Wonder Woman: Leider kein Wunder

Superheldenfilme – oder inzwischen ja auch Superheldinnenfilme – sind nicht gerade mein Lieblingsgenre, auch wenn ich mich gelegentlich dazu hinreißen lasse, mir so etwas anzusehen. Meistens bestätigt das, was ich sehe, meine Vorbehalte gegenüber diesem Genre. Genauso ist das auch bei Wonder Woman. Der Film ist entgegen vieler freundlicher Kritiken, die anderes erwarten ließen, leider auch wieder nur so ein Superheldinnenstreifen mit viel Krawumm und noch mehr Spezialeffekten, also genau das, was mich an diesem Blockbuster-Überwältigungs-Kino so nervt, weil es hauptsächlich um die Optik geht und die Geschichte, die erzählt wird, eigentlich fast keine Rolle mehr spielt. Wobei das jetzt ein bisschen unfair ist, gemessen an anderen Superheldenstreifen gibt es hier vergleichsweise viel Geschichte, wobei die griechische Antike aus der Sicht der Götter, die in den ersten zwanzig Minuten abgehandelt wird, noch der beste Teil ist. Dazu kommt, dass heutzutage jeder Actionfilm versucht, wie ein Computerspiel auszusehen, was mir zusätzlich auf den Keks geht. Nur dass dieses Mal eine Frau auf den Putz hauen darf, statt dem Held nur assistieren zu dürfen oder sich gar retten lassen zu müssen.

Filmplakat Wonder Woman Bild via kadacinemas.com

Filmplakat Wonder Woman Bild via kadacinemas.com

Aber macht das einen Film schon „feministisch“, wie einige der Kritiken behaupteten? Meiner Ansicht nach: nein. Und auch die Tatsache, dass eine Frau Regie geführt hat, hilft da nicht weiter, auch wenn Patty Jenkins hier beweist, dass eine Frau genauso  in der Lage ist, Blockbuster-Produktionen zu dirigieren wie ein Mann. Warum auch nicht. Klar gefällt mir das, und aus Prinzip auch, dass in Wonder Woman gleich reihenweise superstarke Frauen zu bewundern sind. Selbst die matronenhafte Sekretärin (bemerkenswert: Lucy Davis als Etta) in der „realen Welt“ entpuppt sich als extrem patent, auch wenn sie nicht über Superkräfte verfügt, sondern einfach nur so auf Zack ist. Interessant auch, dass Wonder Woman auf dem nordamerikanischen Markt kinokassenmäßig längst an den anderen Superheldenepen aus dem Hause DC vorbeigezogen ist. Aber andererseits auch wieder klar – Man of Steel, Suicide Squad oder Batman vs Superman sind halt eher für Jungs als für Mädchen gemacht.

Und jetzt wird das gleiche Spektakel zur Abwechslung mal so aufgezogen, dass auch die Mädels sich das ansehen wollen, und ihren Freund mit schleppen, der bei Wonder Woman gewiss auch auf seine Kosten kommt. Natürlich geht es wieder mal darum, dass die Welt gerettet werden muss und in diesem Fall wird sie halt von der Wunderfrau Diana/Diane Prince (Gal Gadot) gerettet. Und Diana ist nicht nur wahnsinnig stark und mutig, sondern erkennt schließlich auch, dass die Liebe die allerstärkste Kraft ist. Hach. Da kann am Ende auch der wahnsinnig mächtige Kriegsgott Ares nicht mehr viel ausrichten. Das reicht für satte 92 Prozent auf dem Tomatometer – Suicide Quad kommt nur auf 25 Prozent. Auf imdb erreicht Wonder Woman eine glatte 8, Suicide Squad immerhin eine 6,2.

