House of Cards: Endlich wieder US-Politik ohne Trump

Inzwischen ist die fünfte Staffel von House of Cards auch in Deutschland angelaufen – und ich musste mir die neuen Folgen auch schon wieder komplett reinziehen, denn huijuijui, es geht ziemlich zur Sache. Wir sind ja von den Underwoods schon einiges gewöhnt, aber seit Frank und Claire sich privat wieder angenähert haben und jetzt auch politisch als Präsident und Vizepräsidentin ein Spitzenteam sind, geht es richtig zur Sache. Das Autoren-Team hat jetzt noch mal eine Schippe drauf gelegt – Kevin Spacey witzelte bei Stephen Colbert neulich, dass House of Cards ja wohl viel bessere Autoren hätte als Donald Trump.

Und klar haben die Underwoods mehr drauf als dieser kindische Cholerik-Milliardär, der noch immer glaubt, dass Politik ein Hobby für verzogene Oberschichtgören wäre. Obwohl – das ist sie ja auch. Aber nur in real-existierenden Bonzokratien im Mittleren Osten und Mittleren Westen. Wobei die aktuellen Videos mit Trump als Präsidentendarsteller ja auch nicht schlecht sind – diese erste Kabinettssitzung, die im Grunde nur aus Lobhudeleien der anwesenden Speichellecker bestand, deren Qualifikation für ihre jeweiligen Ministerposten ganz offensichtlich nicht über unbedingte Loyalität zur größten Knallcharge aller Zeiten hinausreichte, ist dermaßen skurril, dass man fast meinen könnte, James Franco und Seth Rogen hätten eine neue Nordkorea-Satire gedreht. Nur dieses Mal eine gute.

Aber zurück zu House of Cards: In dieser Serie gibt es noch immer eine USA, in der wahnsinnig schlaue, gut vernetzte und abgebrühte Vollblutpolitiker die Fäden ziehen, was in der Konsequenz aber auch nicht besser ist – denn beide Underwoods haben bereits Ende der vierten Staffel erkannt, dass Terror ein hervorragendes Mittel sein kann, um Wahlen zu gewinnen, auch wenn es nicht ganz so gut funktioniert, wie sie sich das vorgestellt hatten.

In Anbetracht der Tatsache, dass es für Normalseher jede Woche nur einen Teil gibt und ich einfach keine Zeit habe, für jeden Teil eine Einzelkritik zu schreiben, obwohl sich das durchaus lohnen würde, versuche ich, meine Staffelreview zur Abwechslung mal etwas spoilerfreier als bei mir sonst üblich zu gestalten.

In den vergangen fünf Jahren haben sich sowohl Frank als auch Claire Underwood weiter entwickelt, sie hatten Krisen und Zerwürfnisse, und sie haben sich gegenseitig nichts geschenkt, sondern einander zum Teil sehr heftig bekämpft, bis sie in der vierten Staffel auf die geniale Idee gekommen sind, als Team anzutreten – statt wie bisher gegeneinander. Nur als Team können sie den charismatischen jungen Hoffnungsträger der Republikaner schlagen – doch auch das erweist sich als wesentlich schwieriger als gedacht. Will Conway ist ein republikanischer John F. Kennedy, der all das hat, was Frank und Claire nicht haben – eine blütenweiße Weste nämlich und eine fotogene Familie, einen Freund im Suchmaschinen-Business und eine Affinität zu Social Media, die sich eben auch nur Leute leisten können, die nicht bis zum Hals in allen möglichen Skandalen stecken.

House of Cards: Claire und Frank Underwood Bild: Netflix

House of Cards: Claire und Frank Underwood Bild: Netflix

Dafür ist Frank Underwood bereits der Präsident der USA und er denkt nicht daran, auch nur ein Quentchen seiner Macht aufzugeben. Und so zieht sich der Wahlkampf noch bis tief in die fünfte Staffel hinein – und natürlich bleibt nicht aus, dass Frank und Claire weiterhin ihre Differenzen haben. Trotzdem wissen sie, dass sie einander brauchen – und irgendwann hat Frank eine Erleuchtung. Die dazu führt, dass Claire endlich ans Ruder kommt – ich denke, dass das jetzt keine allzu große Überraschung sein sollte, denn diese Figur wurde ja über die vergangenen Staffeln sorgfältig aufgebaut. Claire hat immer wieder ein überraschendes Eigenleben entwickelt und in dieser Staffel wächst sie tatsächlich über sich hinaus – oder doch eher über Frank, dem sie eine ebenbürtige Partnerin ist. Mit allen Konsequenzen.

Es tauchen auch interessante und zum Teil recht rätselhafte neue Figuren auf – etwa Jane Davis, die stellvertretende Untersekretärin für den Internationalen Handel, die außergewöhnlich gut vernetzt und die den Underwoods, insbesondere Claire, bei der einen oder anderen Sache erstaunlich hilfreich ist. Dafür werden andere verdiente Hauptfiguren wie Doug Stamper überraschend kaltschnäuzig abserviert – selbst wenn sie es am Ende doch irgendwie verdient haben. Das schlimmste an der fünften Staffel ist, dass sie zum Finale hin so viel Spannung auf die nächste Staffel aufbaut – und wir jetzt wieder ewig auf die Fortsetzung warten müssen. Noch gibt es keine offizielle Verlängerung – aber Netflix kann ja nicht alle Serien absetzen. Liebes Netflix – lass uns nicht mit Trump allein!

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In Bestform: House of Cards

Nachdem ich vergleichsweise lange gebraucht hatte, um mir die dritte Staffel von House of Cards anzusehen, die aber zum Ende hin dann doch noch richtig zugelegt hat, so dass es entgegen meiner Befürchtungen doch ein Vergnügen war, sie fertig zu sehen, habe ich mir die vierte Staffel jetzt quasi am Stück reingezogen – sie ist tatsächlich sehr, sehr gut, zumal sie das für Europäer völlig irre wirkende US-Wahlspektakel für das Jahr 2016 schon mal komplett vorwegnimmt. Wobei die Präsidentschafts-Kandidaten in House of Cards trotz ihrer perfiden Ränkespiele erschreckenderweise doch viel seriöser wirken als diejenigen, die derzeit in der Realität antreten.

