Ozark: Geldwäsche statt Drogen

Nachdem mich die neueren Netflix-Produktionen nicht mehr dermaßen vom Hocker gerissen haben (Berlin Station läuft zwar auf Netflix, ist aber von Epik), gibt es jetzt doch wieder ein Serienhighlight nach meinem Geschmack: Ozark. Leider war ich in den vergangenen Wochen brotjobtechnisch dermaßen ausgelastet, dass ich nicht dazu gekommen bin, zeitnah zum Erscheinen der Serie etwas zu schreiben, aber das hole ich hiermit nach.

Kurzes Fazit: Echt nicht schlecht. Aber eben auch nicht so nervenzerfetzend gut wie der weiterhin gültige Goldstandard in Sachen Verbrechen und Gesellschaft, Breaking Bad. Doch es wäre natürlich unbezahlbar, jede Serie mit einer dermaßen ausgefeilten Optik und Dramaturgie auszustatten – vor allem, so lange nicht klar ist, ob das Publikum auch mitzieht. Mit aufwendigen Projekten wie Sense8 oder The Get Down, die ich beide ziemlich gut fand, hat Netflix ja leider nicht so die Publikumshits gelandet, weshalb sie kurzerhand abgesägt wurden. Wobei ich mir sicher bin, das beide Projekte durchaus ihr Publikum gefunden haben – und noch finden werden, denn diese Serien sind inhaltlich und handwerklich sehr ambitioniert, weshalb sie als Klassiker ihrer jeweiligen Genres noch lange Zeit sehenswert sein werden, obwohl die Plots zum Teil etwas unausgegoren sind.

Ozark: Wendy (Laura Linney) und Marty (Jason Bateman) Bild: Netflix

OzarkOzark: Wendy (Laura Linney) und Marty (Jason Bateman) Bild: Netflix

Ozark ist im Vergleich dazu einige Nummern kleiner, aber durchaus mit Netflix-Klassiker-Potenzial, denn die Geschichte hat es in sich: Der Vermögensberater Marty Byrde (Jason Bateman) ist offenbar dermaßen gut in seinem Job, dass er, während er in Kundengesprächen eben diese berät, nebenbei noch Pornos schauen kann. Doch schnell stellt sich heraus, dass es sich um etwas ganz anderes handelt: Martys Frau Wendy (Laura Linney) geht fremd, wofür der Marty beauftragte Privatdetektiv gerade den Beweis geliefert hat. Wendy langweilt sich offenbar als Hausfrau und Mutter von zwei Teenager-Kindern – wobei sie selbstverständlich eine gute Mutter ist. Aber eben nicht ausgelastet, denn Marty arbeitet zu viel. Aber wie soll man sich sonst auch ein nettes Haus in einem angenehmen Vorort von Chicago und die Privatschulen für die Kinder leisten.

Marty und Wendy spielen abends vor den Kindern heile Familie, aber dann taucht jeder in seine Welt ab – oder vor seinen Bildschirm. Immerhin fragen sich die beiden gegenseitig noch, ob der jeweils andere das, was auf dem großen Bildschirm gerade läuft, noch weiter sehen will. Doch alle sind mit ihren eigenen kleinen Bildschirmen beschäftigt.

Genau dieses scheinbar friedliche, aber ach so öde Familienleben wird auf den Kopf gestellt, weil die Mafia unzufrieden mit den Geschäften von Martys Partner Bruce ist, der offenbar Geld für ein mexikanisches Drogenkartell gewaschen und bei der Gelegenheit für sich selbst ein paar Millionen abgezweigt hat. Der mexikanische Boss Del (Esai Morales) versteht keinen Spaß (das weiß man ja spätestens seit Breaking Bad) und tötet erst die Geliebte von Bruce und dann Bruce selbst. Marty kann sich nur retten, in dem er Del ein absurdes Geschäft anbietet: Er wird für ihn noch viel mehr Geld waschen, weil er da eine geniale Idee hat: Die Ozarks.