Wonder Woman: Robin Wright als Generalin Antiope Bild: Warner Bros via moviepilot.de

Wonder Woman: Robin Wright als Generalin Antiope Bild: Warner Bros via moviepilot.de

Aber warum?! Okay, Gal Gadot ist als Wonder Woman ebenso sexy wie schlagkräftig – die Kostüme der Amazonen sind spektakulär und die ehemalige Miss Israel Gal war vor ihrer noch jungen Schauspielkarriere Kampftrainerin bei der israelischen Armee. Insofern sieht sie nicht nur gut aus, sondern ist als Kämpferin ähnlich überzeugend wie Lagertha aus Vikings, deren Darstellerin Kathryn Winnick ebenfalls als Trainerin für verschiedene Kampfsportarten angefangen hat, bevor sie zur Schauspielerei kam. Und mit Connie Nielsen (Königin Hippolyta, Dianas Mutter) und Robin Wright (Generalin Antiope) sind weitere starke Frauen an Bord, überhaupt diese ganzen Amazonen, die alle wahnsinnig gut aussehen, furchteinflößende Kriegerinnen sind und nebenbei auch sämtliche Sprachen sprechen – blöd nur, dass sich die Damen vom Rest der Welt so vollständig abgekapselt haben, dass sie überhaupt nicht mehr mitkriegen, was da eigentlich los ist.

Von den antiken Göttern ist nur noch einer übrig geblieben, ausgerechnet der Kriegsgott Ares (David Thewlis, herrlich perfide auch als Steves Geheimdienstchef Chef Sir Patrick Morgan). Und der flüstert den Menschen eine Menge übler Ideen ein, die sie dann gegeneinander verwenden – Menschen sind bekanntermaßen ziemlich blöd. Und manche dabei auch noch ziemlich böse, wie General Ludendorff (Danny Huston) und die Chemikerin Dr. Isabel Maru (Elena Anaya), die den ersten Weltkrieg mit dem Einsatz eines noch tödlicheren Giftgases, das auch Schutzmasken zerstört, noch für die Deutschen entscheiden wollen. In Wonder Woman ist also auch die Rolle des besessenen Genies, das für die dunklen Mächte schreckliche Waffen entwickelt, mit einer Frau besetzt. Toller Fortschritt, nicht wahr? Wobei es ja nun mal so ist, dass Frauen nicht unbedingt bessere Menschen sind, weil sie zwei X-Gene haben. Ich sag nur Maggie Thatcher, Hillary Clinton, Angela Merkel. Sie sind aber auch keine schlechteren Menschen als beliebige XY-Varianten.

Wonder Woman: Chris Pine als Steve Trevor Bild: Warner Bros via filmstarts.de

Wonder Woman: Chris Pine als Steve Trevor Bild: Warner Bros via filmstarts.de

Was in der Zeit, in der die Handlung des Films spielt, noch nicht öffentliche Meinung war. Damals kämpften die Frauen in Europa noch um Anerkennung als vollwertige Menschen, etwa beim Wahlrecht. Bei gleichem Lohn für gleiche Arbeit kämpfen wir noch immer darum, das nur nebenbei. Die eigentlich recht wenigen lustigen Szenen in dem Film ergeben sich aus dem Unverständnis der unter starken Frauen aufgewachsenen Diana gegenüber den Gepflogenheiten der britischen Gesellschaft, in der Frauen sich unpraktisch kleiden und offenbar nicht in den Kampf ziehen, sondern undankbare Hilfsarbeiten leisten müssen und sonst nichts zu sagen haben. Denn der Bruchpilot Steve Trevor (Chris Pine), der in der Nähe der paradisischen Insel Themyscira abgestürzt ist und von der Amazone Diana gerettet wurde, nimmt Diana mit nach London. Einen furchtbaren Ort, wie Diana findet.

Zuvor wurden zahlreiche Amazonen von den Deutschen getötet, die auf der Suche nach dem britischen Spion ebenfalls nach Themyscira gelangt sind – und moderne Waffen haben. Gegen Gewehre und Kanonen können auch die besten Kämpferinnen mit ihren antiken Schwertern, Lanzen und Bögen nicht viel ausrichten. Einzig Diana ist kugelsicher und somit für die nun anstehende Mission geeignet: Sie will in den Krieg ziehen, um dessen Verursacher Ares zu finden und zu töten, damit das weltweite Schlachten endlich ein Ende hat. So weit, so naiv – das kommt davon, wenn Mama ihr wertvolles Töchterchen der bösen Welt nicht gönnt. Aber immerhin hat Diana, die übrigens direkt von Zeus abstammt, die beste und härteste Ausbildung durchlaufen, die Amazonen zu bieten haben und eben auch das gewisse Etwas, mit dem sie Steve Trevor überzeugen kann, sie mitnehmen. Denn den Krieg beenden, das ist auch seine Mission. Nur hat die wenig mit dem Kriegsgott Ares zu tun, an den er sowieso nicht glaubt.

