Buster’s Mal Heart: Schicksal ist ein Arschloch

Ein Film, auf den ich lange gewartet habe, ist Buster’s Mal Heart – einer von diesen „kleinen“ US-Indipendet-Filmen, die hierzulande nie ins Kino kommen, auch wenn sie auf zahlreichen Indipentent-Festivals erfolgreich gelaufen sind. Erfreulicherweise erscheint der Film jetzt auf Amazon Video und iTunes – und ich habe keine Kosten und Mühen gescheut, den Film schon einmal vorab zu sichten. Und es gleich vorweg zu nehmen: Ein Publikumsrenner wird dieser Film vermutlich nicht, dazu ist der Plot viel zu verschroben.

Aber – schlecht finde ich ihn wirklich nicht, Buster’s Mal Heart erinnert mich sehr an die eigenartigen Filme von Herbert Achternbusch – es geht um Identität, kosmische Missgeschicke, Liebe, Schicksal, Pflichterfüllung, das Elend mit der Freiheit und der Frage, wie man denn leben soll, wenn man die meiste Zeit damit beschäftigt ist, einen blöden Job machen zu müssen, weshalb man das eigentliche Leben verpasst. Daraus lässt sich schon ein sehenswerter Film stricken – und die Autorin-Regisseurin Sarah Adina Smith macht aus einem vergleichsweise schmalen Budget und wenigen Drehtagen eine ganze Menge.

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Der eine oder die andere wird sich Buster’s Mal Heart ohnehin schon allein deshalb ansehen, weil Mr. Robot mitspielt – der fleißige Rami Malek war zwar schon in einer ganzen Reihe von zum Teil durchaus bekannten Filmen als Nebendarsteller zu sehen, aber hier hat er seine erste Hauptrolle in einem Spielfilm – und er ist auch fast in allen Szenen zu sehen.

Und erstaunlich viel erinnert dann doch an Mr. Robot – der Protagonist Jonah ist nämlich zwei Männer: Zum einen ein mexikanischer Seemann, der nach einem Sturm 1000 Tage in einem winzigen Rettungsboot auf dem Meer treibt, zum anderen ein junger Familienvater, der endlose Nachtschichten in einem Hotel am Arsch der Welt – der sich in diesem Fall in Montana befindet – schiebt, um seine Familie zu ernähren. Die da sind seine junge Frau Marty (Kate Lyn Shell) und ihre niedliche kleine Tochter Roxanne (Sukha Belle Potter).

Marty und Jonah lieben sich, soviel wird klar, und Roxanne ist ein wirklich süßes kleines Kind. Die drei leben bei Martys Eltern, die es mit dem Christentum haben – keine Ahnung, welche der unzähligen Spielarten amerikanischer christlicher Sekten das ist, aber die tatkräftigen Christen haben Marty geholfen, von ihrer Drogensucht wieder loszukommen, und sie haben irgendwie auch Jonah akzeptiert, diesen Latino, den ihre Tochter angeschleppt hat. Über dessen Herkunft erfahren wir nicht viel, außer, dass er Spanisch spricht, was er auch versucht, seiner Tochter beizubringen – was die Schwiegereltern gar nicht so gut finden, das Kind soll doch lieber erstmal richtig Englisch lernen.

Und auch Jonah scheint keine astreine Vergangenheit zu haben – als sein Kollege, der die Tagschicht machen darf, Jonah fragt, wie er denn an diesen Job gekommen sei, wenn er nicht mal einen Highschool-Abschluss habe, antwortet Jonah, dass er dem Chef (der natürlich auch zu dieser christlichen Gemeinde gehört) sein Vorstrafenregister gezeigt hätte.

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Wir erfahren nicht, was Jonah verbrochen hat, aber wir sehen dabei zu, wie er sich redlich bemüht, seinen Job zu machen und gleichzeitig auch noch ein liebender Familienvater zu sein. Und er wie er daran scheitert – mechanisch wie ein Roboter erledigt er seine Arbeit, um dann völlig übermüdet zu Frau und Kind heimzukehren. Jonah träumt von einem ganz anderen Leben, er will ein Stück Land kaufen, ein Haus bauen und dort das eigentliche, richtige Leben verwirklichen, von dem er träumt. Aber Marty holt ihn auf den Boden der Tatsachen zurück: „Du weißt doch überhaupt nicht, wie man ein Haus baut!“

Und es stellt sich im Lauf der Geschichte heraus, dass Jonah auch keine Ahnung davon hat, wie man in der Natur überlebt. Was ihm sein mexikanisches Alter Ego auf See voraus hat – der überlebt, er trinkt seinen eigenen Urin und fängt Fische, auch wenn er Gott verflucht und bittet, ihn jetzt endlich sterben zu lassen, weil man so ja auf Dauer nicht leben kann. Jonah hingegen überlebt, in dem er in luxuriöse Ferienhäuser einbricht, die reiche Leute in den Bergen von Montana haben. So richtig autark ist das nicht, immerhin er genießt den vorübergehenden Luxus sichtlich. In seinem jeweiligen Quartieren dreht er alle Familienbilder auf den Kopf und telefoniert mit Sex- und Radiohotlines, um seine Botschaft zu verkünden: Das Ende der Welt ist nah – also der Welt, die wir so kennen, wie sie ist. Die zweite Inversion steht bevor, bei der sich alles auf den Kopf stellt.

