu haben, die perfideste Propagandalüge, die sich denken lässt. Aber was sollen die Kapitalistenschweine von dem einen Prozent ganz oben auch sonst sagen, wenn sie wollen, dass wir obedient zombies (Elliot in eps1.2_d3bug.mkv) weiterhin für einen Hungerlohn ihren Reichtum mehren. Aber ich schweife ab.

Also: Nachdem Karl kurz hintereinander beide Eltern verloren und etwas Geld geerbt hat, kauft er sich einen Computer und dringt in die Welt der Mailboxen vor, weil er Gleichgesinnte sucht, mit denen er über Illuminatus diskutieren kann. Die findet er im Umfeld des gerade entstehen Chaos Computer Clubs. Hierüber entwickeln sich weitere Kontakte, die für Karl verhängnisvoll noch werden: Karl lernt nicht nur den freundlichen und sehr begabten Hacker David kennen, sondern auch den kriminellen Programmierer Lupo und dessen Kumpel Pepe, der Dealer ist und Karl künftig mit Kokain versorgt. Pepe ist es auch, der den Kontakt zum KGB herstellt.

Die naiven Idealisten Karl und David lassen sich im jugendlichen Leichtsinn darauf ein, als Hacker für den KGB zu arbeiten – in ihren Augen ist das erstmal eine gute Sache: Während die USA mit ihrem aggressiven Verhalten gegenüber Libyen den Weltfrieden gefährdet, wollen die Jungs für ausgleichende Gerechtigkeit sorgen. Und sie bekommen auch noch Geld dafür!

Außerdem ist ein Journalist auf Karl aufmerksam geworden und drängt ihn dazu, ihm eine richtig gute Hacker-Story zu liefern. Karl, der inzwischen immer Geld braucht, lässt sich darauf ein, sich vor laufender Kamera ins AKW Jülich zu hacken. Durch diese Sache wird das BKA auf Karl und den Sender aufmerksam – Karls Paranoia bekommt also eine Grundlage, denn er wird jetzt wirklich überwacht. Als es kurz darauf zur Kernschmelze in dem Atomkraftwerk in Tschernobyl kommt, glaubt Karl, dass er irgendwie mit daran schuld sei – er hat in der letzten Zeit einfach zu viel Zeit auf Koks vor dem Bildschirm verbracht. Der Zusammenbruch ist unvermeidlich – er irrt halb nackt im Regen durch die Straßen und landet schließlich in einem Krankenhaus. Anders als Elliot kann er sich aber noch nicht ins System hacken, um seinen Krankenakten zu fälschen, denn die werden noch analog geführt.

Karl macht einen Entzug in einer entsprechenden Einrichtung und beschließt, mit seiner kriminellen Vergangenheit abzuschließen, denn Lupe und Pepe bedrohen ihn immer wieder. Er macht eine Aussage beim Verfassungsschutz und kommt in ein Zeugenschutzprogramm, während die beiden in den Knast wandern. Wenig später verschwindet Karl – die Umstände seines Todes sind bis heute nicht aufgeklärt worden. Was entschieden für eine Beteiligung von Geheimdiensten spricht – sonst wird ja im Grunde jeder Mord in Deutschland aufgeklärt.

Karl (August Diehl) und David (Fabian Busch) surfen um die Welt - via duassen-woebke-putz.de

Karl (August Diehl) und David (Fabian Busch) surfen um die Welt – via duassen-woebke-putz.de

Hans-Christian Schmid erzählt das Leben des Karl Koch sehr gradlinig und ohne dramaturgische Schnörkel – ganz in der Tradition des Dokumentarfilms, schließlich ist Schmid gelernter Dokumentarfilmer. Immer wieder ist echtes Dokumaterial zu sehen, die Auseinandersetzungen zwischen Atomkraftgegnern und Polizei, Bilder von der Konfrontation zwischen den USA und Libyen, der Ruine des havarierten Reaktorblocks in Tschernobyl, Ronald Reagan, Michail Gorbatschow, Muammar al-Gadaffi, der Mord am schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme – die paranoide Stimmung jener politisch engagierten jungen Menschen in den 80er wird dadurch fühlbar.

Und dazu kommt, dass August Diehl als Karl immer bleicher, hohlwangiger und nervöser wird, er starrt mit fiebrigen Blick auf den Bildschirm, kämpft in seinem Kopf mit übermächtigen Gegnern, und verfällt gleichzeitig einem heillosen Größenwahn – natürlich hätte er weder den Tod seines Vaters, der an einem Hirntumor gestorben ist, noch den Mord an Olof Palme, noch die Kernschmelze in Tschernobyl verhindern können, aber er glaubt, dass die Illuminaten ihn zu ihrem Werkzeug gemacht haben.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sam Esmail sich unter anderem auch von diesem Film hat inspirieren lassen – als jemand, der sich für die Hacker-Kultur überhaupt interessiert, muss er den CCC und seine wichtigsten Mitglieder kennen, auch wenn Deutschland, von den USA aus gesehen, auf einem ziemlich entfernten Planeten liegen mag. Aber dank Internet ist die Welt ja ein Dorf, in dem jeder jeden um ein paar Ecken herum kennt.