Obwohl – Hillary Clinton wäre abgefeimt genug für einen House-of-Cards-Charakter, wobei mir persönlich Bernie Sanders als Kandidat der Demokraten sympathischer wäre, auch wenn er weder eine Frau, noch farbig ist. Immerhin gehört er zur sehr kleinen Minderheit der irgendwie noch linken Politiker in den USA, auch wenn das Etikett „Sozialist“ bestenfalls eine Verleumdung ist. So etwas gibt es im Politikbetrieb nicht mehr – und schon gar nicht in den USA.

Allein die Initialen! FU 4 President Bild: fu2016.com

Allein die Initialen! FU 4 President Bild: fu2016.com

Bei den Republikanern sieht es dagegen ganz düster aus, da ist einer schlimmer als der andere und einen wie Donald Trump kann sich kein Drehbuchautor ausdenken, weil einem das niemand abnehmen würde, wenn es denn Fiktion wäre. Insofern ist der republikanische Gegenkandidat William Conway in House of Cards reichlich unrealistisch, aber für mich natürlich ein großer Pluspunkt, weil er von Joel Kinnaman gespielt wird, der auch in dieser Rolle überzeugt, obwohl wenn ich den Typ nicht ausstehen kann.

Der attraktive, junge New Yorker Gouverneur William Conway ist ein echter Gegner für den alten Fuchs Frank Underwood (Kevin Spacey). Der schneidige Will hat nicht nur Jura studiert, sondern war auch bei der Air Force und hat somit die Unterstützung der Militärs, die Frank Underwood, der nie gedient hat, nicht wirklich ernst nehmen. Außerdem hat er die perfekte Familie mit einer schönen Frau und zwei niedlichen Kindern und inszeniert sein Privatleben publikumswirksam im Internet. Und noch schlimmer: Der Chef der Suchmaschine Pollyhop arbeitet mit Will zusammen – und mit den wertvollen Daten, die aus den Pollyhop-Suchanfragen generiert werden können, ist der smarte Conway Frank mit seiner Kampagnenplanung überlegen.

House of Cards: Will Conway (Joel Kinnaman) und Hannah (Dominique McElligott) Bild:http://houseofcards2013.tumblr.com

House of Cards: Will Conway (Joel Kinnaman) und Hannah (Dominique McElligott) Bild:http://houseofcards2013.tumblr.com

Dagegen sieht der politisch viel erfahrenere Frank mit seiner gescheiterten Ehe mit Claire (Robin Wright), die ebenfalls Ambitionen auf ein politisches Amt entwickelt und ihn folgerichtig am Schluss der dritten Staffel verlassen hat, nicht gut aus. Zumal seine politischen Programme allesamt nicht so funktionieren, wie er sich erhoffte – für Frank läuft es derzeit einfach nicht. Obwohl er selbst mit allen Wassern gewaschen ist und die ausgefuchstesten Spin-Doktoren der Welt an Bord hat: Auf seinen ebenso loyalen wie effektiven Problemlöser Doug Stamper (Michael Kelly) ist weiterhin Verlass.

Und was ist schon eine Suchmaschine, wenn man als US-Präsident auf eine Institution wie die NSA zurückgreifen kann? Man braucht nur die entsprechende terroristische Bedrohung, um die Gerichte im Land in Stellung zu bringen. Da kommt eine extremistische Islamisten-Gruppe wie die ICO gerade recht, die sich in Syrien breit gemacht hat. Natürlich findet sich auch ein Datenexperte, der besessen und korrupt genug ist, einen solchen Geheimauftrag anzunehmen – wann kriegt man sonst schon einmal Zugriff auf sämtliche Daten, von denen man nie zu träumen gewagt hätte?!

Vor allem muss Frank aber seine abtrünnige Frau wieder auf Linie trimmen, denn nach der Niederlage bei der Vorwahl in New Hampshire ist klar, dass er ohne die in der Bevölkerung beliebte Claire keine Chance hat. Doch Claire ist in ihr Elternhaus in Texas zurückgekehrt, um sich dort für die Wahlen zum Kongress in Stellung zu bringen. Das wird keine leichte Aufgabe, denn die schwarze Amtsinhabern Doris Jones will ihren Platz an ihre Tochter Celia weitergeben, die schon lange darauf wartet, dass ihre Mutter ihr den Weg frei macht. Claire als weiße Außenseiterin muss sich wirklich etwas einfallen lassen und natürlich fällt ihr etwas ein: Sie verspricht, die Finanzierung einer Spezialklinik für Brustkrebserkrankungen zu sichern, an denen schwarze Frauen noch immer häufiger und früher sterben als weiße.

Damit ist auch klar, wo Frank ansetzen kann, um ihr Vorhaben zu unterlaufen – was er auch tut. Frank zerstört Claires Ambitionen, in den Kongress einzuziehen, so nachhaltig, dass nicht einmal LeAnn (Neve Campbell) das wieder gerade biegen kann. LeAnn ist so etwas wie Claires Doug Stamper – eine knallharte Beraterin mit besten Verbindungen und wie Frank oder Claire jederzeit bereit und Willens, das jeweils Nötige zu tun. Mit LeAnns Hilfe ist Claire in der Lage, Frank ebenfalls empfindlich zu treffen – der dann allerdings Opfer eines Attentats wird, mit dem eine fast vergessene Partei wieder ins Spiel kommt: Der Journalist Lucas Goodwin, der mehr über Frank und die Morde an Zoe Barnes und Peter Russo weiß als gut für ihn ist und den Frank deshalb durch eine Intrige in den Knast bracht hat.