Das entspricht ziemlich genau der Hysterie, die vor der Jahrtausend-Wende grassierte, Y2K, das Jahr-2000-Problem. An das kann ich mit gut erinnern, schließlich war ich damals in meinen sehr frühen Dreißigern. Ich hatte das damals nicht dermaßen ernst genommen, schließlich stamme ich aus einer Generation, die in der Hochzeit des kalten Krieges mit der Angst aufgewachsen ist, dass ihre Welt innerhalb von Minuten von einem Atomkrieg pulverisiert wird.  Davor hatten wir die ganze Zeit Angst, und das war keineswegs unrealistisch. In Deutschland lebten wir schließlich auf dem wahrscheinlichst anzunehmenden Schlachtfeld einer solchen Auseinandersetzung. Da war Y2K ein Klacks gegen. Was ja auch zutraf.

Aber das hat in Buster’s Mal Heart eher eine anekdotische Funktion. Immerhin, die Geschichte spielt in den späten 90ern, also kurz vor Y2K, und während einer dieser quälend endlosen Nachtschichten im Hotel taucht ein rätselhafter Typ (DJ Qualls) auf, der Jonah seinen Namen nicht verraten will, aber behauptet, der letzte freie Mensch der Welt zu sein. Und nebenbei ist er ein Computer-Spezialist. Und als solcher habe er Sachen gesehen – CIA, FBI, Pentagon, da läuft eine ganz, ganz üble Scheiße und die Menschen werden alle verarscht. Immer.

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Jonah saugt die Worte dieses zweifelhaften Propheten auf, sei es, weil ihm einfach sterbenslangweilig ist, sei es, weil er tatsächlich an diesen Scheiß glauben will, weil er sich ein anderes Leben und eine andere Welt wünscht, auch wenn er nicht so richtig kapiert, was eigentlich falsch läuft – Jonah beschäftigt sich mit diesem ganzen Zeug und lässt es sich einleuchten. Und er versucht weiterhin ein guter Mensch zu sein, was sein Chef irgendwann auch honoriert, in dem er Jonah zwar nicht von der ungeliebten Nachtschicht befreit, aber ihm immerhin anbietet, dass seine Frau und Tochter eine Weile in dem ohnehin nicht besonders frequentierten Hotel wohnen können, damit Jonah sie ab und zu auch mal im wachen Zustand sehen kann.

Das ist erst einmal ganz nett – für Marty und Roxanne fühlt es sich wie ein Ferienaufenthalt an und Jonah ist auch ganz happy, die drei vergnügen sich (sittsam!!!) im Hotelpool, Jonah kann zumindest theoretisch endlich Job und Familie unter einen Hut bringen – doch dann taucht dieser Fremde wieder auf. Er sieht ziemlich ramponiert aus, und der gutmütige Jonah gibt ihm unerlaubterweise eine Schlüsselkarte, obwohl der Fremde nach wie vor keine ID vorweisen will. Klar, das hätte Jonah besser nicht getan.

Okay, für diesen Spoiler würden mich meine Kinder auch schon wieder killen, aber die lesen ja meinen Blog nicht. Vermutlich. Für Jonah geht die Sache nicht gut aus, auch wenn er tapfer gegen das Unausweichliche ankämpft und versucht, später selbst als gesuchter Schwerverbrecher und Outlaw noch ein netter Mensch zu sein. Aber das ganze Universum scheint sich gegen ihn verschworen zu haben – letztlich erweist sich seine Existenz als epischer Fehler im kosmischen System: Irgendwo ist irgendetwas kolossal schief gelaufen. Aber weder der verzweifelte, aber doch zäh an seinem Leben hängende Schiffbrüchige auf dem Meer, noch der zum verrückten Buster mutierte Jonah geben auf, sie kämpfen bis zum Schluss – und am Ende gibt es zumindest für einen von ihnen eine versöhnliche Wendung.