Genau davon hatte ihm Bruce vor wenigen Stunden noch erzählt: Eine durch Staudämme erschaffene Seenlandschaft in Missouri, eigentlich voll das Hinterwäldlergebiet, aber wegen der vielen attraktiven Seegrundstücke und unendlicher Möglichkeiten für Angler und Jäger im Sommer ein Touristenhotspot – so eine Art uramerikanisches Naherholungsgebiet. Weil Marty ein begnadeter Verkäufer ist, gibt Del ihm tatsächlich eine Chance. Aber nur, wenn er innerhalb von 48 Stunden die acht Millionen Dollar beschafft, die Bruce abgezweigt hat.

Und jetzt geht es erst richtig los – die Beschaffung von acht Millionen Dollar Bargeld stellt auch einen ausgebufften Vermögensberater vor erhebliche Probleme – aber Marty schafft es immerhin, sieben Millionen und ein paar zerquetschte aufzutreiben. Dumm nur, dass ihm dann seine Frau und ihr Lover in die Quere kommen. Aber Del regelt auch das – es handelt sich schließlich um SEIN Geld. Es gibt also im ersten Teil schon reichlich Leichen.

Damit hatte Ozark mich allerdings am Haken – der Feind vom meinen Feind ist mein, naja, vielleicht nicht Freund, aber doch ein Alliierter. Das versprach interessant und kompliziert zu werden. Und so kam es auch – Marty ist der beschissenste Familienvater seit Walter White, aber genau das spricht ja auch für ihn: Er will seine Familie wirklich retten – gerade weil ihm bewusst ist, dass er daran schuld ist, dass nun alles den Bach herunter geht. Denn die Flucht in die Ozarks gelingt zwar, aber die Hinterwälder dort sind gar nicht so doof, wie Marty sie bräuchte.

Diese misstrauischen weißen Verlierer kapieren sehr wohl, wenn man ihnen ein Geschäft aufschwatzen will, in dem sie niemals die Gewinner sein können. Denn sie wissen, dass an allem, was Marty ihnen verspricht, ein Haken sein muss: Kein Mensch würde Geld investieren, damit es ihnen gut geht, da sind sie zu zu recht skeptisch. Und krumme Geschäfte, die machen sie alle schon selbst, da brauchen sie keinen Schlipsträger aus Chicago, der bei ihnen Geld waschen will.

Insofern fährt Marty mit seinem Plan erstmal grandios vor die Wand – immerhin gibt es noch vier Wände, weil die untreue Wendy sich als geschickte Verhandlerin entpuppt, ihr gelingt es, mit wenig Geld ein brauchbares Familiendomizil aufzutreiben: Ein ganz hübsches 70er-Jahre-Haus mit Seeblick und Bootsschuppen. Total billig, weil der Eigenümer, der schwer krank ist, noch lebenslanges Wohnrecht verlangt, er hat noch ein Jahr, Maximal 18 Monate. Er zieht auch bescheiden in die Kellerwohnung. Da verzeiht man ihm auch, dass er gern nackt im See baden geht (eh erstaunlich, dass die Amis damit so ein Problem haben…).

Natürlich ist auch der Nachwuchs mit der Situation nicht glücklich – beide Kinder entwickeln ein ärgerliches Eigenleben und dann sind da auch noch die Kinder der Einheimischen, die nicht weniger kriminell sind als ihre Eltern. Insbesondere die für ihre 18 Jahre erstaunlich abgebrühte Ruth Langmore (Julia Garner), deren Vater im Knast sitzt, sie aber für den intelligentesten Menschen weit und breit hält – was weitgehend zutrifft. Und so kommt das bewährte Rezept zum Tragen, dass Marty mit jeder vermeintlichen Lösung eines Problems ein noch viel größeres schafft – zum Glück haben die anderen aber auch Probleme und sind nicht besonders gut darin, sie nachhaltig zu lösen. Insofern ist Ozark dann doch eine ziemlich gute Serie, auch wenn sie an Hochqualitätsproduktionen aus den Häusern HBO oder AMC nicht herankommt.