Karl auf einem der erste CCC-Treffen - via kinoweg.de

Karl auf einem der erste CCC-Treffen – via kinoweg.de


Außerdem: Die Dämonen in Elliots Kopf haben auch Karl schon heimgesucht, der irgendwann als zuckendes Wrack auf seinem Bett liegt wie Elliot in da3m0ns.mp4 und genau wie bei Karl Koch verschwimmt auch bei Elliot irgendwann die Grenze zwischen dem, was er für die anderen, für die Gesellschaft erreichen will, und dem, was er für sich selbst tut. Und wie Elliot wird auch Karl immer paranoider – nur dass Karl nicht mit seinem toten Vater streitet, seinen Vater konnte er ja ohnehin nicht ausstehen, er hört aber Stimmen und Flugzeuge, die nicht da sind und irgendwann versucht er in einem Panikanfall aus einem fahrenden Auto zu steigen, das mit 180 Sachen auf der Autobahn unterwegs ist.

Hans-Christian Schmid braucht keine erfundenen Figuren, um Karls psychische Störungen zu illustrieren. Aber wir sind hier auch in einem anderen Genre: Während 23 weitgehend realistisch die Lebensgeschichte eines Hackers erzählt, der mit der Zeit durch übermäßigen Drogenkonsum an Halluzinationen, Verfolgungswahn und Realitätsverlust leidet, erzählt Mr. Robot von eben diesen Halluzinationen, dem Verfolgungswahn und dem Realitätsverlust seiner Hauptfigur – und zwar aus Elliots Perspektive. Mir ist klar, dass ich hier Äpfel mit Birnen vergleiche – ich will das eigentlich auch gar nicht tun. Mir fiel nur auf, dass die historische Person Karl Koch und der fiktive Hacker Elliot Alderson einige Gemeinsamkeiten haben, die gewiss nicht zufällig sind.

Hans-Christian Schmid hat jedenfalls einen Film abgeliefert, der mittlerweile natürlich auch durch seine Retro-Ausstattung (C64! Atari! CBM-II!) Kultcharakter hat, aber auch sonst wirklich sehenswert ist. Für seine Darstellung des Karl Koch in 23 – Nichts ist so wie es scheint, bekam August Diehl den Deutschen Filmpreis als bester Schauspieler.

Schon gut, aber noch nicht großartig

Und noch einmal Mr. Robot – ich habe nämlich eine Kritik gefunden, die ich sehr gut finde. Matt Zoller Seitz bringt etwas auf den Punkt, das ich nach den letzten Teilen auch bei mir festgestellt habe, aber nicht so richtig fassen konnte: Das war ja alles richtig gut und interessant und innovativ und überhaupt – aber genau das, was man sich am Anfang von Mr. Robot versprochen hat, wurde dann eben nicht eingelöst: Über die ganzen raffinierten Wendungen, die ja alle ihren Charme hatten, ist die anfängliche Geschichte über das öde einsame Leben der 99 Prozent, die ohne Anerkennung in ihrem ungeliebten Brotjob festhängen, irgendwie abhanden gekommen.

Er schreibt in Vulture unter dem Titel Why Mr. Robot Is Not a Great Show (Yet)

Every program has a bug. Every person has a bug. Every TV show has a bug. The most important thing about bug-hunting, Mr. Robot tells us, is not locating and dealing with the bug, but understanding the conditions that allowed the bug to exist. A bug is a message, sometimes a distress signal, embedded within the program, and it exists in order to be discovered, so that the reasons for its existence can be understood.

What’s Mr. Robot’s bug? I ask because it has one, and it’s preventing the program (how convenient for this review that the word program is a synonym for show!) from functioning at its fullest artistic potential. I admire this show. I am engrossed in it. I might continue watching it even if it were tedious or stupid, for its committed performances, its surprising but always spot-on song choices (Neil Diamond in the pilot sealed my love for the series), Tim Ives’s geometrically off-center compositions, Mac Quayle’s retro ’80s-synth score, and the dense, playful sound design. (If you can watch Mr. Robot with headphones on, you absolutely should.) But there’s something not quite there about it, and it’s frustrating.