Wonder Woman: Das historische Foto aus dem ersten Weltkrieg Bild via slashfilm.com

Wonder Woman: Das historische Foto der Chaostruppe aus dem ersten Weltkrieg                        Bild via slashfilm.com

Diana hat immer wieder die Gelegenheit, Steve und seinen Kumpanen das Leben zu retten – und sie ist empört über diese Kriegsführung, die einfach nicht mit ihren altertümlichen Vorstellungen von Ehre und Gerechtigkeit in Übereinstimmung zu bringen ist. So versucht sie, die Bewohner des belgischen Dorfes Veld im Niemandsland zwischen deutschen und französischen Truppen zu retten – was ihr entgegen aller Erwartung tatsächlich gelingt. Allerdings fällt genau dieses Dorf später dann den Giftgasgranaten von Ludendorff und Dr. Maru zum Opfer. Diana glaubt deshalb, Ludendorff sei Ares und will ihn töten. Das tut sie auch, doch dann gibt sich der wahre Kriegsgott zu erkennen, nämlich Sir Morgan. Der will Diana überzeugen, dass die Menschheit schwach und korrupt ist, und dass es sich nicht lohnt, für die Menschen zu kämpfen. Derweil opfert Steve sein Leben, um einen Giftgasangriff auf London zu verhindern. Diana und Steve waren sich nach der Befreiung von Veld näher gekommen, und aus Liebe zum jetzt leider toten Steve wächst Diana über sich hinaus und schafft es schließlich, den mächtigen Ares zu vernichten.

Nun ja, man weiß ja, dass es mit dem Ende des ersten Weltkriegs eigentlich erst richtig angefangen hat – der zweite Weltkrieg war noch grausamer und derzeit sieht es auch nicht gerade toll auf der Welt aus. Ares ist definitiv noch am Ruder und Wonder Woman wäre jetzt eigentlich nötiger denn je. Aber die sortiert ja nun Fotos im Louvre.  Ist das jetzt die feministische Antwort auf Krieg und Konflikt? In sentimentalen Erinnerungen an vergangene Siege und verlorene Liebe schwelgen, während die Welt um einen herum in Stücke fällt? Also ich weiß nicht.

Wonder Woman mag zwar weniger hirnlos als andere Blockbuster aus dem Hause DC sein, aber ich finde nicht, dass man diesen Film unbedingt gesehen haben muss. Aber wenn man sich schon einen Krawumm-Streifen reinziehen will – warum dann nicht diesen. Schlechter als andere Comic-Verfilmungen ist Wonder Woman auf keinen Fall. Aber leider auch nicht besser.

Hidden Figures

Na bitte, geht doch – Hollywood-Kino ohne Superhelden, wortkarge Rächer oder durchgeknallte Teenager. Hidden Figures war einer der Filme, auf die ich mich in diesem Jahr ganz besonders gefreut hatte. Und tatsächlich konnte er vieles von dem, was ich erwartet habe, einlösen. Vor allem gab es eine grandiose Taraji P. Henson zu sehen – schon in Person of Interest fand ich sie bemerkenswert, aber seit Empire bin ich bekennender Cookie-Fan. Auch wenn die eben so geniale wie disziplinierte Mathematikerin Kathrine Johnson ein ganz anderer Typ ist als die vulgäre, aber ebenfalls begabte und durchsetzungsstarke Musikproduzentin Cookie Lyon, die nach 17 Jahren im Gefängnis ihren Anteil an Empire fordert, das sie mitbegründet hat.

