La La Land – Herzschmerz, aber richtig

„Nee, das sind ja mehr als zwei Stunden Zeitverschwendung“, erklärte mein Freund kategorisch, „den Film musst du dir allein ansehen!“ Was ich dann auch tat – und wie ich erwartet hatte, sind die 128 Minuten La La Land kein bisschen Zeitverschwendung. Das schreibe ich, obwohl ich kein großer Fan von Musical-Filmen bin und sonst auch nicht viel für romantische Komödien übrig habe. La La Land ist auch eher eine nostalgische Satire auf RomComs, Musicals und die Traumfabrik von Hollywood – genau das ist der Witz daran.

Schon die Anfangssequenz macht klar, dass es hier um ganz großes Kino geht: Es gibt einen der notorischen Dauerstaus, mit denen sich die dynamische Individualverkehrsgesellschaft ad absurdum führt: Die Bewohner von Los Angeles stehen mit ihren Autos pro Jahr im Durchschnitt 81 Stunden im Stau und halten damit den US-Rekord – was in La La Land dazu genutzt wird, um eine epische Tanznummer daraus zu machen: Nachdem eine Autofahrerin einfach singend aus ihrem durch den endlosen Stau auf dem Highway nutzlosen Gefährt aussteigt und über Autobahn und Fahrzeuge tanzt, gibt es kein Halten mehr und nach und nach machen alle mit, inklusive einer Band, die zuvor in einem Lastwagen verborgen war. Das alles ist zwar völlig sinnfrei, macht aber Spaß und ist die perfekte Einstimmung auf alles, was folgt.

La La Land: Emma Stone und Rain Gosling

La La Land: Emma Stone und Rain Gosling

Eine dermaßen übertriebene Hollywood-Tanznummer macht klar, dass der Film von hinten bis vorn nicht ernst gemeint sein kann – wir sind hier eher in der Kategorie von Hail Caesar (in dem es eine wahnsinnig gute Tanzszene mit Channing Tatum als Matrose gibt), nur ohne George Clooney, Sandalen, die Coens und verschrobene Kommunisten. Dafür aber mit Ryan Gosling und Emma Stone, die auf dem Weg sind, ein echtes Hollywood-Traumpaar zu werden, vielleicht nicht wie Ginger Rogers und Fred Astaire, obwohl sie hier auch tanzen, eher cool und launisch wie Lauren Bacall und Humphrey Bogart. Jedenfalls wäre das meine Präferenz.

Mia (Stone) und Sebastian (Gosling) sind eben keine hoffnungslosen Träumer, wie ich in einer anderen Kritik las, die gern zitiert wird, sondern im Gegenteil ziemlich illusionslose Realisten – Mia ist eine ziemlich begabte, aber total unbekannte Schauspielerin, die leider auch niemanden kennt, der  ihr irgendwo eine entscheidende erste Rolle verschaffen könnte, Sebastian ist ein sehr guter Jazz-Pianist, der was Jazz betrifft, einen sehr expliziten Musikgeschmack hat, mit dem er bei seinem derzeitigen Arbeitgeber einfach nicht landen kann. Die beiden tun trotzdem, was sie tun müssen: Zu jedem blöden Vorsprechen bzw. Vorspielen gehen, in der Hoffnung, doch einen Fuß in die Tür zu kriegen und ansonsten gehen sie ihren öden Brotjobs nach, denn Geld verdienen muss man ja, gerade in Los Angeles. Dem La La Land, in dem Träume wahr werden – wenn auch nur die Träume der wenigen, die es schaffen, ihre persönlichen Traum zu leben. Und auch das geht nicht immer gut aus.

Die beiden laufen sich immer wieder mal über den Weg – aber wie in jedem guten Skript braucht es auch in La La Land Missverständnisse, Konfusion, Probleme. Und natürlich eine vernünftige Struktur, die sich hier an die Jahreszeiten hält, beginnend mit Winter. Und wie das so ist: Im Frühling schmilzt das Eis, im Sommer ist das Leben leicht und schön, im Herbst beginnen erneut die Schwierigkeiten und nun ja, es wird wieder Winter, was dann quasi der Epilog ist.

Aber zum Anfang zurück: Mia bedient in der Betriebskantine von Warner Bros, und hat damit all das, was wofür sie leben will, schmerzhaft dicht vor der Nase, nur dass sie eben unsichtbar ist und nicht dazu gehört. Sebastian, der Bud Powell und Thelonious Monk verehrt, muss Weihnachtslieder für ein gelangweiltes Publikum spielen und sich später als Keyboarder in einer Coverband, die auf Parties spielt, durchschlagen. So trifft er auch Mia wieder, die natürlich auch überall hin geht, wo sie möglicherweise jemanden trifft, der hilfreich sein kann. Aber es läuft an dem Tag für beide nicht gut – auf der Suche nach ihren Autos, die irgendwo geparkt sein müssen, treffen sie sich wieder, passend zum Sonnenuntergang. Und das führt ebenfalls zu einer tollen Tanzszene – Mia hat ihre Stepdance-Schuhe in der Handtasche dabei, was auch ein netter Gag ist – und dann gibt es einen minutenlangen Take ohne Schnitt, das ist einfach klasse. Doch, eigentlich mag ich Tanzfilme. Sie müssen nur gut sein.