I suspect the bug is Mr. Robot himself — a character initially presented as a pontificating, hot-tempered revolutionary played by Christian Slater, a V-type (as in V for Vendetta) then revealed by our humble narrator, Elliot Alderson (Rami Malek), to be a hallucinated vision of the now-dead father who pushed him out of a window as a kid. This series about a computer hacker/revolutionary/mentally ill man-child is pretty openly catering to aficionados of Cinema de Dudebro, referencing a number of films and filmmakers that absolutely pass muster as art while also just happening to look and sound frickin’ awesome when you put them up on that 57-inch plasma screen with surround sound that hangs on a wall opposite your black leather couch. (Insulting, sure — but also autobiographical. I still have the TV, but a girlfriend convinced me to sell the couch.) Taxi Driver, American Psycho, The Matrix, the complete works of Stanley Kubrick and David Fincher — you name it, Mr. Robot probably carries it deep within its aesthetic DNA, along with the original Star Wars trilogy, which it exuberantly embraces in episodes eight and nine, when we learn that Elliot’s fellow hacker Darlene (Carly Chaikin) is his sister and Mr. Robot is their father. Creator Sam Esmail is so fluent in this core group of Pop Art classics that he can reference them in a somewhat casual, off-kilter way, as when the opening scene of the second episode ends with a music cue from Kubrick’s 1975 period drama Barry Lyndon, or when episode nine — the one where Elliot learns that he’s been taking orders from a psychic manifestation of his dead father this whole time, à la Fight Club’s Tyler Durden and Elvis in True Romance, which starred Slater — plays the hero off with a tenderhearted acoustic piano cover of the Pixies’ “Where Is My Mind,” the curtain-closer from Fight Club.

Here’s the thing, though: As much fun as this sort of thing is, and as much comfort and joy as it might give “fan theory” junkies who see movies mainly as puzzles to be solved and conquered rather than engaged with as emotional and aesthetic objects, I could not be less interested in the outward manifestations of Elliot’s breakdown and denial — not because I don’t care about Elliot (I do care very much, mainly because of the hilariously dry narration and Malek’s uniquely tortured performance), but because all this is the least original thing about Mr. Robot.

The series is brilliantly executed, for the most part. It might be the second-most voluptuous feast for the senses to air on American television this year, after Hannibal. I get a chill anticipating which frame they’ll emblazon with the show’s 1980s arcade-game logo (I am always surprised and delighted), and I look forward to all the little flourishes, visual, aural, and musical, that Esmail and his directors (including Jim McKay, an unsung hero of American independent film) smuggle into each scene — such as how, in that long shot of the Coney Island pier where Elliot is “pushed,” the top rail is positioned with the frame so that it perfectly aligns with the waterline, turning the whole stretch of railing into a grid of skinny horizontal azure rectangles.

But none of this is as fascinating, as original, as urgent, as necessary, as the show’s casual critique of what modern society has become. What initially captivated me about Mr. Robot was its vision of life, which was not new or especially deep, but nonetheless bracing because it was being presented on a major commercial cable channel, in an offhand way that just seemed to assume that large numbers of people would shake their heads and think, Yes, this is right, this is what life is like; this series understands my disquiet. Elliot is the first network protagonist to talk about the “invisible hand” of capitalism forcing people into slots and creating “prisons of debt” (an idea developed with vastly more moral urgency here than in Fight Club, the film that Esmail’s “erase all debt” plotline comes from). Although Malek’s character has a nondescript, Waspy name, his very presence diversifies commercial TV because his chiseled Egyptian-American face and gigantic Albert Einstein eyes make a statement that’s much more powerful than the words that appear on the character’s work badge (Esmail is Egyptian-American, too). And the fact that his uniform — his superhero outfit, practically — is a black hoodie sends a statement as well. I can’t think of the last American TV drama that was so defiantly rooted in the perspective of a cultural and psychological outsider — somebody who was participating in the circus of social media and late capitalism and virtual existence not because he enjoyed it but because he was conditioned to participate by virtue of having been born into it, and knew this, and resented it. “Our choices were premade for us a long time ago,” he says. I like how the show sees the outsider in almost every character and occasionally feels for the very worst of them — even Shayla’s drug dealer and rapist, Fernando Vera (Elliot Villar), whose every “bro” lands like the promise of a punch (“People who are violent get that way because they can’t communicate,” Mr. Robot reminds Elliot); and Martin Wallström’s hateful scumbag one-percenter Tyrell Wellick, who rehearses his “Please hire me as CTO” speech over and over before approaching the board, not just because he’s nervous but because English is not his first language. Having BD Wong’s Whiterose turn out to be a transgender character was movingly right, and would have resonated with all the show’s other nods to outsiderdom even if it hadn’t closed with Whiterose in cis male drag mode at a fat-cat party post-meltdown, listening to a harpist play “Nearer My God to Thee” (the final encore from the Titanic’s deck band) and talking about Nero fiddling and Rome burning.

I have no idea how the show’s cultural and technological jokes and references will date (probably quickly, and badly; that’s how this sort of thing tends to go), but I love them. They’re as precise and hilarious as the ones on HBO’s Silicon Valley, and much more despairing because Mr. Robot is a drama about alienation and psychosis and rebellion rather than a comedy about callow young dudes trying to get rich. Ben Parker (Ollie Parker), cheating boyfriend of Elliot’s childhood-trauma buddy Angela (Portia Doubleday), spits out cringe-inducing, in-crowd locutions like a ketchup dispenser (“We have this Groupon for four at Morton’s”; “I’ll tweet, but only if I like it”).