House of Cards: Claire (Robin Wright) und Frank Underwood (Kevon Spacey) Bild:http://houseofcards2013.tumblr.comHouse of Cards: Claire (Robin Wright) und Frank Underwood (Kevon Spacey) Bild:http://houseofcards2013.tumblr.com

House of Cards: Claire (Robin Wright) und Frank Underwood (Kevon Spacey) Bild:http://houseofcards2013.tumblr.com

Weil Goodwin den Ermittlungsbehörden in einer anderen Sache behilflich ist, kommt er vorzeitig frei und wird in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen. Goodwin spürt Franks Konkurrentin Heather Dunbar auf und kontaktiert sie – Heather will aber nichts von all dem wissen, was Goodwin ihr gegenüber andeutet. Daraufhin versucht der verzweifelte Goodwin, Frank auf andere Weise stoppen: Nach einer Rede an einer Universität versucht er, Frank zu erschießen. Franks Leibwächter Edward Meechum wird dabei tötlich getroffen, aber er konnte den Attentäter ausschalten, Frank wird jedoch lebensgefährlich verletzt.

Sein Vize Donald Blythe übernimmt die Amtsgeschäfte des Präsidenten. Der fühlt sich in dieser Rolle extrem unwohl und ist froh, die First Lady Claire Underwood an seiner Seite zu haben, die sofort ihre Chance wittert und ihre Pläne vorantreibt. Wegen einer Ölpreiskrise gibt es Spannungen mit Russland, die Beziehungen sind wegen des Engagements beider Länder im Nahen Osten ohnehin nicht die besten. Frank hatte vor, gegenüber Russland Stärke zu demonstrieren und auf damit eine Militärische Intervention zu riskieren, Claire hingegen überzeugt Blythe davon, China einzubeziehen und mit dem russischen Präsidenten Petrov (Lars Mikkelsen) zu verhandeln. Während des G7-Gipfels in Brandenburg (was denken die Amis eigentlich, wo oder was dieses Brandenburg ist? Bestimmt nicht unser einziges, aber durchaus sympathisches  Bundesland mit dem Loch in der Mitte, wo das supercoole Berlin liegt) bootet Claire auch die Außenministerin Catherine Durant aus und übernimmt die Verhandlungen selbst, während Frank in den USA durch eine Lebertransplantation gerettet wird.

Interessant ist auch die Beziehung von Claire zu ihrer schwerkranken Mutter Elizabeth (Ellen Burstyn), die nun erstmals auftaucht – dass die beiden eine schwierige Beziehung haben, kann man sich denken. Die Mutter hat nie verstanden, warum Claire Frank geheiratet hat, der in ihren Augen kein würdiger Partner für ihre Tochter ist – selbst als Präsident der USA. “He is a classless graceless shameless barbarian” erklärt sie gegenüber ihren alten Freundinnen, die sie auffordert, die Kampagne ihrer Tochter finanziell zu unterstützen: “I hope he dies.”

Die beiden schwierigen Frauen kommen sich im Angesicht des Todes wieder näher – am Ende bittet die Mutter Claire, sie mit einer Überdosis Morphium zu erlösen, wohl wissend, dass der Zeitpunkt ihres Todes für Claires Karriere ausgesprochen günstig sein wird. Mit dabei ist auch der Schriftsteller Thomas Yates (Paul Sparks), der seinen Auftrag mit dem Buch über die Underwoods aus der dritten Staffel leider zu gut erledigt hat – so dass Frank die entlarvend ehrliche Analyse der Beziehung von Frank und Claire vor der Veröffentlichung stoppen musste: Er wollte schließlich Unterstützung für sich selbst und nicht für seine Frau, die Thomas als treibende Kraft hinter seinen Erfolgen erkannt hat.

 

House of Cards 4: Jackie Sharp (Molly Parker), Seth Grayson (Derek Cecil), Robin Wright (Claire Hale Underwood), Francis Underwood (Kevin Spacey), Kate Baldwi(Kim Dickens), Vicot Petrov (Lars Mikkelsen), Remy Danton (Mahershala Ali)

House of Cards 4: Jackie Sharp (Molly Parker), Seth Grayson (Derek Cecil), Robin Wright (Claire Hale Underwood), Francis Underwood (Kevin Spacey), Kate Baldwin (Kim Dickens), Victor Petrov (Lars Mikkelsen), Remy Danton (Mahershala Ali)

Elizabeth mag Thomas und findet, dass er eigentlich ein besserer Partner für Claire gewesen wäre. Claire beginnt eine Affäre mit Thomas – aber kehrt am Ende doch wieder zu Frank zurück, weil nur Frank ihr dabei helfen kann, ihr Ziel zu erreichen: Vizepräsidentin zu werden. Genau diese Position wollte Frank ihr eigentlich nicht zugestehen: Sie hätte das nicht verdient, weil sie nicht wisse, wie es ist, um alles kämpfen zu müssen, brüllte er noch einige Folgen zuvor. Inzwischen ist aber klar, dass Claire die einzig realistische Option ist, denn nur sie ist in der Lage und Willens, diesen Job wirklich gut zu erledigen. Sowohl Blythe als auch Durant haben sich als schwächere Kandidaten als Claire erwiesen. Und so booten Frank und Claire als eingespieltes Gespann sämtliche Gegenkandidaten aus, um gemeinsam nominiert zu werden.

Doch, das hat großen Spaß gemacht und es gibt ein Wiedersehen mit vielen Bekannten aus den Staffeln zuvor – mich hat gefreut, dass etwa Freddy Hayes (Reg E. Cathay) die Gelegenheit bekommt, mit Frank abzurechnen: Als der ihm sagt, wie sehr er seine Spareribs vermisst, und ob er die mal wieder für ihn zubereiten könnte, erklärt Freddy, der wegen Frank sein Restaurant verloren hat, aber nun als Gärtner für das Weiße Haus arbeitet, dass er etwas anderes vorhabe – er habe ein Jobangebot in einem Blumenladen. Und Frank solle endlich aufhören, ihr Verhältnis immer nur so zu sehen, dass Freddy tun müsse, was Frank wünsche. Der genervte Freddy kündigt dem Präsident der Vereinigten Staaten den Job und die Gefolgschaft – so einen inneren Reichsparteitag (Achtung: ironische Metapher) können sich die meisten Menschen nicht leisten.