Und wie das dann so kommen muss: Mia und Sebastian werden ein Paar und bestärken sich gegenseitig, ihre jeweiligen Projekte voran zu treiben – natürlich verstehen sie einander: Sie wollen einfach das tun, in dem sie gut sind. Obwohl Mia anfangs damit kokettiert, dass sie Jazz hassen würde, mag sie doch die Musik, die Sebastian spielt und redet ihm zu, seinen Traum vom eigenen Jazzclub zu verwirklichen, sie entwirft sogar ein Logo dafür.

Sebastian wiederum erklärt Mia, dass sie nicht länger für blöde Rollen vorsprechen solle, sondern sich besser selbst eine gute Rolle auf den Leib schreiben solle – wie wäre es mit einem eigenen Theaterstück? Verrückt – aber warum eigentlich nicht? Mia beginnt, ein eigenes Stück zu schreiben. (Und nebenbei, Brit Marling zum Beispiel fährt ganz gut mit dieser Strategie, nur schreibt sie Drehbücher und nicht Stücke) Doch wie das so ist – neben der Beziehung gibt es jede Menge Verpflichtungen und in unserer Konkurrenzgesellschaft ist es schwer, beides unter einen Hut zubekommen.

Und so kommt es, wie es kommen muss – Sebastian bekommt das Angebot, in einer Cross-Over-Jazz-Band, die eigentlich Musik macht, die er gar nicht so gut findet, Karriere zu machen – aber eben mit dem Preis, dass er dann die nächsten Jahre mit eben dieser Band auf Tour ist. Mia hingegen schreibt ihr eigenes Stück, produziert es selbst und spielt die einzige Rolle – aber geht damit wirtschaftlich unter.

Aber Ironie des Schicksals – eine Produzentin, die Sebastian kennt, hat Mias Stück gesehen und ist begeistert – auch wenn sonst kaum jemand es gesehen hat. Sebastian kann Mia, die aufgeben will und zu ihren Eltern nach Boulder City, Nevada, zurückgezogen ist, überzeugen, zu einem weiteren Vorsprechen zu gehen. Natürlich wird das ihr Durchbruch – auch wenn sie jetzt erst einmal nach Paris gehen muss. Und Mia macht Sebastian klar, dass dieses Projekt, bei dem er gerade mit macht, doch nicht das ist, was er eigentlich wollte. Aber sie verlieren sich aus den Augen – sie sind zu sehr damit beschäftigt, ihre jeweiligen Karrieren voranzutreiben. Wie das Leben so spielt.

Fünf Jahre später ist Mia eine anerkannte und etablierte Schauspielerin – mit ihrem Ehemann und der kleinen Tochter macht sie einen Abstecher nach Los Angeles. Und wie so oft, stehen sie im Stau – Mia ist dafür, dass sie einfach abbiegen und etwas anderes tun. Sie landen in einem Jazz-Club, in dem Mia das Seb’s-Logo erkennt, das sie für Sebastian entworfen hat. Und tatsächlich, später kommt Sebastian auf die Bühne und spielt – er hat also auch seinen Traum verwirklicht.

Die beiden erkennen einander – und im Schnelldurchlauf gibt es den Film, der ihr beider Leben hätte sein können, wenn nur, ach wenn –

Doch, genau das ist großes Kino. Das Spiel mit den Möglichkeiten, aber jeder weiß, dass das Leben nicht so ist. Und auch der Film weiß das bzw. seine Macher. Und auch wenn man seinen Traum lebt, ist das Leben eben Leben und kein Traum. Mit allen Härten und Konsequenzen. Es kommt eben immer anders. Selbst, wenn das, was man erwartet hat, entgegen aller Wahrscheinlichkeit eintritt. La La Land ist kein Film für Träumer. Es ist ein Film für alle, die Filme übers Filmemachen lieben. Die mit kitschiger Ironie klar kommen, nicht gegen Jazz und Musical allergisch sind und zwei Stunden und acht Minuten Zeit haben. Für die kann La La Land ein Riesenspaß sein. Obwohl, die sieben Golden Globes, die La La Land kürzlich abgesahnt hat – das war wohl eher eine Verzweiflungstat, wenn auch eine nachvollziehbare. Mir gehen ja selbst die ganzen Superheldenmovies und Thriller auf die Nerven. La La Land ist halt mal wieder was anders.

Aber sieben Golden Globes?! Total Übertrieben. Aber Jimmy Fallon’s Cold Open für die Golden Globes versteht eigentlich nur, wenn man den Anfang von La La Land gesehen hat.