Doch zurück zu Hidden Figures. Zwar haben meine Recherchen ergeben, dass die Lebensgeschichten der NASA-Angestellten Kathrine Johnson, Dorothy Vaughan (Octavia Spencer) und Mary Jackson (Janelle Monaé) aus dramaturgischen Gründen nicht sehr wirklichkeitsnah erzählt werden – die drei waren keineswegs beste Freundinnen, wie der Film suggeriert, vermutlich kannten sie sich, wenn überhaupt nur flüchtig, schließlich war die NASA zu jener Zeit ein gigantisches Unternehmen. Aber im Grunde ist das auch egal, es geht schließlich um den Zeitgeist, der anhand dieser Geschichte offenbar wird.

Hidden Figures: : Mary Jackson (Janelle Monáe) Katherine Johnson (Taraji P. Henson) und Dorothy Vaughan (Octavia Spencer)Hidden Figures: : Mary Jackson (Janelle Monáe) Katherine Johnson (Taraji P. Henson) und Dorothy Vaughan (Octavia Spencer)

Hidden Figures: : Mary Jackson (Janelle Monáe) Katherine Johnson (Taraji P. Henson) und Dorothy Vaughan (Octavia Spencer)

Hidden Figures ist kein Dokumentar-, sondern ein Spielfilm – hier geht es nicht darum, die Biografien der drei Hauptpersonen möglichst realitätsnah wiederzugeben. Vielmehr wird eine Geschichte erzählt, die aus dem Leben in jener Zeit gegriffen ist: Es werden beispielhaft die Lebensgeschichten dreier afroamerikanischer Frauen erzählt, die versuchen, entgegen aller Hindernisse, die ihnen die Gesellschaft in den Weg stellt, einen guten Job zu machen. Und, schließlich sind es Frauen, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bekommen.

Denn haben sie alle drei einen Traumjob ergattert: Sie dürfen an den Mercury- und Apollo-Programmen der NASA mitarbeiten! Das ist eine ganz große Sache, das erkennt sogar der Südstaaten-Cop, der die drei am Anfang des Films überprüft – drei schwarze Frauen, die eine Autopanne haben, das ist per se verdächtig. Doch die drei wirken seriös und kompetent – was sie auch sind, die in Mechanik begabte Dorothy kriegt den alten Schlitten auch wieder zum Laufen, sie werden sogar mit polizeilichem Geleitschutz auf der Überholspur zur Arbeit geleitet – vermutlich, weil der weiße Bulle wissen will, ob die NASA tatsächlich schwarze Frauen einstellt. Aber die NASA tut es – und wenn das so ist, dann muss das richtig und wichtig sein, schließlich geht es darum, die verdammten Commies auf dem Weg zum Mond noch zu überholen. Dazu ist jedes Mittel recht.

Der Sputnik-Schock im Jahr 1957 hatte die USA gedemütigt – dass die verhasste UdSSR einen Satelliten in eine Erdumlaufbahn bringen konnte und 1961 mit Juri Gagarin auch noch den ersten Menschen ins All schickte, hatte den Überlegenheitswahn der US-Amerikaner erheblich gedämpft. Nun wollten die USA, koste es, was es wolle, beweisen, dass sie technologisch weiterhin die überlegene Führungsmacht wären und legten entsprechend größenwahnsinnige Raumfahrtprogramme auf. Dafür wurden sämtliche verfügbaren Talente gebraucht – selbst wenn sie weiblich und schwarz waren.

Hidden Figures: : Mary Jackson (Janelle Monáe) Katherine Johnson (Taraji P. Henson) und Dorothy Vaughan (Octavia Spencer)

Hidden Figures: : Mary Jackson (Janelle Monáe) Katherine Johnson (Taraji P. Henson) und Dorothy Vaughan (Octavia Spencer)

Denn dass die Sowjets unter anderem deshalb so erfolgreich waren, weil sie viel in die Volksbildung investierten und eben nicht nach Geschlecht und Herkunft diskriminierten, hatten die Amis schon mitbekommen, auch wenn ihnen das nicht gefiel. Was aber keineswegs bedeutete, dass diese rassistische und sexistische Diskriminierung nun aufgeben wurde. Das ist sie bis heute noch immer nicht – ja, es gab einen US-Präsidenten, der ein farbiges Elternteil hatte, aber genau besehen, ist Barack Obama kein Schwarzer, sondern ein Mischling, der genauso weiß wie schwarz ist. Und eine US-Präsidentin gibt es bislang nur in Fernsehserien, nicht aber im wahren Leben. Stattdessen haben die Leute kürzlich einen alten weißen Fascho und Rassisten als neuen US-Präsidenten gewählt. Es ist also nichts wirklich besser geworden.