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Disconnect: Die dunklen Seiten des Internet

Das Internet ist nicht nur wahnsinnig praktisch und mittlerweile allgegenwärtig, sondern auch ein sehr gefährliches Ding, dessen Tentakel weit ins reale Leben reichen – und Disconnect ist ein ziemlich guter Film darüber. In mehreren locker verwobenen Handlungssträngen erzählt der Dokumentarfilmer Henry Alex Rubin seinen ersten Spielfilm, der durch Rubins nüchterne Erzählweise beklemmend realistisch daher kommt: Es geht um Minderjährige, die Internetnutzer per Webcam zum Sex und vor allem zum Geldausgeben verführen, um Cybermobbing, Identitätsdiebstahl und nicht zuletzt um die Schwierigkeit, die virtuelle und die echte Welt da draußen auseinander zu halten.

Die Fernsehjournalistin Nina Dunham (Andrea Riseborough) recherchiert im dunkelgrauen Bereich zwischen Cyberporno, Bezahlsex und Kindesmissbrauch – sie nimmt Kontakt mit dem noch minderjährigen Callboy Kyle (Max Thieriot) auf – sie wird daraus eine brisante Geschichte über Porno-Chatrooms stricken, mit der sie groß rauskommt. Aber als sie Kyle wie versprochen aus dieser Szene heraus holen will, wirft der Junge ihr nicht zu unrecht vor, dass sie diejenige sei, die ihn missbrauchen würde, und nicht der windige Chef des Pornohauses, in dem Kyle mit anderen Jugendlichen lebt, die sein Boss von der Straße geholt hat.

Screenshot Disconnect, USA 2013

Screenshot Disconnect, USA 2013 – Kyle (Max Thieriot)

Gleichzeitig wird der 15jährige Ben (Jonah Bobo) von zwei Mitschülern gemobbt – die beiden finden es witzig, dem introvertierten Musikfreak im Chat ein verliebtes Mädchen vorzugaukeln. Ben freut sich, dass es jemanden gibt, dem seine Musik gefällt, er beginnt mit „Jessica“ zu chatten und verliebt sich in seine virtuelle Chatpartnerin. Als sie Ben ein angebliches Nacktfoto von sich schickt, revanchiert er sich mit einem echten Nacktfoto von sich selbst – damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf.

Und natürlich kapiert Bens Vater – ein Anwalt (Jason Bateman), der sein Smartphone auch während der Mahlzeiten nicht aus der Hand legt, erst als es zu spät ist, dass er nichts über seinen Sohn weiß. Immerhin versucht er das nachzuholen, in dem er mit der Chatfreundin seines Sohnes Kontakt aufnimmt – und bekommt nach und nach heraus, was es mit dieser Freundin auf sich hat. Denn einer der Jungs hat ein schlechtes Gewissen und verrät sich – der Chat zwischen dem Vater und einem der Täter, der seinen Sohn in den Selbstmord getrieben hat, gehört für mich zu den stärksten Szenen im Film.

Screenshot Disconnect, USA 2013

Screenshot Disconnect, USA 2013 – Nina Dunham (Andrea Riseborough)

Im Chatroom beginnt auch der Alptraum der Hulls – Cindy (Paula Patton) und Derek (Alexander Skarsgård) haben ein Kind verloren. Während der Ex-Marine Derek sich in seine Arbeit vergräbt und im virtuellen Pokersalon das eine oder andere Spiel verliert, sucht und findet Cindy Trost in einem Selbsthilfeforum. Erst als die Konten leer sind und die Kreditkarten nicht mehr funktionieren, reden die beiden wieder miteinander und engagieren den Privatdetektiv Mike Dixon (Frank Grillo), der auf Computerkriminalität spezialisiert ist. Der wiederum ist alleinerziehender Vater von Jason, einem der beiden Cybermobber, die Ben auf dem Gewissen haben – auch Mike wird also noch Dinge heraus finden müssen, von denen er lieber nichts gewusst hätte.

