La La Land – Herzschmerz, aber richtig

„Nee, das sind ja mehr als zwei Stunden Zeitverschwendung“, erklärte mein Freund kategorisch, „den Film musst du dir allein ansehen!“ Was ich dann auch tat – und wie ich erwartet hatte, sind die 128 Minuten La La Land kein bisschen Zeitverschwendung. Das schreibe ich, obwohl ich kein großer Fan von Musical-Filmen bin und sonst auch nicht viel für romantische Komödien übrig habe. La La Land ist auch eher eine nostalgische Satire auf RomComs, Musicals und die Traumfabrik von Hollywood – genau das ist der Witz daran.

Schon die Anfangssequenz macht klar, dass es hier um ganz großes Kino geht: Es gibt einen der notorischen Dauerstaus, mit denen sich die dynamische Individualverkehrsgesellschaft ad absurdum führt: Die Bewohner von Los Angeles stehen mit ihren Autos pro Jahr im Durchschnitt 81 Stunden im Stau und halten damit den US-Rekord – was in La La Land dazu genutzt wird, um eine epische Tanznummer daraus zu machen: Nachdem eine Autofahrerin einfach singend aus ihrem durch den endlosen Stau auf dem Highway nutzlosen Gefährt aussteigt und über Autobahn und Fahrzeuge tanzt, gibt es kein Halten mehr und nach und nach machen alle mit, inklusive einer Band, die zuvor in einem Lastwagen verborgen war. Das alles ist zwar völlig sinnfrei, macht aber Spaß und ist die perfekte Einstimmung auf alles, was folgt.

La La Land: Emma Stone und Rain Gosling

La La Land: Emma Stone und Rain Gosling

Eine dermaßen übertriebene Hollywood-Tanznummer macht klar, dass der Film von hinten bis vorn nicht ernst gemeint sein kann – wir sind hier eher in der Kategorie von Hail Caesar (in dem es eine wahnsinnig gute Tanzszene mit Channing Tatum als Matrose gibt), nur ohne George Clooney, Sandalen, die Coens und verschrobene Kommunisten. Dafür aber mit Ryan Gosling und Emma Stone, die auf dem Weg sind, ein echtes Hollywood-Traumpaar zu werden, vielleicht nicht wie Ginger Rogers und Fred Astaire, obwohl sie hier auch tanzen, eher cool und launisch wie Lauren Bacall und Humphrey Bogart. Jedenfalls wäre das meine Präferenz.

Mia (Stone) und Sebastian (Gosling) sind eben keine hoffnungslosen Träumer, wie ich in einer anderen Kritik las, die gern zitiert wird, sondern im Gegenteil ziemlich illusionslose Realisten – Mia ist eine ziemlich begabte, aber total unbekannte Schauspielerin, die leider auch niemanden kennt, der  ihr irgendwo eine entscheidende erste Rolle verschaffen könnte, Sebastian ist ein sehr guter Jazz-Pianist, der was Jazz betrifft, einen sehr expliziten Musikgeschmack hat, mit dem er bei seinem derzeitigen Arbeitgeber einfach nicht landen kann. Die beiden tun trotzdem, was sie tun müssen: Zu jedem blöden Vorsprechen bzw. Vorspielen gehen, in der Hoffnung, doch einen Fuß in die Tür zu kriegen und ansonsten gehen sie ihren öden Brotjobs nach, denn Geld verdienen muss man ja, gerade in Los Angeles. Dem La La Land, in dem Träume wahr werden – wenn auch nur die Träume der wenigen, die es schaffen, ihre persönlichen Traum zu leben. Und auch das geht nicht immer gut aus.

Die beiden laufen sich immer wieder mal über den Weg – aber wie in jedem guten Skript braucht es auch in La La Land Missverständnisse, Konfusion, Probleme. Und natürlich eine vernünftige Struktur, die sich hier an die Jahreszeiten hält, beginnend mit Winter. Und wie das so ist: Im Frühling schmilzt das Eis, im Sommer ist das Leben leicht und schön, im Herbst beginnen erneut die Schwierigkeiten und nun ja, es wird wieder Winter, was dann quasi der Epilog ist.