Insofern finde ich es jetzt besonders wichtig, dass diesen Frauen mit Hidden Figures eine total überfällige Anerkennung zuteil wird. Sämtliche im Film gezeigten Schikanen gegen Schwarze waren zu der Zeit leider völlig normal – auch wenn die drei Frauen, um die es hier geht, bei der NASA laut eigenen Aussagen tatsächlich nicht so viel davon mitbekommen haben. Zwar gab es nicht nur nach Geschlecht, sondern auch nach Rassen getrennte Toiletten und Kaffeeküchen, aber darüber haben sich die farbigen Angestellten schon damals hinweggesetzt, ohne dass es irgendwelche negativen Folgen für sie gehabt hätte. Genau diesen Part haben die Filmemacher aber bewusst überzeichnet, eben um zu zeigen, wie hirnrissig diese Schikanen waren und sind. Und so greift schließlich der unter enormen Zeitdruck stehende Direktor Al Harrison (Kevin Costner) zum Vorschlaghammer, um die diskriminierende Beschilderung über den Damentoiletten zu entfernen – er kann es sich nicht leisten, für jeden Toilettengang seiner besten Mathematikerin 40 wertvolle Minuten zu verlieren.

Die Computertechnik steckte noch in den Kinderschuhen – heutzutage, wo sich jeder die Rechenleistung zahlreicher antiker Mainframe-Rechner mit seinem Smartphone in die Tasche stecken kann, ist das schwer vorstellbar – aber früher musste man vieles tatsächlich „zu Fuß“ ausrechnen – ich habe in meiner Schulzeit noch gelernt, wie gedruckte Logarithmus oder Wurzeltabellen zu nutzen sind. In der Serie Manhattan gibt es ebenfalls einen „Rechner“, nämlich ein Büro voller engagierter Frauen, die quasi per Rechenschieber die komplizierten Berechnungen für die Physiker ausführen, die herauskriegen wollen, wie man am besten eine Atombombe zur Zündung bekommt. Im Grunde war das auch in der Zeit, in der Hidden Figures spielt, nicht viel anders – allerdings waren die mechanischen Hilfsgeräte ausgefeilter und es gab erste Großrechner – die so groß waren, dass auch hier wieder der Vorschlaghammer zum Einsatz kam, weil die Bauteile nicht durch die Tür des Computerraums passten.

Dorothy Vaughan, die faktisch Abteilungsleiterin für eine Gruppe farbiger Mathematikerinnen ist, erkennt sofort, dass die neue IBM-Maschine nicht nur die Zukunft, sondern auch eine Bedrohung für ihren und die Jobs ihrer Mädels ist: Sie beschließt, zu lernen, wie man solche Maschinen programmiert und empfiehlt das auch ihren Kolleginnen: „Lernt Mädchen, macht euch unentbehrlich!“ Aber auch das Lernen wird den Frauen nicht leicht gemacht – als Dorothy sich in der Stadtbibliothek ein Buch über FORTRAN ausleihen will, wird sie rausgeworfen, weil sie in der Abteilung für Weiße danach gesucht hat. In der Abteilung für Farbige gibt es so etwas nämlich nicht. Doch die resolute Dorothy hat das Buch einfach eingesteckt. „Schließlich zahle ich meine Steuern“, erklärt sie ihren Kindern, „und davon werden diese Bücher gekauft. Wie kann ich etwas stehlen, das ich schon bezahlt habe?“