Und mir hat auch gefallen, dass der ehemalige Chefredakteur des Washington Herald, der auch Chef des verzweifelten Lucas Goodwin war, nun als Privatmann wieder recherchiert – einmal Journalist, immer Journalist. Natürlich ist an den Geschichten von Lucas Goodwin etwas dran. Und ausgerechnet Heather Dunbar setzt ihn auch noch auf die richtige Fährte – ich bin gespannt auf Staffel 5.

Baut keine Kartenhäuser: Boss

Auf Netflix gibt es inzwischen die Serie Boss – wer House of Cards mag, könnte auch Boss auch mögen. Boss ist eine knallharte Polit-Serie – wobei ich Boss ehrlich gesagt noch finde besser als House of Cards. Aber Boss habe ich auch zuerst gesehen und ich bin in einem Punkt befangen: Die einzige Stadt in den USA, die ich in meinem bisherigen Leben kennengelernt habe, ist Chicago, Illinois. Und Boss spielt nun einmal in Chicago.

Nein, ich bin nicht auf den Spuren der Blues Brothers dort gewandelt, auch wenn ich den Film aus Kultgründen ziemlich oft gesehen habe, das gehörte in den 80ern halt dazu. Ich kam nach Chicago, weil ich dort eine mir sehr liebe Freundin besuchte, die einige Jahre dort gelebt hat. Chicago ist kein schlechter Ort, wenn man als nicht ausdrücklicher USA-Fan erstmals in die Vereinigten Staaten reist.

Screenshot: Boss - Chicago

Screenshot: Boss – Chicago

Chicago ist einerseits sehr amerikanisch, andererseits auch wieder sehr europäisch, dort es gibt einfach alles – Chinatown, Little Italy, Little Poland, Afrika und Lateinamerika sind so prominent vertreten, dass man nicht mehr von „Little irgendwas“ reden kann und die Ansagen in den öffentlichen Verkehrsmitteln sind zweisprachig – Englisch und Spanisch. Chicago ist eine echte Weltstadt. Im Zentrum ballen sich zum Teil sehr schöne, alte und moderne Wolkenkratzer, gleichzeitig verfügt die Stadt über großzügige Grünflächen, insbesondere am Ufer des Lake Michigan. Ich weiß nicht, wie es heute dort ist, aber im Sommer 2001 (kurz vor 9/11 also) beeindruckten mich nicht nur die weitläufigen Parks und die grandiose Architektur, sondern auch das frei zugängliche Kulturprogramm: ich erlebte einige wunderschöne klassische Konzerte des Grant Park Symphony Orchestra, das in Chicagos zentralem Millenium Park kostenlose Konzerte gab. Auch in den großen Museen gab zumindest an bestimmten Tagen freien Eintritt, was ich natürlich ebenfalls nutzte.

Screenshot: Boss

Screenshot: Boss

Und die großartigen alten Bahnhöfe! Zwar war ich damals über den Zustand der „L“, wie die Chicagoer Hochbahn genannt wird, etwas erschrocken – aber mittlerweile haben mich meine Erfahrungen mit der Berliner S-Bahn ja gelehrt, dass man vor hundert Jahren sehr viel mehr in öffentliche Nahverkehrsinfrastruktur investiert hat als heute. Das ist in Chicago nicht anders als in Berlin. Auch fiel mir auf, dass es in den reichen Vororten im Norden viel mehr Haltestellen für die Vorortszüge gibt als im armen Süden der Stadt. Das ist in Berlin genau besehen auch nicht viel anders – nur dass es hier die Villenviertel im Süden der Stadt sind, die besser erschlossen wurden, als die armen Arbeiterviertel im Norden. Aber nach dem langen Vorspann nun endlich zu der Serie, über die ich eigentlich berichten wollte: Boss.

Der Boss heißt Tom Kane (Kelsey Grammer) und ist der Bürgermeister von Chicago. Der Titelsong Satan Your Kingdom Must Come Down von Led-Zeppelin-Sänger Robert Plant stimmt mit nebligen Impressionen der Stadt bereits sehr gut auf das ein, was einen dann erwartet. Tom Kane ist ein eiskalter Machtmensch. Ein berechnender Großmeister in Sachen Politik, der für den Machterhalt im Laufe der Serie nicht nur seinen engsten Freund und Berater Esra Stone (Martin Donovan) über die Klinge springen lässt, sondern auch seine eigene Tochter Emma (Hannah Ware) und ins Gefängnis bringt, wo sie an einem Selbstmordversuch beinahe sterben wird. Damit nicht genug inszeniert er auch noch ein Attentat auf seine Ehefrau Meredith, das ihm dringend benötigte Sympathiepunkte verschaffen soll.

Screenshot Boss - Tom Kane (Kelsey Grammer)

Screenshot Boss – Tom Kane (Kelsey Grammer)

Keine Frage: Boss ist total krank. Und das ist er tatsächlich: Nicht nur vor Ehrgeiz und Machtwillen – er leidet an Lewy-Körper-Demenz, einer degenerativen Nervenerkrankung, ähnlich wie Alzheimer. Allerdings führt dieses Lewy-Körper-Syndrom auch zu Halluzinationen und Wahnvorstellungen, so dass vieles in Kanes Verhalten auch auf die Krankheit zurückzuführen sein könnte – wenn seine Umgebung denn davon wüsste. Tom Kane hält die Diagnose aber geheim, denn er will weiterhin im Amt bleiben. Nur seine Ärztin Dr. Ella Harris weiß Bescheid – und Kane findet Mittel und Wege, sie nachhaltig zum Schweigen zu bringen.

Das mit der Geheimhaltung klappt ziemlich gut – einerseits sind seine Untergebenen daran gewöhnt, dass ihr Boss ein Arschloch ist, andererseits sind die Menschen um ihn herum zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Seine engsten Berater Ezra Stone und die Spin-Doktorin Kitty O’Neill (Kathleen Robertson) beginnen zwar zu ahnen, dass mit ihrem Bürgermeister irgendwas nicht stimmt, sie respektieren ihren Chef aber zu sehr, um blöde Fragen zu stellen. Insofern wundert sich niemand darüber, dass Boss einen Stadtrat, der die nötige Erweiterung des Flughafens verzögert, an den Ohren durch sein Büro schleift – als Berliner fantasiert man ja auch schon mal, dass mit den Verantwortlichen für das BER-Desaster ähnlich verfahren würde. Nur weiß man in Berlin inzwischen gar nicht mehr, wen man von den vielen Verantwortlichen, die sich in den langen Jahren des andauernden BER-Skandals als komplett inkompetent erwiesen haben, an den Ohren durchs Rote Rathaus schleifen müsste. Vielleicht sollte man die BER-Planungs-Crew einfach mal zum Public Viewing von Boss einladen: So geht Flughafenausbau!