Aber zum Anfang zurück: Mia bedient in der Betriebskantine von Warner Bros, und hat damit all das, was wofür sie leben will, schmerzhaft dicht vor der Nase, nur dass sie eben unsichtbar ist und nicht dazu gehört. Sebastian, der Bud Powell und Thelonious Monk verehrt, muss Weihnachtslieder für ein gelangweiltes Publikum spielen und sich später als Keyboarder in einer Coverband, die auf Parties spielt, durchschlagen. So trifft er auch Mia wieder, die natürlich auch überall hin geht, wo sie möglicherweise jemanden trifft, der hilfreich sein kann. Aber es läuft an dem Tag für beide nicht gut – auf der Suche nach ihren Autos, die irgendwo geparkt sein müssen, treffen sie sich wieder, passend zum Sonnenuntergang. Und das führt ebenfalls zu einer tollen Tanzszene – Mia hat ihre Stepdance-Schuhe in der Handtasche dabei, was auch ein netter Gag ist – und dann gibt es einen minutenlangen Take ohne Schnitt, das ist einfach klasse. Doch, eigentlich mag ich Tanzfilme. Sie müssen nur gut sein.

Und wie das dann so kommen muss: Mia und Sebastian werden ein Paar und bestärken sich gegenseitig, ihre jeweiligen Projekte voran zu treiben – natürlich verstehen sie einander: Sie wollen einfach das tun, in dem sie gut sind. Obwohl Mia anfangs damit kokettiert, dass sie Jazz hassen würde, mag sie doch die Musik, die Sebastian spielt und redet ihm zu, seinen Traum vom eigenen Jazzclub zu verwirklichen, sie entwirft sogar ein Logo dafür.

Sebastian wiederum erklärt Mia, dass sie nicht länger für blöde Rollen vorsprechen solle, sondern sich besser selbst eine gute Rolle auf den Leib schreiben solle – wie wäre es mit einem eigenen Theaterstück? Verrückt – aber warum eigentlich nicht? Mia beginnt, ein eigenes Stück zu schreiben. (Und nebenbei, Brit Marling zum Beispiel fährt ganz gut mit dieser Strategie, nur schreibt sie Drehbücher und nicht Stücke) Doch wie das so ist – neben der Beziehung gibt es jede Menge Verpflichtungen und in unserer Konkurrenzgesellschaft ist es schwer, beides unter einen Hut zubekommen.

Und so kommt es, wie es kommen muss – Sebastian bekommt das Angebot, in einer Cross-Over-Jazz-Band, die eigentlich Musik macht, die er gar nicht so gut findet, Karriere zu machen – aber eben mit dem Preis, dass er dann die nächsten Jahre mit eben dieser Band auf Tour ist. Mia hingegen schreibt ihr eigenes Stück, produziert es selbst und spielt die einzige Rolle – aber geht damit wirtschaftlich unter.

Aber Ironie des Schicksals – eine Produzentin, die Sebastian kennt, hat Mias Stück gesehen und ist begeistert – auch wenn sonst kaum jemand es gesehen hat. Sebastian kann Mia, die aufgeben will und zu ihren Eltern nach Boulder City, Nevada, zurückgezogen ist, überzeugen, zu einem weiteren Vorsprechen zu gehen. Natürlich wird das ihr Durchbruch – auch wenn sie jetzt erst einmal nach Paris gehen muss. Und Mia macht Sebastian klar, dass dieses Projekt, bei dem er gerade mit macht, doch nicht das ist, was er eigentlich wollte. Aber sie verlieren sich aus den Augen – sie sind zu sehr damit beschäftigt, ihre jeweiligen Karrieren voranzutreiben. Wie das Leben so spielt.

Fünf Jahre später ist Mia eine anerkannte und etablierte Schauspielerin – mit ihrem Ehemann und der kleinen Tochter macht sie einen Abstecher nach Los Angeles. Und wie so oft, stehen sie im Stau – Mia ist dafür, dass sie einfach abbiegen und etwas anderes tun. Sie landen in einem Jazz-Club, in dem Mia das Seb’s-Logo erkennt, das sie für Sebastian entworfen hat. Und tatsächlich, später kommt Sebastian auf die Bühne und spielt – er hat also auch seinen Traum verwirklicht.