This is the true heart of the show: the continual tug-of-war between conformity and outsiderhood, self-awareness and narcoticized consumption, idiosyncrasy and normalcy (whatever normal even means; on Mr. Robot it sounds like a control word). Is it enough to make fun of a world where students carry tens of thousands in debt throughout their lives to become certified for jobs they probably won’t get anyway, or that will pay miserly freelance wages? Is it enough to joke about hearting things on Instagram and drinking lattes from Starbucks and going to Marvel movies like a good American middle-class zombie? Is that rebellion? Or is that just a game we play to pass time on the cradle-to-grave assembly line?

The more you listen to Elliot, the more likely you are to have those kinds of thoughts, and they’re not bad thoughts to have, tritely obvious as they might sound. The reflex to dismiss such questions as “trite” is smug, and is itself evidence of social conditioning. It’s great that a TV show is obsessing over this week after week, and making the ruminations uncomfortable-funny rather than ha-ha funny. It’s great that a TV show is weaving in footage of protests about economic disparity and consumers getting fat on processed, mass-produced corporate food. It’s great that all this is filtered through a hero as complex, wounded, eloquent, and observant as Elliot, as horrible as many of his deeds might be. He is, after all, a revolutionary. When’s the last time a major TV series was built around a guy who wanted to burn it all down, and gave you no choice but to find him likable?

This is what I want more of from Mr. Robot. Not “big reveals” of who somebody’s sister or dad is, or exactly why a character is so sad and depressed. (Orson Welles kept insisting that the end of Citizen Kane did not actually “explain” Kane, but no one listened to him.) I am not particularly interested in finding out what’s real and what’s not, and what happened to Tyrell, and whether Elliot/Mr. Robot had anything to do with it; and I am not particularly interested in seeing another lovely, charming, trusting, troubled young woman fall in love with the hero, as Shayla (Frankie Shaw) did, only to be fridged (look it up) to amplify the hero’s distress and cause problems for his revolutionary cellmates. It’s an awesome show, but I don’t want it to be just awesome. I want it to be great. That means less Cinema de Dudebro and more of other kinds of cinema, and maybe more literature and history, while we’re at it. Less cool, more school. Less mystery-box puzzle-making, more poetry. This show is capable of it, without a doubt. The proof is right there onscreen. But it keeps losing its way, week after week. And the bug was there from the start.

Kind 44: Was darf Film?

In den USA hat sich die Verfilmung des Bestsellers Child 44 von Tom Rob Smith bereits als Flop des Jahres qualifiziert – den Produktionskosten von schätzungsweise 50 Millionen Dollar stand ein erbärmliches Einspielergebnis von knapp 1,2 Millionen Dollar gegenüber. In Russland wurde der Film gleich ganz verboten und auch hierzulande waren die Kritiken zum Filmstart von Kind 44 durchweg mies. Also habe ich einen entsprechend schlechten Film erwartet, als ich vorhin ins Kino ging. Denn Kritiken hin oder her – ich mache mir doch lieber selbst ein Bild.

Weil ich das Buch gelesen hatte, wusste ich, was mich erwartet: Ein düsterer Thriller aus der Stalin-Ära, in dem kein gutes Haar am Stalinistischen Polizei- und Spitzelstaat gelassen wird und dessen Held, der MGB-Offizier Leo Demidow, erst seine Karriere und dann sein Leben und auch das seiner Frau aufs Spiel setzen muss, um einen perversen Kindermörder zu stoppen. Den es im mühsam etablierten neuen Gesellschaftssystem, das gerade von den Kommunismus-Gegnern gern als „kommunistisches“ System bezeichnet wird, obwohl auf dieser Welt noch nicht einen Tag irgendwo tatsächlich Kommunismus ausgebrochen wäre, eigentlich gar nicht geben dürfte.

Kind 44: Scrennshot  http://www.kind44-film.de

Kind 44: Screenshot
http://www.kind44-film.de

Kritik an diesem „kommunistischen“ System ist in der Geschichte, die ins Bild gesetzt wird, quasi bei Todesstrafe verboten – genau das beweist übrigens auch, dass es sich nicht um Kommunismus handeln kann, bei dem die nötige und sachgerechte Kritik an menschenfeindlichen Zuständen jeglicher Art ja im Zentrum von allem steht. Eine Mordermittlung in einem System, in dem per definitionem es keinen Mord geben kann, weil ja alle glücklich und zufrieden sind, ist also die heftigste Kritik, die sich denken lässt.

Das geht natürlich gar nicht: 1984 lässt grüßen. Nur ist der dystopische Roman von George Orwell eine echte und sehr viel subtilere Kritik am totalitären Überwachungsstaat und was er mit den Menschen macht, als die postmoderne Holzhammer-Version von Tom Rob Smith. Ich behaupte auch, dass es sich bei Kind 44 gar nicht um eine Kritik am Stalinismus handelt. Und somit auch nicht um eine fehlgeleitete oder ausgeartete Kritik daran. Hier hängen sich nicht nur linke, sondern auch bürgerliche Rezensoren auf: Kalter Krieg hoch zehn, das will heutzutage doch keiner mehr sehen (und das haben wir heute auch gar nicht mehr nötig, wir können Russland einfach aus der G8 schmeißen.) Und so ein primitives Schwarzweiß-Denken, das wollen wir in unserem schönen Pluralismus doch gar nicht haben! Wir wissen doch, dass es keine wirkliche Wahrheit gibt – nichts ist, wie es scheint. Kritik am Kommunismus gern immer, aber bitte nicht so dreckig, so hart und so plump.