Screenshot Boss - Esra (Martin Donovan) Kitty (Kathleen Robertson) und der (Kelsey Grammer)

Screenshot Boss – Esra (Martin Donovan) Kitty (Kathleen Robertson) und der (Kelsey Grammer)

Und auch Ehefrau Meredith (Connie Nielsen) kennt ihren Mann in erster Linie als fordernden Partner im Beziehungsbusiness und setzt ihre eigenen erotischen Bedürfnisse ebenfalls politisch ein – sie und ihr Mann sehen sich nicht allzu oft. Und so fällt erst mal gar nicht auf, dass Boss immer wieder heimlich verschwindet, um sich auf dem Schwarzmarkt Medikamente zu besorgen, die zumindest die auffälligen Symptome wie zitternde Hände zu unterdrücken. Hier bewegt er sich in der Welt seiner Tochter, die sich als Drogensüchtige mit der Unterwelt der Stadt herumtrieb – jetzt aber zu Gott gefunden hat und eine Ambulanz betreibt, für diejenigen, die auf der Strecke geblieben sind.

Screenshot Boss - Esra (Martin Donovan) Kitty (Kathleen Robertson) und der (Kelsey Grammer)

Screenshot Boss – Esra (Martin Donovan) Kitty (Kathleen Robertson) und der (Kelsey Grammer)

Und der Boss lässt auch seine eigene Tochter nicht in Ruhe: Sie soll Gutes für ihn tun, nicht für die Loser. Emma lässt sich, wenn auch unwillig, darauf ein und wird erneut zur Schachfigur im Politspiel ihres Vaters. Anders als seine Tochter hat Boss kein Gewissen. Er benutzt Emma, als es ihm opportun erscheint und stürzt sie ins Verderben. Er behandelt seine Tochter genau wie alle anderen – und damit macht er ironischerweise dann auch noch Punkte im Wahlkampf.

Wer Francis Underwood für ein abgefeimtes Arschloch gehalten hat, das mit allen Wassern gewaschen ist, wird feststellen, dass Francis von Boss noch was lernen könnte. Vielleicht aber auch nicht – denn Boss besorgt nur die Lokalpolitik, Francis Underwood ist zumindest ab der zweiten Staffel von House of Cards ja im Weltmaßstab unterwegs.

Beide Serien haben ihren Reiz – aber für House of Cards wirbt Neflix derzeit intensiv. Ich werbe für Boss. Auch wenn ich den Typ nicht leiden kann. Aber die Serie ist echt gut.

Screenshot Boss - Wahlkampf in Chicago

Screenshot Boss – Wahlkampf in Chicago

Mein erstes Jahr mit Netflix

Das erste Jahr mit Netflix ist vorbei – und die Fernsehrevolution hat zumindest bei mir nicht statt gefunden. Aber um fair zu sein muss ich natürlich klar stellen, dass ich auch vor Netflix schon sehr wenig im klassischen Fernsehen angesehen habe – die Sachen, die ich sehen möchte, will ich ohne Werbeunterbrechungen sehen und zwar dann, wenn ich Zeit und Lust dazu habe.

Das bedeutet, dass ich ohnehin fast alle Serien und Filme aufnehme und von Festplatten aus auf meinen noch nicht so richtig smarten, aber streaming-tauglichen Fernseher spiele. Mir zwischen unerträglichen Werbespots eine Serie häppchenweise in den Mund zählen zu lassen ist für mich unvorstellbar. Entsprechend habe ich keine Ahnung, wo in meiner Programmauswahl die Privatsender zu finden sind. Interessiert mich einfach nicht. Und auch die öffentlich-rechtlichen Programme interessieren mich zunehmend weniger, wobei ich ab und zu mal auf Phoenix oder ZDFneo hängen bleibe oder eine Doku auf einem der Dritten ansehe. Gut finde ich vor allem, dass über mein Apple TV neben Netflix jetzt auch die arte-Mediathek abgerufen werden kann. Damit habe ich fast alles, was ich brauche.

Fernsehe - der Imperativ mit der klassischen Note

Fernsehe – der Imperativ mit der klassischen Note


Und nun zu Netflix: Mein Hauptproblem ist, dass ich viele der guten Serien, die es auf Netflix gibt, schon gesehen hatte, bevor Netflix bei uns an den Start gegangen ist. Damit wurde die Sache weniger spannend, auch wenn es natürlich noch einige neue Highlights gibt, etwa Sense8 oder jetzt Narcos. Und ehrlich gesagt finde ich einige der momentan gehypten Netflix-Serien gar nicht so gut – in Orange Is The New Black habe ich mehrfach reingesehen – aber ich finde die Geschichte weder besonders lustig noch sonst bemerkenswert. Auch mit Daredevil oder Hemlock Grove werde ich nicht warm – vielleicht bin ich einfach zu alt dafür. Und die dritte Staffel von Lilyhammer war leider auch enttäuschend, obwohl die ersten beiden Staffeln durchaus ihre Höhepunkte hatten.

Ähnlich geht es mir mit dem Netflix-Flaggschiff House of Cards. Diese Serie finde ich gar nicht schlecht, insbesondere die erste Staffel, aber schon die zweite wurde etwas mühsam und die dritte, nun ja, Lars Mikkelsen als russischer Präsident ist natürlich sehenswert, aber hier wird das Problem, das ich schon mit den ersten beiden Staffeln hatte, nämlich, die Hauptfiguren keine interessante Entwicklung durchmachen, sondern von Anfang an Arschlöcher sind, die nie etwas anderes tun, als sich gegenseitig für die eigenen Ziele zu benutzen, wirklich grundsätzlich: Wie will man die Handlung noch so vorantreiben, dass ein Sog entsteht, wenn die Figuren das nicht leisten können?!