Die beiden erkennen einander – und im Schnelldurchlauf gibt es den Film, der ihr beider Leben hätte sein können, wenn nur, ach wenn –

Doch, genau das ist großes Kino. Das Spiel mit den Möglichkeiten, aber jeder weiß, dass das Leben nicht so ist. Und auch der Film weiß das bzw. seine Macher. Und auch wenn man seinen Traum lebt, ist das Leben eben Leben und kein Traum. Mit allen Härten und Konsequenzen. Es kommt eben immer anders. Selbst, wenn das, was man erwartet hat, entgegen aller Wahrscheinlichkeit eintritt. La La Land ist kein Film für Träumer. Es ist ein Film für alle, die Filme übers Filmemachen lieben. Die mit kitschiger Ironie klar kommen, nicht gegen Jazz und Musical allergisch sind und zwei Stunden und acht Minuten Zeit haben. Für die kann La La Land ein Riesenspaß sein. Obwohl, die sieben Golden Globes, die La La Land kürzlich abgesahnt hat – das war wohl eher eine Verzweiflungstat, wenn auch eine nachvollziehbare. Mir gehen ja selbst die ganzen Superheldenmovies und Thriller auf die Nerven. La La Land ist halt mal wieder was anders.

Aber sieben Golden Globes?! Total Übertrieben. Aber Jimmy Fallon’s Cold Open für die Golden Globes versteht eigentlich nur, wenn man den Anfang von La La Land gesehen hat.

Kind 44: Was darf Film?

In den USA hat sich die Verfilmung des Bestsellers Child 44 von Tom Rob Smith bereits als Flop des Jahres qualifiziert – den Produktionskosten von schätzungsweise 50 Millionen Dollar stand ein erbärmliches Einspielergebnis von knapp 1,2 Millionen Dollar gegenüber. In Russland wurde der Film gleich ganz verboten und auch hierzulande waren die Kritiken zum Filmstart von Kind 44 durchweg mies. Also habe ich einen entsprechend schlechten Film erwartet, als ich vorhin ins Kino ging. Denn Kritiken hin oder her – ich mache mir doch lieber selbst ein Bild.

Weil ich das Buch gelesen hatte, wusste ich, was mich erwartet: Ein düsterer Thriller aus der Stalin-Ära, in dem kein gutes Haar am Stalinistischen Polizei- und Spitzelstaat gelassen wird und dessen Held, der MGB-Offizier Leo Demidow, erst seine Karriere und dann sein Leben und auch das seiner Frau aufs Spiel setzen muss, um einen perversen Kindermörder zu stoppen. Den es im mühsam etablierten neuen Gesellschaftssystem, das gerade von den Kommunismus-Gegnern gern als „kommunistisches“ System bezeichnet wird, obwohl auf dieser Welt noch nicht einen Tag irgendwo tatsächlich Kommunismus ausgebrochen wäre, eigentlich gar nicht geben dürfte.

Kind 44: Scrennshot  http://www.kind44-film.de

Kind 44: Screenshot
http://www.kind44-film.de

Kritik an diesem „kommunistischen“ System ist in der Geschichte, die ins Bild gesetzt wird, quasi bei Todesstrafe verboten – genau das beweist übrigens auch, dass es sich nicht um Kommunismus handeln kann, bei dem die nötige und sachgerechte Kritik an menschenfeindlichen Zuständen jeglicher Art ja im Zentrum von allem steht. Eine Mordermittlung in einem System, in dem per definitionem es keinen Mord geben kann, weil ja alle glücklich und zufrieden sind, ist also die heftigste Kritik, die sich denken lässt.