Aber darum geht es ja auch gar nicht – und da sind auch die russischen Funktionäre drauf reingefallen, die den Film in letzter Minute noch aus dem russischen Kino-Programm geworfen haben: Der Film sei untragbar, weil die Stalin-Ära darin zu schlecht wegkomme. Und es spielen keine Russen mit. Aber bei welcher Hollywood-Produktion wäre das anders? Hallo ihr Spielverderber: Es doch ein sowjetischer Kriegsheld, der den Mörder am Ende zur Strecke bringt. Und Leo Demidow wird am Ende des Films ja auch noch rehabilitiert und darf seine Abteilung zur Untersuchung von Morden endlich offiziell einrichten und dafür auch General Nesterow (Gary Oldman) anfordern, den einzigen Mann im System, der ihm bisher bei seinen Ermittlungen geholfen hat. Oder ist am Ende das genau der Punkt, der euch nicht gefallen wollte?!

Kind 44: Leo Demidov (Tom Hardy - via  http://www.kind44-film.de

Kind 44: Leo Demidov (Tom Hardy) und Alexei Andreyev (Fares Fares) – via
http://www.kind44-film.de

Also ganz ehrlich: Wenn ich nur noch Filme ansehen wollte, die mit meinen eigenen Standpunkten und Ansichten übereinstimmen würden, könnte ich mir ja fast gar nichts mehr ansehen. Aber ich sehe mir keine Filme an, um meine Weltsicht zu bestätigen – ich meine, Spielfilme sind doch Fiktion. Und als solche sehe ich mir sie an. Und sie können dann entweder gut oder schlecht sein. Und Kind 44 ist gar nicht so schlecht. Es wird keine schöne Geschichte erzählt. Aber das ziemlich gut.

Tom Rob Smith hat seine Geschichte eines lange unentdeckten Serien-Mörders, den es in der Sowjetunion tatsächlich gegeben hat, aus dramaturgischen Gründen in die Stalin-Zeit verlegt. Eigentlich mordete der Schlächter von Rostow Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre. Natürlich ist es einfacher, zu erklären, warum ein solcher Mörder unentdeckt morden kann, wenn einem potenziellen Ermittler selbst die Todesstrafe droht, wenn er die Ermittlungen aufnimmt. Das gibt den gewissen drive – und es ist ja leider tatsächlich so, dass Genosse Stalin eine ganze Reihe seiner besten Leute hat umbringen lassen, weil er sich nicht sicher war, ob sie auf der richtigen, also auf seiner, Seite stehen. Was mich einmal mehr zu dem Standpunkt bringt, dass jegliche Kritik immer zugelassen werden muss, selbst wenn sie doof und öde ist und einem wahnsinnig auf die Nerven geht: Wer immer Kritik übt, könnte recht haben.

Aber im Fall von Kind 44 muss ich konstatieren, dass an diesem Film eine sehr kleinkarierte und verlogene Kritik geübt wird: So freudlos, grau und dreckig wird es in der Sowjetunion tatsächlich wohl kaum gewesen sein. Aber für diese Geschichte kann die Kulisse gar nicht grau und dreckig genug sein, und hier sind wirklich beeindruckende Bilder qualmender Industrielandschaften zu sehen, in denen Massen ärmlich gekleideter Arbeiter mit seltsam ausdruckslosen Gesichtern vor sich hinwerkeln, es ist fast wie in Metropolis. Wobei die Handlung von Metropolis nun wirklich haarsträubend ist.

Kind 44 hat keine allzu komplexe, aber eine durchaus nachvollziehbare Handlung, und weil man davon ausgehen kann, dass die Zuschauer das Buch gelesen haben und somit wissen, wer der Mörder ist, geht es eher darum, wie Leo ihn findet und noch mehr, warum Leo das alles auf sich nimmt. Der Film stellt die „Wie-weit-würdest-du-gehen“-Frage gleich mehrfach auf sehr eindringliche Art und Weise: Leo hat als MGB-Offizier eine Menge Menschen verhaftet und verhört – und auch gefoltert und gebrochen. Er weiß, was ihn erwartet, als von ihm verlangt wird, seine eigene Frau Raissa (Noomi Rapace) ans Messer zu liefern, nachdem sie von einem vermeintlichen Verräter, den er aufgespürt hat, denunziert wurde.