Ich finde Kevin Spacey und Robin Wright toll, aber ihre Charaktere sind einfach nicht so interessant wie Walt und Skyler White in Breaking Bad. Da haben Bryan Cranston und Anna Gunn einfach die besseren Karten gehabt. Da hat mir das andere Flaggschiff Sense8 besser gefallen – obwohl das bestimmt auch nicht jedermanns Sache ist. Aber ich mag nun man die Wachowskis und ich mag Tom Tykwer, und mir gefiel die Idee sehr gut, eine Geschichte mit acht Protagonisten zu machen, die in völlig unterschiedlichen Welten leben, aber auf seltsame Weise miteinander verbunden sind. Auf Narcos bin ich sehr gespannt, aber derzeit habe ich einfach nicht so viel Zeit, weshalb ich derzeit ja auch weniger schreibe.

In der zweiten Reihe gibt es auf Netflix durchaus eine ganze Menge sehenswerter Serien, Luther etwa, The Killing, Broadchurch, Deadwood, Person of Interest, um nur einige zu nennen, ansonsten fand ich einige erfreuliche Überraschungen im Doku-Bereich, etwa Chef’s Table. Bei der Filmauswahl überwiegen eindeutig die Lücken – aber Netflix will nach eigener Aussage ja auch kein Vollsortimenter sein, bei dem es gibt, was es überall sonst auch gibt, sondern Spezialist für besondere Inhalte. Nun ja. Ob das auf Dauer ausreichen wird, um in der Konkurrenz gegen Amazon, Maxdome oder Watchever zu bestehen, bleibt abzuwarten – ich werde mein Netflix-Abo erstmal behalten, zumal ich ja auch Kinder habe, die es intensiv mit nutzen – insofern lohnen sich die 8,99 Euro pro Monat allemal.

Obwohl ich eine Sache ganz schlimm finde: Netflix verweigert hartnäckig den Offline-Modus. Das bedeutet, dass ich mir unterwegs, etwa im Zug, wo die WLAN-Nutzung in absehbarer Zeit ein Glücksspiel mit eher schlechten Chancen bleiben wird, die Sachen, die ich sehen möchte, halt aus anderen Quellen als Netflix besorgen und auf meinen Laptop laden muss – genau, was laut Netflix angeblich zu kompliziert ist. Zu kompliziert für Netflix vielleicht, aber nicht für Serien-Profis, die dann eben auf Alternativen ausweichen. Wenn dann im nächsten Jahr die angekündigte Preiserhöhung auf für Bestandskunden kommt, werde ich gewiss noch einmal drüber nachdenken.

Emmy-Inflation: Was trotzdem fehlte

Ach ja, Anfang der Woche gab es einmal mehr die Emmy-Awards. Und wieder keine Überraschungen. Und obwohl ich absolut der Meinung bin, dass Breaking Bad die derzeit beste Serie überhaupt ist – und die einzige, die ihr Niveau über sämtliche fünf Staffeln nicht nur gehalten, sondern zum Finale hin noch gesteigert hat – wird es langsam doch ein bisschen langweilig, dass es immer noch und noch und noch einen Emmy für Breaking Bad gibt. Wobei natürlich alle hochverdient – Bryan Cranston war als Walter White absolut grandios, genau wie Aaron Paul als Jesse Pinkman und Anna Gunn als Skyler White. Wobei ich Anna Gunn auch schon in Deadwood super fand.

Ich kapiere allerdings immer weniger, warum welche Serie für welchen Emmy nominiert wird – nicht nur, weil es eine verwirrende Vielzahl an Preisen gibt, sondern auch, weil die Abgrenzung der Genres doch ziemlich willkürlich erscheint: Wann ist eine Serie eine Mini-Serie? Die Unterscheidung Drama/Comedy kann ich ja irgendwie noch nachvollziehen, aber warum gibt es nicht auch eine Rubrik Crime? Dann müssten sich nicht so viele Serien unter „Drama“ drängeln, dass man die dann Richtung Mini-Serie schieben muss, denn Mini-Serie wird ja eh von Crime dominiert (Sherlock, Luther, Fargo…). Wobei ich True Detective in der Logik ja auch eher in der Mini-Serien-Abteilung gesehen hätte, wo ja auch Fargo vertreten ist, die sogar noch zwei Teile mehr hat als True Detective – statt dessen ging diese auch ganz großartige Serie angesichts der übermächtigen Drama-Konkurrenz leider unter. Aber wie gesagt, ich durchschaue das ohnehin nicht – und warum wird bei den herausragenden Schauspielern Film und Mini-Serie zusammengefasst – da gäbe es doch auch genug Stoff für zwei Preise? Auf noch einen mehr käme es doch wirklich nicht an!

Dafür könnte man meinetwegen bei Comedy ein bisschen aufräumen – dass insgesamt doch ziemlich mittelmäßige Serien wie Big Bang Theory oder House of Lies genauso für Emmys antreten (und gewinnen können) wie Breaking Bad, Mad Men, True Detektive oder House of Cards erschließt sich mir nicht. Wobei Comedy-Serien auch nicht mein Ding sind – ich mag Humor lieber anspruchsvoll verpackt. Auch die Sopranos, Breaking Bad oder Mad Men sind streckenweise wirklich witzig, aber dank ihrer interessanten Handlung sehr viel weniger langweilig.

Ja, ich habe Game of Thrones außen vor gelassen, irgendwie ist das mal eine der angeblich ganz tollen Serien, mit der ich einfach nicht warm werde – vielleicht sollte man einfach noch eine Fantasy-Rubik einführen, da hätte dann vielleicht auch True Blood eine Chance, was ja weder Drama noch Comedy ist, sondern irgendwie beides. Und so sehr mich gefreut hat, dass dieses mal neben Downton Abbey auch die britische Serie Luther dabei ist, die ich ebenfalls richtig gut finde, so sehr frage ich mich, warum andere Serien, die auch sehr gut sind, völlig außen vor bleiben?