Treme – Überleben mit Musik

In meinem Blog ist die Rubrik Verbrechen eindeutig überrepräsentiert – was daran liegt, dass ich nun einmal am liebsten Krimiserien anschaue. Es gibt aber natürlich auch einige Drama-Serien, die sehr, sehr gut sind – und eine meiner absoluten Lieblingsserien in diesem Bereich ist Treme.

Tremé ist ein altes Viertel von New Orleans – und insofern ist die Sache selbsterklärend: Die Serie handelt von Bewohnern dieser Nachbarschaft. Die Handlung setzt drei Monate nach der Zerstörung der Stadt durch den Hurrikan Katrina im Jahr 2005 ein und begleitet die Menschen, die versuchen, inmitten der Verwüstung wieder Fuß zu fassen bzw. sich ein neues Leben aufzubauen.

Treme (via hbo.com)

Treme (via hbo.com)

Natürlich geht es auch um das besondere Lebensgefühl in New Orleans – einer eben nicht typisch US-amerikanischen Stadt, sondern einer, in der sowohl die europäischen, als auch die afrikanischen Wurzeln ihrer Kultur noch deutlich zu erkennen sind. Viele der Bewohner haben französische Namen, sehr viele sind schwarz, viele sind Musiker, oder Menschen, die sich für Musik interessieren, und gutes Essen spielt auch eine Rolle. Außerdem kann man in New Orleans auch schon zum zweiten Frühstück etwas Alkoholisches trinken, ohne dass man allzugroßes Aufsehen erregt.

Aber natürlich geht es in Treme nicht in erster Linie um das gute Leben. Es geht um den Überlebenskampf von Menschen, die alles oder zumindest vieles verloren haben, es geht um die Frage, ob man bleibt oder geht, aufgibt oder kämpft – und zu kämpfen haben die Menschen nicht nur mit dem Verlust von geliebten Menschen und ihren Häusern. Es geht in der Serie auch um die Korruption in den Behörden, wodurch ein großer Teil der Hilfsgelder für den Wiederaufbau der Stadt in dunklen Kanälen versickert und um die Ungerechtigkeiten in der Strafjustiz – was durch die Ereignisse in Ferguson und anderswo derzeit neue Brisanz erhält.

Treme: Antoine Bastite

Treme: Antoine Bastite (Wendell Pierce)

HBO gab die Serie 2008 in Auftrag, Showrunner und Produzent war David Simons, der auch für The Corner, The Wire und Generation Kill verantwortlich ist. So war der aus The Wire bekannte Wendell Pierce der erste Schauspieler, der eine Rolle in Treme eine Rolle bekam. Pierce spielt den Posaunisten Antoine Batiste, sein The-Wire-Kollege Clarke Peters spielt Big Chief Lambreaux, den Häuptling eines Stammes von Mardi-Gras-Indians, der Vater des in der Szene bekannten Jazz-Trompeters Delmond Lambreaux ist.

Delmond (Rob Brown) hat sich eigentlich in New York eingerichtet und kommt eher widerwillig nach Hause, um seinem Vater zu helfen. Big Chief Lambreaux baut eigenhändig sein Haus wieder auf und verwendet ansonsten jede Minute darauf, ein neues Kostüm zu nähen – zu jedem Mardi Gras verlangt die Tradition eine aufwendige Ausstattung der Stammesfürsten mit viel Perlenstickerei und reichlich Federn. Delmond kann darüber nur den Kopf schütteln – bis er begreift, dass für seinen Vater ein tieferer Sinn darin liegt.

Treme: Big Chief Lambreaux in Aktion.

Treme: Big Chief Lambreaux (Clarke Peters) in Aktion.

Dann gibt es die Familie Bernette, bestehend aus dem Englisch-Professor Creighton Bernette (John Goodman), der sich mit Unterstützung seiner Tochter Sofia (India Ennenga) auf der neuen Plattform Youtube austobt, wo er in Videobeträgen die Zustände in seiner Stadt anprangert, seiner Frau Toni Bernette (Melissa Leo), die als engagierte Anwältin für die benachteiligten Bürger der Stadt kämpft und damit nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Tochter gefährdet. Und dann gibt es Sofia selbst, die sich einerseits sehr mit den News-Orleans-Traditionen identifiziert, die sie von ihren Eltern lernt, andererseits schwer daran zu tragen hat. Creighton hat feierlich geschworen, die Stadt niemals zu verlassen und arbeitet an einem Buch über die große Flut von 1927 – das nun nach Katrina gewiss Chancen auf dem Markt hätte. Wenn er es nur fertig bekäme.