Wer auf Filme mit ausgefeilten Plots steht, in denen am Ende immer alles erklärt wird, wird mit diesem Film vermutlich nicht glücklich. Womit ich nicht sagen will, dass dieser Film keinen ausgefeilten Plot hätte – die Geschichte an sich gefällt mir ziemlich gut, allerdings gleicht der Film einem Puzzle, dessen Teile sich der Zuschauer beim Ansehen selbst zusammensetzen muss. Liebhaber von mehrdeutigen, diffusen Geschichten werden hier viel besser bedient – wobei ich das alles gar nicht dermaßen rätselhaft finde. Es gibt eine Menge Andeutungen und Querverweise, der Film verlangt allerdings eine gewisse Aufmerksamkeit. Was mir gefällt ist, dass es keine dieser abgefuckten Hollywoodgeschichten ist, in denen mit viel Ironie und noch mehr Zynismus eine klassische Heldengeschichte auf den Kopf gestellt wird – das ist ja dieses ganze nervige Antihelden-Helden-Kino, das in den aktuellen Blockbustern abgefeiert wird.

Jonah ist einfach ein Mensch, der versucht, das Beste aus einer Situation zu machen, in die man besser nicht geraten will – die man aber doch wieder erkennt: Die allermeisten von uns müssen mit einem Job klar kommen, den sie eigentlich gar nicht machen wollen, aber machen müssen, weil auf allem, was man zum Leben braucht, ein verdammtes Preisschild klebt. Und das ist ja noch die freundliche Variante, die das Arschloch von Schicksal bereit hält – Jonahs Alter Ego auf hoher See würde wahrscheinlich nur zu gern mit Jonah und seinen Nachtschichten tauschen, wenn er nur die Gelegenheit dazu hätte.

Aber dann schlägt diese Bitch von Schicksal Jonah doch wieder dermaßen, dass vielleicht der mexikanische Seemann doch noch besser dran ist – mir fällt da spontan die Geschichte von diesem Rabbi ein, der über Land wanderte und bei einem freundlichen Bauern-Pärchen einkehrte. Die Bauersleute bewirteten ihn gut, aber am nächsten morgen lag ihre beste Kuh tot im Stall. Und als der Bauer fragte, womit er das verdient hätte, wo er doch die Regeln der Gastfreundschaft so vorbildlich eingehalten hätte, gab ihm der Rebbe die Antwort, dass eigentlich beschieden war, dass seine Frau hätte sterben sollen. Aber weil sie so gut zu dem Fremden gewesen waren, hätte es nur die Kuh getroffen. busters-mal-heart-movie-trailer-images-stills-rami-malek4

Diese Geschichte habe ich immer gehasst, genau wie das Buch Hiob und alle diese anderen üblen Geschichten aus der Bibel, in denen es darum geht, wie Gott uns Menschen prüft. Was für ein grausames, zynisches Arschloch. Das Leben ist unendlich beschissen. Aber wir haben nur dieses eine, beschissene Leben, insofern lohnt es sich daran festzuhalten und zu versuchen, auf dieser Erde das Beste draus zu machen. Auch wenn man keine Ahnung hat, wie man das anstellen soll.

Fernsehen ist Steinzeit

Inzwischen ist es schon wieder einen Monat her, da las ich auf moviepilot, dass ausgerechnet die aktuellen qualitativ hochwertigen US-Serien in Deutschland gnadenlos untergehen, wenn sich endlich ein Sender entschließt, sie auszustrahlen. Der Artikel war deshalb launig, aber treffend mit US-Serien in Deutschland – Perlen vor die Säue überschrieben.

Nun ist es ist natürlich ein Unterschied, ob ein Intellektuellen-Sender wie arte auf seinem etablierten Serien-Sendeplatz am Donnerstagabend zuverlässig hochklassige Serien wie Breaking Bad, Borgen, Hatufim, Top of The Lake, The Hour oder Real Humans ausstrahlt, die ein kleines, aber feines Spartenpublikum mit entsprechender Sachkenntnis genießt, schon weil es dabei nicht mit lästiger Werbung behelligt wird, oder ob ein Privatsender wie Sat 1 am Sonntagabend in Konkurrenz zum Tatort versucht, mit einer komplexen Serie wie Homeland ein Publikum zu erreichen, dem weitgehend egal ist, was es sich reinzieht, denn sonst würde es ja die ganzen Werbeunterbrechungen nicht ertragen. Ich gehöre zu den Menschen, die bei einer Werbeunterbrechung einen Nervenzusammenbruch bekommen, sofern sie eine Sendung wirklich sehen wollen – deshalb meide ich Privatsender. Mir würde gar nicht auffallen, wenn die von heute auf morgen ihren Betrieb einstellen würden – außer, dass die lästigen Pseudo-Skandal-Nachrichten über das Dschungelcamp oder DSDS endlich aus Google News verschwänden, was auch kein Verlust wäre.