Kind 44: Leo  (Tom Hardy) und Raissa (Noomi Rapace) - via  http://www.kind44-film.de

Kind 44: Leo (Tom Hardy) und Raissa (Noomi Rapace) – via
http://www.kind44-film.de

Aber Leo entscheidet sich für seine Frau – natürlich auch, weil sie ihm bei einem Essen mit seinen Eltern eröffnet hat, dass sie schwanger sei. Beide werden degradiert und in die Provinz abgeschoben – gemessen an ihrem bisherigen Leben in Moskau landen sie beide im Vorhof zur Hölle. Aber Leo hält auch als einfacher Milizionär an seinen Ermittlungen fest und Raissa, die den damals sehr einflussreichen Leo eigentlich nur geheiratet hat, weil sie Angst vor dem hatte, was sie erwarten könnte, wenn sie ihn abwiese, entdeckt ihren Mann ganz neu: Der ist ja gar nicht nur Geheimdienst-Arsch, der seinem Staat treu ergeben ist, wie sie bisher geglaubt hat, der engagiert sich ja wirklich für Dinge, die ihm als Mensch wichtig sind – auch gegen die Staatsmacht. Sie beschließt, bei ihm zu bleiben, selbst, als Leos Nachfolger Wassili (Joel Kinnaman), ihr anbietet, sie aus dem Elend der Verbannung zu erlösen, wenn sie nur zu ihm kommen würde.

Natürlich wird dadurch alles noch schlimmer – Wassili lässt nichts unversucht, um seinen ehemaligen Vorgesetzten und jetzigen Feind aus dem Weg zu räumen. Wassili ist einfach die Pest: Er übernimmt nur Verantwortung, wenn es darum geht, Leute, die ihn stören, aus dem Weg zu räumen. Da knallt er lieber einen mehr als weniger ab. Und wenn Raissa ihn verschmäht, dann soll sie halt sterben. Und Leo gleich mit.

Es ist gewiss kein Zufall, dass mich einiges an Inglouiros Basterds erinnert – genau wie viele Stalinisten in Kind 44 waren die Nazis in Inglouiros Basterds einfach nur abgrundtief böse, auch wenn Christoph Waltz als SS-Standartenführer Hans Landa multilingual und auch sonst als irgendwie sympathisches Superarschloch brillierte. Quentin Tarrantino darf das halt, aber er hat sich ja auch politisch total korrekte Oberbösewichte ausgesucht. Aber warum soll man nur Nazis in Grund und Boden karikieren dürfen?! Nein, ich finde deshalb noch lange nicht, dass man Kommunisten und Nazis gleichsetzen kann. Und es ist auch ein Unterschied, ob ich einen Film oder ein Gesellschaftssystem kritisiere. Ich bin übrigens auch keine Freundin der Totalitarismus-Theorie. Aber eine Verfechterin der Ansicht, dass man in Spielfilmen nicht unbedingt die Realität abbilden muss. Dass wäre echt öde und langweilig.

Stalin und Wassili (Joel Kinnaman)

Stalin und Wassili (Joel Kinnaman)

Regisseur Daniel Espinosa, den ausgerechnet die Süddeutsche, die ja sonst immer gern mit ihren Recherchequalitäten brüstet, zum Dänen gemacht hat, obwohl er Schwede ist (Mailand, Madrid, Hauptsache Italien!) darf das halt (noch?) nicht. Okay, es ist länger her, dass Schweden einen Oskar gewonnen hat als Dänemark. Espinosa ist durch Snabba Cash (ein super Film) bekannt geworden und hat danach Safe House gemacht (den ich gar nicht so gut fand) – ich finde, dass er mit Kind 44 solide Arbeit abgeliefert hat. War ja nun echt kein einfaches Thema.

Durchweg gut fand ich die Schauspieler – Tom Hardy als Leo Demidov ist so stiernackig und robust, wie man es von einem sowjetischen Kriegshelden nur erwarten kann. Und dabei hat er die ganzen zwischenmenschlichen Nuancen drauf, für den ich ihn auch in The Drop so gut fand. Beeindruckend vielschichtig ist die Raissa von Noomi Rapace, die einerseits alles tut, um zu überleben, gleichzeitig aber sehr gradlinig an dem festhält, was sie für richtig hält. Joel Kinnaman spielt den Unmenschen Wassili geradezu verstörend gut – den kann man für jeden ordentlichen Nazi besetzen: dieser verzweifelte Fanatismus in verstörten Kinderaugen. Der Mann hat einen Knall, dass ist eindeutig, und auch, dass dieser ganze Fanatismus irgendwie kein Ziel hat – gerade, als Wassili glaubt, endlich Macht über das Geschehen zu haben, muss er fressen, dass er machtlos ist, weil andere trotz ihrer ausweglosen Position noch stärker sind als er. Und so hat er nichts mehr davon, als Leo ihn nach einem erbittertem Kampf in einer Schlammkuhle posthum zum Helden machen muss, um auf diesen Weise sein eigenes Leben zu retten. Hallo liebe Filmkritik – das ist zwar dreckig, aber entbehrt nicht einer gewissen Ironie – oder habt ihr da schon gepennt?