Außerdem gibt es den erfolglosen weißen Musiker und Radiomoderator Davis MacAlary (Steve Zahn), der ebenfalls aus einer alteingesessenen Familie stammt, der wiederum mit der Köchin Janette Desautel (Kim Dickens) befreundet ist. Janette lebt für die gute und besondere Küche ihrer Stadt, hat aber große Probleme, ihr kleines Restaurant am Laufen zu halten. Womit es ihr kaum anders ergeht als der Exfrau von Antoine LaDonna Batiste-Williams (Khandi Alexander) , die eine Bar besitzt und sie unbedingt weiter betreiben will, obwohl sie nun mit einem Zahnarzt verheiratet ist, der sie zu überzeugen versucht, in Baton Rouge ein neues Leben anzufangen. Aber LaDonna kann sich nicht vorstellen, wo anders als in New Orleans zu leben. Außerdem sucht sie nach ihrem vermissten Bruder.

Durch die Stadt streunen auch das Musiker-Pärchen Sonny (Michael Huisman) und Annie (Lucia Micarelli). Annie hat Sonny aus Amsterdam mitgebracht, nachdem sie ihn dort beim Trampen kennenlernte. Sonny spielt Klavier, Annie Geige, die beiden halten sich mit Straßenmusik über Wasser und halten nach der großen Chance Ausschau. Während sich die begabte Annie für Cajun-Musik interessiert und hier auch erste Erfolge feiern kann, hat Sonny Drogenprobleme und wird schließlich von einem Freund gerettet, der ihm einen Job auf einem Krabbenkutter verschafft.

Treme: Sonny und Annie.

Treme: Sonny (Michiel Huismann) und Annie (Lucia Micarelli).


Und schließlich gibt es noch Lieutenant Terry Colson (David Morse), einen Polizisten, der auf seine Weise versucht, nicht nur auf den Straßen, sondern auch im korrupten Polizei-Apparat Ordnung zu schaffen, was ihm natürlich keine Freunde, sondern jede Menge Ärger einbringt. Trotzdem lässt er sich nicht unterkriegen und unterstützt auch immer wieder Toni Bernette bei ihrer Arbeit.

Es gibt drei Staffeln mit 11 bzw. 10 Teilen, die vierte und finale Staffel hat nur noch fünf Teile – was ich sehr schade fand, weil man doch sehr merkt, dass es hier in erster Linie darum geht, die vielen angefangenen Geschichten aus den Staffeln davor noch irgendwie halbwegs vernünftig zu Ende zu bringen – dadurch fehlt der Drive aus den Staffeln davor, in denen sehr viel mehr passiert.

Eine tragende Rolle spielt die Musik – auch wenn der typische New-Orleans-Jazz ist gewiss nicht jedermanns Sache ist. Mir hat aber sehr gut gefallen, dass die Macher der Serie sich getraut haben, der Musik so viel Raum zu geben – das fängt mit der ersten Second Line an, für die sich die Musiker drei Monate nach der großen Katastrophe im Treme zusammenfinden und geht vielen weiteren weiter – dazwischen gibt es Proben, große und kleine Gigs, Straßenmusik, Konzerte, Paraden, es treten eine ganze Reihe echter Musiker auf, etwa Elvis Costello, Allen Toussaint oder Dr. John.

Treme: Nach der Second Line - LaDonna und Toni

Treme: Nach der Second Line – LaDonna (Khandi Alexander) und Toni (Melissa Leo)

Andererseits ist durchaus noch eine Menge von The Wire spürbar – und in The Wire geht es ja auch nicht nur um Verbrechen, sondern auch um die Gründe dafür. Und auch wenn Treme ganz ausdrücklich keine Krimi-Serie ist, sondern ein mit viel Musik unterlegtes Sozialdrama, so dringen Verbrechen und Gewalt immer wieder in die Handlung ein – New Orleans ist nun einmal kein friedlicher Ort, sondern eine kaputte Stadt mit enormen Problemen, sehr viel Armut und sehr viel Kriminalität. Aber gleichzeitig leben die Leute hier sehr eng zusammen, man kennt sich, man hilft einander.

Treme besticht nicht durch Spannung und einen raffiniert gestrickten Plot – auch wenn es durchaus überraschende Wendungen gibt, sondern eher durch das Gegenteil: Die Serie fließt ruhig und mächtig wie der Mississippi durch die Stadt – man kann sich einfach treiben lassen und sich das Leben der Menschen dort ansehen.

Kommissar Winter: Feinsinniger Snob auf Verbrecherjagd

Ein echter Geheimtipp ist Sachen Schweden-Krimi ist meiner Ansicht nach Kommissar Winter. Nein – das hat nichts mit meinem eigenen Nachnamen zu tun, das ist selbstverständlich reiner Zufall. Der Erfinder von Erik Winter, der Journalist und Autor Åke Edwardson, gehört in seiner Heimat Schweden neben Henning Mankell, Stieg Larson, Liza Marklund, Arne Dahl oder Jens Lapidus zu den erfolgreichsten Krimi-Autoren. Wie ich finde, auch völlig zu recht – literarisch gefällt er mir nach Sjöwall/Wahlöö am besten – ja, auch besser als Mankell. Wobei die Bücher von Mankell durchaus zu den besseren der Krimi-Literatur gehören, die diese Bezeichnung verdient. Aber mir geht der Weltschmerz des Kurt Wallander gelegentlich schon auf die Nerven, und auch, dass Mankell bei der Plot-Konstruktion und auch actiontechnisch manchmal doch sehr dick aufträgt. Noch mehr auf die Nerven geht mir allerdings, dass gefühlt jeder zweite in Deutschland ausgestrahlte Schweden-Krimi ein Wallander ist – inzwischen dürften sämtliche Mankell-Krimis mindestens drei Mal verfilmt worden sein und wenn in den Öffentlich-Rechtlichen gerade die Tatort-Wiederholungen durch sind, wiederholt man halt Wallander.