Da wäre ja nicht nur True Blood, sondern beispielsweise noch The Bridge America – und wenn schon nicht die ganze Serie, dann hätten doch wenigstens Demian Bichir als Marco Ruiz und Diane Kruger als Sonya Cross eine Nominierung verdient. Das gilt natürlich auch für Mireille Enos als Sarah Linden und Joel Kinnaman als Stephen Holder in The Killing – die vierte Staffel mit ihren sechs Teilen hätte doch auch gut in die Mini-Serien gepasst. Und nicht nur ich bin der Meinung, dass diese Staffel so ziemlich das beste ist, was Netflix bisher produziert hat. Denn meiner Ansicht nach ist House of Cards zwar schon gut gemacht, aber am Ende doch ziemlich eindimensional, die Charaktere sind zu glatt, zu eindeutig, zu vorhersehbar. Klar, Kevin Spacey ist ein toller Schauspieler und sein Frank Underwood ein überzeugend brillantes Arschloch, wobei mir Robin Wright als Claire Underwood besser gefällt: Sie verfolgt ihre Interessen ebenfalls knallhart und letztlich fast noch raffinierter als ihr Mann. Aber sie ist – im Gegensatz zu ihm – trotzdem gelegentlich zu menschlichen Regungen fähig. Sie bricht auch mal in Tränen aus, nachdem sie einer Freundin telefonisch eine Falle gestellt hat, weil sie keineswegs gern tut, was sie tun muss, um ihre Ziele zu erreichen. Insofern gibt es wenigstens hier ein bisschen Spannung. Bei Frank ist ja immer völlig klar, dass er tut, was getan werden muss – und dass er am Ende kriegt, was er will.

Dass Homeland oder The Newsroom dieses Mal nicht so richtig zum Zug gekommen sind, finde ich nicht unberechtigt, die waren schon gut, aber halt auch nicht so richtig super. Fargo als beste Mini-Serie dagegen geht klar – ich muss zugeben, dass ich gerade erst angefangen habe, mir Fargo anzusehen, aber schon die ersten beiden Teile versprechen eine richtig gute Serie, die ich unbedingt weiter sehen muss – und nach all den Serien, die im schwülen oder auch wüstenartigen Süden der USA spielen ist so eine Handlung im tiefverschneiten Minnesota mal was anderes. Und nicht nur Martin Freeman als Lester Nygaard ist sehenswert, sondern vor allem Billy Bob Thornton als Auftragskiller Lorne Malvo. Bob Odenkrik aus Breaking Bad spielt übrigens auch mit, allerdings nicht als krimineller Anwalt, sondern als Polizist.

Insofern kann man sich vielleicht schon ein bisschen auf die nächsten Emmys vorfreuen – da gibt es hoffentlich auch mal was anderes.

House of Cards: Weiterhin nichts zu lachen

Nachdem es erstaunlich lange gedauert hat, bis ich mich durchringen konnte, die zweite Staffel von House of Cards fertig zu sehen, muss ich sagen, dass ich sie alles in allem dann doch ziemlich gut fand – man muss allerdings eine Abstriche machen.

Die einzigartige Mischung aus berechnender Ehrlichkeit, gespieltem Patriotismus und der typisch underwoodschen Chuzpe, mit der Frank am Ende seinen Präsidenten ausspielt – das hat mich dann doch überzeugt. Niemand spielt den allesversengenden Zynismus der Macht so konsequent und charmant wie Kevin Spacey. Wobei schon klar ist, dass er ohne den Engel aus Stahl an seiner Seite nicht so weit gekommen wäre. Robin Wright als Claire Underwood ist natürlich auch großartig – streckenweise fand ich sie noch überzeugender als ihren Mann. Vor allem, weil sie sich erlaubt, zumindest noch ansatzweise unter dem zu leiden, was sie tut – auch wenn sie mit ihren Manipulationen letztlich genauso raffiniert, ja eigentlich sogar deutlich subtiler vorgeht als ihr Ehemann. Immerhin weint sie noch ein paar heimliche Tränen, wenn sie ihre Züge gesetzt hat, weil sie weiß, dass nun wieder Opfer fällig werden, die andere für sie und ihren Mann bringen müssen.

Screenshot: House of Cards, USA 2014

Screenshot: House of Cards, USA 2014 – Frank und Claire Underwood

Alles in allem ist schon enttäuschend, dass Frank die ganze Serie über einfach nur ein abgewichster Superbösewicht ist, der keinerlei menschlichen Regungen mehr zu verspüren scheint – hier sind die weiblichen Charaktere deutlich spannender. Denn auch Franks Nachfolgerin als Fraktionsführerin, Jackie Sharp (Molly Parker), ist nicht ohne – sie ist genauso durchtrieben wie die harten Jungs, mit denen sie zu tun hat. Und letztlich muss sie noch härter als sie sein, um sich durchzusetzen. Hier ist aber wenigstens die Frage spannend, ob sie hart genug sein wird, um sich mit ihren abweichenden Ansichten durchzusetzen – bei Frank ist das ja ohnehin klar.

Das nervt – auch dass beispielsweise der Mord an Zoe Barnes letztlich nur ihren ehemaligen Kollegen Lucas Goodwin (Sebastian Arcelus) belastet, der zu immer verzweifelteren Methoden greift, um irgendwelche Beweise zu finden. Das kann natürlich nicht gut ausgehen, und es geht denkbar schlecht für Lucas aus. Und auch Franks Leib- und Magenspezialisten in Sachen Hausmannskost, Freddy Hayes (Reg E. Cathey), erlebt nach dem Aufschwung seines Spare-Ribs-Ladens durch die plötzliche Prominenz seines Vorzugsgastes einen hässlichen Absturz – wer Franks Wege kreuzt, kann nur als Verlierer enden, selbst, wenn er nie die Absicht hatte, gegen diesen Übermacher anzutreten. Das ist einerseits konsequent, andererseits dann doch auch ziemlich öde: Wenn es überhaupt keine Möglichkeit für die anderen gibt, auch mal einen Stich zu machen, und sei es nur versehentlich, dann bleibt für den Zuschauer überhaupt keine Möglichkeit, sich auch mal klammheimlich mit wem anders mitzufreuen. Das ist es, was ich an dieser Serie vermisse: Es gibt einfach nichts zu lachen.