Ähnlich ergeht es auch Mary Jackson, die Ingenieurin werden und an der Konstruktion der Raumkapsel für die nächsten Mission mitarbeiten will. Ihr Abteilungsleiter Karl Zielinksi (Olek Krupka), ein Jude polnischer Herkunft, dessen Eltern im KZ ermordet wurden, ermutigt sie, daran festzuhalten: „Wenn Sie ein Mann wären und weiß, würden Sie da Ingenieur werden wollen?“ Und Mary antwortet: „Dann müsste ich es nicht mehr wollen, weil ich es schon wäre!“ Mary erstreitet sich schließlich den Zugang zu der einzigen Hochschule in Virginia, die genau die Kurse anbietet, die sie für ihre Qualifikation braucht, vor Gericht. Noch in den 60er Jahren wurden im Land der unbegrenzten Möglichkeiten weite Teile der Bevölkerung aufgrund ihrer Hautfarbe von einer Hochschulbildung ausgeschlossen.

Wobei nicht vergessen werden sollten, dass auch hierzulande noch über Frauenquoten in Unternehmensvorständen diskutiert werden muss, weil Frauen im Berufsleben noch immer systematisch benachteiligt werden – und was für weiße Mitteleuropäerinnen gilt, gilt um so mehr auch für farbige oder gar für  Kopftuchträgerinnen. Und aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Arbeitgeber Frauen prinzipiell nicht so ernst nehmen wie Männer – ich habe selbst jahrelang eine Leitungstätigkeit ausgeübt, ohne ein entsprechendes Gehalt dafür zu bekommen. Aber es war halt niemand sonst da, der den Job gemacht hätte.

Genau wie bei Dorothy, die zwar aus dem Bewusstsein ihrer Verantwortung für die anderen und für die Sache heraus den Job eines Supervisors erledigt, aber nicht dafür bezahlt wird. Es war halt nicht vorgesehen, dass jemand wie sie (oder ich) Führungskraft sein kann – das gilt offenbar für schwarze und weiße Frauen gleichermaßen. Und erst, als ein sehr viel jüngerer Kollege mit sehr viel weniger Berufserfahrung eingestellt wurde, der auf Anhieb mehr bekommen hat, als ich nach vielen Jahren treuer und aufopferungsvoller Dienste, ist mir der Kragen geplatzt. Wobei das auch nicht nachhaltig geholfen hat. Aber die Zeiten sind schlecht. Heute wie damals geht es darum, den Job zu behalten.

All die weißen Männer... Hidden Figures

All die weißen Männer… Hidden Figures

Doch zurück zur in die 60er und zur NASA. Hidden Figures zeichnet ein Panorama jener Zeit, das trotz der wirklich haarsträubenden Ungerechtigkeiten, die thematisiert werden, erstaunlich unterhaltsam ist. Was Gleichheit die Stärke und die Schwäche dieses Films ist: Ja, es ist eine wirklich gute Idee gewesen, kein moralinsaures Drama aus dieser Geschichte zu machen – das hätte bei aller guten Absichten gewiss nicht nur mich total genervt. Insofern war geschickt, die ewig langen Wege, die Katherine zum abgelegenen Klo für schwarze Frauen zurücklegen muss, mit unterhaltsamer Tanzmusik der 60er Jahre zu unterlegen. Überhaupt finde ich den Soundtrack gelungen, obwohl das nicht unbedingt meine Lieblingsmusik ist – auf diese Weise wird vermittelt, was diese Zeit eben auch hatte: Eine gewisse Aufbruchstimmung und Zuversicht in die Zukunft – die Leute damals gingen davon aus, dass sie sich dafür krumm legen, dass es künftigen Generationen besser gehen wird.

Das ist ein nicht zu unterschätzender Antrieb. Darum beneide ich die Generationen vor mir. Heute müssen wir davon ausgehen, dass es den künftigen Generationen schlechter gehen wird. Das ist schon jetzt sehr deutlich zu spüren. Ja, Zukunft war wirklich schon mal besser.

Es ist gut, dass Hidden Figures den bisher unbekannten Kämpferinnen für eine bessere Zukunft ein Denkmal setzt. Ich persönlich – und das empfinde ich als die Schwäche des Films – hätte mir ein paar mehr Details gewünscht. Der Vorspann erzählt in sehr groben Zügen etwas über die Kindheit von Katherine – aber ich hätte auch gern mehr über Dorothy und Mary erfahren. Genau wie ich auch gern mehr über Colonel Jim Johnson (Mahershala Ali) wüsste, der schließlich erfolgreich um die Hand der brillanten Witwe Katherine anhält. Und auch darüber hätte ich gern mehr gewusst – wer war der Vater von Katherines Töchtern? Ich weiß, das ist komplex, aber als geübter Zuschauerin hätten mir ein paar kurz eingestreute Hinweise genügt – hier finde ich den Film dann doch etwas unterkomplex.