Aber nun zurück zu Kommissar Winter. Meine Recherchen haben ergeben, dass die ersten sechs Bücher bereits in zwei Staffeln für das schwedische Fernsehen verfilmt wurden, aber die Filme bisher nicht nach Deutschland vorgedrungen sind. Die Verfilmungen der darauf folgenden vier Bücher der Kommissar-Winter-Reihe mit Magnus Krepper als Erik Winter wurden auf arte ausgestrahlt – daher kenne ich sie. Und weil sie mir gefallen haben, musste ich mir dann auch sämtliche Bücher bestellen – was sich beim Lesen als absolut lohnende Investition herausgestellt hat.

Screenshot Kommissar Winter

Screenshot Kommissar Winter

Edwardson ist dezenter als Mankell – er geht mehr in die Details. Und er investiert viel Zeit in die Zeichnung seiner Charaktere – die Geschichten dümpeln immer wieder vor sich hin, wenn Erik Winter darüber sinniert, wie er gerne leben würde – oder wie man eigentlich leben sollte. Oder wie der oder diejenige lieber hätte leben wollen oder sollen, um die gerade seine Gedanken kreisen, weil er einen Fall zu lösen hat. Ich kann verstehen, dass gerade Liebhabern der sonst üblichen Krimis (Action!) das auf die Nerven gehen kann – aber für mich macht gerade das den Reiz an den Kommissar-Winter-Büchern aus. Edwardson benutzt viele Metaphern, auch Bilder, die auf den ersten Blick nicht ganz zusammen passen, aber genau deshalb um so präziser ausdrücken, was seine Figuren fühlen und denken – Erik Winter ist ein sehr intuitiver Mensch. Er kann sich in andere Menschen einfühlen – diese Fähigkeit hilft ihm oft weiter als die rein rationale Analyse von Fakten. Die überlässt er den Kollegen von der Spurensicherung. Genau wie der Autor selbst ist sein Kommissar Winter ein Meister der freien Assoziation. Gerade, wenn man mit herkömmlichen Mitteln nicht mehr weiter kommt, legt Winter eine Jazz-CD auf und lässt seinen Gedanken freien Lauf – und siehe da, plötzlich bekommt alles einen Sinn, wenn auch oft einen ganz anderen.

Screenshot Kommissar Winter

Screenshot Kommissar Winter: Rotes Meer – der Tatort

Anders als in vielen Kritiken beschrieben, die ganz offensichtlich von Autoren verfasst wurden, die weder die Bücher gelesen, noch die Filme wirklich gesehen hatten, ist Erik Winter eben kein ungewaschener Einzelgänger, der überaus brutale Fälle im Alleingang löst, sondern ein sehr zivilisierter, überaus sozialer Snob, der nicht nur mit seinen Leuten von der Göteburger Kripo (nein, nicht Stockholm, wie gelegentlich zu lesen ist) ein gutes, meist freundschaftliches Verhältnis pflegt, sondern auch internationale Freundschaften unterhält, etwa mit seinem schottisch-stämmigen Londoner Kollegen Steve MacDonald, der in den Romanen immer wieder auftaucht. Denn Erik Winter kennt sich gut aus in London – schon weil er sich seine Schuhe dort anfertigen lässt. Er spricht perfekt Englisch, trägt gern teure Anzüge und kann den Jahrgang eines guten Whiskys am Geschmack erkennen. Und er raucht Zigarillos – was mit der Zeit zum echten Problem wird, weil es seine Sorte irgendwann in Schweden nicht mehr zu kaufen gibt. Und: Er fährt Mercedes, nicht Volvo. Und das in der alten Volvo-Stadt!