Das geht natürlich gar nicht: 1984 lässt grüßen. Nur ist der dystopische Roman von George Orwell eine echte und sehr viel subtilere Kritik am totalitären Überwachungsstaat und was er mit den Menschen macht, als die postmoderne Holzhammer-Version von Tom Rob Smith. Ich behaupte auch, dass es sich bei Kind 44 gar nicht um eine Kritik am Stalinismus handelt. Und somit auch nicht um eine fehlgeleitete oder ausgeartete Kritik daran. Hier hängen sich nicht nur linke, sondern auch bürgerliche Rezensoren auf: Kalter Krieg hoch zehn, das will heutzutage doch keiner mehr sehen (und das haben wir heute auch gar nicht mehr nötig, wir können Russland einfach aus der G8 schmeißen.) Und so ein primitives Schwarzweiß-Denken, das wollen wir in unserem schönen Pluralismus doch gar nicht haben! Wir wissen doch, dass es keine wirkliche Wahrheit gibt – nichts ist, wie es scheint. Kritik am Kommunismus gern immer, aber bitte nicht so dreckig, so hart und so plump.

Aber darum geht es ja auch gar nicht – und da sind auch die russischen Funktionäre drauf reingefallen, die den Film in letzter Minute noch aus dem russischen Kino-Programm geworfen haben: Der Film sei untragbar, weil die Stalin-Ära darin zu schlecht wegkomme. Und es spielen keine Russen mit. Aber bei welcher Hollywood-Produktion wäre das anders? Hallo ihr Spielverderber: Es doch ein sowjetischer Kriegsheld, der den Mörder am Ende zur Strecke bringt. Und Leo Demidow wird am Ende des Films ja auch noch rehabilitiert und darf seine Abteilung zur Untersuchung von Morden endlich offiziell einrichten und dafür auch General Nesterow (Gary Oldman) anfordern, den einzigen Mann im System, der ihm bisher bei seinen Ermittlungen geholfen hat. Oder ist am Ende das genau der Punkt, der euch nicht gefallen wollte?!

Kind 44: Leo Demidov (Tom Hardy - via  http://www.kind44-film.de

Kind 44: Leo Demidov (Tom Hardy) und Alexei Andreyev (Fares Fares) – via
http://www.kind44-film.de

Also ganz ehrlich: Wenn ich nur noch Filme ansehen wollte, die mit meinen eigenen Standpunkten und Ansichten übereinstimmen würden, könnte ich mir ja fast gar nichts mehr ansehen. Aber ich sehe mir keine Filme an, um meine Weltsicht zu bestätigen – ich meine, Spielfilme sind doch Fiktion. Und als solche sehe ich mir sie an. Und sie können dann entweder gut oder schlecht sein. Und Kind 44 ist gar nicht so schlecht. Es wird keine schöne Geschichte erzählt. Aber das ziemlich gut.

Tom Rob Smith hat seine Geschichte eines lange unentdeckten Serien-Mörders, den es in der Sowjetunion tatsächlich gegeben hat, aus dramaturgischen Gründen in die Stalin-Zeit verlegt. Eigentlich mordete der Schlächter von Rostow Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre. Natürlich ist es einfacher, zu erklären, warum ein solcher Mörder unentdeckt morden kann, wenn einem potenziellen Ermittler selbst die Todesstrafe droht, wenn er die Ermittlungen aufnimmt. Das gibt den gewissen drive – und es ist ja leider tatsächlich so, dass Genosse Stalin eine ganze Reihe seiner besten Leute hat umbringen lassen, weil er sich nicht sicher war, ob sie auf der richtigen, also auf seiner, Seite stehen. Was mich einmal mehr zu dem Standpunkt bringt, dass jegliche Kritik immer zugelassen werden muss, selbst wenn sie doof und öde ist und einem wahnsinnig auf die Nerven geht: Wer immer Kritik übt, könnte recht haben.

Aber im Fall von Kind 44 muss ich konstatieren, dass an diesem Film eine sehr kleinkarierte und verlogene Kritik geübt wird: So freudlos, grau und dreckig wird es in der Sowjetunion tatsächlich wohl kaum gewesen sein. Aber für diese Geschichte kann die Kulisse gar nicht grau und dreckig genug sein, und hier sind wirklich beeindruckende Bilder qualmender Industrielandschaften zu sehen, in denen Massen ärmlich gekleideter Arbeiter mit seltsam ausdruckslosen Gesichtern vor sich hinwerkeln, es ist fast wie in Metropolis. Wobei die Handlung von Metropolis nun wirklich haarsträubend ist.