Kind 44: Leo  (Tom Hardy) und General Nesterow (Gary Oldman) - via  http://www.kind44-film.de

Kind 44: Leo (Tom Hardy) und General Nesterow (Gary Oldman) – via
http://www.kind44-film.de

Alles in Allem komme ich zu dem Urteil, dass die Romanvorlage durchaus nachvollziehbar umgesetzt wurde und sowohl Regie als auch Cast and Crew gute Arbeit abgeliefert haben. Wenn man den Film als Gesellschaftskritik lesen will, kann man natürlich irre werden – aber das geschieht einem dann auch recht. Wer käme denn auch die Idee Machwerke wie White House Down oder Olympus has Fallen als Gesellschaftskritik zu lesen? Die sind von vorn bis hinten komplett gaga, aber man kann trotzdem Spaß haben, sich das anzusehen. Aber die Moralapostel der Welt wollen das ausgerechnet bei Kind 44 halt nicht zulassen.

Meine Empfehlung: Trotzdem ansehen.

The East – Öko-Thriller mit ungewissem Ausgang

Wie schon in meinem ersten Die-Brücke-Artikel zum Auftakt der neuen Staffel erwähnt, erinnerten mich die skandinavischen Öko-Terroristen aus dem ersten Teil an die Öko-Anarchos aus dem US-Thriller The East.

Die Mitglieder des Untergrund-Netzwerks gleichen Namens sind nämlich so ähnlich drauf – allerdings sehr viel gewissenhafter bei der Auswahl ihrer Opfer: Sie bestrafen die ihrer Ansicht nach Verantwortlichen für Umweltkatastrophen und Medizinskandale auf handgreifliche Art und Weise. Sie kippen zum Beispiel nachts Mineralöl ins Lüftungssystem von der Villa eines Ölmulties, um eine Ölpest zu rächen, die von seinem Konzern verursacht wurde. Später verschaffen sie sich Zutritt zur Veranstaltung eines Pharmakonzerns, auf dem die Zulassung eines Medikamentes mit gefährlichen Nebenwirkungen gefeiert wird – und mischen das angebliche harmlose Arzneimittel in hoher Dosierung in den Champagner, der zum Anstoßen gereicht wird. Wobei sie durchaus wissen, dass das Medikament keineswegs harmlos ist – aber genau das ist ja der Clou an der Sache: Die Hersteller sollen an ihrem eigenen Gift zugrunde gehen. Genau nach diesem Prinzip entführt The East auch den Chef eines Chemiewerkes und zwingen ihn und seine Frau, in dem Fluss zu baden, in den die giftigen Abwässer aus der Fabrik eingeleitet werden. Schließlich müssen die Leute, die an dem Fluss wohnen, auch mit dem gefährlichen Dreck im Wasser leben – und einige Bewohner, die es sich nicht leisten können, wo anders hinzuziehen, sind bereits selbst krank oder haben schwer kranke Kinder.

Screenshot The East, USA 2013

Screenshot The East, USA 2013

Diese radikale Art der Selbstjustiz ist in gewisser Weise durchaus sympathisch, denn es trifft ja definitiv immer nur die fiesen Arschlöcher, die tatsächlich Dreck am Stecken haben und das nicht zu knapp. Einfluss- und auch sonst stinkreiche Leute, die sich normalerweise hinter ihren Rechts- und PR-Abteilungen verstecken können und wenn überhaupt, dann höchsten mit symbolischen Strafen belegt werden, weil man erfolgreiche Unternehmer in unserem Wirtschaftssystem schlecht bestrafen kann, weil sie die Wirtschaft voran bringen und Arbeitsplätze schaffen. Wobei die Filmemacher die Taten der Aktivisten nicht verklären, es wird hier kein alternatives Heldentum gefeiert, sondern durchaus hinterfragt, ob das wirklich so in Ordnung ist.

Dafür ist die junge Undercover-Agentin Sarah Moss (Brit Marling) zuständig, die für ein privates Sicherheitsunternehmen arbeitet. Hiller Brood wird immer dann engagiert, wenn Bedrohungen aller Art möglichst diskret aus der Welt geschafft werden sollen. Sarah ist nicht nur überaus ehrgeizig, sondern auch schön und intelligent. Ihr Aufgabe ist es, das Netzwerk zu infiltrieren und den Aktivisten auf diese Weise das Handwerk zu legen. Nach monatelanger Vorarbeit lernt Sarah, die sich als obdachlose Landstreicherin ausgibt, tatsächlich ein Mitglied von The East kennen und fügt sich selbst eine Verletzung zu, um zum Quartier der Gruppe mitgenommen und dort verarztet zu werden. Sie ist erfolgreich: Sie wird tatsächlich zu dem halb verfallenen Haus irgendwo tief im Wald mitgenommen, in dem die Anarcho-Ökos leben.

Keine Frage, die Jungs und Mädels sind schon ziemlich hart drauf und haben eigenartige Rituale entwickelt, um sich gegen schädliche Einflüsse von außen abzuschirmen und ihren Zusammenhalt zu stärken. Bei ihnen geht es streng ökologisch und basisdemokratisch zu, auch wenn der charismatische und anfangs sehr zottelige Benji (Alexander Skarsgård) so etwas wie der heimliche Anführer ist.