Screenshot Kommissar Winter - Rotes Meer: Erik (Magnus Krepper) und Bertil Ringmar (Peter Andersson)

Screenshot Kommissar Winter – Rotes Meer: Erik (Magnus Krepper) und Bertil Ringmar (Peter Andersson)

Mit den Jahren wird Erik solider – er hatte mal ein Verhältnis mit der Gerichtsmedizinerin, die ja irgendwie auch seine Kollegin ist, entscheidet sich dann für die Ärztin Angela Hoffman (Amanda Ooms), die mit ihrem Vater, einem Arzt, aus der DDR nach Schweden gekommen ist. Aber natürlich ist Angela durch und durch Schwedin, genau wie seine Kollegin Aneta Djanali (Sharon Dyall), deren Eltern aus Obervolta, jetzt Burkina Faso, eingewandert sind. Ja, Aneta ist noch viel schwedischer, schließlich ist sie in Göteborg zur Welt gekommen, wie sie immer wieder betont. Dass die schwarze Aneta ausgerechnet mit Fredrik Halders zusammen, später irgendwann auch wieder auseinander kommen wird, ist eine typische Ironie der Erik-Winter-Romane. Denn Fredrik Halders ist ein klassischer weißer Bulle, randvoll mit Vorurteilen und Aggressionen – und wird in den aktuellen Verfilmungen von Jens Hultén gespielt, der in GSI Göteborg den brutal-schlitzohrigen Gangsterchef Seth Rydell darstellt.

Screenshot Kommissar Winter - Rotes Meer: Fredrik Halders (Jens Hultén) und Aneta Djanali (Sharon Dyall)

Screenshot Kommissar Winter – Rotes Meer: Fredrik Halders (Jens Hultén) und Aneta Djanali (Sharon Dyall)

Fredrik hat beispielsweise lebenslänglichen Spielverbot in der Fussball-Liga der schwedischen Polizei, weil er einen Schiri zusammengetreten hat, nachdem der sich mal zu Ungunsten seiner Mannschaft geirrt hat. Außerdem hat er ein Abo auf rassistische und sexistische Witze – aber eigentlich ist er gar nicht so übel. Er hat zwei halbwüchsige Kinder, die den Tod ihrer Mutter nicht verkraftet haben – sie wurde am helllichten Tag auf dem Bürgersteig von irgendeinem Arschloch überfahren, das es offenbar sehr eilig hatte. Auch Fredrik verkraftet das nicht, obwohl sie sich zuvor getrennt hatten. Ausgerechnet Aneta findet Zugang zu Fredrik und seinen Kindern. Natürlich geht das auf Dauer auch nicht gut – aber was ist schon von Dauer in einem Menschenleben. Es kommt auf die Zeit an, in der etwas geht. Das Leben geht weiter. Menschen verändern sich – das ist eins der großen Themen bei Åke Edwardson und genau das gefällt mir.

Screenshot Kommissar Winter - Rotes Meer: Schwierige Befragung der Familie eines Opfers

Screenshot Kommissar Winter – Rotes Meer: Schwierige Befragung der Familie eines Opfers

Erik Winter entwickelt sich vom brillanten Überflieger – der jüngste Kriminalkommissar in ganz Schweden! – zum feinsinnigen Snob, der sich nicht binden will, entdeckt später aber das Familienleben, auch wenn das Grundstück am Meer, wo irgendwann einmal das Familienheim gebaut werden soll, ewig brach liegt. Der Weg ist das Ziel. Denn eigentlich ist die Stadtwohnung im Zentrum von Göteborg doch sehr praktisch und groß genug für ihn, Angela und ihre beiden gemeinsamen Töchter Elsa und Lilly. Oder sollen sie gleich nach Spanien gehen? Eriks Eltern sind vor Jahren schon vor der schwedischen Steuer und dem schwedischen Winter an die Costa del Sol geflohen. Angela könnte dort im Krankenhaus sogar Chefärztin werden – Eriks Mutter Siv wäre so glücklich darüber, wenn ihre Enkelinnen in der Nähe wären.

Aber irgendwie ist es ja auch an der Costa del Regen ganz nett, wie Erik Göteborg irgendwann einmal nennt. Als er zur Beerdigung seines Vaters, mit dem er sich vor Jahren überworfen hatte, nach Marbella fährt, entdeckt er, dass er eigentlich ein Nordmann ist: Dieser ewige Sommer, diese ewige Sonne, das ist auf Dauer nichts für ihn. Man kann zwar zum Frühstück schon harte Drinks bestellen – aber es reicht auch, wenn man in der sanften Abenddämmerung von Göteborg trinkt. Die ja früh genug fällt, zumindest im Winter – und es ist mindestens ein halbes Jahr lang Winter, auch wenn in es Göteborg selbst gar nicht so viel Schnee gibt – was Erik manchmal bedauert. Weil er dort besser denken kann, richtet er eine Außenstelle seines Büros in seiner Lieblingsbar ein – in die er später dann auch seine inzwischen-Frau samt Tochter einlädt, wenn ihm danach ist. Denn auf sein gewohntes Leben verzichten will er auch nicht völlig – „du willst den Kuchen essen und ihn gleichzeitig behalten“, sagt ein alter Bekannter irgendwann.

Screenshot Kommissar Winter - Rotes Meer: Familie Winter am Meer.

Screenshot Kommissar Winter – Rotes Meer: Familie Winter am Meer.