Kind 44 hat keine allzu komplexe, aber eine durchaus nachvollziehbare Handlung, und weil man davon ausgehen kann, dass die Zuschauer das Buch gelesen haben und somit wissen, wer der Mörder ist, geht es eher darum, wie Leo ihn findet und noch mehr, warum Leo das alles auf sich nimmt. Der Film stellt die „Wie-weit-würdest-du-gehen“-Frage gleich mehrfach auf sehr eindringliche Art und Weise: Leo hat als MGB-Offizier eine Menge Menschen verhaftet und verhört – und auch gefoltert und gebrochen. Er weiß, was ihn erwartet, als von ihm verlangt wird, seine eigene Frau Raissa (Noomi Rapace) ans Messer zu liefern, nachdem sie von einem vermeintlichen Verräter, den er aufgespürt hat, denunziert wurde.

Kind 44: Leo  (Tom Hardy) und Raissa (Noomi Rapace) - via  http://www.kind44-film.de

Kind 44: Leo (Tom Hardy) und Raissa (Noomi Rapace) – via
http://www.kind44-film.de

Aber Leo entscheidet sich für seine Frau – natürlich auch, weil sie ihm bei einem Essen mit seinen Eltern eröffnet hat, dass sie schwanger sei. Beide werden degradiert und in die Provinz abgeschoben – gemessen an ihrem bisherigen Leben in Moskau landen sie beide im Vorhof zur Hölle. Aber Leo hält auch als einfacher Milizionär an seinen Ermittlungen fest und Raissa, die den damals sehr einflussreichen Leo eigentlich nur geheiratet hat, weil sie Angst vor dem hatte, was sie erwarten könnte, wenn sie ihn abwiese, entdeckt ihren Mann ganz neu: Der ist ja gar nicht nur Geheimdienst-Arsch, der seinem Staat treu ergeben ist, wie sie bisher geglaubt hat, der engagiert sich ja wirklich für Dinge, die ihm als Mensch wichtig sind – auch gegen die Staatsmacht. Sie beschließt, bei ihm zu bleiben, selbst, als Leos Nachfolger Wassili (Joel Kinnaman), ihr anbietet, sie aus dem Elend der Verbannung zu erlösen, wenn sie nur zu ihm kommen würde.

Natürlich wird dadurch alles noch schlimmer – Wassili lässt nichts unversucht, um seinen ehemaligen Vorgesetzten und jetzigen Feind aus dem Weg zu räumen. Wassili ist einfach die Pest: Er übernimmt nur Verantwortung, wenn es darum geht, Leute, die ihn stören, aus dem Weg zu räumen. Da knallt er lieber einen mehr als weniger ab. Und wenn Raissa ihn verschmäht, dann soll sie halt sterben. Und Leo gleich mit.

Es ist gewiss kein Zufall, dass mich einiges an Inglouiros Basterds erinnert – genau wie viele Stalinisten in Kind 44 waren die Nazis in Inglouiros Basterds einfach nur abgrundtief böse, auch wenn Christoph Waltz als SS-Standartenführer Hans Landa multilingual und auch sonst als irgendwie sympathisches Superarschloch brillierte. Quentin Tarrantino darf das halt, aber er hat sich ja auch politisch total korrekte Oberbösewichte ausgesucht. Aber warum soll man nur Nazis in Grund und Boden karikieren dürfen?! Nein, ich finde deshalb noch lange nicht, dass man Kommunisten und Nazis gleichsetzen kann. Und es ist auch ein Unterschied, ob ich einen Film oder ein Gesellschaftssystem kritisiere. Ich bin übrigens auch keine Freundin der Totalitarismus-Theorie. Aber eine Verfechterin der Ansicht, dass man in Spielfilmen nicht unbedingt die Realität abbilden muss. Dass wäre echt öde und langweilig.