Screenhot Disconnect, USA 2013 Nina Dunham (Andrea Riseborough)

Screenhot Disconnect, USA 2013 – Nina Dunham (Andrea Riseborough)

Erst ermittelt er allerdings, das der mitfühlende Chatter, dem sich Cindy im Onlineforum anvertraut hat, vermutlich der Datendieb ist. Derek beschließt, sich selbst um diesen Stephen Schumacher (Michael Nyqvist) zu kümmern, weil die Polizei ja eh nichts tut. Gemeinsam mit Cindy späht er Schumacher aus, um Rache zu nehmen – ganz nach alter Schule, in dem er ihm an den Arbeitsplatz folgt und in sein Haus einbricht. Aber am Ende entpuppt sich auch Schumacher als Opfer von Cyberkriminellen.

Man kann dem Film durchaus mangelnde Raffinesse des Plots und Vorhersehbarkeit der Handlung vorwerfen, denn es ist im Grunde bei allen Geschichten klar, worauf sie hinauslaufen – wobei ich das gerade gut finde. Denn es handelt sich nicht um einen klassischen Thriller, sondern um ein nachvollziehbar konstruiertes Psychodrama, das seine Spannung eher aus dem Offensichtlichen bezieht: Dass den meisten Menschen einfach nicht klar ist, dass man es im Internet eben nicht mit dem wahren Leben und realen Menschen, sondern mit virtuellen Identitäten zu tun hat, die vor allem die eigenen Erwartungen spiegeln – man weiß aber nie, wer oder was wirklich dahinter steckt. Und genau wegen dieser Erwartungen und der mangelnden Übereinstimmung mit der Realität schlägt man dann im wahren Leben so hart auf dem Boden der Tatsachen auf.

Screenhot Disconnect, USA 2013  Kyle (Max Thieriot)

Screenhot Disconnect, USA 2013 – Kyle (Max Thieriot)

Natürlich kann man auch im wahren Leben auf Trickbetrüger und Hochstapler hereinfallen – aber im Internet haben diese es sehr viel leichter, schon weil viele Menschen ja ganz wild darauf sind, die ganze Onlinewelt mit jeder Menge Information über sich selbst zu fluten. Insofern ist Disconnect durchaus die Aufforderung, sich mehr um die Kommunikation mit seinen realen Mitmenschen zu kümmern, als sich in virtuellen Welten herumzutreiben, in deren dunklen Ecken allerlei Gefahren lauern – allerdings bleibt die Moralkeule in der Schublade, was ich auch gut finde. Die Schuldfrage wird weder gestellt, noch beantwortet – es werden einfach Geschichten erzählt, die aus dem Leben bzw. aus dem Internet gegriffen sind.

Screenhot Disconnect, USA 2013 Nina Dunham (Andrea Riseborough)

Screenhot Disconnect, USA 2013 – Nina Dunham (Andrea Riseborough)

Es lohnt sich auf jeden Fall, sich diesen Film anzusehen, denn auch wenn man durch den NSA-Skandal und allerlei Datenschutzpannen bei sozialen Netzwerken und Online-Händlern theoretisch weiß, dass es im Internet keine Privatsphäre gibt, wird einem erst beim Ansehen solcher Geschichten wirklich klar, dass es wirklich jeden treffen kann. Dazu kommt, dass hier eine ganze Reihe wirklich guter Schauspieler aufgeboten werden, die ihre Rollen sehr glaubwürdig ausfüllen – mich als Skandinavien-Fan hat natürlich gefreut, dass auch in dieser US-Produktion mit Alexander Skarsgård und Michael Nyqvist eine ordentliche Schwedenquote erreicht wird.