Screenshot: House of Cards, USA 2014

Screenshot: House of Cards, USA 2014

Normalerweise habe ich geradezu eine Allergie gegen dieses ganze „Man-muss-auch-immer-das-Positive-sehen“-Zeug. Im Gegenteil: Es kann gar nicht schlecht genug laufen. Deshalb mag ich ja auch diese ganzen skandinavischen Serien und Filme, in denen die Wendung zum Schlimmstmöglichen mit bewundernswerter Konsequenz zelebriert wird. Aber bei House of Cards wird das ohne jeden Humor durchgezogen. Es gibt null Humor – nicht einmal schwarzen. Alle sind entweder ohnehin maßlos verdorben, böse und zynisch oder wenigstens total verzweifelt, aber auf jeden Fall verlieren sie. Und das ist einfach schlimm, weil auf Dauer langweilig. Da können sich die Drehbuchschreiber noch so raffinierte Winkelzüge ausdenken – mangelnde Komplexität der Handlung kann man der Serie wirklich nicht vorwerfen.

Aber die handelnden Charaktere könnten durchaus ein bisschen komplexer sein. Nichts gegen menschliche Schwächen, die auch hier ausführlich benutzt werden, um Gegner zu Fall zu bringen. Aber zu den menschlichen Schwächen gehört ja auch, dass der Mensch gelegentlich gut sein möchte – okay, in Falle von Doug Stamper (Michael Kelly) gibt es ein Beispiel, wo der Versuch, dieses Gutsein auszuleben, mal wieder konsequent schief geht – in dem Doug die ehemalige Prostituierte Rachel (Rachel Prosnahan) nicht wie befohlen diskret aus dem Weg räumt, sondern versucht, ihr ein neues Leben zu ermöglichen, macht er Rachel nicht unbedingt glücklich. Es hätte natürlich besser laufen können, wenn Doug sie einfach in Ruhe gelassen hätte. Aber er hatte natürlich ja seine eigene Agenda. Und Rachel spielt leider nicht wie erwartet mit. Als eine der wenigen Überraschungen schafft sie es immerhin, sich in der letzten Folge aus der erdrückenden Protektion ihres zweifelhaften Gönners zu befreien, in dem sie ihn mit einem Stein niederschlägt (erschlägt?) und mit seinem Auto abhaut. Aber vermutlich wird auch das nicht lange gut gehen. Es kann gar nicht. Aber auf welche Weise es nicht gut gehen kann, werden wir aber erst in der dritten Staffel erfahren.

Screenshot: House of Cards, USA 2014

Screenshot: House of Cards, USA 2014: Frank hat es geschafft

House of Cards: Killerschach als Serie

Wie so viele andere war auch ich sehr auf die zweite Staffel von House of Cards gespannt. Inzwischen habe ich die Hälfte gesehen – obwohl Binge Viewing dank Netflix ja sehr in ist, muss ich sagen, dass ich am vergangenen einfach keine Lust hatte, die ganze Zeit vor der Glotze zu sitzen, obwohl das Wetter eigentlich dazu geeignet gewesen wäre. Aber nach einer langen Arbeitswoche am Schreibtisch muss der nächste Sitzmarathon nun wirklich nicht sein.

Titelbild House of Cards via Wikipedia

Titelbild House of Cards via Wikipedia

Außerdem hat mich der erwartete Sog gar nicht so richtig erwischt – natürlich ist HOC2 auch wieder herrlich fies und gemein, aber irgendwie bin ich nicht so richtig glücklich. Es tritt immer mehr zu Tage, was das Manko dieser Serie ist: Die Figuren entwickeln sich nicht. Deshalb fehlt das entscheidende Etwas, das eine gut gemachte Serie von einer richtig guten Serie unterscheidet. Frank bzw. Francis Underwood ist und bleibt ein abgefeimtes Arschloch, das nun als Vizepräsident mit noch mehr Macht ausgestattet noch perfider agieren kann. Das ist von Anfang an klar und keine Überraschung. Und dass Claire ihren Kinderwunsch den Erfordernissen ihrer neuen Rolle unterordnet ist genauso absehbar – genau wie ihre knallharte Art, andere zu benutzen und abzuservieren – kennt man ja alles aus der ersten Staffel schon.

Insofern ist es, als würde man einem durchaus spannend inszenierten Schachspiel zusehen, in dem die Köpfe der Bauernopfer nur so übers Brett rollen, Türme wanken, Läufer außer Atem kommen und Springer stolpern. Aber auch die raffinierten Spielzüge ändern nichts daran, dass irgendwie das wahre Leben fehlt. Etwas weniger Raffinesse und dafür mehr menschliche Unvollkommenheit hätte den Figuren ganz gut getan. Wobei Francis, Claire und ihre Entourage ja keineswegs perfekte Menschen sind – aber sie bieten keine Überraschungen und man leidet bzw. fiebert entsprechend auch nicht mit. Höchstens ärgert man sich über die Dummheit und Naivität ihrer Gegenspieler, die regelmäßig unter die Räder kommen – und das zum Teil auch ganz wörtlich.

Während man in Breaking Bad dabei sein kann, wie sich der scheinbar leicht vertrottelte Walter White zum knallharten Gangster entwickelt oder miterlebt, wie der Loserjunkie Jesse Pinkmann es tatsächlich schafft, seine Sucht in den Griff zu bekommen und ein zuverlässiger Geschäftspartner im Drogenbusiness zu werden und Skyler White nicht zu vergessen – welche kriminelle Raffinesse sie entwickelt, um an die zur Geldwäsche benötigte Autowaschanlage zu kommen! Das ist ein ganz anderes Kaliber an Drama und Dynamik. Aber ich will nicht undankbar sein und freue mich um so mehr auf die nächste Folge von True Detective.

Klar, den Rest House of Cards werde ich auch noch weggucken, denn schlecht ist die Serie ja nicht. Aber eben auch nicht so dermaßen herausragend, wie zum Teil behauptet wird.