Stalin und Wassili (Joel Kinnaman)

Stalin und Wassili (Joel Kinnaman)

Regisseur Daniel Espinosa, den ausgerechnet die Süddeutsche, die ja sonst immer gern mit ihren Recherchequalitäten brüstet, zum Dänen gemacht hat, obwohl er Schwede ist (Mailand, Madrid, Hauptsache Italien!) darf das halt (noch?) nicht. Okay, es ist länger her, dass Schweden einen Oskar gewonnen hat als Dänemark. Espinosa ist durch Snabba Cash (ein super Film) bekannt geworden und hat danach Safe House gemacht (den ich gar nicht so gut fand) – ich finde, dass er mit Kind 44 solide Arbeit abgeliefert hat. War ja nun echt kein einfaches Thema.

Durchweg gut fand ich die Schauspieler – Tom Hardy als Leo Demidov ist so stiernackig und robust, wie man es von einem sowjetischen Kriegshelden nur erwarten kann. Und dabei hat er die ganzen zwischenmenschlichen Nuancen drauf, für den ich ihn auch in The Drop so gut fand. Beeindruckend vielschichtig ist die Raissa von Noomi Rapace, die einerseits alles tut, um zu überleben, gleichzeitig aber sehr gradlinig an dem festhält, was sie für richtig hält. Joel Kinnaman spielt den Unmenschen Wassili geradezu verstörend gut – den kann man für jeden ordentlichen Nazi besetzen: dieser verzweifelte Fanatismus in verstörten Kinderaugen. Der Mann hat einen Knall, dass ist eindeutig, und auch, dass dieser ganze Fanatismus irgendwie kein Ziel hat – gerade, als Wassili glaubt, endlich Macht über das Geschehen zu haben, muss er fressen, dass er machtlos ist, weil andere trotz ihrer ausweglosen Position noch stärker sind als er. Und so hat er nichts mehr davon, als Leo ihn nach einem erbittertem Kampf in einer Schlammkuhle posthum zum Helden machen muss, um auf diesen Weise sein eigenes Leben zu retten. Hallo liebe Filmkritik – das ist zwar dreckig, aber entbehrt nicht einer gewissen Ironie – oder habt ihr da schon gepennt?

Kind 44: Leo  (Tom Hardy) und General Nesterow (Gary Oldman) - via  http://www.kind44-film.de

Kind 44: Leo (Tom Hardy) und General Nesterow (Gary Oldman) – via
http://www.kind44-film.de

Alles in Allem komme ich zu dem Urteil, dass die Romanvorlage durchaus nachvollziehbar umgesetzt wurde und sowohl Regie als auch Cast and Crew gute Arbeit abgeliefert haben. Wenn man den Film als Gesellschaftskritik lesen will, kann man natürlich irre werden – aber das geschieht einem dann auch recht. Wer käme denn auch die Idee Machwerke wie White House Down oder Olympus has Fallen als Gesellschaftskritik zu lesen? Die sind von vorn bis hinten komplett gaga, aber man kann trotzdem Spaß haben, sich das anzusehen. Aber die Moralapostel der Welt wollen das ausgerechnet bei Kind 44 halt nicht zulassen.

Meine Empfehlung: Trotzdem ansehen.

Schweden-Trip durch Kalifornien: Kill Your Darlings

Als ausgesprochene Liebhaberin skurriler Road-Movies (Wir können auch anders, U-Turn, Cold Fever), die gleichzeitig auch voll auf der Schwedenschiene (Joel Kinnaman, sämtliche Skarsgårds usw.) fährt, musste ich natürlich irgendwann auf Kill Your Darlings kommen. Dieser Film ist in Deutschland merkwürdigerweise so unbekannt, dass es nicht mal einen Wikipedia-Eintrag dazu gibt – aber das wird sich hoffentlich bald ändern.

Screenshot Kill Your Darlings - Erik (Andreas Wilson)

Screenshot Kill Your Darlings – Erik (Andreas Wilson)

Denn Kill your Darlings ist einfach fantastisch – ein totkomischer Film, der die US-Filmindustrie inklusive dieses ganzen Reality-TV-Scheiß, den US-Psycho- und Selbstoptimierungswahn, überhaupt diesen ganzen Selbstdarstellungs- und Selbstververmarktungszwang, den skandinavischen Hang zu Depression sowie noch eine ganze Menge anderer Dinge gnadenlos auf die Schippe nimmt.