Schon deshalb warte ich nicht, bis ich Homeland oder was auch immer in Deutschland endlich einmal häppchenweise im Privatfernsehen ansehen darf, sondern besorge mir meinen Stoff anders. Und zwar am Stück und werbefrei. Das ist auch der Punkt, warum das mit den hochkarätigen Serien in Deutschland so nicht funktioniert. Ich kenne eine ganze Menge Leute, die Serien kucken – und zwar die guten. Aber von denen kuckt keiner SAT 1. Nun mag ja sein, dass ich mich durch meine Ausbildung, meinen Job und meine sonstigen Interessen unter Menschen bewege, die nicht unbedingt das deutsche Durchschnittspulblikum repräsentieren. Ich kenne bis auf wenige Ausnahmen eigentlich nur Menschen mit Hochschulabschluss, die in typischen Akademikerberufen tätigt sind. Das heißt nicht, dass alle auch überdurchschnittlich viel Geld hätten – heute muss man ja oft schon einen guten Uniabschluss haben, um irgendeinen Affenjob in irgendeiner Multimedia-Klitsche machen zu dürfen. Aber es sind natürlich Leute, die überdurchschnittlich gut informiert sind, sowohl was die aktuellen Dinge angeht, die gerade in sind, als auch, was die technischen Möglichkeiten angeht. Und das, obwohl ich mich in meinem Bekanntenkreis jetzt in dem Alterssegment zwischen 35 und 60 bewege – ich war ziemlich betroffen über den Tod von Philip Seymour Hoffman, weil das mein Jahrgang ist.

Die meisten sehen nicht mal mehr klassisch fern – das sind ja alles Menschen, die ihren Zeitplan nach ihren Bedürfnissen gestalten, und nicht nach dem aktuellen Fernsehprogramm. Das ist der nächste Punkt. Das Fernsehprogramm in Deutschland ist halt nur gut, wenn man sich mit zusätzlichen Angeboten versorgt, die halt extra kosten. Aber auch hier kenne ich eine ganze Menge Menschen, die dann doch lieber ein paar Fernsehkanäle extra buchen, Angebote wie Entertain nutzen, bestimmte Sachen bei iTunes kaufen, ein Lovefilm oder Watchever-Abo haben und was es inzwischen an Möglichkeiten mehr gibt – niemand ist mehr darauf angewiesen, eine Serie oder einen Film dann anzusehen, wenn sie oder er gnädigerweise von einem deutschen Sender ausgestrahlt wird.

Und wie ich immer wieder feststelle, gibt es auch erstaunlich viele Sachen auf youtube, wenn man sich einfach nur einen Eindruck verschaffen will, ob sich eine weitere Investition lohnt – gerade Dokumentationen gibt es oft in voller Länge oder Originalfassungen weniger bekannter ausländischer Serien – das ganze Zeug, was man hier halt eh nicht verkaufen kann.

Ein anderer Aspekt, der aber in die gleiche Richtung geht, ist die Tatsache, dass man heute, wo man eh das ganze Leben um seinen Job herum planen muss, seine Serie halt ansehen will, wenn man gerade mal Zeit dafür hat. Und wenn es am Wochenende regnet, kann man sich auch mal fünf, sechs oder mehr Teile der aktuellen Lieblingsserie reinziehen, statt von Woche zu Woche auf das nächste Häppchen zu fiebern, das am Ende genau dann gesendet wird, wenn man gerade nicht kann. Diese Zeiten sind vorbei. Die Zukunft gehört Streaming-Diensten wie Netflix, wo man eine Serie einfach am Stück wegglotzen kann, wenn einem danach ist.

Und Netflix hat noch einen anderen großen Vorteil: Weil dieser Dienst weder von Rundfunkgebühren, noch von Werbeeinnahmen, sondern von seinen Abonnenten lebt, gibt Netflix sich große Mühe, diese entsprechend zufriedenzustellen – inzwischen produziert Netflix selbst hochkarätige Serien wie House of Cards, von dem in den nächsten Tagen endlich die zweite Staffel heraus kommt.

Und noch viel besser: Netflix rettet auch alle The-Killing-Fans, die das doch irgendwie unbefriedigende Ende der dritten Staffel zu recht nicht verkraftet haben und entsprechend sauer darüber waren, dass AMC keine vierte Staffel produzieren will. Dank Netflix wird es zumindest eine kurze vierte Staffel geben, um die Geschichte vernünftig zu Ende zu erzählen. Schade, dass es noch keine entsprechenden Rettungspläne für die BBC-Serie The Hour gibt – da wird die dritte Staffel von den Fans ja auch bitter vermisst. Aber was nicht ist, kann vielleicht noch werden.