Der erste Fall der mit Magnus Krepper verfilmten Bücher ist Rotes Meer – von der Romanreihenfolge her kommt davor eigentlich Zimmer Nr. 10 – vermutlich wollte man aber nicht mit einem dermaßen mysteriösen Fall einsteigen, sondern erstmal was Handfesteres bringen, wobei auch in den Bänden davor sehr harte Fälle zu lösen sind. In Rotes Meer (Vänaste Land) findet ein Taxifahrer in den frühen Morgenstunden in einem Kiosk drei Leichen, denen mit Schrotmunition die Gesichter weggeschossen wurden – es stellt sich heraus, dass es sich um den nigerianischen Ladenbesitzer Jimmy Foro, seine kurdische Aushilfe Hiwa Aziz und den Iraner Said Rezaid handelt. Als Winter Rezaids Frau mitteilen will, dass ihr Mann tot ist, stellt sich heraus, dass sie ebenfalls ermordet wurde. Die Ermittlungen gestalten sich schwierig, zum einen, da immer wieder ein Dolmetscher nötig ist, um die betroffenen Familien zu befragen, zum anderen, weil in dem verslumten Vorort ohnehin keiner das Bedürfnis hat, mit der Polizei zu reden. Die kriminelle Szene, die sich dort breit gemacht hat, lässt den feinen Kommissar deutlich spüren, dass er dort nicht erwünscht ist.

Screenshot Kommissar Winter - Rotes Meer:

Screenshot Kommissar Winter – Rotes Meer: Der Informant ist tot.

Winters Intuition sagt ihm, dass es sich nicht um ein Hatecrime mit rassistischem Hintergrund handelt, wie Fredrik Halders sofort vermutet, sondern um etwas Komplizierteres. Und es wird kompliziert – bis zur Lösung des Falls werden Winter und sein Team an ihre Grenzen gebracht – dabei wollte sie eigentlich gemeinsam mit den Familien das Mittsommerfest feiern, was neben Weihnachten das wichtigste Fest in Schweden ist. Aber wie soll man feiern, wenn einer der wenigen Informanten aus der Göteborger Szene mit durchgeschnittener Kehle aufgefunden wird? Erik Winter musste seinen Kollegen von der Drogenfahnung mühsam überzeugen, ihm diesen Kontakt zu vermitteln und jetzt ist der Mann tot. Jetzt kommt es auf den einzigen Zeugen an, von dem Winter vermutet, dass er in jener Nacht etwas gesehen hat – ein kleiner Junge, der ständig auf seinem Fahrrad unterwegs ist und immer dann verschwindet, wenn Winter auftaucht…

Screenshot Kommissar Winter - Rotes Meer: Der einzige Zeuge

Screenshot Kommissar Winter – Rotes Meer: Der einzige Zeuge

Arne Dahl – Misterioso: Das A-Team auf schwedisch

Eine Serie von Attentaten, bei denen gezielt Männer aus der schwedischen Wirtschaftselite ermordet werden, erschüttert das Land. Die schwedische Polizei richtet eine Sonderermittlungsgruppe ein, in der sehr unterschiedliche Ermittler die Verbrechen mit offensichtlich internationalen Verwicklungen aufklären und weitere Anschläge verhindern sollen. Das in aller Eile zusammengewürfelte Team muss sich aber selbst erst einmal zusammen raufen, denn die Mitglieder sind zwar alle auf ihre Weise hervorragende Polizisten, aber nicht unbedingt die geborenen Teamplayer.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Gunnar und Jorge.

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Gunnar und Jorge.

Da ist zum einen der durch einen eigenmächtigen Einsatz mit Schusswaffengebrauch in Ungnade gefallene Paul Hjelm (Shanti Roney). Er hat einen verzweifelten Asylbewerber niedergeschossen, der seinerseits in der dafür zuständigen Behörde Mitarbeiter mit einem Gewehr bedroht hatte, um die drohende Abschiebung seiner Familie zu verhindern. Allerdings wird sich später bei der üblichen internen Untersuchung des Falles noch herausstellen, dass sein Verhalten als angemessen beurteilt wird – er hat den Mann nicht umgebracht und Gefahr von weiteren Personen abgewendet. Aber das weiß Hjelm noch nicht, was seine neue Chefin Jenny Hultin (Irene Lindh) durchaus für ihre Zwecke ausnutzt.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Jenny Hultin

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Jenny Hultin

Außerdem sind da noch die Verhörspezialistin Kerstin Holm (Malin Arvidsson), der alte Haudegen Viggo Norlander (Claes Ljungmark), der sich noch nicht zum alten Eisen abschieben lassen will und wild darauf ist, dem öden Innendienstleben zu entfliehen, der pragmatische Gunnar Nyberg (Magnus Samuelsson), der arrogante, aber brillante Aarto Söderstedt (Niklas Åkerfelt), der seine vielen Kinder der Einfachheit halber durchnummeriert („Papa, du hast die Nummer fünf vergessen!“) und der Computer- und Mafiaspezialist Jorge Chavez (Matias Varela), der sich außerdem noch als kenntnisreicher Jazzmusiker entpuppt. Mich hat allerdings anfangs sehr irritiert, dass Jorge Chavez ausgerechnet mit der Stimme von Frank Wagner aus GSI Göteborg spricht – Matias Varela ist nun mal ein ganz anderer Typ als Joel Kinnaman, den ich durch GSI mit der Stimme von Konstantin Graudus verbinde, obwohl ich die eigentlich etwas zu hoch und zu glatt für den oft zweifelnden und zunehmend verzweifelten Frank fand. Jetzt muss ich immer an Frank denken, wenn Jorge spricht.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Paul, Kerstin und Jorge