Andererseits ist das auch okay, Filme, die jede Menge Geschichten anreißen ohne sie zu erzählen, nerven mich auch – das prominenteste Beispiel dafür dürfte Cloud Atlas sein. Hidden Figures geht okay als unterhaltsamer Film über eine hässliche Seite des amerikanischen Traums. Und auch als ebenso unprätentiöses wie überfälliges Heldinnen-Biopic. Aber ein epochemachendes Meisterwerk ist der Film nicht. Und das ist nichtmal schade, weil: Ansehen lohnt sich doch. Übrigens spielen auch Kirsten Dunst und Jim Parsons mit – in nicht gerade vorteilhaften Rollen. Figuren eben, die entgegen aller Evidenz an der Überlegenheit der weißen Rasse festhalten. Auch wenn ihnen das vermutlich gar nicht bewusst ist.

Alle, die mit uns auf Kaperfahrt fahren – Vikings

Die Erstausstrahlung von Wickie und die starken Männer war eine ziemlich große Sache – soweit ich mich erinnern kann, war das die erste Fernsehserie, die ich überhaupt bewusst und regelmäßig angesehen habe. Der kleine, rotblonde Wickie, der immer wieder vor Angst schlottert, aber am Ende dank seines Verstandes seine starken, mutigen, aber kopfmäßig etwas einfach strukturierten Wikinger aus brenzligen Situationen rettet, das war toll und natürlich auch pädagogisch wertvoll, ganz wie es sich für die 70er Jahre gehört. Und auch wenn ich mich zwischenzeitlich jahrzehntelang nicht besonders für Wikinger interessiert habe, wurde ich doch neugierig, als ich von Vikings hörte, einer kanadisch-irischen Fernsehserie mit historischem Hintergrund, die von den Eroberungszügen des Wikingers Ragnar Lothbrok handelt. Die Serie stammt aus der Feder von dem Briten Michael Hirst, einem ausgewiesenem Spezialisten für historische Stoffe, er ist unter anderem für Serien wie die Tudors und die Borgias bekannt.

Vikings - via fernsehserien.de

Vikings – via fernsehserien.de

Ragnar Lothbrok (Travis Fimmel) ist wie viele seiner Wikinger-Kollegen eigentlich ein Bauer – mit einer ordentlichen Portion pragmatischer Bauernschläue und natürlich auch ein guter Krieger. Und er ist mit der Politik seines Jarl unzufrieden. Jarl Haraldsson (Gabriel Byrne) will für die üblichen Sommerraubzüge immer nur nach Osten segeln – dort ist aber nicht sehr viel zu holen, die Leute im Baltikum sind genauso arm wie die Wikinger selbst.

Dabei soll es im Westen fantastische Länder mit unglaublichen Schätzen geben. Mit der Unterstützung von Floki (Gustav Skarsgård), einem ziemlich verrückten Typen, der allerdings ein genialer Schiffsbauer ist, widersetzt sich Ragnar jedoch dem Befehl seines Herrn und fährt mit dem Schiff, das Floki für ihn gebaut hat und einigen ausgewählten Männern über die Nordsee nach Westen. Sie benutzen einen neu entwickelten Sonnenstandskompass für die Navigation und landen tatsächlich an der Küste von England. Dort fällt es ihnen leicht, fette Beute zu machen, denn die Menschen dort sind Christen und keine Krieger, die Mönche in dem Kloster, das die Wikinger ausrauben, beten lieber, als sich zu wehren. Viele von ihnen schlachten die Wikinger ab, die anderen nehmen sie als Sklaven mit nach Skandinavien. Unter ihnen ist Athelstan (George Blagden), der mehrere Sprachen beherrscht – auch die der Wikinger. Dem klugen Ragnar ist sofort klar, dass Athelstan noch sehr nützlich sein kann.