Screenshot The East: Benji (Alexander Skarsgård)

Screenshot The East: Benji (Alexander Skarsgård)

Strom und fließendes Wasser gibt es nicht, insofern ist die Lebensweise überaus spartanisch, außerdem ernährt sich die Gruppe aus Prinzip von dem, was die von ihnen kritisierte Wohlstandsgesellschaft weg wirft. Sarah fällt es nicht leicht, sich in die Gemeinschaft einzuordnen, aber für den Erfolg ihrer Mission übt sie sich in Bescheidenheit – ganz offensichtlich eine Lektion, die bisher nicht auf ihrem Lehrplan stand. Aber die anderen erkennen durchaus an, dass die Neue auf Zack ist und durchaus nützlich sein kann.

Mit der Zeit fängt Sarah an, nicht nur die Lebensweise, sondern auch die Ansichten der Gruppe zu teilen und ihren eigenen Auftrag zu hinterfragen. Außerdem findet sie heraus, dass die Mitglieder von The East fast durchgängig durchaus erfolgreiche berufliche Karrieren hätten machen können – Benji beispielsweise hat von seinen Eltern ein Vermögen geerbt, sich aber für einen anderen Weg entschieden. Der Medizinmann der Truppe Doc (Toby Kebbell) ist tatsächlich ein promovierter Mediziner. Seine Schwester starb an dem Medikament des bösen Pharmakonzerns und er selbst leider unter schlimmen Nebenwirkungen, weshalb er auch nicht mehr als Arzt arbeiten kann. Und bei der forschen Izzy (Ellen Page), die nicht so richtig gut fand, dass die Neue bleiben durfte, handelt es sich um die Tochter des Chemie-Chefs, der später in seinem eigenen Giftabwasser baden muss.

Screenshot The East, Sarah (Brit Marling)

Screenshot The East, Sarah (Brit Marling)

Sie haben also alle ein Motiv, hier zu sein – es handelt sich um Aussteiger, die ein ganz anderes Leben hätten haben können, aber ihre geldgeilen Eltern hassen. Deshalb haben sie sich für die andere Seite entschieden – sie sind alle irgendwie gegen das System, aber sie haben sehr persönliche Gründe dafür. Das ist der Punkt, den ich an dem Film dann doch wieder ziemlich schwach finde – als ob nicht auch so schon mehr als genug Gründe gäbe, gegen Umweltzerstörung und die systematische Vergiftung von Mensch und Tier zugunsten des Profits zu sein. Da braucht es eigentlich keine persönlichen Gründe, sondern einfach nur gesunden Menschenverstand.

Die Attacken von The East funktioniert allerdings nur, weil es sich um intelligente, gut ausgebildete und informierte junge Menschen handelt. Ohne ihre guten Beziehungen bis in die höchsten Konzernetagen hinein könnte die Leute von The East ihre spektakulären Aktionen auch gar nicht auf die Beine stellen. Im Grunde sind sie Sarah gar nicht so unähnlich – und Sarah übernimmt immer mehr vom Denken der Gruppe, so dass sie sogar in der Konzernzentrale einen weggeworfenen Apfel aus dem Mülleimer fischt und ungeniert hinein beißt, während sie ihrer erstaunten Chefin erklärt, was in dieser Gesellschaft so alles schief läuft.

Screenshot The East: Benji (Alexander Skarsgård)

Screenshot The East: Benji ohne Zottelhaar (Alexander Skarsgård)

Trotzdem kann sich Sarah am Ende nicht für Benji und The East entscheiden. Das Leben ihrer Agenten-Kollegen, die The East enttarnen will, ist ihr dann doch wichtiger als der Kampf gegen das System und ihre Zuneigung zu Benji. Natürlich ist auch klar, dass die US-Filmindustrie gelegentlich auch alternative Projekte wie eben dieses hier unterstützt, aber keinen Aufruf zu Terror und Klassenkampf. Das ist dieser Film auch keineswegs, er zeigt einfach das moralische Dilemma der Hauptfiguren, die versuchen, das Richtige zu tun und sich dabei für eine Seite entscheiden müssen, wobei sie durchaus wissen, dass sie in gewisser Weise auch immer das Falsche tun. Denn natürlich wird die Welt nicht davon besser, wenn man einerseits kritisiert, dass Menschen vergiftet werden und genau das abstellen will, indem man gezielt weitere vergiftet. Insofern handelt es sich hier nicht um einen primitiven Rachefilm (obwohl man auch die ja sehr raffiniert gestalten kann, wie Big Bad Wolves beweist), sondern um ein durchaus spannend inszeniertes, aber eher leises Psychodrama. Der Film nimmt weder Partei für noch gegen die radikalen Ökospinner und er weist einmal mehr darauf hin, mit welchen Mitteln mächtige Konzerne dafür sorgen, dass ihnen niemand an den Karren fährt, während sie für ihr Business über Leichen gehen.

Noch ein paar Eindrücke gibt es hier: http://mariberlyn.tumblr.com