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Paul, Kerstin und Jorge

Die Idee, einen Fall über organisierte Kriminalität und internationale Verbrechen an einer Jazzrarität aufzuhängen, bekommt von mir einen ganzen Haufen Bonuspunkte – denn die an einem der Tatorte gefundene CD mit einem Stück von Thelonius Monk liefert am Ende die entscheidende Spur. Aber bis dahin gibt es eine Menge anderer Verwicklungen – da war zum Beispiel noch der rätselhafte Überfall auf eine Kleinstadt-Bank, bei dem einer der Bankräuber durch einen sehr speziellen Dartpfeil zu Tode kam, und natürlich haben die Ermittler auch Familien und entsprechende Beziehungsprobleme – oder leiden im Fall von Gunnar Nyberg darunter, dass sie keinen Kontakt mehr zur Familie haben.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Kerstin, Aarto, Viggo und Jorge

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Kerstin, Aarto, Viggo und Jorge

Alles in allem also wieder schwedische Krimikost vom Feinsten – mir gefällt, dass die unterschiedlichen Ermittler alle ihre Chance bekommen, auf ihre Weise zur Klärung des Falles beizutragen – auch wenn das nicht immer gut ausgeht. So hat Viggo („Das ist das altdänische Wort für Kämpfer!“) durchaus den richtigen Riecher, als er Jenny überzeugt, dass er unbedingt nach Estland fahren muss, um dort eine entsprechende Spur zu verfolgen. Allerdings nageln ihn die Verbrecher, denen er folgt, an eine altestnische Fabrikhallenwand – ein Glück nur, dass sein Freund und Kollege von der estnischen Polizei so etwas schon vorausgesehen hat, und ihn mit einem Polizeikommando da wieder rausholt, bevor noch Schlimmeres passiert.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Das A-Team im Einsatz

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Das A-Team im Einsatz

Mir gefällt auch, dass – wie in skandinavischen Serien generell – auch interessante Rollen für reifere Frauen gibt. Jenny Hultin ist nicht nur eine mit allen Wassern gewaschene, sondern auch eine extrem coole Polizei-Chefin – die im Laufe der weiteren Folgen noch sagen wird: „Polizeipräsidentin? Für den Job bin ich doch viel zu kompetent!“ Außerdem zeigt sie ihrem alten Freund vom FBI, wie ihre raffinierte kleine schwedische Sonderermittlungsgruppe mal eben einen Fall löst, an dem sich das FBI jahrzehntelang die Zähne ausgebissen hat.

Dass die schwedischen Krimis oft sehr international sind, ist auch etwas, das mir gut gefällt – in Deutschland haben wir ja eher den Trend zu Regionalisierung – es gibt inzwischen zum Teil gar nicht mal so schlechte Eifelkrimis – „Mord mit Aussicht“ ist nicht zufällig eine der meistgesehenen deutschen Fernsehserien überhaupt, auch wenn mir das alles viel zu beschaulich ist. Und es gibt mittlerweile eine kaum mehr zu überschauende Auswahl an Nordseekrimis, Allgäukrimis, Spreewaldkrimis und so weiter – selbst das alte Krimi-Flaggschiff Tatort wird immer provinzieller. Dabei sollte man doch annehmen, dass die Globalisierung eben auch zu Internationalisierung von Verbrechen führt – das kommt im deutschen Krimi aber immer weniger vor. Mir fällt seit dem leider ja nicht so wahnsinnig erfolgreichen, weil eben auch nicht so richtig guten, aber trotzdem doch ganz ordentlichen Zehnteiler Im Angesicht des Verbrechens von 2010 keine deutsche Krimi-Serie ein, in der internationales organisiertes Verbrechen eine Rolle spielen würde – wobei das doch genau die Verbrechen sind, bei den es zum einen ums ganz große Geld geht und zum anderen eben auch um richtig schlimme Dinge: Drogenhandel, Waffenhandel, Menschenhandel, Zwangsprostitution, Missbrauch aller Art, Geldwäsche und so weiter – aber offenbar will sich kein deutscher Serienproduzent an solchen Dingen die Finger verbrennen. Das ist einerseits sehr schade, andererseits gibt es ja die Schweden.

Screenshot Arne Dahl - Misteroso: Paul Hjelm.

Screenshot Arne Dahl – Misteroso: Paul Hjelm.