Wieder in der Heimat angekommen, beschlagnahmt Jarl Haraldsson die gesamte Beute – jeder Mann darf sich nur einen Teil des Schatzes aussuchen. Ragnar wählt Athelstan – er will sich von ihm Englisch beibringen lassen und ihn über die Sitten und Gewohnheiten bei den Christen ausfragen. Das wird sich bei den nächsten Raubzügen noch als sehr nützlich erweisen – die Engländer sind inzwischen auf die neue Gefahr aufmerksam geworden und haben Truppen zusammengestellt, um sich gegen die Überfälle der Wikinger zu wehren. Aber wenn die Glocken zur heiligen Messe rufen, gehen alle in die Kirche und legen ihre Waffen ab. Überhaupt sind die britischen Krieger wenig pragmatisch – bis sie mit ihren Gebeten vor dem Kampf fertig sind, haben Ragnar und seine Männer sie längst einen Kopf kürzer gemacht. Was Unterstützung im Kampf angeht, scheint dieser eine armselige Christengott der Übermacht der nordischen Götter doch deutlich unterlegen zu sein.

Es geht schon brutal zur Sache, für die Freunde von Kampf- und Schlachtszenen wird großzügig gesorgt, aber natürlich gibt es auch den liebevoll ausgestalteten Alltag der Wikinger zu besichtigen, in dem eine Menge wikingisches Kunsthandwerk vorgeführt wird – es gibt nicht nur genial konstruierte Drachenschiffe, sondern auch kunstvoll gewebte Stoffe, fein ziselierten Schmuck und schöne Schnitzereien – es war nicht alles nur blutig und hässlich bei den Wikingern. Preisverdächtig ist auch das Hairstyling – insbesondere Ragnars Frau Lagertha (Katheryn Winnick), die selbst eine kühne Kriegern ist, zieht gern mit spektakulär gestalteten Flechtfrisuren in die Schlacht. Überhaupt sind die Wikinger-Frauen keine schüchternen Hausmütterchen – schließlich müssen sie den Laden zu Hause auch allein schmeißen, während ihre Männer monatelang auf Kaperfahrt sind.

Alles in allem eine solide Serie, die zwar keine allzu komplexen Handlungsstränge aufweist, aber durch eigenwillige Charaktere und interessante historische Aspekte punkten kann – die Konfrontation mit einer neuen Religion und fremden Kulturen ist auf jeden Fall spannend. Gezeigt wird das an dem inneren Konflikt von Athelstan, der sich erst geradezu verzweifelt an sein Christentum klammert, sich aber allmählich an sein neues Leben mit den Wikingern gewöhnt – Ragnars Familie nimmt ihn mit der Zeit als neues Familienmitglied auf. Athelstan erkennt, dass auch die wilden Nordmänner in gewisser Weise kultiviert sind und fängt an, sich für ihre Sitten und Gebräuche zu interessieren. In dem Punkt sind sich Ragnar und Athelstan ähnlich, was auch die Grundlage ihrer späteren Freundschaft bildet, die natürlich immer wieder auf die Probe gestellt wird. Nach und nach wendet sich Athelstan den nordischen Göttern zu, während sich Ragnar, wenn auch aus rein pragmatischen Erwägungen, für das Christentum interessiert. Beide sind bereit, sich auf Neues einzulassen und zu lernen, auch wenn Ragnar das mit dem Schwert in der Hand tut, während Athelstan Tinte und Feder vorzieht.

Natürlich gibt es auch unter den Wikingern noch reichlich Konfliktstoff, machtbesessene Jarls, eifersüchtige Brüder und schöne Frauen, die eigene Ziele verfolgen, sorgen dafür, dass es zu Hause nicht langweilig wird, während die verschiedenen Königreiche auf den britischen Inseln gezwungen sind, ihre Konflikte beizulegen, damit sie sich gemeinsam gegen den neuen Feind aus dem Norden wehren können. Mich wundert der Erfolg dieser Serie nicht – und ich freue mich jetzt schon auf die dritte Staffel.