Screenshot Kill Your Darlings

Screenshot Kill Your Darlings – Katherine (Julie Benz)

Auch die Besetzung ist grandios: Alexander Skarsgård als depressive Transe Geert im Verein mit Julie Benz als ebenfalls verhinderte Selbstmörderin Katherine, Fares Fares als zweifelhafter Selbstmordverhinderer Omar sowie John Larroquette als Psycho-Flüsterer Dr. Bangley, der zwar der Autor des Bestellers „Stay Alive“ ist, aber ein ernsthaftes Autoritätsproblem bei seiner vierzehnjährigen Tochter hat. Und dann natürlich die Hauptfiguren Erik und Lola, gegeben von dem Schweden Andreas Wilson und der Kanadierin Lolita Davidovich. Andreas Wilson kennt man von Real Humans – er spielt die tragische Figur des Leo Eischer, der halb Mensch und halb Androide ist. Er ist zwar ungefähr einen halben Meter kleiner als Alexander Skarsgård oder Joel Kinnaman, aber auch ein sehr hübscher Junge. Selbst in seinem schwedenfarbenen Streifenpulli. Ich muss sagen, dass ich mit der schwedischen Invasion in Hollywood außerordentlich glücklich bin.

Screenshot Kill Your Darlings

Screenshot Kill Your Darlings – Geert (Alexander Skarsgard)

Kill your Darlings bringt das Beste der US- und der schwedischen Art Filme zu machen zusammen – gut, vielleicht bin ich jetzt ein bisschen zu euphorisch, aber ich habe mir den Film gestern angesehen und ich dabei solche Lachanfälle, dass meine Kinder besorgt nach mir gesehen haben – und nein, ich hatte nichts geraucht.

Die Geschichte kurz zusammengefasst: Der junge Schwede Erik interessiert sich für Selbstmord: Was bewegt Menschen, ihr Leben zu beenden? Er ist eigentlich Fotograf und wäre gern Drehbuchautor, in Los Angeles will er sein aktuelles Skript über Selbstmord an den Mann bringen. Er bekommt sogar einen Termin bei einem der allmächtigen Filmproduzenten, ist dann aber so blöd, während dieses hochwichtigen Gesprächs mit dem Filmgott an sein Handy zu gehen, das klingelt. Das war’s dann, wobei seine seltsam nordeuropäische Story eh nicht angekommen wäre, im ach so lebensbejahenden Hollywood. Jetzt muss Erik weiterhin Burger so fotografieren, dass man sie auch noch essen will.

Screenshot Kill Your Darlings

Screenshot Kill Your Darlings – Lola (Lotita Davidovich)

Auf der anderen Seite gibt es Geehrt und Katherine, die sich gern umbringen würden, aber das nicht auf die Reihe kriegen – Omar soll sie als Beweise für den Erfolg von Dr. Bangley erstens retten und zweitens nach Las Vegas in die nächste große Live-Show bringen.

Und dann gibt es auch noch Lola, die femme fatale, die ungefähr doppelt so alt ist wie Erik, sich selbst zu Eriks Muse ernannt hat und den armen Jungen nun zu einem Trip durch die kalifornische Wüste zwingt, damit er endlich mal was erlebt, worüber er ein vernünftiges Drehbuch schreiben kann. Natürlich gibt es haufenweise skurrile Szenen und wunderbare Wüstenaufnahmen.

Screenshot Kill Your Darlings

Screenshot Kill Your Darlings – Omar (Fares Fares)

Allein der Anfang, als Katherine versucht, sich mit ihrem Fernseher (!!!) in den Swimmingpool zu stürzen! Oder Erik, der mit der Pinzette sorgfältig die Sesamkörner auf dem Cheeseburger arrangiert. Oder Dr. Bangley, der seine Teenie-Tochter anfleht, ihm für den Pressetermin doch bitte die Anzughose zurückzugeben…

Super Film, den ich hiermit ausdrücklich empfehle!

Screenshot Kill Your Darlings

Screenshot Kill Your Darlings